
Reading the old stuff – ich habe mir fest vorgenommen, mehr von meinen fast 40 Büchern, die neben dem Bett verstauben zu lesen, bevor ich wieder neue kaufe. Werde ich mich ohnehin nicht dran halten (habe gerade den neuen Palahniuk bestellt), aber ein guter Vorsatz soll ja was wert sein.
Bei The Beach fällt jedem natürlich sofort der Film mit Leonardo Di Caprio ein, der – unter der Regie von Trainspotting-Macher Danny Boyle – durchaus okay war und vor allem mit dem Bonusmaterial auf DVD zeigt, was hätte sein können. Die Buchvorlage des Briten Alex Garland wirkt aber dennoch präziser, ruhiger, eben weniger Hollywood als die Verfilmung. Garland beschreibt die Reise des Rucksacktouristen Richard, der gemeinsam mit zwei Franzosen – Etienne und seiner Freundin Francoise, in die Richard dich nach und nach verliebt – eine verborgene Insel findet, die verspricht, was andere Orte in Thailand nicht halten: ein vom Tourismus unbeflecktes Paradies. Vor der Abreise gibt Richard die Karte abgezeichnet an zwei US-Touristen weiter. Die Wegbeschreibung dorthin wurde ihm selbst von einem Mann namens Daffy Duck zugespielt, der kurz darauf Selbstmord begeht und dessen «Geist» Richard im weiteren Verlauf des Buches immer wieder erscheint. Die Insel ist allerdings kein ungetrübtes Paradies, nicht nur weil die eine Hälfte von thailändischen Drogendealern zum Anbau von Marihuana genutzt wird, sondern auch, weil die Kommune am Strand zunehmend aus den Fugen gerät. Und nicht nur die Kommune, sondern auch Richard selbst. Mr. Duck erscheint ihm immer häufiger und Richard rutscht zunehmend in ein paranoides, größenwahnsinniges Verhalten ab, mutiert innerhalb des Camps zu einer Art Ein-Mann-Gestapo, die die meisten anderen Mitglieder fürchten, und steigert sich nach außen in eine Art Vietnam-Krieg-Wahn hinein, eine Art Pseudo-Apocalypse-Now-Feeling.
Garland schreibt The Beach aus der Ich-Perspektive von Richard und es ist ein kleines Meisterwerk, wie er den Protagonisten langsam aber sicher in den Wahn gleiten lässt, so dass wir es als Leser allmählich spitzkriegen, Richard selbst sich aber immer noch als Held seiner eigenen Geschichte fühlen kann, zugleich aber niemals platter «Maniac» wird, sondern immer menschlich, immer Opfer bleibt – und final den eigenen Abrutscher in den Wahnsinn sogar ironisch kommentieren kann. Garland arbeitet mit sehr kurzen Kapiteln, deren wunderbare Überschriften an sich schon einen Teil der Story tragen, und bringt so in kurzen harten Dosen immer deutlicher zum Tragen, dass Richard – der sich zunehmend als Reinkarnation von Daffy versteht – das Böse ins Paradies bringt. Es ist fast paradox, wie gerade die paradiesische Ruhe des Strandes die dunkle Seite von Richard, den Neid, die Gier, die Egomanie, endgültig zum Ausbruch bringt, während analog auch die pseudoprimitive Kommune von Sal und Bugs (den beiden anderen Gründern der Strandkommune) zusammenbricht. Mit dem Verfall von Richards Innenwelt zerfällt so auch die Außenwelt der Strandkommune, die mit Krankheit und Tod konfrontiert, zusammenbricht. Alex Garland, der selbst bereits als Teenager in Asien unterwegs war, beschreibt nicht nur die Wirkung des Krebsfaktors Tourismus auf die Region treffend und düster und vermag es, Thailand als rätselhafte, irgendwie latent bedrohliche und zugleich doch magisch anziehende Parallelwelt zu beschreiben, er seziert zugleich den Hippie-Traum vom unschuldigen Leben und zeigt auf, dass der Mensch nach wie vor des Menschen Wolf bleibt.
Dabei verfällt The Beach niemals in platte Thriller-Manier (im Gegensatz, seufz, zum Film, der die Handlung leider deutlich aufbauscht, mit mehr sex and violence). Das Buch ist zügig und spannend geschrieben, arbeitet die Climax aber nicht ohne Grund fast hastig ab – Garland scheint mehr an dem sehr langsam und präzise beschriebenen Verfall des Paradieses interessiert zu sein als an der Auflösung der Story. Die Abstumpfung von Richard und Sal, der Umgang dieser primitiven Gesellschaft mit Krankheit und Tod und Bedrohung – diese soziopsychologischen Aspekte behandelt Garland präzise und anschaulich in seinem Mikrokosmos, und ist insofern überraschend nahe dran an John Wyndhams The Day of The Triffids, so unterschiedlich beide Bücher sein mögen. Garland legt Gesellschaft und Individuum unter das Mikroskop – der isolierte Strand ist dabei ebenso sehr eine Ausrede, eine narrative Konstruktion wie Wyndhams Weltuntergangsszenario- und betrachtet, wie sich diese Miniatur entwickelt. Und sie entwickelt sich nicht gut. Insofern erinnert The Beach auch erschreckend an Bücher von JG Ballard – High Rise insbesondere -, nur das Garland den Wegfall von Zivilisation, den Rückwurf auf den Menschen und sein Umfeld in reinster Form durch Reisen, nicht durch Technologie und ihr Versagen heraufbeschwört. The Beach ist eine Moralfabel von Korruption, Wahnsinn und Verfall, von der Unmöglichkeit eines Utopia – und das in einer kristallklaren, reichen Sprache, die mit Popzitaten und Kulturanspielungen nie spart, sondern die Medienkultur – Fernsehserien, Vietnamfilme, Musik, Telespiele… – clever als erzählerisches Stilmittel nutzt, und das mit einiger Wucht. Es ist eine deutliche Kritik an der Drogen- und Rucksacktouristen-Kultur, die bedröhnt, blind und taub auf der Suche nach dem nächsten Kick durch die Fremde geistert, und nur ihre eigenen schwächen importiert, der Krebs, von dem Mr. Duck spricht, das sind wir. So gut der Film bereits ist, das Buch ist deutlich smarter und einer der wunderbaren Fälle, wo Literatur klug und zugleich hochspannend sein kann.
8. Januar 2008 11:58 Uhr. Kategorie Leben. 3 Antworten.
Ist das nicht ein wichtiges Wesensmerkmal einer Utopie, nicht Unmöglichkeit?
»Wir« Rucksacktouristen halten uns gern für die Besseren, die Sanften im Gegensatz zu den Pauschaltouristen und Cluburlaubern. Wenn man sich aber ansieht, wie um jeden kleinen Bambusbungalow in kürzester Zeit eine entsprechende Infrastruktur entsteht, die Bambushütte durch einen größeren Steinbungalow mit Aircon und entsprechend höheren Preis ersetzt wird und man sich dann erzählt, da sei es auch »nicht mehr so ursprünglich wie früher«, um sich dann auf die Suche nach dem nächsten Geheimtip zu machen, liegt der Vergleich zu Krebs oder einem Heuschreckenschwarm schon nahe. Hab ich mir auch ein paarmal gedacht. Wie soll man damit umgehen? Nur noch zum Wandern ins Hohenlohische? Sowas verwirrt mich ;)
Ich glaube, Garland geht es genau um dieses Paradox. Einerseits will man die Welt sehen, andererseits verdirbt man sie dadurch. Das, was man sucht, bleibt so immer unerreichbar. Das gilt nicht nur in Thailand, auch in Leipzig hatte ich dieses Gefühl, das etwas Authentisches durch ein Design, durch eine Anpassung des Angebotes an die Bedürfnisse der Nachfrager verloren gegangen ist. Das ist ein unweigerlicher Prozess, so traurig wie unabwendbar, und global sicherlich ein Trauerspiel, bei dem man sich oft fragt, wie die Welt wohl aussähe, wenn sie intimer, unentdeckter, dörflicher geblieben wäre.
Jaja, die gute alte oberste Direktive der Enterprise… Ich bin im Herbst bei einem Ausflug in einen thailändischen Nationalpark tatsächlich unbeabsichtigt (echt!) über den Wasserfall aus »The Beach« gestolpert.