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8 FRAUEN

Schon das Bühnenbild von Wolf Gutjahr macht bei dieser Aufführung im Essener Grillo-Theater klar, worum es geht: Eitelkeit, Reflektion, Enthüllung, Entblätterung, Erleuchtung. Die zunächst sieben der Acht Frauen stehen in einem Spiegelkabinett, inmitten von Blumen-Barhockern, zentrales Element der Bühne ist eine gigantische Doppelhelix-förmige Treppe, die von einer Aureole gleissender Neonlichter umringt ist. Und wo der Film von Francois Ozon eher eine kammerspielartige Szene französischer Gutbürgerlichkeit suggeriert, setzen Dramaturg Thomas Laue und ebenfalls aus dem schauspielhannover kommende Regisseur Elias Perrig auf die spielerische Parodie der Publikumserwartungen an ein leichtes Musical. Zwar bleibt das Stück am Stoff und bietet dem – bei einem aus dem Kino bekannten Stück immer zu erwartetenden – bürgerlichen Publikum einen klaren Wiedererkennungswert, also keine aggressive Dekonstruktion, und auch mehr als genug Boulevardelemente für Komik und Leichtigkeit, aber die Freude an surrealen Momenten ist – je weiter das Stück fortschreitet zunehmend – greifbar, mit eskalierender Absurdität des Mordfalls weicht eben auch die Plausibilität der Bühnenaufführung als solche rasant auf. Da taucht ein kostümierter Weihnachtsmann aus dem Schnee auf der Bühne auf, Degen werden aus dem Bühnenboden zum Duell gereicht, halbnackte Frauen prügeln sich und Sabine Orléans brilliert schließlich in einer furios überdrehten Tour de Force, in der sie ihre Mitspielerinen, darunter Jutta Wachowiak als ihre Mutter, völlig überdreht bedroht und anbrüllt. Tänzerisch und mit einiger Freude werden so gängige klassische und moderne Theaterklischees als dramaturgische Elemente Auch die Motivik des Entblößens wird bis deutlich an die Grenze der Persiflage getrieben, die Frauen ziehen sich nahezu permanent aus oder um und werden ihrer falschen Haare, ihrer Unterwäsche oder ihrer Mäntel beraubt. Die gesellschaftliche Camouflage der Frau wird so schrill hyperthematisiert, der Subtext des Stückes zum Metatext, der Boulevard mit seinen eigenen Mitteln besiegt.

Im Grunde funktioniert das wie die ja durchaus hochberechenbare Humorformel eines Harald Schmidt, der einerseits die Massen bedient, andererseits auf einer Art anderer Frequenzebene versucht, das Feuilletonpublikum zu erreichen. Diese Art von verschwommener Doppelbödigkeit nutzend, liefern Laue und Perrig publikumswirksamen Neoboulevard, der zugleich seine Kinder frißt. Und es macht Spaß, ihm beim Kauen zuzusehen. Die acht Darstellerinnen lassen sich auf den hypertonischen Komödienstadl ein und overacten, was das Zeug hält, scheißen aufs Understatement, schreien, heulen, kratzen, hauen, flirten, manchmal so aufdringlich, daß man zusammenzuckt. Und hofft, hofft, hoft, daß das alles mal so gewollt ist, als Dorftheater im Hyperdrive eben, Pop eating itself. Und insofern mal gar nicht so schlecht ist.

Aber ein Ding noch: Die Abendprogramme des Essener Theaters sind wirklich unbefriedigend. Ich mag Markus Rindermanns Auftritt für das Haus ja wirklich, diese Getränkemarkttypo und all das, aber die Abendprogramme sind mal gar nicht schön. Stumpfe Probenphotos und stumpfe Texte, das ist mir zu wenig eigenes Statement für ein schönes Theater. Das kann jeder. Das sagt nüscht. Das ist, als würde man ein Bühnenbild beim Ikea kaufen. Ich bin selten von meiner eigenen Arbeit begeistert, im Gegenteil, aber angesichts dieses Abendprogramms war ich dann doch einen Moment sehr zufrieden mit dem, was wir meist gemeinsam mit dem Bielefelder Theater hinlegen. Die Dramaturgen erlauben uns eine eigene Note, eine tatsächliche Ergänzung ihrer Stoffe und Ideen, die Programmhefte sind – wie ein Musikvideo oder ein gutes Bühnenbild – eine eigene Leistung zwischen Designer und Dramaturg und insofern eine Bereicherung des «Gesamterlebnisses Theater», nicht eine herzlose Begleitbroschüre, sondern eine Memorabilia, ein Geschenk, ein Sammelobjekt, eine Herausforderung. Und so sollte es sein.

8. März 2006 12:00 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

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