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9 to 5 – Days in Porn

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Ich erinnere mich noch gut, mit Hendrik Lietmann beim Clownfisch-Schöpfungsrelease über Dokumentarfilm an sich gesprochen zu haben. Ich glaube, dass der Dokumentarfilm – für die Ruhrakademie im besonderen, aber auch ganz allgemein in Deutschland – mehr Chancen hat und auch besser zu produzieren ist als «echter» Spielfilm. Die meisten deutschen Spielfilme, vor allem die aufwendig produzierten, lassen mich überraschend kalt, weil sie narrativ oft nur amerikanische Muster wiederkäuen und keinen eigenen Stil gefunden haben, ganz abgesehen davon, dass es in Sachen Produktion und Ästhetik im Internationalen Vergleich oft einen ziemlichen Durchhänger gibt. Ausnahmen, es gibt natürlich grandiose deutsche Spielfilme, bestätigen die grobe Regel. Was auch kein Diss ist gegen den deutschen Spielfilm, sondern eher die Erkenntnis, dass sich Dokumentarfilme mit kleinerem Budget und einer guten Idee viel kleiner und mobiler realisieren lassen und trotzdem im höchsten Maße kinotauglich sind, wenn sie – im Stile der post-Michael-Moore-Ära – Unterhaltung und Neugier gut mischen. Ob Full Metal Village oder Comeback, deutsche Dokumetarfilme die den Sprung ins Kino schaffen, überzeugen meist mehr als Spielfilm. Und ich glaube, die FHs und Akademien tun gut daran, diesen Trend zu fördern. Nicht nur, weil Produktionskosten und Vermarktungschancen wahrscheinlich potentiell etwas besser sind, sondern auch, weil das echte Leben oft spannender und sehenswerter ist als der reine fiktionale Eskapismus. Der Dokumentarfilm hat lange Zeit ein verwaistes Dasein im TV gespielt und ich glaube, er wird im Kino, aber vor allem auch im Internet durch die neuen technischen Möglichkeiten, mit einfachsten Mitteln zu filmen (DSLR, iPhone usw) einen ganzen Trend zum Dokumentarischen geben, der zugleich auch den Wunsch des Publikums, gute «Reality-Fiction» zu sehen, trifft. Dass dabei selbst kleinste lokale Themen einen guten Film abgeben können, zeigte seinerseits beispielsweise Julia Butterwegges Diplom über eine WG, in der über zwei Generationen auf drei Etagen zusammen gewohnt haben. Gerade für Studenten ist der Dokumentarfilm eine Chance, relativ schnell, mit überschaubareren finanziellen Mitteln (aber meist höherem persönlicherem Aufwand) einen Film zu produzieren, der ein größeres Publikum bannen kann und keine Sekunde Gefahr läuft, sich mit den Trickeffekten von Transformers 2 messen zu müssen.

Der Clou des Dokumentarfilms ist natürlich oft, dahin zu gehen, wo es wehtut, voyeuristisch zu arbeiten, einen Einblick in eine verborgene Sphäre zu gewährleisten oder aus dem Banalen und Vulgären etwas besonderes zu melken. Der Münchener Regisseur Jens Hoffmann ist mit 9to5 einem Thema nachgegangen, dass einerseits banal ist, andererseits anscheinend nach wie vor genug im Schatten liegt, um ausgeleuchtet werden zu können. Man sollte meinen, dass nach zig RTLII-Dokus über Pornographie keine Luft mehr für einen dokumentarischen Film über einen von Amerikas größten Wirtschaftszweigen wäre, aber Hoffmanns Film hebt sich wohltuend von jedem reißerischen oder voyeuristischen Ansatz ab. Fast elegant schafft er es auch beim Draufhalten auf Sexsszenen, so zu filmen, dass es nie um reine Fleischbeschau geht, sondern immer um die Gesichter, um die Darsteller, an denen seine Kamera minutiös klebt. Mit kleinster Crew gedreht – nur zwei Leute – und in höchster Nähe zu den US-Porndarstellern, bei denen Hoffmann teilweise über die fünfjährige Produktionszeit während seiner Zeit in LA gelebt hat, erzählt 9to5 eine Geschichte, die zeigt, welche Kraft in Dokumentarfilmen liegt, wenn sie sich Zeit lassen. Die Tatsache, dass Hoffmann in bestimmten Abständen immer wieder die gleichen Protagonisten besucht und man Zeuge ihrer Entwicklung wird, verleiht dem Film seine Kraft. Mehrfach gelingt Hoffmann eine kühle Dekonstruktion der Träume der Darstellerinnen, entweder durch geschickte Gegenschnitte von Statements oder einfach durch die schiere Degeneration der Actors. Wenn etwa Audrey Hollander im Verlauf der Films immer mehr abrutscht und vor laufender Kamera die Crackpfeife im Mund hat, wenn Otto Bauers Statements kaum Zweifel am Zustand seiner Beziehung zu Audrey lassen, wenn Mia Stone vom optimistischen Do-It-Girl zur depressiven verletzlichen nackten jungen Frau wird, die nach einer Szene frustriert und einsam auf dem Bett liegen bleibt, wenn Katja Kassin fröhlich sächselnd anscheinend kaum mitkriegt, wie sie sich vor der Kamera ihren eigenen Niedergang von der XXX-Darstellerin zur «Hostess» schönredet – dann legt Hoffmann still und präzise im Mikrokosmos der Pornbranche eigentlich den gesamten Mechanismus von Hollywood bloß, der hier nur fokussierter, intensiver ist als bei normalen Filmdrehs, aber kaum weniger zynisch.

Nun ist es sicherlich keine neue Erkenntnis, dass die Pornobranche einfach nicht nett ist. Sie ist wie keine zweite Industrie eine Bündelung des schieren Kapitalismus, eine fleischverarbeitende, harte, zynische Branche, in der Menschen Ware sind und die unter hohem Zeit- und Gelddruck qualitativ minderwertige Ware auf den Markt wirft, die – daran lässt der Film drastisch keinen Zweifel – immer härtere und brutalere Filme produziert, in denen die Grenze zwischen Sex, Fetisch-Parodie und Vergewaltigung längst ausgelöscht ist. Obwohl er sich der Falle bewusst zu sein scheint, dass es nur zu leicht ist, die Darstellerinnen in der Branche als Opfer darzustellen (und die meist männlichen Agenten, Produzenten und Regisseure als «Täter») rutscht 9to5 genau in diese Falle hinein. Abgesehen von der denkbar offensichtlichen Schwäche, dass wir kein «male Talent» jemals so intensiv kennenlernen oder verfolgen wie die weiblichen Darstellerinnen, obwohl es sicherlich spannend gewesen wäre, zu sehen, ob die Männer in der Branche genauso abgeschliffen werden wie die Frauen, neigt Hoffmann mehrfach dazu, die Narration eines Drehbuches zu wollen – und das schreit natürlich nach Opferrollen. Der Film kontert das durch Figuren wie Sasha Grey und Belladonna, die ihre eigene Karriere mal weniger mal mehr bewusst im Griff zu haben scheinen, wobei Hoffmann  bei Grey durch einen Kommentar von Sharon Mitchell wenig Zweifel daran aufkommen lässt, dass die junge Darstellerin vielleicht einfach noch unerfahren ist. Als einzig halbwegs positive Figur kommt Belladonna weg, die ein halbwegs normales Leben zu führen scheint – verheiratet, ein Kind – ihre Filme selbst produziert und ungeachtet des erschreckenden Härtegrades ihrer Filme relativ normal wirkt und eine klare Vorstellung ihrer Karriere vor und hinter der Kamera zu haben scheint. Obwohl ästhetisch weit weg vom Stil der Skandalreportage, kann sich Hoffmann nicht ganz von der Suche nach dem Elend lösen und verpasst so oft die Chance, tiefer in den Mechanismus der Branche einzusteigen.

Im Film wird die Dichotomie zwischen Amerikas Prüderie und der Tatsache, dass in den USA zugleich der größte Anteil der weltweiten Pornoproduktion stattfindet, angerissen. Leider verpasst der Film die Chance, diesen nur scheinbaren Gegensatz weiter aufzulösen und zu untersuchen, inwiefern eigentlich das Pornbiz die eigentliche Einlösung des American Dreams ist, die pure Essenz der Idee hinter McDonalds und Wall Street. Die extreme Verrohung der Filme und der Branche, das hohe Maß an Gonzo – und Hoffmann bewegt sich mit seinem Film nicht im Bereich Glamour-Porn, sondern eben eindeutig im unappetitlicheren Segment des Gonzofilms -, die Klarheit mit der Human Ressources ausgebeutet werden, müsste für einen Dokumentarfilm, der versuchen würde, Verbindungslinien über die reine Branche hinaus zu ziehen, ein Fest sein. Rick Poynor berichtet in Designing Pornotopia ausführlich über die Pornographisierung der «normalen» Gesellschaft, über das massive Einsickern von exploitativer Ästhetik in den Alltag, insofern darf die Frage gestellt werden, ob die Mechanismen dieser Branche nicht – ebenso verzerrt und comichaft überzeichnet wie der Sex selbst – nicht die Mechanismen unserer Wirtschaft und Gesellschaft als solches widerspiegeln.

Diese nicht so unspannende Frage reißt Hoffmann leider nur kurz an, um sofort wieder zu zeigen wie Otto Bauer bekifft und betrunken mit dem nackten Hintern in seinem Herd bemitleidenswert-ekelig ein Model vögelt – und verpasst so die Chance, sein Thema in einen größeren Kontext einzufügen. Was kein Vorwurf an den Film sein kann, der sicher bewusst diese menschliche Perspektive gewählt hat, aber eben schade ist, wenn man bedenkt, wie beispielsweise eben Moore es (oft zu polemisch) schafft, vom Besonderen zum Allgemeinen zu gehen und aus dem Columbine-Massaker ein Statement über den Gesamt-Geisteszustand seines Landes zu machen. Es wäre spannend gewesen, das hier mit der Ruhe und der Energie, die Hoffmanns Film jederzeit ausstrahlt, zu sehen. (Interessant ist bei diesem Aspekt auch, dass die Rolle von eingeflogenen osteuropäischen Darstellerinnen oder billigeren Produktionen in Osteuropa weitestgehend ausgeblendet ist – obwohl sich eben auch hier im Mikrokosmos Porn ein Mechanismus des gesamtwirtschaftlichen Überbaus, des neoliberalen Globalisierungsmechanismus, ganz großartig dekonstruieren ließe).

Man kann Jens Hoffmann aber natürlich auf keinen Fall vorwerfen, einen Film gemacht zu haben, der im Kleinen, bei den Darstellern und Produzenten bleibt, denn das ist offensichtlich seine Absicht und diese Bescheidenheit stellt vielleicht eine verpasste Chance dar, verleiht dem Film aber zugleich eine Einfachheit und Unambitioniertheit, die an sich auch wohltuend ist. Fast lapidar filmt Hoffmann seine Protagonisten ab, lässt ihre Lügen an der Realität zerplatzen und überlässt es oft dem Publikum, zu entscheiden, was es glauben will oder nicht, wenn etwa Mark Spiegler sich als wohltätiger Samariter portraitiert oder wenn Sharon Mitchell das Business kritisiert, sich aber offensichtlich klar an dessen L.A.-Schönheitsideal heranoperiert hat. 9to5 steckt voller solcher kleiner Wahrheiten und kleiner Lügen und sucht die Realität hinter der Illusionsmaschine. Das man bei dieser Suche manchmal scheitert, wenn es hinter der Illusion für die Individuen, die der Film zeigt, gar keine Realität mehr geben kann, sondern sie in einen Kokon von Selbstlügen eingespinnt sind, ist vielleicht die größte Erkenntnis dieses Films, der herrlich wie seit langem kein Film Lebenslügen auf zugleich sardonische und sanfte Art einfängt.

15. Juli 2009 07:00 Uhr. Kategorie Film. Tag . 4 Antworten.

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