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Alex Leu fragt 27: Letzte Worte

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Welchen abschliessenden Rat würden Sie unseren Nachwuchs auf dem Weg geben?
Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Der erste Rat ist sicher, dass man schauen sollte, ob man das wirklich machen will, was man macht. Du verdienst als Designer nicht wirklich so atemberaubend und der Job ist anstrengend, weil man sozusagen lebenslang Prüfungen meistern muss, gewogen wird, bewertet wird, sich immer wieder beweisen und auch selbst hinterfragen muss bei zugleich verhältnismäßig geringer sozialer Anerkennung. Also erst einmal überlegen: Warum will ich Designer werden? Und sich dazu informieren, wie der Alltag aussieht, der sich ja deutlich von «Gute Zeiten Schlechte Zeiten» oder «Mad Men» unterscheidet (leider in letzterem Fall).

Und wenn man es dann studiert, sollte man es so brennend studieren, wie man kann, weil es eben nicht Sozialpädagogik oder Maschinenbau ist. Es kann nicht darum gehen, irgendwie durchs Studium und in den Beruf zu kommen, sondern das Studium ist nur eine Art Ausrede, sich zu entdecken und entfalten. Man sollte seine Dozenten völlig in Anspruch nehmen, neben der Uni arbeiten und vier fünf Jahre nur Design leben und atmen, möglichst viele Praktika machen, möglichst viel nebenbei tun, an jedem Projekt teilnehmen. Design ist nicht BWL, es ist kein Beruf, sondern eine Lebensart, eine sehr ganzheitliche und grundlegende Sicht auf Welt und vielleicht auch auf dein eigenes Leben, es ist ein Paradigma an sich – und es gilt, im Studium in diese Lebensart einzutauchen. Ich kriege zugegeben zuviel, wenn Studenten im Diplom stehen und Vignelli oder Gugelot nicht kennen. Gesine Grotrian-Steinweg hat bei einer Podiumsdiskussion einmal Studenten gefragt, ob sie KesselsKramer kennen, eins von den drei wirklich wichtigen niederländischen Büros, eine Legende. Und keiner im Publikum hat es gekannt.

Auf der anderen Seite kann ich jederzeit bei Thierry Blancpain anfragen, der in der Schweiz Design studiert, wenn ich zu einem bestimmten Thema etwas wissen will, und der donnert mir nicht nur fünf grandiose Vertreter einer bestimmten Richtung als Link um die Ohren, sondern hat auch gleich eine dezidierte Meinung zu dem Thema. Da brauchst du nicht zu überlegen, ob der Mann mal ein guter Designer sein wird, es ist einfach klar. Der brennt für seine Sache, kennt sich aus, macht wahnsinnig gute Arbeit. Solche Leute hast du übrigens an fast jeder FH, immer so 3% bis 10% der Studentenschaft. Die machen Projekte, organisieren Veranstaltungen, produzieren Bücher und Magazine, sind immer wieder atemberaubende und spannende Leute, deren Namen man dann nicht ohne Grund immer und immer wieder irgendwo liest und auch in den kommenden Jahren lesen wird, weil sie die nächste Generation guten Designs darstellen. Solche Leute sind ein Geschenk, kann man nicht anders sagen… und als Student sollte man eigentlich alles daran setzen, so zu sein, so zu werden.

Es gibt sicher Jobs in Agenturen, die man auch kriegt, wenn man sich nicht für Design und Typographie und Kultur interessiert und nur InDesign halbwegs solide bedienen kann und tut, was gesagt wird. Keine Frage. Die sind im Zweifelsfall sogar besser bezahlt, weil die Jobs, die solche Läden machen, mehr Geld einbringen. Mittelmaß setzt sich durch.

Aber wer mehr will, muss Design atmen. Und natürlich gerade im Studium – diesem großen Freiraum, dieser beneidenswerten Chance (die der Bachelor leider sehr kleinrationalisiert hat) Zeit und Ressourcen für freie Projekte zu haben – einfach mal einen Kongress starten, einen Bücherstand für die Frankfurter Buchmesse stemmen, ein Buch produzieren. Solche Sachen, die dann dein ganzes weiteres Leben formen können. Christian Hampe und Beate Blaschczok haben an der Ruhrakademie mit «Clownfisch» angefangen und das ist inzwischen eine recht große Nummer geworden, längst eine Art kultursoziales Experiment und viel mehr als «nur» ein Magazin. Mutabor ist einst als Studentenprojekt gestartet, die haben noch in der Studienzeit für BMW gearbeitet und die ersten TDC-Awards eingeheimst und herausragende Arbeit gemacht. Du kannst an der Uni – Bachelor hin oder her – angstfrei deine eigenen Stärken finden und musst diese Chance auch immer wieder einfordern, deine Dozenten um Freiheiten und konkrete Hilfestellung angehen, die ein guter Student auch immer kriegen wird. Machen, lernen, entdecken und dann als schon relativ guter Designer von der FH kommen – mit einem sauberen Portfolio und einer umwerfenden Diplomarbeit, mit den ersten guten Kontakten, weil du vielleicht mal bei der «Typo» aktiv gewesen bist oder auf der Buchmesse in Frankfurt oder bei Strichpunkt oder Magma oder KolleRebbe ein Praktikum hattest, ein Projekt von dir bei Slanted, fontblog, in der Form oder Novum präsent war. Der Tip wäre also wahrscheinlich: Mach es nicht oder mach es ganz.

Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Das kann ich einerseits kaum beantworten – ich nage selbst seit ewig an der Frage und bewundere die Art Selbstdarsteller, die das so scheinbar mit Leichtigkeit macht, sich immer in den Mittelpunkt stellt, völlig gnadenlos selbst verkauft und anscheinend frei von Zweifeln ist. Zugleich mag ich solche Leute oft nicht, ich habe um mich eben meist doch eher Leute mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten, nicht diese Self-Hype-Leute. Ich bewundere diese Fähigkeit abstrakt, aber wenn ich damit konfrontiert bin, macht sie mir Angst oder die Leute sind unsympathisch oder so. Gibt einige Ausnahmen, die die Regel bestätigen, natürlich. Aber generell sind mir Leute sehr viel lieber, die an sich selbst zweifeln und gar nicht realisieren, wie toll sie eigentlich sind und die nicht so selbstzufrieden sind und weiter an sich arbeiten.
Ansonsten ist es so, dass bei uns beispielsweise Praktikanten immer wieder auch mal Aufgaben kriegen, die sie eigentlich überfordern. (Oder vielleicht nicht überfordern sollten nach einem Studium, es aber oft de facto tun). Und mit der Zeit kristallisiert sich dann deutlich heraus, wer etwas an den Tisch bringt und wer nicht. Wer Arbeitsethos hat, wer schöne Ideen und visuelles Denken hat, bei wem ich auch kein schlechtes Feeling habe, wenn es mal Routineaufgaben zu tun gibt bzw. wer auch diese erfüllt und über-erfüllt. Ich kann nur für uns selbst sprechen, aber ich glaube nicht, dass man sich bei nodesign nervös «verkaufen» muss, die Qualität zeigt sich von ganz allein im Tun.

Was ist die Voraussetzung um angstfrei zu sein? Zu wissen, was man will? Weil man sich mit seiner Arbeit identifizieren kann?

Völlig angstfrei zu sein, ehrlich gesagt, fände ich nicht gut. Angst ist ja auch ein herausragender Motivation und gesunder Teil unserer Gesamtpsyche. In gesunder Dosis ist Angst sinnvoll. Wobei ich nicht diese paralysierende und pathologische Angst meine, sondern in diesem Fall vielleicht eine grundsätzlichere Angst vor der Leere, dem Vakuum im Leben, der Sinnlosigkeit. Diese Art von Angst hat sicher schon manche Leute zu unfassbaren Leistungen bewegt. Zu wissen, was man will – aber dabei flexibel zu bleiben – hilft immer, auch wenn man das meist eher schubweise im Leben entdeckt und nicht mit 20 weiß. Die Identifikation mit der Arbeit… das ist so ein Ding. Wenn es nicht die Eitelkeit und sozusagen narzisstische Identifikation ist, sondern ein Eintauchen, eine Leidenschaft, dann unbedingt. Wichtig ist nur, es nicht zu ernst zu nehmen. Du bist nicht deine Arbeit, musst kritikfähig, flexibel, offen bleiben. Ich glaube fest, dass jeder seine ganz einzigartigen Fähigkeiten und Funktionen hat – und diese nur entdecken oder entfalten und trainieren muss, was aber meist nur mit einer Mischung aus Ehrlichkeit und Demut erreichbar ist. Und Humor – wenn du nicht mehr über dich selbst lachen kannst, hast du verloren.


26. September 2011 17:35 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Elmore Leonard: Djibouti

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Es ist ein seltsamer Kunstgriff, zu dem Elmore Leonard in Djibouti greift – ein Buch als Konstruktion zu erzählen, als Werk in der Entstehung metatextuell greifbar zu machen, wenn auch in der Tarnung als «Film». Als Leser erleben wir mit, wie die an Kathryn Bigelow angelehnte Filmemacherin Dara Barr und ihr mit 72 Jahren nicht mehr junger, aber umso hochvitalerer Assistent Xavier LeBo mit ihrem Boot Buster in See stechen, und schon im nächsten Kapitel – tatsächlich drei Monate später – finden sich unsere Protagonisten im Hotelzimmer und diskutieren, wie man den Dokumentarfilm-Stoff, den sie in der Zwischenzeit gedreht haben, ideal zusammenschneiden und angehen kann. Es ist fast, als könne man dem Autor selbst dabei zuhören, wie er über die Struktur seines Buches nachdenkt. Ganze Handlungsstränge und Zusammenhänge werden so extrem zusammengerafft, im Dialog sozusagen nur noch nachverarbeitet und in dieser Präsentation bereits wieder kommentiert. Für einen normalerweise eher linearen Autoren wie Leonard fühlt sich dieser Ansatz fast so exotisch an die wie Setting des Romans per se, und es ist Zeichen seiner Meisterschaft als Autor, dass seine Figuren und ihre Dynamik, die Lässigkeit der Dialoge, die Klarheit der Sprache, dennoch so gelingen, dass man als Leser bei der Stange bleibt, selbst wenn zunächst nahezu keine Handlung in Sicht ist und wir quasi zwei fiktionalen Figuren dabei «zusehen», wie sie vor einem 17″-Laptop kauern, Videos sichten und über eine Handlung reflektieren, die wir nie miterlebt haben.

Auf Dauer ist der Wechsel zwischen der vor- und zurückgreifenden Erzählung von Dara und Xavier einerseits, die ihren Film schneiden und den andererseits zunächst recht eigenständigen Handlungen dazwischen eher schwierig, weil ein klassischer Spannungsbogen oft doch besser in linearer Handlung entsteht. Man wird beim Lesen immer wieder aus dem Strom der Ereignisse gerissen, zurück auf die Metaebene – selbst beim großen Finale kommentieren Dana und Xavier noch wie von der Galerie aus das Geschehen und fragen anstelle des Lesers, dessen berechtigte Zweifel vorwegnehmend, ob das alles nicht gerade ein wenig zuviel des Zufalls sei. Es ist, als würde man eine Filmhandlung nicht sehen sondern von zwei Zuschauern beschrieben bekommen, gleichzeitig die Kommentare von Regisseur und Drehbuchautor im Untertitel lesen und ab und zu einen Blick auf den tatsächlichen Film erhaschen dürfen. Einerseits ist diese Technik vor allem für einen so routinierten Autor wie Leonard absolut erfrischend und bereichernd, andererseits fühlt sich Djibouti dadurch immer wieder etwas sehr abstrakt an, zusammen mit Elmores ultra-komprimiertem Schreibstil und einem sehr freiflottierendem Plot tatsächlich auch einigermaßen verwirrend, weil sich aus den Fragmenten einfach keine klare Richtung zu ergeben scheint, der Autor von den Ereignissen und Figuren selbst überrascht zu sein scheint.

So kippt die bis dahin kaum erkennbare Handlung in der Buchmitte dann auch plötzlich, weg von der Thematik somalischer Piraten, hin zu den Al-Quaeda-Terroristen Quasim und Jama, einem zum Islam konvertierten Afroamerikaner, die von einem der Piratenanführer namens Idris und dem britischen Scheich Harry Baker als Geiseln genommen werden, weil letztere sich ein hohes FBI-Kopfgeld von den Terroristen versprechen. Positiv formuliert verhindern solche Handlungssprünge natürlich, dass Langeweile aufkommt – aber als Leser merkt man schon sehr deutlich, dass der Autor eigentlich die Geschichte erfindet, während er schreibt. Wie ein alter Jazz-Virtuose improvisiert Elmore seine vertrauten Motive, stets meta-kommentiert vom griechischen Chor des Buches, den Filmemachern Dara und Xavier, die schon die weibliche Hauptrolle der Verfilmung des Buches planen, welches wir gerade lesen und über Naomi Watts als Hauptrolle spekulieren oder überlegen, ob man fehlende Doku-Elemente nicht mit Schauspielern füllen könnte, als Mix aus Dokumentation und Hollywood.

Was anfangs eine sportive Herangehensweise an die Erzählung ist und den Mut eines Altmeisters zeigt, mit offenen Karten zu spielen, verwirrt spätestens, als der Plot beginnt, seltsame Haken zu schlagen und nicht mehr nur die Zeitebenen wirsch durcheinander wirbeln, sondern Leonard auch die Handlung im Handstreich ändert.

So dreht sich Djibouti zunehmend weniger um Dara, Xavier und ihren Film über die somalischen Piraten, sondern mutiert zu einem etwas schleppenden Thriller um den inzwischen geflohenen afro-amerikanischen Al-Quaeda-Terroristen Jama (alias James Russell), den Piraten Idris, den auf Crystal Meth durch die Gegend schießenden Harry Baker und dem Millionär Billy, der hinter den Kulissen noch James Russels mutmasslichen Terroranschlag auf den Gastanker Aphrodite auf eigene Faust zu verhindern versucht – indem er das Schiff kurzerhand selbst in die Luft jagen will. Nachdem der zunächst so frisch und anders wirkende frische Handlungsverlauf nach rund 200 Seiten dann eben doch zum für Leonard eher herkömmlichen und bewährten Muster zusammengeschnurrt hat – smarte Frauen, harte Männer, dumme aber brutale Kleingangster und ein finales Western-Duell, auf das alles mit traumhafter Unlogik hinausläuft – kommt die Geschichte auch etwas in Gang, ohne Rückblenden, narrative Mätzchen …aber natürlich immer mit genug Pause für doppelbödigen Small-Talk bei etwas Martini.

Wie jeder Elmore-Roman lebt auch dieser von den Figuren, die der Autor mit wenigen Strichen souverän zu Papier bringt, ihnen mit einem Minimum Text eine Ambivalenz, Motivation, Biographie verleihen kann, die andere auf hunderten von Seiten nicht herbei schreiben. Vielmehr spielt Leonard so glaubhaft den Anfang einer Melodie, dass der Leser bereit ist, nur zu gern selbst weiter zu pfeifen und die grobe Andeutung mit eigener Phantasie zu beleben. Nicht viele Autoren beherrschen diesen Trick so virtuos wie Elmore Leonard, in dessen Chiaroscuro-Licht die Charaktere schillern und glitzern wie seltene Tiefseefische, die man in dieser Form stets nur im Aquarium des Romans zu bestaunen kriegt. Wie gute Photographie uns den Luxus gibt, Zeit einzufrieren und ungeniert voyeuristisch das echte Leben in der künstlichen Form zu betrachten, so finden wir in Leonards stets leicht selbstähnlichem Figurenkabinett ebenfalls eine Chance, in den Details zu verweilen, Ideosynkrasien und Archetypen zu entdecken… Und je weniger der Autor sich selbst vom Fluss der Handlung mitreissen lässt, je fast gelangweilter seine Figuren auf den Showdown zu warten scheinen und sich dabei selbst kommentieren, umso besser. Das die Charaktere dabei meist halb betrunken oder auf Khat sind, verleiht dem Buch dabei eine traumwandlerische Freiheit von Logik, die mehr als einmal die Frage aufdrängt, ob der Autor vielleicht therapeutisches Cannabis konsumiert. Die haarsträubenden Wendungen, abrupten Wechsel, das überstürzte Finale und der seltsame Ortswechsel auf den letzten Metern – Djibouti wirkt freundlich gesagt weitgehend ungeplant. Free-Jazz eben.

Ideal wäre es nun, würde das Buch verfilmt werden – als Mix aus Dokumentarmaterial und Schauspiel-Elementen und natürlich mit Naomi Watts in der Hauptrolle, verfilmt von Kathryn Bigelow. Schöner könnte sich der Kreis kaum schließen.

16. September 2011 18:14 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 26: Alter

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Spielt das Alter bei Designern eine Rolle?
Das Alter spielt immer eine Rolle, egal, was du machst, oder? Spielt das Alter bei Musikern, Schauspielern oder Autoren, Architekten oder Handwerkern eine Rolle? Sicher.

Es mag etwas platt sein, aber das Klischee stimmt – in jungen Jahren sind die meisten Kreativen eher «Sturm und Drang», wollen alles anders machen, brennen heiß und lodernd. Mit den Jahren wird daraus mit Glück eine Glut, die nicht mehr verbrennt, sondern Wärme spendet. Mit 18 darfst du denken, auf alles die erste Antwort zu haben und besser als alle anderen zu sein, du darfst (oder musst vielleicht sogar) in diesem Nietzsche-Größenwahn-Modus operieren. Mit 40 hast du genug gesehen, um bescheidener sein zu dürfen/müssen, denn es geht nicht um dich, sondern um alles andere. Deine Ideen sind nicht neu und weltverändernd, sondern sie stehen in einer evolutionären Tradition und sie müssen sich in dieser Tradition bewähren und funktionieren.

Du wirst raffinierter, im Wortsinne, sozusagen destillierter. Deine Interessen sind andere. Man verliert etwas von dieser flammenden, welterneuernden (und etwas klugscheißerischen) Kreativität und wird dafür erfahrener, tiefer. Das ist ein fairer Tausch – aber auch bei jedem anders. Natürlich gibt es viele Künstler, Musiker, Autoren und eben auch Designer, die nur in ihren ersten Jahren wirklich großartige Sachen machen und den Rest ihrer Karriere herum eiern, aber es gibt immer auch diese alten Kerle, die einfach umwerfende Meisterwerke produzieren. Insofern spielt Alter sicher eine Rolle, aber nicht generell so, dass man sagen kann, ob du nun «jung» besser oder «alt» besser bist. Jeder ist da anders. Ich glaube, wenn man neugierig und hungrig bleibt, kann man auch nach dreißig Jahren als Designer noch phantastische Arbeit machen, vielleicht wenn man die Balance zwischen Abgeklärtheit und einem immer noch vorhandenem Enthusiasmus, einer immer noch vorhandenen Portion Sturm und Drang, findet.

6. September 2011 13:40 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 25: Haltung

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Wie hilfreich ist hierbei eine eigene Haltung?
Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?
Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Eigene Haltung hat man ja nicht, die entwickelt man. So wie Musikgeschmack oder Kunstinteresse. Es ist Arbeit. Je älter du wirst, umso länger weht der Umhang deiner Interessen, du akkumulierst Musikstile, Bücher, Erfahrungen, Gespräche und aus all diesen Eindrücken und Reflektionen entsteht so etwas ähnliches wie eine eigene Position zur Welt, die an sich aber auch (hoffentlich) immer nur als ein fluider Zustand zu denken ist.

Eine Haltung sollte keine Trutzburg sein, aus der heraus du auf die Welt schaust, sondern mehr wie ein U-Boot, klein und wendig, so ein Ein-Mann-Dinghy, mit dem du durch die Welt flitzt, dir die Dinge ansiehst und weitersaust und nicht altersstarrsinnig an deinen «Meinungen» klebst. Denn Haltungen und Meinungen sind ja Meme, sind ja immer gesellschaftlich, also künstlich geformte Modelle, und mit den Jahren versteht man das klarer: Es gibt keine Wahrheit, es gibt keine absoluten Zustände. Was du als ewige Werte sahst, ist eigentlich mehr als relativ, die Welt und ihre Geschichte hat mehr Schichten als du mit 20 gedacht hast. Insofern ist «Haltung», wenn sie rigide wird, gerinnt, eine absolut tödliche Falle für das Denken, für die Offenheit und Toleranz, für die Neugier.

Die Haltung eines Designers sollte vielleicht eher ein bisschen naiv und offen sein, fließend und antidogmatisch, unpuristisch. Entgegen der landläufigen Meinung sollte Design an sich vor allem unpuristisch und auch unpuritanisch sein. Wir sollten ruhig wie Kinder durch den Spielzeugladen gehen und alles spannend finden. Und andererseits müssen wir knallharte Türsteher des guten Geschmacks sein und für unsere Ideen fighten. Ich habe selbst keine Ahnung, wie das zusammengeht, Offenheit zu bewahren und dann doch an die eine richtige Sache glauben und dafür auf die Barrikaden gehen, aber was auf dem Papier unvereinbar klingt, geht ja im Alltag ganz gut. Designer mit einer rigiden Haltung verstehe ich nicht, kenne ich aber ehrlich gesagt auch kaum. Die Welt ist zu komplex dafür und eine vorgefasste Denkschablone hält dich nur davon ab, zu lernen. Natürlich hat man eigene Positionen und seine persönlichen Orientierungslichter im Nebel, aber es ist immer gut zu verstehen, wie trügerisch und relativ diese Lichter eigentlich sind. Du musst also gerade deine eigenen Positionen (aber auch alle anderen) immer dem Säurebad unterwerfen, in Diskussionen mit Andersdenkenden, mit Fakten, oder indem du empathisch versuchst, dir die Gegenposition zu eigen zu machen, für und wider zu verstehen. Das ist natürlich eine sehr postmodern-wurstige Haltung, aber ich kann’s nicht ändern, mir erscheinen Menschen mit wirklich festen Meinungen irgendwie etwas seltsam – ich bewundere das einerseits, diese Gewissheit ist ja auch berauschend… aber es ist nichts für mich.

Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?

Ich glaube eher, das Problem wäre, die Rolle «im Design» gefunden zu haben. Wenn du das getan hast, bist du Grafik-Beamter, aber kein Designer mehr. Definition eines guten Designers ist doch gerade, seine Rolle zeitlebens nicht zu finden, ein Suchender zu bleiben, staunend zu bleiben. Ich möchte nicht wissen – und ich mache das alles ja nun wirklich seit fast 20 Jahren – wie viele Klienten mich naiv finden, wenn ich wie ein Kind beim Geburtstag durch ihre Firma oder Einrichtung gehe und ALLES spannend finde und bestaune. Bloß nie abgeklärt und cool werden. Mag aber nur für mich individuell zutreffen – aber ich liebe an diesem Job, dass ich immer wieder hinter einen Vorhang schauen darf und zugleich doch die Distanz eines Besuchers wahren kann.

Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Völlig unwichtig, siehe oben. Wichtig ist, die Position und Haltung anderer einnehmen zu können, tanzen zu können. Die Position des Auftraggebers – und wichtiger noch, die Position der Menschen, die er erreichen will. Die Denkmuster der Menschen, die du mit deiner Arbeit begeistern willst oder bewegen willst. So wie ein Autor sich in seine Figuren und in die Leser zugleich hineinführt, ein Regisseur seinen Film aus zig verschiedenen Blickwinkeln sehen kann (und sollte). Die Aufgabe der eigenen Position und dann die Eroberung einer fluiden Position der angemessenen Richtigkeit jenseits deiner persönlichen Vorlieben und Muster, das ist der Kick an der Sache. Lebenslanges Lernen, kurz gesagt.

5. September 2011 20:43 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 24: Trendjäger

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Was sagen Sie dazu, wenn sich Studenten oder Berufsanfänger vor einer konzeptionellen oder gestalterischen Wiederholung in deren Arbeiten fürchten? Einem Trend hinterherzujagen (aktuell Lombardo, Meire, Borsche Style etc.)
Wie kann man seinen eigenen Stil entwickeln, ohne einem Trend hinterherzujagen?

David Carson hat mal gesagt, dass man als Designer ein Drittel seiner Karriere lang andere Stile kopiert. Ich selbst glaube, man tut es unbewusst vielleicht sehr viel länger, nur raffinierter, subkutaner. Es ist aber natürlich schon übel – so wie die Carson-Grunge-Nachbauten vor zehn Jahren unerträglich waren (und ich habe letztens sogar noch welche in einer Bewerbung gesehen) – wenn heute so viel Design so gleich aussieht.

Wenn ein Praktikant 60% der Zeit im Büro Design-Blogs durchsurft, darf man nicht überrascht sein, wenn seine Vorschläge für Projekte dann verdammt nach dem aussehen, was er sich da den ganzen Tag lang angesehen hat. Auf der anderen Seite wäre ich heuchlerisch, wenn ich nicht zugebe, selbst natürlich auch Einflüsse und Inspirationen zu haben, sogar sehr viele und mich bei denen auch gerne zu bedienen, wie ja vorhin schon besprochen.

Ich hoffe bei Designern immer auf das, was ich den Beatles- (zeitgemäßer vielleicht den Radiohead-) Effekt nenne. Beide Bands haben nicht sonderlich innovativ angefangen, sich dann aber im Laufe der Karriere aber massiv freigeschwommen. In der Regel werden viele Künstler, Autoren oder Musiker mit der Zeit kommerzieller, chartsorientierter – und vielen Design-Büros geht das auch so. Die Kunden werden größer, und große Kunden scheuen das Experiment… in der Wahl ihrer Partner, aber auch in der tatsächlichen Arbeit. Wenn ein Studio also 20 oder 40 Mitarbeiter hat, wird es im Schnitt durch den größeren Output durchaus auch wegweisende Projekte geben, aber eben auch sehr viel Mainstream. Radiohead, die Beatles und ein paar andere Bands zeigen, dass es aber auch anders geht, das langfristiger Erfolg auch dadurch erfolgreicher wird, immer kompromissloser seinen eigenen Weg zu gehen. Aber das schaffen eben auch nur sehr wenige.

Dennoch macht man sich als Designer natürlich mit der Zeit freier von erkennbaren Einflüssen, freier von Unsicherheiten. Ich denke, dieses Freischwimmen, das ein langsamer und tastender Prozess mit Fehlern und Irrwegen sein muss, ist die Methode, die dann – wahrscheinlich erkennt man das selbst aber nie, weil man ja nicht auf das eigene Werk zurückblickt – zu einer Eigenständigkeit führt. Der Mut zum Fehlschlag gehört dazu. Man probiert viele Anzüge an, sieht auch mal schlecht angezogen aus, findet aber nur so seinen eigenen Look. Und irgendwann ist man so oder so außerhalb von Trends, weil man sich nicht mehr so damit befasst, was gerade angesagt ist, sondern eigenen Antworten hinterherjagt.

2. September 2011 14:23 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 23: Oberflächendesign

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Ambitionierte Studenten befürchten in der Praxis die Beliebigkeit und „Oberflächendesign“. Was sagen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung dazu?
Beispiele: unrelevante Arbeit, für die Tonne zu arbeiten, zum Dekorateur zu verkommen, kommerziell pragmatische Projekte, geringe Wertschätzung: Gehört das in der Praxis auch einfach dazu?
Gibt es einen Weg wie man damit positiv umgeht?

Zunächst ist kommerziell und oberflächlich absolut gar nicht gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil geben dir gut bezahlte Aufträge eher die Ressourcen, in die Tiefe einer Idee einzutauchen, weil du mehr Zeit investieren darfst oder Geld hast, um mit Partnern, die dich selbst interessieren, zu kooperieren. Und es gibt andererseits eben auch ganz entsetzliche pro-bono-Projekte bei denen dich der Auftraggeber (der irgendwie vergisst, dass er eigentlich in diesem Fall ja gar keiner ist) völlig beschneidet oder frustriert und am Ende hast du ein Ergebnis, das schlecht ist und schlecht bezahlt wurde, schlimmer geht es gar nicht. Been there, done that, it sucks. Kommerziell mit «brav» gleichzusetzen ist, sorry, einfach eine Ausrede für Faulheit. Wir haben beispielsweise bei einem kommerziellen Kunden aus der Bankenwelt deutlich bösartigere Konzepte realisiert bekommen als an einem Theater, viel konfrontativeres Material produziert. Nonkommerziell ist nicht immer «besser». Es gibt keine schlechten Briefings. Ich habe bei pro-bono-Aufträgen unfassbare Kompromisse machen müssen («Mein Mann hat sich da auch mal etwas ausgedacht…») und andererseits bei hochkommerziellen Aufträgen wunderbare Erlebnisse und Ergebnisse gehabt. Also bloß nicht auf diese Klischees reinfallen, sie stimmen nicht.

Insofern gibt es keinen Job, der per se «oberflächlich» ist oder von uns so angegangen wird. Natürlich hast du immer wieder Klienten, die am Ende die scheinbar sicheren Varianten bevorzugen, die du nicht oder eben nur langsam ermutigen kannst, sich zu Strecken, gegen den Strich ihrer Branche zu bürsten. Manchmal braucht es etwas Zeit und gewonnenes Vertrauen, bis du ans Eingemachte darfst – ich kann das auch gut verstehen. Auch wenn es immer wieder schwer ist, bei Null anzufangen, diese Geduld mitzubringen – weil man ja weiß, dass der Klient selbst wichtige Zeit verliert und weil es natürlich auch manchmal anstrengt, bei neuen Auftraggebern immer wieder durch diese Phase durchzumüssen, zu überreden, zu überzeugen, sich zurückzunehmen, Kompromisse auszuhandeln. Aber mit dieser Erfahrung sind wir ja nicht allein. Das geht auch einem Chip Kidd oder Sagmeister so, also warum nicht nodesign :-D?

Wir haben 2009 solche Prozesse gehabt, bei einem spezifischen Auftraggeber und uns teilweise für die Endergebnisse etwas geschämt. Aber dann siehst du mit etwas Abstand die sonstigen Materialien, die andere Büros für diesen Klienten umgesetzt haben… und realisierst, dass du ihn eigentlich schon ganz schön weit gedehnt hast und deine Verbündeten im Inneren der Maschine wahrscheinlich gar nicht mehr herauspokern konnten. Relativ zur Norm war das Ergebnis zwar nicht dass, was du vielleicht für den Auftraggeber wolltest, aber dennoch das noch deutlich vorzeigbarste Ergebnis in seinem Medienportfolio. Insofern haben sich die Kompromisse irgendwie eben doch gelohnt, und unsere Hartleibigkeit in der Arbeit.

Es ist wichtig sich das immer wieder vor Augen zu halten, Geduld zu haben. Zumal es ja spannender ist, nicht ad hoc für «coole» Klienten zu arbeiten, wo das gute Design fast vorprogrammiert ist, sondern für Auftraggeber, die schwieriger sind und vor allem deutlich mehr Hilfe brauchen. Da habe ich einen Missionarsansatz, ich drehe lieber eine Betonfirma komplett um als bei einem Lifestyleanbieter die dann ja wieder übliche androgyn-glatte oder pseudo-provokante Optik zu fahren. Letzteren würden wir wahrscheinlich eher dann eben in eine für ihn auch wieder ungewohnte Richtung schieben wollen.

Oberflächlich sind für mich vor allem Ergebnisse, die einfach nur «gut» aussehen, aber sonst aber nichts wollen, denen du keinen Hintergrund anmerkst. Um Peter Hein zu zitieren: «Es mag sich zwar reimen, aber warum?» Stuff, der sehr zeitgeistig daherkommt, aber der mit den Inhalten wenig zu tun hat, der keinen Subtext hat, den du nicht deuten kannst, der nur kosmetisch ist. Das sind ja gerade oft die Arbeiten, die du als «wild» bezeichnest, die durch viel Styling von ihrem faktischen Mangel an Substanz ablenken, die nur formale Experimente sind, akut toll aussehen und dann langweilen. Das sind die Dekorationsarbeiten, das ist das visuelle Feigenblatt des horror vacui. Und was die Geringschätzung angeht – man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen, wir sind keine Unfallchirurgen, sondern Gestalter. Dennoch machen wir wichtige Arbeit – und wer die gut und souverän macht, wird auch nicht gering geschätzt werden, weil er einen sehr greifbaren Beitrag zum Erfolg einer Sache leistet, einen Mehrwert schafft.

Man muss da vorsichtig sein – manche der so aussehenden Arbeiten haben ein phantastisches Fundament, sind Styling und Substanz, haben eine Aussage und sind absolut umwerfend. Andere eben nicht. Spannend am Design finde ich selbst nicht die Gestaltung. Die ist und bleibt Mittel zum Zweck und ist, ehrlich gesagt, mitunter etwas langweilig. Man darf Design an sich nicht zu ernst nehmen. Das Spannende ist der Zweck. Mich reizt an Design nach wie vor die Wirkung, also die Vorstellung, damit eine Reaktion kurz- oder langfristig hervorzurufen, als «Agent of Change» sehr direkt aktiv sein zu können. Wandel (mit) zu gestalten, so platt das klingen mag. Als Designer bist du oft sehr pragmatisch an Umbruchprozessen, Relaunches oder an Neugründungen beteiligt und damit, wenn der Klient dies zulässt, ganz aktiv an Change-Management-Prozessen. Wie Mitarbeiter und Kunden ein Unternehmen sehen, wie eine Einrichtung sich sozial definiert, liegt dann zumindest teilweise mit in deiner Hand. Nicht oberflächlich ist insofern für mich ein journalistisches, neugieriges, lernendes Design, das versucht, den Auftraggeber und sein Umfeld zu erkunden, wie ein Helikopter zu umkreisen, unter die Lupe zu nehmen, das in die Tiefe geht, sozusagen auf leichte Art organisationspsychologisch ist. Und mittelfristig versucht, den Status Quo zu verändern, zu optimieren, indem es positive Impulse und Vorbilder schafft.

Das positive Umgehen ist insofern, sich den Beruf zu eigen zu machen. Es gibt viele Nischen im Design, vom flashigen Trendzeug bis ursolider Werbung und dazwischen auch Raum für Büros wie unseres, das irgendwie weder noch ist. Design ist wie Musik – es gibt zig Stile und Nuancen, du kannst eher der Jazzer oder eher der Raggamuffin sein… wichtig ist vor allem, dass du dein Ding möglichst ehrlich und gut machst.

1. September 2011 15:24 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.


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