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12-01-31

31. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-30

30. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

J. Edgar

hd schellnack

Es ist ein seltsam behutsamer Film, den Clint Eastwood hier gemeinsam mit »Milk«-Drehbuchautor Dustin Lance Black abgeliefert hat – und in dieser ironischen Sanftheit ist »J Edgar« vielleicht beißender und verletzender als ein zynischerer Ansatz gewesen wäre. Black lässt aus Hoovers Selbstdarstellung als patriotischen Superman und Superagenten nur behutsam die Luft heraus, was den Film zumindest für deutsche Zuschauer schwierig machen dürfte. Während man in »Milk« den namensgebenden Harvey Milk kaum vorweg kennen musste, weil der Film die Figur ausreichend einführt, hat man im Vexierspiel von »J. Edgar« nie das Gefühl, Hoover wirklich kennen zu lernen, der Charakter bleibt ein Phantom in einem Nebel aus Eitelkeiten und Lügen. was wahrscheinlich passend ist bei einem Geheimdienstchef, um den sich so viele und so widersprüchliche Legenden ranken, was aber leider einem kohärenten Film etwas schadet. So mutiert Hoover zu einer Art mythologischer Figur, die keine historische Wahrheit mehr hat, sondern fiktionale Weichheit aufweist, bei James Ellroy ganz anders sein kann als bei Dustin Black, den wir aber »real« kaum zu greifen bekommen. Wahrscheinlich hätte der echte Hoover es genau so gemocht. Blacks Version zeigt ein eher weiches Muttersöhnchen, einen Karrieristen, den fast einen Tick zu stereotypen verklemmten Homosexuellen, der seine Gefühle so unterdrückt, dass er zum Hardliner mutiert. Es ist sicher keine unspannende Deutung, dass Hoover gegen Kommunisten und Beatniks, Schwarze und Linke aufrüstete, um damit stellvertretend das vermeintlich «Fremde» in seinen Innersten zu kontern und erst ganz zum Schluss offen mit seinen Gefühlen für Clyde Tolson umgehen kann. Unter dieser Perspektive leiden aber politische und andere psychologische Deutungen, die den Bürokraten Hoover vielleicht weniger krampfhaft zu vermenschlichen versucht hätten, die in einen strafferen, krampfloseren Film gemündet wären. So aber ist es zunehmend anstrengend, den Kurven des Films folgen zu wollen, der sich auf kaum eine Lesart seiner Hauptfigur festlegen zu wollen scheint, immer bei Andeutungen oder Relativierungen bleibt, mit Ausnahme eben der Homosexualität Hoovers, die DiCaprio im Verlauf des Films zunehmend nutzt, um die inneren Konflikte seiner Figur etwas übertrieben körperlich nach außen zu spielen – etwa durch Bauchschmerzen, verzerrte Mimik (was auch an der furchtbaren Maske liegen kann, sicher) oder starre Körperhaltungen. Die Deutung, dass sich hier ein Mann krampfhaft in Zaum hält und diesen Kontrollwahn auf ein ganzes Land überträgt, dass er komplett durchanalyieren und fahndungstauglich machen will, ist mir persönlich einfach zu nett und niedlich für den faschistoiden Patriotismus eines Hoover, für seine möglichen Verstrickungen mit der Mafia, für die Spuren, die dieser Mann in der Weltpolitik hinterlassen hat und dessen zwielichtige Rolle beim Tod von JFK hier zwar durchaus giftig angedeutet, aber eben auch nur angedeutet wird. Wer Hoovers Biographie kennt, wird bei diesem Film viel zu entdecken haben und sich aber unterm Strich eben doch ärgern – es ist, als würde es bei einer Biographie Hitlers am Ende nur darum gehen, dass er einen Schäferhund hatte. Dass Hoover FBI-Chef auf Lebenszeit war, ein Imperium unterhielt und wie ein König sein Reich sogar an seinen Adlatus Tolson übergab, bis der noch größere Paranoiker Nixon endgültig eingriff und sich des Hoover-Erbes entledigte… all das kann wohl kaum mit einem warmen Zitat der (angeblich lesbischen) Eleanore Roosevelt hinweggefegt werden. Schwul zu sein wird in diesem Film fast zu einer Art politischem Persilschein – und die ja durchaus umstrittene Frage, ob Hoover überhaupt homosexuell war, nimmt dabei einen Raum ein, dass man sich unwillkürlich fragt, ob nicht andere Aspekte seines Lebens ebenso wichtig hätten sein können. Was bei »Milk« unbestritten biographisch wichtig und richtig wirkte – der Mix aus Politik und Privatleben – wirkt hier seltsam aufgepropft und auch langweilig. Die Frage, mit wem Hoover nun ins Bett gegangen ist oder nicht – Lela Rogers oder eben doch Tolson – ist doch vergleichsweise öde gegenüber dem politischen Wirken des Mannes.

Vielleicht wirkt es auch nur so, weil in diesem leicht behäbigen Film nie so etwas wie Charisma oder filmisches Flair entstehen will, weil die teilweise wirklich schlechten Masken, die die Darsteller älter wirken lassen sollen, mitunter an Waldorf und Statler denken lassen anstatt an zwei der wichtigsten politischen Player in den USA, die für zahllose Vertuschungen und BlackOPs zuständig waren, weil der hochtalentierte DiCaprio hier einfach zu sehr wie eine recht seltsame Mischung aus Mario Adorf und Marlon Brando wirkt, weil er einfach zuviel des Guten versucht und weil allzu laute Schauspielerei noch nie dafür gut war, dem Zuschauer bei der Suspension of Disbelief etwas Arbeit abzunehmen, weswegen umgekehrt die zurückhaltende Naomi Watts so grandios ist in ihrer Rolle, trotz des Make-Ups. Wäre »J. Edgar« ein weniger ambitionierter Film, man könnte gut und gerne über all diese Lieblosigkeiten hinwegsehen – aber unweigerlich vergleicht man Clintwoods Film dann eben doch mit einem anderen Film über eine amerikanische Legende, deren politische und private Eskapaden Hoover nahezu blass aussehen lassen – mit »Aviator«. Scorsese zeigt hier ebenfalls einen Leonardo DiCaprio, aber in absoluter Hochform, zeigt ebenfalls einen Ritt durch die Perioden, aber in cineastisch umwerfender Ästhetik, reisst auch nur in Andeutungen und Augenzwinkern die umstrittene (und wie bei Hoover eben kaum jemals wirklich beweisbare) Skandale an, aber mit einem Schwung, von dem Black und Eastwood nur träumen können. Wo »Aviator« alles in allem inspirierendes, großartiges Kino ist und den Mythos der Hauptfigur nährt anstatt ihn kleinlich für eigene Zwecke zu dekonstruieren, wirkt »J. Edgar« leider staubig wie die Karteikästen des Namensgebers, weil Drehbuch und Regie aus der Ambivalenz und Doppelbödigkeit der Hauptfigur kein Kapital schlagen, sondern ihr zum Opfer fallen, in dem etwas zu beiläufigen Versuch, einem realen Leben eine dumpfe Hollywood-Dramaturgie aufzupropfen.

19:58 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

12-01-29

29. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-28

28. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-27

    Why Wedding Photographers’ Prices are “Wack” http://t.co/yjFFGniv (via dpreview) #
    Shelf Life – The Art of Lettering http://t.co/2vf8zcKW #
    I will pose my question again, this time above the din of the imaginary radiator. WHO. ARE. THE THOUGHT POLICE? – Downtown Owl, Klosterman #

27. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-26

26. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-26

21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-25

25. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-24

24. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Reim dich oder ich fress dich

hd schellnack

Mnemotechnisch einfach viel besser als richtig geschrieben. Vor allem, wenn man es sich mit etwas Chico-Marx-Akzent gesprochen denkt.

12:56 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Billig

hd schellnack

10:46 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 2 Antworten.

12-01-23

23. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-21

21. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Mission: Impossible 4 – Ghost Protocol

hd schellnack

Man darf sich nichts vormachen – schon der letzte Teil der Serie hatte nichts mehr von der Eleganz und dem Hitchcock-on-Steroids-Thrill von Brian de Palmas ursprünglichem Kinofilm. Cruise als Ehemann, ein unaufgelöster McGuffin, fast beeindruckende Löcher im Plot, der sich weitgehend wie eine ungenutzte Alias-Folge von JJ Abrams anfühlte, das einzige, was wirklich noch Adrenalin versprach bei MI3 war eigentlich nur noch Schiffrins MI-Theme. Dennoch konnte Abrams noch mit einigen phantastische Stunts aufwarten und mit Philip Seymour Hoffman einen unverfroren fiesen Bösewicht gegen Cruises allzu aalglatten Ethan Hunt auffahren und dem mechanistischen Konzept der Serie zumindest im Detail noch etwas hinzufügen.

Sechs Jahre und einige öffentliche Cruise-Meltdowns später kehrt Ethan Hunt schon mit der Physis eines extrem durchtrainierten aber doch sichtbar älteren Herrns auf die Leinwand zurück, und man darf sich am Ende des Films fragen, wieso eigentlich. Während die letzten beiden Craig-Bond-Filme und selbst Nolans zweiter Batman zeigen, dass leichte und action-orientierte Blockbuster-Kost trotz allen Zugeständnissen an ein breites (und junges) Publikum handwerklich und inhaltlich gute Arbeit sein kann, ja stellenweise sogar unerwartet Tiefgang aufblitzen darf, hat MI 4 eine Art Handlung, die so linear, vorhersehbar und abgeschmackt ist, dass dagegen selbst 50er-Jahre-TV-Serien schlagartig hochkomplex wirken. Klar, man darf ja eigentlich dankbar sein, dass die in allzu vielen Filmen strapazierte Methode »Mein allerallerbester Freund aus Akt I entpuppt sich in Akt III als Verräter« hier nicht auch noch zum vierten Mal strapaziert wird, aber muss man deshalb auf jede Art von Wendung oder Mindfuck verzichten? Muss es wirklich noch ernsthaft Filme geben, die mit bösen Russen beginnen und mit Bomben, die auf Amerika fliegen, enden? Sehnt sich Amerika so sehr nach dem einfacheren Kalten Krieg zurück? MI 4 ist ein im Wortsinne mörderisch guter Werbespot für BMW, ansonsten aber ist der Film ein langes Selbstzitat ohne jeden Thrill. Ob Hunt nun von Hochhaus zu Hochhaus springt wie in MI 3 oder hier in Dubai eben ein anderes architektonisch sicher markantes Hochhaus hochklettert, ob die Autobahn-Verfolgungsjagd nun 10 oder 13 Minuten dauert, ob in den Kreml oder in den Vatikan eingebrochen wird – Regisseur Brad Bird scheint an der echten Welt zu scheitern und produziert einen Film, der sich künstlicher anfühlt als Birds durchaus sehenswerter Animationsfilm »The Incredibles«, er erreicht zu keinem Moment die visuelle Präzision von Abrams, von Woo oder de Palma ganz zu schweigen.

MI 4 zeigt nach sechsjähriger Pause eine Franchise, die nicht erfrischt zurück kehrt, sondern sogar müder und lustloser wirkt als 2006 und uns Agenten im Burn-Out zeigt, die genervt und hektisch wirken. Und warum auch nicht – immerhin scheint Hunt, dem Abrams gerade erst ein diffuses Privatleben verpasst hat, hier nur noch auf seine Funktion begrenzt zu sein, den Menschen dahinter erkennt man selbst am Ende des Films nicht wirklich. Hunt ist ein Workaholic, den gerade mal eben das Gefängnis kurzzeitig zu etwas Ruhe zwingen kann, so wie gehetzte Manager nur im Krankenhaus abschalten können. Und so gibt Produzent Cruise seinem Hauptdarsteller Cruise vielleicht nur die Aufgabe, Cruises eigenes Dasein zu reflektieren – das Leben eines Mannes, der ständig in teuren Anzügen, Autos und Privatjets durch die Welt gondelt, weitgehend bizarre Situationen erlebt, bewundert und/oder gehasst wird und am Ende doch irgendwie vor allem sehr einsam ist. Dazu passt, dass sein Umfeld austauschbar wirkt und außer Hunts hier seltsam farb- und humorlosen Fanboy Simon Pegg fast niemand von seiner vertrauten Crew mitwirkt. Bird begründet dies mit der offiziellen Auflösung des IMF (eben dem titelgebenden »Ghost Protocol«), von dem man im Verlauf des Films aber kaum etwas bemerkt, abgesehen von etwas dysfunktionaler Technik, die verlässlich im dramaturgisch besten Moment den Dienst versagt. Bird vergibt hier die Chance, die Franchise an ihre Grundlagen zurückzuführen. Weniger Hightech, mehr Spannung, weniger Fuhrpark, mehr Human Touch. Es wäre wahrscheinlich spannender gewesen, Cruise & Co dabei zuzusehen, wie sie mit einfachsten Mitteln einen vertrackteren Fall hätten lösen müssen, mit höherem Einsatz und mehr Improvisation, mit mehr Angst im Nacken und höherem Einsatz. So aber fällt vor lauter Gadgets, Sportwagen und Waffen eigentlich nie wirklich auf, dass Hunt und seine Kollegen auf sich allein gestellt sind, die Infrastruktur des Superagenten-Netzwerkes ist nie wirklich spürbar verschwunden. Und die Bedrohung am Ende des Films fühlt sich keine Sekunde echt an. Was bleibt ist ein seltsam unkomischer Slapstick, umspannende Spannung, ein Film der tatsächlich «no plan» zu haben scheint, sondern einfach im Dunkeln ziellos vorantapert, in dem selbst der Schurke Michael Nyqvist die Bedrohlichkeit eines Oberstudienrates ausstrahlt.

So wenig wie das Versprechen seiner eigenen Prämisse hält der Film sich an die essentiellen Basics der Serie (Masken, Identitätsverwirrung, atemberaubende Heists) – und vielleicht darf man vom vierten Teil einer Serie auch nicht mehr erwarten. Vielleicht ist spätestens ab dem dritten Teil pauschal die kreative Luft raus, ersetzt von kühler Marketingstrategie, die davon ausgehen darf, dass das Publikum einfach dem Gesetz der Trägheit folgend zu einem auskömmlichen Prozentsatz ins Kino kommen wird, unabhängig vom tatsächlichen Inhalt eines Films, der sich ja zudem mit jedem weiteren Teil etwas billiger produzieren lässt. Bond kam damit ja auch gut durch die 70-90er Jahre und das Gesetz der Serie dominiert die Kinos heute so derart, dass man sich schon glücklich schätzen darf, wenn es «nur» eine Trilogie gibt (prompt gefolgt von einem Relaunch, natürlich). MI 4 aber macht überdeutlich, dass diese Serien-Logik im Eventkino von heute schlecht funktioniert, primär weil Serien sich über Charaktere definieren und diese in MI 4 nicht einmal mehr skizzenhaft zu erkennen sind. Die Protagonisten sind nahezu konturenlos – der Held, die schöne Frau, der Comic-Relief-Typ (meist zugleich der Hacker-Nerd), der männliche Sidekick und so weiter – weil ihnen die rasante Handlung keine Zeit außerhalb dieser Funktionen zugesteht. Wie das Publikum aber empathisch mitleiden soll bei solchen Chiffren, die völlig austauschbar wirken, ist ein Rätsel – und Mission: Impossible zeigt, dass die pornographische Kumulation immer extremerer Stunts dieses Defizit nicht ausgleicht, zumal CGI schon seit über einer Dekade die Grenzen des Machbaren derart verschoben hat, dass die damit unterfütterte Action sich surreal, von der Realität entkoppelt und damit eben grundöde anschaut. Es ist eine Leistungsschau – und selbst in dieser doch denkbar stumpfen rein techno-ästhetischen Kategorie der Trickeffekt-Spezialisten kann MI nicht wirklich punkten. Das Flair des Films, der Look, wirkt seltsam nüchtern, hart am fast unbearbeitet wirkenden Bild, bewegt sich weder in der (seit The Matrix) in zig Filmen verwendeten stilistischen Verfälschung von Farben und Kontrasten, noch in dem cineastischen IMAX-70er-Neoretro-Realismus eines Christopher Nolan, sondern mehr in der wöchentlich abzuliefernden und insofern auf Tempo und Machbarkeit getrimmten Ästhetik einer TV-Serie. Nichts an diesem Film scheint mit Herzblut gemacht, alles ist Pragmatismus. Dein Puls beschleunigt vielleicht etwas bei den IMAX-Kletterstunts am Burj Khalifa Hotel, aber ansonsten ist es problemlos möglich, im letzten Drittel des Films sanft einzuschlummern.

Was umso verwunderlicher ist, als dass Brad Bird aus zuvor völlig unbekannten Zeichentrickfiguren in »The Incredibles« eine glaubhafte Familie von Charakteren schuf. Und auch erstaunlich unter dem Gesichtspunkt, dass Produzent Cruise an diesem Punkt seiner Karriere doch alles tun sollte, um sich als Charakterdarsteller zu beweisen, nicht als Oberkörper, als glaubhaften und sympathischen Mimen, nicht als gesichtszuckenden Neurotiker, den Ethan Hunt hier abgibt. Es ist verblüffend – MI 4 wirkt als habe man die gesamte Crew mit vorgehaltener Waffe gezwungen, diesen Film zu produzieren und jeder Beteiligte habe ergo nur Dienst nach Vorschrift (wenn überhaupt) abgeliefert. Keine Frage, Filme dieser Bauart haben kommerziellen Erfolg – Emmerich, Bruckheimer und Consorten leben gut von der Paradoxie, dass schlechtes Kino gutes Geld bringt -, aber schade ist es dennoch um Mission: Impossible als Idee. Wiesen doch zumindest die ersten beiden Teile dieser Serie ein Rezept für Blockbuster-Kino auf, das zwar ohne jedweden Tiefgang, aber handwerklich exzellent gemacht war: eine denkbar simple Klassiker-Idee und ein großes Budget gekoppelt mit routinierten Regisseuren, die ihre eigene Handschrift einbringen und mit den Spielsachen ihrer Kindheit merkbar begeistert wieder zu kleinen Jungs wurden. Davon ist in MI 3 schon kaum noch etwas zu spüren gewesen (trotz Abrams sehr erkennbarer Liebe zum Genre), in MI 4 ist nichts mehr davon übrig. Nur eben die Titelmelodie von Lalo Schiffrin, die offenbar so unkaputtbar ist wie Ethan Hunt gern wäre.

16:48 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

12-01-20

    Supreme Court Gives the Go Ahead for Re-Copyrighting Public Domain Works [Copyright] http://t.co/wgxkcf5N #

20. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-19

19. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Interfaces

hd schellnack

Eine der größten Revolutionen in der Kommunikation mit Computern ist neben der Rolle, die Computer im Alltag zunehmend fast beiläufig und wie selbstverständlich spielen, dass wir nicht mehr mit den gewohnten Interface-Schnittstellen arbeiten, die dem Menschen die Logik einer von der Schreibmaschine abgeleiteten Interaktion aufzwingen, sondern die digitalen Schnittstellen so rapide und grundlegend den menschlichen Sinnen und Werkzeugen entgegen kommen, dass eine Unterscheidung zwischen »analog« und »digital« zunehmend obsolet wirkt. Berührung, Stimme, handschriftliche Zeichen oder sogar Blicke – obwohl die meisten Technologien oft noch rudimentär wirken, hat sich bereits durch diese Ansätze der Umgang mit, vor allem aber das Denken über Software-Interaktionen grundlegend geändert.

Hand
Vor nicht einer Dekade noch komplett in den Kinderschuhen, ist die Steuerung von Software durch Berührung(en) heute längst zu einem Quasi-Standard geworden. Musste man bis vor einigen Jahren noch mit einem Stift auf einer Art Plastikbildschirm herumtippen, Soseins moderne kapazitative Glasdisplays in der Lage, Bewegungen und multiple Berührungspunkte zu deuten, durch Gyroskop und Accelorometer sogar eine Art Anschlagstärke zu ermitteln (etwa bei Garageband). Samsung hat diese Technolgie gerade erst auf der CES 2012 auf Fenstergröße übertragen. Obwohl erst wenige Jahre verfügbar, hat dieser Ansatz zusammen mit fast rahmenlosen, leichten, tragbaren Devices zu einem kompletten Umdenken über Interfaces geführt. Ein Programm ist nicht mehr ein über die Maus-Tastatur-Metapher gesteuerte abstrakte Lösung in einem Monitor, ein Programm simuliert heute das, was es als Lösung anbietet und wird so als Programm unsichtbar. Ein Taschenrechner sieht aus und bedient sich wie ein Taschenrechner, ein Notizbuch sieht aus wie ein echtes Büchlein, beim virtuellen eBook lassen sich die Seiten umblättern als wären sie fast echt, ein DJ-Mischpulte bietet Plattenteller und Mischpultregler und so weiter. Es gibt zwar noch Menüs, aber auch diese wirken eher wie eine Übergangslösung, ansonsten: keine Tastaturkürzel, keine rechten oder doppelten Mausklicks – sondern eine möglichst approximative Simulation, die optisch aber auch von der Bedienung her daran gemessen werden kann, wie »echt« sich die Bedienung anfühlt.

Apple wurde – auch von mir – für die etwas kitschigen Nutzer-Interfaces von iCal und Co. gescholten, aber tatsächlich ist diese Annäherung an das Echte nur konsequent bzw. der sinnvolle erste Schritt zu »Simulacra-Softwares«. Das iPad kann bereits jedes Kleinkind bedienen, weil das unmittelbare Bedienen durch Drücken, Ziehen und andere Gesten mit den dazugehörigen Effekten der Lernfähigkeit der menschlichen Natur entspricht, Cause-and-Effect kennen wir ja auch aus der realen Welt. Angeblich fangen ja die ersten an Tabletts gewöhnten Kleinkinder bereits an, enttäuscht zu reagieren, wen sich echte Bücher eben nicht auf einen Tap hin öffnen oder reale Gegenstände nicht wie virtuelle auf Berührung reagieren und eine Animation starten. Dabei ist das Herumtasten auf einer kalten Glasscheibe sicher nur ein erster Schritt zu berührungssensitiver Kontrolle von Software-Interfaces. So wie es über kurz oder lang unweigerlich 3D-Displays geben wird (und ansatzweise ja bereits gibt), werden wir auch Bildschirme haben, die auf Berührung mit einer Art von Widerstand Feedback geben können und die unterscheiden können zwischen verschiedenen Abständen zum Display (Hover) bzw. auch direkt auf die Stärke des Anschlags. Die jetzt sehr eindimensionale Touch-Fähigkeit wird sich also nach und nach erweitern, bis die Displays nicht nur visuell einen realen Gegenstand simulieren können (und dies mit hochauflösenden Displays zunehmend an der Grenze, an der das menschliche Auge zwischen »echt« und »unecht« nicht mehr unterscheiden kann, d.h. keine Pixelbausteine mehr sichtbar sind), sondern auch haptisch. Nutzen wir einen virtuellen Taschenrechner, wird er nicht nur aussehen und klingen wie »real«, sondern auch die dimensionale Tiefe (3D) haben und sich anfühlen als würden wir auf einem echten Gegenstand Zahlen eingeben, nicht auf der bloßen planen Display-Simulation des Gegenstandes. Die Tasten werden spürbar nachgeben und einen Druckpunkt haben, sie können eventuell durch virtuellen Schweiss und Dreck »rubbelig« werden, sie können sich nach Gummi oder Hartplastik anfühlen. Es wird ein längerer Weg über zahlreiche Zwischenstufen sein, bis man wirklich sensorisch überzeugende Simulationen erzeugen kann, aber es wird sehr wahrscheinlich kommen – wodurch automatisch Abnutzung zu einer Frage der Programmierung wird.

Schon jetzt ist es so, dass ein iPad, iPhone oder Android als »opportunistische« Devices an sich nahezu unsichtbar werden und in einer Art Camouflage alles tut, um sich selbst unsichtbar zu machen und uns zu überzeugen, dass wir einen Photoapparat, ein Buch, eine Klaviatur usw. vor uns haben. Es ist evolutionär nur logisch, dass die Geräte diese Camouflage perfektionieren werden, denn am Markt werden die Anbieter erfolgreich sein, die mit immer neuen Features noch »realistischer« werden. Sowohl Apple als auch Microsoft (mit Windows 8) bauen bereits jetzt auch bei klassischen Desktop-Geräten die Touch-Metapher aus, was bei diesen zunächst hölzern und befremdlich wirkt. Was auf dem Pad sinnfällig ist, wirkt über ein Touchpad nach wie vor zu umständlich – dieser Umstand ist ein Symptom für den Übergang vom »klassischen« Computerparadigma, an dessen spezifische Interface-Metahern wir uns gewöhnt haben, hin zu einem neuen Paradigma, dass die Vorstellung dessen, wie wir mit Computern interagieren, neu definieren wird.


Stimme
Apples »Siri«-Stimmerkennung und -kontrolle ist von Google nicht ohne Grund als revolutionäre Veränderung im Umgang mit Computern (und eben Suchmaschinen) beworben worden. Wo Kommunikation mit dem Computern in den Grenzen der Software (und abgesehen von Abstürzen) bisher weitestgehend sicher und eindeutig war – zieht mit Siri die Fallibilität, das Missverständnis, die Doppeldeutigkeit, eben eine Art »Fuzzyness« ein, die erstmals zu einer Art von Dialog führt, bei der der Computer sogar via verbaler Feedbackschleifen rückfragen kann (und muss!), was der Nutzer denn da eigentlich gemeint haben könnte. Siri ist deshalb natürlich noch – obwohl bereits verblüffend leistungsstark, vor allem in der englischsprachigen Version – eine Art Spielerei, die mehr zu Fehlschlägen und Umwegen als zu einer echten Effizienzsteigerung führt. Es ist nach wie vor ärgerlich, wenn beim Diktat Siri nicht reagiert und man ganze Sätze verliert oder wenn eine einfache SMS vier verschiedene Befehle und Anläufe braucht, bis sie stimmt.

Aber bereits heute gibt es Situationen und Kontexte, in denen Spracheingabe natürlicher und schneller wirkt als der Touchscreen, zumal Siri ohne den Start dezidierter Programme läuft, sondern sich an den User-Bedürfnissen orientiert und die Programme dann selbst auswählt und startet – im Vordergrund steht also was der User will, nicht welches Werkzeug dazu verwendet werden muss. Ich starte also nicht den Browser, um etwas zu suchen, sondern die Software »entscheidet« dies selbst. Diese Art von AI, konsequent zu Ende gedacht, dürfte die Art, wie wir mit Maschinen interagieren, umwälzen und sozusagen renaturalisieren. Nicht nur in dem Sinne, dass wir ganz im Stile von SF-Filmen demnächst Maschinen per Zuruf steuern, sondern weil diese Steuerung wieder analoger (oder zumindest doch simuliert-analoger) wird. Während in den letzten drei bis vier Dekaden wie nie zuvor die visuellen Sinne in den Vordergrund gestellt wurden und wir uns sozusagen evolutionär an diese Verknappung angepasst haben, also Seh-Wesen geworden sind, darf nun der auditive Kanal wieder zum Zuge kommen. Noch ist Siri in der Benutzung dabei eindimensional. Nutze ich die Sprach-Software, wird der visuelle Kanal förmlich abgeschaltet, ich kann nicht auf der visuellen Eingabeebene simultan andere Dinge tun, also etwa einen Text diktieren und gleichzeitig im Web surfen per Touch oder Software per Touch und Stimme kontrollieren, also etwa in Photoshop mit einem Pen oder auf dem Display direkt arbeiten und dabei per Stimmbefehl Werkzeuge auswählen oder Bildeffekte anwenden (»20% mehr Kontrast«). Es ist immer entweder Stummfilm oder Hörspiel. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein stimmbasiertes und dialogorientiertes Interface einen Paradigmenwechsel darstellt, den die Kids, die Siri mit dummen Fragen auszutricksen versuchen (und dabei der Anthropomorphisierung ihrer Hardware auf den Leim gehen, also bereits Interaktionen starten, die sie per Maus/Tastatur niemals so in Betracht ziehen würden), gar nicht verstehen bzw. hinterfragen und der genau deshalb so grandios unsichtbar und sanft stattfindet – ähnlich wie es ja klug war, uns das Cloning als Technologie in Form eines harmlosen Schafes zu präsentieren.

Wir werden erst in einigen Jahren wahrnehmen, wie zentral dieser Shift war. Mit der Stimmkontrolle fällt prinzipiell die Hardware als Interface-Element weg. Es muss nichts mehr »bedient« werden, es gibt keine Tasten zu drücken, keine Zeiger zu bewegen – die Interaktion mit Maschinen wird bei ausgereifter Spracherkennung möglich, ohne ein Werkzeug dafür bedienen und erlernen zu müssen. Der Mensch nähert sich nicht mehr dem Rechner an, sondern umgekehrt.


Schrift
Auf der gleichen Ebene liegt die Entwicklung der Schrifterkennung, die sogar technisch ähnlich gelagert ist, weil hier schnelle Webanbindung und OCR auf leistungsfähigen Servern die ehedem hohen Hardware-Anforderungen für lokale Rechner deutlich gesenkt haben. Ein mobiler Prozessor könnte keine vernünftige Stimm- oder Schriftdechiffrierung leisten, ein kraftvoller Server und ein schnelles Internet aber sehr wohl – die Rechenpower wird einfach ausgelagert. Seit Dekaden ist die eigentlich ja als technische Notlösung zu denkenden QWERTZ-Tastatur der Standard bei der Texteingabe. Ursprünglich entwickelt, um durch eine eben möglichst ungewohnte nicht-alphabetische Tastaturanordung das Schreiben so zu verlangsamen, dass die anfälligen frühen Mechaniken nicht blockieren konnten, haben wir uns so sehr an dieses Layout gewöhnt, dass wir damit aufgrund der Übung oft spürbar schneller und anstrengungsloser schreiben als mit der Hand, so sehr, dass die Handschrift langsam auszusterben droht.

Dennoch kommt die manuelle Eingabe von Schrift und Zeichnungen in den letzten Jahren in eine Art Renaissance – Techniken wie der Livescribe Echo Smartpen oder der Wacom Inkling machen es möglich, unterwegs zu schreiben oder skizzieren, ganz altmodisch auf Papier, und später mit digitalen Daten weiterzuarbeiten. Ob die audiovisuelle «Pencast»-Verknüpfung des Livescribe, der mit einer Kamera auf speziellem Papier die Handschrift aufnimmt und zugleich Ton aufnehmen kann und insofern z.B. für Notizen bei Meetings nahezu ideal ist oder die sich eher an Künstler wendende (und noch nicht ganz ausgereifte) Inkling-Idee eines «Funk»-Stiftes… beide Ansätze können noch nicht hundertprozentig überzeugen. Der Echo-Pen ist klobig und das Schreiben mit der Kugelschreibermine relativ unergonomisch anstrengend, der Inkling zwar kleiner, aber weniger leistungsstark und zudem (noch) relativ unzuverlässig. Dennoch ist es natürlich phantastisch, handschriftliche Notizen, plus einer Aufzeichnung des tatsächlich zeitgleich Gesagten einfach digitalisieren zu können und dabei die Handschrift noch mit einer soliden Trefferquote in MyScript in «getippte» Schrift umwandeln zu können.

Auch hier noch befindet sich die Technik in einer Art Gestationsphase, der man aber bereits anmerkt, welches Potential freigelegt werden kann, wenn ein normaler Schreibakt auf Papier (bzw. auf einem Display, das Papier emuliert) die Tastatur verdrängt. Ein Beispiel für dieses Potential ist die OCR-Engine des Online-Archivs Evernote, das nicht nur die verschiedensten Eingabemedien «schluckt», sondern vor allem auch in jeder Art von Bild, egal ob Photo oder PDF mit handschriftlichen Notizen, nach lesbarem Text sucht und diesen für die Volltextsuche bereitsstellt, also die Welt in Photos «ausliest». Diese serverseitige state-of-the-art-OCR erkennt in Sekunden selbst Worte zuverlässig, die ich selbst kaum noch entziffern kann. Zwar gibt Evernote (unverständlicherweise) bei Handschrift die Ergebnisse nicht als Text aus, sondern nutzt sie wirklich nur für eine Suchfunktion… aber wie gut auch die unlesbarste Schrift hier verlässlich gedeutet wird, zeigt, wie weit die Technik hier ist und wie sehr die Grenzen zwischen Spracheingabe, Tastatur und Stifteingabe hinfällig werden. Wie auch immer wir Informationen eingeben werden – die Devices werden lernen, uns zu verstehen.


Bio-Interfaces
Haptik, Stimme und Schrift sollten bereits genügen, um in den kommenden Jahren die Morphologie der Mensch-Maschine-Kommunikation völlig umzuwälzen. Die Möglichkeiten der kommenden Dekade dürften bereits halten, was SF-Filme noch vor 20 Jahren versprachen, von der Realität des Spielberg-Thrillers «Minority Report» sind wir nicht mehr weit entfernt, zumindest nicht in Sachen Interface-Technologie (Fliegende Autos und Jetpacks lassen nach wie vor auf sich warten.) Bereits jetzt deutet sich aber auch ein weiterer, tiefschürfender Umbruch an, der den gesamten menschlichen Körper zum Interface deklariert. Sanfte Vorläufer sind Waagen und Blutdruck- oder Glucosemessgeräte, die Biodaten an Software übermitteln, Kameras, die mit einem Lächeln ausgelöst werden oder die Gesichter von Freunden automatisch erkennen und für den Autofocus nutzen oder auch Gadgets wie das Jawbone Up, das (wenn auch noch unfassbar primitiv) Bewegungssignale ermitteln und an das iPhone übertragen kann. Auch DSLR-Kameras können ja heute bereits analysieren, wohin wir durch den Sucher blicken und auf das, was unser Auge ansieht, automatisch scharfstellen.

Unsere Vitalzeichen, wie lange wir schlafen, unsere Stimmungen und Ernährung werden über kurz oder lang zunächst nur im Sinne reiner Datensammlung, mittelfristig aber auch als Steuerparameter direkt von Softwares genutzt werden. Dies wahrscheinlich zunächst im spezialisierten Bereich – etwa von Pflegerobotik oder Überwachungssystemen in Krankenhäusern -, sehr bald aber auch im privaten Segment… schon jetzt verkaufen sich Apps und Gagdgets für das Self-Monitoring ausgezeichnet. Was man sich zunächst so einfach denken kann wie Kochbuch-Applikationen, die auf anderenorts gesetzte Diätwerte und -ziele reagieren oder ein iTunes, das auf Stimmungen oder beim Jogging auf das Pulstempo reagiert, öffnet zwei neue Perspektiven… die Nutzung des gesamten Körpers als Interface und die Nutzung des Gehirns im Speziellen. Das Body-Interface kann natürlich bedeuten, dass Software aktiv auf größere Bewegungen, Gesten, Vitalwerte, aber auch auf Geo-Daten und Zeitdaten reagiert (so wie jetzt ja schon Reminder-Softwares aktiv auf GPS-Daten anspringen und uns im Supermarkt die Einkaufsliste zeigen). Der physische Körper und sein Umfeld werden so zu Eingabe-Matritzen der Software. Was der Mensch wo und wann macht, wird zum kybernetischen Steuerimpuls.

Der andere Aspekt, die direkte Schnittstelle ins Gehirn, klingt aus heutiger Sicht nach SF, selbst wenn in der neuronalen Steuerung von Implantaten und Prothesen in den letzten Jahren ebenso sprunghafte Fortschritte gemacht werden wie in der «Geodäsie» der Gehirnfunktionen. Die Idee, direkt aus neuronalen Strömen heraus Software zu steuern bzw. von dieser auch unmittelbar, unter Umgehung anderer Sinnesorgane, Eindrücke vermittelt zu kriegen, mag heute noch abenteuerlich klingen. Aber das, was wir heute Smartphone nennen, war bis vor 50 Jahren auch noch auf Serien wie StarTrek begrenzt (»Navigator«) und dabei deutlich kruder und begrenzter als die heutige Realität, die jedermann frei zugänglich ist. Umgekehrt waren in den 60er Jahren Körpermoddings, die heute für jeden Teenager zum Alltag gehören, undenkbar. Wer hätte zu Zeiten von Truman oder selbst Kennedy geglaubt, in welchem Maße Piercings, Tattoos und anderen Selbstverstümmelungsstrategien reguläre, ja fast langweilige Modephänmene werden würden – wer hätte zu Zeiten von »Mad Men« voraussehen wollen, dass es heute einen Boom zur elektrische Zigarette geben würde? Will man da heute wirklich noch ernsthaft bezweifeln, dass Google Translation irgendwann so effektiv sein wird, dass wir uns in Echtzeit grob in fremden Sprachen werden unterhalten können – per Spracherkennung, serverbasierter Übersetzung und Sprachausgabe? Marshall McLuhans 1969er Vision einer telepathischen Welt, in der – über das hochraffinierte Werkzeug Computer, das alle anderen kruderen Werkzeuge überschreibt – ein «universales Verständnis» möglich wird, ist zum Greifen nahe.


Der siebte Sinn
Das Interessante an all diesen Entwicklungen ist, dass sie sich dem Menschen zuneigen. Anstatt uns seltsame krude Werkzeuge aufzuzwingen, nähert sich Maschine und Software immer mehr unseren ureigentlichen Kommunikationswerkzeugen an. Tastatur und Maus weichen Gestik, Handschrift, Stimme und Auge, die Lernkurve für die »Steuerung« von Software wird immer flacher, ähnelt immer mehr biologischen Prozessen. Die Maschinen werden biomorph. Man darf diese Entwicklung durchaus kritisch sehen, vor allem wenn sie primär gewinnorientiert und ohne ethische Kontrolle abläuft, wird sie aber kaum mehr zurückdrehen können. Der Computer – und noch viel mehr der Äther des Web – sind Büchsen der Pandora, die nur vielleicht ein verheerender Krieg oder eine andere Katastrophe kurzfristig wieder verschließen würde. Positiv gesehen aber fallen hierdurch technologische Krücken weg, die wir seit Gutenberg benutzen, um umständlich eine Brücke zwischen Massenkommunikation und individuellen Ausdruckspotentialen zu schlagen.

Phoneme, Alphabet, Druck, selbst Schallplatte und Video sind nur Faustkeile… und je fortschrittlicher die biomorphen Interfaces werden, um so einfacher und unkomplizierter wird unsere Kommunikation untereinander und mit Maschinen werden. Der Clou dabei ist, dass das Medium sich dabei auflöst. Der Rechner als große Konvergenzmaschine, der sämtliche medialen Ausdrucksformen binär zerhäckselt und völlig neu zusammenstückeln kann, dem es denkbar egal ist, ob er nun Musik oder Bilder, Schrift oder Töne in 0 und 1 auflöst, wird in den kommenden Jahren selbst unsichtbar werden. Bereits das iPad bricht mit der Metapher des »Computers«, ja des technischen Gerätes schlechthin. Abgesehen von einem in Zukunft wahrscheinlich zusätzlich verschwindenden Minimum an Knöpfen ist es als technisches Utensil nicht zu erkennen – die Eigenbedienung ist ein Minimum, das gerät verwandelt sich durch die Software in was immer auf dem Bildschirm an sich gezeigt wird… wobei das Wort «Bildschirm» schon fast in die Irre führt, wenn das ganze Gerät nur noch ein Screen ist.

Die Frage, inwieweit Computer und Web noch als solche wahrnehmbar sind, wenn es nicht einmal mehr den Bildschirm gibt, sondern osmotische oder sogar direkte neuronale Verbindungen für selbsttätige Steuerungsmechanismen sorgen, die intuitiv, instinktiv genutzt werden können, stellt sich kaum: Was heute noch «externe» Medien sind, würde tatsächlich zur symbiotischen Sinneserweiterung, zu einem siebten, achten, neunten Sinn. Wohin sich das entwickelt sieht man schon heute, wenn Leute bei Gesprächen Fakten kurz googlen, mitten in einem Film mit IMDB nach Trivia suchen oder oft zwar durchaus in der echten Welt anwesend, aber simultan auch in Facebook oder Twitter oder Instagram aktiv sind. Diese Form von Multitasking wird ein Standard werden, eine Art Layer, das sich über die normale Kommunikation legt und durch den Wegfall klassischer Interface-Hardware quasi unsichtbar wird, die Form eines internen Monologs annehmen kann.

Wir sind bereits heute permanent online – in Zukunft kann das aber ein Teil der tatsächlichen Wahrnehmung von Welt sein, was heute grobmotorisch als Augmented Reality vermarktet wird. Konsequent zu Ende gedacht, wäre ein derartige nahtlose Verbindung mit Hard- und Software eine Erweiterung unserer mentalen Möglichkeiten, für die wir Menschen sozusagen Anlauf und Training brauchen, weil unser Gehirn sich den Möglichkeiten wird anpassen müssen (so wie es ja bereits jetzt langsam notgedrungen neue Selegierungsstrategien gegen den Zerstreuungsmechanismus einer vernetzten Welt entwickelt, wobei uns wieder Software gegen die Gefahren anderer Software zur Seite springt…). Diese Sinneserweiterung wird auf eine Art begrenzte elektronische Telepathie hinauslaufen – du wirst ohne Bildschirm, ohne Tastatur, ohne »Gerät« in irgendeinem Sinne wissen, ob es Freunden eine halbe Welt entfernt gerade gut oder schlecht geht. Und es läuft auf eine sanfte Allwissenheit hinaus – weil der Wissensschatz des Webs nicht mehr per Suchmaschine erarbeitet werden muss, sondern ebenso neural einfach »da« ist wie andere Informationen und Erinnerungen ja auch. (Spannend und erschreckend wird die Frage, wie Werbung dann wohl funktioniert…)

Obwohl ich nicht sicher bin, inwieweit unsere Generation solche biotechnologischen Verschmelzungen noch miterleben wird, zeichnen sich solche Lösungen logisch ab. Zum einen werden Prozessoren, wenn sie weiter hohe Leistungssprünge bringen wollen, irgendwann biologisch funktionieren müssen, zum anderen stellen Interfaces wie Displays und Tastaturen die größte Hürde für den Verkleinerungstrend von Elektronik dar. Die Prozessoren und Speicher selbst sind längst winzig – nur der Mensch braucht eine gewissen Bildschirmgröße und seinem Körper entsprechend große Eingabewerkzeuge, um mit dem Rechner in Dialog treten zu können. Die Vorstellung, dass Hersteller früher oder später den gordischen Knoten durchschlagen und weitestgehend auf Hardware verzichten werden, ist also naheliegend. Die Vorstellung davon, wie diese Art von direkter Wahrnehmung von softwarebasierten Angeboten als «Sinn» sich anfühlen mag, wie es sein könnte, wenn Informationen, aber auch Spiele, Musik, Filme usw. direkt als «Schicht» über unserer normalen Wahrnehmung liegen oder mit dieser unzertrennbar verwoben sind, kann man sich bestenfalls als psychedelischen Trip vorstellen. Ich habe kaum Zweifel daran, dass wir uns als Menschen an diese induzierten zusätzlichen Sinne gewöhnen werden – wie wir uns an andere mediale Dinge auch gewöhnt haben, die zwei drei Generationen vorher die Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Die physische Härte moderner Metal- oder Drum’n’Bass-Musik, die extrem schnellen Schnitte in Musikvideos, die surreale Unwirklichkeit von 3D-Filmen, die Absurdität der meisten Werbefilme, die generelle Schnelligkeit der Zivilisation heute – all das dürfte einen Besucher aus den 1920er Jahren zur Verzweiflung bringen, ist für uns aber Alltag. Wer weiß also, woran sich unsere Nachfahren anpassen werden können?

Unsere Generation wird den langen – und sicher spannenden – Weg machen weg von Computern als «externe» Arbeitsgeräte hin zu alltäglichen Begleitern. Aus schrankwandgroßen besseren Taschenrechnern sind in nicht einmal 50 Jahren taschenrechnergroße exzellente Multifunktionsgeräte geworden, die die meisten bisherigen Medienangebote nahtlos in sich vereinen. Geräte, deren Evolution und (Markt-)Überleben davon abhängt, sich für ihre Nutzer unersetzbar zu machen. Unsere Generation wird entscheidend miterleben, wie dieses Eindringen von Web und Software in den Alltag unser Verhalten und unseren Umgang miteinander entscheidend verändern muss. Unser Denken über Copyright, Verhaltenskodexe, wirtschaftliche Modelle, Beziehungsideale, Berufswege, Mode, Kunst, Freundschaft, Kommunikation, Wahrheit – nichts wird dieser so unscheinbar anfangenden Revolution gewachsen sein. Wir stecken mittendrin und haben die Möglichkeit (und wahrscheinlich die Pflicht), in irgendeiner Form diese Entwicklung mit zu formen… zwischen Hypermarken, die den Markt dominieren und einer Politik, die reflexartig solchen Großunternehmen zuzuarbeiten gewohnt ist, ohne die man allerdings auch die Annehmlichkeiten moderner Technik nicht hätte, so dass nie ganz klar ist, ob man Google, Apple und Co nun lieben oder verfluchen sollte. Der Weg zu den neuen Interfaces wird voller wunderbarer Paradoxien und Irrläufer sein.
Freuen wir uns drauf.

17:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , , . Eine Antwort.

12-01-18

18. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-17

17. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-17

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12-01-15

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12-01-14

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12-01-13

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12-01-12

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12-01-11

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12-01-10

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12-01-08

8. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Mint Julep: Save your Season

hd schellnack

Hinter einem absolut atemberaubenden Cover verbirgt sich das erste «volle» Album nach zwei EPs von Keith Kenniffs Familien-Projekt Mint Julep. So schwerelos und leicht wie das fast gemäldeartige Plattenmotiv ist auch die Musik, die eine an Tycho erinnernde sonnige Shoegaze-Electronica bietet, dieses vielleicht auch einen Hauch zu unaneckende, zu sanfte Musik, die an schaumgebremste New Order erinnert könnte, die in Synth-Pads ertrinken. Geprägt wird der Sound von der kühlen, oft aus der Distanz von Delay-Effekten zu uns herangespülten Stimme von Hollie Kenniff, die diese träge 80er-Jahre-Laszivität verströmt, gekonnt etwas neben dem Beat hängt und einen Hauch trippyness in die Klangwolken streut, die wohltuend straighter sind als Kenniffs ätherische Goldmund-Klänge. Die Fusion aus Ambient und Indie funktioniert überraschend gut, erinnert an eine verschlafene Version von Metric und ruft sicher auch andere Vorbilder in bester Manier ins Gedächtnis, steht aber auch auf eigenen Füßen in dem weiten Terrain zwischen Pop und Indie sehr selbstbewusst. Der Sound des Albums ist insgesamt ein wenig zu dünn, zu hallig, zu drucklos, was bei den etwas mehr in Richtung Uptempo gehenden Stücken etwas schade ist. Zugleich gibt gerade dieser suppige Sound den Tracks eine Endlosigkeit, eine Verlorenheit und damit eine quasi akustisch in die Aufnahme codierte Melancholie, die etwa einen Track wie «Aviary» sofort zum Klassiker adelt, weil der Song klingt, als würde er aus einer vergangenen Dekade aus einem entfernten Radio herangeweht. «Save your season» ist ein Stück Neo-Cocteau-Twins, ein Designer-Schmuckstück, das ein wenig retro, ein wenig hipster ist und trotzdem wunderbarerweise der allzu berechneten, allzusehr auf verinnerlichte Twens schielenden Reißbrett-Klangwelt entkommt, weil die Platte zu den seltenen Alben gehört, die auch bei schnelleren Tracks nie die Melancholie und Schönheit ablegt.

16:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Chuck Klosterman: The Visible Man

hd schellnack

Chuck Klosterman ist ein Ausnahmeautor und gehört als Kolumnist mit zum scharfsinnigsten, was die US-Presse in Sachen moderne Medien- und Kulturbetrachtung zu bieten hat. In seinem neuen Buch «The Visible Man» versucht er sich erneut als Novellist, mit einem schmalen Bändchen, das aus der Sicht der Psychologin Victoria Vick geschrieben ist, aus deren eMail-Notizen und Gesprachsmitschnitten sich nach und das Protokoll eines seltsamen Patienten mit dem Pseudonym Y_____ hervorschält. Stilistisch greift Klosterman den Sound eines Briefromans aus, nur dass die Briefe eMails sind, die Victoria sich selbst schickt, als kurze Memos, ebenso wie die Einleitung des Buches aus einem Brief an den Verleger besteht, der ein bisschen Foreshadowing betreibt und die grundsätzliche Exposition der Buchstruktur leistet. Schon nach nur 10% des Buches wird der Charme dieser Konstruktion klar, wenn Klosterman Y_____ einen phantastisch Clownwitz erzählen lässt, der in den Notizen der Psychologin völlig auf Grund läuft, weil Victoria den Gag absolut nicht versteht. Spätestens hier wird klar, dass die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten doppelbödig und spannend werden dürfte, die zwischen den eMails, Anmerkungen und Einträgen der fiktiven Autorin nur indirekt hervorblitzen kann. Klosterman vergeudet wenig Zeit und bringt effizient die technische und psychologische Basis für den Plot auf den Tisch: Y____ ist ein hochbegabter Wissenschaftler, der anfangs für das Militär und dann im Alleingang einen Tarnanzug entwickelt hat (inspiriert von Dicks «A Scanner Darkly»), den er nutzt, um ungestört das Leben anderer Menschen zu beobachten. Während wir als Leser dieser «Fermate»-artigen Konstruktion sofort folgen können, glaubt Victoria etwas beschränkt an Wahnvorstellungen, und das obwohl selbst in ihrer fiktiven Realität die Möglichkeit eines solchen «Stealth Suit» nicht zu absurd sei sollte. Victoria aber glaubt, ihr Patient habe sich in eine Comic-Phantasiewelt geflüchtet, in der er ein wissenschaftliches Genie und Superspanner ist. Aus der Meta-Perspektive des Lesers ist aber ad hoc sicher, das Y____ wahrscheinlich nicht lügt, sonst gäbe es das Buch ja gar nicht – weder das fiktive von Vick noch das reale von Klosterman… Mit dem Potential, genau mit dieser Gewissheit des Lesers spielen zu können. Dazu kommt, dass Y____ trotz aller Attitude, Wut und Arroganz sofort sympathisch ist. Er ist ein Nerd, vielleicht sogar der ultimative Nerd und seine smarten Beobachtungen, schärfer Humor, nicht zuletzt auch das Musik-Know-how bringen ihn sehr nahe an Klostermans eigenen «Sound». Er ist ein unsicherer, über-selbstreflektierter Stubenhocker, der zu viel über George Harrison nachgedacht hat und vor allem mindestens zehnmal smarter ist als seine Psychologin. Nachdem Vicky eindeutigen Beweis für die Wahrheit der Behauptungen von Y____ hat, stürzt sie entsprechend in eine Sinnkrise – ihr Weltbild als Psychologin lässt nicht zu, dass die Psychosen und Phantasmagorien ihrer Patienten wahr sind. Keine Traumwelten, keine Metaphern für tieferlegende Neurosen, kein Wahn – nur real. Schnell wird deutlich, das Y____ nicht zuletzt ein Vehikel für den Autor ist, um wunderbare Vignetten über die Einsamkeit zu präsentieren, denn der Nicht-unsichtbare-aber-auch-nicht-sichtbare-Mann schleicht sich mit Vorliebe in die Wohnung von Singles und spioniert deren Gewohnheiten wenn sie sich unbeobachtet fühlen aus. Y____ ganzes Dasein scheint in den Dienst dieses High-End-Voyeurismus gestellt, aus dem wir ab dem ersten Drittel Auszüge präsentiert bekommen, phantastische Vignetten, die Klostermans Short-Fiction-Qualitäten unterstreichen und die scheinbar mühelos zugleich berührend und hochkomisch sein können. Ebenso scheinbar beiläufig schmuggelt Klosterman nicht nur Geek-Nuggets ein (die letzte Lost-Staffel, Dick Grayson als Batman), sondern auch smarte kleine und größere Einsichten über die Art und Weise wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie Durchschnittlichkeit und Langeweile unser Leben dominieren, wie wir uns öffentlich mit Lügen maskieren, und über allem die Frage, was eigentlich «normal» ist.

Was alles nicht bedeutet, dass es keine Handlung gibt – im Gegenteil. Nach dem mutigen eMail-Briefroman-Anfang wechselt Klosterman zunehmend in eine herkömmliche Erzählform und entwickelt vorsichtig so etwas wie einen Plot zwischen der Psychologin und ihrem Patienten (und ihrem Ehemann John)l komplett mit dem wahrscheinlich seltsamsten Date, das ich seit längerem in einem Buch gelesen habe. Und mit einer unterschwelligen, zunehmenden Bedrohlichkeit, die man vielleicht erwarten darf, wenn ein Mann, der sich unbemerkt in jedes nur beliebige Leben hineinschleichen kann, sich langsam in seine Psychologin verliebt und ihren Mann bedroht. Etwas abrupt wandelt sich das letzte Viertel des Buches in eine Art staubige Twilight-Zone-Episode, die in ihrer Herkömmlichkeit nicht wirklich um brillanten Anfang des Buches passt. Das zu klassische Dénouement unterstreicht ein wenig, wie sehr sich das Buch von dem sehr «anderem» Anfang der eMail-Erzählform nach und nach normalisiert und am Ende ziemlich erwartbar endet. Es wirkt, als habe Klosterman ab der Mitte des Buches Ansgar den Faden oder die Lust oder beides verloren und es einfach nach Strickmuster abgewickelt, was enorm schade ist. Denn der Anfang des Buches und vor allem der Mittelteil mit seinen Vignetten der von Y____ beobachteten Personen ist großartig.

So gut, dass man die ersten 100+ Seiten des Buches binnen kürzester Zeit wegliest, weil man wie Vicky von der Persönlichkeit, den Widersprüchen, den Anti-Charme und der Smartness von Y____ gebannt ist und mehr wissen will, bis Klosterman die Story vor die Mauer fährt und man eine 08/15-Horrorgeschichte geliefert bekommt, die abstruserweise gar nicht so weit weg ist von der Kevin-Bacon-Version von «Invisible Man», also die mit dem Cover versprochene Andersartigkeit zur Vorlage nicht einlöst. Das Ende liefe eben doch nur die Geschichte vom verrückten Wissenschaftler, der einer Frau nachstellt. Ähnlich wie auch Nicholson Bakers «Fermate», nur spürbarer, scheint es auch bei «Visible Man» schwierig. Sich am Ende den Schwung des Anfangs zu bewahren, wenn alles gesagt und getan ist, wenn das Mysterium um den Kern der Geschichte gelüftet ist. Auch die Doppelbödigkeit um die Tatsache, das Vick eine unzuverlässige, weil ihrem Patienten geistig unterlegene Berichterstatterin ist, schwindet spurlos und die Psychaterin wird eine glaubhafte Quelle, über die wir nicht mehr mit Y____ den Kopf schütteln wollen, sondern mit der wir plötzlich mitfühlen sollen. Erst ganz am Ende löst Klosterman das wieder auf, wenn er beschreibt das Vick ihre Beziehung mit ihrem älteren und Intellektuellen Mann viel besser findet, seitdem er im Rollstuhl sitzt, weil er sie jetzt braucht und sie gleichwertiger ist. Da blitzt ganz am Schluss noch eine Prise Boshaftigkeit auf, die das «Happy End» der Victoria Vick bei genauerem Lesen wunderbar vergiftet und die Figur wieder ambivalent für den Leser macht.

Insgesamt ist «The Visible Man» ein hochlesenswertes Buch mit einem furiosen Anfang, einem berauschenden Mittelteil, einem sehr schwachen Ende und einer Coda, die dem Leser noch breit grinsend den Mittelfinger entgegen reckt. Klosterman ist immer dann am besten, wenn er in der Camouflage des Romanciers trotzdem seine normalen Kolumneninhalte über Popkultur und Gesellschaft einflechtet und schwächelt, wenn er versucht, seinen inneren Stephen King von der Leine zu lassen. Hätte das Buch so mutig und anders geendet, wie es beginnt, wäre es herausragend… so ist es «lediglich» hoch lesenswert.

15:51 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

12-01-06

6. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Terry Pratchett: Snuff

hd schellnack

Der wievielte Discworld-Roman ist das jetzt noch einmal? Bin ich nicht eigentlich dumm, einen solchen Dauerbrenner-Serienautor wie Terry Pratchett zu folgen, der Jahr um Jahr wie eine Schreib-Maschine immer wieder Bücher nach gleicher Stanzform hervorbringt, anstatt neue Bücher und Schreiber zu entdecken? Sicher, einerseits, obwohl ja andererseits gerade solche Serien hohen Suchtfaktor haben – und Drogenkurier Sir Terry wider alle Wahrscheinlichkeit Jahr um Jahr soliden Stoff an seine Junkiegemeinschaft liefert. Einer der Aspekte des Suchtcharakters aller Serienpublikationen ist für Autor wie Leser die Chance, Wachstum und Wandel der Protagonisten zu erleben. Während es die meisten Serien bei einer Art Illusion of change belassen, einer erzählerischen Gaukelei, die die Figuren immer wieder zyklisch in einer Art dynamischer auf den Ursprungszstand zurücksetzt, lässt Pratchett in seinem Minikosmos tatsächliche Entwicklungen zu und schafft die für eine Serie nötige Einheit eher durch Schreibstil und wiederkehrende Figuren. Vielleicht da er über ein reichhaltiges Sortiment an »dramatis personae« verfügt, kann Pratchett sich diesen Luxus leisten, den Autoren nicht haben, die auf nur eine Figur setzen. Tatsächlich ist neben dem reinen Unterhaltungswert der leichten, aber nie seichten Bücher von Pratchett dieser evolutionäre Aspekt bei fast 40 Büchern zur gleichen Materie ein zweites wichtiges Merkmal der Bücher geworden – die Disworld mutiert zur Welt-Simulation, zum Sim-Planet eines einzelnen Autoren, der quasi im »God-Modus« nach und nach über drei Dekaden hinweg trotz des humorigen Gewandes seiner Werke ganze Religionen, Städte, Kriege, Monarchien, Spezies und mit Ankh Morpock ein politisch-evolutionäres Experiment entwickelt hat, eine Art Chemiebaukasten moralischer Fragestellungen, die er hier abstrakt und satirisch gewendet untersuchen kann, nicht zuletzt eine immer komplexer und damit realer werdende Spiegelversion unserer Welt, in die Pratchett immer mehr moderne Elemente webt – Geld, Steuern, Politik, Technologie. So ist es vielleicht kein Wunder, dass sowohl die Fantasy-Elemente als auch zunehmend der schiere Humor in den Hintergrund treten und die Discworld-Bücher mehr und mehr zu einer Struktur sui generis werden, und das aktuelle Buch unterstreicht diesen Trend.

In dem doppeldeutig betitelten »Snuff« dreht sich alles um eine der eingespieltesten Figuren Pratchetts, den über die Jahre und Bücher zum Adligen und Polizeichef aufgestiegenen Streifenpolizist aufgestiegenen Sam Vimes, der mit seiner Frau Lady Sybil, dem Sohn Young Sam und seinem Leibwächter/Butler Willikens einen Landurlaub in Crundelis macht. Wir erleben den Culture Shock des Stadtkindes Vimes und einige so idyllische wie langweilige Momente mit Young Sam und sind entsprechend nach rund 100 Seiten ebenso froh wie Vimes, als ihm ein sehr nach Verschwörung und Vertuschung riechender Mord an einem Kobold über den Weg läuft. Während auch in Ankh Morpock die Koboldfrage langsam hochkocht, mutiert Vimes zum Landdetektiv à la Agatha Christie, aber eben mit einem guten Schuss Clint Eastwood. Nach dem eher trägen Start schwingt sich Pratchett zu fast ungewohnten Actionsequenzen auf, etwa wenn sich Vimes mit dem Schmied Jethro prügelt oder vor allen in der langen und spannenden Verfolgungsjagd der Wonderful Fanny auf einem reißenden Fluss, immer nur einen Herzschlag vor der Flut. Dahinter entwickelt sich eine Handlung rund um Tabak, Drogen und Sklaverei, die eher einem Thriller als einem normalen Discworld-Roman entsprungen scheint und die nahezu völlig ohne die sonstigen Fantasy-Elemente auskommt… wenn man davon absehen will, dass die Sklaven in diesem Fall nicht Menschen, sondern Kobolde sind und natürlich rund um die Handlung Zwerge, Werwölfe, Igore und andere typische Discworld-Bewohner drapiert sind. Tatsächlich nimmt das Buch im letzten Drittel, bevor es eine Art Coda gibt, eine Fahrt auf, die ungewöhnlich für Pratchett ist und die Lektüre zur reinen Freude macht. »Snuff« ist ein Eastwood-Film, mit einem gereiften aber noch nicht alten Dirty Harry oder Hauptrolle, der nach einem müden Start fast atemlos wird und sich dann zu einem ruhigen, aber rundum zufriedenstellenden Ende arbeitet. Pratchett-Bücher sind ausnahmslos warme, positive »Feel-Good«-Bücher, und dieses ist keine Ausnahme, im Gegenteil, es bietet Eskapismus in einer so kristallklaren und freundlichen Form, wie man ihn nur selten findet. Die Kunst des Autors dabei ist, niemals selbst in der formelhaften Struktur des Discworld-Settings herablassend oder gelangweilt zu wirken, diese unbewusste Arroganz auszustrahlen, diese müde Routine, die so viele Serienschreiber erfasst. Der Clou bei Pratchett hingegen ist, dass er keine Serie um eine Figur gewoben hat, sondern methodisch ein Simulacrum konstruiert, eine Alternative Realität, in der Magie die Rolle innehat, die in der Entwicklung unserer Wirklichkeit die Technologie hatte. Aus dieser Prämisse, und mit viel Humor, entwickelt er seit den Achtzigern zunehmend gekonnt Momentaufnahmen aus dem Entstehen einer Zivilisation, eine literarische SimWorld, die unsere eigene Konstruktion der Wirklichkeit charmant-feinsinnig in Frage stellt. Denn Pratchetts Welt mag eine Scheibe sein, bei genauerem Hinsehen ist sie eigentlich aber kaum absurder als unsere Realität, wir haben uns nur achselzuckend daran gewöhnt. In der Surrealität einer Welt voller Sagenwesen und Fabelkonzepte gelingt es Terry Pratchett insofern, ganz klassisch à la Swift, die Absonderlichkeiten unseres Alltags prägnanter zu fassen als es manchem Sachbuch gelingen könnte – und zugleich unterhaltsamer. Man darf also hoffen, dass Sir Terence dem Alzheimer weiter lange den Kampf ansagen kann, damit wir im nächsten Discworld-Band erleben können, wie das Steuersystem der Scheibenwelt funktioniert.

19:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

12-01-05

5. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-04

4. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.


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