
Seltsamerweise ist 300 der einzige Comic von Frank Miller, den ich nicht gelesen habe. Und obwohl ich insofern etwas weniger vorbelastet in Zach Snyder’s Verfilmung von Millers Spartakianer-Epos gegangen bin, ist überraschend, wie eindeutig der Film Millers Handschrift trägt. Look und Outfit der Figuren und ganze Szenen wirken, wenn auch weniger stilisiert als bei Miller, wie direkt aus seinem Kopf entsprungen. Snyder hat sich mit seinem deftigen Remake von Dawn of the Dead für das blutige Flair von 300 bestens empfohlen und so ist es sicherlich auch kein Film für schwache Gemüter, auch wenn die Gewalt hier so hyperstilisiert ist, so hyperkinetisch, dass es eher an Ballett erinnert als an Splatter.
Die enorm digital nachbearbeitete Optik schuldet MTV-Videoclips und Videogames mehr als einem normalen Sandalenfilm. 300 ist eine Oper, so etwas wie kleine Gesten oder Understatement wäre hier nicht zu finden. Jedes Wort, jede Bewegung… alles ist larger than life, alles ist so schwarzweiß wie die Comics von Miller. Und entsprechend gibt es auch moralisch keine Grauzone, keine Kompromisse. George Bush könnte sich mit der plump-faschistoiden Propaganda von 300 sicher anfreunden. Hier die Helden der westlichen Zivilisation, dort die tyrannischen, unfairen und dekadenten Perser. Wer will kann hier sicher Parallelen zum Irakkrieg ziehen und in 300 einen propagandistischen Durchhaltefilm erkennen – aber das Comic stammt tatsächlich von Ende der 90er Jahre, insofern ist dieser Vergleich etwas zu einfach.
Es ist vielmehr so, dass Miller in 300, wie auch in seinen anderen Comics, egal ob Sin City, Martha Washington oder Batman, den Vigilanten als Helden feiert, der einem inneren Recht, das über dem weichen und korrupten Gesetz steht, folgt und bereit ist, für diese Überzeugungen zu sterben. So wie Batman am Ende von The Dark Knight Returns, sammelt auch König Leonidas eine Schar Getreuer um sich, mit der er in den Krieg zieht. Miller, übrigens tatsächlich bekennender Verfechter einer strammen Anti-Terror-Politik, folgt hier seinem Glauben an eine benevolente Diktatur, einen Faschismus der Wohlmeinenden, einer Art überlebensgroßem Ayn-Rand-Remix.
Zach Snyder macht aus Millers Wagneresken Tönen ein Pop-Opus, das für die breite Masse funktioniert. Die Story ist simpel, die Fronten sind klar, der Plot ist nicht schwieriger zu verstehen als ein Heavy-Metal-Video. Der visuelle Zuckerguss des Films – seit Matrix hat kein Actionfilm mehr so unverhohlen auf Style over Content gesetzt – versöhnt mit dem kargen Inhalt. Nahezu jede Einstellung ist inszeniert, nachbearbeitet, veredelt, bis sie zu einer Art Gemälde gefriert. Snyder setzt auf Decompression, gefrorene Posen, auf Bullet Time, und bringt so den Film zurück zum Comic, scheint fast zu vergessen, daß ein Film von Bewegung lebt, so wie ein Comic von der Nicht-Bewegung… Snyder scheint oft zufrieden, die Comic-Motive einfach in den dreidimensionalen Raum zu hieven, zum stilstehenden Bild, zum künstlerischen Einzelmoment zu gehen. Die Darsteller werden so zum reinen Schaltmoment in einem komplexen digitalen Composing, zu Körpern. Jede individuelle Aura, jede persönliche Ausstrahlung geht verloren in der Wucht der elektrischen Bilderorgie. Was bleibt sind perfekte, gestählte Körper, öl- und schweißglänzende Kampfmaschinen hier (Gerard Butler und Co) und makellose Frauen dort (Lena Headey und Kelly Craig in einer wunderbaren Szene als Orakel). In Snyder’s Film haben Darsteller, ebenso wie eine Story, keinen Platz. Worum es geht ist die kaltglänzende technische Perfektion, auch wenn der Film sie sepiafarben tarnt. Es ist die Schwerelosigkeit der Kamera, die sich nicht nur scheinbar völlig entgrenzt durch den Raum bewegen kann, sondern die vor allem auch eine stilistisch einmalige Kontrolle der Zeit erlaubt, die Snyder in den Vordergrund spielt. In ästhetisch makellosen Kampf-Sequenzen folgt die Kamera ohne Schnitt den Spartiakianern über das Kampffeld, friert Posen ein, zoomt durch die Zeit vorwärts, zischt über das Schlachtfeld. Die Montage löst Zeit und Raum auf, die narrative Ästhetik des Bildes ersetzt die eigentliche Narration. Es gibt nichts zu erzählen, aber es schaut gut aus dabei.
Gerade die verlockende Bildwelt aber macht den Inhalt kritisch. Das Persergott Xerxes als schwuler Sarottimohr auftritt und die persischen Soldaten als feige, gesichtslose Masse hingemetzelt werden wie Zombies bei einem Ego-Shooter-Game, dass der Verräter Ephialtes schon rein äußerlich ein Unreiner ist, nicht fähig, aufrecht zu gehen und für Sparta zu kämpfen… diese ohne jedwede ironische Brechnung präsentierten Klischees machen den Film unter seinem Zuckerguss zu einer bitteren Pille. Ich glaube nicht wirklich, dass Parallelen zum akuten Clash of the Cultures in Snyders Sinne waren oder wären, und im Rahmen von Millers eindimensional ultrabrutaler Geschichte ist es für den Regisseur auch undenkbar, Distanz oder kritische Brechung in den Film einzuflechten. Miller ist nun einmal Kicksplode, eindimensional und wuchtig, da filigran arbeiten zu wollen, würde dem Urmaterial nicht gerecht. Politicial Correctness in ein blutiges Soldaten-Epos über eine elitäre eugenische protofaschistoide sozialdarwinistische Krieger-Gesellschaft einzubringen… undenkbar.
Insofern verlegt sich Snyder vielleicht zurecht auf die beeindruckende visuelle Realisierung, auf auf die reine Oper, auf ein Nerd-Fest. Pathetisches Cinemascope-Kino, perfekte (Computer-)Choreographie, ein kunstvoller, exzessiver Film, ein Riefenstahl-esques pompös-pseudomythische Heldenepos ohne Reue – 300 ist die Sorte Pop-Film, bei der man wirklich besser den Kopf abschaltet, wenn man sich nicht ärgern will. Und entsprechend lässt der Film schlussendlich denn auch kalt. Man geht beeindruckt von den Technobildern hinaus, aber man hat nichts mitgenommen, man hat gesehen, aber nicht gefühlt, man ist visuell, aber nicht emotional überwältigt. 300 ist eine Leistungsshow synthetischer Effekte, in der authentische Gefühle keine Chance haben. 300 ist ein Retortenfilm, wie schon Sky Captain davor, der Crossover von Videogame-Ästhetik und Cinema, bei dem die Grenzen des visuell Machbaren erneut und erfolgreich verschoben werden und die längst an der Simulation des Unmöglichen abgestumpfte Zuschauer mit noch extremeren Visuals aufgerüttelt werden. Es ist, im besten und schlechtesten Sinne, eine Operette, ein Zirkus. Ein Spektakel.
Ein Comic, eben. Was sonst?
13. April 2007 23:21 Uhr. Kategorie Film. 9 Antworten.
Ich war schon ein bisschen verwundert, dass Snyder die Story ohne jegliche Brechung gelassen hat, nachdem Dawn of the Dead ja gnadenlos subversiv war. Aber vielleicht bedeutet das einfach, dass er dem Stoff jeweils treu bleibt, ohne jegliche Kompromisse. Wenn man will, kann man Ephialtes ein bisschen gegen den Strich lesen und sagen, dass die Ablehnung des “unwerten Lebens” zuletzt das Ende der Spartaner bedeutet hat. Aber das nur mit viel Mühe.
Ich weiß nicht. Man kann “300″ einfach nicht so stehen lassen ohne Bauchweh.
Wobei ich am gelungensten an Dawn of the Dead ja ein Extra auf der DVD fand – dieses kleine Low-Tech-Psuedo-Videodiary dieses Typen im gegenüberliegenden Gebäude. Klein, smart, böse. Im Grunde die Antithese zu 300 ;-).
also ich kann mir kaum vorstellen wie das comic dazu aussehen soll. entweder ist es sehr dünn oder hat nut bilder. es ist halt nur ne schlacht ohne ne wirklich ausführliche geschichte. also man kann den ganzen film in einem satz erklären.
so lustig das auch klingt, danach haben wir direkt dawn of the dead geguckt den ich vorher noch nicht kannte und fand den film einfach nur genial. natürlich ist der nicht ernst zu nehmen, aber die gags dadrin sind echt geil. auch die schönen spiele die man aufm dach spielen kann!
Scott Kurtz schöner Kommentar zu 300:
http://www.pvponline.com/article/3263/fri-apr-13
BÖSE DEUTSCHE!
also wirklich!!der film ist einfach Dumm!ich verstehe die Handllung nicht,und ich finde es nicht gut wenn man andere völker und deren Geschichte so einfach ins dreck zieht!Schade dass es so viele Menschen gibt die, der Botschaft des Filmes nicht verstehen.und zwar es geht nur darum: Wir in westen sind die Herren Menschen und DIE sind die Achse des Bösen!nur weil sie NICHT nach unsere pfeife tanzen!weil sie Öl haben.Ich finde die Amis sollten eher über die Atombomben die sie auf Japan geworfen haben Filme machen, Oder wie wärs über Vietnam? Oder Irak?Afghanistan?Korea? und und und…….
Wenn man andere Leute dumm nennt, sollte man erst lesen. Die Vorlage für den Film iust VOR dem Irak-Krieg entstanden. Und Millers Form von sicher leicht kryptofaschistoiden Patriotismus ist nicht mit Bushs Politik zu Verwechseln, sondern hat ganz andere Quellen, die sich – wie man oben lesen konnte – durch alle Werke Millers ziehen. Aber da steckt mehr Cowboy, mehr Soldat hinter als Hitler, so ist nicht. Und das es gegen die Perser ging, jo mei… das WAR historisch nun mal so.
Ansonsten: Eeeeerst die langen texte von mir lesen, dann commenten. Spart bissige Antworten von mir :-D
also ich fands grad wegen der pompösen comicartigen machart wahnsinnig gelungen!
allerdings muss ich dir rechtgeben, dass der film emotional nicht wirklich berührt, ich hab mich im kino eher kaputt gelacht! er lohnt sich wegen der 300 bestaussehendsden männer der welt auf jeden fall für jede frau, aber wieder etwas wo ich dir widersprechen muss ist die spatiatenkönigin, die fand ich persönlich wirklich passend und kein bisschen perfekt.
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