
Adolf Loos, der mit seinem Ornament und Verbrechen ja einen der legendären Design/Architektur-Texte verfasste, schreibt in Warum ein Mann gut angezogen sein sollte herrlich gutgelaunt seine Schlechte Laune aus dem Pelz. Die meisten in diesem Buch gesammelten kurzen Texte rund um die Mode sind Artikel um 1898 aus der Neuen Freien Presse, in denen Loos in Sachen Grummeligkeit auch gegenüber Leserbriefen einem Harry Rowohlt in Nichts nachsteht. Er bleibt der in Ornament und Verbrechen erläuterten Haltung wider das Ornamentale, wider den Jugendstil, wider das Schmückend-Sinnlose treu und pöbelt wunderbar polemisch gegen die Modeverirrungen seiner Zeit, auch wenn diese aus heutiger Sicht oft nur schwer nachvollziehbar scheinen, gegen Gigerl (Lackaffen), gegen Wiener Inzucht, zugunsten eines internationalen – namentlich englischen und amerikanischen – Stils. Loos entpuppt sich als spitzzüngig und ironisch, zugleich begeistert von der neuen Zeit und ihren Möglichkeiten. Obgleich die Texte in ihren Details nicht gut gealtert sind – die Zeitbezüge, die Loos einflechtet, sind verloren – ist die grundsätzliche Aussage zu Simplizität, wahrem Luxus, Internationalität, Materialität und so weiter, nach wie vor treffend. Loos, obwohl dem Bauhaus selbst abgeneigt, ist zumindest gedanklich Wegbereiter einer technoid-funktionalen Denke, die die Vorstellung von «edel» (und nicht zuletzt auch von Sparsamkeit) neu definiert. Und funktionalität hat hier nichts mit lähmender Kälte oder puristischer Sachlichkeit zu tun, ganz im Gegenteil, sondern mit einer intensiven Auseinandersetzung des Architekten und Menschen Loos mit eben der Funktion dessen, was er zu gestalten hatte. Loos entpuppt sich als Mensch au der Suche nach der Freude am puren Stoff an sich, an der möglichst unverzierten, unverbrämten, ungetarnten Ehrlichkeit und ist insofern ein Vorläufer der Thesen eines Otl Aichers, der kaum weniger wortgewandt gegen die Camouflage anging. Loos schreibt gegen den Exzess an, gegen die Eitelkeit, gegen das Spießige. Dass er dabei mitunter selbst etwas spießig klingt, selbst etwas übereifrig, dass seine eigene Sprache so ganz und gar nicht frei vom Ornament ist - das sollte nicht davon allzusehr ablenken davon, dass Loos hier ein Plädoyer führt, dass nach wie vor im Ansatz auch in unsere Zeit des Hypergrellen und der Überproduktion passt, in der die Moden Amok laufen und das Ornament wichtiger geworden ist als das Material. Loos glühende Rede für de Bewahrung eines Originalcharakters und wider das billige Imitat- konkret bei ihm das «Holzfladern», bei dem billiges Holz wie Mahagoni lackiert wurde oder nur auf Decken aufgemalte Pseudo-Intarsien- sollte sich jeder moderne Architekt an den Spiegel klemmen. Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit sind Themen, die nicht nur um die letzte Jahrhundertwende relevant waren – sondern es ist vielmehr erschreckend, wie viel bei aller oberflächlichen Veränderung an Loos Texten doch noch akut ist und wie weit wir eben doch noch von einer echten «Moderne», der Loos hier das Wort führt, entfernt sind. Warum ein Mann gut angezogen sein sollte ist insofern sicher etwas angestaubt – aber wie andere Texte aus dieser Zeit eben doch verblüffend nah an dem Pulsschlag unserer Zeit, und oft wirken die Probleme von heute eben einfach etwas klarer, wenn man sie im Rückspiegel der Vergangenheit betrachtet.
3. Januar 2008 16:59 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.
wäre glaub ich nicht verkehrt, wenn ich das mal lesen würde.