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Alex Leu fragt 05: Portfolios

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Inwieweit erwarten Sie von Bewerbern, eine erkennbare Haltung?
Inwieweit sollte sich ein Bewerber in eurer Haltung und Stil ähneln?

Ich erwarte von Bewerbern und Portfolios erst einmal vorab gar nichts, sondern gehe offen an jede neue Bewerbung. Der einzige Weg, eine Haltung beim Erstkontakt zu beurteilen ist ja das Portfolio und vielleicht das Anschreiben. Wenn die Zeit ist, sehe mir die Portfolios konzentriert allein und in einem zweiten Schritt noch einmal mit dem Team durch und wir reden gemeinsam darüber – immer ein schöner Anlass, generell über aktuelle Tendenzen im Design zu reden.

Beim Portfolio geht es für uns um ganz verschiedene Aspekte – hat er oder sie kreative Ideen, ist die Typographie in den Details liebevoll gemacht oder schluderig, stimmt das Handwerk, ist da eine Vielfalt in den Medien und Richtungen zu entdecken, kommt er oder sie nett rüber und so weiter, ist die Mappe und das Anschreiben glaubhaft und ehrlich? Formbriefe, bürokratische Lebensläufe, ominöse Zeugnisse und künstlich aufgeplusterte Portfolios mögen wir meist nicht – je persönlicher und ehrlicher, mit allen Schwächen und Stärken, umso schöner. Einfach so sein, wie man ist, dann klappt es am besten. Ich selbst mag es sehr, wenn Arbeiten nicht nur gezeigt, sondern auch etwas erklärt werden, wenn möglich ohne das, was ich «Diplom-Sprech» nenne, also Texte, die alles künstlerisch aufblasen und eher wirken wie Eigen-Interpretation. Aber ganz sachliche Case Studies, Hintergründe, Motivationen und so etwas – super.

Einen allzu festen Stil oder eine visuelle Attitude bei jemanden Mitte 20 fände ich fast eher seltsam. In dem Alter schon dogmatisch zu sein, wäre ja ziemlich schade. Obwohl man natürlich vielleicht auch gerade mit 20 viel enger und strenger ist / denkt als später im Leben. Mit 20 bist du viel brutaler in deiner Ablehnung von Musikrichtungen und Kleidungsstilen, steckst mehr in Schubladen und Peerdenken. Das lockert sich erst mit den Jahren und Begegnungen und Entdeckungen, wenn man sich als Person dehnt. Idealerweise bringt Alter ja Toleranz und Neugier. Mit 25 denkst du, alle Antworten zu haben, mit 40 oder 50 genießt du eher die Tatsache, eigentlich noch nicht mal ein paar Fragen zu kennen und immer wieder neue zu entdecken. Insofern finde ich Neugierde besser als Haltung – oder Neugierde gut ALS Haltung.

Ich habe auch gelernt, dass ein Portfolio im Zweifelsfall sehr sehr wenig über einen Bewerber aussagt, außer bei den ganz schlimmen Fällen. Nicht nur, weil ab und zu auch mal etwas Arbeit dazugeschummelt wird, sondern auch, weil du nie beurteilen kannst, was wie betreut wurde an der FH, wie viel Zeitdruck war (bzw nicht war), bei Arbeiten in Agenturen, wer da wirklich was gemacht hat… und so weiter. Ähnlich wie bei Photographen, die auf ihrer Site aus 1000en Bildern die 20 besten zeigen, die nur leider keinen Rückschluss auf die Praxistauglichkeit zulassen, so zeigen Designer-Portfolios oft kaum, wie gut jemand vor Ort im Büro mitarbeiten kann.

Wichtiger als eine visuelle Sprache, wichtiger als eine «Haltung» ist mir also eher der spürbare generelle Spaß an der Sache und die Ernsthaftigkeit in der Umsetzung, die Frage ob jemand ins Team passt, mit mir klarkommt, sich als Designer im Kontext gut einbringt und entwickelt. Auf keinen Fall interessiert mich, ob die Einstellungen und Haltungen meine eigenen widerspiegeln, im Gegenteil. Ich brauche keine Mini-Mes, sondern im Gegenteil Leute, die andere Fähigkeiten und Sichtweisen an den Tisch bringen und mich ergänzen – denn mich gibt’s ja schon. Die menschliche Chemie muss grundsätzlich sicher stimmen – nicht nur bei mir, bei allen im Team -, aber meist finde ich es spannend, wenn ein Praktikant oder Mitarbeiter eben neue Dinge einbringt, unseren Horizont ein bisschen erweitert, etwas anders tickt. Wir sind alle recht verschieden gemischt hier – und das macht den Reiz der Arbeit aus und bringt mehr Vielseitigkeit in den Ergebnissen. Denn am Ende möchte ich natürlich, dass jeder Designer zum einen das tut, was der Auftraggeber braucht und zum anderen «seine» Lösungen findet. Vielleicht gibt es deshalb auch kaum einen House-Style bei uns, weil ich sehr dran hänge, dass die Designer – die sehr eng mit «ihren» Klienten zusammenarbeiten, auch ihr eigenes Ding machen und stolz darauf sein wollen.

28. Juni 2011 12:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Haste Töne Finale im Konzerthaus Dortmund

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Vielleicht ist der Titel irreführend – zumindest für mich. «Haste Töne – So klingt Schule» klingt zunächst etwas nach der gutmeinenden Art von Projekt, mit denen Schüler an die Kultur herangeführt werden sollen. Solche gibt es ja viele und viele kranken an der negativen Grundeinstellung der Veranstalter zu den Jugendlichen, die ja in real viel reicher und bereichernder sind als die Vorstellungen, die man sich von «Kids» macht. Da ich für die Rütgers Stiftung vor einigen Jahren viel gute Erfahrungen mit Kreativ-Projekten für Jugendliche gesammelt habe und dabei phantastische junge Tüftler kennengelernt habe, die interessiert und neugierig, erfinderisch und engagiert sind, hat es mich eigentlich kaum überrascht, dass das Haste-Töne-Projekt, das in der gleichen Altersklasse und wahrscheinlich auch einer ähnlichen Zielgruppe funktioniert, ähnlich großartige Ergebnisse hervorbringt.

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«Haste Töne», vereinfacht gesagt, füllt eine Lücke in der Musikpädagogik. Während viele Orchester gerade Kinder an die Musik heranführen und an der Erleben von Klassik, schien mir immer ein Gap bei den schwerer zu erreichenden 15-18jährigen zu sein, die Pop und Rock für sich entdeckt haben, nicht mehr mit den Eltern ins Konzert gehen und in vieler Hinsicht schwerer zu erreichen sind. «Haste Töne» wendet sich ganz gezielt an diese Generation und das mit einem Konzept, das gleich zwei weitere Lücken füllt, nämlich mit der Komposition neuer E-Musik. Es geht also nicht um das «Lernen» von Klassik, um eine pädagogische Heranführung an eine Musikrichtung, sondern um das Selber-Machen, aber eben nicht im Sinne vom Erlernen eines Instrumentes, sondern von der ganz generell kreativen Seite her kommend, der Komposition. Allein dieser Ansatz macht schon Spaß, aber dazu noch die E-Musik in ihrer Offenheit und ihrer Neugierde als das perfekte Vehikel zu nutzen, Musik als Ort des kreativen, explorativen Arbeitens zu kommunzieren, ist natürlich goldrichtig.

Wie richtig, hat sich Freitag abend im großen Saal des Dortmunder Konzerthauses gezeigt. Niemand konnte bei diesem Projekt vorher wissen, wieviel Leute sich das Finale ansehen würden, aber Christian Esch vom NRW Kultursekretariat und Benedict Stampa vom Konzerthaus Dortmund schienen von den über 300 Leuten im Saal überrascht, begeistert und beeindruckt zu sein und revanchierten sich mit einer kurzen Ansprache, die ohne Mühe und Verbiegungen ehrlich auf dem Niveau der Besucher spielte und mehr von Herzen kam als vieles, was man sonst bei Kulturevents für Erwachsene als «Rede» hört. Nicht abgelesen, völlig locker und mit sichtbarem Spaß an der Sache erklärt Stampa seinen Gästen, warum er den großen Saal für diese Veranstaltung frei gemacht hat – damit sie ihre Kompositionen im «echten» Konzertrahmen erleben können, ohne Kompromisse. Keine schlechte Sache, wenn man bedenkt, dass der Saal am Freitagabend auch mit zahlenden Gästen gefüllt sein könnte – denn der Eintritt bei Haste Töne war frei. Dass Stampa, der als Intendant des Konzerthauses deutlich seine Zahlen auf dem Radar haben muss, sich so für die Sache ins Zeug legt, sagt viel über Mut, Experimentierfreude und Engagement des Intendanten und die Tatsache, dass er sich – und bei Entscheidern wie Stampa ist Zeit immer ein knappes Gut – das fast dreistündige Konzert von A bis Z anhört, viel über seine Neugier und natürlich auch viel über das Konzert an sich.

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Denn auch der Aufbau des Abends ist ungewöhnlich. Professionell und souverän führt die WDR-Autorin und Moderatiorin Claudia Belemann durch den Abend, der mit zahlreichen Interviews und Informationen das Projekt und den Ablauf, die Betreuung durch die prominenten Komponisten-Moderatoren beleuchtet und so nicht nur die Musik in den Mittelpunkt stellt, sondern auch deren Entstehung. Eine Form von Aufbau, die ich mir bei manch «echtem» Konzert eigentlich auch wünschen würde, weil es eine zusätzliche Ebene einführt, informiert und zudem die jungen Mitwirkenden auf der Bühne als fesselnde Persönlichkeiten präsentiert.

Das von Markus Stollenberg betreute Projekt vermischt Elektronisches und Live-Musik, zeigt eine verblüffende Bandbreite von Stilen und Formen. Vom überaus niedlichen Schulgong-Eingangskonzert eines Schülerorchesters, begleitet von Delayeffekten und eingespielten Sounds, über ein Vokalensemble, das aus Gelächter eine komplexe Beatbox-Komposition macht bis hin zum studio MusikFabrik – so vielseitig zeigt sich «Klassik» selten in zweieinhalb Stunden. Peter Veale leitet mit Elan die meisten Stücke des herausragenden Jugendensembles und erläutert mit der jungen Pianistin Kin Sun Joo gemeinsam im Interview die Interpretation der Stücke. Dabei wird klar, wie sehr Haste Töne auch tatsächlich als musikalisches Experiment besonders ist, weil es den Begriff der Autoren/Komponistenschaft anders fasst als gewohnt. Musik entsteht hier im Kollektiv, über verschiedene Realisierungsphasen hinweg. Die Schüler arbeiten mit Mentoren – Profi-Komponisten, die mit Rat und Tat zur Seite stehen – und ihren Lehrern im Team und versuchen, Ideen zu entwickeln und zu einer mehr oder minder konkreten Lösung zu kommen – und diese wird durch das studio MusikFabrik erneut gebrochen, interpretiert, angereichert, aufgeladen. So gleicht die Komposition weniger der herkömmlichen Vorstellung des einzelnen Komponisten-Genies, sondern nimmt einen neuen, gemeinschaftlichen Habitus an, der eher an Designteams oder Architekturbüros erinnert, an Dialog, Evolution und das multivektorale Spiel, aus dem dann die Ergebnisse entstehen.

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Und die Ergebnisse können sich sehen lassen, wahrscheinlich wäre es spannend zu hören, was Zuhörer sagen würden, die gar nicht wissen, wer die Komponisten der Stücke sind. Es gibt einen Hang zu schwebenden Dissonanzen à la Penderecki, zu scharfen Brüchen und zur Lautmalerei. Es ist eine oft seltsame 1:1-Umsetzung, wie man sie heute nur noch selten in der Klassik hört, man muss unweigerlich an «Sports et Divertissements» von Satie, an die «Alpensymphonie» oder an viele andere Versuche, mit Musik echte Umstände zu emulieren, denken. Aber es blitzen auch Pop- und Hiphop-Elemente auf, stets sauber gebrochen vom Ensemble, nie zu einfach oder anbiedernd gespielt, und einmal wird es sogar einen Satz lang ausgesprochen melodisch und tatsächlich ergreifend, ohne dabei süßlich zu werden. Das Experiment «Moderne Musik» hat eine musikalische und emotionale Bandbreite hervorgebracht, die wahrscheinlich sogar die Schüler selbst überrascht haben dürfte, die sich gegenseitig mit langem Applaus Respekt für Ihre Arbeiten zollten.

Die Lücke zwischen «Kinderkonzerten» und erwachsener ernsthafter Klassik, sie scheint hier wie weggewischt. Die Jugendlichen wirken nicht wie Fremdkörper im Konzerthaus, sondern hier am richtigen Ort, um frische Energie einzubringen und um selbst eine gute Zeit zu haben. Sie wirken oft entspannter, souveräner und reifer, als mancher ihnen vorweg zugetraut haben mag – und damit als Zielgruppe, die man nicht einfach an Dudelpop abschreiben darf, im Gegenteil. Es ist Benedict Stampa hoch anzurechnen, dass er hier sozusagen «niedrigschwellig» (wie unsere Kunden aus dem Suchthilfe-Bereich es gerne nennen), also ohne Vorgaben, Erwartungen und Hürden, frei von Eitelkeiten und Etepetete einen Zugang in sein Haus und damit in die tatsächlich mit allen Sinnen erlebbare Welt der Klassik schafft, einen Abend, der ja auch eine Verführung und Einladung ist, sich mehr mit Klassik auseinanderzusetzen, die eben mehr sein kann als Brahms und Bach.   

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Insofern ist es vielleicht passend, dass die jungen Talentmusiker auf der Bühne quasi als Abschluss und Zugabe von den selbstkomponierten Schülerstücken zu einer Legende der Pattern Music übergehen, zu Terry Riley «In C», einem Stück, an dessen Rigidität schon erfahrerene Musiker und geduldigere Zuhörer gescheitert sind und das ich als Fan von Reich und Glass sehr mag in seiner schimmernden, zuckenden, lebendigen Struktur eines endlos langen, gefrorenen Sonnenaufgangs, das aber in der Länge – obwohl in nur kurzen 20 Minuten durchgespielt – schon das Publikum offenbar herausfordert. Passend insofern, als das an diesem Meisterwerk gemessen die Musik der Schüler durchaus mithalten kann, sogar lebendiger und im besten Sinne unfertiger, neugieriger wirkt… Rileys Kult-Status beweist, dass es in der neuen E-Musik auf Emotion, Überraschung und Mathematik ankommt, auf Innovation und Frechheit… nicht so sehr auf klassische Kompositions-Fähigkeiten. Es gibt schlechtere Enden, als solche, die deutlich machen, dass die Legenden eines Faches auch nur mit Wasser kochen – so ein Vergleich kann ja anspornend wirken.

Unterm Strich darf man hoffen, dass «Haste Töne» in eine weitere Runde geht und als Idee auch von lokalen Orchestern und Einrichtungen adaptiert wird, um junge Erwachsene für (moderne) Klassik zu begeistern.

27. Juni 2011 14:54 Uhr. Kategorie Live, Musik. Tag , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 04: Awards

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Wie wichtig sind Awards?
Sind Wettbewerbe das Maß aller Dinge? Oder ist das auch mal zu hinterfragen?

Schwer zu sagen. Da ich Design nie studiert habe und insofern immer etwas mit meiner «Berufung» hadere, freue ich mich wahnsinnig, wenn eine kompetente Jury eine unserer Arbeiten lobt. Nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern weil man ja selbst stets etwas «schwimmt» mit den Ergebnissen (man kennt ja selbst immer die Alternativen und Kompromisse auf dem Weg sehr gut und kann Endergebnisse kaum noch neutral betrachten), so dass es schon gut tut, wenn es jemand anderes mag – ganz egal ob Jury oder jemand auf der Strasse, der dein letztes Saisonheft lobt.

Auf der anderen Seite sind die grossen Awards natürlich finanzielle Unternehmungen. Da fragst du dich automatisch, wenn du gewinnst, was das noch bedeutet – und wenn du nicht gewinnst fragst du dich das erst recht. Insofern hat Bruce Mau generell schon recht, dass Wettbewerbe ungesund sind. Da geht halt eine Jury durch einen Raum mit 1000 tollen Arbeiten, natürlich ist da nicht möglich, sich mit den Zielen und Methoden jeder Arbeit zu befassen, solche Preise sind also ganz unweigerlich etwas oberflächlich, ich war oft genug selbst in einer Jury, um das zu verstehen. Ich mag Awards also, aber ich nehme sie nicht zu ernst. Wir haben ein Jahresbudget für solche Sachen und damit hat es sich, wir nehmen da beileibe nicht alles mit und reichen nicht um jeden Preis alles ein. Zumal uns Awards keine Klienten bringen, bisher nicht einen einzigen. Ich hab keine Ahnung ob andere Büros über die Award-Quote Auftraggeber kriegen, bei uns ist das kein Faktor. Manchmal befürchte ich fast, es schreckt Leute ab, weil sie denken, wir wären teuer – dabei sind wir ja ein recht preiswertes Büro für den Umfang und unser Know-How.

Was uns sehr freut ist allerdings, wenn man den Klienten zu einer relativ mutigen Sache anstiftet und diese dann auch wirklich ausgezeichnet wird. Einfach, weil der Mut dann noch einmal von außen gelobt wird. Oft ist das nicht nötig, weil mutige Ansätze mittelfristig direkt ihre eigenen Erfolge bringen – gute Presse, Imageaufwertung, Besucherzahlen, Umsatz, was auch immer – , aber kurzfristig finde ich, hat der Klient diesen Schulterschlag einer Jury einfach verdient. Ich freue mich insofern meist mehr für den Auftraggeber als für uns selbst, denn ohne gute Klienten gäbe es keine Awards, insofern sind wir sehr dankbar dafür… jeder gewonnene Preis ist eine Arbeit, die unterm Strich ja nur aufgrund des Klienten gut werden konnte.

12:30 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 03: Selbstvermarktung

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Wie kann sich eine Agentur oder ein Designer vermarkten bzw. nach außen kommunizieren, um ein bevorzugtes Kundenprofil zu schaffen?
Hat die Kommunikation der eigenen Haltung in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils, eine Rolle gespielt?

Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Während es ein leichtes ist, Auftraggeber zu beraten, habe ich persönlich natürlich Probleme mit dem Selbst-Marketing und mit dem Erfolg von nodesign, dem Wachsen von der Ein-Mann-Show zum Büro, ist das ein wichtiges, immer wiederkehrendes Thema. Wie wächst man, wohin will man, wie kriegt man die passenden Klienten? Wir machen keinerlei Akquise-Marketing, haben über eine Dekade keine Form von Homepage gehabt (und die jetzige ist auch nicht besonders gut), wir machen keine Pressearbeit, versenden keinen Newsletter, machen kein eigenes Magazin oder profilieren uns über ein Buch bei einem namhaften Verlag. Selbst der Büroname ist irgendwie latent «anti». Und es läuft ja trotzdem gut, so dass man langsam aber solide wächst – so, dass man es selbst fast nicht merkt, bis man mal zurückdenkt, was in den letzten sechs Jahren eigentlich wirklich alles passiert ist. Und natürlich willst du immer auch «mehr». Ich fände ein größeres, noch kommunikativeres Team schön – wir sind jetzt bei fünf Leuten, ich fände acht optimal) und auch entsprechend neue Kunden, wir alle hätten Lust auf einen Verlag oder ein Museum, weil das in den letzten Jahren zu wenig bei uns war. Wir finden vor allem ja auch die ganz handfesten Unternehmen gut, Werkzeugmacher oder so etwas, bodenständiger Mittelstand, eine gute, ehrliche Firma, die ein positives Produkt, das man ehrlich und überzeugt bewerben kann. Während viele Büros ein Traum-Kundenprofil haben, bin ich so neugierig, dass ich mich eigentlich nicht nur auf Kultur – auch wenn das sicher unsere Stärke ist – verengen würde. Ich glaube, wir sind nicht so sehr auf eine konkrete Tätigkeit oder einen Designbereich spezialisiert als vielmehr auf einen Typus von Kooperationsansatz oder ein Denken – die meisten unserer Auftraggeber bisher wollten Erfolg, wollten Wandel, hatten Leidenschaft und, egal ob Unternehmen oder Institution, hatten etwas zu geben. Ob Theater oder Uhrenmanufaktur, Partei oder Architekturbüro – wenn da eine Idee, ein Tun oder ein Produkt ist, das wirklich ein positives Vorzeichen hat für die Gesellschaft, und wenn die Macher selbst daran glauben und intensiv daran arbeiten, ist es stets ein Traum, hier als Designer seinen Teil beizusteuern.

Insofern stehen wir fast genau so wie Studenten oder Berufsanfänger immer wieder vor der Frage, wer wir sind, was uns besonders macht in einer heillos überlaufenen Branche und wie man sich selbst kommuniziert. Was zudem schwierig ist, weil man sich selbst ja eher kritisch betrachtet, bei jedem Job im Nachhinein im Team Fehler analysiert, die man in Zukunft vermeiden sollte – und sich auch ehrlich gesagt insofern selbst anpreisen kann. Die Frage trifft mich insofern ins Mark, weil dieser Prozess für uns ansteht, wenn wir weiter wachsen wollen, weil ich die Vermarktung der meisten anderen Büros nicht 1:1 für uns passend finde und noch nicht so genau weiß, wie wir das anpacken sollten – das ist ein gerade laufender Prozess bei nodesign, der auch hochspannend ist und die gesamte Struktur des Büros umfasst. Der beste Weg ist hier wahrscheinlich, einfach ehrlich zu sein und nicht zu verkrampft drüber nachzudenken, sondern einfach zu machen.

26. Juni 2011 10:04 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 02: Spezialisierung

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Teil 2 der Fragen von Alexander Leu an mich:

Wie sollte der Designnachwuchs in der heutigen Zeit, die Waagschale zwischen der Interdisziplinarität und der Spezialisierung umgehen?
Inwieweit muss der Designnachwuchs „alles“ können, um der Interdisziplinarität in Zukunft gerecht zu werden?
Sollte man sich im Studium und Job spezialisieren um so zu besseren Ergebnissen zu kommen? (Statt zuviel und dann doch nichts richtig zu können)
Inwieweit sollte man seinen Interessen/Herzen folgen, auch wenn diese gegen einen Trend und Anforderung der Zukunft spricht?

Ich finde ja, man darf nie ganz Spezialist sein. Ideal, als Menschentypus, ist ja irgendwie, um meinen alten Professor Dieter Krallmann zu zitieren, der «Allround-Dilettant». Klar, du brauchst irgendwann den perfekten Programmierer, den grandiosen Photographen und so weiter… – und um in einem bestimmten Feld wirklich großartig zu sein, muss man sich darauf spezialisieren –, aber in den meisten Fällen wird sich herausstellen, dass der Photograph auch noch nebenbei ein begabter Musiker ist oder der Programmierer sich für Mathematik begeistert, und so weiter. Solche Querinteressen hat jeder und man sollte sie auch pflegen, denn sie bereichern die Arbeit. Reines Spezialistentum brennt aus, weil man immer das gleiche macht und am Ende geht es dann nur noch darum, wo man mit diesem Immergleichen das meiste Geld abgreifen kann.

Bei meinen Studenten oder Bewerbern hier fand ich immer toll, wenn sie sich sich möglichst breit umschauen. Manchmal ist es wichtiger für einen Studenten, sich mit Film oder Musik auseinanderzusetzen, aus der eigenen Enge herauszukommen, als nur der CSS-Crack zu werden. Wichtig ist gelernt zu haben, wie man lernt, wie man sich weiterentwickelt, wie man sich selbst immer wieder herausfordert.

Auf der anderen Seite mag ich natürlich aber auch Studenten, die das klein bisschen Werkzeug, dass der Beruf nun mal mit sich bringt, auch beherrschen. Einfach, damit das Werkzeug die Arbeit unterstützt und nicht die Arbeit nur so gut oder schlecht wird, wie die dann eben entsprechend gute oder schlechte Beherrschung eines Tools es eben zulässt. Wer schlecht Gitarre spielt, wird keine guten Songs damit schreiben können – aber wer keine Songs im Kopf hat eben auch nicht, egal wie virtuos er theoretisch Saiten zupfen kann. Beides muss vorhanden sein. Analog muss im Design Forschung, Marketingdenken, Strategie und eben Kreativität plus die Fähigkeit, all das zu einem visuell überzeugenden Ergebnis zu bringen, zusammenkommen. Ich komme ja von der Kommunikationsforschung zum Design – und vielleicht war für mich das «Grafische« als solches nie allein wichtig, ich habe das stets als grandioses Werkzeug empfunden, Change Management in Einrichtungen zu betreiben oder eben Verhalten zu verändern im sozialen Kontext. Ich habe Design nie als Selbstzweck verstehen können, weil ich nicht vom Formellen dahin komme, nicht vom Zeichnen, Malen, Setzen. Mich interessiert die Bottom Line. Es ist für uns meist eher etwas schade, dass wir von Auftraggebern oft «nur» als Designer angeheuert werden und zu selten ein dezidiertes Strategie- und Forschungsbudget da ist… «Research» macht uns allen enorm Spaß und führt zu Design, das am Ende kraftvoller und funktionaler ist. Ich sehe zwischen Beratung und Kreation keinerlei Grenze, man sollte das nicht trennen, ganz im Gegenteil – Design nur als «Umsetzung» zu verstehen vergeudet Chancen, auch für kleine Unternehmen und Einrichtungen. Ein guter Designer mit Strategie-Know-How ist so etwas wie ein Mini-McKinsey für seine Auftraggeber und kann zudem nicht nur Probleme analysieren, sondern auch kreative Lösungen anbieten.

Für Designer ist wichtig, Lösungen zu entwickeln, zu denken. Ob du die dann in Indesign oder in HTML umsetzt, ist zunächst unwichtig, wobei es natürlich extrem hilft, mit diesen Instrumenten umgehen zu können, um die Parameter, innerhalb derer die Ideen umgesetzt werden, sozusagen die «Physik», die Gesetze und Möglichkeiten, zu verstehen. Interdisziplinär muss dabei also zu aller erst das Denken sein, die Interessen, die Sicht.

Im Beruf folgt man natürlich seinen Interessen und wird sich unweigerlich etwas spezialisieren, weil man bestimmte Dinge oft und gut macht. Man kriegt ja – im besten Sinne – so etwas wie Routine, und die bringt Effizienz. Was grossartig ist, solange man in dieser Routine nicht versackt.

Insofern bin ich stets etwas irritiert, wenn ein Diplomand hier anfängt (mit einem ausgezeichneten Diplom) und nicht die wirklichen Basics von Indesign kennt. Oder schlecht vorbereitet ist auf das Tempo und die eigentlich recht geringe Chance für «Egozentrik» im Designalltags, wo man eben nicht sechs Monate an selbstgewählten Themen sitzt, sondern unter Zeitdruck lösungsorientiert und positiv in das Denken von Auftraggebern und deren Kunden kommen muss. Interdisziplinärität, die ich mir insofern wünsche, wäre eine Balance aus ganz handfesten Fähigkeiten mit den geistigen und greifbaren Werkzeugen der Arbeit, die ja nun so kompliziert nicht sind im Vergleich mit anderen Branchen – und die Souveränität, die diese Beherrschung mit sich bringt, gepaart mit Neugier, Interesse an … eigentlich allem. Designer ist einer der wenigen Jobs, der dich immer wieder dazu zwingt, Forscher oder Reporter zu sein, dich in andere Belange und Welten einzudenken, Lösungsstrategien zu entwickeln für dich an sich fremde Bereiche, und diese Fremdheit sozusagen auch für andere zu übersetzen, also den eigenen Lernprozess universal zu kommunizieren, eine Art Interface zu finden zwischen der Innenperspektive eines Klienten und der Aussenperspektive seiner Zielgruppe und Umwelt. «Interdisziplinär» ist für mich kulturelle Neugier, Grenzenlosigkeit, Hunger, die Bereitschaft, sich zu vergessen und neu einzutauchen, alte Antworten zu vergessen und erst einmal neue Fragen an Land zu ziehen, gepaart mit der Fähigkeit, die in diesem Prozess dann entstehenden neuen Antworten kompetent umzusetzen.

25. Juni 2011 17:00 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 01: Stil

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Vor knapp einem Jahr hat Alexander Leu bei uns angefragt, ob ich ihm für sein Diplom einige Frage beantworten kann, die er in dieser Form auch anderen Designern geschickt hatte. Da mir schreiben über Design meist nicht schwerfällt, sind da einige ausufernde Antworten bei herumgekommen, die ich in den letzten Tagen gefunden habe. Damit solche Sachen nicht ganz verloren gehen, stelle ich die Fragen und Antworten nach und nach leicht gekürzt ins Blog, da sie in dem Umfang ohnehin niemals im vollen Umfang publiziert werden können – und so habe ich in zehn Jahren etwas, worüber ich lachen oder den Kopf schütteln kann. Die Antworten sind relativ zügig – um das Flair eines «echten» Interviews trotz Fragebogens für mich selbst zu simulieren – auf dem iPad heruntergeschrieben, werden also eventuell Tippfehler oder logische Fehler haben, sorry. In der Tradition von dem hier und dem hier also rund 25 Fragen zum Thema Design zum Mit-Beantworten…

Wie relevant ist eine eigene visuelle Sprache/Stil? (Designer und Agentur)
Ist das für einen Designer in eurer Agentur/in der Praxis von Bedeutung?
Sollte das Projekt- und Kundenabhängig sein?

Ich fühle mich mit dem Wort «Stil» immer etwas unwohl. Stil ist aus meiner Sicht in einem Designprozess die vielleicht unwichtigste, oberflächlichste Komponente. Den eigenen Stil zu ernst zu nehmen, bedeutet oft, dogmatisch zu werden und die eigene Sichtweise auf die Bedürfnisse des Kunden zu projizieren oder diese sogar mit der eigenen Handschrift zu überschreiben. Das klappt vielleicht, wenn man für einen spezifischen Stil gebucht wird oder nur für Klienten arbeitet, die ohnehin den gleichen Geschmack haben wie man selbst, aber anderenfalls ist es ein wenig arrogant und auch langweilig, alles von vornherein besser zu wissen. Wichtiger finde ich Dinge wie Idee, Struktur, Strategie, Arrangement, Diskurs. Wie etwas aussieht, folgt weniger «meinem» persönlichen Stil, sondern muss eine Antwort auf die Ziele und Anliegen des Auftraggebers sein, muss zu ihm passen, nicht zu mir. Eine fixierte Handschrift zu haben, wenn man in einen neuen Auftrag geht, ist eigentlich eher ein Horror für mich, man hat die Antworten dann schon, bevor überhaupt die Fragen auf dem Tisch sind und für Überraschungen und Entdeckungen ist kein Raum mehr. Es ist gefährlich, wenn deine Entwürfe für ein alternatives Musikmagazin ziemlich genau so aussehen wie deine Entwürfe für eine Bank – wie es bei Carson der Fall war, als er nur noch ein «Stil» war. Seine frühen Arbeiten bis zur Mitte der Raygun-Phase sind ja großartig, suchend, wütend, frech und vor allem unfassbar entschlossen, alle Regeln zu brechen. Später ist da ein bestimmter «Look», der sich wie Mehltau über alles legt, diese Vernacular Typography, die selbst die Regel geworden ist. Stil kann also auch eine Falle, ein Stillstand sein.

Was natürlich nicht heißt, dass man nicht unweigerlich mit den Jahren Vorlieben und Muster entwickelt, die die eigene Arbeit einfärben, weil sich ja deine eigenen Interessen darin niederschlagen. Wenn ich das bei mir entdecke, bin ich meist etwas erschrocken und versuche, jemand anderes im Büro noch einmal über die Sache nachdenken zu lassen, weil ich vielleicht zu sehr im Autopilot-Modus geflogen bin. Ich bin immer froh, wenn etwas am Ende nicht zu sehr nach «mir» aussieht, sondern nach einer Art Idealform, einer Zukunftsprojektion, des Auftraggebers. So wie der Klient ehrlich ist – aber positiv in die Zukunft gedacht, Form gewordener Wandel. Ich bin ein großer Fan von Bill Cahan, dessen Arbeit man durchaus schon wiederkennt, der sich aber fast chamäleonartig und klug in den Dienst seines Auftraggebers stellt und diesen meist unfassbar gut aussehen lässt – wie ein Schneider, dem es weniger um die eigene Eitelkeit geht und vielmehr darum, das Kleid so zu couturieren, dass die Dame darin möglichst umwerfend ankommt. Mein Designdenken ist insofern wahrscheinlich näher am Handwerklichen als an der Kunst, ich brauche das Briefing, den Konflikt, die Probleme und Kanten eines realen Auftrages, um dann zu einer Lösung zu kommen, die das alles halbwegs sinnvoll und kreativ löst. Ich mag auch bei Architekten diese Bauten nicht, die eine Art Manifest des künstlerischen Genies des Architekten sein wollen, und die dann nebeneinander gebaut oft nur noch albern wirken, wie etwa im La-Defense-Stadtteil von Paris. Wichtiger sind doch Häuser, in denen die Menschen gerne wohnen oder arbeiten, die von INNEN gut sind, nicht von außen, die sich einfügen, die auch in ein paar Jahrzehnten noch gut aussehen, weil sie angemessen und sinnvoll sind, uneitel eben. Das ist für mich der Inbegriff eines modernen Designs, das angemessen und nutzerorientiert ist. Dogmatischer «Stil» stört da nur, richtig ist doch eher, was gut funktioniert. Dieses Design entwickelt dann auch oft nicht mehr ein einzelner «Autor», es entsteht idealerweise kooperativ, spielerisch zwischen mehreren Parteien, ist nicht autokratisch, sondern demokratisch. Dieser Weg zum Konsens ist manchmal anstrengender (auch für den Klienten, der sich ja mehr engagieren und erklären muss), als einen fertigen «Style» auf die Dinge zu bügeln, aber die Ergebnisse halten viel länger und lassen sich meist besser implementieren.

Was keineswegs zu verwechseln ist mit «Der Kunde hat immer recht». Meine Vorstellung ist, dass am Runden Tisch keine Hierarchie stattfinden kann, alle gleichberechtigt sind und das beste Argument gilt, die Recherche, das Nachdenken, die beste Lösung. Wer sich darauf einlässt – und der Prozess ist keineswegs so anstrengend oder unspassig, wie es hier vielleicht klingt, es ist eher ein kreatives Spielen, eher Voneinander-Lernen und Neugierde – wird am Ende Designergebnisse haben, die wirkliche Antworten geben und die in die Tiefe hinein tatsächlich funktionieren. Alles andere ist ein bisschen oberflächlicher, so eine Art Designshopping – wie beim Kaugummiautomaten: Oben Geld rein, unten Logo raus. Manchmal geht das nicht anders, etwa weil ein Klient diesem gründlicherem Dialog-Prozess leider keine Chance gibt, dann muss man versuchen, den Prozess selbst bürointern in Gesprächen zu simulieren, und die eigene Arbeit selbst immer wieder zu hinterfragen und durch ein Säurebad zu ziehen – aber aus meiner Erfahrung ist nichts mehr wert als langjähriges gemeinsames Suchen nach überzeugenden Antworten.

Die Tendenz zu einer rigiden eigenen Handschrift zu umgehen, sich selbst weiter herauszufordern und nicht mit der immer gleichen Schrift oder der immer gleichen Ästhetik zufrieden zu sein, bedeutet auch, sich in anderen Feldern umzuschauen. Was machen Künstler, Architekten, Musiker, Autoren, was erweitert und inspiriert dich? Und es heißt auch, in den Kleiderschrank zu greifen und immer mal wieder andere Anzüge auszuprobieren. Sprich, munter zu klauen und zu sehen, ob man Elemente selbst aufgreifen und weiterentwickeln kann oder sich vielleicht schön an ihnen reibt. Ich finde nicht doof, irgendwann zu sagen, dass man hier mal versuchen kann, von Vignelli oder Aicher, dort mal von Brodovitch oder El Lissitzki oder dem frühen Brody oder Saville zu lernen (der ja seinerseits der größte und genialste Klauer vor dem Herrn war), weniger im Sinne einer 1:1-Übernahme ihres Stils, sondern indem man an ihr Denken heranzukommen versucht, an den Drive dahinter, eben an die Idee der Sache, die man dann in den eigenen Kontext integriert… ein bisschen wie eine Coverversion eines Liedes, das man durchdringt, versteht, dekonstruiert und anders wieder zusammenfügt. Am Ende hat man vielleicht etwas vom Songwriting des Orginals verstanden, etwas gelernt. Wie gesagt, das betrifft bei mir inzwischen andere Designer als vielmehr Ideen aus ganz anderen Bereichen – Architektur, Kunst, Theater, usw

Bei mir ist es so, dass wenn Kunden sagen, dieses oder jenes sähe ja typisch nach «mir» aus, ich mir Sorgen mache und mich sofort hinterfrage. Andererseits ist das nach fast 20 Jahren vielleicht unvermeidbar, bestimmte Muster zu haben. Das beste Mittel dagegen ist eine Art Unruhe, eine eingebaute Tendenz, die Dinge weiterzuentwickeln. Das geht vor allem bei Kunden, mit denen man lange und gut zusammenarbeitet prima – wir haben in solchen Partnerschaften fast immer eine Art Evolutionsbauplan eingebaut, ein sich veränderndes Design, das sanft, flexibel und stetig die Morphologie ändert und so spannend bleibt. Nur so verhindert man, dass man sich selbst langweilt und nur noch Routine abliefert.

24. Juni 2011 15:06 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Metric

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Die Metric von Kris Sowersby ist gerade bei Village neu erschienen und setzt den derzeitigen Siegeszug der geometrischen Schriften fort – nach der jahrelangen Herrschaft der Helvetica-Wiedergänger leben jetzt die Futura-Epigonen auf. Als jemand der die Futura stets liebte, selbst als sie derbst out war (ich bin ja nach wie vor ganz vernarrt in Luc(as) de Groots VW-Variante) freut mich, dass es inzwischen in diesem Bereich mehr und mehr Auswahl gibt, selbst wenn ich in diesem Bereich meist eher die Versalien schätze und einsetze und die Minuskeln oft seltsam unmodern finde. Leider habe ich bei der Metric keine volle Character-Maß gefunden, aber in der PDF sieht es so aus, als würden einige moderne Features wie Minuskelziffern oder Small Caps fehlen – und bei einer Schrift dieser Art wünsche ich mir persönlich ja immer Display-Umlaute, die einen fast durchschußfreien Satz erlauben. Dennoch hängt die Metric – deutlich mehr als ihre Schwesterschrift Calibre – schön sauber zwischen Strenge und Ironie und dürfte sich so vor allem in dem wachsenden Bereich neosachlich-dekonstruktiver Designs anbieten, vor allem, weil sie im Detail wunderbare Idiosynkrasien aufweist, die im Spiel mit der Schrift viel Spaß machen dürften.

22. Juni 2011 13:52 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Track Me

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TRACK ME ist ein Diplomprojekt von Carolin Lintl, die ich bereits 2008 im Rahmen der Veranstaltung Spektakel an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste kennen gelernt habe, und die mir später bei der Recherche zu einem Form-Artikel über Peter Brugger Typo-Workshop «Rasterfahndung» mit ihrem Faedel-Font wieder als sehr spannende Design-Studentin über den Weg lief. Jetzt arbeitet Caro an ihrer Abschlussarbeit – und die wirkt ebenfalls alles andere als alltäglich.

Über ihr Projekt schreibt sie selbst:



Wann und wo immer in den öffentlichen Debatten von der Informationsgesellschaft die Rede ist, geht es um Vernetzung, Wissensspeicherung und um den Einfluss neuer Technologien auf das Privatleben jedes Einzelnen.

Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Handys werden zu kleinen digitalen Alleskönnern und machen uns überall und jederzeit erreichbar, vernetzen uns mit
dem Rest der Welt und dokumentieren nebenbei unseren Alltag. Jeder kann selbst Videos, Fotos und Texte produzieren und anderen zugänglich machen, was die Fülle
an täglichen auf uns einprasselnder Informationen noch anwachsen lässt. In einer Menge aus kommentierenden, produzierenden und konsumierenden Nutzern
einer größer werdenden Netzgemeinschaft wird Aufmerksamkeit die neue Währung und zum kostbarsten Gut.
 Auch wenn ein reger und nützlicher Informations- und Gedankenaustausch stattfinden kann, ist es eine Herausforderung über das bloße Senden, Empfangen und Archivieren hinaus,in der Masse aus Nachrichten die einzelnen Botschaften wirklich zu Verstehen und sich damit ausreichend aufmerksam auseinanderzusetzen. Viele befürchten deshalb einen zunehmenden Verlust von inhaltlicher Qualität zu Gunsten einer Quantität, eine Reduzierung auf Oberflächlichkeiten und den Verlust realer, zwischenmenschlicher Kommunikationskompetenz.

In Zukunft wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und kostengünstiger machen, sondern es müssen vielmehr Wege gefunden werden, angemessen auf diese Entwicklungen und ihre Folgen zu reagieren. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Kommunikationsverhalten und ein bewussterer Umgang mit den dazugehörigen neuen Technologien.

Dazu entsteht im Rahmen meiner Abschlussarbeit eine experimenteller Internetblog.

Eine Eigenart dieses Weblogs besteht darin, dass alle Beiträge, meist gestaltete Beiträge und Texte bekannter Medientheoretiker und Kommunikationswissenschaftler, einem Verfallsdatum unterliegen. Die Laufzeit bemisst sich am Interesse der Leser, d.h Beiträge, die über längere Zeit keine Aufmerksamkeit in Form von Klicks erhalten haben, verschwinden nach und nach. 
Wird so aus einer Masse an Informationen scheinbar relevantes Material, von der Mehrheit der Besucher aussortiert oder konserviert?

Die ständige Veränderungen und die Flexibilität der Oberfläche spiegelt das Wesen des Internets wieder aber fordert den Besucher sich den Inhalt zu erarbeiten, bzw. bewusst damit zu befassen Er kann die Seite nach und nach entdecken und sich aktiv in Form von Kommentaren, Leselinks oder durch Weiterempfehlen durch «selbstgebastelten» digitalen Postkarten mit der Seite auseinandersetzten. Er nimmt aber auch durch passives Beobachten am Prozess des Erhaltens oder der Selektion Teil.

Der Verlauf des Projekts wird, nach einer ersten Beobachtungsphase, in der versucht wird die Aufmerksamkeit der Netzuser auf das Projekt zu lenken, in einem zweitem Teil des Blogs online dokumentiert und damit ist auch nach dem völligem Verlust der Inhalte das Ergebnis Projekts für wiederkehrende Besucher nachvollziehbar.

Die Site zur Abschlussarbeit präsentiert sich ein wenig verstrahlt als charmant-ungelenke Multimedia-Site, die mit pixeligen Bildern, winzigen Scrollfenstern und dem grandiosen Flair eines 80er-Jahre-Betriebssystems auf harten Partydrogen. Das Design ist angenehm retro, etwas antidesign-sperrig, erinnert irgendwie auch auch an Telespiel-Ästhetik und ist dennoch strikt und streng gehalten – man hat stets das Gefühl, das hinter dem wuseligen Feeling der Site eine gestalterische Absicht steckt.

Auf dem iPad funktioniert das Ganze leider nicht – iOS kommt mit den integrierten Scroll-Fenstern und einigen Script-Details nicht klar, aber am Rechner ist die Site einen Besuch und einige Zeit wert, um die Texte und Inhalte und Links zu entdecken, mit denen Carolin Lintl aufwartet – und die Überraschungen zu erleben, etwa wenn man irgendwo klickt und auf einmal blau blinkender GIF-Horror den halben Bildschirm erobert. «Track Me» macht Spaß und zieht das, was im Print seit einigen Jahren an «sperrigem» Design passiert (wie etwa die aktuelle Spex-Optik) recht konsequent ins Netz – und zwar nicht als Zitat der Print-Ästhetik, sondern in das andere Medium übersetzt, mit schönen Referenzen an die Untiefen schlechten Webdesigns, die hier Teil eines sehr gelungenen Ansatzes werden. Das Ergebnis ist eine spielerische Website, die zum explorativen Spiel einlädt, die sich nicht dem derzeitigen Trend zum einfachen Info-Häppchen beugt und die zur Auseinandersetzung mit Komplexität auffordert, also auch etwas Entdeckergeist braucht. Unter dem phantastisch kruden BTX-Q*bert-Design hat das Konzept Ecken und Kanten, Fehler und Macken – und erinnert genau deshalb wohltuend an die Arbeiten von Metahaven, in dem Sinne, dass die Site ihr eigenes Medium Internett mit den Mitteln eben dieses Mediums selbst in Frage zu stellen versucht und an dessen Grenzen treiben will.

Also los – TrackMe besuchen, ansehen, herumstöbern, lesen, kommentieren und ab und zu reinsehen, wie sich die Sache entwickelt. Ich jedenfalls bin gespannt drauf.

05:45 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

Bamboo Stylus

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Mit dem Bamboo Stylus bringt Wacom in diesen Tagen relativ spät einen Stift für das iPad und andere kapazitative Displays auf den Markt – aber das Warten hat sich gelohnt. Der Bamboo beweist, das wider Erwarten eben doch auch bei einem an sich so simplen Konzept wie einem Stift mit einer Gummiblase am Ende noch feine Unterschiede eine Rolle spielen können. Aber gegenüber dem Pogo, dem Erstling auf dem Markt, und auch gegenüber dem AluPen, dem bisher besten Schreibgerät für das iPad, kann der Bamboo spontan überzeugen.

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Wo der Pogo dünn und billig wirkt und aufgrund der eher aus Velcro-artigem Material bestehenden Spitze auch sehr unschönes, kratziges Schreibgefühl vermittelt, wirkt der Bamboo solide und edel verarbeitet, gemessen am noch einmal deutlich solideren AluPen überzeugt vor allem die feinere Form. Wo der Alupen eher an ein Stück Kreide oder einen Wachsmalstift erinnert und etwas schwer in der Hand liegt, ist der Bamboo leichter (aber dabei nicht so fragil wirkend wie der Pogo) und dünner, mehr wie ein normaler Schreiber oder Kuli/Gelroller. Er ist ein bisschen kürzer als ein normaler Stift, liegt aber dennoch gut und natürlich in der Hand, der Clip kann optional mit wenigen Handgriffen entfernt werden.

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Entscheidender Vorteil: Die Weichgummikuppe ist deutlich kleiner als bei vergleichbaren Lösungen und führt zwar nicht zu wirklich «feinerem» Schreiben – das gibt das Display des iPad gar nicht wirklich her, jedenfalls noch nicht – aber zu einem sehr viel natürlicherem Schreibgefühl und einer fast schon «echten» Schreibschrift. Die weniger ausgeprägte Spitze hat allerdings den Nachteil, dass man nicht nur mit einem Hauch mehr Druck auf den Bildschirm drücken muss, sondern auch, dass man aufgrund des dünneren Gummis dabei sehr viel schneller mit dem Metall über dem Gummiball auf den Bildschirm kommt – man muss sich also beim Schreiben etwas umstellen. Ebenso ist die Haltung der Hand etwas anders – mit dem zierlichen Bamboo ist die Hand bei mir eher auf dem Glas abgelegt als mit dem Alupen, dessen Formfaktor eine ganz andere Handhabung des Stiftes bedingt.

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Einziger Nachteil des Bamboo Stylus ist womöglich, dass man ihn eher verlieren wird, weil er so klein ist – beim Preis von rund 30 € heißt es also, aufpassen.

21. Juni 2011 18:35 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 2 Antworten.

Sagmeister: Another Book about Promotion …

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Schon in seinem ersten Buch – dem phantastischen «Made You Look» – bezeichnete sich Stefan Sagmeister weniger als «Designer» und in den Credits meist als «Art Director», der konkrete Design-Credit ging eher an Mitarbeiter oder Praktikanten. Was man in den begrifflichen Unklarheiten unserer Branche und den sehr klar designorientierten Arbeiten in diesem Buch noch unterschätzen konnte, ist in den letzten Jahren sehr greifbar geworden – Sagmeister hat heute längst den Bereich alltäglichen pragmatischen Designs verlassen und ist ein «künstlerischer Leiter». Auch wenn er in aller Bescheidenheit sich selbst gern weiterhin als jemand sieht, der in Form von Auftragsarbeiten tätig ist und diese ganz einfach nur kreativ erfüllt, ist in vielen seiner offeneren Projekte greifbar, wie wenig diese noch mit dem Designalltag von 95% der Branche zu tun haben und wie sehr Stefan sich «freigeschwommen» hat, im Grunde nahezu künstlerisch arbeitet. Seine Typo-Interventionen, seine obsessiven Montagen, der Umstand, dass er stets selbst Thema seiner Arbeiten ist und in diesen immer wieder auch erscheint, die Art, wie er mit Partnern zusammenarbeitet, die Tatsache, dass es oft nicht mehr um die «Botschaft» des Auftraggebers geht, sondern um innere Fragen oder Überzeugungen von Sagmeister – die Grenze ist mehr als schwimmend. Sagmeister ist auch von seinem persönlichen Habitus und seinen Botschaften her eher jemand, dessen Haltung und Freiheit ich eher mit einem «Artist» verbinde als mit einem Designer oder Studioinhaber. Stefan gehört zu den 5% aus unserer Branche, die es geschafft haben, für das, was sie ohnehin tun in der Art in der sie es tun möchten, ausreichend gut bezahlt zu werden, sich die Kunden aussuchen zu können und mit relativ kleiner Infrastruktur durchaus sehr große Projekte zu stemmen – und ist in dieser Position sicher mehr als zu Recht Vorbild für eine neue Generation von Gestaltern, so wie vielleicht in den 90ern Carson es war. Inwieweit die anderen 95% eben talentiert oder glücklich oder konsequent genug sind, seinen Status zu erreichen, sei einmal dahin gestellt, aber das ändert wenig an der Tatsache, dass Stefan längst an dem Punk ist, wo «selling» für ihn kein Thema mehr ist – sei es ein Produkt oder sei es, im herkömmlichen Sinne, seine Arbeit. Insofern darf man den Titel seines neuen Buches zugleich als ironisch sehen als auch eine programmatische Note darin entdecken – denn hier handelt es sich nur um Auftragsarbeiten, in Abgrenzung zu «Things I have learned…» und fast scheint es, als brauche Stefan eine ironische Note, um sich diesen Arbeiten zu nähern.

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Und so lässt er sich sein neues Buch – das zugleich Katalog zu gerade geendeten Ausstellung in Lausanne ist – von Martin Woodtli als eine Art Bibel gestalten. Im Gegensatz zu dem nahbaren, humorig-warmen, fast Tagebuch-ähnlichen «Made you Look» wirkt «Another Book» sehr ernst, fast streng. Das guillochierte Cover, all in black, auf dem ein an Geoff Darrows hyperpräzisen Stil erinnerndes Baby als «Vitruv»-Allegorie Unschuld, Neugier und auch ein bisschen verwirrendes Alien-Flair ausstrahlt, wirkt alles andere als «promotional», ebenso wenig Woodtlis Nippel-Baby-Zeichnung auf dem Schmutztitel, aber zugleich sind Layout und Typographie fast neo-klassisch, deutlich angelehnt an Gesangsbüchern und Bibeln, todernst. Die Leichtigkeit und durchaus auch die Offenheit des ersten Buches – dem vielleicht einzigen Designbuch, das auch Arbeiten zeigt, mit denen der Absender eher unzufrieden ist und fast gnadenlos die oft uncharmante Zeit/Geld-Relation der meisten Jobs dokumentiert – ist Texten gewichen, die aus namhaften Mund den Designer/Künstler Sagmeister interpretieren und verorten, die Beschreibungen der Arbeiten wirken in der Tat wie aus einem Kunstkatalog entliehen, mit präzisen Angaben der Mitwirkenden und der Größen usw. Es ist, freilich, Stefans selbstironische Art, mit seinem gewandelten Status umzugehen, eine feine Distanzierung von dem Status als Stardesigner, dessen Arbeiten von einer Ausstellung zur nächsten fliegen und der selbst mit kommerzieller Arbeit ins Museum kommt. Es ist ein Augenzwinkern und anders kann man vielleicht gar nicht mit diesem enormen Ruf als «visonary, performer, architect and artist» und der damit einhergehenden Erwartungshaltung umzugehen. Sagmeister, ein Profi in der Selbst-Inszenierung, überlässt den Look eines Buches nicht dem Zufall, sondern sendet hiermit auch eine Botschaft, die in ihren unsympathischen Momenten und Brüchen sympathisch wirkt und dort irritiert, wo sie spürbar sympathisch sein will, wo Sagmeister spürbar auch als Popstar noch als nice guy rüberkommen will, etwa in den Reise-Momentaufnahmen, die die Bilder der Arbeiten begleiten. Stefan ist ein Meister diese Inszenierung von Nahbarkeit – auch, weil er wahrscheinlich wirklich ein nice guy ist -, die nur dann doppelbödig und verwirrend wird, wenn Studenten, die begeistert einen Vortrag von ihm sahen, diesen zum zweiten Mal erleben und feststellen, dass Sagmeister keineswegs frei redet, sondern perfekt vorbereitet, einstudiert arbeitet, in seinem individuellen Auftritt so wenig zufällig ist wie seine Arbeiten eben auch «meticulous» wirken.

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Was «Another Book…» also zeigt, ist dieser wunderbar schwebende Zustand eines Stars, der gar nicht mehr kommerziell arbeiten müsste, aber kommerziell arbeitet, vielleicht, weil er es eben doch muss. Die Arbeiten sind gebunden und haben eine Funktion und erfüllen diese meist makellos, und zugleich sind sie von einer Individuellen Stimme und Suche nach eigenen Antworten, die stets an der Schwelle zu einem eigenen künstlerischen Gestus stehen. Immer noch sind die Ergebnisse von Sagmeisters Freude am Spiel, am Experiment, am Baukasten, am Effekt geprägt, sie fordern zum Anfassen und Interagieren auf und sind durchgehend – wenn auch seine Arbeiten insgesamt weniger wirsch durch die Stilschubladen springen wie noch vor einigen Jahren – wunderbar ohne einen «House Style». Mal folgen sie einer simplen One-Idee-Philosophie, wie bei Zumtobel, mal bringen Sie Sagmeisters typographische Experimente in die Corporate-Welt, wie bei Adobe oder Standard Chartered, mal tastet er sich an den «alten» Sagmeister heran, mal ist er kaum wiederzuerkennen. Aber seltenst erzeugt seine Arbeit nur ein Schulterzucken – man mag es je nach Ansicht beschissen finden oder grandios, aber egal sind die Dinge, die aus Stefans Hand kommen, meist nicht. Mehr kann man als Gestalter wohl kaum wünschen.

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«Another Book…» ist insofern natürlich eine Fata Morgana, es zeigt uns den Traum des Designers, der völlig frei sein kann, dem die Kunden nachlaufen und der sich die Projekte aussucht, von dem wir (wider besseren Wissens) träumen dürfen, er müsse keine Kompromisse mehr machen. «Another Book…» ist mehr noch als «Made You Look» der Traum von Design, das eigentlich Rockmusik sein darf. Unter dieser Oberfläche der «coolen» Ergebnisse zeigt es aber einen smarten, intelligenten, hungrigen Geist, der sich selbst hinterfragt, der nichts als gegeben hinnimmt, der einen faustdicken Humor hat, der genießen kann und sich vor allem anscheinend nicht langweilen will. Es zeigt Design, das sich zu keinem Zeitpunkt in Fragen nach Schrift und Farbe, Mode und «Look» verirrt, nie darüber nachdenkt, was gerade angesagt ist, sondern immer vor allem eine Geschichte erzählen will. In Sagmeister schlummert ein Kind, das verliebt ist in Geheimcodes, Chemiebaukästen, Codes, Natur, Autos, Pop-Up-Bücher, Menschen, verborgene Botschaften, Puzzles und diese ganze Magie der Welt. Dieses Kind nicht verloren zu haben, nie so richtig erwachsen worden zu sein, so platt das klingen mag – das ist die eigentliche Leistung von Sagmeister… und darin, mehr als in seinen konkreten Arbeiten, können wir von ihm lernen. «Made you Look» ist aus diesem Grunde eines meiner absoluten Lieblingsbücher – eben nicht so sehr für das gezeigte Design, sondern für die Haltung dahinter – und bis heute vielleicht das einzige Designer-Buch, das mich dazu gebracht hat, dem Autor spontan zu schreiben… «Another Book» zeigt Sagmeister distanzierter, vorsichtiger, weniger verpeilt, professioneller… und ist aus diesem Grund ebenso sehr zu mögen: Es ist ein Buch, das gewollt oder ungewollt Sagmeisters Reise und Evolution während der letzten Dekade dokumentiert und aufzeigt, wie ein Star mit seinem Ruhm leben kann… indem er nicht vergisst, über sich selbst lachen zu können.

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20. Juni 2011 19:36 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Toyetic Design

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Auch wenn «Toyetic» eigentlich etwas anderes bedeutet – die Möglichkeit, aus einem Medienangebot, etwa einem Film, Merchandise wie Spielzeug usw. abzuleiten – so gibt es auch mehr und mehr Design, dass im Grunde nichts anderes tut – Alltagsgegenstände und -median einen Spielzeug-artigen Charakter einhauchen und damit die Emotionen einer Gesellschaft triggert, die sich weigert, erwachsen zu werden bis ins hohe Alter. Diese orangen Panasonic-Kopfhörer sind ein meisterhaftes Beispiel für diesen Trend.

19. Juni 2011 16:51 Uhr. Kategorie Technik. Tag . 5 Antworten.

Schreiben auf dem iPad: Bamboo Paper

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Zum Bamboo Stylus Stift für das iPad bringt Wacom eine passende Notizbuch-App heraus – Bamboo Paper – die bis Ende des Monats noch gratis verfügbar ist. Unter den vielen Notizbuch-Applikationen für das iPad und für eine «Corporate App» macht Bamboo Paper überraschend viel richtig, vor allem verglichen mit der sehr enttäuschenden und lang erwarteten Moleskine-App.

Paper ist relativ einfach gehalten, überzeugt aber zugleich mit einem durchdachten Konzept. Die App bietet die gesamte Fläche des iPad als Notiz-Buch, wobei die Schrift nicht wie bei vielen anderen Anwendungen «vektorisiert» wird – das Schriftbild ist nicht nur mit dem BambooStylus, sondern auch etwa mit dem AluPen so flüssig und «natürlich» wie bei Noteshelf und Penultimate, wobei gerade letztere App Bamboo in vieler Hinsicht so ähnelt, das deutlich wird, wo sich Wacom vielleicht auch etwas Inspiration geholt hat. Vorteil gegenüber Penultimate ist aber die elegantere, fast nahtlose Integration der Werkzeuge in das «Blatt», so dass man gefühlt mehr Raum zum Schreiben hat.

Die grundlegenden Funktionen – Stifte in drei verschiedenen Stärken und sechs verschiedenen Farben, Radiergummi, Löschen der ganzen Seite und «Lesezeichen» – ähneln ebenfalls am ehesten Penultimate. Noteshelf liefert hier einen deutlich größeren Funktionsumfang schon bei den Malwerkzeugen – mehr Farben, 21 Stufen «Stiiftgrößen», Bild-Import und Emoji-artige Icons geben dem Schreibenden mehr Freiheit bei der Arbeit mit seinem Text.

Auch bei sonstigen Features schwächelt Wacom, wieder vor allem gemessen an Noteshelf. Noteshelf bietet Evernote- und Dropbox-Integration, kann JPG als auch PDF exportieren, optional mit und ohne «Papier» und Seitenzahlen. Bamboo hingegen exportiert einzelne Seiten als JPG (768×1024) oder das Notizbuch als PDF, jeweils mit «Papier» als Hintergrund. Die Auflösung ist bei allen Apps nicht ideal – besser wäre eine feinere Auflösung, aber hier hat bisher keine Notebook-App einen Vorsprung, wahrscheinlich, weil eine höhere Auflösung den ohnehin spürbaren Latenz-Faktor beim Schreiben erhöhen würde. Wobei Bamboo einen Hauch langsamer zu sein scheint als Noteshelf, weniger schnell hinterherkommt. Dropbox und vor allem Evernote-Sync sind zudem grundlegende Funktionen eines Notizbuchs, da hier das automatische Sammeln von Notizen in einem dafür perfekt geeignetem System ermöglicht wird. So kann man bei einem Meeting mitschreiben, kurz «synchen» und hat die Notizen bereits im richtigen Ordner im Bürorechner, wenn man dort ankommt – komfortabler und sicherer geht es kaum.

Vorteil von Penultimate und Noteshelf ist auch, dass man mehrere Notizbücher verwalten kann. Bamboo merkt man an, dass dieses Feature geplant ist – anderenfalls würden verschiedene Farben für die «Umschläge» und ein Papierkorb im Interfacedesign keinen Sinn machen. Aber die Einschränkung, derzeit nur ein Buch nutzen zu können, ist wie das Fehlen von Synchronisation und Bildimport ein großes Argument gegen Bamboo Paper.

Wo die App dennoch punktet ist das Design – sie ist wunderbar reduziert gestaltet, und trotz der wenigen Optionen scheint beim Schreiben ad hoc nichts zu fehlen. Der Verzicht auf den imitierten Buch-Look im Interface macht das iPad selbst zum Notizblock – und so einfach fühlt es sich definitiv richtig und am besten an. Die dezenten blauen Linien und Karos sind zum Schreiben ideal – und die «Hefte» in der Dokumente-Übersicht sind ästhetisch überzeugend gemacht. Hier ist Penultimate mit seinen braunen «Schreibheften» sehr nahe dran, aber gerade in der Reduzierung und Vereinfachung überzeugt Bamboo schon auf den ersten Blick, verschwendet weniger Platz und gibt den Nutzer die maximale Schreibfläche – definitiv der richtige Ansatz.

Auch der Verzicht auf den nostalgischen «Sepia-Papier-Look» zugunsten einer klaren weißen Fläche, die weniger «retro» ist, gefällt. Das schlimmste Interface weist Noteshelf auf, wo vom Icon bis zur Umschlaggestaltung der «Notizbücher» einfach alles ein bisschen häßlich geraten ist. Noteshelf bietet eine wahre Flut von Vorlagen und Optionen für Buchcover und Seiten, aber nicht eine davon kann gestalterisch überzeugen, keine macht wirklich «Spaß». Ich kann mir fast vorstellen, trotz fehlender Features mehr mit Bamboo zu arbeiten, weil es rein visuell und ästhetisch mehr angenehmer ist, diese Applikation zu benutzen. Es sind nicht immer nur die reinen Funktionen – man sollte als App-Entwickler das Screen-Design und den emotionalen Aspekt der User Experience niemals unterschätzen. Noteshelf ist funktional ungeschlagen, aber nahezu völlig ohne Flair. Bamboo will seltsamerweise deutlich weniger und überzeugt genau deshalb mehr.

Ein zweites, wenn noch unausgereiftes Plus von Bamboo ist der Zoom. Wo Noteshelf eine «Lupe» bietet, die den unteren Bildschirmbereich kompliziert zur Vergrößerung des oberen macht, zoomt die Wacom-App mit einem Zwei-Finger-Pinch die Seite größer oder kleiner. Hier gibt es das Problem, das man dabei versehentlich oft «malt» anstatt zu zoomen, aber der Ansatz fühlt sich insgesamt dennoch intuitiver und natürlicher an. Spätestens mit dem Retina-Display des iPad3 sollte man bei dieser Zoom-Funktion aber eine höhere Auflösung der Notizen andenken, die Pixel sind im Zoom sehr deutlich sichtbar. Abgesehen davon erlaubt der Zoom, trotz des «klobigeren» Schreibens auf dem iPad-Display, im Endergebnis eine lesbare und realistisch «feine» Schrift hinzubekommen. Im Zoom kann man mit zwei Fingern das Papier natürlich weiterbewegen und ein längeres Drücken an beliebiger Stelle lässt die Schreibwerkzeug-Optionen erscheinen, so dass ein ungestörter Workflow möglich ist. Die noch relativ naive Zoom-Umsetzung sorgt allerdings schon dafür, dass man (zu) oft das Radiergummi verwenden muss, um ungewollte Striche zu löschen.

Wenig störend fiel ein weiteres fehlendes Feature auf – Penultimate und Noteshelf haben eine Art «Wrist Protection», die verhindert, dass der Handballen auf der Glasfläche beim Schreiben stört. Wacom hat dieses Feature nicht, dennoch funktioniert die App recht sauber – der Handballen verhindert nur recht selten das Schreiben als solches, macht aber selbst keinerlei «Malstriche». Da die Wrist-Protection auch an sich oft seltsame Nebeneffekte hat und sogar Blattbereiche sperrt, ist ihr Fehlen kein großer Verlust und man gewöhnt sich schnell daran, die Hand nicht auf dem Glas ruhen zu lassen.

Im Resultat überrascht Wacoms Bamboo Paper als Free-App mit einem sehr gelungenen, reduzierten Ansatz, dem es an einigen Features fehlt, die der Hersteller hoffentlich ausbaut. Das perfekte Notizbuch für handschriftliche Mitschrift und Zeichnungen, das intuitiv und natürlich funktioniert wie ein Stift und Papier, aber alle digitalen Vorteile mit sich bringt, gibt es aber auch hiermit (immer) noch nicht, das Rennen um die «perfekte» App, die Ästhetik und Funktionalität zu einem überzeugenden Design verbindet, ist noch offen. Vielleicht kommt das aber auch erst, wenn Apple einsieht, dass eine Stifteingabe für das iPad kein «Fehler» ist, sondern eine wertvolle Ergänzung des Gerätes, und eine entsprechende Hardware/Software-Lösung vorstellt, die dem Feeling eines echten Wacom-Tablett näher kommt.

14:23 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Langsame Revolution

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Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:

Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.

Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.

DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.

Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).

Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.

Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.

Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.

Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.

17. Juni 2011 08:09 Uhr. Kategorie Buch, Design, Technik. Tag , , , , , , . 13 Antworten.

Adventures in buying ePub

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Morgen generell noch mehr zu dem Thema digitales Lesen, aber ganz kurz, weil es wirklich zum Verrücktwerden ist:

Ich will ein englisches Buch kaufen. Nach langer Google-Suche und vielen Fehlschlägen, bei denen man als deutscher Käufer kein Buch in Australien oder den USA kaufen kann, etwa bei Borders oder B&N, finde ich endlich mit «kobo» einen Laden, der das gewünschte Buch als ePub anbietet.

Nach der Abbuchung per Kreditkarte kommt ein acsm-Link. Also kein ePub, sondern einen Link. Als Käufer weiß ich nicht, was ich da vor mir habe. In den FAQ finde ich nichts. Ich schicke eine Support-Anfrage. Auf die Antwort warte ich noch.

Mit etwas Suchen in Google wird klar: Ich muss Adobe Digital Editions installieren und erst dann kann ich per Doppelklick die .acsm öffnen, die dann ihrerseits einen Download in Digital Editions einleitet. Vorher muss ich mich mit meiner Adobe ID anmelden bei Adobe. Gottlob habe ich eine – was macht hier eigentlich der Normalverbraucher? Umständlicher geht es wohl kaum und jeder normale Nutzer dürfte bereits an dieser Stelle die Flinte ins Korn geworfen haben. Zudem ist ein Kauf direkt am iPad insgesamt damit völlig undenkbar, was bedeutet, dass die Stores auf eine große potentielle Käuferschaft verzichten. Warum?

Das Buch ist jetzt in Adobe Digital Editions lesbar, einer Art AIR-Applikation und einer der schlimmsten Desktop-Reader, die ich kenne. Es ist vor allem NUR dort lesbar. Weil legendär wir alle ja unser Buch am Desktop lesen wollen. Selbst wenn man die ePub auf dem Rechner nach kurzer Suche doch gefunden hat, funktioniert sie NICHT in iBooks. Das Digital Rights Management macht das Buch auf dem iPad unlesbar. Was angesichts der ja doch sehr geschlossenen Plattform iPad etwas unverständlich ist. Schön, wen Adobe und Apple sich nicht grün sind – aber muss ich darunter leiden?

Jetzt gibt es den Weg – der legal schon eher im dunkelgrauen Bereich liegen dürfte – das Digital Rights Management mit einem Tool oder einfachen Python-Script zu entfernen. Die meisten Tools kosten etwas, die Script-Lösung ist gratis, aber nicht gerade für den Post-PC-iPad-User denkbar. Selbst wer bereit ist, das zu tun, hat also vier bis fünf Schritte zu tun und muss mehrere Softwares installieren und am Ende die Entscheidung zu treffen, doch semilegal zu handeln, um einen einfachen Buchkauf zu tätigen und das Buch auf dem Endgerät und der Software seiner Wahl lesen zu können. Serviceorientiert ist nun wirklich anders. Es fühlt sich in etwa genauso absurd an wie Musikkauf digital vor 10 Jahren – als man noch CDs «rippen» musste, mit Sonys perfiden Schutzmechanismen kämpfte, alles nur, um Musik auf dem iPod hören zu können. Hier hat sich viel geändert – unter dem Druck des Marktes – will die Buchbranche wirklich gar nichts daraus lernen?

Ich kann exzellent verstehen, dass Anbieter ihre Rechte schützen wollen. Aber man darf das Kind doch nicht mit dem Bade ausschütten. So wie es sinnlos ist, Käufer einer legalen DVD mit Raubkopie-Warnungs-Filmchen zu bestrafen oder legale Software-User mit endlosen Ziffernfolgen und Activation-Softwares zu peinigen, die mehr Probleme für legale Nutzer machen als Kopien zu verhindern, so kann es doch nicht sein, dass ein simpler digitaler Buchkauf nicht nur so viel Zeit frisst, sondern am Ende entweder in der Frustration, 20 Euro vergeudet zu haben, oder in der Entscheidung, eben doch Urheberrechte zu verletzten, münden muss.

Es wäre ja vertretbar, wenn es nur diesen einen Weg um Buch gäbe – aber da vergessen die Verlage, dass seit Erscheinen des iPad digitale Bücher in schier unfassbarer Masse eben auch illegal downloadbar geworden sind. Und ich kann nur als Konsument sprechen und immer wieder das gleiche sagen: Seitdem es in iTunes nahezu alle aktuellen Alben zum fairen Preis ohne DRM gibt, kaufe ich ausschließlich dort. Bei Büchern wäre es genau so. Aber würde ich ein Buch, das ich im Buchhandel kaufe, erst lesen können, nachdem ich viermal durch brennende Reifen gesprungen, einen Salto und einen Hochseilakt gemacht hätte, würde ich dort nicht mehr kaufen. Vor allem nicht, wenn es das gleiche Buch an jeder Ecke umsonst ohne jedwede akrobatische Verbiegungen gibt.

Das ist eine ganz essentielle Erkenntnis, die nicht schnell genug bei den Entscheidern ankommen kann. Ob Comics oder Bücher – aus Konsumentensicht machen die Verlage hier derzeit nahezu alles falsch. Zu geringes Angebot, zu hohe Preise (bei deutschen Büchern oft defacto der Hardcover-Preis), internationaler Kauf unmöglich bis schwierig und dass tatsächlich noch jemand glaubt, Digital Rights Management sei ein gangbarer Weg ist zum Weinen. Es ist eine Sache, Raubkopie verhindern zu wollen, aber es ist eine ganz andere Sache, den legalen Kauf zu einem unangenehmen bis nahezu unmöglichen Erlebnis zu machen. Digital ist eine Tatsache – man sollte diesen Markt nutzen statt ihn zu bekämpfen. Der Weg ist nicht, illegale Plattform zu schließen – der Weg ist, legale Plattformen zu eröffnen, die darauf eingehen, was die potentiellen Legalen Nutzer pragmatisch wünschen. Von iTunes lernen heißt hier siegen lernen.

16. Juni 2011 12:22 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . Eine Antwort.

Typoversity – mit Giveaway

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Typoversity ist ein Buch mit dem Herz am rechten Fleck. Es gehört mit 240 Seiten und mit einem Preis von 25 € in die Kategorie von Designbüchern, die sich jeder leisten kann, es ist liebevoll gestaltet und nähert sich seinem Thema so vielseitig und gekonnt, dass es eine Freude ist.

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Die beiden Design-Made-In-Germany-Macher Nadine Roßa und Patrick Marc Sommer sind mit Andrea Schmidt, die auch mit Patric für die Gestaltung zuständig war, als Herausgeber von Typoversity noch nahe genug dran an der universitären Erfahrung, um zu spüren, wie wenig Licht auf die Leistungen von Studenten fällt – geschweige denn im typographischen Bereich. Sicher, einige Professoren – allen voran Fons Hickmann und Klaus Hesse – schieben aus eigener Kraft die Projekte ihrer Studenten in Wettbewerbe und beweisen dort, wie gut studentisches Design sein kann, aber oft genug haben die Studenten selbst oder auch die Fachhochschulen nicht das Budget, an größeren Designwettbewerben mitzumachen, zumal es hier oft zu Verzerrungen kommt – die freieren Uni-Arbeiten wirken mitunter, je nach Wettbewerb, seltsam zwischen den markt-orientierteren «realen» Werken. «Sushi» ist eine willkommene Ausnahme – ebenso wie die TDC und ADC Nachwuchsprogramme – aber eine Publikation, die sich exklusiv auf Studenten-Output in Sachen Schriftdesign, -experiment und -layout konzentriert, ist dennoch eine Ausnahme, und in diesem Fall eine ausgesprochen schöne dazu.

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Denn das kompakte Buch kommt nicht nur im edlen Les-Naturals-Karton mit Letterpress von Bölling daher, sondern besticht auch im Inneren mit einer liebevollen Gestaltung auf Werkdruckpapier, die ein wenig an alte Hermann-Schmidt-Publikationen erinnern, die Art von humanistisch zweifarbigem Textsatz auf Naturpapier, die Thematik, man wundert sich impulsiv fast, dass dieses Buch eben nicht bei Bertram und Karin Schmidt-Friderichs erschienen ist, sondern bei Norman Beckmann – aber der Look steht ja tatsächlich für eine gewisse Haltung zur Typographie und ist vielen Studenten wahrscheinlich aus «Lehrbüchern» von Schmidt vertraut und passt insofern ideal. Es zeigt auch, das der Hermann-Schmidt-Verlag fast eine Art Genre etabliert hat, in dem auch andere Publikationen und neue Verlage erfolgreich funktionieren, das eine Mischung aus Showcase und Fachbuch ist. Denn wo viele andere Designbücher es beim reinen Arbeitenzeigen belassen, weil es einfacher ist, nur Bilder zu reproduzieren, macht sich Typoversity die Arbeit, textlich in die Tiefe zu gehen. Die Studenten stellen ihre Projekte teilweise ausführlich vor bzw. zitieren ihre Projektstrategien, Interviews mit den Studenten – etwa mit Jenna Gesse über ihr Buch «Leerzeichen für Applaus» – vertiefen die Ansätze und Ideen, so dass die nur anhand von Bildern oft zu abstrakt wirkenden Projekte greifbar und nachvollziehbar werden und man als Leser einen soliden Einblick in das bekommt, was sich in den Projekten an den Fachhochschulen und Universitäten tut. In einem gelb abgehobenen Textteil kommen zudem die Professoren zu Wort – mit einer mehr als feinen Auswahl, darunter so bekannte Protagonisten wie Nora Gummert-Hauser, Jürgen Huber und Christian Hanke, Indra Kupferschmid, Jay Rutherford oder Dan Reynolds, um nur einige wenige zu nennen. Das Buch, als Projekt, als Package, als Endergebnis, ist so überzeugend, dass man es eigentlich auch als Designer im Schrank haben sollte, wenn man sich nur wenig für den typographischen Nachwuchs interessiert – und jede Designschule sollte es in großer Menge an Erstsemester verteilen.

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Zugleich ist es eine Meditation über die Bedeutung typographischer Lehre im Design. Nicht nur in den Interviews, aus denen eine wahrscheinlich zum Bachelor-Umbruch und zu leeren Staatskassen passende Mischung aus Aufbruchstimmung und persönlichem Engagement versus einer gewissen institutionellen Frustration mit mangelnden Möglichkeiten spricht, sondern auch in Form der Arbeiten selbst. Die ganze Bandbreite von Schriftschaffen, von relativ soliden Fontentwicklungen bis zu mal mehr, mal weniger gelungenen pragmatischen und experimentellen Print-Arbeiten zeigt wie unterschiedlich und vielfältig die Lehransätze sind (und wie wichtig es eigentlich für Studenten wäre, sich vorab über diese Unterschiede zu informieren bzw. informieren zu können). Die Tendenzen der Branche – von der Rückkehr zum zum Handmade-Look bis zu neo-sachlichen oder post-dekonstruktiven Designansätzen – kommen über die Studenten prototypisch zurück und spiegeln auf seltsame Art wider, wie Studenten und Lehrende auf Trends im Design reagieren und diese somit hinterfragen oder auch festigen. Manche Ergebnisse wirken dabei etwas altbacken, wenn etwa Raum-Fläche-Verteilungen zu Designs führen, die etwas an Plakatgestaltung aus den 70s erinnert, manches wirkt so brav, als wäre es schon in einem Bewerbungs-Portfolio, manches erinnert frappant an die aktuellen Vorbilder der Studenten, wieder anderes hat eine ernsthafte Unschuld und zeigt die Zeit und den Mut zur Suche nach eigenen Lösungen, das es eine Freude ist, sich die Arbeiten anzusehen. Von Design-als-Dienstleistung bis zu Design-als-Rebellion, Typoversity versammelt einen extrem spannenden Querschnitt durch die Ansätze der Hochschulen und dürfte deshalb nicht zuletzt auch Studenten-in-Spe helfen, sich für eine Schule zu entscheiden, die ihren Vorlieben entspricht.

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Nun bin ich als Designer ja eigentlich ausgesprochener Freund des angewandten, «funktionierenden» Designs. So sehr mich Arbeiten von vier5 oder metahaven begeistern, am Ende bin ich ein Kind von Leuten wie Aicher, Weidemann und Spiekermann und will Design, das wirkt, das sozial ist und nicht «künstlerisch» orientiert. Kunst ist Mittel, nicht Ziel, das ist für mich nach wie vor eine sinnvolle Kommunikation. Dessen ungeachtet finde ich, dass gerade an den Hochschulen das Entdecken, das Spielen, das Experiment und damit unweigerlich auch ein Design, das mit beiden Füßen, einem Ellbogen und dem halben Gesicht in der «Kunst» steht, ungemein wichtig. Freies Experiment ist die Brutkammer für all die Fehler und Fehlschläge, die am Ende zu der Erfahrung führen, die für «funktionierendes» Design wichtig ist. Studenten brauchen, so seltsam das klingt, idealerweise einen Mix aus pragmatischen, handwerklich orientierten Dozenten und solchen, die ihre Köpfe in Brand stecken, Horizonte verschieben und sie seltsame Dinge tun lassen. Unter diesem Aspekt ist fast verwunderlich, wie wenig wirklich avantgardistisches in Typoversity steckt – verwunderlich und erschreckend. Enorm viele Arbeiten sind fast Portfoliotauglich, hier eine Webpage, dort in liebevoll gemachtes Buch, Plakate, Schriften – alles enorm markttauglich, viele Arbeiten so gut gemacht, das man die Leute vom Fleck weg engagieren möchte. Was etwas fehlt, ist der, um Gregor Eisenmann zu zitieren, «kranke Shit». Da gibt es ein wenig Buch-Entstellung, da gibt es Experimente, die aber an Holzer, Underware, Sagmeister erinnern, also auf verlässlichen Pfaden wandeln, da gibt es Schriftentwürfe, die sich à la 90s gegen die Lesbarkeit aufwenden – aber es gibt nach zweifachem Lesen kein Projekt, wo mir der Kopf weggeflogen ist. Das ist keine Kritik – weder am Buch, noch an den Studenten und erst gar nicht an den Lehrenden – sondern eher Verwunderung. Ich hab selbst acht Jahre den Dozenten gegeben und weiß, wie unfassbar schwer es ist, als Lehrender aber auch für die Studenten selbst, im Rahmen von ein zwei Semestern komplett wirsche Sachen zu provozieren und produzieren… und sich dennoch nicht permanent vorzuwerfen, dass man bei einem solchen Trip den «Stoff» und die Vorbereitung auf die Arbeitswelt total vernachlässigt. Was auch richtig ist – im Grunde ist die Aufgabe, vor allem beim Bachelor (seufz), eine Art Ausbildung zu liefern. Und ich bin wahrscheinlich nicht der einzige Arbeitgeber, der sich fragt, ob diese Ausbildung nicht sogar noch sachlicher und fachlicher sein müsste, mehr Know-How in Sachen Marketing, Werbung und und und vermitteln müsste, mehr Praxiserfahrung. Das Studium ist also ohnehin überfrachtet – von den verschiedensten Seiten. Dennoch ist es schade, dass insgesamt doch recht wenig Punk, recht wenig Böses in den Seiten von Typoversity passiert, denn es spricht für eine gewisse Bravheit der Studenten – und Design braucht eigentlich, um sich als Branche aber eben auch als Kommunikationsmedium per se weiterzuentwickeln – immer wieder Nachwuchs, der alles in Frage stellt, die Tempelsäulen einreißt und konzeptionell wie gestalterisch neue Ufer entdeckt. Insofern ist es natürlich eine Freude, so viele anwendungsorientierte Arbeiten zu sehen, die oft so sauber und gelungen gemacht sind – aber irgend etwas in mir wünscht sich zumindest ein zwei Brandstifter, die ihre Energie nicht in etwas zu kopflastigen Experimenten verpuffen, sondern die eine viskerale, brutale Energie haben, die mich als Betrachter zugleich abstoßen und anziehen, irritieren, provozieren und mitreissen. Es ist wahrscheinlich den Reformen an den Hochschulen zu danken, dass die Chance, die Universität als Labor für Sturm und Drang zu sehen, so lange Unsinn zu produzieren, bis Sinn emergiert, ein wenig vorbei ist. Die Frage ist aber, ob wir wirklich jedes Jahr hunderte von «funktionierenden» Design-Absolventen brauchen, für die es z.T. gar keinen Arbeitsmarkt gibt und die ein wenig seltsam zwischen Kunst und Werbung hängen… oder ob es nicht auch sinnvoll ist, Design als Studium einer Haltung gegenüber Gesellschaft und Welt zu sehen, in der – und das wäre die große Ausnahme in den Universitäten – das permanente Hinterfragen des Status Quo, das Experiment, die Rebellion und damit der starke Wunsch nach Veränderung wichtiger ist als Anpassung an Arbeitswelt. Dann nämlich würden die «etablierten» Designer aus dem Ideenpool der Studenten Anregungen und Inspirationen suchen – sozusagen die «wilden» Ideen zivilisieren und filtrieren… und nicht mehr umgekehrt die Universitäten zu Orten, an denen bestehendes Design ein Stück weit emuliert und aufgearbeitet wird.

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Für die Designbranche als Ganzes – denn ich kenne ja genug Studenten, die genau diese Energie zum Experiment in sich tragen – würde das unterm Strich vielleicht sogar mehr bringen, denn mit den Jahren würde nicht nur unser «Genre» visuell und inhaltlich deutlich voran geschoben werden, vielleicht sogar jenseits der endlosen stilistischen Rückgriffe, die heute in sind, und eine eigene neue, evolutionäre Form finden, vor allem würde eine Generation selbstbewussterer Gestalter entstehen, die das Experiment als Lebensform begriffen haben und ihr Leben – und damit wahrscheinlich unser aller Leben – langfristig durch eben solche Experimente, Startversuche, grandiose Fehlschläge und ebensolche Erfolge, bereichern würden. Aber das geht natürlich weit jenseits der individuellen Studenten und Dozenten – die ja alle absolut mehr als ihr bestes geben -, hier geht es fast um ein kulturelles Wollen des Staates und eine Haltung zu Design (und Architektur) als «Geisteswissenschaft» und um die Frage, was Universitäten sein sollen – Ausbildungsmaschinen oder Orte, an denen Menschen und Gesellschaften sich neu erfinden. (Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte). ich weiß nicht, ob die Hochschulen – durch Schwerpunktsetzungen, Dozentenauswahl, Involvierung von Studenten, Branding usw. – hier selbst etwas tun können oder ob tatsächlich nicht ein Umdenken auf Landes- und Bundesebene gefragt wäre. Wenn in England schon die erste private «geisteswissenschaftliche» Hochschule eröffnet wird, weil sich die eher neoliberal tickenden Briten darum staatlich kaum noch kümmern, dürfte man sich in Deutschland erinnern, dass neben den Ingenieursfähigkeiten eben doch auch das Denken und Philosophieren ein deutsches «Alleinstellungsmerkmal» ist – und eine Qualität, die man nicht mirnixdirnix aufgeben sollte.

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Typoversity zeigt insofern die Hochschulen im Querschnitt als Momentaufnahme – moderner als noch vor einigen Jahren, von einer neuen Generation Lehrender angefeuert, mit einer ganz anderen Art von Studenten, aber zum Teil auch überfordert, unterfinanziert und ein wenig orientierungslos im Strom der Anforderungen zwischen Kommerz und Kunst, getragen von hochmotivierten und designaffinen Lehrpersonal und Studenten mit Herzen und Seelen von Kämpfern, die sich gegen den Apparat und das systemische Trägheitsmoment wehren. Es zeigt – wie so viele Portfolio-Books – oft ununterscheidbar gute Arbeitsergebnisse, in denen es für Absolventen immer schwieriger wird, sich zu profilieren und einen USP zu finden. Vor allem aber zeigt es Typographie als nach wie vor zentrales Fach für Design, das alles andere als ein How-to-Fach ist, in dem etwas Schriftexperiment und Geschichte vermittelt wird. Es ist, paradoxerweise, trotz der ureigentlich handwerklichen Orientierung heute ein Kopf-Fach, in dem gearbeitet und konzeptioniert wird, und in dem Design-Denken vermittelt wird, vielleicht weil Schrift eben immer noch Medium des greifbar gewordenen Denkens ist.

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Und darin einen Einblick zu gewinnen – das ist für 24,90 € mehr als geschenkt. Man kann nur hoffen, dass das Buch ein Erfolg wird und ein Dauerbrenner und wir von Roßa und Sommer noch einige Folgebände bekommen, die die Entwicklung studentischer Arbeit mit Schrift und Layout über mehrere Jahre dokumentiert.

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Weil das hier kein gekauftes Buch ist, sondern ein Exemplar, das Patrick mir persönlich geschickt hat, würde ich es gern verlosen. (Liest so weit unten überhaupt noch jemand mit?) Die Sache ist relativ einfach: Mitmachen können nur Studenten (ich prüfe das nicht nach, ich vertraue den Einsendern). Bitte schickt mir eure beste eigene typographische Arbeit, je wilder, desto lieber – der Student mit der schönsten Arbeit (subjektive Entscheidung mit dem nodesign-Team als Jury) bekommt das Buch geschenkt, portofrei. Also: Einfach eine Mail an schellnack@nodesign.com mit einer kleinen PDF, vielleicht ein paar Worte dazu und eure Adresse. Einsendeschluss ist in einer Woche. Ich bin sehr gespannt, ob überhaupt noch Designer (geschweige denn Studenten) dieses Blog lesen und ob überhaupt bzw. was da bei uns ankommt.

08:07 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 4 Antworten.

X-Men: First Class

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Matthew Vaughan beweist nach «Kick-Ass» mit «X-Men: First Class» erneut, dass er eine Ader für Comic-Verfilmungen hat – und dies, obwohl der Film in fast jeder Hinsicht ein B-Movie ist, der sich über weite Teile stilistisch gegen die vorangegangene Trilogie stellt. Zwar gelingt es dem Regisseur – dessen Film auf einem x-fach umgeschriebenen Script basiert, mit allen noch spürbaren Phantomschmerzen zusammengekleisterter Handlungsreste, die das meist für eine Handlung mit sich bringt – inhaltlich weitestgehend ein solides Prequel zu Bryan Singers X-Men-Filmen zu produzieren, bis hin zu einem Gastauftritt von Hugh Jackman als Wolverine, aber in vieler Hinsicht fühlt sich «First Class» eher wie der Plot einer Fernsehserie an, wirkt bewusst preiswerter als viele andere Comic-Verfilmungen. Während derzeit etwa «Green Lantern» das CGI-Geprotze an die Schmerzgrenze treibt und damit einen fast unerträglich schrillen Film abgeben dürfte, wirkt X-Men über weite Strecken beinahe altmodisch und zurückhaltend. Keine oder kaum namhafte Darsteller, relativ billig wirkende Sets, wenige (und meist eher durchschnittliche) Computereffekte, kein 3D, ein deutlicher Fokus auf Handlung und Gruppendynamik – es fällt nicht schwer, sich diesen Film als Auftakt einer Fernsehserie vorzustellen, in denen schon aus Budgetgründen mehr auf Charaktere denn auf Effekte gesetzt werden muss.

Diese Verschiebung zur Seifenoper tut dem Film spürbar gut, denn schließlich sind auch die X-Men-Comics seit jeher nichts weiter als Teenagerdramen auf Stereoiden, großgeschriebene Adoleszenz-Fiktionen um Ausgestoßensein, Wut, Gangbildung, Aufbegehren gegen die Autoritäten, erste Liebe und den permanenten Kampf um Anerkennung. Während in der Comic-Welt dieses Spiel seit nun sechs Dekaden in mehreren monatlichen Publikationen läuft und die X-Men selbst zu einem kryptomilitärischen Komplex geworden sind, also selbst längst «Das Establishment» stellen, kann sich Vaughan, zumal er ja der Form halber bei Null anfängt, den Luxus erlauben, zu diesen Quellen der Serie zurückzukehren.

Er bedient sich dabei sehr frei vorhandener Ideen und Figuren aus dem Marvel-Unversum, sein Kunstgriff ist eigentlich eine fast postmoderne Zusammenrührung der ursprünglichen Ideen von Stan Lee aus den Sechzigern, des komplexeren Backgrounds von Magneto à la Chris Claremont und Scott Lobdell und der hyperstilisierten Ästhetik sowie einiger Figuren von Grant Morrison, dem vielleicht letzten Highlight der Franchise, der mit «New X-Men» vor inzwischen auch schon rund zehn Jahren kurzzeitig neue Energie in die Serie pumpen konnte. So stammen die Figuren Angel, der disneyfizierte Look von Beast sowie die Motorradfahrer-Outfits weitestgehend aus der Morrison/Quitely-Ära, die Holocaust-Geschichte um Magneto, aber auch der Hellfire-Club und Figuren wie Mystique und Banshee aus den Achtzigern – und all das hat Vaughan mit großer Freude am Retro-Kitsch in einen Mix aus Connery-Bond-Film und Mad Men in die Sechziger verpackt. Ein für mit der Comic-Mythologie vertraute Zuschauer ziemlich gewöhnungsbedürftiger Ansatz, der aber überraschend gut zusammenkommt.

Visuell wirkt der Film hierdurch ungewöhnlich konservativ und streckenweise sogar low-budget, wobei es ja auch in bisherigen X-Men-Verfilmungen bereits unfreiwillig komische Elemente gab. Hier sind es sicher das muppetsartige Beast, der Schlumpfine-Look von Mystique und Kevin Bacon kommentiert als Sebastian Shaw sogar unmittelbar im Kontext des Films, wie albern sein Anti-Telepathie-Helm aussieht. Wenn beim großen Finale die Proto-X-Men dazu noch weitgehend untätig am Strand herumstehen – offenbar hat der Drehbuchautor sie irgendwie einfach vergessen, die Regie konnte sie ja aber nun nicht einfach aus dem Bild verschwinden lassen – und sowohl Magneto als auch Professor X ihre Kräfte vor allem durch verzerrte Gesichtsausdrücke und angestrengte Gesten manifestieren, wird greifbar, dass in diesem Genre die spandexbekleideten Helden eben selbst das größte Problem sind. Was bleibt, wirkt eher wie eine überlange Folge von «Alias» und besticht vor allem durch die Einbindung der Kuba-Krise, die hier etwas nolens volens vom Ex-Nazi und Ober-Superschurken Shaw eingefädelt bzw stumpf herbeigezwungen wird, der aus dem nuklearen Holocaust eine neue Rasse von Homo Superior züchten möchte. Dass man solche Motivationen in der Tat selbst einem neuen Bond-Film wohl nicht mehr zumuten würde, liegt auf der Hand – dem nicht-comicerfahrenen Zuschauer müssen solche Figuren unfassbar kindisch vorkommen, während sie zugleich konfrontiert sind mit einer schier unübersehbaren Zahl an Figuren, die eigentlich nie wirklich richtig vorgestellt werden.

Ähnlich wie bei anderen Franchise-Verfilmungen (Harry Potter) ist es hier so, dass die Regie zugleich zu wenig und zu viel für die «Fans» arbeitet. Zu wenig, weil Hollywood von den Vorlagen abweicht und diesen nicht gerecht wird – zu sehr aber, weil ganze Handlungsstränge und Figuren als «bekannt» vorausgesetzt und bestenfalls skizzenhaft erklärt werden. Wie und warum sich «Emma Frost» in Diamant verwandelt, wer dieser rote Teufel im Film ist – all diese Fragen sausen unbeantwortet durch den Film und am Ende ist es zu viel der Überwältigungstrategie, zu viel rätselhaftes. Für die Fans aber, denen viel Augengezwinker und Andeutungen gewidmet sind, bleibt die Frage, ob man nicht einen anderen Film hätte machen können, der nicht Figuren aus 2000 in die 60s zurückkatapultiert und viele kleine Ungereimtheiten, die unnötig wären. Nicht zuletzt geht einiges an der Ironie der Evolution von Magneto verloren – die im Comic-Book glaubhafter war, da sie Dekaden dauerte und durch Retcons ja sozusagen «rückwärts», also retro-aktiv stattfand – vom Opfer des Faschismus zu jemanden, der selbst aus Wut und Trauer Genozid betreiben wird. Chris Claremont hat durch starke Eingriffe in die ursprüngliche Geschichte von Magneto eine seltsam gebrochene Figur geschaffen, einen Antihelden, der die Entwicklung vom Opfer zum Täter vieler Mißbrauchsopfer, vielleicht sogar leise Kritik am Staat Israel skizzieren könnte, auf jeden Fall aber deutlich vielschichtiger wurde als die meisten anderen Comic-Bösewichte es sind. Es mag dieses Vorwissen bei mir sein, vielleicht aber auch Michael Fassbenders souveränes Spiel einer mitunter etwas unglaubhaft auf zwei Stunden komprimierten Wandlung, die den Film sehenswert macht. Aus den vielen Themen, die die X-Men anbieten, pickt sich Matthew Vaughan eine der reichsten Minen – die Freundschaft und spätere Feindschaft zwischen Xavier und Lehnsherr, und er bereichert es um zusätzliche Nuancen, wenn etwa durch Magnetos Schuld Xaviers Wirbelsäule zerschmettert wird oder wenn er den familiären Hintergrund der beiden beleuchtet. Xavier als verzogenes weißes Oberklassekind und Magneto als Holocaust-Überlebender, die Frage, ob hier jemals eine Freundschaft wirklich funktionieren konnte, stellt Vaughan vielleicht leise, aber sie ist da.

Insofern gelingt Vaughan gelingt ein gemessen an den meisten anderen Versuchen in diesem Genre ein durchaus subtiler und gelungener Superheldenfilm, Popcorn-Kino das zumindest nicht gänzlich frei von einer Idee ist, kein wirklich guter, aber eben auch kein schlechter Film, der von seiner B-Movie-Energie profitiert und sich fast «fan-made» anfühlt. Aus den bisherigen X-Men-Filmen ist dieser ohne Zweifel zwar nicht der aufregendste, aber der solideste, der mit dem meisten Potential und der besten Geschichte. Die Ästhetik dieses Films zeigt, wie richtig die Entscheidung ist, Stoffe wie «Walking Dead» oder «American Gods» in Form hochwertiger Serien zu produzieren, und wie sehr auch die X-Men von dieser Form der dem Buch oder dem Comic näheren seriellen Erzählung mit Breaks für Werbung und Cliffhangern profitieren würden. «X-Men: First Class» ist insofern im besten Sinne auch ein Pilot für eine Serie, die wir allerdings wohl nie sehen werden, für die große Leinwand aber vielleicht einen Hauch zu «light».

15. Juni 2011 06:58 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Schutzengel sind gut, Backup ist besser…

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Obwohl das hier wirklich kein Technik-Blog werden soll – ich wurde kürzlich gebeten, meine Back-Up-Strategie zu erklären und dem will ich natürlich gern kurz nachkommen, auch wenn ich nicht weiß, ob unsere Strategie stellvertretend für ein Designbüro mittlerer Größe ist – seit etwa drei Jahren, mit dem Umzug auf OS X haben wir keine «offizielle» IT mehr und arbeiten mehr mit einfachen, überschaubaren Lösungen.

Zentrales Thema beim Backup ist die absolute und permanente Sicherheit von Kunden-Daten. Im Laufe der letzten 15 Jahre ist es nur einmal bei einem Kundenprojekt vorgekommen, dass wir einen richtig bösen Datencrash hatte, durch einen zerstörten Festplattenkopf und ein nicht-aktuelles Backup, und durch viele Beinahe-Katastrophen sind wir mit den Jahren so sensibel geworden, dass wir fast etwas Overkill betreiben und Daten sehr redundant speichern – und selbst das erscheint mir oft nicht sicher genug. Sowohl Archivdaten als auch laufende Projekte sind mehrfach, mindestens immer zweimal, vorhanden – und ich muss sagen mit dem Wechsel von Windows zurück zu Mac vor einigen Jahren sind die Backup-Methoden deutlich vereinfacht worden, weil OS X etwas Sync-freundlicher ist als Windows, wo Werkzeuge wie Acronis beispielsweise gern mal ein komplettes RAID-System so zerschossen haben, das man sehr froh über doppelte Speicherungen war. Unter Mac arbeiten wir nicht mehr mit RAID 5-System, aber auch Lösungen wie TimeMachine sowie diverse Ordner-Synchronisations-Werkzeuge machen uns das Leben deutlich einfacher.

Der Hintergrund: Wir arbeiten bei nodesign mit fünf Leuten und mit sieben Rechner, vier iMacs, ein MacPro, zwei Air fürs mobile Arbeiten und Präsentationen. Der MacPro ist mit 2TB und 3TB-Platten voll ausgestattet und dient dem Büro sozusagen als Datenserver für Bilder, alte Projekte und als Ort, an dem alle Projekte gespeichert sind (abgesehen von Zwischenstufen, die jeweils auf dem Desktop der Clients stattfinden können) und beinhaltet außerdem alle Medien – Fonts, Softwares, Musik, Filme, Bücher und so weiter. Die iMac-Clients haben jeweils 1 oder 2 TB Platten, die Airs 128 bzw 256 GB.

Es gibt keinen klassischen Backup-Plan und meine Methode dürfte jeden ITler in den Wahnsinn treiben, sieht aber etwa wie folgt aus:

Jeder iMac hat zwei externe HDD, je nach Kapazität 1 TB oder 2 TB. Früher waren das bevorzugt WesternDigital MyBook, seitdem WD diese aber zu «klug» gemacht hat, bevorzuge ich die Elements-Laufwerke, die keine vorinstallierte Software mitbringen, sondern einfache «dumme» externe Volumes sind. Eine der externen HDDs dient als Time-Machine-Backu-Medium, das andere spiegelt via Carbon Copy Cloner (der sich als etwas flexibler erwiesen hat als SuperDuper) einmal täglich die gesamte Festplatte. TimeMachine ist also sozusagen das Kurzzeitgedächtnis für versehentlich überschriebene oder gelöschte Dateien, CarbonCopy das Krisenmanagement für den Fall eines Absturzes, da man von diesen Clones aus komplett neu booten kann, sogar an anderen Rechnern. Die Platten sind Firewire- oder USB, tatsächlich ist vor allem aber TimeMachine so langsam, dass der Anschluß kaum eine wirklich spürbare Rolle spielt, zumal die Backups im Hintergrund stattfinden und CCC erst nach Feierabend um 18.00 alles sichert. Beide Methoden sind inkremental, brauchen also meist auch nicht lang.

Die Air-Macbooks haben das gleiche Konzept, allerdings mit einer LaCie Rikiki und einer Freecom XXS, jeweils 1TB – beide sind groß genug, um TM, CarbonCopy und sogar noch etwas Raum für externe Daten zuzulassen und sind zugleich so klein und mobil, dass sie dem leichtgewichtigen Reisespaß mit dem Air nie im Wege stehen. DIe Rikiki unterstützt USB3, das Air allerdings seinerseits noch nicht. Insgesamt ist die XXS die Platte, die ich von Herzen empfehlen kann, obwohl oder vielleicht gerade wegen der fast verbrecherisch leichtsinnigen Ummantelung, die im Grunde nur aus einer Neoprenhülle besteht. Kleiner geht es derzeit kaum.

Der MacPro ist von Ende 2010 und unterstützt insofern leider noch kein Thunderbolt – also habe ich eine LaCie USB3-Karte eingebaut, die zwei Minimus-Platten ansteuert. Die Platten sind klein uns leise und durch USB3 so schnell, wie die internen Platten (512 GB SSD, 2x 3 TB, 1×2 TB) und der Bus der Platten es eben hergeben. Thunderbolt und externe SSD-Laufwerke dürften hier noch mal einen Leistungssprung bringen. Aber um die Wahrheit zu sagen – siehe oben – bei beiden Sachen kommt es nur beim ersten Backup aufs Tempo an. LaCie hat einen eigenen USB-Treiber im Angebot, der derzeit einzige (meines Wissens nach) für Mac – der Haken bei der Sache ist, das er wirklich NUR LaCie-Produkte unterstützt, durch eine kleine Hardware-Abfrage. Verständlich von Seiten der Herstellers, aber nicht sonderlich sinnvoll auf Dauer. Aber ich denke, mit Thunderbolt dürfte sich die Frage nach der Zukunft von USB3 am Mac erledigt haben. Die Minimus-Platten sind nicht so robust im Handling wie die WD-Platten. Es kann schon einmal vorkommen, dass die Platten sich ungefragt aus dem System verabschieden – und hier hilft nur ein Neustart des Systems. Auch die Hotplug-Fähigkeit ist eher bescheiden, zieht man eine Platte ab, sind beide «unmounted» und auch hier hilft nur erneutes Booten… Kleinigkeiten, die den ansonsten guten Eindruck der LaCie-Produkte etwas trüben. Diese beiden Platten sichern via CCC und TM die SSD-Bootplate und die «Daten»-Platte sowie die wichtigsten Medien (iTunes-Bibliothek usw.), die auf der vierten Platte liegen.

Ein weiteres CCC-Backup läuft einmal wöchentlich und speichert Daten, die beiden 3-TB-Archive und die Media-Platte auf einen 8-TB-Drobo. Der inzwischen drei Jahre alte Drobo ist erste Generation (hat aber mehrere Platten-Updates hinter sich), hat vier Slots à 1 TB, ist per USB angeschlossen und im Schrank versteckt (wegen der doch recht lauten Lüftung) – und bisher tut der Drobo zwar nicht wirklich rasant schnell, aber mit zwei Ausnahmen doch sehr sicher seinen Dienst. Der Drobo ist ein redundanter Speicher – er sichert eigentlich nur Daten ab, die ja bereits im Archiv liegen und gewährleistet eigentlich nur, dass wir bei einem versehentlichen Überschreiben einer Datei im Archiv (was mit InDesign oft genug passieren kann, wenn man in einer Vorlage arbeitet und im Arbeitsfieber CMD-S drückt ) das Original wieder herstellen können bzw. sorgt einem HDD-Crash vor. Er ist keine aktive Platte, insofern ist mir das Tempo vom Drobo relativ egal, zumal die Backups automatisiert am Wochenende laufen. Achtung: Beim Drobo hat es sich als sinnvoll herausgestellt, immer eine Wechselplatte gleichen Formats zur Hand zu haben, falls einmal eine der vier Platten ausfällt und ausgetauscht werden muss. Der Drobo mit vier Slots braucht also eigentlich fünf Platten, der fünfer entsprechend sechs und so weiter.

Per Folderwatch werden in Echtzeit die Mediadaten (iTunes usw) auf einer 2-TB-TimeCapsule synchronisiert, die zugleich ein zweites WLAN neben der Fritzbox liefert. Die Daten sind eine 1:1-Spiegelung und dienen nur als Sicherheit – um versehentliches Löschen von Daten, das ja sofort mit-synchronisiert würde, abzufangen werden diese Daten außerdem einmal monatlich auf einer weiteren 2-TB-Elements-Platte von WD gesichert – in diesem Falle manuell per Forklift-Synclet. Das ist ein wenig Overkill, zugegeben – aber iTunes kann gelegentlich etwas wirsch reagieren und in drei Fällen hat es mich schon gerettet, einfach noch einmal an alte Tracks heranzukommen. Mit iCloud und iTunes Match könnte sich dieser Schritt als überflüssig erweisen, weil man ja ein Backup «in the cloud» hätte.

Apropos in the Cloud – SSD-Laufwerk, Daten und das Archiv 01 (aktuellere Projekte des letzten Jahres oder Projekte gerade akuter Auftraggeber) sowie iTunes werden zusätzlich per Backblaze gesichert. Backblaze ist für die hier bestehenden Datenmengen – etwa 5 TB – alles andere als geeignet, das Erstbackup dauert natürlich selbst bei voll aufgedrehtem Upload und VDSL ohne Frage Monate. Ich bin sicher, Backblaze ist eher für kleinere Systeme gedacht – MacBooks und iMacs dürften ideal sein -, aber es gibt kein tatsächliches Limit und es st ja relativ egal, wie lange der Upload dauert – als letzte Rettungsleine ist es irgendwann sicher dennoch zu gebrauchen und mit 5 Euro im Monat auch preiswert genug (auch wenn man kaum darüber nachdenken mag, wie lange ein Restore von einem solchen Backup dauern dürfte). Backblaze lässt sich einfach konfigurieren – welche Platten, welche Ordner nicht sichern, wie schnell, usw. – und macht dann mehr oder minder unsichtbar im Hintergrund seine Arbeit, sollte nur bei extrem zeitkritischen Uploads vielleicht kurz deaktiviert oder ausgebremst werden, ansonsten merkt man es im Alltag kaum, selbst wenn es permanent hochlädt. Ich glaube, diese Form von Online-Backup wird in Zukunft mehr zunehmen, mit wachsenden Bandbreiten im Web.

Last not least bleiben durch Hardware-Updates eine wachsende Anzahl von 1TB- und 2TB-Platten im Büro, auf die wir mit einem Sharkoon SATA Quickport unregelmäßig manuell wichtige Daten aus dem Archiv spiegeln – falls alle Stricke reißen, ist das besser als nichts. Von wichtigen Daten wie Photos bekommen zudem die Auftraggeber auf Wunsch eine Backup-Festplatte, so dass die Daten auch außer Haus gesichert sind.

Streamer und DVDs setzen wir (gottseidank) seit einigen Jahren gar nicht mehr ein und ich muss zugeben, ich kann es kaum abwarten, bis aus normalen Festplatten durchgehend SSD via Thunderbolt geworden ist und natürlich große Kapazitäten deutlich preiswerter sind – obwohl das noch Jahre dauern dürfte – um endgültig etwas aus den «mechanischen» Unsicherheiten sterbender Festplatten heraus zu sein. Obwohl wir mit unseren Datenmengen ein reines Online-Backup derzeit wirklich nicht als brauchbare Lösung betrachten, ist es für kleinere Systeme eigentlich ein ausgezeichneter Weg – wenn es auch keine Boot-Platte mit einem Clone des Systems ersetzen würde. Langfristig würde mich nicht wundern, wenn Sachen wie TimeMachine aber komplett «in the cloud» passieren und man vielleicht sogar mehr und mehr auch mit den akuten Daten, an denen man kollaborativ arbeitet, direkt auf einem Webserver arbeitet. Dazu müssen bei diesen aber Redundanzen, Versioning und Restores sicher deutlich einfacher und erwachsener werden.

Komplette Sicherheit gibt es selbst so freilich nicht – mit TimeMachine etwa geht es nur immer zur letzten Stunde zurück – aber alles in allem habt sich die Methode als verlässliches Sicherheitsnetz erwiesen, um sowohl kurzfristige Fehler durch Überschreiben alter Daten oder Fehlspeichern sowie komplette Systemausfälle (die wir in den letzten drei Jahren ohnehin nur einmal hatten bei einem Rechner) aufzufangen.

Ich weiß nicht, ob diese Information etwas hilft – zumal wahrscheinlich jeder seine individuelle Methode finden muss, sich «sicher» zu fühlen. Ich kenne Nutzer, die gar kein Back-Up machen und sich auf ihren Schutzengel voll verlassen (durchaus auch mit Erfolg), andere setzen nur auf TimeMachine und die Restore-Disk, andere clonen nur. Ich persönlich finde, das jede Form von Speicherkosten für uns gering ausfällt gegen die Kosten, ein verloren gegangenes Design noch einmal nachbauen zu müssen oder – persönlicher – auch gekaufte Musik und Bücher in großer Zahl nachkaufen zu müssen.

14. Juni 2011 12:13 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Eine Antwort.

Fujitsu ScanSnap S1100

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Kein Zweifel – obwohl wir bei nodesign gerade auch gezielt bestimmte Prozesse wieder zum Papier zurückführen… etwa, indem wir nach wie vor Architekten-Zeichenrollen für Skizzen nutzen oder frisch ein großes offenes A3-Moleskine-Skizzenbuch für kollektives Brainstorming-im-Vorübergehen für alle Mitarbeiter eingeführt haben… wird das Leben immer digitaler. Neben den Büchern und der Musik verlieren auch die Dokumente ihre «Form», oder zumindest wird es wichtiger und einfacher, Papierdokumente auch elektronisch und mit Volltext-Suche zur Hand zu haben, anstatt in Ordnern zu wühlen.

Obwohl aber inzwischen ja immer mehr Korrespondenz ohnehin elektronisch läuft, gibt es immer noch Unterlagen und Rechnungen, die ganz klassisch auf Papier kommen. Neben der normalen Ordner-Ablage haben wir im letzten Jahr begonnen, die wichtigsten Papiere mit Evernote zu archivieren. Bisher bedeutete das aber immer, zu einem der Büroscanner zu gehen und per ScanDrop oder Apples eigenen Scan-Import nach Evernote zu importieren, was wenig unintuitiv war und – gerade wenn ansonsten auch viel zu tun ist – mal für Rückstau in den Ablagen sorgte. Das Problem an solchen Dingen ist aber, das man sie nicht tut, wenn sie nicht einfach, schnell, intuitiv und mit einem Hauch Spaßfaktor tun kann. Der ScanSnap S1100 ist eine perfekte Lösung für dieses Problem.

Gerade 28 cm breit und ansonsten nur um die 4 cm hoch und tief ist der Scanner ein Minimum an Technik – selbst aufgeklappt nimmt er auf dem Schreibtisch absolut keinen Platz weg, geschlossen wird er nahezu unsichtbar. Sobald man die vordere (etwas unsolide wirkende) Klappe öffnet, wird die Software auf dem Rechner wach (das Icon ändert sich von grün zu grau) und der Scanner ist sofort, ohne sonderliche Aufwärmphase, nach einem kurzen Surren scanbereit. Das Papier wird einfach frontal eingeschoben, was mit geknicktem oder dünnem Papier manchmal etwas frickelig sein kann – der Scanner schluckt dabei von der Visitenkarte bis A4 jedes Format problemlos und erkennt selbst, egal wo man das Papier einlegt, das Format. Mehrere Seiten lassen sich problemlos scannen, indem man einfach immer das nächste Blatt einlegt – für wirklich lange Dokumente ist natürlich ein richtiger Scanner mit Dokumenteneinzug besser, aber drei bis fünf Seiten lassen sich so wirklich völlig problemlos schnell wegscannen. Der SnapScan kann zwar kein Duplex – also nicht doppelseitige Dokumente vollautomatisch bearbeiten – hat aber eine recht brauchbare Lösung für ein so mobiles Gerät parat: Die oben aus dem Scanner erscheinende Seite kann sofort – falsch herum – wieder in den Scanner eingelegt werden und wird in der Software um 180° gedreht, so dass man relativ flott Vorder- und Rückseiten durchscannen kann.

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Überhaupt ist die Software das eigentliche Highlight des S1100 Ich war – und bin – skeptisch mit diesem Gerät, weil es den TWAIN-Standard nicht unterstützt, also wirklich nur mit der Fujitsu-eigenen Scannersoftware zusammenarbeitet. Andere Programme «sehen» den SnapScan nicht. Dieser proprietäre Ansatz scheint mir nicht sehr entwicklungs- und zukunftsoffen und macht den S1100 zu einer sehr geschlossenen Lösung, deren Nutzbarkeit enorm davon abhängt, wie schnell Fujitsu mit Updates ist und wie gut das Unternehmen auf Kundenwünsche eingeht. Dass die Software weder sonderlich gut aussieht – es sieht enorm nach schlecht portierter Windows-Software aus -, in den Details nicht immer ganz perfekt ist und zudem einiges an Speicher frisst (der ScanSnap-Ordner frisst 720 MB, für ein Scan-Programm generell schon etwas happig), gehört zu den deutlichen Nachteilen dieses Ansatzes.

Zu den Vorteilen hingegen gehört die Leistungsfähigkeit der Scan-Software. Egal, in welchem Format, egal in welcher Orientierung, egal an welcher Stelle des Scanners – eingezogene Dokumente werden analysiert und kommen mit überraschend hoher Treffsicherheit richtig erkannt aus dem SnapScanManager. Pre-Scans und Formateinstellungen sind unnötig, nahezu alles ist automatisiert. Dinge, die ich normalerweise bei einem Scanner verabscheue, die aber hier enormen Sinn machen für einen Desktop-Dokumentenscanner. Man kann eigentlich jedes beliebige Dokument unter A4 einlegen, die blaue Taste des Scanners drücken und sofort wird das Blatt durchgezogen – auch mehrere. Erst danach fragt die Software, was mit dem Scan passieren soll. Und die Möglichkeiten können sich sehen lassen für ein so relativ neues Gerät: Der Scan kann auf der Festplatte abgelegt werden soll, per Mail verschickt, direkt gedruckt, in Evernote eingefügt (als PDF oder JPG), zu Google Text&Tabellen, Word, Excel oder iPhoto geschickt oder per der integrierten Software CardIris von Visitenkarte zu VCF umgewandelt werden. Das Verschicken eines Dokumentes per eMail wird so zu einer enorm schnellen Angelegenheit – einlegen, Knopf drücken, an Mail senden, abschicken. Die Software erkennt automatisch, ob die Unterlagen eher farbig, grau oder s/w zu scannen sind, die «richtige» Orientierung wird bestimmt und in den meisten Fällen kommt ohne ein weiteres Eingreifen des Nutzers eine perfekte PDF mehrseitiger Dokumente in die Mail.

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In Evernote wird der Text vor dem Einfügen per OCR durchsucht – etwas redundant, da Evernote ja genau dieses Feature ja selbst bietet. Der User hat die Möglichkeit, dies abzuschalten und kann auch festlegen, ob Dokumente sozusagen nur «unsichtbaren» Text haben sollen (also durchsuchbar und Copy&Paste-tauglich, aber visuell immer noch «nur» ein Scan), oder ob das Bild komplett zu Text umgewandelt werden soll. Überhaupt sind nahezu alle Features abschaltbar und die Software ist relativ frei konfigurierbar – wobei tatsächlich die Automatik sich im Alltag sehr effektiv erwiesen hat. Es gibt zwar gelegentlich längere Dokumente, bei denen eine einzelne Seite farbig, alle anderen aber grau gescannt sind, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Die OCR-Funktion scheitert an manchen Fremdsprachen, hat sich im Deutschen und Englischen aber als überraschend gut erwiesen.

Im Workflow würde ich mir wünschen, dass man mit einem einmal getätigten Scan adhoc mehrere Aktionen vollführen könnte – also Drucken und Mailen beispielsweise – vor allem aber wäre eine Art Dokumentenmanagement sinnvoll, in dem man die gescannten Seiten auf Wunsch selbst drehen, in der Reihenfolge anordnen und von farbig auf grau konvertieren könnte – in der Art wie ScanDrop es (sehr ansatzweise) anbietet. Tatsächlich wäre das ohne weiteren Zwischenschritt in das Interface zu integrieren und würde dem Nutzer eine zusätzliche Sicherheit bieten, wie ein Dokument final aussieht, bevor es archiviert oder verschickt wird. Man kann natürlich noch in der PDF an sich mit Acrobat herumwerkeln – aber das geht etwas gegen die eigentlich gedachte Einfachheit der ScanSnap-Lösung. Hier – bei aller Simplicity – etwas mehr Flexibilität zu bieten, täte der ScanSnap-Lösung sicher gut und wäre dem mit 179 € nicht ganz geringen Preis auch sicher angemessen.

Tatsächlich ist der S1100 nur im geringen Maße ein «richtiger» Scanner – und soll dies wohl auch nicht sein. Obwohl er 600 dpi liefert und wahrscheinliche eine Scanqualität, die an die meisten normalen Büroscanner aus Multifunktionsgeräten heranreicht, dient er weniger zum Einscannen von Photos oder hochwertigem Bildmaterial – mehr als eine Art Dokumentenkamera auf dem Schreibtisch oder (mit 350 g ist der S1100 ein Leichtgewicht) unterwegs. Es verwundert fast, das es keinen iPhone/iPad-Adapter und passende Scan-App dazu gibt, denn gerade für das iPad wäre der Scanner ein perfekter Partner. Bei allen kleineren Kritikpunkten ist der S1100 ein klarer Getting-Things-Done-Schatz auf dem Schreibtisch – selten hat es so viel Spaß gemacht, Papierstapel gar nicht erst entstehen zu lassen.

13. Juni 2011 15:29 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Keine Antwort.

Jonathan Safran Foer: Tree of Codes

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Die Idee an sich ist natürlich nicht neu – zahllose Arbeiten haben sich bereits mit dem «Entstellen» von Büchern durch das Ausschneiden von Testpassagen befasst und Brian Dettmers Buchkunst geht eigentlich noch einen bedeutenden Schritt weiter – aber dennoch ist Jonathan Safran Foers «Tree of Codes» ein Buch zur Zeit. Dabei ist es nicht einmal sein Buch – es basiert auf Bruno Schulz «The Street of Crocodiles» (selbst der Titel ist nur ein Cut-Out des Originals)– Foer selbst hat nur durch Weglassen von Textstellen den Kontext der Worte geändert. Diese alte Technik von Textremix durch Wegnahme, durch Reduktion ist wiederum nicht neu, erzeugt aber immer wieder spannende Ergebnisse. Es führt weniger zu einer Komprimierung, zu einer Essenz von Text, sondern mehr von der Prosa zur Lyrik, zu einem schwebenden, fragmentarischen Text, der neue Assoziationen zulässt. Ich habe etwas ähnliches – nicht mit Schere und Papier, sondern digital – vor einem Jahr für ein Saisonheft gemacht, um auf einer zweiten Textebene Songs, Sachtexte und Wikipedia-Artikel zu verfremden, und der Effekt, der durch bloßes Weglassen einen Text verfremdet und auflädt, ist enorm… irgendetwas in unserem Gehirn scheint von den «Löchern» in Text angezogen, aufgefordert, sie mit eigenen Inhalten zu füllen. Es wirkt ähnlich wie der berühmte weiße Kreis auf einem Photo, etwa auf einem Gesicht, der aus einem bloßen Photo ein Geheimnis macht, das wir zu decodieren versuchen. So wie unser Gehirn «weiß», das aus der Rückseite der 6 bei einem Spielwürfel die «1» ist, versucht es auch hier, die weißen Flecken auf der Landkarte selbst zu füllen – und dieses Spiel kann oft spannender sein, als einen Inhalt fertig vorgesetzt zu bekommen. Das Gehirn liebt Assoziationen, Herausforderungen, Spiel und die Notwendigkeit, aus wenig Informationen ein «Ganzes» zusammenzusetzen – und in diesem Sinne ist «Tree of Codes» ein bemerkenswertes Spielzeug.

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So entstehen Sätze wie: «Only a few people noticed the lack of colour as in black-and-white photographs. This was real rather than metaphorical – a colorless sky, an enormous geometry of emptyness…» Hat man sich einmal auf den fragmentarisch-tastenden Sinn der Worte eingelassen, entsteht aus dem Remix ein tatsächlich gut lesbarer Text, der in seiner kurzen, fast atemlos komprimierten Form zudem Lust auf das wahrscheinlich dagegen fast langatmig wirkende Original des polnischen Autors weckt – also durchaus eine ähnliche Funktion erfüllt wie ein Remix in der Musik, wenn ein Starremixer auf einen unbekannten Klassiker »verlinkt». Das Ergebnis ist eine gänzlich andere Geschichte – und durchaus auch literarisch ein interessantes Experiment… denn wo normalerweise ein Buch aus dem Nichts durch Aufschichten entsteht – wie ein Gemälde – ist dieses durch Wegnehmen, Wegschlagen, Abtragen entstanden… eher wie eine Skulptur.

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Zudem ist das Buch natürlich wunderbar sperrig. Es wird sich wohl kaum übersetzen lassen, ohne die Idee zu zerstören, es eignet sich nicht als Audiobuch, es eignet sich nicht für iBooks (außer evtl durch Schwärzungen), Kindle und Co. Es ist ein seltsames letztes Aufbegehren, das Buch als Objekt in dieser Form zu feiern, als physikalischen Ort von Worten, an die man Hand bzw. Schere anlegen kann, als Ort von Eselsohren und Randnotizen, mit dem spezifischen Gewicht, Geruch, mit einer vorgegebenen Schriftart, mit dem rauhen Werkdruckpapier, mit einem kunstvollen Cover, mit also der ganzen magischen «Gestalt» eben eines Buches… alles Dinge, die ein iPad nicht näherungsweise simulieren kann oder soll, auch wenn es durchaus Ansätze gibt. . «Tree of Codes» ist insofern auch ein Statement – ein Plädoyer für das Analoge, das Zerfallende, für das Fragile. Der Clou, das das individuelle Zerschnippeln von Papier natürlich bei einer Massenauflage zu einem aufwendigem Produktionsprozess führt, der das Buch alles andere als «nostalgisch» macht, sondern eher zu einem Stück High-Tech-Magie, ist dabei für den einzelnen Leser vielleicht sogar nebensächlich – der Leser darf sich in der Illusion wähnen, Safran Foer persönlich habe dieses Exemplar zerschnitten, jedes Buch ein einzelnes Werk. Es ist nicht wahr, aber es ist eine großartige Lüge.

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Das Ergebnis ist ein seltsames Buch-Objekt, das zugleich Kurzgeschichte, literarisches Experiment und Meta-Statement über Bücher an sich abgibt. Es ist wundervoll anzuschauen, es ist ein wenig anstrengend zu lesen – obgleich gerade durch das Abrutschen in eine tiefere Seitenebene mitunter neue spannende Kontexte entstehen, glückliche Mißverständnisse sozusagen -, und es erinnert uns in seiner ausgeschlachteten Form wie zerbrechlich Papier als Kulturträger eigentlich ist. Bei aller Liebe zum eReading ist es insofern eine schöne Erinnerung daran, dass uns Bücher auf Papier, diese aus Bäumen entstandenen Codeansammlungen, hoffentlich noch eine lange Zeit erhalten bleiben.

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12. Juni 2011 09:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 2 Antworten.

Sträube dich nicht, bügel….

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11. Juni 2011 19:53 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

Wer ist Hanna?

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Der Reiz, der sich aus dem Widerspruch zwischen kindlicher Unschuld und mörderischen Instinkten ergibt, ist im Kino keineswegs neu, von den «Midwich Cuckoos» über «Leon der Profi» bis zu «Hard Candy» haben ungezählte Filme das Kind als gnadenlose Kraft des Neuen, die das Bestehende auslöscht thematisiert. Joe Wright, dessen Vorgeschichte als Regisseurs ihn bestenfalls als routinierten Handwerker ausweist, macht aus dem oblatendünnen Plot von Seth Lochhead einen visuell aufgeladenen und ambitionierten Thriller, der überraschend gut zusammenkommt. Zwar wirkt die Story der jungen Hanna, die das Ergebnis eines genetischen Experiments mit deutschen Müttern ist und die nach der Hnrichtng ihrer Mutter von ihrem Vater, dem Ex-CIA-Agenten Erik Heller in eisiger Isolation erzogen und trainiert wird, eher wie aus einem Comic Book oder einem Bahnhofsbuchhandel-Roman entsprungen, aber Wright gelingt es, aus der zuweilen bizarren Vorlage Momente zu melken, die mal an die wirscheren Momente der Böen-Brüder erinnern, mal mitreissende Action liefern und mal auch tatsächlich berühren.

«Hanna» ist ein seltsames Wechselbad, ein furios schneller Film, der nicht viel erklärt und in der Andeutung Stärke gewinnt. Wann immer der Film allzu konkret werden will, sich erklären will, schwächelt er, etwa wenn Hanna im Internetcafé über DNA-Experimente recherchiert und wir in ein Pixelbad getaucht werden, obwohl uns Zuschauern schon längst klar ist, was Sache ist, oder wenn Hanna in Marokko in ihrem ersten Moment der Ruhe plötzlich post-traumatisch von zivilisatorischen Errungenschaften wie Elektrizität und Fernsehen überwältigt wird. Weniger in der expliziten Handlung als vielmehr im Ungesagten und nur Angedeuteten zeigt Wright, was er kann, in der Skizze, durch die die überzeichneten Figuren erträglicher werden. Cate Blanchetts groteske Dana-Scully-Persiflage etwa funktioniert in den wortlosen Details am besten, der manischen Dentalpflege, dem Schuhtick, dem Outfit, kleinen Mundbewegungen, die sie perfekt zur bösen Stiefmutter aus dem Märchen (und nichts anderes ist «Hanna») machen. Auch die stramm aus «Big Lebowski» zitierten deutschen Neonazis, angeführt vom mit Trainingsanzug und Goldkettchen gewappneten Luden, sind moderne Märchenbüchern – insbesondere der von Tom Holländer effizient gespielte Isaacs, der wie eine gute Elmore-Leonard-Figur genau so lange alberne Witzfigur ist, bis er das erste Mal in unfassbarem Sadismus explodiert und danach das Lachhafte alles andere als komisch wirkt.

Das kleine Kaspar-Hauser-Killergirl Hanna begegnet auf ihrer trans-europäischen Rachemission leider nur einmal wirklichen Menschen, einer britischen Hippie-Familie mit einer spielfreudigen Olivia Williams als Mutter und Jessica Barden als verzogene Göre, neben der die eiskalte Killerteenagerin seltsam wohltuend und normal wirkt. In diesem satirischen Clash der Kulturen, den Wright genüsslich und vielschichtig als Coming-of-Age-Reise in Szene setzt, finden wir das Motiv der Begegnung mit dem Fremden, wie man es etwa aus Pinocchio kennt wieder, die Odyssee im Kleinformat, und mit den Augen der Märchenfigur Hanna, deren Alltag im eisigen Nichts darin bestand, zu lernen, zu kämpfen und ihr Frühstück zu töten, sieht unsere postmoderne Zivilisation reichlich seltsam aus – kein Wunder, dass sie sich eher in der Flamenco-Tradition heimisch fühlt als in den esoterischen Wabereien von Rachel. Bis zumletzten Moment gelingt es dem Film nicht nur atemloser Blockbuster zu sein, sondern zugleich Elemente von schwarzer Komödie, Groteske, Teeniedrama, Fabel und Roadmovie einzuweben. Das Ergebnis ist bei einer solchen Melange natürlich nicht immer ganz lupenrein, nicht frei von Brüchen und Trübungen, aber allemal interessant anzuschauen. Wenn Hanna im letzten Akt des Films im wunderbar filmtauglichen stillgelegten Spreepark der bösen Stiefmutter Marissa in die Wildwasserbahn folgt und dabei im Wortsinne in den Schlund des Wolfes geht, besteht an der Märchenhaftigkeit des Films und seiner zuweilen dick aufgetragenen Symbolik kein Zweifel mehr. Hanna geht, selbst weidwund angeschossen, an einem Rehkitz vorbei, diesem kurzen Moment der Unschuld, um ihrer Nemesis im nächsten Moment gnadenlos eine Kugel in den Körper zu jagen – ein Ende der Reise, das uns in jeder Hinsicht zurück zum Filmanfang führt («I just missed your heart»), und in dem Hanna sich trotz aller Ups and Downs ihrer Reise zu sich selbst vollendet, als die noch kühlere Mordmaschine, die sich ihrer Schöpferin erledigt, die jungen Götter, die die alten Götter töten müssen.

Obwohl vom Trash-Appeal etwa der Bourne-Filmserie nie wirklich weit entfernt sind es solche Andeutungen und Interpretationschancen, ebenso wie die atemberaubend gute Location- und Kameraarbeit, die bildverliebte Regie und Saoirse Ronans herausragende Leistung, die Hanna zu einem bösen, gekonnten, phantastischen B-Movie mit Kultpotential machen, der über die normale Racheengel-Thematik hinausweist. Wright mag in ein zwei Momenten überambitioniert sein, aber oft genug gelingen ihm selbst im für den deutschen Zuschauer allzu vertrauen Berlin (für die US-Ziegruppe dürfte diese Location ähnlich exotisch wie Marokko oder Finnland wirken), magische Momente, wenn Hanna etwa über die Schwanenboote springt oder bei der Verfolgungsjagd im Containerlabyrinth – insofern ist «Wer ist Hanna» ein durchaus souveräner Sieg der Cinematographie und des Designs über einen wenig innovativen Inhalt. Man ist inzwischen so daran gewohnt, dass Filme einen an sich guten Stoff kaputtmachen, dass es ja eben auch schön sein kann, einmal zuzusehen, wie ein Regisseur aus Blei Gold zu machen versucht und dabei zumindest Pyrit entsteht. Fast wie ein Gegenentwurf zu dem ja gar nicht so anders angelegtem Joie-Vehikel «Salt» zeigt Wright überraschend souverän, wie gut ein simpler ehrlicher Actionstreifen gelingen kann – vielleicht sogar mit zu viel Erfolg. Kein Happy End, ein offenes Ende, eine herausragende Hauptfigur und gute Besucherzahlen – all das weist bedrohlich auf ein Sequel oder gar eine Serie hin und ich bin gespannt, ob «Hanna» in einem zweiten oder dritten Teil die schwierige Balance zwischen groteskem Märchen und hochfrequentem Actiongenre halten kann oder ob der Weg die Figur zum traurigen «Killer-mit-dem-Unschuldblick»-Klischee führt.

10. Juni 2011 14:17 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Source Code

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The Quantum Leap
Für die deutschen Zuschauer kommt ein Aha-Moment erst am Ende des Films, wenn im Abspann als Stimme des Vaters von Colter Stevens Vater, obwohl niemals im Bild zu sehen, Scott Bakulas Name erscheint. Bakula gab in der Frühneunziger-TV-Serie «Quantum Leap» den Wissenschaftler Sam Beckett, der zwar nicht auf Godot wartet, aber durch die Zeit reist, indem er in den Körper eines anderen Menschen in einer anderen Zeit springt. Der Zuschauer sieht stets Bakula als Hauptfigur, egal in welchem Körper er steckt, erst ein Blick in den Siegel enthüllt in welchem Körper sich der parasitäre Zeitreisende eingenistet hat. Die Verbeugung vor dieser Vorlage, Die Bakula eben auch im übertragenem Sinne zum «Vater» von Duncan Kölns Protagonisten macht, lässt den phantastischen Ideenraub von «Source Code» einen Hauch weniger unsympathisch erscheinen – tatsächlich befreit die Tatsache, dass der technische Mumbojumbo des Films durch eine populäre TV-Serie und zig andere ums Thema Zeitreisen angelegte Popkultur-Meme (Star Wars, Lost, Dr Who und und und) längst vertraut ist, den Autor und Regisseur von der Aufgabe, sich auch nur ansatzweise mit der harten Technik hinter der Flmidee befassen zu müssen.

Umso beachtlicher ist es gerade angesichts der Vertrautheit der Thematik, wie zielsicher Jones es schafft, den Zuschauer im ersten Akt des Films weitestgehend zu verunsichern und ebenso aus dem Gleichgewicht zu bringen wie Coulter Stevens, den Gyllenhaal gerade zu Beginn des Films mit einer beachtlichen Mischung aus Verwirrung und Gereiztheit glaubhaft als «Man out of time» in jeder Hinsicht spielt. Diesen Balanceakt à la Hitchcock, in Situation anfangen, desorientieren, ein kafkaeskes Gefühl von Verlorenheit kommunizieren, kann man freilich aber nicht übe r einen ganzen Film durchhalten und so wird «Source Code» in dem Maße schlechter, in dem Gyllenhaals Figur selbstsicherer und routinierter wird. Wo der ja nicht ganz unähnlich angelegte «Groundog Day» besser wird, je länger der wunderbar stoische Bill Murray in seiner Zeitschleife lebt und sich ausprobiert, improvisiert, spielt, verliert «Source Code» zunehmend an Spielfreude und verkommt zu einem am Ende fast unerträglich berechenbaren Thriller ohne jede Spannung. Obwohl es phantastische Details gibt – wie etwa die Tatsache, dass Jones uns faktisch ganz fair zu Anfang des Films einen realen, plausiblen Hinweis auf die Lösung gibt und seinen Täter nicht völlig beliebig aus dem Hut zaubert – ist der Film am Ende so brutal auf Happy End gebürstet, dass man sich unwillkürlich fragt, ob ein derart unverschämt dreistes Drücken auf alle Knöpfe des Publikums nicht schon wieder eine besonders hinterfotzige Art ist, mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen. Es ist ein seltsamer Dreisprung – der Regisseur weiss, dass das Publikum bei einem Blockbuster meist. Ein Happy End erwartet, weiss, dass dass Publikum genau deshalb eben kein Happy End bei ihm erwartet und überrascht dann eben mit einer Standard-Lösung, die die Zuschauer so simpel nicht erwartet hätten. Es mag für den Film an sich enttäuschend sein, aber den Regisseur als solchen macht es unberechenbarer, freier. Vielleicht hat das Happy End aber auch einen tieferen Grund…

Strangers on a Train
«Source Code» erinnert visuell aber auch strukturell stark an klassische Hitchcock-Thriller. Stevens ist der klassische Hitchcock-Protagonist, der zunächst ohne Begründung in einem laufenden Plot gefangen ist, durch eine Verwechslung etwa, und der in diesem Kontext seine wahren Werte zeigen kann und muss. «North by Northwest» von 1959 – seinerzeit ein Inbegriff von Blockbuster-Kino – ist ein Paradebeispiel für diesen Typus Thriller und so ist es nicht nur die Handlung in einem Zug, sondern auch die gesamte narrative Struktur, die an den grossen Meisterregisseur erinnert. Und dazu gehört, selbst wenn Hitchcock damit selbst nicht immer glücklich war, eben auch ein positives, affirmatives Filmende ebenso wie die Grace Kellys kühlen Charme mühelos überbietende Vera Farmiga.

«Source Code» zeigt Jones als makellosen Stylisten mit einer allerdings schwachen Story, der ab der Mitte des Films zusehends die Luft ausgeht und die zu einem eher schwachen TV-Thriller degeneriert. Selbst das Finale des Films wirkt wenig überraschend, obwohl es wohl so gedacht ist… das Stevens’ Eingriff in den Lauf der Dinge eine parallele Realität ergibt, sozusagen dien Art Dimensionenwechsel, in der er paradoxerweise jetzt zweimal existiert, dürfte jedem SF-Leser, aber auch dem beiläufigen Lost-Zuschauer nicht aus den Pantinen kippen, zumal Jones dieses Ende bereits quasi per SMS vorwegnimmt und damit berechenbar macht. Dennoch – stilistisch und handwerklich ist die erste Hälfte des Films ein ebenso makel- wie atemloses Stück Thriller und das Ende zwar eher brave Hollywood-Kost, aber dennoch nicht unter dem Niveau vergleichbarer anderer Filme. An die morbide, wunderbare Perfektion von Moon kommt Duncan Ones hier nicht wirklich heran, zeigt dafür aber vielleicht auch eine sehr grundlegende Vielseitigkeit und Einsetzbarkeit als Regisseur auch für Mainstreamfilme, insofern erinnert «Source Code» vielleicht gar nicht zufällig an «The Game» mit diesem Flair eines hochkreativen Regisseurs, der hier einfach mal einen Film nach den Regeln dreht und der eben auch wie andere etablierten Namen wie Fincher, Abrams oder Cuaron in Zukunft zwischen Mainstream-Projekten und kleineren eigenen Filmen pendeln könnte. Hoffentlich mit Erfolg, den Jones ist genau die Sorte Regisseur von dem ich gern eine Verfilmung von «The Man in the High Castle» sähe.

9. Juni 2011 09:26 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.


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