
Life sucks and then you die – so und nicht viel anders kann man Chuck Palahniuks ersten Roman »Owl« zusammenfassen, benannt nach einer winzigen Midwestern-Kleinstadt, in die es die Lehrerin Julia verschlägt, die neben dem Witwer Horace und dem Schüler Mitch eine der tragenden Figuren eines Buches ist, in dem auf ausgesprochen fesselnde Weise beinahe nichts passiert. Mit der Detailfreude des Journalisten, der in hunderten von Texten Menschen getroffen und portraitiert hat, verleiht Klosterman diesen drei Protagonisten und zahlreichen Randfiguren oft durch verblüffend einfache Details, glaubhafte und dreidimensionale Persönlichkeiten, die über den Mangel an Handlung nicht hinwegtäuschen, sondern vielmehr durch diesen geradezu erst möglich werden. Die Ennui der völlig austauschbaren Miniaturstadt am Rande des Nirgendwo, die Wiederholung, die Enge, schaffen eine Art Kunstharz, in dem gefangen die Figuren von ihrem Autoren gewendet und gedreht, in aller Ruhe, betrachtet werden können, frei von dem Momentum einer Handlung, die diese Meditation stören könnte. Klosterman tut im Grunde, was er am besten tut, nur fiktional. Er portraitiert nicht-reale Menschen, eingebettet in Popkultur-Zitate und 80s-Referenzen, mit einer fast philosophischen Langsamkeit, die aber seltsamerweise kaum Langeweile aufkommen lässt, außer vielleicht beim Autor selbst. Denn wie schon bei »The Visible Man« zeigt sich – allerdings unter ganz anderen Vorzeichen -, dass Klosterman ein Problem damit hat, Geschichten zu beenden. Kaum kommt so etwas wie Handlung in Fahrt – ein Showdown zwischen den beiden größten Bruisern der Stadt, Grendel und Candy einerseits, die langsam sich anbahnende Romanze zwischen Julia und der depressiven Sportlegende Vance andererseits -, lässt der Autor einen (wohl der Wirklichkeit entliehenen) Blizzard über das Dorf fegen, den nur eine unserer Hauptfiguren überleben wird. Klosterman behandelt diesen plötzlichen Eissturm, der wie eine Urgewalt in den Stillstand des Buches fährt, furios und unaufdringlich-metaphorisch. Die Slackerin Julia erstickt in ihrem Auto bei 80s Metal und Kuchen von der Tankstelle, der soziopathische Mitch macht sich, ganz Held in seinem eigenen Film, auf den Weg in Sicherheit, verläuft sich aber und erfriert auf den Knien, nur der einsame und langsame Witwer Horace, der eigentlich keinen Grund zum Weiterleben hätte, kommt dank Langsamkeit, Genauigkeit und etwas Glück heile nach Hause und entdeckt – ganz unpathetisch geschrieben – die Freude am Leben wieder, in dieser besten Nacht seines Lebens. Das Buch öffnet und endet mit einer Zeitungsnachricht, die am Ende den Tod des Übersportlers Grendel mitten im Satz zu den Lokalnachrichten verbannt, so wie Klosterman den Tod seiner Hauptfigur Julia durch eine lapidare Aufzählung und einige Auslassungsstriche anzeigt. Es ist kein Sturm, der reinigt oder läutert, es ist kein literarischer Deus Ex Machina, höchstens ein Weg, die ganze Geschichte zum Ende zu bringen, obwohl sie per se gar nicht auf ein Ende angelegt ist. »Owl« ist ein Buch über den Stillstand, die Langsamkeit, die Wiederholung und die Vielfalt, die sich in diesem anti-urbanen Weniger entfalten kann. Durch die Augen von Julia entdecken wir die Kleinstadt erst als frustrierenden Ort, dem man nur betrunken entgegentreten kann, mit Mitch als abstumpfenden Hort von Mordphantasien, und schließlich in Horace als fast meditatives Sanktum von Ruhe und Ehrlichkeit. Klosterman, Kleinstadtkind und doch beruflich wahrscheinlich durch jede Metropole der USA gekommen, schafft es, neben seinen Protagonisten die Stadt selbst – und mit ihr jede andere Kleinstadt, jedes andere Kaff – zu einer Art von Gesamtidee zu verdichten. In vielleicht unbewußter Nähe zu Stephen King schafft Klosterman eine aus vielen Detailscherben zusammengesteckte Fast-Realität, in die dann das Unheil einbricht… bei King meist übernatürlicher Natur, bei Klosterman ohne das Horror-Buhei, was dem Autor die Möglichkeit gibt, seine (vor allem Neben-) Figuren weniger als Staffage für einen Thriller zu mißbrauchen, sondern ihre Normalität in den Mittelpunkt zu stellen, bis du als Leser in dieser Langeweile von über Sport redenden alten Männern das Grandiose siehst.
»Downtown Owl« ist dabei alles andere als ein langweiliges Buch, auch es weniger wegen seiner Handlung lesenswert sein dürfte. Es ist vielmehr Chuck Klostermans spielerischer Umgang mit Erzählformen, der frei flottierende und angstfreie, mit fast jedem Kapitel wechselnde Experimentiermodus, den er immer wieder federleicht umschaltet. Klosterman ist ein Meister darin, glaubhafte, dreidimensionale Figuren zu schaffen und diese texturiert und wunderbar abwechslungsreich zu präsentieren. Dadurch drängt er sich als Autor durch zu viel Präsenz durchaus gelegentlich vor seine Figuren, die hinter dem Feuerwerk ungewöhnlicher Erzählmethoden bisweilen etwas unter die Räder kommen, aber dennoch bist du am Ende als Leser an Julia, Mitch und vor allem dem wunderbaren Horace interessiert und selbst Nebenfiguren werden dir wichtig, so wichtig, dass es verständlich ist, wenn viele Leser des Buches sich mit der Teppich-unter-den-Füßen-Methode des Finales nicht zufrieden geben wollen. Klosterman baut interne Monologe gewieft in Dialoge ein, arbeitet mit verschiedensten Schreibinnovationen und -ebenen, und fackelt ein fast zu benebelndes Feuerwerk an technischen Tricks ab, bei einem Debut selbst eines erfahrenen Essayisten vielleicht erwartbar, der Mann glaubt natürlich, sich beweisen zu müssen. Was er eigentlich nicht muss, und trotzdem ist es (ausnahmsweise) eine Wohltat, dem Schreiber bei diesem Kraftakt zusehen zu können, der mit nahezu jedem neuen Kapitel eine andere Technik hervorbringt und anders in die Innenwelt seiner Figuren blickt.
»Downtown Owl« ist insofern nicht so fesselnd wie »The Visible Man«, dafür verliert das Debüt aber auch nicht so an Verve wie das spätere Buch. Im Gegenteil, »Owl« ist ein durchgehend überzeugendes, souveränes Werk, wasserdicht geschrieben, wunderbar frei von Handlungsdruck und mit einem grandiosen Ende, das Klosterman mit atemberaubender Beiläufigkeit präsentiert.
29. Februar 2012 23:47 Uhr. Kategorie Buch. Tag Belletristik. Keine Antwort.
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