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Alex Leu fragt 06: Haltung & Struktur

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Wie kann ein Designer innerhalb einer Agenturstruktur seine eigene Haltung folgen?
In dem er sich die Agentur aussucht, mit dem er sich am ehesten identifizieren kann?

Wie gesagt, ich glaube, dass man als Designer keine Haltung vorweg haben, sondern in der Arbeit entwickeln sollte. Am besten sogar gemeinsam. Und entwickeln kann man eine Haltung nur durch Fehler, durch Widerspruch, durch Erfolge und durch Feedback.

Es gibt bei uns für einen Designer insofern grundsätzlich zwei «Hürden». Die eine bin ich – beziehungsweise ist das gesamte Team, weil wir in der Entwurfsphase nur Sachen herausgeben möchten, an die wir auch selbst glauben. Die andere Hürde ist in der Zusammenarbeit der Auftraggeber mit seinen ganz eigenen berechtigten und auch mal vielleicht schwierigen Wünschen. Beides ist für Studenten, die an der FH oft vielleicht eher milde Kritik und viel Freiraum für ihre eigene Kreativität bekommen haben, sehr ungewohnt. Für mich ist es das eigentliche Salz der Arbeit, ich bin, auch wenn es mal punktuell schwierig wird, sehr «client-centric» orientiert und kein Künstlertyp. Aber wenn man es anders gelernt hat, bekommen viele Designer bei uns eine Art kognitive Dissonanz. Auf einmal müssen sie ihr Talent funktional einsetzen, gezielt, strategisch und nicht egozentrisch für eigene Interessen und Ansätze, aus dem Spiel ist Ernst geworden. Sie wählen nicht mehr selbst die Ziele und Mittel, sondern kriegen diese per Briefing oder neutralem Sachzwang einer Design-Mission vorgegeben. Sie setzen nicht selbst individuell Parameter, sondern müssen diese durch Forschung und Analyse ermitteln und dabei möglichst neutral, ehrlich, evaluierbar bleiben, sie müssen schon intern alles und jedes immer wieder begründen und nach Schwachstellen durchleuchten lassen. Ich weiß selbst nur zu gut, wie schwierig dieser Gangwechsel sein kann und ich weiß auch, dass manche Studenten das gar nicht packen und deshalb einen eigenen Weg finden müssen, der sie vielleicht eher in Richtung Kunst und Selbstverwirklichung führt. Ich finde es super, dass es inzwischen Künstler/Designer gibt, einige davon sind gute Freunde und ich finde diese Grenzgänger unfassbar wichtig – aber mir geht es nicht um Design für uns oder für mich, sondern um soziales Design mit einer Wirkung. Wir haben sicher eine Haltung und wir wollen sicher auch gute Gestaltung – aber die Haltung ist die, dass es nicht selbstverliebt sein darf, sondern dem Auftraggeber helfen muss und die gute Gestaltung ist dabei einfach nur das beste Mittel zu diesem Zweck. Ich bin beileibe kein Jasager, der alles macht, was der Geldgeber fordert – fast eher im Gegenteil, viele Kunden empfinden uns vielleicht sogar eher als kritischen Partner -, aber wir sind nicht kritisch, weil wir für uns was «Schönes» wollen, sondern wir sind kritisch – auch uns selbst gegenüber -, weil nur dadurch ein am Ende hoffentlich gutes Ergebnis entsteht.

Intern gilt, dass ich mehr als offen für Ansätze und Haltungen, Inputs und Konzepte bin, ich will einfach nur, dass es gut ist und auch gut gemacht. Da ich selbst relativ wenig auf einen bestimmten Stil festgelegt bin, kriegt man mich auch begeistert, wenn man gut argumentiert, fundiert begründet und gute Arbeit gemacht hat, ich bin immer mehr als froh, wenn Mitarbeiter ihr eigenes Ding machen, nicht Dienst nach Vorschrift, nicht versuchen, es «mir» recht zu machen, es geht nicht um mich. Die meisten Ergebnisse bei uns sind inzwischen hochgradig gemeinsam erarbeitet, jeder schaut auf alles drauf, jeder gibt Input, jede Meinung wird ernst genommen, egal ob Praktikant oder Inhaber, wir sind weitestgehend hierarchiefrei in dieser Hinsicht. Am runden Tisch muss sich halt das beste Argument, der beste Entwurf durchsetzen – nicht als «Wettbewerb» gedacht, sondern als Diskussion, als gemeinschaftliches Arbeiten. Am Ende ist es dann nie hundertprozentig «dein» Produkt, sondern eine in der Peer-Kritik gereifte und geänderte, hoffentlich dabei besser gewordene Fassung. Es ist wie bei einer Band, im Idealfall wie bei einer guten Band, in der die Summe mehr ist als die Teile. Das betrifft auch meine Entwürfe, ich habe schon Logos oder Editorial-Sachen, an die ich sehr glaubte, weggeworfen, weil die anderen sie mies fanden und die besseren Argumente hatten. Das gewährleistet, das «But I like it…!» nie wirklich ein Argument sein kann, es geht nie um persönliche Eitelkeiten.

Ich glaube, durch diese Art Innenrevision kannst du mit der Zeit als Mitarbeiter sehr sehr gut auf Augenhöhe mit den Klienten diskutieren, weil du ja die Arbeiten mit geschaffen hast, aber auch, weil du intern immer wieder üben musst, deine eigenen Ideen argumentativ zu untermauern. Du kriegst nach und nach diese Idee in den Kopf, dass du eben kein «Autor» bist, der von bösen Kunden an der freien Entfaltung gehindert wird, aber eben auch kein reiner «Dienstleister», der immer ja sagen muss. Alles ist Prozess, alles ist nach Möglichkeit Diskurs – das ist mitunter anstrengender als Dienstleistung total oder 100% Künstler-Attitude, aber wenn es funktioniert, ist es grandios, und es funktioniert sehr oft. Gibt immer auch mal einen Punkt, wo man sich mit Kunden dann auch stark reibt, aber wie Karin Schmidt-Friderichs mal sagte: Wo Reibung ist entsteht Glanz. Und nahezu ausnahmslos ist nach einem Konflikt-Punkt auch wieder Harmonie da.

Das unseren Designern natürlich alles nichts, wenn der Klient wirklich völlig beratungsresistent ist und schlechte Ergebnisse unilateral erzwingt, aber es macht dich als Designer realitätsbewusster und weniger eitel, sicherer und selbstbewusster. Die Haltung des Büros (die eben auch ganz anders sein kann als meine ganz individuelle) entspringt insofern auch immer wieder aus diesen Gesprächen, und wird zu einer Art «ausgehandelter» Gruppenhaltung. Wir sind klein genug, um solche Prozesse erfolgreich leisten zu können. Ab zehn Leuten ist das organisatorisch schwierig und selbst in Sub-Units orientierte größere Designbüros sind schon zu bürokratisch aufgestellt, haben echte «Angestellte», keine Familie mehr, weil dort der einzelne immer ersetzbar sein muss, das ist Teil des Systems, people come&go. Bei uns nicht. Bei mir ist keiner ersetzbar, wenn jemand geht, klafft eine Lücke, aber andererseits weiß hier hoffentlich eben umgekehrt auch jeder, dass er Teil des Ganzen ist, wichtig ist. Und seine Haltung, wie immer die auch sein mag, eben einbringen und entwickeln kann (und soll).

1. Juli 2011 20:24 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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