HD Schellnack /// Kontakt Twitter iPhoto pointandshoot Typographie Alternative Pop Licht nodesign Aktionen Zitat Natur Photographie Denken Fail ScienceFiction Apple Studium Belletristik Comics Dayshot Vernacular Scratchbook Werbung Fragen Winter Software Medien Fun Retro Gesellschaft Farbe Print Electronic Magazine iOS Zukunft Web Drama Frühling Jazz Sommer Kitsch Kunst Sachbuch Hardware Fantasy Klassik Herbst Thriller Emma

Adobe goes iPad

hd schellnack

Ganz generell ist man ja schon fast dankbar, dass Adobe das iPad überhaupt zur Kenntnis nimmt. Jenseits einer eher mauen Photoshop-Express-Version, deren Funktionsumfang nur durch das «Gratis»-Preisetikett zu rechtfertigen ist, scheint der Zwist zwischen Adobe und Apple so tief zu gehen, dass Adobe hier anscheinend einen ganzen Markt verpennt, in dem andere Firmen mit Bildbearbeitung, Filtern und auch den ersten Vektor-Zeichentools durchaus Fuß fassen. Zwei Jahre nach dem Release des iPad gibt es nichts ernsthaftes in Sachen Creative Suite, was auf dem iPad funktioniert – obwohl ich es für durchaus denkbar halte, via Dropbox eine App mit Indesign so zu verzahnen, dass man zumindest Texte und leichte Grafikkorrekturen machen könnte.

Als ersten Schritt in Richtung Apple kommen nun drei Apps von Adobe, die eigentlich ebenso gut auch eine App hätten sein können, dürfen und vielleicht müssen, mit denen man nun ein bisschen Fingermalen darf, Farben anmischen kann und eine Art rudimentäre Fernbedienung für die Werkzeugleiste. Die ersten beiden bringen mir ehrlich gesagt relativ wenig – zumal das Malen mit bloßen Fingern auf dem iPad vielleicht bei David Hockney zu guten Ergebnissen führt, bei mir ist der Finger als Werkzeug nur bei kühlen klimatischen Bedingungen ein geeignetes Mal- und Schreibwerkzeug, wobei das ja mit dem Stift umgehbar ist… nur kann ich dann auch direkt mit dem deutlich überlegenen Intuos direkt in PS arbeiten.

Was «Nav» angeht, so ist inzwischen der Wow-Effekt der Kommunikation zwischen einer Desktop-Applikation und einer iOS-App via WLAN relativ verflogen in Zeiten, wo ich über 3G von jedem beliebigen Ort per Screens meinen ganzen Rechner fernbedienen kann. Das User Interface ist grässlich, die Funktionalität erinnert an eine Amateur-AIR-App. Und was es tatsächlich bringt, abgesehen von einem rasant leergesaugten Akku, ist minimal, weil ein Switch zwischen Werkzeugen oder das Öffnen von Bildern zumindest bei mir schneller und natürlicher über die Tastatur stattfindet – oder zur Not auch per Maus, die man ja eh in der Hand hat und auch in der Hand haben muss, weil «Nav» wirklich nur den Wechsel zwischen Tools erlaubt, nicht aber ihren touchscreenbasieren Einsatz (à la Wacom Cintiq). Der Zusatznutzen von «Nav» eröffnet sich mir insofern eher nicht.

Und hier zeigt sich ein Wandel, den es seit einiger Zeit spürbar gibt, den aber der App Store sehr greifbar und konkret macht – das Ende der großen Software-Anbieter. Ungeachtet der Logistik-Stärken, die eben das Internet als Vertriebsweg zunehmend unwichtig macht, ungeachtet der gefüllten Kriegskassen für Zukäufe von bestehenden Firmen… Microsoft, Adobe und Konsorten schwächeln angesichts eines ätherisierten Verständnisses von Software, das so völlig anders ist als noch vor zehn Jahren. Apple ist die eine noch bestehende Ausnahme, weil sie durch eine glückliche Fügung so viele Standbeine haben, dass die Software halt mitlaufen kann beziehungsweise von den Spielbeinen beflügelt wird, etwa durch die Präsenz im Appstore, und weil die Firma mit Produkten wie Garageband oder Pages/Keynote relativ schnell auf das ja eben eigene Produkt iPad reagieren konnte, während es immer noch kein «Office 2011» für iPad gibt, außer indirekt eben von Drittanbietern. Wobei man sich nichts vormachen darf – nahezu alle Software-Launches der letzten Zeit von Apple hatten Probleme, die auf die Firmengröße rückführbar sind.

Aber generell hat das Web – und die Appstores – die Vorteile großer Softwareanbieter weggewischt, egalisiert. DVD-Brennwerke, Packagedesign – alles egal. Mit einer passablen Website, etwas Eigen-PR via Twitter und den üblichen Gadget-Blogs, Mundpropaganda und gutem Support kann eine gute Software von einer winzigen Firma über Nacht zum Erfolg werden und Standards setzen (und genau so schnell durch die nächstbessere Lösung obsolet gemacht werden). Die Applikationen, die ich auf dem iPad, aber eben auch auf dem Desktop-Rechner zunehmend verwende, stammen von kleineren Anbietern, oft Ein-Mann-Firmen. Das ist ein großer Umbruch in der Entstehung und im Vertrieb von Programmen, der mir derzeit auch unumkehrbar scheint. Und er macht Sinn, wenn man sich die Preise ansieht. Adobe und Microsoft nutzen eine – vor allem bei MS schwindende – Monopolstellung, um überzogene Preise durchzusetzen, und verpassen dabei, wahrzunehmen, wie sehr ihr Monopol wankt. Längst wirkt die Creative Suite so überfrachtet, unnötig kompliziert und schlecht zusammenpassend (während an anderer Stelle wieder an bestimmten Features durchaus eher fehlen), dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis bessere Alternativen emergieren, so wie Indesign Quark ersetzt hat. Die Entscheidung, iPad-Publishing mit einem hohen Preis als Online-Modell zu realisieren, wird sich hier langfristig als großer Fehler erweisen, ebenso die schlechte Content/Form-Verzahnung bei Indesign. Adobe reagiert nur langsam und schlecht auf Veränderungen im Webdesign und hat Dreamweaver und Flash förmlich verkommen lassen und schlägt selbst aus der Tatsache, mit PDF und SWF zwei grandiose Formate in der Hand zu haben, kein großes Kapital mehr, was an ein Wunder grenzt. Microsoft hat es in zehn Jahren nicht geschafft, aus dem Dauerbrenner Powerpoint auch nur näherungsweise ein vernünftiges Präsentationswerkzeug zu machen, es fühlt sich immer noch an wie Textverarbeitung 1990.

Auf der anderen Seite bieten namenlose Firmen smarte, sehr gut programmierte Tools an, die verblüffend liebevoll gemacht sind und im Alltag exzellente Arbeit leisten. Von welchem Ende der Welt diese Programme dann kommen, ist fast egal, und es ist fast egal, ob es iOS oder OSX-Programme sind, zumal diese künstliche Trennung in den kommenden Jahren sicherlich zunehmend verschwinden wird. All diese kleinen und großen Programme – Reeder, Writings, Byword, FocusWriter, Drops, Forklift, Omniplan und -focus, ComicZeal, iThoughts, TotalFinder, Alarms, GrandTotal, Frizzix, Saldomat, CopyPaster, iOutbank, Screens und und und – stammen von kleinen Firmen und selbst Größen wie Dropbox oder Evernote fühlen sich «klein» an gegen Microsoft und kommen eben mit wachsender Größe an bestimmte Grenzen. Denn gerade bei den kleinen Apps wird klar, wie schnell und reaktiv Updates sein können. Wenn etwa ein Zevrix-Plug-In wie LinkOptimizer ein wichtiges Feature vermissen lässt, reicht eine freundliche Frage und das nächste Update zwei Tage später kann’s. Es ist ein fast surreales Erlebnis in Sachen Service, wie freundlich und offen kleine Firmen für Anregungen sind – und wie klar sie aber auch wissen, was für sie nicht machbar oder gut wäre. Es ist ein extrem faires Modell – und zugleich übrigens der beste Schutz gegen Raubkopie. Von anonymen Großfirmen überteuerte Software «klauen» ist ja vielleicht eine Sache – aber bei kleinen Machern ist schnell klar, dass nur über Verkauf und faires Miteinander eine Pflege und ein Fortbestehen des Programms gegeben ist. Es entsteht so eine vergleichsweise faire, aber kleinere Mikrostruktur, die ein wenig an den Selbstvertrieb von Musik erinnert und es ist nicht ohne Grund, dass Kickstarter auch für Software eine Plattform sein kann. Während es für Monolithen wie Microsoft strukturell fast undenkbar war (und ist), halbwegs direkt mit Endverbrauchern in Kontakt zu kommen, suchen die jüngeren Entwickler diesen Kontakt vom ersten Moment an. Man muss kein Prophet sein, um in diesem Modell ganz generell eine Zukunft für kreative Leistungen aller Art zu entdecken – Musik, Bücher, vielleicht sogar Design und Architektur. Weg von den Moloch-Strukturen, hin zu projektgerechten und engagierten Größen, die ein one-on-one ermöglichen. Ich habe beispielsweise nie verstanden, warum so viele Auftraggeber in der Architektur mit Foster zusammenarbeiten, wo doch klar ist, dass Sir Norman mit der Firma, die seinen Namen trägt, nicht mehr allzuviel zu tun hat und man eigentlich einen Finanzdienstleister beauftragt, dem es primär ums Geld geht und dessen große Struktur man schlicht mit bezahlt. Entsprechend habe ich mich gefreut, dass Google mutig genug war, anders als Apple, nicht auf die übliche Foster-Lösung zu setzen, oder einen der sehr großen US-Architekten zu nehmen, sondern das vergleichsweise kleinere Büro Ingenhoven zu beauftragen, wo eine viel individuellere Zusammenarbeit machbar ist. Das ist eine richtige Entscheidung. Analog bin ich immer geknickt, wenn wir in Pitches gegen Metadesign oder JvM verlieren – Büros, die gar nicht in Pitches gegen uns bzw wir gegen sie spielen dürften -, durchaus auch bei Jobs, wo das Budget solche Großagenturen gar nicht hergibt. Nicht, weil uns ein Auftrag entgeht (es kommt ja immer etwas anderes rein), sondern weil es für den Auftraggeber, mit dessen Problemen und Zielen man sich ja intensiv identifiziert hat im Rahmen einer Lösungsfindung, die falsche, nur vermeintlich «sichere» Lösung ist. Entsprechend mies ist das, was dabei meist am Ende rauskommt.

Der traurige Stand der Dinge bei Adobe belegt, dass ein Ende der «Big is beautiful»-Ära präsent auch in der Softwarebranche angekommen ist. In Zukunft werden sich große Strukturen zunehmend fragen müssen, ob man sie noch braucht. Digitaler Direktvertrieb und das Internet machen es möglich, klein anzufangen und nach Bedarf atmend zu wachsen, sich selbst zu vermarkten. Auf diesen Power Shift in dem Verhältnis zwischen Musikern und Labels (die ja inzwischen mehr Kreditgeber sind) oder Autoren und Verlagen, zwischen Programmierern und Salesmen, ist die Industrie offenbar kaum vorbereitet, auch wenn ich sicher bin, dass in den Strukturen smarte Leute längst die Alarmglocken läuten. Was soll einen Autor noch abhalten – ob Newcomer oder Bestsellerschreiber – seine Werke mit geringer Startinvestition direkt via iBooks oder als App zu vertreiben? Sobald Apple den «Independants» die Tore öffnet wird es den größten Umbruch in der Verlagswelt geben, den man sich vorstellen kann. Mit dem AppStore ist dieser Umbruch – prägnanter noch als in der letzten Dekade per Direktverkauf online – längst im Softwarebereich vollzogen. Größe spielt (fast) keine Rolle mehr, Service, Tempo, Qualität sind entscheidend – und gute Bewertungen, die daraus resultieren.

Adobe täte gut daran, sich schnell und konsequent auf diese neuen Verhältnisse einzustellen, kleiner, fairer, schneller zu werden und sich vom Marketing wieder auf die Programmierung zu refokussieren – denn die Marktmacht des Giganten wird zunehmend unwichtig. Die ja immer noch recht gute Softwarebasis gilt es aufzubauen, auszubauen, reaktiver zu bekommen und für neue Plattformen umzusetzen. Ansonsten wird der Tag kommen, an dem der Preisunterschied zwischen Photoshop und sagen wir Pixelmator nicht mehr zu rechtfertigen ist. Und sich die Frage stellt, ob man iPad-Newsmags wirklich noch mit Indesign layouten will oder ob es nicht eine integrierte, viel bessere Lösung eines kleinen Anbieters gibt, die im Endeffekt besser funktioniert. Und auf diese Frage hat Adobe derzeit keine überzeugende Antwort, leider.

10. Mai 2011 17:32 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , .
2 Antworten.

«
»

2 Antworten


Creative Commons Licence