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AIR E-WERK KÖLN

Die Air-Köpfe Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel sind eigentlich nicht die Leute, die man sich unbedingt auf einer Live-Bühne vorstellt. Sie wirken eigentlich zu stylig, zu cool, zu trendy, um sich dem Stress einer Tour auszusetzen. Du erwartest die beiden eher bei einem Mode-Shooting oder einer Vernissage, zumindest aber in einem Café, nicht zwischen Kabeln und in lauter Rock-Atmosphäre. Eine der ersten Überraschungen beim Air-Konzert ist insofern, wie wenig Glamour auf der Bühne herrscht. Licht und Technik sind fast nackt, ein Bühnenbild existiert – abgesehen von einer kleinen etwas schwach wirkenden LED-Installation – nicht, Godin und Dunckel stehen im Vordergrund und die exzellenten Backgroundmusiker sind fast unsichtbar. Ich hätte mit mehr Flair gerechnet, vielleicht. Umso überraschender der Sound, bei dem ich anfangs dachte, er käme partiell aus dem Rechner, weil er absolut makellos ist. Der Lautstärkepegel ist sehr kontrolliert, keineswegs leise, aber beileibe deutlich unter dem normalen Rock-Gig-Pegel, jedes Instrument ist in dem nicht immer ganz einfach zu beschallenden E-Werk völlig transparent im Raum, die Drums klingen fast unwirklich gut. Erst als wir näher an die Bühne kommen und die drei Background-Musicians – darunter Dave Palmer fast versteckt hinter einer Keyboardburg – sehen, wird klar, dass hier jeder Ton live kommt. Selbst der Drummer steuert über Triggerpads noch Synth-Klänge bei, Glockenspiel und SFX-Klänge. Und Dunckels Korg-Synth wird sogar noch von einem Roadie mit Zettel in der Hand manuell vor einigen Songs neu eingestellt. Und für live ist der Sound geradezu umwerfend elegant, dicht, überzeugend. Das Retro-Flair der Studioaufnahmen wird präzise auf der Bühne umgesetzt, die analogen Klänge, der warme George-Harrison-Baßsound, die Electric-Light-Orchestra-Anklänge, die Vocoderstimme… so präzise habe ich selten eine eher elektronisch orientierte Band auf der Bühne live operieren gesehen. Da schadet es nicht, dass der Drummer Earl Harvin ein Gott ist, der sexy und relaxt die Air-Sachen herunterspielt und im Detail bereichert und nur an einer Stelle, bei People in The City, mit einem angedeuteten Drumsolo zeigt, welcher Panther eigentlich in ihm steckt. Die Drums alleine waren den gesamten Eintrittspreis wert und zu sehen, wie Harvin völlig professionell den Air-Sound trifft, akustische und elektronische Sounds gleichzeitg bedient und dabei auch vom reinen Sex-Appeal her nahtlos in die Band passt – Perfektion.

Air liefern ein Set, dass munter durch die wichtigen Alben der Band wandert, lassen die großen Hits natürlich nicht aus, und bringen so eine Gesamtschau auf ihr Oevre, dass in dieser Form bündiger und weniger heterogen wirkt als auf den Alben selbst. Die musikalische Odyssee von Air wirkt live eher, als hätten sie sich nie wirklich bewegt, als wäre die Suche nach dem perfekten Sound nur eine Illusion gewesen… selbst die Moon-Safari-Oldies wie Kelly Watch The Stars wirken seltsam aktuell – so zeitlos wie Kubricks 2001-Opus. Der Retro-SF-Sound der beiden Spaceboys Dunckel und Godin scheint immun gegen Rost zu sein, wirkt aktueller als etwa manche alte Tracks von Daft Punk oder Alex Gopher, weil nie wirklich einem Zeitgeist verschrieben. Man darf bei einem Konzert dieser Art nicht erwarten, dass die Emotionen hochkochen. Weder auf der Bühne noch im Publikum ist wirklich Party angesagt, die Band spielt kühl und routiniert ihr Set runter, das Publikum applaudiert brav und wiegt sich sanft in den Weichspülerwogen der Lounge-Music. Direkt vor uns stand ein Zuschauer, der ziemlich Party gemacht, viel und körperbetont getanzt hat.. und ich fand ihn großartig, so undeutsch… aber die meisten Leute wirkten eher irritiert, dass man zur gepflegten SF-Kammermusik so viel Spaß haben kann. An sich schade, etwas mehr heißes Blut hätte dem Abend sicher gut getan. Aber vielleicht lässt das die elegische, elegante Sterilität der Musik nicht zu, die ja eher zu Milchkaffee und Small Talk einlädt denn zum moshen.

Und etwas mehr Länge wäre sicher auch schön gewesen. Das Konzert endet nach insgesamt etwas über einer Stunde. Nach 40 Minuten verlässt die Band erstmals die Bühne und gibt dann noch ein Zugabenset, kurz nach 22 Uhr ist der Gig, der kurz nach Neun begann, beendet und das Saallicht geht gnadenlos an. Weniger ist mehr und vielleicht sind sechzig wirklich solide Minuten besser als 180 schlechte, aber man fragt sich schon, was in den Köpfen von Fans vor geht die – sagen wir mal – aus Bielefeld gekommen sind. Die also drei oder vier Stunden Fahrt für ihr französischen Lieblinge in Kauf nehmen… und damit dreimal so lang auf der Autobahn sind als vor der Bühne. Entsprechend etwas enttäuscht ist die Stimmung nach dem Konzert bei den Besuchern des recht vollen E-Werks. Vielleicht ist das so ein französisches Ding, ich erinnere mich, dass die Air-Freunde Phoenix auch recht kurz gespielt haben… aber eine halbe Stunde mehr hätte dem Konzert sicher nicht geschadet.

Unterm Strich liefern Air absolut beneidenswert perfekten Sound, so stylish und gepflegt wie auf dem Album, fast ZU perfekt, zu poliert, zu Chrom und Glas. Etwas mehr toughness, etwas mehr Dekonstruktion, etwas mehr Spielfreude, etwas mehr Bandfeeling hätte sicherlich den Stücken eine neue Dimension verliehen. So wie es war, war es eine unglaublich perfekte Umsetzung eines unglaublich perfekten Studiosounds, ein Meisterwerk an schlichter Eleganz und perfekter Kontrolle. Und zu dieser introvertierten, schüchternen, vielleicht einen Hauch arrogant wirkenden Manier passt es dann eben vielleicht auch, die Party zu früh zu verlassen und aufzuhören, solange man gut ist. Air live ist ein wunderbares Kleinod, das man bewundern, aber eigentlich nicht wirklich anfassen kann.

Nach dem Break noch ein paar Live-Shots von Steffi:





















22. März 2007 10:22 Uhr. Kategorie Live. 10 Antworten.

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