
Passend zum Konzert gibt es natürlich auch noch ein neues Air-Album, das – zählt man die zahlreichen Nebenprojekte nicht mit – «nur» der vierte Longplayer von Godin und Dunckel ist. Produziert wurde das Album von Radiohead-Patriarch Nigel Goodrich, aber im Grunde hat sich am klassischen elegischen und eleganten Sound des Duos wenig geändert. Gereift und gerundet, aber doch unverändert geprägt vom SF-Softcore-Sound der Siebziger ist auch Pocket Symphony eine Reise in die Welt flokati-weicher Klangwolken. Der Instrumental-Opener Space Maker zeigt mit stakkatioartiger Gitarre und flächigen Sweep-Sounds an, wohin die Reise geht, sofort gefolgt vom mit besten Track des Albums, Once Upon a Time, bei dem die Klaviersequenz und Harmonie für einen Moment wirklich an Thom Yorkes Eraser erinnert. In rosa Schwaden zieht die Nummer wie an dir vorbei. Jarvis Cocker singt sich schlaftrunken durch One Hell of a Party, einem angenehm relaxten, fast am Nullpol balancierenden Song, in dem die in vielen Interviews so betonten fernöstlichen Einflüsse noch am ehesten greifbar sind. Tracks wie Napalm Love oder Mer du Japon sind typische Air-Songs, immer an der Grenze zur Fahrstuhlmusik, immer aber zugleich die laszive ironische leichte Eleganz einer Vogue-Photostrecke einfangend, immer zeitlos und cutting edge zugleich. Lost Message und Night Sight machen den Versuch, tatsächliche Westentaschensymphonien zu erzeugen, minimale Skizzen größerer Musik, greifbar. Es ist Musik, zu der man nachts im Morgengrauen heimfährt, auf leeren Autobahnen, wenn deine Freundin neben dir schläft und alles ruhig und unwirklich und phantastisch ist. Pocket Symphony ist eine solche Reise in eine Twilight Zone – ein zeitloses Limbo mit seltsamen gefilterten Licht und einer unwirklichen Weichheit, abstrus wie ein LSD-Traum, gefilmt im Weichzeichner-Stil von David Hamilton.

Pocket Symphony ist, wie stets bei Air, ein Musterexemplar zurückhaltender smarter Musik, mit perfekt gestärktem Hemd und makellosem Haar. Die Musik mag bei Gelegenheit beliebig oder langweilig wirken, flauschige Background-Muzak, aber in Wirklichkeit schaffen Jean Benoit Dunckel und Nikolas Godin hier Klangspektren in der Tradition eines Jean-Michel Jarre, aber ruhiger, akustischer. Die Platte konzentriert sich oft auf Akustikgitarre oder Piano, die Kompositionen schließen oft harmonisch an die 5.55-Songs für Charlotte Gainsbourg an, verstecken sich oft weniger hinter Synth-Bombast wie noch bei Talkie Walkie oder hinter Hipness wie Moon Safari. Air wirken hier purer, konzentrierter, als zuvor, reduzierter. Es ist wieder mehr Soundtrack, weniger klassische Songstrukturen, mehr ein Driften im Äther, mehr Reise, weniger Ziel. Air-Platten sind immer Zen, aber diese hier ist in ihrer Abkehr von klassischen Popsong-Strukturen sicher am eindeutigsten. Godin und Dunckel suchen hier eine reine Eleganz, eine Nicht-Form, eine Abwesenheit von Musik, einen Zustand in Klang anstelle eines Liedes, eine Komposition anstelle eines Songs… und sind damit strukturell näher an Jazz- oder E-Musik, ohne tatsächlich danach auch nur ansatzweise zu klingen. Um diesen konzeptionellen Scheck einzulösen, muss die Komplexität der Kompositionen aber noch deutlich an Tiefe und Dimension gewinnen, an Polyrythmie und Vertracktheit, an Nouvelle Vague. Aber das kann ja durchaus noch kommen. Aber auch so ist Pocket Symphony schon ein mutiges Album von zwei Superstars, die sich eigentlich nichts mehr zu beweisen haben und so ganz entspannt auf der Suche nach ihrem inneren Klangkosmos gehen können.
1. April 2007 23:20 Uhr. Kategorie Musik. 7 Antworten.
hmm. wie oft hörst du eigentlcih eine scheibe, bis du der meinung bist, etwas schreiben zu können?
Wieso anhören?
ich habe das ernst gemeint. ich brauche teilweise sehr lange um die schönheit und verspieltheit oder rauhheit eines albums zu erkennen und richtig zu mögen, abgesehen vom ersten enthuisiasmus
Okayokay… ich hör die Platte vorher ein paarmal durch, Modest Mouse z.B. gestern beim Sport, oder im Büro… und dann beim Schreiben noch einmal gezielt. Ich will die Dinge nicht kaputthören, sondern relativ frisch meinen semiersten Eindruck festhalten. Ist ja kein echter «Plattenreview» sondern eher wieder Gedächtnisstütze für mich selbst. Ich schreibe ja auch nur über Musik, die ich tatsächlich noch physikalisch auf gerade auf CD kaufe, es ist also eigentlich nur das frischgekaufte, was hier landet. Downloads und alte Sachen ja gar nicht. Ich höre eigentlich zu viel verschiedene Musik, um eine CD wirklich laaaange durchzuhören.
geht doch! :)
soooorrrry…
mir gefiel und gefällt nachwievor die >10.000 Hz Legend