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Adobe Project Rome

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Keep it simple
Ich sag es ganz ehrlich – ich finde, Software kann nicht einfach genug sein. Ganz klar, es gibt Leute, die lieben die vertrackte Software, die möglichst nur ein erlesener Zirkel von Erleuchteten bedienen kann, aber ich gehöre nicht dazu. Ich habe seitdem ich denken kann ein Problem mit Programmen, die schwieriger sind, als sie sein müssten. Ich habe Quark seit eh und je gemieden, weil ich nicht verstehen konnte, wie ein Programm schon das Setzen von Hilfslinien zu einer fast unmöglichen Aufgabe macht oder bei dem manuelles nahtloses Skalieren von Bildern in Rahmen schlichtweg nicht ging. Genau so geht es mit mit Final Cut (Vegas von Sony ist unendlich besser) oder Flash (das seit Version 4 echt nur noch für Leute ist, die mit nichts anderem arbeiten) oder After Effects, und seien wir ehrlich, Photoshop, Indesign und Illustrator haben auch seltsame Interfaces, die kein Laie wirklich versteht. Jede Software ist wie eine Sprache, die man als Laie erst erlernen muss, aber ich muss sagen, manche Sprachen lernen sich recht einfach – in Logic oder in Vegas etwa kann ich Projekte ohne Handbuch relativ lässig angehen und mich nach und nach einarbeiten, das Interface ist sauber genug, um stimulierende Erfolgserlebnisse zuzulassen, während mich FCP unfassbar frustriert, der kleinste selbstverständlichste Effekt ist fast Frickelarbeit, nichts am Interface fühlt sich modern an. Der Grund ist natürlich, dass Software immer generativ wächst – in Photoshop gibt es immer noch Workflows aus Versionen, die fast zwei Dekaden alt sind und inzwischen fast keinen Sinn mehr machen. Auch, dass Plug-Ins und Effekte immer Applikationen in der Applikation sind, ist widersinnig. Und so verstehe ich etwa nicht, wieso nahezu jedes Element er Creative Suite einen ganz eigenen Workflow hat, sich nichts gleich anfühlt. Wer derzeit in Indesign Interaktivität einfügen will, wird mit unsinnigsten Menüs konfrontiert, schon ein einfaches Ding wie eine selbst als Loop laufende Slideshow ist eine Herausforderung. Wer andererseits in Flash scribbeln will oder nur mal eben ein Bild in einen Rahmen maskieren, kriegt eine Nervenkrise – Flash ist zunehmend weder richtig grandiose Scriptingumgebung, und erst recht nichts für fixe Animationen, weder Fisch noch Fleisch. In den Händen von Könnern ist Flash ein unsagbar sinnvolles Werkzeug, aber gut in der Hand liegt es einfach nicht. Es ist seltsam, dass ich in Flash eine einfache Animation mit Tweens nur widerwillig baue (zumal Tweening Mist ist) und andererseits wildfremde CSS-Tools binnen eines Nachmittags bespielen kann, das hat auch was mit Interface-Logik zu tun.

CS Light?
Es sieht so aus, als wüßte Adobe, wie verfahren die Situation der CS-Suite ist. Und auch wenn der Firma offenbar der Mut fühlt, wie seinerzeit bei Pagemaker/Indesign einen klaren Cut zu machen, ein paar Wurzeln abzuschneiden und neu zu starten, gibt es immer wieder einzelne Ansätze, die zeigen, wie sinnvoll ein solcher Neustart sein könne. «Rome» ist ein solcher Ansatz.

Rome ist eine relativ kleine, für Desktop und Webeinsatz gedachte AIR-Applikation, die einfache Vektortools, Bitmap-Bearbeitung und einfache Animation zusammenbringt. Wenn man so will, ist es Illustrator, Photoshop und Flash in einer extremen Light-Variante. Natürlich hat so etwas massive Probleme mit sich – das erste ist bereits, dass es AIR ist. Das Flash-Applikationen-Format hat sehr viel Power, aber auch viele Nachteile. Adobe hat Rome ein ganz eigenes Interface verpasst, das weder Win noch Apple ist, und die Zusammenarbeit mit dem OS ist fast nonextistent. So nutzt Rome nur die von Adobe integrierten Fonts, nicht die individuellen Schriften im Betriebssystem, was den praktischen Nutzen massiv reduziert. Und – zumindest in der jetzigen Betafassung – es scheint auch keinerlei Kontrolle über den Output zu geben. Wie PDF oder SWF erzeugt werden, welche Framerate, welche Bildreduzierung usw, bleibt kryptisch und dem Nutzerzugriff entzogen. Auch das PDF-Import, TIFF und andere wichtige Formate nicht unterstützt werden, macht Rome nur extrem begrenzt nutzbar. Professionelles Arbeiten ist also bisher mit Rome nahezu undenkbar, und es ist auch fraglich, ob Adobe sich damit an Profis wendet oder eher an ambitionierte Laien. Wofür das Programm tatsächlich da sein soll, ist mir etwas rätselhaft – für totale Anfänger ist es dann doch zu komplex gedacht und gemacht, mehrseitige Layouts funktionieren nicht und niemand wird damit ernsthaft Websites oder Print machen wollen. Dass es mit Education anscheinend in Richtung Schule und Whiteboard geht macht da schon fast eher Sinn. Auch, dass es Apple-artige Templates gibt, weist auf auf eine Orientierung am Einsteigermarkt hin.

Dennoch ist Rome eine – sozusagen abstrakt betrachtet – hochspannende Studie. Denn das Interface bringt Elemente von Flash, Indesign und Photoshop zusammen, in einem leicht an Lightroom und Adobes Online-Applikationen erinnernden UI, mit dem man zwar etwas fremdelt, weil es nicht vertraut ist, das aber klar macht, das irgendwo irgendwer bei Adobe anscheinend doch einen Plan hat, irgendwann wieder einen gemeinsamen Look in die Applikationen zu bekommen. Aus Flash kommen eine Zeitleiste und die Art, Elemente zu verschachteln, indem man per Doppelklick etwa an ein Bild zum Editieren kommt. An Photoshop erinnern die Effekte, die ebenso wie die typographischen Details für eine Flashapplikation sauber gemacht sind. Rome bietet in der Animation Features, die man sich in Indesign nur wünschen würde. Etwa eine echte Timeline, die mit Loops, Labels und darauf zugreifenden Aktionen, mit komplexen Buttons und smarten Features wie Layer Stacks (mehrere Ebenen von Objekten, die zB eine recht anspruchsvolle Slideshow ergeben können, aber in einem Container zusammengefasst sind), durchaus komplexe Kombinationen zulässt. Ich habe gestern als Text einen einfachen animierten Webbanner mit Rome gebaut, und nach etwas Einarbeitung (noch schwierig, weil es keinerlei Dokumentation oder Hilfe gibt) und der Einsicht, dass bestimmte Dinge nicht anders gehen (Schriftwahl nicht möglich usw) ging das eigentlich so gut, wie es weder Flash noch Indesign geschafft hätten. Rome merkt, wenn ein Bild seltsam groß ist und rechnet es optional in Echtzeit auf die Breite des Mediums, wartet mit soliden und gut modifizierbaren Übergängen für die Slideshow auf, beherrscht die aus Photoshop vertrauten Ebenen-Blends auch für einzelne Objekte, die auf der gleichen Arbeitsfläche liegen (also jedes einzelne Photo) und kann mit zig anderen gut durchdachten Details überzeugen. Nach einer Weile des Arbeitens fragt man sich, warum Photoshop nicht anstelle der etwas angestaubten Ebenen-Logik längst so arbeitet wie Rome, nämlich Objektorientiert, warum Type nicht so komfortabel in PS funktioniert wie hier oder warum Interaktivitäten in Indesign so derart schlimm implementiert wurden, wenn es offensichtlich eine Lösung gibt, die kinderleicht zu bedienen ist und sogar noch spielerischen Spaß aufkommen lässt und deren Preview tatsächlich besser und schneller ist. Wohlgemerkt – Rome ist (noch) umsonst, die Creative Suite kostet so viel wie die Hardware, auf der sie läuft und zählt zu den mit teuersten Softwares, die man noch kaufen kann. Da kommt man sich seltsam vor, wenn ID nicht in der Lage ist, eine SWF zu loopen, Rome allerdings komplexe Looplösungen in der Zeitleiste zulässt, die blendend funktionieren.

Noch mag Rome nur ein sehr bug-geplagtes Experiment sein und sehr eingeschränkt funktionieren – aber in vielen Details und Lösungsansätzen ist es der «echten» Software von Adobe weit voraus, weil es die Grenzen zwischen den Bearbeitungsschritten auflöst, die Logik von Print/Screen vereint, und sich anfühlt, als wären drei Applikationen sinnvoll zu einer verschmolzen. Alles noch im Babyansatz – aber durchaus vielversprechend. Genau so sollte sich CS6 anfühlen.

In the cloud
Ein weiterer Clou an Rome ist, dass es natürlich als Online-App konzipiert ist, die via Flash (das mit solchen Anwendungen zeigt, dass Flash noch lange nicht «tot» ist), auch im Webäther verwendet werden kann. Man kennt solche Experimente bisher recht simpel als Textverarbeitung – etwa Buzzword von Adobe -, aber Rome ist eine ganz andere Dimension an Komplexität. Was passieren könnte, wenn hier – wie in Buzzword – mehrere User gleichzeitig in Echtzeit kooperieren, ist gar nicht auszumalen. Was ich mir jetzt schon in Indesign wünschen würde – live mit dem Klienten oder Mitarbeitern via Web im Layout kooperieren – wäre hier absolut denkbar, ein System zu entwickeln, das wirkliches kolloboratives Design ermöglicht. Rome mag erst ein Ansatz sein, eine Skizze, aber richtig ausgebaut, mit Betriebssystemen vernetzt, mit Schnittstellen für Programmierer, mit Zugriffsstufen, mit mehr Features hat Adobe hier eine sehr mächtige Applikation in der Hand, deren Potential sich selbst in dieser frühen Stufe abzeichnet. Es ist für die CS das, was Indesign für Pagemaker war – der nötige Bruch mit der Vergangenheit, der Schritt zurück, um etwas neues Beginnen zu können. Noch ist Rome buggy und langsam und mit allen Fehlern gestraft, die Flash gerade am Mac auszeichnen. Es gibt viele Umwege, weil es eben keine «echte» Software ist. Aber der Ansatz, die Logik und viele Details in der Handhabung überzeugen für eine so frühe Form der Anwendung (an der Adobe noch eine Menge zu tun haben wird, den «Rome wasn’t built in a day»). Leider bedeutet «in the cloud» aber offenbar auch, dass Adobe die Software «vermieten» wird, als Service, den man über eine Art Abo bezahlt – wie bei Evernote oder Acrobat.com ja auch. Dennoch hätte ich mir gewünscht, das Flash Catalyst ziemlich genau das gewesen wäre, was Rome zu sein scheint…

27. Oktober 2010 19:58 Uhr. Kategorie Technik. Tag . 4 Antworten.

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