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Afterdark

Haruki Murakami ist ein Autor, von dem noch zwei Bücher in meinem Bücherstapel auf mich warten – Kafka und Wonderland –, insofern war es eine tolle Idee von Christoph, mich ins Schauspielhaus Bochum zu schleppen, um zusammen mit Fabian, Christian und Beate die Bochumer Theaterfassung von Murakamis Afterdark zu erleben.


Und es mag sein, dass ich an dem Abend schlechte Laune hatte, weil die 15-Minuten-Fahrt nach Bochum entspannte 90 Minuten braucht, man muss die A40 einfach lieben. Oh, die Magie des Ruhrgebietes…


Auf der anderen Seite mag es sein, dass ich blendend gelaunt war, weil ich kurz vor der Aufführung Rolf Suhl getroffen habe, da meine Karten am Abendprogrammverkaufs-Stand hinterlegt waren, wo er auch wartete und sich unterhielt. Ich mag Rolf wirklich, er ist einer dieser Leute, die auf den allerersten flüchtigen Blick etwas nach steifem Büromensch aussehen und es ist umso schöner, wenn sie sich als wirklich gute Menschen herausstellen. Ich liebe es, wenn der erste Blick falsch ist.
Insofern war ich eigentlich bester Stimmung, zumal das Stück mit Martin Rentzsch eröffnet, einem Gesicht aus Hartmann-Zeiten und einem wunderbaren Schauspieler, der in Afterdark die undurchsichtige Businessdrohne Shirokawa spielt, und diese Rolle zwar hochgradig verwestlicht, aber ansonsten mit perfekter Coolness gibt.

Video killed the Radio Star
Das nach einem Jazztitel benannte Afterdark adaptiert Murakamis neuestes Buch, spielt in einer Großstadtnacht im Leben zweier Schwestern, in Schnellrestaurants, Brothels, 24-Stundensupermärkten. Neon und Muzak einerseits, ein karges Schlafzimmer andererseits. Dialogfetzen, Hipness, Jazz. Das – vielleicht brandbedingt – karge Bühnenbild liefert uns den Standard modernen Regietheaters: eine weiße Plastikfolie, das ein Minimum an Raum definiert, ein paar Mensa-Plastikstühle. Da hat jemand Goschs Macbeth gesehen. Dazu Videoinstallationen und eine Klanglandschaft, auch etwas, das man aus (zu) vielen anderen Bühnenstücken kennt. In diesem Fall macht das Video allerdings elementar Sinn, ebenso wie die Musik, nur so ganz abschütteln kann man das deja-vu-Gefühl nicht. Immer wenn Theater hip und jung sein will, setzt es auf MTV. Das ist zunächst spannend, wirkt in der Reihung aber schnell abgegriffen. Der Effekt nutzt sich schnell ab, die Überraschung kippt in Langeweile. Insofern erinnert das Stück formal sehr an das «Effekttheater» des frühen Matthias Hartmann, im guten wie im schlechten Sinne. Vielleicht mutmaße ich inzwischen auch nur, dass der massive Einsatz von Video und Audio eine Art Misstrauensvotum gegen die Schauspieler und das Publikum darstellt. Theater, das multimedial sein will, die kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Zuschauer abgreift, das versucht eine junge Zielgruppe zu erreichen, das ergo eigentlich also lieber ein Musikvideo wäre.

Auch der Kunstgriff, dass die nicht agierenden Darsteller auf der Bühne bleiben, aber meist inaktiv «frozen» stehen, ebenfalls Videobilder im Pausenmodus, oder eine kleine Hintergrundsequenz spielen, einen Tapeloop, ist einfach nicht besonders neu. Tatsächlich lenkt eher vom Stück ab, hier so viele stilistische Versatzstücke anderer moderner Regietheater-Stücke wiederaufbereitet zu sehen. Man kann diese Zitattechnik vielleicht nicht wirklich kritisieren, alle machen es ja, aber so geballt stört es. Man überlegt ständig: «Well, wo habe ich das schon einmal gesehen?». Wie bei einem Song, der nur aus Samples besteht, überlegst du immer, woher dir diese Melodie oder jener Basslauf so vertraut erscheint. Dieses Potpourri will innovativ wirken – Holger Weimar, Dramaturg und Regisseur, der das Buch für die Bühne adaptiert hat fordert den «Mut zum extremen Gefühl» – , ist es aber einfach nicht. Es ist 90s-Retro. Von solcher grundsätzlichen Irritation abgesehen: Das Video von Matthias Wulst ist weitgehend nahtlos auf die Bühnenhandlung abgestimmt und bereichert das Stück als integraler Mitspieler, Taktgeber, ebenso die Soundscape von Moritz von Gagern, die gerade in den Eri-schläft-Sequenzen Spannung erzeugt. Vielleicht ist diese Ankopplung an die Handlung, die Transmission von Stückideen sogar einen Hauch zu wortwörtlich. Die «Großstadtaufnahmens, die Bildstörungen, ein in den Schlaf-Sequenzen von Eri Asai viel zu klar definierter stereotyper «Bösewicht», eine Figur wie aus einem schlechten Horrorfilm. Alles einen Hauch zu konkret, und – in sich selbst – eben wiederum auch zu deja vu. Oh, look, it’s Freddy Krueger. Das Stück will modern sein, hinkt aber der permanent referierten Popkultur hinterher. Überhaupt: Der angestrengte Versuch von Hipness. Alle Figuren laufen herum wie aus einem Manga entsprungen, Stachelhaare, Buddha-Glatze, Hiphop-Mütze, Cybergeisha, Yuppie-Guy. So folks– do you GET the fact that Murakami is a Japanese author? Auf der Bühne wird natürlich geraucht, es gibt zwei völlig sinnfreie Mikrophone, in die die Charaktere ab und zu sprechen, ohne dass ich durchgehend einen tieferen Sinn dahinter erkennen könnte. I want my MTVeeeee.



And the Oscar goes to…
Es ist vielleicht etwas ungerecht, auf Details wie der Emmerichisierung des Stückes herumhacken. Die Videos sind gut eingebunden und funktionieren als zentrale Orientierungsnabe des Stückes, das kann man bei vielen anderen Inszenierungen mit Videoelementen so nicht sagen. Vielleicht stechen solche Details nur deshalb ins Auge, weil ein zentraleres Problem der Aufführung dich zwingt, auf sie zu achten: Denn wirklich am irritierendsten, gerade bei einem would-be-coolen Stück wie Afterdark, ist das permanente stereotype schreckliche Overacting. Figuren, die jeden dritten Satz schreien, zischen, wimmern, flüstern, keuchen, wüten, zucken. Deren authentische Emotionalität als Charakter komplett in einer Art Casting-Show-Übertriebenheit verlorengehtm im Strudel der Hormone. Deren kleine Geschichten und Zwischentöne jedwede Glaubhaftigkeit verlieren. Umso schlimmer, dass gerade die beiden Protagonisten, Takahashi (gespielt von Christoph Pütthoff) und Mari Asai, Eris Schwester, (Burgtheater-Darstellerin Agnes Riegl) in diese Kategorie fallen. Takahashi soll schüchtern, etwas verklemmt sein, mutiert auf der Bühne aber zum Autisten, der ständig an seinen Händen nestelt und nervös herumtänzelt, die Schultern hochzieht, mit sackenden Schultern in Jazz-Klischee-Pose fiktiv Posaune bläst und den ganz ehrlich fast das gesamte Stückj lang man mit einem schnellen Schuß in den Kopf von seinem zuckenden Elend befreien möchte. Think Dustin Hofmann in Rainman. Das er im Verlauf des Stückes auch einmal die Chance hat herumzubrüllen ist doch fast schon selbstverständlich, oder? Und bei Riegl mutiert die ebenfalls leicht verklemmte, rastlos-frustriert-ziellose Semiintellektuelle Mari zum hipsexy Emo-Teeniegirlieklischee, in hautengem pinkem Outfit mit Mange-Spike-Hair und einer übernervösen Präsenz, die Hände immer auf den Hosenbeinen, jede Menge «ja?» und «irgendwie» im Text. Respekt vor Riegl, die sich hier recht glaubhaft 15 Jahre jünger zaubert, aber die Rolle hätte einfach weniger ADHS gebraucht, einfach… einfach… WENIGER. Ist es für junge Schauspieler unmöglich, auf der Bühne lässig zu bleiben? Auch Claude de Demo als Ex-Wrestlerin Kaoru, rein körpersprachlich wirklich großartig, verfällt in ihrem Monolog in ein etwas anstrengendes Hamming, das ihre ansonsten schöne Performance etwas bricht. Too much coffee. Maja Beckmann ist hauchnah dran, schafft mitunter wunderbare Pausen und kleine Ticks, die eine gebrochene Figur skizzieren, die mit ganz wenigen Pinselstrichen tragisch wird und bei der jedes Wort weniger, jede verschluckte Geste Kraft hat. Sie hält es leider nicht ganz durch, verfällt wie ihre Kollegen in einen Darstellunsgrausch, aber wann immer sie die Kraft hat, sich zu bremsen, ist sie großartig, tragisch, komisch, leise, anrührend. Dieses Zuwenig brauchen die Rollen hier. Murakami ist ein eleganter Autor, ein Mann der Zwischentöne, des leisen Zuwenig. Nicht des Zuviel. Japan, versteht ihr? Leute, die introvertiert bis verklemmt erzogen sind, eine ganze Gesellschaft aus Sublimination, in der es brodelt, aus der aber fast nie wirklich herausbricht. Deren Kultur ganz ganz ganz weit weg von der westeuropäischen Kreischerei auf der Bühne hier. Ist es da gemein zu sagen, daß Maya Sakamoto, die im ganzen Stück nur schläft, am überzeugendsten spielte? Rentzsch hat mir gut gefallen, macht sich die Rolle des gefühlsarmen leergebrannten Nuttenschänders Shirokawa, zueigen und amerikanisiert sie zwar völlig, bleibt dabei aber trocken und stur und kühl und zwielichtig und wunderbar. Wir Glatzköpfe müssen zusammenhalten. Das darstellerische Highlight des Abends ist aber Jele Brückner, nur via Videoeinspielung als Shirokawas Frau dabei. Wo andere auf der Bühne mit vollem Körpereinsatz ihre Figuren in Grund und Boden rammen, zeigt Jele nur ihr Gesicht und die ganze Tragödie einer Ehe spielt sich in Pausen, in Blicken ab. Im Ungesagten. Im Zucken ihres Unterlids. So mikroskopisch, so mesmerisierend, dass man auf Text hätte verzichten können. Die wenigen Sekunden, die Jele in einem Telefonat mit Martin eingeblendet ist, erheben den gesamten Abend zu etwas besonderem. Mit so wenig kommt Schauspiel aus.

Relax
Was der Inszenierung insgesamt vielleicht fehlt ist das Beiläufige von Murakawis Stil, die urbane Lässigkeit, die das Suchende seiner Charaktere einbettet. Die bei ihm ständig brüchige Grenze zwischen Realität und Surrealität braucht eine natürliche Leichtigkeit, eine Einbettung in Realität, eine Un-Anstregung. Das Episodenhafte, Irrlichternde, Ungenaue zerbricht, wenn man es herausbrüllt oder überzieht. Es gibt einen Moment im Stück, wo ich mir wünsche, es hätte aufgehört, kurz vor 05:24. Der Moment, in dem Takahashi zu dem klingelnden Handy greift, daß der Nuttenschänder Shirokawa in einem Supermarktregal abgelegt hat (im Stück ist es sehr schön – alle Orte werden zu einer Bühne – unter die weiße Plane geschoben) und Taka ein «Wir kriegen dich!» hört. Very David Lynch. Hier aufzuhören wäre die schiere Perfektion gewesen, in der Verwirrung, ohne Denouement, einfach rechtzeitig abspringen. Der Dramaturg Holger Weimar, der hier auch als Regisseur agiert, hätte die wunderbare Chance gehabt, wie Luc Bondy bei Die Eine und die andere, einfach Schluß zu machen, den Film zu kappen, alle Fragen offen. Statt dessen wird natürlich weiter agiert, fast symbolisch durchflutet grelles Licht die Bühne, bis fast alle Fragen beantwortet, die meisten Geheimnisse exorziert sind.

Bei aller Kritik im Einzelnen: Afterdark ist ein unterhaltsamer Theaterabend, mit (fast zu) gut aufgelegten Darstellern und ich mag den Trend, ein neues Buch eines zeitgenössischen Autors auf die Bühne zu bringen, so schwer es auch sein mag. Die ausverkauften Kammerspiele geben hoffentlich Bochum und anderen Häusern den Mut, mehr aktuelles Material selbst für die Bühne zu adaptieren. Holger Weimar zeigt, dass ein Dramaturg heute längst die Grenzen zwischen Autor, Dramaturgie und Regie verwischt, in sich vereinigt. Er zeigt im Handstreich sein Talent beim Führen von Darstellern und bei der multimedialen Inszenierung eines Stoffes, out of the box direkt dort ankommend, wo andere erst nach Jahren angelangen. Er zeigt, dass er die noch gegenwärtigen Trends des Theaters der letzten zehn Jahre beherrscht, und auf dieser Basis wird es spannend zu sein, ob Weimar die Chance bekommt, diese natürlich längst zu neuen Klischees mutierten «Innovationen» von Gestern zu überschreiten und sie wiederum zu erneuern. Ich hoffe jedenfalls, dass Weimar weiter als Regisseur arbeitet. Es gibt Regisseure mit zig Jahren mehr an Erfahrung, die mit weniger Charme, Humor und Tempo antreten.

Afterdark ist ein Stück, das sicherlich für Theaterneulinge ein wunderbarer Einstieg ist, weil es nicht verschreckt, aber auch Spaß macht, ohne wirklich verstaubte prä-1990er Theaterklisches auskommt. Stoff für Twens und Teens ein multimedialer, aufregender und dennoch nie zu leichter oder oberflächlicher Rausch aus Eindrücken. Vieles von dem, was man am modernen Regietheater lieben oder hassen kann, ist vorhanden und die Inszenierung passt in Elmar Goerdens grundsolider Handschrift des Bochumer Schauspielhauses als solides, relativ modernes, aber nicht allzu provokantes großstädtisches Bürgertheater ohne allzu schrille Experimente.

Die Reaktion des Premierenpublikums war ein sympathischer, erfreuter langanhaltender Applaus, ohne Standing Ovations. Niemand hat das Stück verlassen. Niemand hatte aber auch das Bedürfnis, im Stehen zu applaudieren, der inneren Anspannung und Begeisterung körperlich Ausdruck zu geben, zu feiern. Afterdark ist ein solides, unterhaltsames, auf der Höhe des Mainstreams agierendes Stück, dem es gelingt, moderne Literatur für die Bühne zu adaptieren. Was nicht gelingt ist ein Stück, das ergreift, schockiert oder begeistert, das berührt und entführt, das über sich selbst hinauswächst. Das, ganz simpel, im Zuschauer ein wirkliches Gefühl auslöst. Man geht nicht aus dem Stück und hat das Bedürfnis, über das Gesehene zu sprechen, man ist nicht angeregt, nicht aus der Bahn geworfen. Aber das ist zugegeben Kritik auf hohem Niveau, vielleicht fängt man an, verwöhnt zu sein, verzogen, zu anspruchsvoll… und im Grunde ist es auch okay, wenn es einfach «nur» einmal solides Entertainment-Theater gibt. Aber es bleibt ein Hunger zurück bei mir. Wäre es ein Film, so würde mir die DVD reichen. Das Stück, der Abend, ist wie das Abendprogramm dazu: Funktional, aber ohne Feuer. Ohne Leidenschaft. Ohne Tiefe. Stückphotos, austauschbare Texte, mutlose Typographie im Helvetica- und Times-Roman-Look, das gleiche Feeling von seltsamen Pragmatismus, Lohnarbeit, es wird getan, was getan werden muss, aber mehr bitte nicht.
Keine Experimente.

Aber wenn nicht im Theater… wo dann?

Photos (mit Ausnahme des Staus ;-)) von Birgit Hupfeld, vielen Dank an Jens Breder.

22. Oktober 2006 14:58 Uhr. Kategorie Live.
12 Antworten.

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