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THOM YORKE: THE ERASER

Anscheinend gelangweilt von den endlosen Diskussionen im Studio mit seiner Band Radiohead hat Thom Yorke sich zwischenzeitlich entschieden, ein Soloalbum zu veröffentlichen. Mit knappn 41 Minuten ist das lang erwartete Album im Grunde Radiohead Redux: In dem wunderbaren, aufwendig gestaltetem Digipack steckt eine CD, die sich nur wenig entfernt von dem, was wir von von den Post-OK-Computer-Radiohead kennen. Grooves und Instrumentierung erinnern an Kid A oder Hail to the Thief, insbesondere aber an die phantastische Amnesiac. Aufgrund der fehlenden Band wirkt das Album dabei etwas elektronischer, kühler, die Drums eher programmiert als live gespielt, vielleicht auch etwas skizzierter, als höre man eine Art Pre-Production für das nächste Radiohead-Album (allerdings eine verdammt perfekte). Drei vier Audio-Spuren mehr, der eigentliche Bandname aufs Cover und niemand wäre von diesem Album als Radiohead-CD überrascht gewesen. Und auch so ist es vielleicht einen Hauch enttäuschend, daß Yorke sich auf Solopfaden so derart treu bleibt, in seinem Gesangsstil, in der Komposition, selbst in den starken politischen Statements. Neue Wege beschreitet er hier sicher nicht. Ähnlich wie zuvor Roisin Murphy von Moloko sucht Yorke – gemeinsam mit Radiohead Producer Nigel Godrich – weniger das komplett neue oder andere, versucht sich nicht aus dem Band-Korsett zu befreien, sondern präsentiert eine sehr konsequente Weiterentwicklung des gewohnten Sounds. Einen Bruch, wie es Ok Computer ja für die Band selbst spürbar darstellte, daß White Album-Pendant von Radiohead, sucht man hier vergebens. Yorkes Suche nach einem minimalistischen, fast unsichtbaren Sound, nach einer zunächst simpel und fast naiv wirkenden Instrumentierung, deren Arrangement sich erst nach und nach in Schichten enthüllt und immer neue kleine Submelodien, seltsame Phrasierungen und verborgene kleien Gimmicks entblößt, ist hier einfach noch einen Schritt weiter getrieben als etwa auf Amnesiac, dem wohl ambitioniertesten Radiohead-Album und dem musikalischen Zwilling von The Eraser. Wie Amnesiac, wenn auch weniger zwischen Extremen oszillierend, weniger experimentierfreudig, ist Eraser eine Platte, die man immer und immer wieder hören kann, ohne daß Sie langweilig wird – im Gegenteil, sie entblättert sich in der Repeat-Moebiusschleife. Die Fusion von Studio-Technik (Loops, wabernde Synths, Electronica-Drumsounds) und Gitarrenpop ist hier vielleicht noch einen Tick konsequenter, weniger exzentrisch, kristallener. Die Platte ist konzentriert wie ein Diamant und wirkt doch entspannt, so als habe Yorke munter im Studio eigene Ideen mt Spurenelementen von Radiohead vermengt und mit viel Freude vorm Mikrophon gelitten.

Nicht wirklich ein Sommeralbum, sondern eher eine Platte für den Herbst, zeigt Eraser, daß Yorke seinen eigenen Stil nach all den Sprüngen mit Radiohead inzwischen gefunden zu haben scheint oder doch zumindest sehr konsequent auf einer Spur verfolgt. . Es gibt nur zwei Bands, die in ihrer introvertierten Emotionalität vergleichbvar sind – die sehr späten TalkTalk unter dem drogenvernebelten Mark Hollis und Sigur Rós, die allerdings sehr viel lauter und musikalisch ganz woanders sind. Yorkes nuschelnde Introvertiertheit läßt sich sicher weiter steigern… in Richtung minimal beat ist da noch viel herauszukitzeln und man darf gespannt sein, wie er sich weiterentwickelt, aber wenn es einen Zweifel gibt, wer der modern master of angst ist, beseitigt Eraser diese nachdrücklich: Niemand leidet derzeit so schön wie Thom Yorke.

Im besten Sinne ist Eraser ein Design-Album, ein Studie von Form und Wirkung, von Effizienz, von Ehrlichkeit und Ausdruck. Man merkt Yorke an, daß er nach einer Art musikalischem Haiku sucht, nach einer reinsten Ur-Form von seiner Musik im Jungschen Sinne, der er mit immer neuen Iterationen der an sich gleichen Songstrukturen näher und näher kommt. Yorke schreibt keine Songs mehr, er modelliert eine Skulptur. Jeder neue Song ist nur eine weitere Annäherung an den Perfekten Song, der irgendwo in der Tonmasse steckt und an den Yorke sich hervorarbeitet. Es ist nur konsequent, auf diesem Weg irgendwann ohne Band weitermachen zu wollen, Ballast abzuwerfen, noch schlichter und kleiner zu werden. Das das Piano als eines der essentiellsten Musikinstrumente bereits dominant im Sound vieler Songs ist, erscheint dabei symbolisch… auch Mark Hollis von Talk Talk endete schließlich als Soloact ja bei fast puren Piano-Tracks mit etwas Gesang, bei Musik, die mehr aus Pausen denn aus Füllungen bestand. Nicht umsonst erscheinen Hollis und Yorke als musikalisches Gegenstück zum Schreibstil von Samuell Beckett oder Jon Fosse. Die Suche beider Musiker nach einer minimalistischen Essenz scheint die gleiche, wenn auch der Weg unterschiedlich ist. Beide sind Poeten, die die reine Form einer Idee jagen.

Und es macht Spaß, Yorke bei dieser Jagd über die Schulter blicken zu dürfen.

11. Juli 2006 08:13 Uhr. Kategorie Musik.
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