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Alex Leu fragt 01: Stil

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Vor knapp einem Jahr hat Alexander Leu bei uns angefragt, ob ich ihm für sein Diplom einige Frage beantworten kann, die er in dieser Form auch anderen Designern geschickt hatte. Da mir schreiben über Design meist nicht schwerfällt, sind da einige ausufernde Antworten bei herumgekommen, die ich in den letzten Tagen gefunden habe. Damit solche Sachen nicht ganz verloren gehen, stelle ich die Fragen und Antworten nach und nach leicht gekürzt ins Blog, da sie in dem Umfang ohnehin niemals im vollen Umfang publiziert werden können – und so habe ich in zehn Jahren etwas, worüber ich lachen oder den Kopf schütteln kann. Die Antworten sind relativ zügig – um das Flair eines «echten» Interviews trotz Fragebogens für mich selbst zu simulieren – auf dem iPad heruntergeschrieben, werden also eventuell Tippfehler oder logische Fehler haben, sorry. In der Tradition von dem hier und dem hier also rund 25 Fragen zum Thema Design zum Mit-Beantworten…

Wie relevant ist eine eigene visuelle Sprache/Stil? (Designer und Agentur)
Ist das für einen Designer in eurer Agentur/in der Praxis von Bedeutung?
Sollte das Projekt- und Kundenabhängig sein?

Ich fühle mich mit dem Wort «Stil» immer etwas unwohl. Stil ist aus meiner Sicht in einem Designprozess die vielleicht unwichtigste, oberflächlichste Komponente. Den eigenen Stil zu ernst zu nehmen, bedeutet oft, dogmatisch zu werden und die eigene Sichtweise auf die Bedürfnisse des Kunden zu projizieren oder diese sogar mit der eigenen Handschrift zu überschreiben. Das klappt vielleicht, wenn man für einen spezifischen Stil gebucht wird oder nur für Klienten arbeitet, die ohnehin den gleichen Geschmack haben wie man selbst, aber anderenfalls ist es ein wenig arrogant und auch langweilig, alles von vornherein besser zu wissen. Wichtiger finde ich Dinge wie Idee, Struktur, Strategie, Arrangement, Diskurs. Wie etwas aussieht, folgt weniger «meinem» persönlichen Stil, sondern muss eine Antwort auf die Ziele und Anliegen des Auftraggebers sein, muss zu ihm passen, nicht zu mir. Eine fixierte Handschrift zu haben, wenn man in einen neuen Auftrag geht, ist eigentlich eher ein Horror für mich, man hat die Antworten dann schon, bevor überhaupt die Fragen auf dem Tisch sind und für Überraschungen und Entdeckungen ist kein Raum mehr. Es ist gefährlich, wenn deine Entwürfe für ein alternatives Musikmagazin ziemlich genau so aussehen wie deine Entwürfe für eine Bank – wie es bei Carson der Fall war, als er nur noch ein «Stil» war. Seine frühen Arbeiten bis zur Mitte der Raygun-Phase sind ja großartig, suchend, wütend, frech und vor allem unfassbar entschlossen, alle Regeln zu brechen. Später ist da ein bestimmter «Look», der sich wie Mehltau über alles legt, diese Vernacular Typography, die selbst die Regel geworden ist. Stil kann also auch eine Falle, ein Stillstand sein.

Was natürlich nicht heißt, dass man nicht unweigerlich mit den Jahren Vorlieben und Muster entwickelt, die die eigene Arbeit einfärben, weil sich ja deine eigenen Interessen darin niederschlagen. Wenn ich das bei mir entdecke, bin ich meist etwas erschrocken und versuche, jemand anderes im Büro noch einmal über die Sache nachdenken zu lassen, weil ich vielleicht zu sehr im Autopilot-Modus geflogen bin. Ich bin immer froh, wenn etwas am Ende nicht zu sehr nach «mir» aussieht, sondern nach einer Art Idealform, einer Zukunftsprojektion, des Auftraggebers. So wie der Klient ehrlich ist – aber positiv in die Zukunft gedacht, Form gewordener Wandel. Ich bin ein großer Fan von Bill Cahan, dessen Arbeit man durchaus schon wiederkennt, der sich aber fast chamäleonartig und klug in den Dienst seines Auftraggebers stellt und diesen meist unfassbar gut aussehen lässt – wie ein Schneider, dem es weniger um die eigene Eitelkeit geht und vielmehr darum, das Kleid so zu couturieren, dass die Dame darin möglichst umwerfend ankommt. Mein Designdenken ist insofern wahrscheinlich näher am Handwerklichen als an der Kunst, ich brauche das Briefing, den Konflikt, die Probleme und Kanten eines realen Auftrages, um dann zu einer Lösung zu kommen, die das alles halbwegs sinnvoll und kreativ löst. Ich mag auch bei Architekten diese Bauten nicht, die eine Art Manifest des künstlerischen Genies des Architekten sein wollen, und die dann nebeneinander gebaut oft nur noch albern wirken, wie etwa im La-Defense-Stadtteil von Paris. Wichtiger sind doch Häuser, in denen die Menschen gerne wohnen oder arbeiten, die von INNEN gut sind, nicht von außen, die sich einfügen, die auch in ein paar Jahrzehnten noch gut aussehen, weil sie angemessen und sinnvoll sind, uneitel eben. Das ist für mich der Inbegriff eines modernen Designs, das angemessen und nutzerorientiert ist. Dogmatischer «Stil» stört da nur, richtig ist doch eher, was gut funktioniert. Dieses Design entwickelt dann auch oft nicht mehr ein einzelner «Autor», es entsteht idealerweise kooperativ, spielerisch zwischen mehreren Parteien, ist nicht autokratisch, sondern demokratisch. Dieser Weg zum Konsens ist manchmal anstrengender (auch für den Klienten, der sich ja mehr engagieren und erklären muss), als einen fertigen «Style» auf die Dinge zu bügeln, aber die Ergebnisse halten viel länger und lassen sich meist besser implementieren.

Was keineswegs zu verwechseln ist mit «Der Kunde hat immer recht». Meine Vorstellung ist, dass am Runden Tisch keine Hierarchie stattfinden kann, alle gleichberechtigt sind und das beste Argument gilt, die Recherche, das Nachdenken, die beste Lösung. Wer sich darauf einlässt – und der Prozess ist keineswegs so anstrengend oder unspassig, wie es hier vielleicht klingt, es ist eher ein kreatives Spielen, eher Voneinander-Lernen und Neugierde – wird am Ende Designergebnisse haben, die wirkliche Antworten geben und die in die Tiefe hinein tatsächlich funktionieren. Alles andere ist ein bisschen oberflächlicher, so eine Art Designshopping – wie beim Kaugummiautomaten: Oben Geld rein, unten Logo raus. Manchmal geht das nicht anders, etwa weil ein Klient diesem gründlicherem Dialog-Prozess leider keine Chance gibt, dann muss man versuchen, den Prozess selbst bürointern in Gesprächen zu simulieren, und die eigene Arbeit selbst immer wieder zu hinterfragen und durch ein Säurebad zu ziehen – aber aus meiner Erfahrung ist nichts mehr wert als langjähriges gemeinsames Suchen nach überzeugenden Antworten.

Die Tendenz zu einer rigiden eigenen Handschrift zu umgehen, sich selbst weiter herauszufordern und nicht mit der immer gleichen Schrift oder der immer gleichen Ästhetik zufrieden zu sein, bedeutet auch, sich in anderen Feldern umzuschauen. Was machen Künstler, Architekten, Musiker, Autoren, was erweitert und inspiriert dich? Und es heißt auch, in den Kleiderschrank zu greifen und immer mal wieder andere Anzüge auszuprobieren. Sprich, munter zu klauen und zu sehen, ob man Elemente selbst aufgreifen und weiterentwickeln kann oder sich vielleicht schön an ihnen reibt. Ich finde nicht doof, irgendwann zu sagen, dass man hier mal versuchen kann, von Vignelli oder Aicher, dort mal von Brodovitch oder El Lissitzki oder dem frühen Brody oder Saville zu lernen (der ja seinerseits der größte und genialste Klauer vor dem Herrn war), weniger im Sinne einer 1:1-Übernahme ihres Stils, sondern indem man an ihr Denken heranzukommen versucht, an den Drive dahinter, eben an die Idee der Sache, die man dann in den eigenen Kontext integriert… ein bisschen wie eine Coverversion eines Liedes, das man durchdringt, versteht, dekonstruiert und anders wieder zusammenfügt. Am Ende hat man vielleicht etwas vom Songwriting des Orginals verstanden, etwas gelernt. Wie gesagt, das betrifft bei mir inzwischen andere Designer als vielmehr Ideen aus ganz anderen Bereichen – Architektur, Kunst, Theater, usw

Bei mir ist es so, dass wenn Kunden sagen, dieses oder jenes sähe ja typisch nach «mir» aus, ich mir Sorgen mache und mich sofort hinterfrage. Andererseits ist das nach fast 20 Jahren vielleicht unvermeidbar, bestimmte Muster zu haben. Das beste Mittel dagegen ist eine Art Unruhe, eine eingebaute Tendenz, die Dinge weiterzuentwickeln. Das geht vor allem bei Kunden, mit denen man lange und gut zusammenarbeitet prima – wir haben in solchen Partnerschaften fast immer eine Art Evolutionsbauplan eingebaut, ein sich veränderndes Design, das sanft, flexibel und stetig die Morphologie ändert und so spannend bleibt. Nur so verhindert man, dass man sich selbst langweilt und nur noch Routine abliefert.

24. Juni 2011 15:06 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , .
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