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Alex Leu fragt 15: Zweifel

hd schellnack

Gab es interessante, radikale oder ungewöhnliche Lösungsansätze bei denen Sie Zweifel gehabt haben, ob das ankommt?

Zweifel habe ich immer. Als derjenige, der etwas entwickelt, hast du ja immer dieses «What if…» im Kopf, die Alternativen, die Varianten, den nicht gewählten Weg, den Remix deiner Ideen. Du hast ja meist nicht nur einen Ansatz, sondern mehrere und oft magst du auch mehrere gleich. Insofern gehört der Zweifel an der eigenen Arbeit für mich dazu, ist auch ein Antrieb. Wenn ich total zufrieden mit meinem eigenen Zeug wäre, müsste ich aufhören, die Unzufriedenheit ist ja auch eine Triebfeder.

Welche Bedenken hatten Sie? Beispiel: Regeln zu brechen, die man nicht kennt.
Die Bedenken sind ein zentraler Bestandteil des Nachdenkens über ein Projekt. Zur Forschung gehört für uns, die Regeln im Segment des Auftraggebers kennenzulernen (sie nicht zu kennen wäre ein Fehler) und zu überlegen, welche man davon sinnvoll brechen darf und sollte. Natürlich beleuchtest du also im Vorfeld ein Projekt von verschiedenen Seiten. Wenn du einen gewagten Entwurf machst – Schrift unleserlich, respektloser Umgang mit Photos, Plakat mit winziger Schrift, was weiß ich – hast du natürlich immer im Kopf, dass du die Rezipienten und damit die Kunden deines Auftraggebers aus ihrer Komfortzone herauszwingst. Das sorgt auf der einen Seite für einen Aufmerksamkeits-Stimulus, diesen «What the fuck…»-Moment beim Rezipienten, andererseits auch für Ablehnungseffekte, von bösen Briefen bis zum einfachen Text-nicht-lesen-weil-zu-anstrengend. Am Ende geht es um die Frage: Was ist angemessen? Du willst ja einen Kommunikationsprozess, und der ist ein Spiel, eine Verführung, ein Tanz. Da gehört durchaus dazu, zu überraschen, zu verblüffen, herauszustechen. Ist in der Mode ja auch so. Wir versuchen, einen Punkt zu finden, an dem der Klient seine eigenen Angsthürden überspringen kann. Der Punkt sitzt bei jedem ja an einer anderen Stelle… dieser Moment, wo sie etwas Angst haben, aber genügend Mut, es fliegen zu lassen und zu schauen, ob es funktioniert. Dazu gehört Vertrauen und es wird leichter, wenn man das Glück hat, wenn es zu Anfang bei einem mutigen Projekt auch schnell einen Erfolg gibt, ein positives Feedback. Da wir unsere Ansätze meist recht gut begründen können und selten rein visuell arbeiten, gelingt es uns aber schon recht oft, die Kunden ein Stück mitzunehmen, Ergebnisse zu produzieren, die zumindest gemessen an bisherigen Publikationen etwas weiter gehen, etwas mehr wollen.

Wie sind Sie in diesem Fall, damit umgegangen?
Dabei hilft vielleicht, dass wir nicht versuchen, rein oberflächlich «krass» zu sein – mich interessieren Trends im Design immer weniger. Die Andersartigkeit suchen wir oft eher im Ansatz, in der Idee, in einer Bildsprache o.ä., weniger in wilder Typographie oder Faux-Bauhaus-Looks. In dem Kontext ist interessant, dass wir mehr und mehr über Inhalte und Texte diskutieren, über Kommunikation eben, und weniger über den Look. Bei einer Homepage fragen wir uns nicht, wie die Buttons aussehen sollen, sondern welche Ressourcen der Klient hat, selbst aktiv eine spannende, lebendige Site zu gestalten, die verändert, spannend ist, sozial ist. Ich kenne zig Website-Redesigns, die Inhalte 1:1 übernehmen, und nur den «Look» ändern. Und nichts könnte verkehrter sein. Es geht doch vielmehr darum, Inhalte webgerecht zu machen, Besucher gekonnt zu führen und verführen und vor allem zu atmen, die Site nicht als Zusatzarbeit zu betrachten, sondern als Nabe der eigenen Prozesse und Aktionen, nicht als reine Informations- oder schlimmer Werbeplattform, sondern als nahtlosen Teil des eigenen Tuns, als einzigartige Kommunikationschance. Und hier, an dieser Stelle sitzt die Radikalität für mich, nicht im Look, sondern darin, die Auftraggeber zu einem anderen Denken über sich selbst zu verführen. Und dabei bricht man seltsamerweise genau so viel Regeln wie im Design an sich. Ein Zweifels-Punkt ist insofern also auch immer: Überfordern wir unseren Partner, ist das schaffbar?

Hatten Sie das dem Kunden präsentiert?
Bei dir geht es natürlich um die Frage, ob man einen Entwurf hat, den man selbst so radikal findet, dass man ihm den Auftraggeber nicht zeigt. Sowas kommt natürlich mal vor, ist aber eher die Ausnahme – Ziel von Design ist ein möglichst angemessenes Lösungssystem zu entwickeln, nicht möglichst krasses Portfolio-Zeug. Wenn wir also zu visuell radikalen Lösungen kommen, dann deshalb, weil wir denken, dass diese am besten eine bestimmte Attitude des Auftraggebers kommunizieren und ein Ziel erreichen. Wenn wir etwa beim ikf° in der Finanzkrise mit Bildern abgestürzter Vögel oder reichlich blutigen Bildern einer Hand-OP arbeiten, dann, um über solche visuellen Schocks bei einer mit Publikationen völlig zugeschütteten Zielgruppe eine Neugierde und Reaktion zu wecken.«Radikalität» – auch wenn ich das selbst nicht so nennen würde – ist also strategisches Werkzeug, wir überlassen das nicht dem Zufall.

Bei allen Zweifeln über die richtige Strategie beim Erreichen solcher Ziele gilt, dass wir sie offen und ehrlich kommunizieren und gemeinsam mit dem Klienten abklopfen, bis beide Seiten glauben, das richtige zu tun. Ganz sicher weiß man das nie, weil die beste Strategie natürlich immer erst in der Realität und nach einiger Zeit zeigt, ob sie richtig greift. Aber wichtig ist, dass wir unsere Zweifel nicht hinter verschlossenen Türen haben, sondern mit unseren Auftraggebern besprechen, um ihnen eine Chance zu geben, darauf zu reagieren. Wir «verkaufen» also nicht eine Blendadent-Fassade und haben insgeheim Zweifel, sondern kommunizieren unsere Ideen ehrlich mit Pro und Contra und beziehen den Klienten so wenn möglich in unseren Gestaltungsprozess mit ein.

11. Juli 2011 09:58 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 14: Auftraggeber

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Wie bewältigen Sie die Waagschale zwischen Ihrem Ideal, Anspruch oder Selbstverwirklichung in Verbindung mit einer möglichen Rationalisierung Ihrer Lösung vom Kunden?

Jeden Tag anders, ehrlich gesagt. Es gibt Tage, da verzweifele ich natürlich etwas daran, dass manche Ideen unverstanden bleiben oder Kunden uns im Prozess nicht genug vertrauen, dass wir nicht genug zu Ihnen durchdringen, uns vielleicht nicht gut genug erklären. Es gibt aber auch Tage, da kann ich pragmatisch und entspannt damit umgehen, wenn ein Entwurf nicht so realisiert wird wie von uns geplant. Von gutem oder schlechten Design geht ja nun auch nicht die Welt unter. Und es gibt Tage irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Man darf auch nicht vergessen, manche Entwürfe gehen mit relativ geringen Veränderungen durch und manchmal sind die Änderungswünsche vom Auftraggeber auch Dinge, die uns herausfordern und das Endprodukt besser machen.

Es hängt bei mir persönlich auch immer vom Absender ab – bei einem Theater will ich mehr, bin anspruchsvoller in der Art wie man deren eigenen Zielgruppe gegen den Strich bürstet als bei einem Kunden, der vielleicht nicht aus dem Kulturbereich kommt und ein ganz handfestes Produkt verkauft, der Anspruch und die Ziele sind einfach anders. Beim Beispiel Theater sollten die Medien zum Ansatz dessen passen, was der Auftraggeber selbst auf der Bühne macht, sollten so neugierig und spannend, kritisch und begeisternd sein wie das Haus und seine Dramaturgie selbst. Insofern bin ich immer verblüfft, wie viele sehr brav gemachte Saisonprogramme es von durchaus mutigen Stadttheatern gibt, die vielleicht einfach nicht die Chance sehen, Print und online auch als eine Art öffentliche Bühne, als Raum für Experimente und Statements, Inszenierungen und Themen, zu sehen. In gleicher Art bin ich etwas hartleibiger, wenn das gesamte CD von uns kommt und vielleicht auch seit langem gepflegt wird, da weiß man natürlich sehr präzise, was geht und man eher versucht, zu verhindern… bei der Arbeit in bereits bestehenden Corporate Designs, die nicht von uns stammen, geht es eher darum, dem System mit einer Mischung aus Respekt vor dem Entwurf und Lösungskreativität zu begegnen, da sind Änderungswünsche nicht so schmerzhaft, sondern oft eine Chance, ein theoretisches Konstrukt im Alltag zu optimieren.

Die Spannung zwischen dem, was du selbst für richtig hältst und den Bedürfnissen von Auftraggebern ist tatsächlich Projekt für Projekt, Tag für Tag neu auszuhandeln, schwankt sogar beim gleichen Auftraggeber und innerhalb eines Projektes oft, je nach Tagesform, auf beiden Seiten. Klar ist, dass wir inzwischen bei unterhonorierten Good-Will-Arbeiten etwas weniger bereit sind, wenn wir uns verbiegen sollen und die Arbeit dabei faktisch schlecht wird. Dabei geht es weniger um «Selbstverwirklichung» als vielmehr um «Qualität» und wenn du schon wenig Geld bekommst, möchtest du natürlich saubere Arbeit machen – und etwas Spaß dabei haben. Unsere Pro-Bono-Jobs sind keineswegs auf Awards getrimmt und oft genau so marktorientiert wie unsere gut bezahlten Jobs – denn oft geht es ja gerade für die Jobs im Sozialen Bereich darum, dass du Wirkung erzielst und dein Partner mit relativ geringen Mitteln trotzdem professionell rüberkommt. Am anderen Ende der Skala weiß man, wenn man für eine große Firma oder Einrichtung arbeitet, dass im Räderwerk der Kompromisse keine große Chance existiert, etwas wirklich Mutiges oder «Anderes» durchzukriegen und geht dementsprechend an die Sache heran – versucht selbstverständlich, die Sache als Ganzes voran zu bewegen, ist aber auch nicht zerknirscht, wenn die Zeit eben noch nicht reif dafür ist, und versucht es weiter, mit dem langfristigen Ziel im Auge, den Klienten zu Mehr zu ermutigen.

Auf beiden Seiten ist dabei natürlich Geduld wichtig. Ich bin immer sehr froh, sehr dankbar, wenn der Klient Geduld mit unseren Einwänden und Versuchen, die Sache zu verbessern hat und die Vorteile dieses Vorgehens sieht. Uns ist sehr klar, dass der Auftraggeber manchmal einfach nur fertig werden will und wir freuen uns, wenn er unsere Angebote (die oft gar nicht direkt das Design betreffen, sondern auch Strategien, Budgets, Medienwahl oder Textentscheidungen) annimmt. Ich habe mit manchen Kunden, für die wir seit Jahren arbeiten, einen Art Knackpunkt gehabt, wo man sich vielleicht eben auch einmal ernsthaft streitet, an dem sich zeigt, ob die uns «nur» als austauschbaren Dienstleister sehen, den man bei Gegenwind abschießen kann – oder als eine Art Partner, der sich bei engen Deadlines die Nächte um die Ohren schlägt und deshalb auch ansonsten ernst genommen wird, weil er engagierter Teil des Erfolges ist. Es ist so, dass Klienten die in dieser Form positiv über die Zusammenarbeit mit uns denken, sehr oft auch die richtigen Ansichten im Hinblick auf die eigenen Mitarbeiter, Ziele und Kunden haben – und mit solchen Menschen kann man dann auch sehr gut zusammenarbeiten und schöne Erfolge produzieren. Wer seine Designer hingegen schlecht behandelt, wird wahrscheinlich auch ansonsten im Geschäftsgebahren keine guten Manieren haben und ich glaube, dass von einem «guten Karma» im Umgang mit Menschen auch der wirtschaftliche Erfolg abhängt (auch wenn ich das wahrscheinlich gegen zig reale Beispiele anglaube, in denen furchtbare Unsympathen wirtschaftlichen extrem erfolgreich sind).

Kann man Kunden Geduld beibringen?Ich glaube nicht daran, dass man Auftraggeber «erziehen» muss. Hinter dieser Vorstellung steckt eine gewisse Arroganz von Designern – als wären Klienten «unerzogen». Und das ist ja nun wirklich nicht der Fall. Was passiert – auf beiden Seiten – ist, dass man zueinander findet, neugierig aufeinander ist, voneinander etwas lernt. Ich glaube, meist lerne ich mehr von den Auftraggebern. Und ich respektiere auch ihren Mangel an «Geduld» – wir leben in einer Instant-Gesellschaft wo du alles direkt downloaden, streamen oder in 24 Stunden geliefert bekommen kannst. Es ist schwer, zu kommunizieren, dass Ideen dennoch nicht immer auf Knopfdruck produzierbar sind und reifen müssen – und dass auch sauberes Handwerk etwas Zeit braucht, trotz aller digitalen Werkzeuge. Dazu kommt dass «der Kunde» ja auch nie eine Person ist, sondern ein Kollektiv. Mir ist immer sehr bewusst, dass ein Entscheider, dem ich ein Design mache, dieses vor vielen anderen Vorgesetzten und Partnern vertreten muss, eventuell vor Mitarbeitern und Presse usw. Das lädt nicht immer dazu ein, so leichtfertig wie wir Gestalter zu entscheiden, da ist mehr Abwägung im Spiel, auch mehr Politik und entsprechend auch eine Prise mehr Angst als wir sie haben. Während es uns also «nur» um gutes Design geht, haben viele Entscheider weitere und andere Parameter im Kopf, die ebenso wichtig oder wichtiger sind. Man sollte also nicht dem Auftraggeber Geduld beibringen, sondern in erster Linie selbst Geduld entwickeln. Was nicht immer leicht fällt, wenn man das, was man so tut, mit Herzblut macht und persönlich als essentiell für den Erfolg des Partners sieht. Insofern ist es auch völlig okay, wenn beiden Seiten in einem Prozess mal der Geduldsfaden reisst – Hauptsache, man findet wieder zueinander. -Aber die Vorstellung, dass man sich Klienten erst «erziehen» müsste, finde ich seltsam. Dahinter steckt diese Idee vom «bösen Kunden», der die tollen Designs zerschießt und die armen Designer quält. Sicher gibt es solche «clients from hell» teilweise wirklich (die kann man aber garantiert nicht umerziehen). Aber generell gilt es, immer bei sich selbst anzufangen. Ich muss geduldiger werden, nicht der Auftraggeber. Wir Designer müssen uns besser erklären – und professioneller agieren. Wir Designer hängen schließlich auch oft in unserem ganz eigenen Elfenbeinturm aus Ästhetik und Spezialwissen fest, und können uns dem Laien kaum richtig erklären. Wer also «geduldige» Kunden will, muss wahrscheinlich auch vorher supergeduldig seine Ansätze und Inhalte und Prozesse erklären und als Mehrwert nachvollziehbar machen.

10. Juli 2011 13:10 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 13: Kritik

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In Designblogs herrscht eine Dominanz an Kritikern die Arbeiten stark kritisieren. Das verunsichert viele Studenten die sich dann fragen ob das was man tut den richtig sei oder nicht. Man fängt an in Regeln zu denken und das bremst die Kreativität. Was sagen Sie dazu und welchen Rat würden Sie den Studenten dazu geben?

«Richtig» oder «Falsch» sind seltsame Denkebenen im Design. Ich glaube, man kann sehr sehr gut auf der rein mechanischen Ebene kritisieren –schlecht gemachte Typographie, schlechte Photos, hastige Layouts, keine sauberen Grids und so weiter -, aber inhaltlich ist es schon schwieriger. Ich finde durchaus, dass man ein gutes Design, welches eine schöne Idee handwerklich sauber umsetzt, unterscheiden kann von durchschnittlichem oder sogar schlechtem Design. Das ist einfach so – und versierte Designer können das intuitiv, blitzschnell und vernichtend… wir müssen das können, denn das ist alltäglich unser Job, auf eine Arbeit sehen und sie «röntgen» und Schwachstellen entdecken und einen Mitarbeiter anweisen, was verbessert werden muss.

Wer diese Kritik nicht aushalten kann, sollte kein (zumindest kein bezahlter) Designer werden, denn in dem Job stehst du im angewandten Kommunikationsbereich immer vor einer Art Jury. Pitches, Korrekturen durch den Klienten, Designwettbewerbe, Peer Reviews im Büro – irgendeiner weiß es immer besser als du, irgendeiner stellt dich immer auf die Waage und irgendeiner schießt immer Löcher in deine Arbeit. Dieses permanente Säurebad ist nicht unbedingt schlecht, es hält dich wach und verhindert Bequemlichkeit. Am meisten hilft dabei, selbst der eigene schärfste Kritiker zu sein. Ich bin immer eher überrascht, wenn unsere Arbeit gelobt wird, weil ich eher auf das, was noch verbessert werden könnte, fokussiere als auf das, was bereits gut geworden ist.

Was die Kritik angeht – Ich sehe es so, wie ich selbst ja auch eine Band oder einen Autor kritisiere, wenn das dritte Album oder fünfte Buch irgendwie nicht so gut geworden ist wie die Vorgänger – man kann das als Attacke deuten (und wenn es zu oberflächlich bleibt, ist es das ja vielleicht auch), oder aber als eine Form von Auseinandersetzung einer Person, die sich für das, was du tust interessiert und an dessen Qualität interessiert ist, mit deiner Arbeit. Diese letztere Art von Kritik ist durchweg ohne Abstriche eine gute Sache. Vor allem, wenn ich handwerkliche Kritik oder eine Anregung kriege, wie etwas besser funktionieren kann. In diesem Sinne kann selbst destruktive Kritik hilfreich sein, solange sie ehrlich ist und im Detail begründbar.

Es ist eher schade, dass es für Design-Kritik kein sauberes Werkzeug, keine objektiven Kriterien gibt, selbst erfahrene Designer (und ich packe mich da an die eigene Nase) fallen immer wieder auf geschmäcklerische Argumente oder auf die «Hätte ich anders gemacht»-Schiene zurück, wenn sie andere Arbeiten beurteilen. Aber beides ist natürlich falsch. Man muss ein Werk aus sich selbst heraus auseinandernehmen, betrachten und sehen, ob es qualitativ gut ist. Und da fehlen uns Werkzeuge, die anderen Bereiche der Hermeneutik und Kritik längst entwickelt haben. Andererseits darf ich gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn die Parameter einer Designkritik aus den Elfenbeintürmen der Universitäten kämen, wenn wir Designer also den gleichen Was-will-der-Autor-sagen-Bullshit ertragen müssten wie die Künstler oder Schriftsteller es teilweise müssen. Jeder, der einmal in einem Museum bei einer Führung gehört hat, was da in die Photos oder Gemälde hineinmystifiziert wird, weiß, was ich meine. Ich weiß nicht – phantastisch wäre, wenn es eine Review-Kultur im Design gäbe, wie sie für Musik, Bücher, Filme und selbst Architektur längst selbstverständlich ist, die fest in den Alltag eingegangen ist, von der Rezeption der jeweiligen Erzeugnisse ja fast nicht mehr wegzudenken ist, egal ob die Künstler das nun immer mögen oder nicht. Vielleicht kommt das auch irgendwann, Design ist zunehmend Teil der Popkultur und wenn wir schon Modeblogs und Stylereviews haben, warum sollte dann nicht eben doch irgendwann ein neues Corporate Design auch in der «Zeit» verissen werden oder im Medienteil des Spiegel gelobt? Ich denke, da wird sich noch einiges entwickeln.

Beeinflusst Sie der Gedanke, was andere über Sie und Ihre Arbeit denken?
Ja sicher. :-D

9. Juli 2011 11:46 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 12: Vorauseilender Gehorsam

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Wie gehen Sie mit dem Problem des vorauseilenden Gehorsams um? (Gedanken wie: Treffe ich den Geschmack anderer? Des Kunden? Der Öffentlichkeit? Markterfolg? Und der vll. damit verbundenen Rationalisierung während des Designprozesses.)

«Vorauseilender Gehorsam» klingt vorab so furchtbar negativ. Ich glaube, eine strategische Empathie -– also ein Einfühlen in die Ziele und Wahrnehmungen des Klienten und in die Wünsche seiner Kommunikationspartner/Kunden/usw., ist eine ganz ganz ganz entscheidende Säule unserer Arbeit. Es geht ja nicht um MICH. Als Designer bist du wie ein Psychologe zu allererst doch ein Problemknacker – und an dieses Problem kommst du nur heran durch eine Art Spiegelung. Du lernst den Klienten kennen, versetzt sich in seine Lage, seine Innenperspektive und gehst dann wieder zurück in die Außenperspektive und suchst Lösungen, Strategien, die funktionieren könnten. Stell dir vor ein Freund kommt zu dir, der sich in ein Mädchen verliebt hat und von dir Rat will, was er tun kann. Ist es dann vorauseilender Gehorsam, sich in seine Gedankenwelt hineinzuversetzen – und natürlich in die des Mädchens, um das es geht – und gemeinsam mit ihm zu überlegen, was er ganz konkret tun kann, um seine große Liebe von sich zu überzeugen? Als Designer tun wir nicht viel anderes. Insofern, jajaja, ich bin im Voraus unbedingt gehorsam. Ich versuche Briefings zu verstehen und gern auch besser zu verstehen als der, der sie verfasst hat, ich spreche bei Corporate Designs – sofern irgendwie möglich – mit so vielen Beteiligten wie ich nur kann, ich rede mit Entscheidern und Mitarbeitern, Mitgliedern und Kunden. Ich frage den Leuten Löcher in den Bauch. Ich will, dass die Dinge, die wir dann machen, funktionieren. Ansonsten produziert man bestenfalls leeren Zeitgeist, schlimmstenfalls Müll. Wenn du eine Website machst, willst du, dass sie auch bedienbar ist, der Besucher sich im Interface zurecht findet, sich nicht langweilt, dass aber auch die Texter und Redakteure der Site sie möglichst leicht pflegen können und gerne mit dem Interface arbeiten. Das ist nicht vorauseilender Gehorsam, das ist einfach der Job. In deinen Fragen schimmert immer der Designer durch, der eigentlich Artist ist und sich sozusagen knechten muss, um gutes Design zu machen. Ich sehe das gar nicht so – der Job des Designers ist, das die Dinge wirken, verständlich sind, einfach und angemessen funktionieren. So wie es der Job eines Architekten ist, ein Gebäude eben auch zu klimatisieren und den Aufzug funktionstauglich zu machen oder für ausreichend Licht zu sorgen – die Aufgabe ist nicht ein ikonographisches Dach, das ist die Kirsche auf der Sahne. Dass die Site nicht langweilig ist, das Gebäude gut aussieht, ist die Kür – und idealerweise sind Pflicht und Kür so eng verzahnt, so eins, dass am Ende eben eine «Gestalt» entsteht, die Einheit von Ästhetik und Funktion. Kriegt man nicht immer hin, aber das ist doch die Blaue Blume, der man als Designer ja immer nachjagt.

Dieser Gehorsam ist übrigens das größte Konfliktpotential mit dem Auftraggeber. Es gibt unweigerlich den Punkt, wo du zumindest meinst (man irrt hier ja auch mal), es besser zu wissen als er selbst, oder wo du über strukturelle Hindernisse frustrierst bist, weil du weißt, A und B und C müssen passieren, damit alles rund läuft… aber der Klient sieht es einfach anders und hat durchaus auch seine guten Gründe dafür. Du willst in seinem Sinne handeln, aber schlägst dabei andere Wege und interne Veränderungen vor, auch ganz jenseits der eigentlichen Gestaltung, die er vielleicht scheut. Anders gesagt: Du gibst dem Kunden nicht, was er will (oder zu wollen meint), sondern was er braucht (oder wovon du meinst, er brauche es). Das ist ein echter Knackpunkt. Kunden, die verstehen, dass Diskurse hier wichtig und produktiv sind, die deine guten Absichten schätzen, können nur gewinnen, weil genau an dieser Stelle durch produktiven Austausch ein unfassbarer Mehrwert aus einer einfachen Designaufgabe wachsen kann. Weil das abduktive Denken von Designern unglaublich gut darin ist, komplexe Probleme systematisch zu lösen und so Erfolgschancen zu generieren. Wir finden einfach ganz andere Lösungen und Antworten als etwa Betriebswirtschaftler oder Ingenieure, weil wir sprunghafter, intuitiver denken – im «Was-wäre-wenn»-Modus eben.

Uns ist mit den Jahren sehr klar geworden, dass es eine wertvolle Leistung ist, dem Klienten ein produktives «Nein» anbieten zu können, bestimmte Werte des Klienten zu bewahren, selbst wenn er das akut selbst kurzfristig vielleicht nicht gut findet ein «Nein, aber…» zu hören, sozusagen sein «Torhüter des Guten Geschmacks» zu sein. Wir haben mit diesem Ansatz sehr gute und natürlich auch ein zwei eher schlechte Erfahrungen gemacht – und wenn es so etwas wie Haltung oder Anspruch bei uns gibt, dann ist das immer die Hoffnung, als Partner auf Augenhöhe am Tisch zu sitzen, mit unserer Kritik verdient ernst genommen zu werden – einfach, weil wir uns viel Gedanken über unsere Klienten machen und beste Absichten haben – also nicht vorauseilend «gehorchen», aber absolut vorauseilend mitdenken.

Wann holen Sie, diese Gedanken ein?
So früh wie es eben möglich ist. Am Anfang von Design steht Strategie und Forschung – und da ist jeder Input von Klientenseite Gold wert.

Tun Sie die Dinge, weil Sie das so wollten, weil Sie glauben, dass es andere so «sehen» wollen, oder greifen Sie lediglich auf Ihr Repertoire zurück?
Weder noch. In dieser Frage gibt es keine positive Antwort – ich kann nur tun, was andere wollen oder auf ein irgendwie geartetes Standardrepertoire zurückgreifen? Wir tun die Dinge möglichst so, dass ein Dialog entsteht und aus einer Mischung aus Erfahrung in unserem Metier und Neugier auf neue Prozesse etwas entsteht, was dem Auftraggeber weiterhilft, ihm neue Wege und Lösungen aufzeigt und zu einem ganz greifbaren Erfolg führt. Nicht nur im kommerziellen Sinne, sondern auch im sozialen Kontext.

Haben Sie schonmal Ergebnisse präsentierst, hinter denen Sie nicht stehen?
Am Anfang eines Projektes nie. Ich bin schon aus Pitches ausgestiegen, weil einfach nichts Gutes vorhanden war und ich nicht mit schlechten Lösungen in einen Pitch gehen möchte. Am Ende eines Prozesses kommt es durchaus vor, dass der Auftraggeber so viele Kompromisse durchgeboxt hat, dass aus einer schönen Idee ein doch eher schlechtes Ergebnis geworden ist – wer kennt das nicht? Da kann man dann um Ablösung bitten und den Auftrag aufgeben oder es so gut es geht beenden. Manchmal gibt es auch Projekte, die wir «verloren» glauben und der Klient denkt um, kommt uns wieder entgegen. Manchmal finden wir mit etwas Abstand ein «schlimmes» Endergebnis eigentlich auch ganz okay. Und so weiter. Wie gesagt, so richtig zufrieden bin ich mit Endergebnissen ohnehin nie – es geht immer eher um den Prozess an sich. Ich lebe nicht, um sonderlich schicke Plakate oder Flyer oder Bücher zu machen, sondern ich mache den Beruf, um mit Leuten gemeinsam zu Ergebnissen zu kommen, die für beide Seiten ein Erfolg sind. Das ist ein Unterschied.

Wie kann man mit dem vorauseilendem Gehorsam, positiver umgehen?
Ich kann an vorauseilendem Gehorsam erst einmal nichts negatives finden, wenn man ihn richtig versteht. Siehe oben. Zwischen einem egoistischen Diva-Gehabe und völlig meinungslosem Dienstleistertum ist ein großer Bereich, in dem jeder den subjektiv passenden Arbeitsstil und Erfolgsweg finden muss. Wir gelten mitunter als «schwierig», obwohl wir in Designdingen gar nicht Diva sind – du wirst bei uns nie hören, dass wir etwas machen nur weil es «besser aussieht». Wir können alles und jedes jederzeit begründen – bis auf vielleicht die letzten 10% Intuition, die man nicht erklären kann und die einfach Vertrauen brauchen. Wenn man ALLES erklären kann, ist die Magie weg. Aber wir machen fast nichts nur als Selbstzweck.

Wann und in welcher Dosis, macht der vorauseilende Gehorsam Sinn?
Immer – Vorausdenken, Kritik antizipieren (und dann auch mal trotzdem mutig sein), eigene Entwürfe konsequent durch ein Säurebad zu ziehen, bis sie funktionieren, ist ganz entscheidend. Selbstverliebtheit und Design passen nicht gut zusammen. Gut ist es dann, wenn es durch eine permanente beidseitige Revision gegangen ist – und wenn keine Seite meint, sich unbedingt durchsetzen zu müssen. Die berühmten Klienten aus der Hölle sind ja nur deshalb schlimm, weil sie unbedingt ihren Willen durchboxen wollen, ansonsten ist es immer okay, wenn andere Meinungen und Ziele, Absichten und Wege vom Auftraggeber kommen. Da kann man nur durch bereichert werden. Schlimm wird es nur, wenn aus dem Dialog ein Monolog wird und du zum bloßen «Umsetzer» degradiert wirst. Ich denke zB, wenn Kunden dir einen «eigenen» Entwurf schicken, wollen sie dich vielleicht gar nicht dirigieren, sondern nur – mit deinen Mitteln, wenn auch einfacher – eine Lösung kommunzieren, ohne lange Worte. Ich weiß aber, dass jeder – jeder! – Designer beim Anblick einer eMail mit Entwürfen, die der Auftraggeber «mal selbstgemacht» hat nicht weiß, ob er weinen oder wüten soll. Ausnahmslos ist das so. Ich glaube, der Klient will hier helfen und merkt gar nicht, wie schlecht das auf der anderen Seite ankommt. Hilfreich ist dann, wenn er sich nicht an den eigenen Entwurf klammert und für Dialog offen bleibt und andererseits der Designer aber offen und smart genug ist, das Problem (und die Lösung) zu sehen, um dass es hier im Kern geht. Das ist ein Prozess, der natürlich immer auch etwas Grundvertrauen braucht – deshalb läuft so viel Design nach Pitches nicht ideal, weil der Pitch ja sozusagen vom Start weg das ausgesprochene Mißtrauensvotum gegen die Designer ist, die quasi erst durch eine Casting-Hölle geschickt werden, bevor man überhaupt wirklich ins Gespräch kommt. Wenn man sich aber vertraut, ist dieses Ping-Pong von Ideen, Vorschlägen und Einwänden, Für und Wider, ein unfassbar befriedigender Weg zu gutem Design. Als Designer muss man sich von der 100%-Mein-Look-Kontrollfreak-Schiene doch sowieso lösen. Ansonsten kommst du spätestens bei Websites, die Klienten via CMS selbst pflegen, aus dem Weinen nicht mehr heraus. Aber eben hier wird deutlich, wie wichtig der Designer jenseits allem blöden «Branding-Hypes» als ganzheitlicher Berater geworden ist. Ein CMS macht aus einem Auftraggeber keinen «Webdesigner» oder Redakteur und PhotoshopExpress und eine Digikamera noch keinen Designer – aber eigentlich ist es doch cool, den Auftraggebern diese Werkzeuge nahezubringen und sie darin souveräner zu machen.

8. Juli 2011 09:28 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Slanted 13 & 14 – Sans Serif

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Was kann ich über das Slanted-Magazin sagen, was ich nicht schon gesagt habe? Die Krux aller Magazine ist, dass sie als Serienpublikationen ihren Charakter nicht so ändern, dass man mehr als ein «Out Now» liefern kann. Dass das Slanted Mag sich an der Grenze dessen bewegt, was man Magazin nennen mag, steht außer Frage. Julia Kahl und ihr Team sowie das Netzwerk der beteiligten Designer bringen mit der Doppelausgabe zu serifenlosen Schriften – die 13 eher humanistisch, die 14 eher statisch – ein Editorial-Design dass sich am modernen Trend zur Auflösung abarbeitet, wenn auch nicht mehr so konsequent wie in der 11. Ausgabe. Bild und Schrift finden eher assoziativ zusammen und Typographie ist eher Spielzeug und eine Art Meta-Thema als noch ernsthaft im Mittelpunkt wie in früheren Slanted-Ausgaben. Du liest dieses Magazin nicht mehr, um dich über Schriften zu informieren und die Schriftmuster wirken inzwischen fast deplaciert, sondern als Besuch auf einer sehr individuellen Spielwiese, die mal gelungen begärtnert ist, mal im Dekorativen hängenbleibt und scheitert, die aber immer einen Besuch wert ist.

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Man wird das Gefühl nie ganz los, dass Slanted ein «Austob»-Projekt ist, die Sorte Arbeit, die in einer Agentur nach Feierabend entsteht, impulsiv, befreit von Kundenwünschen, ein Umgang mit Bilderinputs und Schrift jenseits von Branding-Vorgaben und Projektpartnern, ein Eintauchen in die Möglichkeiten, zugleich ein Abarbeiten der besuchten Portfolio-Sites der letzten Wochen, der eigenen Liebe zu Design – auch zu dem von anderen Designern, die in ausgiebigen Interviews zu Wort kommen. Slanted ist im besten Sinne das, was man als Fanmag bezeichnen könnte – eine etwas wirsche, oft fast schülerzeitungshaft-überschwengliche Form gewordene Begeisterung für Design, ein Destillat aus Portfolios und Surfeindrücken, eine Papier gewordene Safari-Timeline, unterbrochen von Interviews, die fast ebensogut eigene IM-Textketten sein könnten, Gespräche, die sich wenig wie «echte» Interviews anfühlen, sondern ähnlich alinear und tastend wirken wir das Design des Magazins.

hd schellnack

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Das Seltsame ist, das Slanted sich anfühlt wie an einem Gravitationspunkt – irgendwie ist es noch ein Magazin, das mit Design zu tun hat, wenn auch deutlich weniger als die dazu gehörige Site/Blog-Plattform, irgendwie fühlt es sich auch an wie eine Art Plattform des Magma-Netzwerkes und dürfte sich sicherlich auch in Zukunft mir Lars Harmsens Interessen als Dozent befassen, als eine Art autopoietisches System. Zugleich wird bei mir während des Lesens zunehmend der Wunsch greifbar, sich von Typographie und Design zu lösen und sich zu öffnen. Design ist heute mehr als schicke Photos und ein paar Schriftschnitte, mehr als Szene-Interviews und Texte – und Slanted spürt das sehr wohl. Die Lust an einem sozialen Statement, an einer Auseinandersetzung mit der Welt ist zu spüren, in der künstlerischen Leitung des Magazins, die mehr und mehr zur Kuration tendiert und sich in der Juxtaposition von Bildern und Typo-Schriftmustern spürbar ein wenig beengt zu fühlen scheint. Die Slanted, so mag ich es mir vielleicht einbilden, tastet sich an etwas heran, und ist in einer Art Jugendlichen-Phase, wütend und punky, irgendwie zwischen «Neo-Carsonesque» und «Berlin», aber zugleich schmeckt man, dass da mehr sein will und kann. Die erwachsene Slanted, vielleicht jedenfalls, wird feststellen, dass Typographie Mittel ist und nicht Zweck und sich anderen Fragen zuwenden. Sie wird nicht mehr nebenbei entstehen (was sie de facto natürlich jetzt auch schon nicht mehr tut, dafür steckt zu viel Zeit drin) und vielleicht nicht mehr ein «Design»-Magazin im engeren Sinne sein. Sie wird sich vielleicht von jeder Form festen Editorials verabschieden und eine Art BrandEins der Designwelt werden, nur lebendiger und pulsierender, neugierig und weniger «Magazin» als mehr ein «Flow of Information». Sie wird, kurzum, werden, was immer Julia, Boris,, Lars und all die anderen Slanted/Magma-Coworker spannend finden. Das spannende an dem Magazin ist also längst nicht mehr das Heft an sich – das ich leider gerade aufgrund der sehr alinearen Form immer weniger real lese, sondern mehr überfliege und durch den Impuls-Overkill oft aus den Interviews wieder «herausgleite»… da ist die konservative Blattform der Form etwa viel geeigneter, mich als Leser einzuladen und zu halten – sondern die Evolution eines Blattes, das keine realen Grenzen hat und sich erfindet, während es ja schon existiert. Es ist diese Papier gewordene Neugier und Entwicklung, die Slanted spannend und als Ganzes zur Erfahrung macht.

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7. Juli 2011 11:02 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 11: Gewollt und nicht gekonnt

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Sollte radikale/ungewöhnliche/mutige Gestaltung nur denen vorbehalten sein, die sowas auch können?
Wie stehen Sie zu dem Konfliktfeld «Sieht aus wie Gewollt und nicht gekonnt»?
Gibt es für Sie ein Richtig und Falsch, wie man mit Gestaltung umgeht?
Was macht den Unterschied aus, dass die einen es können und andere nicht?

Ich bin ja selbst sozusagen «Laie», also ein Quereinsteiger, der von der Kommunikationstheorie in die Praxis rüber gemacht hat. Ich glaube, die Vergangenheit zeigt sehr klar, dass oft sogar gerade extravagante Gestaltungsansätze von Autodidakten stammen, mit David Carson als dem klassischen Vorzeige-Savant. In fast jedem kreativen Bereich hast du Talente, die nicht klassisch ausgebildet wurden. Man kann Design zwar sicher lernen, aber Kreativität, Ideenfindung und Talent lassen sich nicht in einem Lehrplan heranziehen, und das reine Handwerk kann man dann durchaus auch autodidaktisch im Handeln erlernen, meist durch fröhliches Scheitern. Auf der anderen Seite kann ein Talent natürlich unbedingt von einer Ausbildung, sofern es nicht verbogen (oder schlimmer: begradigt) wird, profitieren, von Input, Beratung, Inspiration, Zeit zum Experiment, einem Fundament, das die Intuition festigt und an dem man sich im weiteren Lebenslauf orientieren kann. Vor allem wenn man Design als Beruf ergreift ist Talent allein meist nicht genug. Wie beim Gesang oder bei der Schauspielerei ist eine gute Ausbildung für das lange Durchhalten-Können und für Professionalität wichtig, aber für «Kreativität» oder – wie du es nennst – radikale Gestaltung ist die FH oder Uni nun wirklich kein Garant.

Am Ende ist entscheidend, was auf dem Spielfeld passiert. Egal ob Quereinsteiger oder ausgebildeter Gestalter, wichtig ist die Idee/Strategie und eine in sich überzeugende Umsetzung. Um beim oben schon angeführten Carson zu bleiben – er hat sich in seinen frühen Arbeiten eine Rohheit und Dreistigkeit erarbeitet, in der Idee und Form kongruent gehen. Der frühe Carson, das ist ein umwerfend dreister, malerischer Umgang mit Typographie, ein phantastisches Gespür für Rhythmus, für Luftigkeit und Dichte. Und jede Menge Punk. Vieles davon wirkt heute ungelenk oder überzogen, aber für die damalige Zeit hat er – ebenso wie eben auch viele studierte Designer, die dekonstruktiv vorgingen – den Nerv getroffen. Hätte er ein klassisches Design versucht, wäre er handwerklich wahrscheinlich gescheitert, aber so passte es eben ideal zusammen, er hat sich sozusagen unangreifbar gemacht, indem er konsequent nach seinen eigenen Regeln spielte und am Ende dabei wundersamerweise eben nicht beschissen, sondern innovativ und energiegeladen aussah. Sein Stil ist seitdem von tausenden von Studenten kopiert – und meist kriegen sie es nicht wirklich hin. Anders gesagt: Wer weiß, ob Jimi Hendrix ein wirklich guter Gitarrist war? Hätte er auf Zuruf Jazz oder klassische Gitarre beherrscht, perfekt Flamenco gespielt – wäre er eine professionelle Studio-Kraft gewesen? Wahrscheinlich nicht. Aber Jimi Hendrix war nun mal der beste Jimi Hendrix, mit aller Konsequenz. Er war sein eigenes Original, sein eigenes Genre, völlig unangreifbar. Auf der anderen Seite gibt es natürlich studierte Studiogitarristen, die auf Knopfdruck nach Gilmore oder eben Hendrix klingen können und auch die klassische Zwölfsaitige problemlos vom Blatt meistern – die aber vielleicht nie ihre eigene Legende und Liga etablieren können. Im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Genie ist ja durchaus Raum für diese beiden Pole (und die vielen Mischformen dazwischen).

«Sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt» bedeutet dann daraus folgend oft, dass jemand etwas will, was er nicht kann, sich nicht auskennt, falsche Entscheidungen trifft, sich im Ton vergreift. Man muss immer das machen, was man machen kann, wo man selbst gerade ist. Ich mag zum Beispiel die Arbeiten anderer Designer, aber wenn ich versuchen würde, ihren Look 1:1 zu übernehmen, wäre das ein Desaster, es sähe schrecklich aus, weil ich diesen Stil ja gar nicht drauf habe, nicht von innen her kenne. Es würde ein peinlicher Cargo-Kult-Nachbau. Ganz generell ist es so, dass die Idee zur Umsetzung passen muss – und zu dem, was man selbst umsetzen kann. Hier gibt es eine Brücke zu der von dir beschriebenen inneren Haltung oder dem eigenen Stil… es ist immer gut, herauszufinden, was man gut kann und was man lieber sein lassen sollte. Was freilich immer nur durch Fehlschläge und Irrtümer machbar ist. Aber das, was man gut kann und gerne macht und dann auch schön macht… das ist wahrscheinlich die Schnittstelle von Wollen und Können, Handschrift und Haltung, Denken und Tun.

Für Studenten, aber auch für Quereinsteiger und langjährige Profis bedeutet das auch, die Lust am Spiel nicht zu verlieren und den Mut zum Fehlschlag zu bewahren. Der Job treibt dir diesen Mut ja aus – Deadlines, klare Briefings, rationale Arbeitsstrukturen, ergebnisorientiertes Arbeiten. Aber nur durch die Bauchlandung lernst du, wie du richtig fliegst. Ich habe das Studium immer als Chance für die Designstudenten gesehen, genau solche Fehlschläge zu produzieren, ohne sich zu blamieren und habe als Dozent viel Wert darauf gelegt, diese Fehlschläge auch mal ganz gezielt herbeizuführen. Wer nicht scheitert, hat seine Grenzen noch nicht erreicht und erkannt – wer scheitert und wieder aufsteht und was gelernt hat, ist aber doch auf dem richtigen Weg, oder? In der Fahrschule wäre so eine Taktik ein Desaster, klar, aber Design ist eben nicht so einfach wie Kuppeln-Schalten-Gasgeben. Das ist meine große Kritik am Bachelorstudium: Nicht genug Zeit und Raum für Fehlschläge, Irrflüge, Bauchlandungen auf einsamen Inseln. Unseren Praktikanten versuche ich immer zu sagen, dass sie bei uns sind, um zu scheitern, dass das Praktikum als Schleuse zwischen Studium und Beruf dazu da ist, im kontrollierten Umfeld zwar durchaus erfolgreich zu arbeiten, aber eben auch der Freiraum da sein muss, Mist zu bauen, tagelang ein einfaches Plakat nicht in den Griff zu kriegen und so seine Fähigkeiten zu schulen. Ich glaube, eine erfolgreiche lange Karriere ist die, wo man immer wieder und wieder und wieder das eigene Scheitern überwinden darf. Insofern sollte man keine Angst vor dem Fehlschlag haben, sondern ihn als Freund umarmen und mit ihm um die Häuser ziehen – am Ende der Angst kommen dabei meist überraschend hervorragende Ergebnisse heraus.

09:56 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 10: Blockaden und Flow

hd schellnack

Was halten Sie von meiner These, dass Blockaden im Designprozess u.a. deshalb entstehen, wenn Die Aufgabenstellung oder der Weg den man darin gegangen ist, nicht mit deiner Haltung übereinstimmt und somit zu Blockaden und inneren Konflikten führen könnten?
Ist die Art und Weise, wie jemand ein Projekt instinktiv angeht (konzeptionell und visuell), in seiner Persönlichkeit begründet?

Ich kann dieser These zustimmen – und auch wieder nicht. Design ist ein ganz normaler Beruf und wir sollten in der Lage sein, nicht in jedem Prozess dieses Berufes ein Glücksversprechen, eine Selbstbefriedigung oder einen «Flow» zu erwarten. Wer mit dieser Haltung an den Beruf geht, wird auf Dauer einfach nicht glücklich damit. Es ist eine im höchsten Maße soziale Tätigkeit, in der du zwischen den verschiedensten Parametern abstimmen musst, oft mit mehreren sehr verschiedenen Partnern zusammenarbeitest und wie in der Politik ständig deine Ideen rechtfertigst, aushandelst, Kompromisse machst und auf ein bestmögliches (aber eben nicht immer ideales) Ergebnis hoffst. Ich bin selbst Perfektionist und nicht immer glücklich, wenn in meine Ideen oder Entwürfe eingegriffen wird, aber es ist nun einmal der Alltag. Nicht, weil der Kunde zahlt und Recht hat, sondern eben weil der Klient ja durchaus auch erfahren und in seinem Bereich bewandert ist und gute Gründe für seine Wünsche hat, die es zu respektieren gilt – und so hangelt man sich im Idealfall zu einem guten Ergebnis für beide, aber ein Solotanz ist es eben eher selten oder nie. Wer Designer sein will, wie man Sologitarrist oder Poet wird, wird an diesen Abstimmungsprozessen sehr sehr leiden. Wer Spaß daran hat, seine eigenen Perspektiven zu erweitern und andere an sich heranzulassen, wer offen für Spiel ist – der wird wahrscheinlich nicht leiden, im Gegenteil. Design unter den Aspekten der Spieltheorie zu betrachten ist gar nicht so verkehrt.

Auf der anderen Seite ist Design auch eines des wenigen Felder, in dem es genug Bandbreite und Vielfalt gibt, sich zu «finden» und einen eigenen Arbeitsethos zu haben. Man kann hier sicherlich sehr viel mehr von der eigenen Haltung einbringen als in vielen anderen Berufen, muss es oft auch – denn letzten Endes verkaufen wir mit unserer Kreativität auch unseren Enthusiasmus, unsere Begeisterung, und die entsteht aus der Kongruenz von Denken und Handeln, die muss glaubhaft da sein. Insofern ist es natürlich immer gut, wenn du dich für deine Arbeit inhaltlich begeistern kannst, weil die Lösung sich aus den Spurenelementen und Erinnerungen, Inspirationen und Quellen füttert, die dich auch als Menschen insgesamt prägen und ausmachen. Die Musik, die Filme, die Bücher, die Menschen, die Kunst, die Theaterstücke und Photographien – all das wird deine Arbeit formen, weil du deine kulturellen Inputs und Faszinationen darin zu etwas anderem transformierst. Insofern ist auf jeden Fall Konzeption und Gestaltung in der Persönlichkeit verankert, in dem Sinne, dass das, was dich als Subjekt formt auch deine Arbeit beeinflusst, du gehst ja an die gleiche Quelle zurück. Designer ist in dieser Hinsicht einer der genialsten Berufe der Welt, die Mischung aus subjektiven Einflüssen und objektiver Wirkung kannst du ansonsten nur in wenigen anderen Feldern so verzahnen.

Für mich persönlich mündet das darin, dass ich bestimmte Dinge tatsächlich nicht KANN. Wir sind beispielsweise irgendwie nicht das richtige Büro für Schweinebauchwerbung, weil ich dieses enge Gewusel à la Aldi-Flyer nicht hinbekomme, es sieht immer mies aus, wenn ich mich daran versuche. Und man wäre ja auch wirtschaftlich schlecht beraten, Dinge zu tun, die man schlecht oder nur sehr langsam hinbekommt, weil man sie nicht wirklich kann, oder? Und die zu können vielleicht ja auch nicht so erstrebenswert ist. Insofern macht es schon ökonomisch Sinn, wenn das Projekt zum Büro passt, einfach, weil man dann schneller (und für den Klienten somit preiswerter) arbeitet. Man tut, was man gut kann, und aus dieser Harmonie erwachsen dann effektiv und effizient die richtigen Dinge.

Ansonsten und ganz allgemein – siehe oben – fände ich es langweilig eine Kongruenz zwischen einer «Haltung» und Aufgaben zu suchen. Da macht man irgendwann nur noch das gleiche, Das ist so, als läse man nur Zeitungen, deren Meinung eh nur die eigene widerspiegelt, oder hört nur noch eine Richtung Musik. Es gibt kein besseres Rezept für die Stagnation. Umgekehrt ist es spannender – wenn man anhand eines Projektes die eigenen Haltungen und Ansichten überprüfen und erweitern kann.

6. Juli 2011 20:57 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Vorsicht Glas 06: Buy Low Sell High

hd schellnack

Mit Erscheinen der DMIG7 kommt natürlich meine Kolumne aus der 6. Ausgabe in der unredigierten Version (ich hab nur diese Fassung) hier ins Archiv, das Thema war «Hochwertig». Passt so gut zu den Fragen von Alex Leu in letzter Zeit, weil es in der gleichen Zeit entstand und den gleichen damaligen Gedankenstand widerspiegelt.

Der Chemiekasten Design
Im Gespräch mit Kollegen wird mir immer wieder klar, wie wunderbar breit gefächert unser Berufsfeld als Designer eigentlich ist. Ich kenne kaum ein Handwerk, das unter einer scheinbar klaren Bezeichnung so viele unfassbar verschiedene Ausprägungen einer Tätigkeit unterbringt. So definieren sich beispielsweise Designer, die aus dem Illustrativen zum Design kommen immer oft eher als eine Art Künstler, in der klassischen Werbung oder auch bei größeren Corporate-Design-Anbietern fließt hingegen gern ein strategischer oder betriebswirtschaftlicher Aspekt mit ein, manche Kollegen arbeiten fast nur auftragsbezogen, andere seit Jahren mehr oder minder frei, sind sich selbst der beste Auftraggeber. Was viele Designer aus den jeweiligen unterschiedlichen Bereichen dabei selbst oft als scharfe Gegensätze betrachten, die es auszufechten gilt, als gelte es, einen einheitlichen, nämlich ihrer eigenen Sicht entsprechenden und insofern «richtigen» Design-Begriff durchzusetzen, sehe ich eher als dynamische Morphologie einer Tätigkeit, die durch ihre Natur ganz einfach unterschiedlichsten Formen annehmen kann und vielleicht im Sinne der eigenen Weiterentwicklung auch muss. Unter dem Deckmantel «Design» gibt es eine Vielzahl von Subspezies, in denen sich jeder seine eigene Lebens-Nische schaffen kann, was insgesamt eine große Stärke dieser noch durch recht wenig Regeln standardisierten Branche ist. Ich selbst interpretiere meinen Beruf entsprechend natürlich auch meinen eigenen Interessen folgend – als eine Mischung aus Unternehmensberater, Sozialpsychologe, Architekt und Dramaturg. Und nicht zuletzt vielleicht auch als Chemiker… oder besser gesagt als Kind, das mit einem Chemiebaukasten experimentiert und dabei mal ein BUMM mit einer wunderbar dicken schwarzen Rauchwolke erzeugt, mal aber auch nur ein pfffff mit seltsam riechender Brühe als Ergebnis.

Niemand will hässlich sein
Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir alle, egal wie wir uns unseren Beruf selbst zurecht definieren, nach «hochwertigen» Arbeitsergebnissen streben. Niemand wird wirklich absichtlich schlechte Arbeit machen wollen – selbst der aggressivste Antidesigner versucht noch, auf möglichst ästhetische Art hässlich zu wirken, selbst Punk hat seine eigenen Regeln von miss- und gelungenen szene-eigenen Ästhetiken, die das Genre von Außenseitern schützen. Hochwertigkeit ist insofern kein neutraler, absoluter Begriff, sondern eine individuelle Definition, wie ja auch die vielen Diskussionen, die Gestalter mit Auftraggebern immer wieder haben zeigen – die persönlichen Definitionen von «erfolgreichem Design» sind einfach oft nicht kongruent. Während man über Geschmack eigentlich kaum streiten kann, sind individuelle Vorstellungen von Hochwertigkeit oft gut begründbar sehr unterschiedlich. Deshalb hilft die Auseinandersetzung dem Designer auch, zu verstehen, was der Auftraggeber unter einem Design versteht, das BUMM macht, und kann manchmal zu einem wichtigen Teil des Gestaltungsprozesses werden – form follows discourse. Denn während der Designer vielleicht nur eine möglichst ästhetische Lösung anstrebt, und für ihn ein Design hochwertig ist, dass einfach möglichst «gut» aussieht, kann der Auftraggeber verständlicherweise ganz andere Parameter für «hochwertig» haben – etwa ganz banal ein Design, dass den Umsatz ankurbelt. Ich glaube nicht an den immer wieder herbei zitierten Unterschied zwischen «Ästhetik» und «Umsatz», an den manche Kollegen, vor allem aber leider viele Klienten glauben – Design ist dann hochwertig, wenn es gut aussieht und wirkt. Und es ist eben nicht so, dass Holzhammer-Gestaltung besser verkauft (auch wenn viele Klienten das denken). Ein Blick auf die meisten Anzeigen zeigt, dass keine große Marke wirklich noch glaubt, mehr Umsatz zu generieren, indem Sie potentielle Kunden anbrüllt. Gute Gestaltung hebt den Umsatz, indem sie souverän wirkt. Die Frage ist: Wie kriegt man im Chemiebaukasten eine Mixtur hin, die nicht nur eine tolle Färbung hat, sondern auch noch ordentlich knallt?

Scheiße und Gold
Als Designer sind wir alle in der Lage, Scheiße zu Gold zu verwandeln, wir sind Meister des Lackierens und Kaschierens. Wie versierte Präparatoren können wir noch die schlimmste Leiche sexy aus dem Sarg winken lassen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in unserem Studioalltag kommt es immer wieder vor, dass wir in der letzten Sekunde, wenn ohnehin alles brennt, aus mauen Texten und schlechtem Bildmaterial irgend etwas noch halbwegs überzeugendes zusammenmixen – Headlines umschreiben, Photos aufhübschen; aus zu niedrigen Budgets etwas melken, was nicht so ganz peinlich wirkt, wie es in der Preisklasse eigentlich sein müsste; ex post eine Strategie herbeizaubern, wo nie eine vorhanden war. Das ist so, das war immer so, das wird immer so sein, und ich fasse diesen Veredelungsprozess inzwischen auch als zentralen Teil der Arbeit auf – ein guter Koch muss immer auch mit armseligen Zutaten ein einigermaßen überzeugendes Gericht kochen können, ein Handwerker auch mit einem schlechten Werkzeug noch passable Arbeit abliefern.

Tatsächlich ist diese Verwandlung im Chemiebaukasten des Designs ein Prozess der Mehrwertschaffung. Längst übernehmen Designer die strategische Planung, positionieren Unternehmen durch konzeptionelle Ideen und klare visuelle Sprache, retten miserable Ansätze und werten fast en passant im Layout dann noch lese-feindliche Texte auf. Ein Designer, der sein Geld halbwegs wert ist, wird immer mittel- oder langfristig durch eine Mischung aus Enthusiasmus und Können einen spürbaren Mehrwert für eine Marke oder ein Produkt schöpfen, der nicht aus dem Unternehmen selbst kommt, sondern erst im nachgelagerten Veredelungsprozess entsteht. Das ist der banalste Kern angewandten Designs: Der Auftraggeber liefert Zinn und wir produzieren zwar natürlich kein Gold, aber zumindest doch soliden Stahl oder mit etwas Glück sogar Silber. Wenn man uns denn lässt.

Jeder von uns tut das. Wir Designer versuchen stets, den Klienten davon zu überzeugen, seine EIGENE Sache besser zu machen als er es eigentlich tut. Ich kenne keinen Designer, der stundenlang mit einem Auftraggeber über ein Logo debattiert, weil er das nun persönlich gerade zu seinem Glück braucht – wir alle tun das, weil wir wissen, dass der Kunde im Endeffekt von der durchdachteren Lösung profitieren wird, selbst wenn er das akut vielleicht noch nicht so sieht. Die Aufgabe des Designers ist ja schließlich, die Zukunft zu schmecken.

Was wir in diesem Prozess machen ist im Grunde Aktien niedrig kaufen und sie zu einem deutlich höheren Wert wieder verkaufen, wie Sanierer in ein marodes Unternehmen gehen, die Sache wieder ins Rollen bringen und mit Gewinn weiterverkaufen. Mit dem Unterschied, dass es nicht unser Gewinn ist, sondern der des Auftraggebers. Wir verwandeln Zinn in Silber und behalten das Silber nicht für uns, sondern bringen es brav zu demjenigen zurück, der uns das Zinn geliefert hat (gegen ein gemessen an der tatsächlichen Mehrwertschaffung meist eher moderates Honorar).

Ob bei der großen Markenbildung oder nur einem kleinen Internetauftritt – mit Wissen und Leidenschaft (Leiden und Wissenschaft) mischt der Designer Qualität aus den profansten Stoffen. Und oft fast beiläufig – ich erinnere mich an einen Fall, wo wir für ein großes Unternehmen einen Webauftritt machen sollten und in diesem Prozess heraus fanden, dass die Firma keinerlei Ordnung in ihrer Produktlinie hatte, was vielleicht erst auffällt, wenn man die Produkte in das navigierbar logische Gerüst einer Site strukturieren will und feststellt, dass es keine sinnvollen Produktgruppen gibt, Produkte teilweise doppelt existieren, andere wichtige Marktkategorien aber gar keine Produkte haben. Ergebnis des Prozesses war eine Bereinigung der Produktpalette, eine erfolgreiche Straffung von Marketingstrategien und mehrere komplett neue Produkte, die klaffende Lücken füllten und deshalb binnen kurzer Zeit erfolgreich liefen. Und ich bin sicher, ihr alle kennt solche Prozesse von «Abfallprodukten» des Designprozesses, die oft wertvoller für ein Unternehmen sind als die ursprüngliche Aufgabe, für die man engagiert wurde. Wir alle zaubern Teflon in unserem Chemiebaukasten. Hat der Auftraggeber offene Ohren und Interesse an Erfolg, mündet Design in Effekten, die weit über das Gestalten eines Geschäftsberichtes oder einer Website hinausgehen. Design ist angewandte Unternehmensberatung.

Die kommunikative Wasseraderfindung und Aufwertung, die gutes, engagiertes Design für ein Unternehmen oder eine Einrichtung bedeutet, ist so signifikant für deren Erfolg, dass Design (und eben nicht nur die Produktdesign) längst neben Preis, Qualität und Service der zentrale Faktor in der Wertkette von Produktion zu Verkauf ist. Design ist überraschend oft mehr als ein Deckmäntelchen, sondern offenbart eine Haltung der Unternehmen, die auf gutes Design setzen, die tiefer geht und die einen Respekt vor den Kunden sowie Liebe zum eigenen Produkt zum Ausdruck bringt.

Everything counts…
Aber das Chemiebaukasten-Kind in mir weiß, dass unsere Mixturen besser werden, wenn die Rohstoffe reiner sind. Insofern ist für mich die Frage nach wirklicher Hochwertigkeit immer eine Frage, die zu den Zutaten führt – Qualität entsteht immer am besten aus Qualität. So spannend es sein mag, aus Fast-Food-Zutaten ein gutes Gericht zu zaubern, so sehr weiß doch jeder Koch, dass erst frische Zutaten, eine einwandfreie Qualität von Gemüse oder Fleisch, kleinste stimmige Details in den Aromen, zu einem wirklich phantastischen Gericht führen. Detail ist alles, alles ist Detail. Auf unsere Arbeit übertragen sind es zunächst ganz offenbar lesenswerte, mit Liebe geschriebene und involvierende Texte und gute, ästhetisch sowie technisch einwandfreie Photos. Das klingt genauso einfach wie es ist, aber im Alltag ist unfassbar, wie viel Energie man in genau diese Banalität stecken muss. Wie oft habt ihr im Kleinen oder Großen schon versucht – immer mit der Angst im Nacken, den Auftraggeber mit eurem Interesse an den Details auch noch zu vergraulen – , Material nachbessern zu lassen oder selbst zu überarbeiten, selbst wenn es mit eurer ureigentlichen Arbeit nicht direkt verbunden ist, weil ihr einfach glaubt, dass diese Zutaten für ein überzeugendes Endergebnis essentiell sind? Ich würde wetten, jeder von euch tut das permanent und fragt sich in schwachen Stunden, warum man sich eigentlich so beherzt um Dinge kümmert, die dem Klienten scheinbar egal sind, anstatt den Shit einfach zusammenzuklotzen und stumpf das Geld zu kassieren. Aber macht euch nichts vor – gerade die Tatsache, dass ihr auf Qualität besteht, den Auftraggeber zu überzeugen versucht und motiviert, dass ihr Entwürfe ändert, nachbessert, Texte umschreibt, Bilder neu anfragt, Logos in Vektorqualität auftreibt und immer wieder und wieder an den Details schmirgelt und feilt… gerade diese Tatsache macht euch erst zu guten Designern. Es mag wie aufreibender Alltagskleinkram wirken, aber es ist die Essenz unserer Arbeit – Dinge besser machen. Nicht mit den Schultern zucken, nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Kompromisse machen (und suchen), aber immer wieder jeden Morgen neu an den Schreibtisch zu gehen und um das Beste zu kämpfen. Die Qualitätssicherung im Kopf, der Versuch, immer das Bestmögliche herauszuholen und das Schlimmstdenkbare zu vermeiden. Designer wollen die Nutzbarkeit und die Wirkung dessen verbessern, was sie entwickeln – und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen.

Das große Ganze
Es ist insofern eine oft logische Konsequenz guten Designs, dass es langfristig auch ganze Prozesse beim Auftraggeber optimieren kann. Die Wertschöpfung am Ende hat das Potential, zurückstrahlen in die Produktion und Planung, wenn der Klient in der Lage ist, die Anregungen des Designers intelligent aufzugreifen und umzusetzen. Der Design-Chemiker schließlich nimmt ja das Produkt in seinem Labor unter die Lupe, zentrifugiert es, findet die Essenz, aber auch die Schwachpunkte und kann aktiv helfen, die Markenkommunikation drastisch aufzuwerten. Tatsache ist, dass Design erst dann messbar wirken kann, wenn es als Planungsparadigma gedacht wird und nicht nur als «Hoppla, wir müssen ja auch noch Werbung machen»-Notlösung am Schluss stattfindet. Eine solide Zielgruppen- oder Marktanalyse, eine saubere Strategie mit stets evaluierbaren Zielen, ein diesen Zielen und dem Unternehmensvolumen angemessenes Budget, aber auch ein ehrlich gutes Produkt, ein motivierter Verkauf und guter Service – all diese Zutaten sind für erfolgreiches Design entscheidend, sie sind Aspekte des ganzheitlichen Designs und sollten aus der Perspektive des Designs kritisch betrachtet werden. Je solider das Fundament, umso wirksamer kann Design wirken. Natürlich kann man mit einer schicken Package auch furchtbaren Müll verkaufen – aber langfristig funktioniert das nicht, in Zeiten von Online-Foren zur Bewertung von tatsächlicher Nutzererfahrung mit einem Angebot weniger denn je. Echte Substanz entscheidet, die Einheit von inhaltlicher Qualität und im Marketing gegebenen Versprechen. Ziel eines guten, integrierten Designs ist also eben nicht, Zinn in Stahl zu verwandeln, sondern dafür zu sorgen, dass da von Anfang an gutes Erz gefördert wird, das Ziel ist Ehrlichkeit. Ein guter Designer wird sich also für jedes kleine Detail dessen interessieren, was er am Ende «verpacken» soll – und ein guter Auftraggeber weiß, wie wertvoll der Input eines engagierten Designstudios für sein Unternehmen ist. Auch wenn der Begriff des «Design Thinking» inzwischen ziemlich abgenutzt ist – in der Praxis ist es so simpel wie nahe liegend, und auch keineswegs neu, von Anfang an und in jedem Lebensprozess einer Einrichtung darüber nachzudenken, welche Ziele man hat und wie man sie evolutionär und langfristig erreicht. Will Gestaltung am Ende erfolgreich sein und begründbar funktionieren, tut der Auftraggeber sich immer selbst den größten Gefallen, wenn es von Anfang an eine Philosophie des runden Tisches gibt, in der er und sein Designer im Diskurs die beste Lösung erarbeiten, sich an die Essenz der gemeinsamen Hochwertigkeit heranarbeiten. Egal, was man tut, ob Schrotthandel oder Theater, Autobau oder Architektur – es gibt immer mehrere passende Weg, in seinem Feld die bestmögliche Arbeit zu tun. Design ist die Landkarte, mit der man diese Wege findet, denn die Manifestation von Intelligenz in der Konzeption, Produktion und im Marketing ist nun einmal ein Designprozess. Was liegt näher, als Designer, deren ureigenstes Interesse es ist, Prozesse so reibungslos und funktional wie nur eben möglich zu gestalten, und die ja schon am Ende der Kette einen spürbaren Mehrwert schaffen, von Anfang an einzubinden? Design, von Anfang an richtig gemacht, erzeugt Hochwertigkeit als Folge von Aussiebungsprozessen, von Optimierungen, von kritischem Denken und Besser-Machen-Wollen. Designer sind die Wissenschaftler des Alltags, die von dem Trieb beherrscht sind, die Dinge optimieren zu wollen. Das Richtige ist dabei dann das Funktionierende ist das Schöne ist das Erfolgreiche – es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen «verkauft sich» und «sieht gut aus»

Auf dem Maskenball der Verpackungskünstler
Derzeit geht es bei Design sehr viel um die Oberfläche, den Style. Das mag daran liegen, das primär auf Schaueffekte setzendes Design, das keine Auseinandersetzung fordert, sich in reizüberfluteten Pitches, in rasant durchgeklickten Online-Portfolios und bei hektischen Jury-Entscheidungen einfach besser durchsetzen kann. Die Folge ist, dass heute ganze Design-Lookbooks wie aus einer Hand aussehen, obwohl sie eine ganze Schar verschiedener europäischer Designer aus unterschiedlichen Ländern präsentieren… die halt nur mehr oder minder auffällig identisch gestalten, Echos von Echos in der Echokammer des größten Lookbooks von allem – dem Internet. Es mag auch daran liegen, dass die erfolgreichen Designer weniger und weniger Zeit (und Budget) haben, sich wirklich intensiv und lange mit einem Re-Design einer Marke o.ä. zu befassen und oberflächliche, eben vor allem visuell funktionierende, aber kaum mehr begründbare Lösungen entwickeln. Es mag auch sein, dass genau diese Lösungen in Pitches am einfachsten funktionieren, wenn selbst die Auftraggeber über individuelle Farbvorlieben sprechen und nicht mehr über konkrete Kommunikationsziele, wenn alles im Nebel persönlichen Geschmacks zerstäubt wird. Diese Ästhetisierung von Design, von der sich niemand ganz freisprechen kann, produziert natürlich wunderschön anzusehende Arbeiten von herausragenden Designern/Illustratoren. In diesem Segment von Design als eher visueller Leistung lässt sich Hochwertigkeit sicher an subjektiven oder modischen Parametern festmachen. Es kann keinen Zweifel geben, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Methoden entwickeln werden, um in Form einer aktiven Designkritik über diese ästhetische Dimension von Design urteilen zu können, wie wir heute Film- oder Plattenkritiken schreiben. Grafik-Design wird sich wie Kunst, Photographie oder Architektur als visueller Kulturfaktur etablieren und sich noch mehr als bisher einen Weg in Magazine, Galerien und Museen bahnen. Ich mag diesen Aspekt von Design per se, aber manchmal beschleicht mich die Angst, dass diese Spezies von Design sich ungesund vervielfältigt und allzu dominant wird, es nur noch um modische Launen, um den Gestalter-als-Künstler geht, nicht mehr um die «Sache», die es zu verbessern gilt, nur um subjektive (und damit unangreifbare) und weniger um objektive Vorstellungen von «Hochwertig». Es ist eine resignierte Haltung, die ich hinter manchen Arbeiten vermuten, die nur noch kommentieren oder schlicht sperrig-«anti» sind (wohlgemerkt alle auf recht gleiche Art), oder die auf der anderen Seite nur noch Nichtigkeiten schön verpacken wollen – so als könne man nicht mehr die Kraft aufbringen, das große Ganze besser zu machen. Man kommentiert die Misere, aber als Beobachter, passiv, cool, eben rein ästhetisch. Was sich in den 90er Jahren noch wie ein Befreiungsschlag anfühlte – raus aus dem Korsett des Sachzwangs, rein in den Posthistorismus -, führt heute in ein oft seltsam unterkühltes Spiegelkabinett, in dem narzisstische Verkleidungskünstlern sich einander gleichgültig smarte Insider-Zitate zuflüstern. Es ist eine seltsamer Fin-de-siècle-Maskenball und nach fast zwei Dekaden hat kaum noch jemand die Kraft, wirklich zu tanzen und im Halbdunkeln sehen alle Gäste verdammt ähnlich aus.

Design als Mission
Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn es im Design einen großen Bereich visueller Arbeiten gibt, die frei und abenteuerlich sind, die ohne Leine spazieren gehen. Ich bin vielleicht nicht ganz sicher, ob dieser Bereich derzeit so mutig und frei ist, wie er sein müsste – aber Design-als-Kunst ist ein wichtiges Feld, keine Frage. Aber wenn es um «Hochwertigkeit» geht, komme ich immer wieder zurück zu einem anderen, etwas älteren Designbegriff, dem ich eine Renaissance wünsche. Während Dieter Rams (und leider im nur geringeren Maße der großartige Hans Gugelot) gerade wieder en vogue ist, weil Jonathan Ive den reinen Look des Braun-Designs bei Apple aufgreift, sind es tatsächlich die Thesen hinter dem Design von Rams, die man ähnlich auch bei Bill oder Aicher wiederfinden kann, diese Ideen des Designs der sechziger Jahre, eines soziopolitischen Ansatzes, der aus meiner Sicht einen verblüffend Weg zu einem anderen Begriff von «Hochwertigkeit» zeigt.

«Hochwertig» ist hier nicht das, was modern ist, oder gefällt, was einer ästhetisch-künstlerischen Vorstellung des Designers entspricht sondern das, was evolutionär funktioniert, sich durchsetzt, was also bleibt. Dieses Designer fungiert als permanenter Innovations- und Verbesserungszyklus, als Schumpeterscher Prozess von Selbstkritik, Hinterfragung, Erneuerung. Es ist nur zwangsläufig, dass ein derart an der Nützlichkeit orientiertes Design einen Hunger hat, sich in betriebliche Aspekte einmischen will, die auf den ersten Blick nichts mit «Grafik» zu tun haben. Dieses Design hat stets den Beigeschmack des Missionarischen, weil es ganzheitlich denkt und Nutzungsaspekte eines Produktes ebenso ernst nimmt wie die Usability einer Homepage. Es ist einfach die logische Fortführung jenes Denkens, dass uns als Designer im Detail um Verbesserungen kämpfen lässt. Es ist der Kampf der Chemiebaukasten-Kindes um die besten, pursten Zutaten für das größtmögliche BUMM, eine Art Askese des Guten. Um Rams noch einmal zu zitieren: «Weniger, aber besser.» Unterm Strich ist dieses Design der anstrengende und oft ohne Frage auch frustrierende Versuch, im eigenen Arbeitsethos, in Gesprächen, im Umfeld immer wieder nach Vernunft und Angemessenheit zu suchen, die Prinzipien des eigenen Entwerfens auf das Umfeld auszuweiten. Die Vorstellung von «hochwertig» endet hier nicht bei Schriftwahl und Druckveredelung. Keine Frage, dass die Design-Missionare sich hierbei nicht selten aufreiben, frustriert sind, ausbrennen, in die Lehre flüchten oder nach und nach zu den schlimmsten «Wer zahlt hat Recht»-Zynikern mutieren. Weil die Welt sich in ihrer Komplexität nicht rigide entwerfen und steuern lässt ist der Ingenieurs-Ansatz eines Otl Aicher im Grunde zum Scheitern verurteilt, zu statisch, zu steif, wo der Ansatz der reinen Ästheten zu schlaff, zu hedonistisch, zu pseudo ist. Weil Design immer ein sozialer Prozess ist und eben nicht wie Wissenschaft in einem durchgehend kontrollierbaren oder wie Kunst in einem zutiefst individuellem (ergo auch kontrollierbaren) Umfeld stattfindet, sondern in einem Spannungsfeld von widersprüchlichen und oft fehlerhaften Kommunikationen, Wünschen, Zielen ist ein hartes Streben nach «Exzellenz» eine perfekte Strategie zum Unglücklichsein. Ein Designer wird niemals die Resonanz und Tiefe der Arbeit eines «echten» Künstlers erreichen, ohne sozusagen unbemerkt das Feld zu wechseln – andererseits wird niemals ein Designer auch nur eine ganze Firma re-organisieren und verbessern können, von der Gesellschaft als solche ganz zu schweigen. Aichers Designer als Weltentwerfer und flammender Erzieher würde heute an der eigenen Rigidität und Freudlosigkeit ersticken.

Come together
Die Zerteilung des Designs in Ästheten und Moralisten, Stylisten und Ingenieure, Realos und Fundis, ist nun schon so alt wie die Entdeckung des Selbstbewusstsein des Designs im Jugendstil oder Dada oder Bauhaus, das dürfte sicher ein 100 Jahre altes Thema sein – und es wäre überfällig, diesen Gegensatz als Reichtum zu verstehen. Ja, wir haben derzeit sicherlich zu viele reine Stylisten, syntaktische Meister ohne Inhalte, aber die Austauschbarkeit der meisten Arbeiten ist auch für die Protagonisten der Szene greifbar. Auf der anderen Seite wird auch der strengste selbsternannte «Informationsarchitekt» erkennen müssen, dass Kommunikation eben kein Haus ist, keine Architektur hat, sondern arationalen Aspekten folgt, die man spielerisch und explorativ integrieren kann. Auch Freude an der Nutzung sind eben «objektive» Funktionsfaktoren. So ist zu hoffen, dass die Ästheten auf der Flucht aus dem ermüdenden Nihilismus ihrer Arbeit weiter nach tieferen Inhalten suchen und die Moralisten ihrerseits die Magie des Spaßes und die Leichtigkeit des intuitiven Spiels entdecken. Was seit Jahren wie zwei unvereinbare Lager scheint, kann in der Fusion eine dynamische, lebendige Idee von angewandtem Kommunikationsdesign ergeben, eine Art Dritten Weg als Ausweg aus der Sackgasse, in der die Branche steckt. Design als Kreuzzug funktioniert ebenso wenig wie Design als Cocooning in die Heile Ich-Kuschelwelt. Ein dritter Weg zwischen missionarischem Eifer und nonchalanter Oberflächlichkeit ist eine Chance, sich in aller Bescheidenheit wieder im Sinne Aichers als Weltverbesserer zu verstehen, ohne dabei wie Wile E. Coyote ohne jeden Lerneffekt immer wieder an der Unmöglichkeit dieser Aufgabe zu scheitern. Eine Chance, aus dem nihilistischen Anti-Design herauszukommen, das nichts erschafft, nur cool sein will, sondern die Energie und die Leidenschaft und auch die Wut der Gestalter wieder in positive, die Zukunft suchende Entwürfe zu leiten. Anstatt die Gegenwart müde zu dekonstruieren würden wir so wieder die Zukunft (mit-)gestalten.

Und unsere Suche nach Hochwertigkeit könnte dabei ganz neue Dimensionen erreichen…

5. Juli 2011 11:54 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

DMIG 7 Farben ist da

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Kinder, wie die Zeit vergeht – die siebte Ausgabe von Design Made in Germany ist draußen. Diesmal wieder als wunderbare HTML-Fassung von Martin Rack und als PDF von Saskia Friedrich. Wie immer mit zahlreichen spannenden Artikeln, Interviews, jeder Menge Know-How und der üblichen Kolumne von mir, diesmal über «Schwarz». Neben dem Slanted-Mag ist DMIG eines dieser neuen Design-Magazine, dass sich mit jeder Ausgabe ein Stückchen verbessert und seine ganz eigene Nische gestaltet. Ein tolles Beispiel für die Möglichkeiten, heute mit etwas Herz und Connections «einfach» ein Magazin zu launchen und eine Publikation, die ich von A bis Z lese, wenn sie herauskommt. And so should you, my dear…

11:44 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 09: Angst und Mut

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Wann empfinden Sie etwas als Angst und wann als Herausforderung?
Wann und wo stellt sich für Sie der Punkt ein, an dem der Mut überwiegt?
Wie verhält es sich, wenn Ihnen ein Projekt besonders wichtig ist?
Angst vorm scheitern: Wie gehen Sie damit um?
Wie sollte man mit hohen Ansprüchen positiv umgehen?

Das ist immer beides gleichzeitig da, Angst und Mut gehören zusammen. Da wir immer wieder gerne Sachen machen, die wir vorher nicht gemacht haben, oder Dinge produzieren, die etwas experimentell sein, hat man natürlich immer wieder die Sorge, ob es auch gut geht. Wenn der Drucker Angstschweiß hat, wird man irgendwann auch selbst natürlich etwas nervös. Diese Angst würde man sicher los, wenn man nur noch die gleichen Dinge tut, insofern ist diese Angst eben auch eine gute Sache. Manchmal werden Projekte eben erst gut, wenn die Gefahr besteht, dass man auch daran scheitern könnte. Wobei ich finde, dass im Design diese Gefahr recht gering ist – ein misslungenes Experiment bedeutet ja keine einstürzenden Neubauten mit einigen Toten, sondern nur eine schlappe Broschüre oder ein verdrucktes Plakat. Davon geht die Welt nicht unter, weswegen man gerade in der etwas schnelllebigeren Designwelt auch den Mut zum Fehlschlag ruhig haben kann.

Geschäftlich hat man, befürchte ich, immer Angst. Ich denke immer, die ist nur da akut, wo ich jeweils gerade bin, aber das ist natürlich Quatsch. Derzeit sind wir zu groß, um studentische Preisstrukturen zu haben, die Kosten sind höher als bei Kollegen, die allein im Homeoffice arbeiten – auf der anderen Seite schätzen uns kapitalstarke Klienten immer noch als zu «klein» ein und gehen lieber zu Großagenturen, selbst wenn diese offensichtlich zu groß und teuer für diese Auftraggeber sind. Und dieser Spagat macht einem natürlich schon mal Sorgen. Man glaubt dann, wenn man erst einmal 8 oder 10 Leute im Team hat und mehrere sechsstellige oder sogar siebenstellige Etats fährt, verschwindet die Angst vielleicht. Aber das ist natürlich nicht wahr – das Rad wird nur größer, der Druck nimmt zu, mit den Möglichkeiten wächst auch die Fallhöhe. Wenn du 100 Mitarbeiter hast, kämpfst du genauso um Etats und hast genauso die Sorge, Mitarbeiter gehen lassen zu müssen, wenn Aufträge ausbleiben. Same same, aber auf einem anderem Niveau. Tatsache ist, dass sich an dieser Art von existentiellem Stress seit den Anfangstagen nichts geändert hat, ausser in der Höhe der Beträge, um die es geht. Wenn man nicht angestellt ist, gehört das irgendwie wohl dazu – und als Angestellter hat man ja im Grunde die gleiche Sorge, im Gewand der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ruhig schlafen können in dieser Hinsicht nur noch Beamte.

Als Designer hat man – je nachdem wie man tickt – neben dieser existenziellen Angst sicher noch die Ebene einer Scheiternsangst im gestalterischen Sinne. Wie jeder Kreative fragt man sich, wie relevant das eigene Tun ist. Ich bin da mit den Jahren entspannter geworden. Wir produzieren keine Kunst, sondern bedrucktes Papier, da sollte man bescheiden sein. Die Relevanz liegt in der eigenen Zufriedenheit und im Erfolg für den Kunden, in dem Gefühl, mit guten Leuten an guten Dingen zu arbeiten und im Kleinen ein paar Parameter in die richtige Richtung zu schieben, ohne gleich die Welt dabei retten zu wollen oder das Design des 21. Jahrhunderts zu revolutionieren. Wer das von sich selbst erwartet, hat ohnehin ganz andere Probleme :-).

Kann man mit hohen Ansprüchen auch negativ umgehen? Ich habe kein Problem mit meinen Ansprüchen. Ich habe mit den Jahren gelernt, mich nicht völlig zu zerfressen, man kann nicht alles kontrollieren, muss auch mal loslassen können – zumal bei den meisten Projekten immer viele Menschen mitentscheiden und man deren Meinung auch respektieren sollte. 100% Perfektion geht nicht in Kollaborationen. Ich merke immer noch, wenn sehr viel von mir persönlich in einem Projekt steckt, dass ich dann ganz schön gereizt reagieren kann, wenn man mir am Ende des Wegs die letzten 10% oder 20% versalzt und ich meinen «Willen» nicht durchsetzen kann. Das Ding ist nur, dass das gar nicht gesund und gut ist – richtig ist, sich einzubringen und zu engagieren, aber auch loslassen zu können und die Meinung anderer zu respektieren. Ich glaube inzwischen an eine Politik des doppelten Vetos – eine Arbeitsbeziehung ist dann gut, wenn wir dem Klienten nichts aufzwingen und er jederzeit «Nein» sagen und steuern kann, und wenn wir aber bitte eben auch jederzeit «Nein» sagen dürfen und man uns nichts aufprügelt. Aus dieser Kombination entsteht zwar mehr Arbeit, bis man eine für beide Partner sinnvolle Lösung gefunden hat – aber wenn beide Seiten sich die Mühe machen, sind am Ende auch wirklich alle meist zufrieden und es ist eben dennoch kein Kompromiss-Design, sondern eins, das man gemeinsam im Dialog entwickelt hat. Leider gibt es immer noch Auftraggeber, die es fast als Sport sehen, den Designer etwas vorschreiben zu müssen, ihn «brechen» zu können. Ich finde das immer schade, wenn wir unser Veto-Recht nicht wirklich kriegen, da es ja sozusagen per Definition nicht um unser subjektives ästhetisches Empfinden geht, sondern um saubere, erfolgreiche Arbeit im Sinne des Auftraggebers… und um die Tatsache, dass wir ja dafür bezahlt werden, uns intensiver mit visuellen Auftritten und Details zu beschäftigen und mehr Know-How zu haben. Wer da Beratung ablehnt, aus welchen guten Gründen auch immer, tut sich eigentlich selbst keinen Gefallen, ebenso wie wir immer gut damit fahren, auf die Experten, mit denen wir zusammenarbeiten, zu hören.

11:19 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Giraffen….

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4. Juli 2011 20:22 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 08: Motivation

hd schellnack

Wann treibt Sie ein Projekt besonders an?
Würden Sie sagen, dass viele Ängste eliminiert werden, wenn man sich mit etwas beschäftigt oder auf eine Weise löst, was man ziemlich gut kann, mit dem man sich voll identifizieren kann und Spass macht?
Sollte man sich vorwiegend mit Projekten beschäftigen, mit denen man sich identifizieren kann? (übereinstimmung mit Selbstkonzept, Haltung, Interesse etc.)

Wir sind immer erst mal hochmotiviert. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass ich in A- oder B-Projekte unterscheide. Schneller kannst du Sachen angehen, bei denen vieles bereits vorliegt oder geklärt ist, wo die Vorarbeit erledigt ist, aber das hat nichts mit der reinen Motivation zu tun. Du verlierst diese intrinsische Motivation nur dann, wenn du merkst, dass der Auftraggeber, in dessen Sinne du ja arbeitest, aus eigenen Gründen nicht mitzieht. Das passiert, wenn etwa interne Politik entscheidender wird als das faktische, langfristige Ergebnis. Oder wenn du merkst, dass jemand seinen frühen Feierabend wichtiger findet als ein überzeugendes Resultat, wenn Leute in eine Angestelltenmentalität wegducken und keine Leidenschaft entwickeln. Das passiert und manchmal ist das sogar gerade ein Grund, noch motivierter zu sein – aber zugegeben, manchmal drückt das auch auf die eigene Motivation, klar.

Umgekehrt freuen wir uns immer umso mehr, wenn wir unsere Partner wachküssen, mitreißen und man am Ende etwas geschaffen hat, was für diese Firma oder Organisation wirklich anders, brennender, intensiver ist – wenn da auf einmal Aufbruchsstimmung kommt und sich dann idealerweise auch noch Erfolg einstellt. Du merkst, es kommen bei mir immer wieder unternehmensberaterische und psychologische Faktoren hinein – Motivierung, Hierarchiefreiheit, die richtigen Dinge auf die richtige Art tun, Spaß und harte Arbeit kongruent kriegen und so weiter. Das macht unfassbar Spaß, wenn du über die Jahre zum Berater wirst, zum echten Partner, zum Vertrauten, zum «Freund» und deutlich mehr leistest als nur den gestalterischen Verpackungsprozess ganz am Ende einer Leistungskette.

Persönlich bin ich außerdem jemand, der es mag, gerade im kulturellen Sektor, wenn etwas gegen den Strich gebürstet wird. Ich mag es selbst als Konsument, wenn mich etwas herausfordert und freue mich also, wenn Theater, Museen usw. mit uns Projekte anschieben, die nicht allzu affirmativ und glatt sind, sondern die Ecken haben, widerborstig sind, die nicht so einfach wegkonsumierbar sind, die mehr wollen als nur Tickets verkaufen, die irgendwie verwirren oder verärgern oder mehr Zeit fordern als ihnen zusteht, die also das leisten, was Theater und Kunst und Kultur auch generell machen – zur Auseinandersetzung einladen.

Insofern interessieren uns auch nicht nur Projekte, mit denen wir uns ohnehin identifizieren. Zwar gibt es gewisse moralische Faktoren, die passen müssen – als Büro versuchst du natürlich für Kunden zu arbeiten, die Dinge tun, die sozial und moralisch integer sind, die die Gesellschaft insgesamt voranbringen -, aber wir haben keine Angst davor (im Gegenteil), Projekte zu starten, die uns völlig fremd sind, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen. Es ist also nicht so bei uns, dass wir weniger «Ängste» haben, wenn wir in vertrauten Gewässern schwimmen – sondern wir fühlen uns auch im tiefen Wasser ganz wohl, solange der Kunde uns das Vertrauen und die Zeit leiht, hier schwimmen zu können.

Wichtiger Teil ist da eben auch die Neugier auf das Neue. Und die befriedigst du nicht, wenn du immer in den gleichen Gewässern schwimmst. Es ist schwer, Auftraggeber zu überzeugen, wenn du in ihrem Segment eigentlich keinerlei Erfahrung hast, aber gerade dieses fremdelnde, ganz frische, suchende Element des Designs macht dann besonders Spaß – neue Zielgruppen, neue Regeln, die man beachten und brechen kann, neue Abenteuer. Und daraus erwachsen Ergebnisse, die dann für die Branche meist relativ wegweisend sind. Die Erfahrung ist nicht selten, dass das, was wir dann sozusagen «neu» erfinden, weil wir uns frisch mit einem Marktsegment und seinen Problemen befassen, binnen kurzer Zeit von anderen Firmen in diesem Bereich übernommen wird.

Mit der «Identifikation» ist das so eine Sache. Wir haben bestimmte, fast unausgesprochene, aber klare, ethische Regeln. Wir wollen für Projekte und Produkte arbeiten, die ein positives Vorzeichen haben. Die der Gesellschaft etwas geben. Aber das ist nicht so platt, wie es klingt – und darf es auch nicht sein. Identifikation darf nicht heißen, den eigenen Vorurteilen oder Paradigmen zu folgen, sonst lernt man nichts mehr dazu und stagniert. Man muss offen bleiben, die Meinungen ändern dürfen. Wir haben etwa für die von uns im Vorfeld ja nicht unkritisch gesehene Chemiebranche gearbeitet, weil die Jugendstiftung eines großen Branchenunternehmens rundum und ohne jeden Zweifel eine phantastische Sache war – und der Partner auf der anderen Seite in jeder Hinsicht genau die Sorte Person, mit der du einfach gern arbeiten willst, war. Identifikation ist wichtig, darf aber nicht zur Beengung des Sichtfeldes oder der Neugier auf neues führen. Sonst verkümmert man. Je verschiedener die Aufträge sind, umso spannender ist das Arbeiten – eine der ganz großen Sachen an diesem Job ist doch, hinter die Kulissen verschiedenster Branchen und Bereiche schauen zu dürfen und sich etwas einarbeiten zu müssen. Wir wissen natürlich nie so viel von Schauspiel wie ein Intendant oder vom Banking wie ein Professor, aber sich mit diesen Bereichen befassen zu dürfen, berufsbedingt in diesen Feldern forschen zu dürfen, ist ein großes Geschenk, das man als Designer nun mal hat. Man lernt einfach lebenslang sehr viel.

12:12 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 07: Autorenschaft

hd schellnack

Inwiefern ist Autorenschaft im Design relevant?
Welche Rolle nimmt die Kommunikation, „eigener“ Arbeiten (Autorenschaft im Design), in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils ein?
Für wie wichtig halten Sie, dass Designer, eigene Botschaften und Inhalte kommunizieren und neben der Arbeit für Kunden, als Designautor in Erscheinung treten?

Das muss wirklich jeder für sich entscheiden. Die Branche hat genug Spielraum vom dumpfsten Dienstleisterdenken bis hin zur Selbstwahrnehmung als unantastbarer Künstler, dem keiner reinzureden hat.

Lustigerweise unterstellen mir manche Auftraggeber gern diesen Künstlerhabitus, wenn ich bei Änderungswünschen mal etwas bockig reagiere. Nichts könnte weiter weg von der Wahrheit sein. Ich habe mich nie als Künstler verstanden und der Kick als Designer ist für mich nicht, mich «selbst zu verwirklichen», sondern ganz konkrete Probleme zu lösen – und das heißt manchmal auch, dem Partner gegenüber in seinem eigenen Interesse eine Meinung zu vertreten.

Ich denke eher wie ein Ingenieur oder Architekt oder Wissenschaftler. Ich komme von der Studienzeit her aus der Kommunikationswissenschaft, der BWL und der Unternehmensberatung und sehe Design insofern nicht als graphische Spielerei, sondern als soziales, psychologisches und wirtschaftliches Kommunikationswerkzeug. Innerhalb dieses Rahmens lege ich aber durchaus viel Wert auf eine Art Co-Autorenschaft, auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, auf Argumente und Austausch. Wir finden schon sehr wichtig, beraten zu können und zu dürfen und das bedingt eine Co-Autoren-artige Zusammenarbeit. Hat man nicht immer, aber es bringt ohne Zweifel die besten Ergebnisse.

Ich bin immer getroffen, wenn Klienten uns als reine Grafik-Hansel betrachten, denen man Inhalte und sogar gestalterische Details vorgeben kann, vor allem, wenn dies ohne strategisches Nachdenken geschieht, also ohne Herleitung in Abstimmung mit den Zielen. Insofern suchen wir immer den Dialog und kümmern und intensiv um an sich grafik-ferne Themen… andere Marketingbereiche, Produktqualität, Service, Innenarchitektur, Corporate Language, Struktur, Inhalte und Tonalität von Texten. Da kann es passieren, dass ich einem Vorstandsvorsitzenden sagen muss, dass es eigentlich egal ist, wie liebevoll wir die Verkaufsmedien gestalten, solange der Innendienst sich unfreundlich am Telefon meldet oder selbst bei großen Anfragen nicht serviceorientiert reagiert. Das Ergebnis ist dann vielleicht eine Schulung – und das Geld ist besser investiert als eine Printmaßnahme, die nur dazu führt, dass mehr Leute unwirsch am Telefon begrüßt werden :-D. Und es ist natürlich für uns immer wieder eine schöne Erfahrung, wenn solche Ratschläge wirklich angenommen werden – und dann auch oft greifen und ein besseres Ergebnis bringen. Design ist für uns eben nicht nur «Grafik», sondern Optimierung von Prozessen zu einem gewollten Erfolg hin.

Es ist ein Ansatz von Design als Organisationspsychologie an der Schnittstelle zwischen unserem Auftraggeber und seinen Kunden, also wirklich keine Kunst. Es geht für uns immer sehr intensiv um die Sache an sich, um eine gewisse Ehrlichkeit im Auftritt einer Marke, und damit um Erfolg für unsere Klienten… nicht so sehr um die visuelle Selbstbefriedigung, auch wenn natürlich bei manchen Projekten ein grandioser Look ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, weil es Aufmerksamkeit bringt und damit die Response-Chancen.erhöht. Klar soll es also am Ende gut aussehen, aber das ist dann ein Ergebnis von richtigen Entscheidungen und guten Prozessen, das Optische ist sozusagen für uns der Ankunfts- nicht der Ausgangspunkt der Reise.

«Autorenschaft» sehe ich also nicht als das rein visuelle. Kunstbücher sehen automatisch besser aus als Flyer für eine Partei – aber was ist wirklich wichtiger? Sollte man nur Plattencover machen und hippe Magazine, weil es dann automatisch sexy-modern wird… oder ist es nicht doch eben spannender, da zu arbeiten, wo gutes Design viel schwieriger und weniger selbstverständlich zu erreichen ist?

Es gibt viele Kollegen, die neben den Auftragsarbeiten auch «eigene» Arbeiten machen – Magazine, Bücher, Plakate – und ich finde das großartig und die Ergebnisse sind toll, aber mit ganz wenigen Ausnahmen kommen wir nicht dazu. Ich würde dann auch eher schreiben als «Layouten». Ich muss auch zugeben, ich finde das ein wenig wie die Sache mit «Arbeit» und «Urlaub». Ich mache wenig Urlaub, weil ich meine Arbeit nicht wirklich als belastende «Arbeit» empfinde. Was ich mache, macht mir Spaß und meist sind selbst Urlaube ein Anlass, sich Inspirationen zu holen. Ich brauche keine «Flucht» vom Beruf. Insofern brauche ich auch eigentlich kein Projekt, um mich selbst zu verwirklichen, weil ich das in meiner Arbeit tue und eigentlich auch immer im ausreichenden Maße darf und kann oder sogar soll. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich gut wäre in einer Arbeit, in der mich kein Spielpartner zu Kompromissen oder Umdenken oder Problemlösungen anregt, sondern wo ich nur mit selbst gerecht werden müsste, ich fände das vielleicht sogar langweilig. Das, was mir persönlich an der Arbeit Spaß macht, kann ich eben am besten im Dialog mit einem Auftraggeber machen, wo auch ein Ziel des Spiels in Sicht ist. Kompromisse und «botched jobs» tun dann natürlich weh, aber den «Urlaub» von der Realität im Design brauche ich eigentlich nicht, ich mag die realen Jobs so wie sie sind und habe kein Zwei-Klassen-Denken. Denn dazu führt das doch vielleicht irgendwann, oder? Zweitklassig gemachte Auftragsarbeit for the money und dann volle Energie für erstklassige «Eigen»-Aufträge – keine Ahnung, wie man das kommunizieren will, auch im Team intern. Mein Ansatz ist eher: Jeder Auftrag eines Kunden IST ein eigener Auftrag und ist A-Liga, egal wie groß oder klein. Ich habe da diese Karate-Kid-Mentalität: Es gibt keine sinnlosen Tätigkeiten, man kann selbst Aufträge, die sich auf den ersten Blick unspannend anhören, spannend machen. Und genau das ist doch die Definition von Design – Dinge besser machen als sie akut sind.

Es braucht auch diese Spannung, finde ich. Ich fand David Carson absolut großartig, als er «Ray Gun» gemacht hat. Da gab es Inhalte, eine Redaktion (wenn auch keine sehr mächtige), da gab es spürbar eine Reibung und eine Aggressivität, man hatte das Gefühl, der Mann testet die Grenzen dessen aus, was er machen darf, wie weit er gehen kann, der spielt mit den Möglichkeiten des «Briefings». Ohne diese Grenzen, in totaler Freiheit, wirkt Carson auf mich heute vergleichsweise weniger spannend – als würde ihm etwas fehlen, woran er sich abarbeiten kann – die Oberfläche ist gleich geblieben, aber es fehlt eben etwas, wogegen er rebellieren kann – die Normen eines «normalen» Musikmagazins. Du solltest als Designer also nie denken, dass Grenzen dich einengen – sie zünden die Kreativität, weil sie sich zwingen, um diese Grenzen herumzudenken. Das mag paradox klingen – aber ich glaube, dass die Auftraggeber von diesem Ansatz, sich auch mal gegen das Briefing zu stellen und darüber hinaus gehen zu wollen, enorm profitieren. Ich mag das bei Ingenhoven immer sehr: Der kriegt in einem Wettbewerb ein sehr konkretes Briefing für ein Bauwerk, recherchiert und entdeckt vielleicht eine bessere Lösung – und geht dann damit in den Wettbewerb. Da werden aus einem Hochhaus zwei … oder aus vier Blockgebäuden eine lebendige Gesamtstruktur, oder sie finden eine bessere städtebauliche Lösung als ursprünglich vorgesehen. Das deckt sich enorm mit meinem Denken, im Sinne des Auftraggebers anders zu denken und andere Lösungen anzubieten, auch auf die Gefahr hin, dass man diese etwas mehr erklären muss und es ein komplexerer «Pitch» wird als wenn man nur brav die Vorgaben abarbeitet.

Anders gesagt – ich habe in den letzten Jahren viele Theatersaisonhefte gesehen, die exakt gleich aufgebaut sind und sich nur oberflächlich-ästhetisch unterscheiden. Photos der Darsteller, Stücktexte, Serviceinfos und drumrum halt etwas Grafik Design. Wenig eigene Botschaft und das Design etwa so wie man es auch bei einer normalen Broschüre in der Industrie hätte. Das ist der Standard und das ist eine einfache Sache. Ich mag das aber nicht. Ich finde zum einen Theater ist ein Ort von und für kreative Haltungen und Botschaften, die darf und soll ein Jahresheft zeigen, und zum anderen sehe ich die Rolle eines Designers am Theater nicht passiv, sondern aktiver, mutiger – da hat mich das Schauspielhaus Bochum ziemlich verzogen, zugegeben. Insofern mag ich beispielsweise enorm, was Anselm Weber in Essen gemacht hat, von A bis Z, da hat alles gestimmt, Ansatz, Design, Denken, Projekte, einfach großartig. Ob in Bochum oder jetzt in Bielefeld – wir genießen da ein wenig Vertrauen und können deshalb in den Medien eigene Ideen, Ansätze, Themen, sogar Texte einbauen. Man «shanghait» sozusagen die Medien und macht sie sich – völlig im Interesse des Auftraggebers – zu eigen. Da muss ich dann natürlich immer damit leben, dass das Marketing, die Dramaturgie oder Intendanz als Redaktion und Absender auch mal «Nein» sagen oder andere Richtungen gehen wollen, aber das ist doch auch sehr okay dafür, an dieser Stelle als Mit-Autor tätig werden zu dürfen, in dem Kontext und ein ansonsten etwas blutarmes Medium spannender zu machen. Das ist ein spannender gemeinsamer Prozess, ein Herantasten, und natürlich gibt es auch in Bielefeld noch Darstellerbilder und Stückinfos, aber etwa im letzten Saisonheft eben auch deutlich mehr. Und dieser Prozess macht mir mehr Spaß als zwanzig eigene Magazine zu machen – ich finde es spannender, Wandel zu gestalten, Partner zu überzeugen, Fort- und Rückschritte zu erleben als die totale Freiheit zu haben… ganz ehrlich, ich befürchte, die würde mich etwas langweilen.

2. Juli 2011 17:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 06: Haltung & Struktur

hd schellnack

Wie kann ein Designer innerhalb einer Agenturstruktur seine eigene Haltung folgen?
In dem er sich die Agentur aussucht, mit dem er sich am ehesten identifizieren kann?

Wie gesagt, ich glaube, dass man als Designer keine Haltung vorweg haben, sondern in der Arbeit entwickeln sollte. Am besten sogar gemeinsam. Und entwickeln kann man eine Haltung nur durch Fehler, durch Widerspruch, durch Erfolge und durch Feedback.

Es gibt bei uns für einen Designer insofern grundsätzlich zwei «Hürden». Die eine bin ich – beziehungsweise ist das gesamte Team, weil wir in der Entwurfsphase nur Sachen herausgeben möchten, an die wir auch selbst glauben. Die andere Hürde ist in der Zusammenarbeit der Auftraggeber mit seinen ganz eigenen berechtigten und auch mal vielleicht schwierigen Wünschen. Beides ist für Studenten, die an der FH oft vielleicht eher milde Kritik und viel Freiraum für ihre eigene Kreativität bekommen haben, sehr ungewohnt. Für mich ist es das eigentliche Salz der Arbeit, ich bin, auch wenn es mal punktuell schwierig wird, sehr «client-centric» orientiert und kein Künstlertyp. Aber wenn man es anders gelernt hat, bekommen viele Designer bei uns eine Art kognitive Dissonanz. Auf einmal müssen sie ihr Talent funktional einsetzen, gezielt, strategisch und nicht egozentrisch für eigene Interessen und Ansätze, aus dem Spiel ist Ernst geworden. Sie wählen nicht mehr selbst die Ziele und Mittel, sondern kriegen diese per Briefing oder neutralem Sachzwang einer Design-Mission vorgegeben. Sie setzen nicht selbst individuell Parameter, sondern müssen diese durch Forschung und Analyse ermitteln und dabei möglichst neutral, ehrlich, evaluierbar bleiben, sie müssen schon intern alles und jedes immer wieder begründen und nach Schwachstellen durchleuchten lassen. Ich weiß selbst nur zu gut, wie schwierig dieser Gangwechsel sein kann und ich weiß auch, dass manche Studenten das gar nicht packen und deshalb einen eigenen Weg finden müssen, der sie vielleicht eher in Richtung Kunst und Selbstverwirklichung führt. Ich finde es super, dass es inzwischen Künstler/Designer gibt, einige davon sind gute Freunde und ich finde diese Grenzgänger unfassbar wichtig – aber mir geht es nicht um Design für uns oder für mich, sondern um soziales Design mit einer Wirkung. Wir haben sicher eine Haltung und wir wollen sicher auch gute Gestaltung – aber die Haltung ist die, dass es nicht selbstverliebt sein darf, sondern dem Auftraggeber helfen muss und die gute Gestaltung ist dabei einfach nur das beste Mittel zu diesem Zweck. Ich bin beileibe kein Jasager, der alles macht, was der Geldgeber fordert – fast eher im Gegenteil, viele Kunden empfinden uns vielleicht sogar eher als kritischen Partner -, aber wir sind nicht kritisch, weil wir für uns was «Schönes» wollen, sondern wir sind kritisch – auch uns selbst gegenüber -, weil nur dadurch ein am Ende hoffentlich gutes Ergebnis entsteht.

Intern gilt, dass ich mehr als offen für Ansätze und Haltungen, Inputs und Konzepte bin, ich will einfach nur, dass es gut ist und auch gut gemacht. Da ich selbst relativ wenig auf einen bestimmten Stil festgelegt bin, kriegt man mich auch begeistert, wenn man gut argumentiert, fundiert begründet und gute Arbeit gemacht hat, ich bin immer mehr als froh, wenn Mitarbeiter ihr eigenes Ding machen, nicht Dienst nach Vorschrift, nicht versuchen, es «mir» recht zu machen, es geht nicht um mich. Die meisten Ergebnisse bei uns sind inzwischen hochgradig gemeinsam erarbeitet, jeder schaut auf alles drauf, jeder gibt Input, jede Meinung wird ernst genommen, egal ob Praktikant oder Inhaber, wir sind weitestgehend hierarchiefrei in dieser Hinsicht. Am runden Tisch muss sich halt das beste Argument, der beste Entwurf durchsetzen – nicht als «Wettbewerb» gedacht, sondern als Diskussion, als gemeinschaftliches Arbeiten. Am Ende ist es dann nie hundertprozentig «dein» Produkt, sondern eine in der Peer-Kritik gereifte und geänderte, hoffentlich dabei besser gewordene Fassung. Es ist wie bei einer Band, im Idealfall wie bei einer guten Band, in der die Summe mehr ist als die Teile. Das betrifft auch meine Entwürfe, ich habe schon Logos oder Editorial-Sachen, an die ich sehr glaubte, weggeworfen, weil die anderen sie mies fanden und die besseren Argumente hatten. Das gewährleistet, das «But I like it…!» nie wirklich ein Argument sein kann, es geht nie um persönliche Eitelkeiten.

Ich glaube, durch diese Art Innenrevision kannst du mit der Zeit als Mitarbeiter sehr sehr gut auf Augenhöhe mit den Klienten diskutieren, weil du ja die Arbeiten mit geschaffen hast, aber auch, weil du intern immer wieder üben musst, deine eigenen Ideen argumentativ zu untermauern. Du kriegst nach und nach diese Idee in den Kopf, dass du eben kein «Autor» bist, der von bösen Kunden an der freien Entfaltung gehindert wird, aber eben auch kein reiner «Dienstleister», der immer ja sagen muss. Alles ist Prozess, alles ist nach Möglichkeit Diskurs – das ist mitunter anstrengender als Dienstleistung total oder 100% Künstler-Attitude, aber wenn es funktioniert, ist es grandios, und es funktioniert sehr oft. Gibt immer auch mal einen Punkt, wo man sich mit Kunden dann auch stark reibt, aber wie Karin Schmidt-Friderichs mal sagte: Wo Reibung ist entsteht Glanz. Und nahezu ausnahmslos ist nach einem Konflikt-Punkt auch wieder Harmonie da.

Das unseren Designern natürlich alles nichts, wenn der Klient wirklich völlig beratungsresistent ist und schlechte Ergebnisse unilateral erzwingt, aber es macht dich als Designer realitätsbewusster und weniger eitel, sicherer und selbstbewusster. Die Haltung des Büros (die eben auch ganz anders sein kann als meine ganz individuelle) entspringt insofern auch immer wieder aus diesen Gesprächen, und wird zu einer Art «ausgehandelter» Gruppenhaltung. Wir sind klein genug, um solche Prozesse erfolgreich leisten zu können. Ab zehn Leuten ist das organisatorisch schwierig und selbst in Sub-Units orientierte größere Designbüros sind schon zu bürokratisch aufgestellt, haben echte «Angestellte», keine Familie mehr, weil dort der einzelne immer ersetzbar sein muss, das ist Teil des Systems, people come&go. Bei uns nicht. Bei mir ist keiner ersetzbar, wenn jemand geht, klafft eine Lücke, aber andererseits weiß hier hoffentlich eben umgekehrt auch jeder, dass er Teil des Ganzen ist, wichtig ist. Und seine Haltung, wie immer die auch sein mag, eben einbringen und entwickeln kann (und soll).

1. Juli 2011 20:24 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.


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