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Alex Leu fragt 05: Portfolios

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Inwieweit erwarten Sie von Bewerbern, eine erkennbare Haltung?
Inwieweit sollte sich ein Bewerber in eurer Haltung und Stil ähneln?

Ich erwarte von Bewerbern und Portfolios erst einmal vorab gar nichts, sondern gehe offen an jede neue Bewerbung. Der einzige Weg, eine Haltung beim Erstkontakt zu beurteilen ist ja das Portfolio und vielleicht das Anschreiben. Wenn die Zeit ist, sehe mir die Portfolios konzentriert allein und in einem zweiten Schritt noch einmal mit dem Team durch und wir reden gemeinsam darüber – immer ein schöner Anlass, generell über aktuelle Tendenzen im Design zu reden.

Beim Portfolio geht es für uns um ganz verschiedene Aspekte – hat er oder sie kreative Ideen, ist die Typographie in den Details liebevoll gemacht oder schluderig, stimmt das Handwerk, ist da eine Vielfalt in den Medien und Richtungen zu entdecken, kommt er oder sie nett rüber und so weiter, ist die Mappe und das Anschreiben glaubhaft und ehrlich? Formbriefe, bürokratische Lebensläufe, ominöse Zeugnisse und künstlich aufgeplusterte Portfolios mögen wir meist nicht – je persönlicher und ehrlicher, mit allen Schwächen und Stärken, umso schöner. Einfach so sein, wie man ist, dann klappt es am besten. Ich selbst mag es sehr, wenn Arbeiten nicht nur gezeigt, sondern auch etwas erklärt werden, wenn möglich ohne das, was ich «Diplom-Sprech» nenne, also Texte, die alles künstlerisch aufblasen und eher wirken wie Eigen-Interpretation. Aber ganz sachliche Case Studies, Hintergründe, Motivationen und so etwas – super.

Einen allzu festen Stil oder eine visuelle Attitude bei jemanden Mitte 20 fände ich fast eher seltsam. In dem Alter schon dogmatisch zu sein, wäre ja ziemlich schade. Obwohl man natürlich vielleicht auch gerade mit 20 viel enger und strenger ist / denkt als später im Leben. Mit 20 bist du viel brutaler in deiner Ablehnung von Musikrichtungen und Kleidungsstilen, steckst mehr in Schubladen und Peerdenken. Das lockert sich erst mit den Jahren und Begegnungen und Entdeckungen, wenn man sich als Person dehnt. Idealerweise bringt Alter ja Toleranz und Neugier. Mit 25 denkst du, alle Antworten zu haben, mit 40 oder 50 genießt du eher die Tatsache, eigentlich noch nicht mal ein paar Fragen zu kennen und immer wieder neue zu entdecken. Insofern finde ich Neugierde besser als Haltung – oder Neugierde gut ALS Haltung.

Ich habe auch gelernt, dass ein Portfolio im Zweifelsfall sehr sehr wenig über einen Bewerber aussagt, außer bei den ganz schlimmen Fällen. Nicht nur, weil ab und zu auch mal etwas Arbeit dazugeschummelt wird, sondern auch, weil du nie beurteilen kannst, was wie betreut wurde an der FH, wie viel Zeitdruck war (bzw nicht war), bei Arbeiten in Agenturen, wer da wirklich was gemacht hat… und so weiter. Ähnlich wie bei Photographen, die auf ihrer Site aus 1000en Bildern die 20 besten zeigen, die nur leider keinen Rückschluss auf die Praxistauglichkeit zulassen, so zeigen Designer-Portfolios oft kaum, wie gut jemand vor Ort im Büro mitarbeiten kann.

Wichtiger als eine visuelle Sprache, wichtiger als eine «Haltung» ist mir also eher der spürbare generelle Spaß an der Sache und die Ernsthaftigkeit in der Umsetzung, die Frage ob jemand ins Team passt, mit mir klarkommt, sich als Designer im Kontext gut einbringt und entwickelt. Auf keinen Fall interessiert mich, ob die Einstellungen und Haltungen meine eigenen widerspiegeln, im Gegenteil. Ich brauche keine Mini-Mes, sondern im Gegenteil Leute, die andere Fähigkeiten und Sichtweisen an den Tisch bringen und mich ergänzen – denn mich gibt’s ja schon. Die menschliche Chemie muss grundsätzlich sicher stimmen – nicht nur bei mir, bei allen im Team -, aber meist finde ich es spannend, wenn ein Praktikant oder Mitarbeiter eben neue Dinge einbringt, unseren Horizont ein bisschen erweitert, etwas anders tickt. Wir sind alle recht verschieden gemischt hier – und das macht den Reiz der Arbeit aus und bringt mehr Vielseitigkeit in den Ergebnissen. Denn am Ende möchte ich natürlich, dass jeder Designer zum einen das tut, was der Auftraggeber braucht und zum anderen «seine» Lösungen findet. Vielleicht gibt es deshalb auch kaum einen House-Style bei uns, weil ich sehr dran hänge, dass die Designer – die sehr eng mit «ihren» Klienten zusammenarbeiten, auch ihr eigenes Ding machen und stolz darauf sein wollen.

28. Juni 2011 12:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . 2 Antworten.

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