
Die dänische Komödie Adams Äpfel verläßt sich in bester britischer und skandinavischer Manier auf ihre Charaktere: ein prügelfröhlicher Skinhead samt seiner Clique, ein Möchtegernterrorist, eine schwangere Trinkerin, ein Vergewaltiger, ein spastisches Kind, ein ultrazynischer Arzt und ein scheinbar naiv-weltfremd gutmenschelnder Priester bilden das Gerüst des Films. Der Plot ist einfach, oft grobgeschnitzt wirkend, und dient nur als Folie für die Figuren. Skinhead Adam kommt in die Obhut des Pfarrers Ivan und beschließt dort, als «Projekt» einen Apfelkuchen zu backen. Ursprünglich als Veräppelung des Priesters, dessen weiche Art Adam nervt, gedacht, wird aus diesem Projekt zunehmend ernst, denn von Krähen bis Blitzschlag scheint sich alles gegen Adams Äpfel verschworen zu haben. Wie Hiob – die Bibelstelle wird im Film etwas aufdringlich immer wieder präsentiert – wird also auch Adam geprüft und am Ende vielleicht nicht geläutert, aber doch verändert. Aber im Kern ist das Beiwerk, Rahmen, für die Interaktion der freakigen Charaktere, aus denen sich der komödiantische Aspekt des Films nährt. Wenn Tankstellenräuber Khalid (dem die Synchronisierung einen etwas nervigen Akzept verpaßt hat) ganz trocken eine Waffe aus seinem Overall zieht und die Krähen abschießt, dabei gleich noch die Katze von Ex-Tenniswunder und Fettklops Gunnar mit abknallt und Ivan der Katze dann suizidale Tendenzen unterstellt; wenn Khalid die ihn anpöbelnden Skinhead-Kumpel von Adam kurzerhand durchlöchert, um dem genervten Adam dann zu erklären, er sei halt gerade nicht gut drauf («Isch bin im Streß»); wenn Gunnar nachts im Tenniskostüm durch das Haus schleicht, eine Flasche Speiseöl und eine Aubergine in der Hand und Adam dann die gefesselte und ohnmächtige Sarah in Gunnars Zimmer findet… das ist schon Perfektion. Dr. Kolberg legt mit jedem Beweis seiner puren Boshaftigkeit und Rohheit einen Gewinn hin. Und Mads Mikkelsen verleiht dem Pfarrer Ivan eine so seltsame Mischung aus blinder Naivität und Hinterfotzigkeit, daß man nie ganz weiß, was Absicht und was wirkliche Weltfremdheit ist, die nicht einmal Adolf Hitler erkennt («Ist das dein Vater? Nein? Hitler? Hatte der nicht einen Vollbart?»). Ulrich Thomsen schließlich als eben gar nicht so tumber Glatzenfascho, der von der Weichheit des Pfarrers und von den Freaks um ihn herum genervt ist und dessen Aufgabe es zunehmend wird, Ivans Naivität zu durchbrechen. Es gibt ganze Sequenzen, die nur auf Adams Gesicht gehen, ohne Dialog, und in denen Thomsen die Gedankenwelt von Adam durch minimale stoische Mimik kommuniziert.
Dabei ist der Film nicht nur komisch. In der Szene am Sterbebett von Poul ist Schluß mit lustig, auch wenn Regisseur Anders Thomas Jensen (von dem als Autor eben auch brilliante Filme wie In China essen sie Hunde und Old Men in New Cars stammt und der als Regisseur bereits Dänische Delikatessen drehte, alles Filme, die in ihrer Mischung aus sinnfreier Gewalt und Komik eben nicht ganz weit weg von Adams Äpfel ist) die Seriosität mit Ivans unerschütterlich gutem Glauben schnell wieder ins Surreale kippt. Auch die Szene, in der der inzwischen dank Adam von jeglicher Naivität leider gründlich kurierte Ivan erschossen wird und er blutend, mit aufgeplatztem Kopf zu Boden liegt, während hinter ihm ein Skinhead steht, dessen Kopf mit Ivans blut rotgefärbt ist, ist eben durch die Leichtigkeit des skurrilen Films eine grandiose Schocksekunde, die du nicht erwartest, die wirklich Stille ins Kino zaubert. Am Ende geht natürlich trotzdem alles gut aus, es gibt doch noch einen Kuchen, Adam läßt sich eine schicke Frisur wachsen (großartige Perücke), Ivan überlebt wundersam, wird sogar durch den tödlichen Schuß von seinem Krebstumor geheilt (was Dr. Kolberg gar nicht lustig findet), und so schließt sich final zum Soundtrack der BeeGees der Kreis, obwohl sich zugleich alles geändert hat. Der Plot, wie gesagt, ist vorhersehbar wie eine Spielzeugeisenbahn. Die Moral der Geschichte ist – auf den ersten Blick – einfach nervend platt. Erst beim zweiten Blick wird klar, daß hier mehr passiert als die Wandlung eines Nazis, sondern daß sich vor allem eigentlich Ivan wandelt, nicht nur äußerlich, sondern auch in seinem Glauben. Daß er von blindem Glauben nach all seinen lebenslangen Prüfungen in die Krise, den Zweifel, die Abwendung von Gott geht («Gott hgat uns schon immer gehaßt») und dann wieder zu seiner alten Leichtigkeit zurückfindet, die sich aber nicht mehr aus Naivität nährt, sondern aus innerer Überzeugung. Das ist eine seltsame Wendung für einen Regisseur, der ansonsten sinnfreie, fast nihilistische Filme gemacht hat und ist vieleicht etwas schwer zu schlucken für säkularisierte Kino-Besucher, die den Plot schnell kitschig finden könnten. Überraschend und schön sind vor allem aber einfach die Details der Charaktere, das beiläufige, die kleinen Beobachtungen, und – wie in anderen Filmen von Jensen – diese skurrile Mischung aus Elmore Leonard und dänischem Alltag.
Kein perfekter Film, da das religiöse Überthema mitunter eben doch anstrengt und die Handlung an sich mitunter eine etwas lineare Moralgeschichte zu sein scheint, mit allzu offensichtlichen Deux-ex-machina-Momenten, aber sicher ein Film, den man sich gut ansehen kann und dessen kleine Momente definitv eine surreale Komik haben. Allein der wunderbare Understatement-Gag mit der Aubergine und dem Öl ist eigentlich das gesamte Eintrittsgeld wert.
22. August 2006 13:32 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.