Zu der gerade kursierenden Diskussion um integriertes Design Management stoße ich zufällig auf ein ganz altes Zitat von Otl Aicher, der ja einfach immer für Zitate gut ist:
eine klassische kompetenzzuweisung ist aufgehoben. unternehmer, produktdesigner, architekten und grafiker sitzen am selben tisch,. dies ist nicht im sinne von gleichzeitigkeit zu verstehen, obwohl der kreis oft größer ist, sondern im sinn von innerer beteiligung. jedes thema geht alle an. auch wenn die zuständigkeiten unterschiedlich sind. ausschlaggebend ist nicht die ressortkompetenz, sondern das bessere argument, der bessere vorschlag, die bessere begründung.
Die Welt als Entwurf ist nach wie vor mein Lieblingsbuch von Aicher, zerlesen und mehrfach annotiert und markiert, neben Obey The Giant von Poynor, LifeStyle von Mau und The Art of Looking Sideways von Fletcher sicher mein am ärgsten geschundenes Buch. Aicher wartet hier selbst noch in an sich langweiligen Texten mit bemerkenswerten Betrachtungen auf, die ich vor zehn Jahren inspirierend und richtig fand und die jedes Jahr mehr DImension, mehr Wahrheit erlangen, die einfache Wahrheiten sind, die man zu oft vergißt, weil sie banal zu drohen werden. Wo sonst wird so klar formuliert, daß «wirklichkeit eine kommunikative leistung» (und damit unser aller Job) ist? Politisch, engagiert, meinungsstark gibt es hier so endlos viele sätze, die man abnicken will. Noch ein paar Kostproben…
design ist zu begründen.
ein stuhl, auf dem man schlecht sitzt, ist ein schlechter stuhl. gutes design wird er nie.
die wahrheit liegt in der sache, nicht darüber.
design degeneriert zur verkaufsförderung. es wird zum eleixier des konsums. … das prinzip des fortschritts heißt umsatzsteigerung durch noch schöneren konsum. … vom bedarfskonsum treten wir über zum symbolkonsum. … ökonomie ist heute die herstellung säkularisierter transzendenz.
die natur kennt keine ästhetik gegen die vernunft.
zeitgeist ist ein begriff, der den zeitgeist besonders gut trifft. … jeder darf ihn so verstehen, wie er ihn formuliert.
die tätigeit des designers ist eine wertung.
ein designer ist ein moralist…, setzt sich zwischen alle stühle, hat zu wählen und zu entscheiden und … glaubwürdige resultate zu finden. er hat spannungen, differenzen und konflikte auszutragen.
der versorgungsstaat, der allen ökonomische sicherheit … verspricht, hat zur anspruchsgesellschaft geführt, die keine interessen mehr hat. … die kehrseite des versorgungsstaates ist der genehmigungsstaat, der aufsichtsstaat.
design ist aber schon von der gesinnung her frei vom personenkult der kunst. design ist für alle da. … der zwang zum personenkult kommt von der herrschaftskultur.
eine sache nicht nur schön zu machen, sondern richtig, setzt zusätzliche kreative fähigkeiten voraus. … design hatte eine moral.
moden entstehen immer dann, wenn formen beliebig sind… wo sie nichts vertreten, sind sie austauschbar.
die heutige architektur will keine probleme mehr lösen, sie will erscheinungen erzeugen.
es ist wie mit dem staat: jeder schimpft auf ihn und fühlt sich durch ihn in seiner freiheit eingeengt, aber alle erwarten, da er uns versorgt. sie kommen alle gelaufen, wenn er orden verteilt.
man kann nicht existieren, ohne sich zu zeigen, und wie man sich zeigt, so ist man.
der designer ist der philosoph des unternehmens, der sie … wahrnehmbar in erscheinung bringt.
im design sollte man keine angst vor den allereinfachsten lösungen haben, wenn sie die sache treffen. nur der schmuck und das dekor betreiben aufwand.
design ist der lebensvorgang eines unternehmens. … design … ist nicht ein mäntelchen, es is das zentrum der unternehmenskultur, der innovativen und kreativen beschäftigng mit dem unternehmenszweck.
noch sind grafiker frei. sie leben in der freien luft des wirklichen könnens. die stimulation ihrer arbeit kommt aus ihrem eigenen tun.
…und immer so weiter. Wer Design studiert, sollte um dieses Buch nicht herumkommen. Wer Designer ist, sollte es vielleicht einmal im Jahr lesen.
7. Juli 2006 18:52 Uhr. Kategorie Design. 3 Antworten.
wenn das lesen nicht zu qual würde :-/
ich frage mich gerade, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre diie ziffern 1265 als mediaevalziffern anzulegen bei der rotis. wer nur klein schreibt, und dann 8653 verwendet läuft gefahr, dass diese als geschlossene blöcke aus dem satzbild heraustreten 1078.12. bei einer häufung in einem textblock 13 x 25 cm wirkt das sicherlich störend 07.07.2006.
Absolut. Die Rotis hätte definitiv OSFs vertragen können, aber die Zeit war damals nicht danach. Im Satz damals hatten die meisten Serifenlosen nur Versalziffern. Otls Kleinschreiberei hat mich nie gestört, ich hab das so mit 17 auch andauernd gemacht und bin dran gewöhnt. Ich finde seine Argumente dafür allerdings nicht ganz treffend, Gemischtschreibung IST einfach besser lesbar, wenn ich sie auch modifiziert lieber sähe. Eher so wie in den UK.