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hd schellnack

15. Dezember 2011 22:47 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

11-12-13

13. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

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12. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

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      ThinkGeek Drum Machine bangs out block-rockin’ beats wherever you go (video)

http://t.co/7slLiuyE#

11. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Wolfgang Büscher: Hartland

hd schellnack

Der Trip des Zeit- und Spiegel-ournalisten Wolfgang Büscher durch die Vereinigten Staaten von Amerika beginnt mit einer fast surrealen krypto-faschistischen Begegnung mit der amerkanischen Homeland-Security-Paranoia an einem kanadischen Grenzübergang, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte in der Mischung aus absurder Komik und unterschwelliger Gefahr – und das Flair dieser Art stacheliger Feindseligkeit gegen alles Unbekannte, aber auch untereinander scheint zum übergreifenden Thema von Wolfgang Büschers Fußwanderung durch die USA zu werden. Der xenophobe Kampf gegen der europäischen Einwanderer die Indianer, die stets wiederholten Warnungen an Büscher, dieses oder jenes Bundesland oder eine bestimmte Stadt zu meiden, die religiöse Militia von Waco, die grundlegende Stimmung von Misstrauen gegen alles und jeden – all das zieht sich immer wieder durch «Hartland».

«Hartland» ist nach einer Stadt benannt, in der Büscher zu Beginn seiner Reise übernachtet, eine alte verlassene Goldgräberstadt, aber vom Anklang des Heartland bis zum Unterton von Schmerz und Härte, umfasst dieser Titel die amerikanische Entwicklung – «Die beiden Enden der amerikanischen Parabel», wie Bücher selbst schreibt. Und es ist ein hartes Land, durch das er reist. Melancholisch, oft fast poetisch begegnet der Reisende dem Niedergang der amerikanischen Eingeborenen, reist an Toten Vögeln an Reservatsstraßenrändern vorbei, besucht die «Fortunabunker», in denen Indianer eine hundertfache Schar alter weißer Glücksspieler beaufsichtigen, während rundherum das Land wie ausgestorben, leer, leergesaugt, wirkt.

Die grenzenlose Subjektivität
Büscher ist ein Glücksfall als Dokumentator seiner eigenen Reise, der mal emotional überwältigt und fast lyrisch wird, mal sparsam und nüchtern wirkt – ein schriftstellerisches Mixtape, das (auch wenn das Buch möglicherweise gar nicht live on the Road geschrieben sein mag) sehr glaubhaft die Lichtwechsel der Reise widerspiegelt, die Stimmungen des Autors, aber auch die Wechsel in Land und Leuten, denen er begegnet. Dabei bleibt Büscher oft abstrakt, fast skizzenhaft, lässt sich nie auf ein «nur» beschreibendes Niveau herab, ist immer weit von einem National-Geographic-Stil entfernt, betont unjournalistisch für einen Journalisten. Denn dieser touristische Sound wäre auch falsch – es geht ja vielmehr darum, nicht das Unbekannte neutral zu dokumentieren, sondern ganz im Gegenteil, das Bekannte (oder vermeintlich Bekannte) durch ein subjektives Eintauchen zu dekonstruieren und neu zu sehen. Immer wieder konfrontiert Büscher sich selbst und uns Leser mit medialen Vorbildern – die ja unverhinderbaren Eindrücke aus Filmen, Musikfetzen im Radio, aber auch den Schriften Maximilian Prinz zu Wieds aus dem 19. Jahrhundert über dessen Besuche im Indianergebiet oder aus historischen Fragmenten der Lebensgeschichte des Indianers Black Elk und anderen Büchern. Dieser Fremd- und Selbstbespiegelung des amerikanischen Mythos setzt Büscher eine oft fast naive, bewusste Neugier entgegen, gefasst in einer Sprache, die bildhaft, oft fast halluzinogen wirkt, die (ob man das nun mag oder nicht) einen Dreck auf Neutralität und Realität gibt und auf grenzenlose Subjektivität setzt.

Die Reise ins Ich
«Hartland» ist ein Reiseroman der nicht aus Goethes etwas pietistischer Schule des reisenden Wohlstandes entspringt, sondern in Buchform geronnener Geist einer neu-europäischen Backpacker-Kultur, die es mit aller Gewalt hinaus aus der Sicherheitszone des Kristallpalastes drängt, hin nach Asien und Russland, in das Direkte, gerade so, dass man sicher ist, aber eben auch einen Hauch Abenteuer haben kann, den es daheim im Land der Vollkaskoversicherungen so nicht mehr geben kann. Es ist ein bewundernswerter, aber eben doch dekadenter Mix aus Moderne-Ennui und globaler Neugier, der sich eben auch in diesem Trip niederschlägt, der die USA erfolgreich als ebenso unbekannt und wild wie Kambodscha oder Afrika erkennt, das Vorbild unserer westlichen Zivilisation im Prozess des zeitlupenartigen Zerbröselns, der Fragmentierung zeigt, die so langsam stattfindet, dass nur jemand, der aus dem europäischen Nachbau amerikanischer Kulturangebote bemerkt, wie weit sich das virtuelle Vorbild (seit hier ja immer noch nachempfunden leben) und die Realität in situ auseinandergelebt haben.

Büscher liefert so einen interessanten Bruch zu der eigenen Narration, die Amerika über den eigenen Mythos liefert, aber keinen wirklichen Gegenentwurf, bewundernswert unneutral hängt er eingefroren zwischen der mythischen Anziehungskraft der Legende und Historie des Landes, und der Wirklichkeit eines entsiegelten und überfüllten, zu armen und zu reichen Landes, das in der eigenen Zentrifugalkraft auseinander zu sprengen scheint, das trotz so vieler freundlicher Individuen kollektiv und anonym so seltsam bedrohlich wirkt.

Etwa in der Mitte des Buches überkommt mich eine Neugier, die ich beim Lesen sonst so gut wie nicht kenne – wer ist eigentlich dieser Autor? Was treibt einen Mann, der alles andere als ein junger Weltenbummler ist, Jahrgang 1951, der einen soliden Job hat, Kinder, was treibt den in Niemandsland in Russland oder Amerika? Welches spezielle Reporter-Gen muss es geben, welche Mischng aus Neuier, Thrillseeking, blindem Vertrauen, Mut und Selbstsuche, die dich in dem Alter dazu bringt, nicht einen netten Tag mit deiner Familie zu verbringen, sondern auf irgendeinem Highway in wildfremde Autos zu steigen, in leeren Häusern zu schlafen, diese seltsame Konfrontation zu suchen? Für einen Moment springt mich an, wie genial es wäre, wenn Büschers Buch ein kompletter Fake sei, eine Helge-Schneider-Farce, schliesslich weht ja ohnehin kurz der Geist von Karl May durch den Text… aber wahrscheinlich macht ein preisgekrönter Zeit-Reporter so etwas nicht. Auch nicht, weil das Buch immer wieder einen autobiographischen Touch bekommt, wenn sich Büscher etwa auf seine arme, aber eben nicht armselige Kindheit zurückbesinnt und Parallelen zwischen dem fast staatsfeindlichen Individualismus in den USA und jener Prä-Wohlfahrtsstaat-BRD zieht. Oder wenn er seine Kindheit herauf beschwört, wie er vom Attentat auf Kennedy hört und später Moon River im Radio läuft.

Der Flickenteppich
«Hartland» durchweht, je weiter das Buch voran schreitet, eine Melancholie und eine Art sanfter Trauer, die vielleicht aus der Konfrontation dieser Jugendträume der Sechziger mit der Realität von heute resultieren, vielleicht auch nur die einzig sinnvolle Reaktion auf ein müde den Niedergang erwartendes, wütendes und resigniertes Empire von Gestern, die Trauer, die du fühlst wenn du nach Jahren ein Photo eines früheren Hollywood-Stars siehst, an dem die Dekaden spurenreich vorbeizogen. Es ist ein Niedergang, den Büscher in fiebernden metaphorischen Szenen photographiert – eine Cowboyhochzeit im Orkan, der ungebrochene Verfolgungswahn von Waco, immer wieder kleine Begegnungen in Cafés und Autos, Streiflichter von Leben, die Stoff für Romane hergäben. Unterstrichen wird dies von dem Eindruck, dass «Hartland» keinerlei herkömmliche Handlung anbietet, die Reise Büschers kein Ziel hat, sogar mit ihrem Fortschritt immer zielloser wirkt, immer mehr von Pausen und Zögern durchrissen ist, erzählerisch stockt und mehr die Unsicherheit des Schreibenden/Reisenden aufzeigt als eine Entwicklung hin zu einem bündigen Eindruck der USA. Das macht die Lektüre gegen Ende des Buches mitunter etwas schwer, weil du dich als Leser in dem Pittoresken der Einzelszenen auch verlieren kannst und die Orientierungslosigkeit Büschers in der Linearform des Buches irritierend wirkt, aber es zeichnet die Narration auch aus, macht das Buch frei von der sonst so naheliegenden eurozentrischen Arroganz vieler Journalisten gegenüber den USA. Büscher ist nicht selbstsicher, nicht mit einem vorgefassten Ergebnis unterwegs – und diese Ambivalenz durchzieht auch den Text, sorgt in dem Rückblick des gealterten Cowboys Beto sogar für so etwas wie Wehmut, Sehnsucht nach der Zeit in der der Western-Mythos noch lebendig war, der selbst in Texas nur noch in der Erinnerung lebt.

Und so driftet Büscher von der kanadischen Grenze bis Down South zur mexikanischen Grenze und scheint am Ende selbst überrascht, wie wenig ihm zugestoßen ist, wie wenig sich die permanenten Warnungen unterwegs sich nicht bewahrheitet haben und wieviel Hilfsbereitschaft ihm in den verschiedensten Formen begegnet ist, dass unter der Schale des «harten Landes» also vielleicht doch ein weicher Kern steckt. In den Seiten von Hartland jedenfalls steckt eine große Erzählung in kleinen Episoden, eine bescheidene und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Land, zu dem wir Deutschen kaum eine neutrale, offene Haltung entwickeln können, und zugleich ein Roman, der die gewitzte Naivität wie man sie etwa auch aus Texten von Klaus Fiehe kennt, zu einer makellosen Waffe geschliffen hat, der Wissen im Nichtwissen, Tiefe im Ungesagten, in den Pausen bietet. Am Ende ist es ein Reiseroman, der zunehmend wortkarg wird, immer weniger zu sagen versucht, immer mehr die vielleicht ursprünglichen Ziele aus den Augen verliert und gerade dadurch, im Treibenlassen, hoch lesenswert wird.

13:57 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Maria

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00:54 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

11-12-10

    Your eyes tell me everything. Your eyes are like a search engine. (Chuck Klostermann, The visible man) #

10. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

11-12-09

    Oh, this sounds like fun – Kickstarter project Twine makes your stuff talk to the web http://t.co/rsxCT8LG #
    Dinge, die man sich wünscht: Kracauers Werk in 9 Bänden als App à la «On the Road», mit Video, Audio, Kommentaren usw. #
    WDR 3: Musik zum Download: Kostenlose Klassik http://t.co/ebQoEFFt #
    Aw – was Looking forward to my UP – http://t.co/crqKnywN #

9. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

11-12-08

8. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Bücher machen

hd schellnack

Besser spät als nie drauf hinweisen:
Morgen startet die 1. Tagung des Instituts für Buchgestaltung zum Thema «Bücher machen» an der FH Bielefeld einladen. Von 10 bis 19 Uhr geht es dann am Fachbereich Gestaltung in der Lampingstraße 3, 33615 Bielefeld um folgendes Programm:

10:00 Jenna Gesse Leerzeichen für Applaus
11:00 Achim Böhmer, Sara Hausmann Looking back to the future
12:00 Jost Hochuli Von A wie Anmerkung und B wie Blödsinn bis Z wie Zeiger

13:45 Jost Hochuli Systematische Buchgestaltung
14:45 Judith Schalansky Gebrochene Schriften, abgelegene Inseln […] oder wie ich Bücher mache
15:45 Peter Graf

17:00 Sven Ehmann Datenvisualisierung und Visual Storytelling
18:00 Prof. Ulrike Stoltz KREUZ & QUER/HIN & HER […] nicht-lineares Lesen im Buch.

Bei dem Programm – allein Hochuli wäre die Reise wert, Schalansky ist auf dem Weg zur Bestsellerautorin ersten Ranges und die anderen Sprecher sind kaum weniger prominent – ist verständlich, wenn Dirk Fütterer vom Institut um eine Anmeldung bittet: unter mail@institut-buchgestaltung.de.

Der Besuch der Tagung ist kostenlos. Zur Kostendämpfung bittet das Institut die Besucher um eine kleine Spende von 5€ oder mehr, was angesichts des Programms und der Preise anderer Konferenzen mehr als fair ist. Ich habe morgen Termine und kann nicht ins schöne Bielefeld, aber ich kann jeden Leser nur ermutigen, kurzentschlossen in den Zug zu springen und sich diese Tagung zu gönnen, es kann sich nur lohnen, zumal Dirk Fütterer an der FH und mit dem Institut wirklich ausgezeichnete Arbeiten produziert, die man gesehen haben sollte. Hin Hin…

19:08 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

11-12-07

7. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

hd schellnack

Das kleine Buch des Münchener Palliativmediziners Borasio bildet einen seltsamen Kontrapunkt zu den Auszügen der Schallplattenserie »Distar – Die Stimme des Arztes« aus den fünziger bis siebziger Jahren, die ich frisch als Hörspiel des Bayrischen Rundfunks im Zusammenschnitt von Kalle Laar gehört habe. Wo bei Laars Zusammenschnitt die Ärzte sich noch wahlweise als reine Handwerker oder tatsächlich als Halbgötter in Weiß präsentieren, die oft hart an der Grenze zur Eugenik argumentieren, oft aber auch heute noch zutreffende, sehr übergreifende Analysen anbieten, präsentiert sich Borasio bescheidener, vielleicht weil sein Feld nicht viel Anlaß dazu gibt, sich selbst als Herr über Leben und Tod zu erleben, sondern dort beginnt, wo der normale medizinische Ansatz an seine Grenzen kommt.

Gleich vorweg nimmt der Arzt dem Leser die Hoffnung, so zu sterben wie er es sich vielleicht wünscht – während die meisten Leute statistisch bevorzug plötzlich und schnell sterben würden (etwa durch eine Herzattacke), ist die Realität so, dass nur 2% aller Todesfälle so verlaufen, die meisten Todesarten, etwa durch Krebs oder Demenz weisen einen Verlauf von einem bis zehn Jahren auf, mit zunehmender Pflegebedürftigkeit der Sterbenden und gerade im Falle der Demenzkranken mit steigender Tendenz.

Borasio plädiert – vor seinem Hintergrund selbstverständlich – für einen Ausbau einer stationären aber vor allem auch ambulanten palliativen Pflege, wobei vor allem letztere derzeit kaum gegeben ist, wie der Autor selbst an der Rolle des Hausarztes verdeutlicht, der hier eine zentrale Bedeutung haben könnte (und sollte), der aber in den meisten Fällen für 18 € pro Visite wenig Anreiz haben wird, sich auf dieses anstrengende und offenbar schlecht entlohnte Terrain zu begeben. Im Laufe seines Buches hakt Borasio die verschiedenen Bedürfnisse von und Möglichkeiten für Patienten und Angehörige ab, von simplen Dingen wie Atemnot bis zu der Frage, wie seelsorgerische und spirituelle Aspekte bis hin zur Nachberatung nach dem Tod für die Familie organisiert sind bzw. sein könnten. Ob Schmerzmittelgabe nach WHO-Schema, künstliche Flüssigkeits- und Nahrungsgabe oder induziertes Koma – allein, weil »Über das Sterben« Antworten auf die meisten offenen Fragen hat und Optionen abwägt, ist das Buch für Angehörige wie für jeden, der sich selbst mit der Frage nach der Gestaltung seines Lebensendes befasst, eine mehr als lesenswerte und sehr allgemeinverständliche Lektüre, kurz und prägnant, klar gegliedert und trotz der emotionalen Wucht des Themas weder zu pathetisch noch zu kalt, sondern durchaus, wenn man so will, gut lesbar, warmherzig, humorvoll und mit Hoffnung geschrieben.

Darüber hinaus zeichnet sich hier natürlich ein unverzichtbarer Wandel im medizinischen Denken ab, den einzelne Ärzte längst in ihrem Alltag leben, viele Ärzte laut Borasio aber nach eigenem Bekunden nicht beherrschen und sogar vermissen – die Entwicklung hin zu einem kommunikationsfähigen, für den Patienten offenen Mediziner, der sich nicht hinter einem Wall von Fachtermini versteckt und nicht unilateral «erläutert», sondern empathisch auf den kranken oder sogar sterbenden Menschen zugehen kann. Ich stelle mir das für Ärzte, egal ob im Studium oder mit jahrelanger Erfahrung als Ober- und Chefarzt, enorm schwer vor. Die kühle, von Codes, Chiffres und Wort-Camouflage geprägte Fassade, das Vertrauen auf Technologie, Chirurgie und Pharmazie, die klare Hierarchisierung von Spitälern und nicht zuletzt auch der in den letzten Dekaden exponentiell steigende Druck, wirtschaftlich «sinnvoll» (also gewinnorientiert) zu arbeiten, machen den Patienten vom Subjekt zum Objekt, zu einer nie wirklich endenden Flut von zu lösenden Problemen, schließlich auch zu einer Aktenlage, die Ärzte abarbeiten und verwalten wie Anwälte und Richter ihre Fälle, mit der gleichen Effizienz und Abstraktion. Es ist schwer – für Patienten wie für Ärzte – von diesem über Jahrzehnte erlernten Modus auf eine seelsorgerische, sozialarbeiterische gar psychologische Arbeit umzuschalten, die im Krankenhausalltag bestenfalls den Schwestern und Sozialteams mehr schlecht als recht überlassen wird. Es gibt dennoch gute Gründe, warum in einer alternden Gesellschaft ein neuer Typus von Arzt-Patient-Kommunikation entstehen müsste, und Borasio plädiert in diesem Sinne für eine Schulung von Ärzten im Sinne von palliativer Pflegekompetenz, die eine Voraussetzung für die einfachsten medizinischen Erfolge in der Behandlung, aber eben auch für ein souveränes Sterben sein kann.

Was keineswegs unausgesprochen hinter »Über das Sterben« steht, ist der gesellschaftliche Wandel. Borasio selbst nennt die aktuelle Re-Urbanisierung, die Demographie, den Unterschied zwischen größeren Familien auf dem Lande und Single-Haushalten in der Stadt, die bittere Wahrheit, dass familiäre Pflege meist bei den Töchtern hängen bleibt und kommt indirekt zu dem Fazit, dass, wer sich ein humanes Sterben im Kreise der Familie wünscht, idealerweise auf dem Land leben sollte, Kontakte zu Nachbarn pflegen und vor allem reichlich Kinder, idealerweise Töchter, in die Welt setzen sollte. Da dies aber genau nicht mehr der Fall ist und wir mit der geschlechterübergreifenden Straffung der Arbeitswelt, der dichteren Taktung von Arbeit (so man welche hat), dem Aufweichen der Grenze zwischen »Privat« und »Beruf« und der Anonymität in den wachsenden Großstädten uns eher von diesen Bedingungen weg-entwickeln, stellt das Buch zu Recht auch die Frage, wie wir gesellschaftlich und professionell ein »sanftes« Sterben organisieren wollen, wenn es sozusagen nicht mehr ganz normal-familiär gewährleistet sein kann. Borasio kratzt damit am Tabu des Sterbens und der Trauer in der Hyperdrive-Gesellschaft und nicht zuletzt auch an der Thematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und des assistierten Suizids, wobei sich der Arzt recht deutlich gegen die in den Beneluxländern praktizierte Tötungslegalisierung ausspricht und für einen assistierten Suizid, womit er deutlich von der offiziellen Haltung der Ärztekammer abweicht, die gerade erst die letzten Interpretationslücken geschlossen hat und die Sterbehilfe nahezu verbietet. Was angesichts von Borasios Argumentation, das etwa in Oregon – wo die assistierte Sterbehilfe legal ist – nur 2% der Patienten, die Suizidmittel erhielten, diese auch nutzten, es also scheinbar vielmehr um das Gefühl geht, selbst als Patient kontrolliert entscheiden zu können, wann es Zeit ist, auszusteigen.

Gegen Ende des Buches, das in seiner leichten Sprunghaftigkeit manchmal wirkt, als sei es aus verschiedenen Vorträgen destilliert, widmet Borasio sich der seinem Gebiet als universitäre Einrichtung, die derzeit zum Spielball Interessen von Anästhesie und Onkologie dasteht und seiner Meinung nach um Eigenständigkeit kämpfen muss und der hausärztlichen Arbeit nähersteht als einer pharmazeutischen Vergabestelle. Was plausibel erscheint, da es in der »palliative care« sicher mehr um psychosoziale Momente geht als nur um die Verabreichung von Morphin und da – vor allem langfristig – nicht nur Krebspatienten bereut werden, sondern auch ALS- oder Demenzkranke, Kinder und viele andere Sterbende. Die Zeit, so traurig es ist, und die gesellschaftliche Entwicklung, spielt dieser professionalisierten Substitution einer post-industriell untergegangenen familiären Betreuung von Sterbenden in die Hände.

Und so ist »Über das Sterben« keineswegs nur ein Leitfaden oder ein Ratgeber, sondern natürlich eine Verteidigung von Gian Domenico Borasios eigenem Arbeits- und Forschungsgebiet und ein Plädoyer für mehr Beachtung (und Mittel) für den palliativen Pflegebereich. Borasio legt dabei sehr viel Wert auf die reflektive Bedeutung des Sterbens für das Leben der Kranken, aber auch für die Ärzte und Pfleger selbst, und induziert so, dass wir auch gesamtgesellschaftlich vielleicht den Tod nicht so sehr tabuisieren sollten, sondern als wichtigen und normalen Teil des Lebens begreifen, als Gegenstück und Vollendung der Geburt. Und obwohl Borasios Buch aufgrund der Kürze an vielen Themen nur kratzt, obwohl es vor allzu tiefen philosophischen und sozialen Betrachtungen an sich wohltuend zurückschreckt, schafft das dünne Buch einen hervorragenden Bogen zwischen pragmatischer Anleitung, mentaler Vorbereitung und einer Art aus der Praxis entwickelte spiritueller Grundhaltung, der nicht nur eine kurzweilige, weil oft rastlose Lektüre gewährt, sondern einen bewusst auch für Nicht-Mediziner gedachten Einstieg in ein komplexes und umstrittenes Thema leistet. Mag sein, dass Mediziner sich trefflich über den Inhalt des Buches streiten können – aber das einzige, was man also aus Sicht des Laien an »Über das Sterben« kritisieren kann, ist das entsetzliche Cover… der Inhalt ist für jeden lesenswert und zeigt zugleich auf, wie weit der Weg noch ist, den die Medizin vor sich hat von den wissenschaftlichen Halbgöttern in Weiß der Distar-Serie zu psychologisch und soziologisch geschulten Lebensbegleitern.

08:57 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

11-12-06

    bit.ly/cb2beta Very nice Beta of CameraBag 2 – a big step forward from 1.5 and actually becoming more than just a gimmick. #
    The Ace Outdoorsmen Identity Design by Foundry Collective http://t.co/sG8Ree1l. Flashback zum Retro-Design aus den 90s. #
    Colani Kitchen Satellite http://t.co/ajGGQa6U Man merkt, dass Colani wohl nicht selbst kocht(e)… #
    Architecting the Future http://t.co/KAfZiYZy #
    What Was the First Typeface On the Moon? [Design] http://t.co/IdYueREm #
    Watch Quentin Dupieux’s Proto-Rubber Film, Nonfilm, Now http://t.co/if5lJO9M #

6. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Dillon: This Silence Kills

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Schon das sepiagetränkte Cover läßt intuitiv an Björk denken – wer den Vergleich mit der Isländerin scheut, hätte wahrscheinlich eine andere Photostimmung gewählt. Die in Berlin wohnende und aus Brasilien stammende Dominique Dillon de Byington scheut ihn nicht – und hat auch keinen Grund dazu. Während Björks neues Album Biophilia zwar intellektuell-abstrakt vielleicht spannend ist und mit seinem düsteren Orgel-Clustern irgendwie sicher auch spannend ist, hat sich die Isländerin mehr und mehr von der Musik als solches verabschiedet und stilisiert sich, nicht immer auf festem Grund, als Gesamtkünstlerin. Dillon spürt man den Willen zur Kunst mit jedem Track sicher auch an, und auch das Phototage-Buch auf ihrer Website deutet in diese Richtung. Wie so viele andere digitale Musiker dieser Tage ist die Grenze zwischen Klangdesign und anderen künstlerischen Outputs fast unsichtbar geworden, etwas böse gesagt scheint es keinen Unterschied für die postadoleszenten Artists zu machen, ob sie Gedichte und Songs schreiben oder Photos und Videos machen, die Werkzeuge sind ja relativ identisch geworden. Es gibt eigentlich reichlich Gründe, Dillon inzwischen zahllosen vergleichbaren Girl-Music-Produkten nicht zu mögen, wäre da nicht die Tatsache, dass ihr Debut »This Silcence Kills« von vorn bis hinten Spaß macht. Die mal minimalistische, mal elektronisch-naiv angedickte Klanglandschaft, die zirpende, wispernde, trällernde, brüchige, rauchige, kindliche Stimme, das ist alles eigentlich gar nicht so sehr Björk, sondern (wenn man schon unbedingt Vergleiche braucht und klar braucht man die) eher Joanna Newsom auf etwas harmloseren Drogen. Anders als jene aber hat Dillon bei allem Hang zu verkopften Anklängen eine sehr solide Ader für Pop, eine Vielzahl von Einflüssen und Quellen und Interessen, die sich in den verschiedenen Tracks manifestieren und eine sehr junge Neugierde, die Prätentionen à la eben Björk verhindern, »TSK« bleibt immer und vorzüglichst eine Pop-Platte zwischen Kammermusik und etwas Dancefloor, zwischen unterkühlt-bohèmer Pose und urbanem Mainstream, umso überraschender, wenn man bedenkt, das der Kölner Tamer F. Özgönenc von MIT co-produziert hat, der aber vielleicht dafür sorgt, dass »TSK« zu keinem Moment süßlich oder anbiedernd bleibt, sondern immer bei sich ist und dich als Zuhörer eigentlich nicht braucht, etwas kratzbürstig sein kann. Das ist eine etwas prekäre, schwebende Position und ich bin gespannt, ob sich die so leicht und so gelungen auch in Zukunft halten lässt, aber für ein Debutalbum stimmt an «This Silence Kills» eigentlich alles. Produktion, Texte, Variation, Klarheit, Eingängigkeit, Uneingängigkeit – wunderbar austariert, nie glatt, nie nervig. Eigentlich ist dieses Album also im Kern irgendwie auch deprimierend – wenn deutsche Musik so gut, so nahezu makellos sein kann (und es ist ja nicht nur Dillon, die ausgezeichnete Musik liefert hierzulande), wie entschuldigt man dann die »Musik«, die im Radio als deutsche Produktionen per Heavy Rotation zum kleinsten gemeinsamen Nenner erklärt wird? Schade – denn gerade diesem Album hätte man mehrfaches Platin und Preise aller Art gern gegönnt.

19:34 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Faxart

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Das kam gestern tatsächlich so aus dem Fax hier und gefiel mir bestens… Instant Carson.

11:02 Uhr. Kategorie Arbeit, Stuff. Tag . Eine Antwort.

Dayshot

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5. Dezember 2011 22:24 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

11-12-05

21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

11-12-04

4. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Niobe: The Cclose Calll

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Das sechste Album, das die Kölnerin Yvonne Cornelius (die man u.a. auch als Mouse-on-Mars Vokalistin kennt, etwa bei »Send me Shivers«) unter dem Pseudonym «Niobe» veröffentlicht hat, ist ein Geschenk. Mal abgesehen davon, dass nichts an diesem Album «deutsch» wirkt, nicht der Gesang, nicht die Produktion, nicht die Musik, nichts – mal abgesehen davon, ist dieser Produktion kein Stil unterzuschieben, keine Richtung, kein eindeutiges Flair, mit Ausnahme einer puren Kreativität, die einen erst vermuten lässt, man hätte einen Soundtrack oder eine Anthologie erstanden. Da knallen Chanson und Stockhausen aufeinander, Jazz und Radiohead, dekonstruktives Hörspiel und lupenreine Singer/Songwriter-Kompositionen, Akustikgitarren und Schlafzimmer-Sample-Loops, große Sounds und urplötzliche Intimität, da verstellt die Sängerin die Stimmen, wandelt sich in verschiedene Charaktere – ich habe selten ein Album gehört, das sich noch schlechter fassen lässt. Was anderen Leuten zum musikalischen Bauchladen, zur Krimskrams-Produktion missraten würde, ist hier aber in jeder Sekunde überzeugend, durchdacht, lupenrein und mit jedem Song atemberaubend. Man kann eigentlich keinen Song herauspicken, weil jeder so einzigartig und so anders als der jeweils nächste oder vorangegangene Track ist, jeder Song liebevoll geschliffen zu kleinen Miniaturen, zu akustischen Kurzfilmen, gesungenen Hörspielexperimenten. Auf einem Album so verschiedene Songs wie »The Stillness«, »As Long as I can fly«, »Does he Gallop O Walk» zu finden wäre schon ungewöhnlich – aber hier ist einfach jeder einzelne Beitrag so einzigartig, unverkennbar und absolut grundlegend anders, dass man nicht ganz weiß, ob man Yvonne Cornelius Heiratsanträge oder die Adresse eines charmanten Psychologen schicken sollte… Denn es kann nur entweder Genie oder Wahnsinn sein, was hier am Werk ist auf diesem ganz, ganz großartigen Stück Musik.

19:29 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Dayshot

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18:59 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

Gem Club: Breakers

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Das aus Somerville kommende Duo Christopher Barnes und Kristen Drymala präsentieren auf ihrem Debüt eine verinnerlichte, atmosphärische Musik, die die Grenzen zwischen Kammermusik und Indie auslotet. Zeitlupenhafte, gern durch Hall und Delay gejagte Klavierakkorde, überhaupt endlos weiter Raumhall, schleppender Gesang aus der Tiefe des Raums, ein Minimum an Percussion – in der Summe ergibt das eine sich aktuell anfühlende, unterm Strich aber zeitlose Musik zum Mitleiden und Selbstmitleid-Haben, die weniger durch instrumentale Virtuosität überzeugt (obwohl das Duo klassisch ausgebildet ist) , als vielmehr durch eine schleppende und zugleich schwerelose Unterwasser-Melancholie, eine phantastisch schillernde Trübheit, eine freudige Trauer, die an Mike Mills «Beginners» erinnert – und nicht ohne Grund als eine Art innerer Soundtrack durchgehen kann. Mysteriöse Texte, hypnotisch wiederholte Pianoriffs und Refrainzeilen, das Falsettnuscheln von Barnes… »Breakers« ist eine Platte die sich sehr, vielleicht auch zu sehr anstrengt, geheimnisvoll und nebelig zu sein, schleppend und winterlich. Das Ergebnis ist Musik wie ein Stein, der vom Wasser in runde, aber keineswegs makellose Form gewaschen wurde und dessen mattschwarz schimmernde Oberfläche dazu einlädt, ihn in die Hand zu nehmen, sein Gewicht zu spüren und ihn nicht wieder loszulassen. Wer spätestens bei »Lands« noch klar weiß, ob er weinen oder sein Gesicht breit lächelnd zum Himmel richten soll, wer nicht verwirrt eigentlich beides zugleich tun möchte, hat kein Herz. »Breakers« ist die Sorte Album, die es nur selten gibt und die selbst Gem Club nur dieses eine Mal so hinkriegen werden – es zu wiederholen wäre langweilig und redundant, etwas zu verändern wäre ein Rückschritt. Umso gespannter darf man darauf warten. Und hoffen, dass es bald schneit, weil dieses Album wie gemacht ist, um mit diesem Soundtrack durch Schneetreiben zu gehen.

18:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

11-12-02

2. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Grant Morrison: Supergods

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»Supergods« ist ein seltsames Experiment. Teils Exegese der Popkultur anhand ihrer Comic-Helden, teils Autobiographie, teils sehr individuelle Welttheorie, teils geschicktes Self-Marketing. Von Siegel und Schusters Superman über Stan Lee und Morrisons Nemesis Alan Moore bis hin zu Morrisons aktuellsten Arbeiten geht die Reise, die zum Teil bereits bestehende Interviews und Essays des Autors kohärent zusammenfasst und zu einer Metaidee verwebt. Das bestechende an »Supergods« ist zweifelsohne, wie Morrison Comics als Zeitsymptom deutet, in denen sich die Trends der jeweiligen Epochen des Mediums nicht nur widerspiegeln, sondern die nicht selten in der hypertrophen Kunstwelt der Superhelden Entwicklungen der »realen« Welt vorwegnehmen. Gerade an den oft meta-textuellen und psychedelischen Stories der Silver Age entdeckt Morrison Aspekte, die unwillkürlich an eine Art Light-Version von Zizeks Filmanalysen erinnern. Im Vordergrund stehen dabei die von Redakteur Julie Schwartz bei DC betreuten klassischen Helden der sechziger Jahre, darunter The Flash, Atom und Green Lantern, deren postmoderne und popkulturelle Anklänge heute in Morrisons eigenen Arbeiten oft widerhallen, aber auch die Marvel-Revolution Mitte der Sechziger und dr Brit-Boom der Achtziger, der Trend zu erwachseneren Graphic Novels und sogar der Image-Boom der 90er sind Morrison einer persönlichen Betrachtung wert. Je näher der Autor allerdings der Gegenwart kommt, umso weniger scharf und alert wirkt sein Blick, ganz im Gegenteil wirkt vieles beflissen und seinem gegenwärtigen Arbeitgeber DC gegenüber zu unkritisch. Dass Morrison dabei ein an Marketing grenzendes Namedropping veranstaltet und seinen Chef Dan Didio förmlich feiert ist eine Sache – dass er diese Perspektive aber auch in die Vergangenheit ausdehnt und die ungerechte Behandlung von Siegel und Schuster durch DC achselzuckend als Naivität der Superman-Schöpfer abtut, wirkt vermessen und zeigt, wie eng Morrisons Horizont zuweilen ist. Mag sein, dass er solche und andere »kontroverse« Positionen nur bezieht, um möglichst gegen den Mainstream zu argumentieren, aber es macht etwas traurig, wenn jemand, der mit Figuren wie Superman oder Batman Millionen verdient, es anscheinend völlig okay findet, wenn die Erfinder dieser Kreationen niemals ordentlich und fair entlohnt wurden. Dass es für Morrison eine enge Verbindung zwischen seinem persönlichen Leben und seiner Arbeit gibt, ist eigentlich seit seinen frühesten Tagen klar – immerhin hat er sich schon in einer seiner frühesten Arbeiten, Animal Man, dem Dialog mit seiner Figur gestellt, und mit The Invisibles einen fast zu nahtlosen Austausch zwischen Fiktion und Realität geschaffen, wobei Morrison das Comic nutzte, um sein eigenes Leben positiv zu beeinflussen. Auch die Faszination mit Comics als einer Art virtueller Welt, der der Leser sozusagen von der nächst höheren Dimension aus überlegen ist – er kann die Gedanken der Protagonisten lesen oder Zeit durch Vor-/Zurückblättern steuern usw. – ist für Morrison kein neues Thema, taucht immer und immer wieder in seinen Geschichten auf, zuletzt unter anderem in All Star Superman. Morrison widmet dieser Idee von Comics als zweidimensionaler Realität unterhalb unserer dreidimensionaler Wirklichkeit entsprechend einigen Raum und folgt der nachfliegenden These, dass es entsprechend über uns eine vierdimensionale Ebene geben könnte, deren Bewohner uns wiederum »lesen«. Die Comics-Unversen sieht er als lebende Entitäten, deren Fguren langlebiger sind als wir »normale« Menschen, die die Jahrzehnte überdauern ohne zu altern, getragen von der Phantasie immer neuer Autoren, die kommen und gehen und diesen Mythen kurzfristig dienen, Mythen die Jenseits ihrer Schöpfer einen Punkt an Komplexität erreicht haben, an dem eine Art von eigenem Leben emergiert. Diese Vorstellung dürfte den meisten Autoren vertraut klingen, die wissen, dass Figuren und Ideen irgendwann ein Eigenleben entwickeln.

Ob Jack Kirby oder Jim Lee, ob Batman oder Justice League, von billigem Pulp bis zu der komplexen Medienmaschine von heute, »Supergods« ist eine kurzweilige und hoch subjektive Reise in die Pophistorie der Comickultur mit einem Reiseführer, der es versteht, neue Verbindungen zu sehen zwischen denn grellbunten Abenteuern und der sie umgebenden Gesellschaft, den Autoren und ihren persönlichen Vorlieben und einer Art größerem eigenen Bewusstsein von Literatur an sich. Das Buch ist nicht nur ein spannender Schlüssel zu Morrisons eigenen Faszination und Arbeiten, sondern vor allem im Rückblick auf die Sechziger und Siebziger auch auf die Art und Weise wie eine Kultur ihre Ängste und Hoffnungen den gerade in Trashmedien wie Horrorfilmen, Science Fiction oder eben monatlichen Superhelden-Abenteuern reflektiert und ausprobiert, in modernen Moralfabeln, in denen oft das nahezu Ungesagte wichtiger ist als die eigentliche Handlung. Zugleich gibt der Autor einen zuweilen fast beiläufigen, oft aber auch fesselnden Einblick in seine eigene Biographie und Ideen »hinter« seinen Stories und damit in ein Phänomen, das bei «work-for-hire»-Autoren selten genug ist und Grant Morrison in seiner Zunft auszeichnet: Morrison nutzt das Genre, um seine eigenen Ideen zu kommunizieren. Während die meisten Autoren im Serienwesen der Comics damit zufrieden sind, komplexe Soap Operas mit Spandex-Kostümen zu erzählen, sich von Monat zu Monat, Cliffhanger zu Cliffhanger und Kampfszene zu Kampfszene zu hangeln, hat Morrison eine überschaubare Anzahl «magnetischer» Themen, die immer und immer wieder in veränderter Form in seinen Arbeiten aufkommen. Ob ultrakomplexe Indieserie oder Blockbuster, ob manifest oder fast subliminal versteckt, Morrisons Arbeiten sind voller literarischer Experimente, Spiegel eigener Faszination und zunehmend auch eine Art Metamedium, in dem es mehr und mehr um Morrisons Theorien hinter der Geschichten geht (die sich in einem mit anderen Autoren geteilten, fließenden Kontinuum natürlich immer nur begrenzt umsetzen lassen). Dieser Ansatz stellt Morrison auf eine Stufe mit Raymond Chandler oder Philip K. Dick, die jeweils auch Trashmedien erobert und zu Sprechrohren ihrer eigenen Ambitionen und Fragen gemacht haben. Ein entscheidender Unterschied zu diesen beiden und anderen genretranszendierenden Autoren besteht jedoch darin, dass sich Morrison sehr entscheidend von Comics selbst inspirieren lässt, aus dem System selbst heraus Inspiration schöpft, nicht sehr über den Tellerrand blickt. Trotz aller literarischer Quellen, Popzitae und Drogentrips scheint vor allem der spätere Morrison ein autopoeitisches System, einem Perpetuum Mobile, der seine eigenen Werke und die Gescichte der Comics geschickt zu einem postmodernen Zitatedschungel verwebt, und etwa seinen All Star Superman oder seine aktuellen Batman-Geschichten massiv aus frühen Silver-Age-Elementen konstruiert, etwa aus Otto Binders naiven Superman-Fabeln oder aus den psychedelischen Sixties-Batman-Stories, in denen der eigentlich eher auf normale Kriminelle geeichte Batman plötzlich auf Außerirdische und andere seltsame Gegner traf – was Morrison prompt auf Erfahrungen Baumanns mit psychedelischen Drogen zurückführt. Und damit wieder autobiographisch macht.

Solcher Spiegelkabinett-Referenzen ungeachtet, ist Morrison die große Ausnahme in einer Branche, die zu wenig solcher Talente aufweisen kann, vor allem im Mainstream. Obwohl die Qualität seiner Arbeit ungemein schwanken kann, obwohl Morrison tatsächlich große schriftstellerische Probleme hat, etwa damit, ein befriedigendes Ende einer Geschichte zu finden, ist all seinen Arbeiten ein kreativer Hunger anzumerken, der bei Ergebnissen wie We3 oder Flex Mentale beispielsweise das Comic-Genre an die Grenze des Machbaren auslotet und verschiebt. »Supergods« macht deutlich, dass hinter dieser Arbeit mit den Jahren eine Art Philosophie und Weltanschauung entstanden ist, die, vorsichtig gesagt, ähnlich verwirrend klingt wie die Überzeugungen, mit denen PK Dick sich am Ende seiner Laufbahn zunehmend befasste. Auch wenn an sich mit Morrisons Haltung vielleicht nicht anfreunden kann und einen pragmatischeren Blick auf das Universum hat als der Autor, ist es so oder so faszinierend, auf eine so komplexe und plausibel argumentierte Konstruktion hinter dem Oeuvre eines Mainstream-Autors zu blicken. Seine Art zu denken, sein persönlicher Background und seine Arbeit verschmelzen bei Morrison zu einer Art Gesamtkunstwerk, dem das Buch eigentlich in seiner fragmentierten, mitunter unfokussierten Herangehensweise nicht ganz gerecht wird. Im Grunde folgt Morrison auch hier seiner Technik, möglichst viel wilde Ideen an die Wand zu werfen, zu sehen, was kleben bleibt und sich nicht weiter darum zu kümmern, ob die Elemente unbedingt ein kohärentes Ganzes ergeben. Auf seiner Reise durch die Nerd-Kultur verblüfft Morrison mit einem schönen, liebevollen, sehr anderen Blick auf die frühen Jahre der Comic-Industrie, historisch nicht immer korrekt, aber frisch und innovativ, und bis zur Jetztzeit ist seine Darstellung der Branche als dialektisches System, in dem Utopien und Dystopien sich ebenso abwechseln wie die relative kreative Wertschätzung der von Autoren oder Zeichnern. Am Ende des Buchs aber verliert Morrison – vielleicht unter Zeitdruck einer Headline – zunehmend den Faden, entwickelt seine Theorie von Superman & Co als eine Art selbstgeschaffenes Pantheon aus Papier nur beiläufig und legt vor allem die durchaus kritische Betrachtung des Genres einfach ab, wohl aus Angst, die Hand zu beißen, die ihn füttert. Das macht »Supergods« nicht weniger zu einem lesenswerten Einblick in kreative Arbeit und die Art und Weise, wie ein Autor mit seiner Materie zunehmend biographisch eins wird – hinterlässt aber ausgerechnet am Ende einen Hunger nach mehr, den das Buch leider nicht befriedigt.

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1. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.


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