Wenn es jemals ein Comic gab, das es verdient, als übergroße Hardcover-Edition in einem Slipcase neu veröffentlicht zu werden, dann Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons. Ursprünglich eine zwölfteilige Comicserie aus den 80ern, erzählt Watchmen einen eigentlich vergleichsweise straighten Plot aus der Welt der Superhelden. Die in diesem Fale nicht Superman oder Spider-Man sind, sondern auf alten, fast vergessenen Charlton-Charakteren basierende Neuinterpretationen von Moore, die in dieser Miniserie tiefer und resonierender, menschlicher und realer werden als die klassischen Superhelden in ungezählten Jahrzehnten ihrer Publikationsgeschichte. Ich habe das Paperback von Watchmen etwa zehn, zwölfmal gelesen, so alle ein zwei Jahre wieder… und entdecke immer wieder neue Details, die Moore fast manisch in die Story packt. Kleine Motive, Wiederholungen, Phrasen, Bildelemente, Hinweise, die die gesamte Story zu einem chinesischen Puzzle mutieren lassen. Im Grunde ist die gesamte Story ein unglaublich durchkonstruiertes Experiment rund um die Möglichkeiten der Verdichtung von Erzählungsstrukturen. Es wundert kaum, daß Moore im hinteren Extra-Teil des Hardcover eine einzige Seite des Comics auf fast vier Seiten Script en detail für den Zeichner Dave Gibbons beschreibt, der Moores Ideen auf ein strenges Neuner-Panel-Grid verteilen muß.Das Moore hier mit einem Fuß im amerikanischen Spandex-Genre bleibt, mag auf den ersten Blick abschrecken, sollte aber nie davon ablenken, daß es bei Watchmen nicht wirklich um Superhelden und den Kampf des Monats geht, sondern um die Menschen hinter den Masken, ihre Träume, Ängste, Hoffnungen und ihre eigene Absurdität. Irritierend aus heutiger Sicht ist schon eher, wie sehr das Buch von der nuklearen Angst, die Mitte der Achtziger weltweit greifbar war, geprägt ist und wie verschwunden diese Angst heute zu sein scheint (ohne, daß die tatsächliche Bedrohung verschwunden wäre). Vielschichtig, clever und mit einer unglaublichen Freude am Experiment, wird nahezu jede Seite, jedes Panel des Comics auf eine ganz ruhige, nie aufdringliche Art, erzählerisch aufgeladen, sparsam, unter der Wasseroberfläche. Wer will, kann hier einen Superhelden-Whodunnit lesen, wer will, kann aber auch eine ganz andere Geschichte entdecken und sich daran erfreuen, wie die eingebettete Piratenstory nicht nur Panel um Panel den «realen» Dialog spiegelt, sondern auch die gesamte Geschichte kommentiert, wie Bild und Text miteinander spielen, wie Moore eine ganze Continuity aus dem Nichts erschafft, wie das Smiley-Motiv immer und immer wieder auftaucht, Uhren, Pyramiden, Radioaktivtäts-Warnschilder, wie die Lösung visuell schon auf der ersten Seite angedeutet wird, wie das Kapitel Fearful Symmetry eben auch tatsächlich präzise symmetrisch aufgebaut ist, wie im Watchmaker-Kapitel mit Zeit und Raum gespielt wird undundund… ein trügerisch leichtfüßiges, grandioses, dekonstruktives und zugleich konstruktives Comic, das bisher nicht einmal von Moore selbst übertroffen wurde, geschweige denn von irgend jemand sonst. Wenn es so etwas wie ein Citizen Kane des Comic Genres gibt… Watchmen ist’s. Zumal es Moore gelungen ist, mit Charakteren wie Dr. Manhattan, Ozymandias und vor allem Rorschach einen der seltsamsten Antihelden-Pantheon schlechthin zu schaffen. Rorschach, der als rechtslastiger Soziopath durch das Buch geht und am Ende doch als einziger ohne Kompromisse aufrecht seinen Weg geht, dem Tod ohne Bedenken in die AUgen sehen kann. Never compromise… even in the face of armageddon.
20. November 2005 16:57 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.