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29. März 2011 22:26 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

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18:51 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

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28. März 2011 19:28 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

Kaizers Orchestra Köln Stollwerck

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Es gibt einen Moment in dieser Show, der bemerkenswert ist. Etwa in der Mitte der Show, nachdem die Band nach dreijähriger Deutschland-Pause mit einigen Klassikern das Publikum, das von dem mehr als famosen Vor-Act Jarne Bernhoft ohnehin bereits aufgewärmt war, in Schwung gebracht hat, senkt sich eine Beamer-Leinwand vor dem gewohnten roten Vorhang über das gewohnt von Birnchen illuminierte als Schwarzweiß-Logo der Kaizers. Fast zeitgleich nimmt Keyboarder Helge Risa die vertraute Gasmaske ab – und tatsächlich signalisiert das einen Bruch im Konzert. Die Norweger spielen konzentriert en bloc Tracks von ihrem neuen Album, Violeta Violeta I, und wirken dabei wie verwandelt. Die Melange aus Ompa-Rock und Folkloregrooves, obwohl auf dem Album evolutionär noch vorhanden, tritt in den Hintergrund – ein Bruch der beim reinen Hören der exzellenten Platte fast nicht auffällt, im direkten Gegensatz live aber sehr deutlich wird. Die Musik wird erwachsener, weniger Sturm& Drang, die ganze Attitude der Band scheint gereifter, weg von der Party-Anmache bei den Ansagen, hin zu einem sehr konzentrierten Spielen, zu einem britisch-amerikanischeren Sound, der die Gitarren mehr betont (die sehr souverän die auf dem Album von Streichern gespielten Parts ersetzen), irgendwo zwischen Pop und Indie, sehr viel normaler als der «gewohnte» Kaizers-Sound und in der Tat sehr viel weiter entwickelt. Die Band gibt sich Raum für psychedelische Streifzüge in den Nummern, wirkt bei sich, international wie selten zuvor und obwohl die Tracks so hintereinander eine gewisse Selbstähnlichkeit entfalten, steht da auf einmal eine Gruppe auf der Bühne, die spürbar – und sei es nur für einen Teil des Abends – aus der eigenen Legende, aus dem eigenen Exoskelett heraus will. Hier werden nicht alibihaft ein paar aktuelle Nummern zwischen die «Greatest Hits» geschummelt, man kann greifen, dass hier etwas vorgestellt wird, was Ottensen und seinen Leuten – selbst wenn er sich mit «this is almost a popsong» fast entschuldigt – wichtig ist.

Umso trauriger, dass den Kaizers genau das passiert, was jedem etablierten Act an diesem Punkt passiert – das Publikum zieht nicht, oder nicht nennenswert mit. Wie bei Bowie in den Neunzigern, als er mit «Outside» tourte und konsequent keine etablierten Hits spielte, was das Publikum, das anscheinend nur «Fame», «Let’s Dance» und «Space Odditty» hören will, wenig goutierte. Es ist seltsam dass die Fans einer Band oft wenig bereit scheinen, die Entwicklung der Musik mitzutragen und neugierig auf neue Tracks und deren Live-Interpretation sind, sondern vielmehr erwarten, dass die Musiker als eine Art Partykapelle, eine lebende Jukebox, jeden Abend ihre Instrumente auspacken und Jahr für Jahr immer wieder die gleichen Songs performen. Die Stones sind längst an einem Punkt angekommen, wo sie zu ihrer eigenen Coverband geworden sind, anderen Bands geht es kaum besser – ich kann es mir nicht anders als entsetzlich vorstellen, wochenlang jeden Abend die gleichen Sachen herunterzufackeln, die man schon seit Jahren spielt, Songs, die man selbst wahrscheinlich längst nicht mehr hören kann, die auch in keiner Weise für den Jetzt-Zustand einer Bandentwicklung, für den aktuellen Geschmack, für die heutige Zeit stehen. Statt dessen bedienen die Lieder nur die Nostalgie der Zuhörer, das Kenn-ich-Kann-ich-mitsingen-Feeling, es ist live, aber in Wirklichkeit ist es die schlimmste aller Konserven. Und so spielen Kaizers, wieder nach einem fast greifbaren Bruch mit hochfahrender Leinwand und wieder hervorgeholter Gasmaske, im dritten Akt des Konzertes einen Hit nach dem anderen – und das Publikum geht wieder mit. Es scheint, als sei eine Art Abmachung im Raum, die besagt, dass die Band ihre neuen Songs zwar spielen darf, aber danach bitte nur noch die vertrauten Hits wie «Maestro». Was die Band auch tut, allerdings so leidenschaftslos und professionell wie es nur eben geht. Bis auf wenige Momente Augenkontakt mit der Balustrade und einem glaubhaften Lächeln wirkt Ottensen wie ein Musikroboter, der die vertrauten «Ja klar»-Shout-Outs aus dem Publikum zaubert, der auf Knopfdruck die gute Laune produziert, der wie ein Karnevals-Act ein Könner darin ist, den Saal zu kontrollieren, der aber zugleich nur die Freude eines Handwerkers an solider, ihn innerlich aber kaum berührender Arbeit zeigt. Wo Janove bei den neuen Liedern seine Stimme ausprobiert, hochschraubt und mit geschlossenen Augen konzentriert einen Text vermitteln will (den ohnehin in Deutschland nur 15% des Raumes verstehen), gibt er im Partymodus eine Art norwegischen James Brown, der eben gute Miene zum stets schlechten Spiel macht und ein guter Profi ist, der versteht, dass er von seinem Publikum lebt. Und dieses wie kein Zweiter routiniert in die Höhe schrauben kann.

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Vergleicht man das Konzert mit der 250-Prosent-Tour, zeigt die Band sich bei ihren Klassikern weniger ausschweifend, zieht routiniert wie alte Zirkuspferde die gleichen Gags durch, als wäre es kein Konzert, sondern eine Theaterperformance. Expeditionen, Improvisationen finden kaum statt, die Soli sind knapp und aufs nötigste reduziert, Breakdowns wie bei der letzten Tour, wo Passagen gern mal ausgedehnt und genossen wurden, finden nicht statt, es geht darum, möglichst viel Hit in möglichst überschaubare Zeit zu komprimieren. Es muss für Musiker ein seltsames Dilemma sein, Fluch des eigenen Erfolges, wenn ein Publikum nur noch bestimmte Wiederholungen erwartet, eine Leistung für das Geld erwartet, und du diese Erwartungshaltung als Mainstream-Act auch noch erfüllen musst – aber dann wieder von Nörglern wie mir kritisierst wirst. Wobei es mir weniger darum geht, dass Kaizers nun etwa 1:1 die Playlist bisheriger Konzerte aufgewärmt haben, ich frage mich einfach, wie sich das für die Band selbst anfühlt. Vielleicht ist es auch einfach, als würde man eine Art Wanderarbeiter sein, der eben drei Monate im Jahr quer durch Europa fährt und… arbeitet… und dann hat man sein Geld verdient und hat den Rest des Jahres halbwegs Ruhe und macht eine Platte, die man wichtig findet, um wieder einen Anlass zu haben, als Wanderarbeiter zu reisen, und so geht das weiter, bis es nicht mehr weitergeht. Wer weiß. Weit entfernt vom künstlerischen Nimbus des «Musikers» ist das sicher allemal – aber die Illusion verliert sich ohnehin schnell, wenn man einmal in einen Tourbus schaut. Wie es ist gibt die halbe Stunde Material aus Violeta Violeta den Blick frei auf eine Band, die mehr ist als eine Art besserer Karnevalskapelle, die zur Belustigung des Publikums funktioniert – für einen kurzen Moment ist da eine Band, die aus Spaß an der eigenen Musik auf der Bühne ist und die nicht routiniert zocken, sondern sich erst in den neuen Stücken einrichten müssen, die sich mehr anschauen, die nicht performen, sondern spielen, die einfachere, aber auch ehrlichere Musik machen und die per Video-Projektion etwas davon ablenken, dass sie so gar keine Lust haben, diese Songs durch Anmachsprüche, Mitklatsch-Animationen oder Rock’n'Roll-Posen zu versauen. So einfach Helges Geste ist, sich die (Gas-)Maske vom Gesicht zu nehmen, aus der Rolle zu treten und nur «echt» als Musiker auf der Bühne zu stehen – statt als ironisch gebrochene Rock-Theater-Figur, so bildhaft ist sie auch – und vielleicht ist das auch der Grund, warum Risa im dritten Akt des Konzerts fast ironisch-gelangweilt wirkt und sich resigniert in die Rolle des irren Keyboarders zurückzieht und wieder Produkt wird.

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Dieses Dilemma betrifft alle kreativ Schaffenden, zumindest die, die es «geschafft» haben, von ihrer Arbeit zu leben. Ob Musiker oder Künstler, Designer, Autor oder Architekt – du wirst mit einem Stil, einem «Sound» identifiziert. Es gibt nur wenige, die sich so freigeschwommen haben, die finanziell und inhaltlich so unabhängig sind von Käufern, von Marketing, von Presse, von einem «Funktionieren» im System, dass sie machen können, was immer sie wollen und scheinbar dennoch – oder dann gerade wegen dieser Unabhängigkeit – Erfolge feiern. Und vielleicht ist dann auch wieder diese Unberechenbarkeit das, was das Publikum erwartet, also berechenbar. Es muss ein schwieriger Gradwandel sein, diese Berechenbarkeit zu liefern, ohne so zu stagnieren, dass man sein Publikum wieder langweilt – oder schlimmer noch sich selbst. Bei Kaizers Orchestra ist in Köln zu spüren, dass die Band sich in der letzten Dekade musikalisch weiter entwickelt hat, einerseits – vielleicht paradoxerweise – einem Rockpop-Mainstream näher gekommen ist, weg von diesem Tom-Waits-Sound, der die Band prägte, andererseits aber emotional ehrlicher und tiefer geworden ist. Und diese gewachsene Band, ist genau an der Bruchstelle, an der schon größere Künstler gescheitert sind – an dem Lagrangepunkt, wo die Band zwischen kreativem Schwung und den Wünschen der Plattenfirma und des Publikums festhängt, vielleicht hängenbleiben kann für eine gewisse Zeit, irgendwann aber wahrscheinlich in eine der beiden Richtungen driften wird – dem Druck entkommend und der eigenen Kreativität entgegen oder in Richtung Pflichterfüllung. Letzteres ist meist einfacher, befriedigt mehr Gemüter, bringt meist auch mehr Erfolg, geht aber für viele Bands gegen die eigentlichen Gründe, warum man einmal Musik machen wollte. Ich habe selten ein Konzert einer Band gesehen, das genau diesen Moment frei von Frustration und Tour-Fatigue so präzise festhält, die Gegenüberstellung von «Weiter wie bisher» und «Entwickeln wir uns weiter» so klar gegenüber – und dazu die erwartbare Reaktion des Publikums… und bin tatsächlich gespannt, für welchen Weg sich Kaizers Orchestra entscheiden werden.

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Wenn aber auch The Human League im KulturSpiegel gerade verkünden, die alten Hits als «Dienstleistung am Publikum» zu spielen, hat man eine Ahnung, wie sehr sich die Rolle der Musiker in den letzten drei Dekaden verändert hat, wie stark der Erfolgs- und Überlebensdruck ist, wie sehr sich der musikalische Wunsch nach Ausdruck zu einem Beruf verändert hat, der nach klaren Parametern abzulaufen hat. Mir fallen weniger und weniger Ausnahmen ein, wie etwa Radiohead oder zu einem geringeren Grad Massive Attack, die Erfolg und eine gewisse Sperrigkeit miteinander verbinden und trotzdem die Hallen vollkriegen. Eine gute Entwicklung ist das nicht.

Vielleicht ist es auch nur «Band Fatigue», vielleicht habe die Kaizers einfach zu oft gesehen. Aber dass es auch anders geht, beweisen Steve Wilsons Porcupine Tree, die sich mitten in der Tour entscheiden, nicht die Songs des Backkatalogs zu spielen, sondern vor einem völlig begeisterten Publikum live Stücke des kommenden Albums «live» zu proben. Mutig und in jeder Hinsicht ein einzigartiges Konzert. Auch Jazzer wie Herbie Hancock beweisen, dass es im Rahmen einer einzigen Tour nicht nur machbar, sondern auch musikalisch enorm wichtig ist, mehr zu tun als nur ein oder zwei Songs auszutauschen oder die Setlist dezent zu modifizieren – Hancock hat vor einigen Jahren in fast jeder Stadt die Lieder nicht nur neu zusammengestellt, sondern enorm andere Interpretationen geliefert, faktisch fast jeden Abend improvisiert. Von diesem Mut einer Jazzlegende, die ja ebenso gut allabendlich den gleichen Summs spielen könnte, darf die Popbranche sich gern eine Scheibe abschneiden. Es ist auch eine Erziehungsfrage, das Publikum aus der Jukebos-Erwartungshaltung wieder heraus zu bringen.

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Konkret war das also ein Konzert mit einer unfassbar guten Vorband – wobei Bernhoft wirklich genau in dieser Form, solo mit seinem Boss MC50 Looper, unfassbar ist und wahrscheinlich mit großer Besetzung nicht mehr so singulär unglaublich phantastisch sein dürfte sondern «nur» noch ein guter Soulact, und ein akustisch leider vergleichsweise schlecht abgemischtes Konzert von Kaizers mit einem wunderbaren Mittelteil, der perfekt die Stimmung eines der vielleicht besten Alben dieser Band widerspiegelte. Und zugleich eben eine Lehre über die Sollbruchstellen einer Musikerkarriere. Mit zwei Zugaben und einem erschöpfenden, bei aller theoretischen Kritik mitreissenden Programm, dennoch wie immer ein Beweis, das die Kaizers zu den besten Liveacts in Europa zählen dürften.

Nach dem Break noch eine Handvoll Photos…

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10:57 Uhr. Kategorie Live. Tag . Keine Antwort.

Spaceman

27. März 2011 12:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

iPad 2

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Im Grunde lohnt sich nach den ausgiebigen Reviews aus den USA und angesichts der ja wenig umwerfenden neuen Features des iPad2 eine echte Auseinandersetzung mit dem Gerät kaum – es ist einfach ein Upgrade und wer das iPad 1 kennt, kennt auch die zweite Generation. Also nur ein paar erste Eindrücke:

Es gab tatsächlich eine Schlange. Ich hab das nicht geglaubt und bisher auch nicht erlebt, aber da standen tatsächlich bis vor die Tür Leute für ein Stück Hardware. Never underestimate the power of smart marketing (and scarce goods). Ich selbst hatte Gott sei Dank vorbestellt und konnte einfach so rein und es abholen, vielleicht auch, weil das 64 GB 3G vielleicht nicht ganz so nachgefragt ist wie die anderen Modelle. Steffi, die draußen wartete, erzählte, ein alter Mann sei im Vorbeigehen stehen geblieben und habe sich nach einigem Betrachten der Schlange erkundigt, was es denn hier gratis gäbe. Sie: Das neue iPad2. Er: Was? Sie erklärt ihm, was es ist, er will wissen, warum die Leute dafür anstehen und was daran nun so toll sei. Nach einer Erklärung fragt er: Und was kostet das Ding? Steffi: So ab 500 Euro. Er tritt drei Schritte zurück und wendet sich an die wartende Menge: Sie haben alle fünfhundert Euro in der Tasche hier? Und wandert kopfschüttelnd weg, um sich auf dem Rückweg noch einmal bei jemand anderes zu erkundigen, wahrscheinlich weil er vermutet hat, Steffi wolle ihn veräppeln. Der Mann hat ja recht, muss man sagen. Wir leben in seltsamen Zeiten, dass man auf ein Luxusgut wartet als wäre es Obst in der DDR.

Das Pad an eine weitestgehend undramatische Weiterentwicklung des Vorgängers. Die Wahrheit ist – und das gilt inzwischen ja fast durchgehend für Apple-Produktzyklen – es keinen zwingenden Grund für iPad1-Besitzer, zu wechseln. Das Gerät wendet sich scheinbar eher an Neueinsteiger, die ohne irgendeine Art von Kamera nicht leben konnten. Ansonsten bietet es zum gleichen Preis eine solide technische Weiterentwicklung, die wie immer ein paar Wünsche offen lässt und wie immer aber auch nett ist. Der größere Arbeitsspeicher, der schnellere Prozessor und die verbesserte Grafikleistung ist im direkten Vergleich zwar spürbar, dürfte im alltäglichen Gebrauch aber nach einer Woche so selbstverständlich geworden sein, dass man es nicht mehr merkt. Apps starten etwas schneller und gerade beim Umblättern von Magazinen «hängt» es einen Hauch weniger. Sync von iTunes scheint schneller zu laufen und auch der Online-Sync wirkt einen Hauch sportiver – oder bildet man sich so etwas vielleicht auch einfach ein? Dennoch sind leistungshungrige Applikationen immer noch langsam und die Arbeit mit großzügig bebilderten PDF in Minimal Folio zwingt die App immer noch zu einem langen verpuzzelten Aufbau der Seite. Auch die Zeit und PDFs in GoodReader haben noch spürbare Aufbauprobleme – ein Wunder darf man also vom iPad2 auch nicht erwarten. Aber etwas «snappier» wie es so schön bei Apple heißt ist die Sache schon – vor allem der Wechsel zwischen Applikationen ist flüssiger geworden. Aber nun auch nichts, was vom Stuhl wirft.

Die Kameras sind in der Tat ein Alptraum. Ich kann verstehen, dass man irgendwo ein Auge auf den Preis haben muss, aber ich hätte mit Vergnügen mehr Geld für die Kameraleistung aus dem iPhone bezahlt. Für mehr als einen kurzen Snapshot in Evernote reicht es einfach nicht. Die Bilder sind düster und rauschig und niedrig aufgelöst. Man kann argumentieren, dass man mit einem 10″-Gerät nun auch keine Unterwegs-Photos machen will, aber tatsächlich macht gerade eine gut aufgelöste Kamera im iPad Sinn, um Dokumente zu «scannen». Die Videoleistung ist entsprechend – vergleichbar mit dem iPod Touch – mau, aber ausreichend. Positiv ist, dass man natürlich mit dem unhandlicheren iPad sehr viel ruhiger, weil zweihändig filmt, als mit dem iPhone, und der Bildschirm dabei die Wucht ist – Video macht hiermit ziemlich viel Spaß. Wie bei allen iGeräten werde ich aber das Gefühl nicht los, dass die Brennweite für Video schlecht ist, du bist immer zu «nah» dran, das 28-mm-Equivalent etwa der Canon fühlt sich sehr viel natürlicher an, wenn man Räume oder Situationen festhalten will.

Der Bildschirm ist weitestgehend unverändert. Als einzigen Unterschied kann ich feststellen, dass bei schrägen Blickwinkel Schwarztöne weniger schnell ins blassrötliche kippen. Mehr Auflösung, und sei es nur 1280 oder 1440, wäre schön gewesen. Aber andererseits kann ich verstehen, dass die Grafikprozessoren damit wahrscheinlich noch zu viel zu kämpfen hätten und vor allem auch die Developer schon wieder nach nur einem Jahr eine Auflösungsanpassung vornehmen müssten – man sieht ja beim iPhone, dass es teilweise anscheinend ein Jahr dauert, bis das mal umgesetzt wird und einige Apps laufen immer noch mit Prä-Retina-dpi. Für ein Lesegerät ist die Auflösung des iPad nur leider eben dennoch einen Tick zu pixelig, da darf man aufs iPad 3 hoffen. Interessant, wie immer bei neuen iOS-Geräten, ist, dass der Bildschirm sich glatter anfühlt, responsiver ist. Ich denke, das liegt wahrscheinlich daran, dass die oleophobische Beschichtung mit der Zeit im Gebrauch abnimmt und das Display sich «stumpfer» anfühlt. Apropros öl- und fettabweisend: Natürlich ist auch dieses iPad binnen weniger Minuten von Fingerabdrücken übersäht. Gar nicht anders denkbar. Dies ist die Sorte Gerät, die man eigentlich nicht mehr rhotographieren kann, sondern nur noch aus Renderings oder Photoshop-Montagen antiseptisch clean hervorkriegt.

Der Sound ist definitiv besser, alles andere wäre auch undenkbar gewesen, schlechter als das iPad1 ist ja kaum denkbar gewesen. Du hast natürlich kein Stereo (immer noch nicht) und von Bass darf gar keine Rede sein, aber man kann Musik tatsächlich wahrnehmen und einen Film sehen und dabei den Ton ohne Kopfhörer hören. Tatsächlich habe ich mich dabei erwischt, dass ich die Lautstärke reduziert habe. Am iPad – wie ungewohnt. Der Sound ist blechern und in voller Lautstärke etwas kratzelig, aber das hier ist ein echter Schritt nach vorn, der eigentlich nur umso deutlicher macht, dass man zwei Speaker bräuchte und zwar ideal einen weiteren oben am Gerät.

Gewicht und Größe sind natürlich wichtige Faktoren für diese Sorte eines mobilen Clientgerätes und das iPad2 legt hier einen soliden Unterschied hin. Einfach gesagt ist etwa die Dicke des jetzt geraden Seitenrahmens einfach verschwunden. Dünneres, aber härteres Glas und dünner Akkus haben den Formfaktor drastisch verjüngt. Auf Photos lässt sich das schwer darstellen, man muss beide Geräte mal in der Hand gehabt haben, das iPad 2 fasst sich einfach (noch) etwas weniger wie ein Stück Hardware an, fühlt sich noch mehr wie etwas an, das eigentlich gar kein Computer mehr sein kann. Durch die sanft abgerundeten Ecken liegt es ausgezeichnet in der hand, wenn auch der jetzt recht spitze Übergang zwischen Display und Aluminium etwas und schön an das Air erinnert. Wer im Bett lesend das iPad auf der Brust abstützt, hat es jetzt nicht mehr einen breiten Rand sondern mit einer eine zwar stumpfen, aber doch deutlich spürbaren und unangenehmen «Kante» zu tun. Da der reine Gewichtsunterschied nicht so drastisch ist wie die reduzierte Größe, fühlt sich das iPad2 ungewöhnlich kompakter an, weil mehr Gewicht auf weniger Fläche verteilt scheint. In der Praxis ist der Gewichtsunterschied von um die 10% kaum spürbar – es ist immer noch subjektiv um ein Drittel bis 50% zu schwer im Vergleich zu einem Buch, selbst einem Hardcover, um sich wirklich «angenehm» anzufühlen.

Das Upgrade läuft wie immer bei Apple – Backup und Neuaufspielen. Ich würde mir wirklich wünschen, dass dabei die Anordnung meiner Apps beibehalten wird. Da Apple es selbst mit iTunes nicht gerade zur reinen Freude macht, zig Applikationen zu sortieren, wäre es nicht zuviel verlangt, wenn diese bei der Migration auf ein neues Gerät dann dort auch wieder genau so vorzufinden wären. Gerade bei einem Gerät, dass sich auch an Einsteiger wendet – obwohl, tut es das wirklich? Ist das iPad nicht teilweise viel komplizierter als jeder Rechner? – ist es seltsam, wenn die Neueinrichtung in zwei Schritten (Wiederherstellung und Sync) stattfinden muss und der Nutzer dann App-Reihenfolge sowie nahezu alle Passworte für Mail, Applikationen, Web und so weiter wieder neu eingeben muss. Man hat den Nerv ja nur einmal im Jahr, idealerweise, aber es erscheint mir unlogisch. Wenn ich ein Gerät wiederherstelle in der Migration sollte es auch weitestgehend 1:1 gespiegelt werden. Die Passworte kann man noch unter «Sicherheit» verbuchen (wäre aber auch eleganter lösbar), für die App-Anordnung finde ich keinerlei logischen Grund. Wer hier viel mit App-Ordnern arbeitet – ich nicht so sehr, aber ich kenne einige Leute, die ihr ganzes System damit verwalten und nur einen einzigen Bildschirm mit Ordnern haben, in denen die Apps abgelegt sind – muss nach einem solchen Wechsel doch schier wahnsinnig werden. Zumal das Ordnen der Apps auf dem Gerät selbst ein Alptraum ist, es geht faktisch nur in iTunes und auch dort weitestgehend spaßfrei. Der Wechsel der SIM-Karte ist zwar etwas frickelig – der Tray ist in den abgerundeten Ecken etwas suboptimal verbaut und es braucht schon etwas Fingerspitzengefühl, um das wieder zusammenzuschieben – aber fast wider meiner Erwartung lief die Sim ohne neue Aktivierung durch O2 einfach bestens weiter, ohne Passworteingabe oder andere Provider-Mätzchen.

Die Software ist identisch mit der vom iPad1, mit Ausnahme der Tatsache, dass iMovie hier natürlich ohne Trickserei läuft und Factetime, das völlig sinnfreie Photobooth sowie Kamera-App dazugekommen sind. Interessant ist, dass die über X-Code zu aktivierenden Vierfinger-Gesten für das Schließen und Wechseln von Apps – die den Home-Button faktisch überflüssig machen – etwas satter und schneller laufen, am iPad 1 war das manchmal etwas ruckelig, hier ist es sanft und glatt, wie es sein sollte. Ich kann verstehen, warum Apple mit Rücksicht auf Einsteiger und App-Kompatibilität diese Gesten deaktiviert hat, aber ehrlich gesagt ist es ein Jammer. Das direkte Wischen zwischen Anwendungen ist unverzichtbar geworden und die Geste zum Schließen von Apps so natürlich, das eine ganz neue Freude an der Bedienung des Gerätes aufkommt, weil man nicht mehr immer den zunehmend dusseligen Button braucht, der nicht in den Flow des Arbeitens am Touchscreen passen will. Fehlt eigentlich nur noch eine Geste für eine Art Exposé, die alle offenen Anwendungen zeigt – das Hochziehen für die Taskbar ist ja nahe dran, aber Expose mit einer Art «Öffnen von Fünf Fingern»-Geste wäre grandios. Jeder, der ein iPad hat, muss sich eigentlich X-Code holen und diese Option nutzen, es wertet das Gerät ungemein auf. Nicht umsonst ist X-Code im MacAppStore ja bei den Bestsellern, so viele Entwickler kann es gar nicht geben ;.-). Facetime dürfte mittelfristig die Art, wie wir über Videotelefonie denken, revolutionieren. Es ist einfach, smart und dürfte in einigen Jahren zumindest bei Benutzern von Apple-Geräten allgegenwärtig sein. Die Sache hat allerdings einige Haken: Ohne 3G macht es die Sache noch sehr eingeschränkt Sinn, man fühlt sich ein wenig in die Zeiten von kabelgebundenen Telefonen zurückversetzt. Richtig genial wird es erst, wenn man von unterwegs auch Video-Abstimmungen machen kann. Auch die Anbindung an eine Apple-ID kann ein Problem sein – einerseits macht es Sinn, wenn ich angerufen werde, dass nun MacPro, Air, iPad und iPhone «klingeln», irgendwo könnte man mich ja erreichen. Andererseits kann ich aber nicht ohne weiteres von einem meiner Devices «nach Hause telefonieren», also von unterwegs ins Büro – jedenfalls nicht an den eigenen Rechner. Die fehlende Möglichkeit, mehrere Userprofile auf dem iPad verwalten zu können, wirft hier ihren Schatten voraus, bei einem Gerät, das so offenbar für gemeinsame Nutzung angelegt scheint. Andererseits will Apple natürlich ein Familiengerät, das nicht geteilt wird, sondern von möglichst vielen Mitgliedern individuell gekauft werden muss. Unschön ist auch, das bei einem Anruf vom iPhone das gesendete Bild des iP ungemein pixelig wirkt auf der viel zu großen 1024er-Fläche, die eine Bildauflösung bräuchte, die die meisten Datenverbindungen heute überfordert. Garageband ist eine der Applikationen, die von dem schnelleren Prozessor bereits spürbar profitiert, der Wartefaktor beim Wechsel von Instrumenten und selbst beim Start ist geringer und «Leistung optimieren» scheint einen Hauch seltener zu erscheinen. Spielt man nicht auf einer harten Oberfläche scheint mir auch die über den Bewegungssensor simulierte Anschlagsdynamik von Tasteninstrumenten zwar immer noch etwas unberechenbar, aber deutlich reaktiver und «echter» als vorher. Ich denke nicht, dass dies am neuen Gyroscope liegen wird, und vielleicht ist es auch nur Einbildung, aber da Garageband eine der besten App fürs iPad schlechthin ist, bin ich für jede Verbesserung der «User Experience» froh. iMovie ist ein weiteres kleines smartes Wunderwerk. Es hat zwar «nur» den Leistungsumfang der ja baugleichen iPhone-Software, bietet also keine Möglichkeiten, die Clips in Farbe, Tempo oder Ästhetik an sich zu verändern, profitiert aber ungemein von dem größeren Bildschirm und der präziseren Arbeit mit den Fingern. Es ist fast unfassbar, wie flüssig selbst 720p-Video, Übergänge, einfache Animationen und so weiter von dem kleinen A5-Prozessor bewältigt werden. Umso mehr fragt man sich allerdings, warum die gleiche Firma mit FinalCut eine so derart miese Videosoftware, die selbst auf Hochleistungsrechnern ohne Pre-Rendering kaum einen kurzen Clip meistert, auf dem Markt hat. Ich muss mehr und mehr sagen, ein FinalCut auf iMovie-Basis mit mehreren Spuren, Blend-Modi, professionellen Plugs, freier typographischer und graphischer Elemente-Anordnung und Animation (à la Keynote beispielsweite) würde mir mehr Spaß machen als das, was derzeit als Express oder Studioversion auf dem Markt ist. Als einfache kreative Lösung für Familienfest-Mitfilmer reicht iMovie allemal, und auch iMovie auf dem Mac hat ja durchaus dramatische Schwachstellen (Multitrack, Plug-In-Mangel) – eine beeindruckende Präsentation der Möglichkeiten des iPad ist es aber allemal, weil ein sehr flüssiges Arbeiten möglich ist und – ähnlich wie in Garageband – das Arbeiten ohne Maus überraschend natürlich und «richtig» scheint.

Das Fazit ist wahrscheinlich, dass das iPad einerseits – ungeachtet aller Hardwaredaten – aufgrund der einzigartigen Hardware/Softwarekombination auf absehbare Zeit völlig konkurrenzlos sein dürfte, nichts anderes kann sich bisher an diesem Standard messen und bis die anderen aufgeholt haben, dürfte Apple sich weiterentwickelt haben. Insofern bestand für die Firma vielleicht kein Anlass, sich beim iPad2 gegenüber den Samsung oder Google-Konkurrenten besonders anstrengen zu müssen. Die zweite Generation ist insofern ein irgendwie lässig wirkendes Upgrade, das ein bisschen mehr leistet, aber keineswegs «wichtig» wirkt. Apples smarte Salamitaktik von zeitlich berechenbaren inkrementellen technischen Upgrades, die alle paar Jahre mal von einem dramatischeren Facelift aufgerüttelt werden, bedeutet auch hier, dass iPad1-Besitzer keine schlaflosen Nächte haben müssen und getrost eine Generation überspringen könnten, wenn Kamera oder schmalere Bauweise nicht wichtige Argumente sind. Für die Benutzer, für die bereits das erste iPad zu einer Art ständigen Begleiter geworden ist, der als Buchersatz, als Browser, als Organisationstool, als Notizbuch, als Schreibmaschine und und und inzwischen in den verschiedensten Situationen immer dabei ist, lohnt sich das Upgrade sicher dennoch, weil sich die zweite Generation unterm Strich einen Hauch selbstverständlicher anfühlt, noch weniger «Gerät» ist, noch weniger Maschinencharakter hat. Geringere Wartezeiten und die fast surreal bleistiftschlanke Bauweise – ein normales Telefonmobilteil wirkt dagegen grobschlächtig – rücken das iPad ein Stückchen weiter der von Apple versprochenen «Magie» näher.

26. März 2011 17:29 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Eine Antwort.

Eingewechselt: HD bei DesignDiscussion 28

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Als Last-Minute-Ersatzmann für den erkrankten Hans Peter Thurn springe ich heute abend wahrscheinlich etwas übermüdet in der Krefelder Fabrik Heeder in der 28. DesignDiscussion mit Erik Schmid ein. Ich habe da etwas spontan zugesagt und bin natürlich total unvorbereitet, aber Erik scheint zu glauben, dass ich als «kommunikative Allzweckwaffe» irgendwie wohl auch so zu seinem Thema etwas sagen kann – ich bin ja mal gespannt. Thema sind Soziale Medien, Blogs, Twitter, Web, und wahrscheinlich (unweigerlich bei mir) auch iPad und Konsorten. Krefeld ist etwas abseits, aber vielleicht sieht man sich ja…

24. März 2011 12:20 Uhr. Kategorie Design. Tag . 5 Antworten.

Pina

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Eins geht mir bei diesem Film von Wim Wenders über die Tanzikone Pina Bausch kaum aus dem Kopf: 3D ist wie geschaffen für Aufnahmen von Tanz und Theater. Eine Technologie, die so sehr mit Hollywood-Actionfilmen und Animationbildern gleichgesetzt wird, brilliert hier eigentlich immer dann, wenn sie am unsichtbarsten eingesetzt wird, wie beiläufig funktioniert. Sie wirkt schnell albern, wenn Wenders gezielt damit arbeitet, um etwa Stuhlreihen oder schlimmer noch einen Theatervorhang räumlich hervorzuheben, als wolle er die Tanzszenen im Theatergebäude verorten, festnageln, dingfest machen. Sie funktioniert andererseits perfekt, wenn die Kamera wie beiläufig auf der Bühne mitagiert, theaterphotographisch Teil des Gezeigten und doch eben nur Instrument des Zeigens, das uns als Zuschauer in an sich unfassbarer Weise auf die Bühne bringt, zwischen die Körper, deren Anspannung wir sehen und hören, deren Wirbeln und Taumeln, Stillstehen und Toben man selten zuvor so leibhaftig manifestiert gesehen hat. Filme sind flach, Photos stehen still und im Theater sieht man das Geschehen statisch aus größerer Entfernung, anonym. Wenders reißt diese Entfernung durch die Fusion von Opernhaus und Hightech ein und schafft ästhetisch eine ganz neue Form von Tanzbetrachtung, der man sich in den besten Momenten des Films nicht entziehen mag und kann.

Insofern wäre dieser Film bereits grandios gewesen hätte Wenders einfach nur mehr der vier bekanntesten Choreographien von Bausch – Le sacre du printemps, Café Müller, Kontakthof und Vollmond – gezeigt. Aber Wenders will mehr – und erreicht vielleicht gerade dadurch weniger. Es scheint nicht nur auf den ersten Blick launisch, dass ein Film, der sich «Pina» nennt, um Phillipina Bausch einen so großen Bogen zu machen scheint. Sie erscheint geisterhaft in wenigen Aufnahmen, in Fetzen aus Interviews, selbst in den kurzen Monologen ihrer Tanztruppe bleibt sie ein Phantom. Wenders versucht, sie so unsichtbar und doch präsent zu zeigen, wie sie offenbar auch im wirklichen Leben war, aber man darf sich zumindest fragen, ob das der Sinn eines solchen Filmes sein muss, oder ob es nicht eben doch spannend gewesen wäre, hinter das Mysterium Bausch schauen zu wollen, einfach und ehrlicher dokumentarisch zu arbeiten, nicht im Weihrauchnebel zu versinken, sondern journalistisch, insofern vielleicht auch respektloser, zu arbeiten. Vielleicht geht das nicht – wenn selbst ein Ensemblemitglied erklärt, Bausch habe in den 20 Jahren gemeinsamer Arbeit vielleicht einmal mit ihr geredet, bekommt man eine Ahnung von der Schwierigkeit, sich durch die künstlerische Entrückung der Choreographin durchzukämpfen – andererseits wäre das vielleicht eine spannendere Aufgabe gewesen als die pflegeleichte und amorphe Glorifizierung, die Wenders anbietet, indem er sich vor jeder Erklärung drückt. Überhaupt scheint der Film eher aufs Feiern aus zu sein – er zeigt die Tänzer an verschiedenen Orten des Ruhrgebiets und bergischen Landes, stets so geschmackvoll ins Bild gesetzt, als sähe man einen Werbefilm für Ruhr 2010, als sei der Film schon durch Kultursponsoring vorfinanziert. Mal ist das Ambiente dabei gelungen und bereichernd, mal aber greift die Idee, abstrakte Tanzkörper ins die reale Welt, aus der Oper hinaus, zu zerren, in den Bereich des Affektierten, die Realität lässt die Körperlichkeit des Tanzes seltsam affig und lachhaft wirken, der Bruch – zumal in 3D – ist einfach zu viel. In den eher asketischen, ohnehin bühnenbild-ähnlicheren Umgebungen – etwa auf dem Folkwang-Gelände – gelingt das, weil hier die Architektur, die Natur oder die verrottete Industrie die sonst auf der Bühne gegebene minimalistische Strenge liefert, auf Wuppertaler Verkehrsinseln mit McDonalds-Werbung oder in Schwebebahnen aber scheitert der Versuch mitunter, wenn auch auf durchaus spannende Art. Ähnlich aufgesetzt wie die 3D-Theatervorhänge oder die Tanz-im-Raum-Einfälle wirkt der Kunstgriff, die Tänzer schweigend zu filmen und ihnen die Stimme sozusagen als inneren Monolog, als Gedanken, als Overdub, über das Bild zu legen. Was vielleicht aus einer produktionstechnischen Notwenigkeit geboren sein mag, oder aber eben wieder aus der Idee, die Ungreifbarkeit zu inszenieren, wirkt im Verlauf des Films seltsam steif und distanziert, ein Kunstgriff, der von dem eigentlich Essentiellen mehr ablenkt, als es heraus zu kitzeln.

Und so ist «Pina» einerseits ein großartiger Film, der eins der besten Tanzensembles in bisher nie da gewesener Qualität und Bildsprache zeigt, zum Greifen nah in atemberaubender Güte – und zugleich ein leicht gekünstelt wirkender Film, der sich offenbar ziert, einfach nur ein ehrlicher guter Dokumentarfilm zu sein und der entsprechend an dem eigenen Überanspruch etwas leidet. Weniger wäre hier wahrscheinlich deutlich mehr gewesen, denn als Zuschauer saugt man die Szenen förnmlich auf, in denen Bühnenbilder über Bausch und die gemeinsame Arbeit sprechen, über das improvisierte von Café Müller, doch man zuckt rasch zurück, wenn Wender allzu smart sein will und in das Bühnenbild die echte Bühne digital hineinmontiert. Solche Kitschmomente hat der Film immer wieder und sie offenbaren das Mißverständnis, des Regisseurs, das man Tanztheater aufbretzeln müsse, um es «kinoreif» zu machen.Wenders misstraut seinem Filmsubjekt offenbar, und greift ständig zu Mitteln der Überhöhung, der Gegensätze, der Überraschung – arbeitet damit aber zwar nicht immer (der erste Alter-Schnitt bei Kontakthof ist natürlich großartig überraschend und kann so nur im Film funktionieren) aber eben doch häufig genug gegen die eigentliche Magie des Livemomentes von Tanz an. Wenn dem Tanz das Authentische, das spürbar so physisch hart erarbeitete Körper- und Schwerelose genommen wird, diese seltsame Balance aus Leichtigkeit und Spitzensport, wenn der Tanz nur ein Effekt in einer Reihe inszenatorischer Momente sind, dann wird er unwichtig und selbst zum Effekt herabgesetzt. Effekte, Kunstgriffe, seltsame Rahmeneffekte sind dann eben tatsächlich eher störend und lenken von dem ab, was wirklich wichtig ist. Deshalb ist «Pina» vielleicht immer dann am besten, wenn es einfach nur um die Sache geht, wenn wir mit der Musik und den Atemgeräuschen, den Klängen von Füßen und Händen, den unfassbaren Bildern einzelner Körper, die zu einer gemeinsamen Komposition werden, allein sein dürfen, ohne dass der Regisseur sich vor Bausch zu drängeln scheint, mehr will als «nur» Ausdruckstanz zeigen. Diese Momente aber sind den Film mehr als wert und lassen die gelegentlichen Ausrutscher mehr als verschmerzen – die Magie in der Arbeit von Bausch und ihrem Ensemble wird hier dennoch ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt, gerade weil der Film zeigt, dass der Tanz an sich, ungeschönt, unverstellt, am besten seine wahre Schönheit entfaltet und es eigentlich reicht, einfach eine Kamera auf die Bühne zu stellen, die uns inmitten des Spektakels zaubert. Allein aus diesem Grund ist «Pina» ein Film, den man unbedingt im Kino gesehen haben muss.

22. März 2011 23:57 Uhr. Kategorie Film. Tag , . Keine Antwort.

Kamille

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10:43 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Fenech Soler: Fenech Soler

hd schellnack

Nachdem man auf dem neunten Kitsuné-Sampler ja bereits einen Vorgeschmack auf die britischen Elektropopper von Fenech Soler bekam, ist diesen Monat ihr Debut erschienen (getrübt von der Krebsdiagnose des Leadsängers), das die Erwartungen, die das zittrig groovende «Stop and Stare» geweckt hat, mehr als erfüllt. Die Band um Ross und Ben Duffy fusioniert scheinbar mühelos den dancefloor-orientierten Sound von Bands à la Friendly Fire mit einer spiegelglatten, mit einer dicken 80s-Emailleschichte überzogenen Poplackierung. Das Album geht entspannt gegen den Trend der introspektiven Nabelschau und setzt – wenn man die etwas kaffige Herkunft der Jungs bedenkt vielleicht nicht überraschend – auf Party, fast jeder Track geht so weit nach vorn wie man es kann, ohne die Verzerrer aufzudrehen. Stampfende Drums, pumpende Funk-Elektrobässe und flirrende Synthpads machen aus «Lies» die Sorte Musik, die The Human League heute eigentlich machen sollten, und «Golden Sun» steht mit einem Bein unverschämt grinsenden sogar im Soundgerüst von 90s-Boybands. Ben Duffy kriegt einen androgynen Kopfgesang ebenso mühelos hin wie die von zahllosen 80s-Popacts bekannten soften Gesangs-Lines, um im nächsten Moment deutlich mehr nach Indie zu klingen – und genau so eindeutig und doch vielseitig springt die Musik, die ihn begleitet durch die Möglichkeiten der Popgeschichte, ohne jemals undefiniert zu wirken. Die Sounds sind durchgehend etwas retro, mitunter fast billig, die Programmierung ist straight, aber nicht primitiv, das Quartett setzt auf synkopische Bassgrooves, die die darüber flirrenden Synthgebilde erden – und am Ende steht eine Musik, die manchmal nur knapp davon entfernt ist, an alte Britney-Spears-Tracks zu erinnern oder an mittelfrühe Heaven 17, die durchaus auch in den Strukturen und vor allem den Sounds eine gewisse Selbstähnlichkeit haben mag – die aber eben auch verdammt in die Füße geht. Wenn ein Album nahezu durchgehend, Track für Track, auf meiner Running-Musikliste landet, wird klar, dass Fenech Soler sich auf ihrem Debut einfach nahezu keinen Durchhänger geleistet haben – und das alle Songs sich in einem Tempolimit bewegen, dass zum motivierten Laufen perfekt ist (und damit eigentlich auch für die Clubs). Jeder Track hat Anthem-Qualität, schraubt sich wie eine alte Doppeldecker-Maschine mit einem auf Ketamin gedopten Howard Hughes am Steuerknüppel nach oben, in die Wolken, in die Sonne, und nimmt dich mit – Fenech Soler mögen keinen Tiefgang produzieren, aber ihnen ist ein fast pervers optimistisches Album gelungen. Jeder Track – was daran liegt, dass sie sich auch nie sonderlich unterscheiden – ist auf «Hit» programmiert, ohne sich jemals anzubiedern, Fenech gelingt diese Pose, halb zu dir hingeneigt, halb lässig an der Bar lehnend, die nur britische Acts (oder sehr britisch wirkende Bands) in dieser Form liefern können, diese mühelose Coolness, die Pop ausmacht. In dieser Hinsicht ist das Albumcover nahezu perfekt – der Glitterkonfetti, die etwas Gaydisco-artige Partylaune, und darin dieses komisch komplex wirkende, leicht rätselhafte Artefakt – das bringt die Musik sauber auf den Punkt. Denn unter der perfekt produzierten Dancefloor-Power, unter den High-Energy-Stacks, unter den Cowbells und zuckenden Bassgewittern, steckt durchaus mehr, denn die Architektur der Songs hat eine irgendwie kristalline Qualität, ist klar und einfach, aber eben doch beim mehrfachen Durchhören smart und jenseits von einfachem Autotunes-Radio-Pop. Ob FS noch wirklich «Indie» sind – ohnehin seltsam, dass dieser Begriff heute nicht mehr für die Labelbindung steht, sondern eine Art Musikclusterbezeichnung geworden ist – darf man bezweifeln, aber es ist die Sorte smarte, elegante, nonchalante, charismatische und sexy Pop, von der es ruhig mehr geben dürfte.

Wer sich sich einen Vorgeschmack auf die Northamptonshirer anhören will, kann sich übrigens vorab vier Songs des Albums sind nun kostenlos als «White Versions EP» downloaden: http://www.fenechsoler.co.uk/downloads/whiteversions.htm

21. März 2011 09:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The King’s Speech

hd schellnack

Als gemächliches, weitgehend überraschungsfreier Kammerspiel erweist sich Tom Hoopers «The King’s Speech», der sich mehr wie ein BBC-Drama anfühlt, weniger nach einem Oscar-nominierten Historiendrama, zumal der Film sich mit der Geschichte einige Freiheiten nimmt – die Frage darf durchaus immer gestellt sein, warum man Geschichte verfilmt um dann – aus den berühmten «dramaturgischen Gründen» diese zu drehen und zu verbiegen, bis sie sich eben doch wie ein durchschnittliches Dramolet anfühlt, wie die übliche Kino-Kost, weil man aus den Widersprüchlichkeiten und Komplexitäten der echten Welt eine Seifenoper gemolken hat.

Und so generiert sich The King’s Speech als klassisches Überwindungskino wie man es tausendfach gesehen hat – der Plot unterscheidet sich nur marginal von Karate-Kid, um es böse zu sagen. Da ist der liebenswerte aber überforderte Held, da ist der seltsam-exzentrische Weise, da sind völlig sinnfreie Komplikationen und am Ende, wenn’s drauf ankommt, passt alles zusammen. Als Film betrachtet ist das Ganze ein trauriges Spektakel, vor allem weil Colin Firth vor allem in Close-Ups eigentlich nur noch ein nervöses Zucken in den Augen bräuchte, um gänzlich als Double von Pruitt Taylor Vince durchzugehen… es mag an der deutschen Synchronisation liegen, oder daran, aus einem Sprachfehler einen dramatischen Makel zu konstruieren, aber Firths Gehemmtheit wirkt paradoxerweise eben übertrieben – anstatt die Sache leise und innerlich anzulegen, macht Firth einen dann ja anscheinend oscarreifen Overacting-Kurs aus der Sache. Wie ja generell anscheinend Behinderungen aller Art immer gut geeignet sind, um eine Schauspielerkarriere anzuschieben – in Wirklichkeit aber stets so absurd wirken, als würden heute noch Schwarze von Weißen gespielt, die sich mit Schuhputzcreme die Haut schwarzglänzend einfärben.

Aber auch die Handlung wirkt oft am Rande des unglaubwürdigen, etwa wenn Prince Albert anscheinend nicht merkt, dass er unter Kopfhörern fehlerfrei spricht und sogar zu arrogant-selbstmitleidig ist, um sich die Aufnahme anzuhören, oder wenn er spiegelbildlich dann doch neugierig genug ist, um sich die Aufzeichnung davon später anzuhören – der Film wimmelt von solchen Balanceakten auf oblatendünnen Suspension-of-Disbelieve-Momenten, die einfach nur da sind, um die Handlung voranzutreiben, und die dich als Zuschauer greifbar aus der Glaubhaftigkeit werfen, die ein historischer Film nun einmal bräuchte, um «echt» zu wirken. Ohne diese Glaubhaftigkeit bleibt aber nur eine Rahmenhandlung zwischen zwei guten Darstellern, die man aber ähnlich bereits hundertfach gesehen hat, und die sich keinen Millimeter aus dem Raster der Berechenbarkeit herauswagt, bis hinab zu den schwellenden Geigentönen und dem brandenden Applaus und dem jubelnden Volk – alles bloß weil ein Mann eine Radio-Ansprache halbwegs passabel herausgebracht hat.

Dabei gibt es durchaus Zwischentöne, die herauszuarbeiten es sich gelohnt hätte, an die der allzu monarchiefreundliche Film sich aber nur verbrämt herantraut. Etwa die Frage, ob der walisische Prinz und Interims-König Edward nicht wahrhafte Größe zeigt, wenn er die Krone für die Liebe aufgibt (er wird aber nur als Weichei portraitiert – die Vielschichtigkeit der Geschichte hinter der kurzen Amtszeit des Duke von Windsors wird im Film nicht einmal angerissen, ebenso wenig Edwards Faszination gegenüber dem faschistischen Regime, die fast nur in einem Nebensatz erwähnt – und dabei Wallis Simpson zugeschrieben – wird. Anhand der beiden Brüder hätte man eine komplexe Geschichte von Pflicht und Größenwahn, vom rigorosen Druck einer monarchischen Dynastie erzählen können – die zugleich auch spiegelbildlich die Geschichte moderner Politfamilien wie der Kennedys und der Bushs hätte abgeben können. Statt dessen belässt «The King’s Speech» es bei einer zutiefst banalen Freudschen Kindheits-Trauma-Geschichte von korrigierten X-Beinen und einer Umerziehung zum Rechtshänder, die Albert zum Stotterer werden lässt, der im Schatten von Vater und photogenerem Bruder lebt. Auch der durchaus spannende Gegensatz zwischen Albert und Hitler wird im Film bestenfalls angerissen – hier der zur Macht geborene, zeitlebens darauf vorbereitete und dann eben doch im rhetorischen so unfähige Albert, diese seltsame Degeneration einer Monarchie, in der Macht nicht von Können oder Willen ahängt, sondern von der Lotterie der Geburt, dort der selbsternannte Herrscher Hitler, der aus seiner Abstammung lieber ein Geheimnis machte, von einfachen Zollbeamten abstammte, und der sich mit der Kraft seiner Rhetorik eine perfide Neo-Monarchie errichtete, die Alptraumversion einer Monarchie, wie sie sich nur ein komplexzerfressener Junge zusammenreimen kann. Aus diesem Gegensatz im Konzept der Führerschaft- dem Bild einer geronnenen blutleeren Monarchie einerseits und dem dunklen Spiegelbild einer Diktatur, der postindustriellen Monarchieform, in der es nicht um blaues Blut geht, sondern nur noch um Macht -, aus dem Zusammenprall alten Commonwealth-Weltreiches und der krebsartig mutierten Form dieses Imperialismus zu etwas noch viel schlimmeren, weil hier selbst der letzte Rest Würde und Anstand und stiff upper lip des British Empire eben fehlt und durch die Primitivität des Emporkömmlings, des Neureichen ersetzt wird … aus all dem hätte man ansatzweise etwas machen können. Statt dessen starrt Albert/George auf die Wochenschau und wirkt nahezu neidisch auf die rhetorischen Fertigkeiten des Agitators blickt, der das Werkzeug Rundfunk und Fernsehen (und damit die Massen) so viel besser bespielt als er selbst. Angerissen, immer nur angerissen, ist auch der Wandel von Charisma, von Regentenschaft und Repräsentanz, der Narration von Macht, in Zeiten des Massenmediums, wenn George V in einer – fiktiven – Szene seinen Sohn vor das Rundfunkmikrophon zwingt… aber auch dieser Wechsel von Ross und Reiter, diese Entwicklung eines Mediums zu einer Herrschaftsform in und für sich, geht im Film unter. Dabei steckt hier so viel Musik drin – die Tatsache, dass die Medien es eben erlauben, dass der letzte Scharlatan an die Macht kommt, solange er nur gut genug verkaufbar ist, die Entwicklung zu einem System von Trainern und Beratern (seit etwa den 20er Jahren bereits), die die Politik publikumstauglich machen. Wenn am Ende Lionel Logue (von Geoffrey Rush so gut und so leise gespielt, das man nicht verstehen kann, warum er keinen Oscar erhielt, sondern eben Firth) den Regenten am Mikrophon fast hypnotisch führt, im Wortsinne dirigiert wie ein Instrument, bedient wie eine Handpuppe, wenn die Radioansprache fürs Photo nur noch nachgestellt wird… dann ahnt man, welches Potential Hoopers hier verschleudert, wie viel in diesem Stoff liegen könnte, aber im Dekor-Tand erstickt wird. Selbst das naheliegendste Thema – das Leben als König, das Leben im Vakuum der Macht – wird nur im Streiflicht erzählt oder als Kindheitstrauma breitgetreten. Auch hier gibt es nur skizzenhaft den Moment, in dem Edward und Albert auf Alberts Feier miteinander reden und durch das Haus gehen, und jeder der Bediensteten innehält und sich – völlig ignoriert von den beiden Herzogen – kurz verbeugt, eine Szene, die später auf dem Weg zur finalen Radioansprache noch einmal gespiegelt wird. Flüchtig ist hier greifbar, wie die Lordschaften eine Aura der Verunsicherung, der Einschüchterung umweht, wie die Welt sich um sie herum zu verbiegen scheint, wie sie von Jasagern, von Kopfnickern umgeben sind. Was «The King’s Speech» nur nutzt, um Logues (fiktionale) Respektlosigkeit zu profilieren, wäre eigentlich einen Film an sich wert – diese seltsame Räsonanz von Volk und Herrscher, die gegenseitige Eingeschüchtertheit, das Fremdeln miteinander.

Statt dessen liefert Hoopers einen Film, der sich von Klischee zu Klischee hangelt, der fast ehrfürchtig vor der Monarchie innehält, ironiefrei (und wieder fiktional) die royale Familie auf dem Balkon des Buckingham-Palace zeigt, die dem einfachen Volk zuwinkt, die Kamera schon auf der jungen Elisabeth verharrend. Bewusst oder unbewusst spielt Hoopers ein Spiel, dass wir aus ungezählten Filmen kennen – das des «armen reichen Mannes», ein Muster, das es seit den Kinotagen der 20er Jahre gibt und das Kracauer ja nicht ohne Grund bereits seinerzeit kritisierte. Der Film schafft eine Distanzlosigkeit, einen Affekt von Mitleid für den «armen König George», der doch unter dem Kostüm des Monarchen ein ganz netter Kerl zu sein scheint, der auch Fluchen möchte und der nur in der Vakuumkammer des Lionel Logue zu sich selbst zu finden scheint, sich therapieren kann. Es ist eine denkbar platte Umsetzung von «Lieber arm und gesund als reich und krank», die keine Strukturen hinterfragt, sondern anbiederndes Verständnis feilbietet, die verkleistert statt zu analysieren. Es ist insofern ein Film, der sich in keinem Moment über die reine, leider auch noch arg berechenbare, Unterhaltungsebene einer Vorweihnachtsserie hinauswagt, der dem eigenen Kitsch der Vergangenheit völlig erlegen ist, dem Weichzeichner des Rückblicks zum Opfer fällt und keine der vielen Chancen bietet, etwas zu unserer Zeit zu sagen, etwas zu lernen, mehr zu sein als solide verarbeitete Popcorn-Beigabe.

Es weht insofern in dieser Naivität auch ein Hauch von neuer Sehnsucht nach monarchischen Strukturen durch den Film – eine Sehnsucht, die man in den letzten Monaten auch beim Wirbel um die Guttenberg-Familie atmen konnte -, ein simpler Glaube an gute Herrscher (Könige) und böse Herrscher (Diktatoren), eine banale Einfachheit, die den Film oft auf die Ebene einfacher Sitcom-Strukturen herabzieht, etwa wenn der König sich ein bisschen an Fäkalsprache austoben darf. Dabei ist es ja nicht schlimm, wenn ein Film einfach oder sogar einfach dumm ist – schlimm ist nur, wenn man ahnt, dass er viel mehr Potential hätte und sich bewusst kleiner macht. Es gibt einfache Komödien, die sich in den Details, den Zwischentönen zu einer unerwarteten und dann überraschenden Größe aufschwingen können (wie etwa «A Serious Man» von den Coen-Brüdern), und es gibt Filme, die viel sein wollen (oder es zumindest vorgeben) und am Ende dann doch wenig erreichen, die das Große eher klein scheinen lassen… «The King’s Speech» ist leider eher letzteres geworden.

20. März 2011 19:15 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Handschuh

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19. März 2011 11:14 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Pinsel

01:15 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Spiegel

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Seife

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Spiegel

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Beausage

Basierend auf einem alten Blog-Eintrag habe ich Ende 2010 einen kurzen Artikel für Neuwerk – x mal Nutzen, einer sehr schönen Publikation der Burg Giebichenstein, geschrieben. Während der erschienene Artikel von der Redaktion gottseidank etwas bereinigt und insofern besser ist, habe ich nur noch meine letzte, von den Lektoren sicher zu Recht noch stark kritisierte, Textfassung parat, die aber auch so in dieser Form irgendwie ganz gut ins Blog-Archiv passt…

Beausage.
Oder: Warum Design erst durch den Nutzer schön wird.

Die Schönheit der Abnutzung
Jeder von uns kennt diese Gegenstände – die bequemgelaufenen Dr.Martens, die löchrige Jeans, der geerbte Kolbenfüller, die alte Omega, das mit Kaffeeflecken und alten Notizen übersähte Buch, der uralte Fahrradsattel. Alltagsobjekte, deren Ästhetik geprägt ist von Abnutzung, einer gewissen Abgewetztheit, einer Nutzungsgeschichte. Für diese Entstehung einer bestimmten «Schönheit» durch Be- und Abnutzung prägte der amerikanische Fahrrad-Guru Grant Petersen den Begriff «Beausage» (sprich: Bjusätsch), ein Kunstwort aus «Beauty» und «Usage», um zu beschreiben, dass natürliche Materialien wie Leder, Baumwolle, Metall oder Holz schöner altern als synthetische Stoffe, die eher «Junk» werden (eine schöne Parallele zu Rem Koolhaas Analyse moderner kommerzieller Architektur als «Junk Space»). Laut Petersen ist einigen Materialien eine gewisse Ehrlichkeit schlichtweg inhärent. Leder altert, Polyester vermüllt. Echtes Chrom am Auto ist zeitlos – aufgedampftes Chromfinish hingegen kratzt ab und legt das billige Plastik darunter frei. Ein Cellulose-Füller gewinnt Charakter durch Abrieb, ein Plastik-Füller bleicht aus. Genähte Ledersohlen erzählen eine Geschichte von gegangenen Wegen, Gummisohlen lösen sich auf. Ein Backsteingebäude altert schöner als ein Betonbau. Beausage hat insofern auch etwas mit intensiver Benutzung und liebevoller Pflege zu tun, mit dem subjektiv-überfunktionalen Fetisch von Alltagsobjekten, mit Dingen, die uns ans Herz wachsen, mehr werden als «nur» ein Notizbuch oder eine Uhr.
Dabei geht es keineswegs um den Oberflächeneffekt der Patina, der «guten alten Zeit». Der Unterschied zur naiveren Nostalgie wird greifbar, wenn Architekten in hilflos antagonistischer Geste zum Modernismus versuchen, «Retro» zu bauen und dies mit modernen Budgets und Materialien tun müssen – das Ergebnis ist meist ein ohne Not auf Alt getrimmter Camouflage-Bau, der wenig mit der würdevollen Aura eines Gebäudes zu tun hat, das tatsächlich Jahrhunderte durchlebt hat und in jedem von Wind und Regen rundgeschliffenen Stein einen Teil dieser Geschichte trägt. Beausage ist also nicht das Wiederaufkochen klassischer Formalästhetik, sondern das Vorhandensein einer materiellen Ehrlichkeit und emotionalen Bindung im Design selbst, einer Idee von Angemessenheit im alltäglichen Gebrauch. Unter den richtigen Bedingungen kann also auch ein hypermoderner Entwurf Beausage entwickeln. Es geht keineswegs um ein Auf-Alt-Styling, im Gegenteil – Beausage ist die Idee einer langlebigen und real greifbaren Substanz, die mit dem Benutzer langfristig in Dialog treten kann und in der Modifikation dazugewinnt. Beausage ist insofern auch eine Form sozialer Interaktion mit einem Autorenwerk, wobei der Autor in diesem Fall der Designer ist, ganz unabhängig von der Frage, ob Kommunikations- oder Produktdesign – und auch von der Frage, ob der Absender diese Interaktionsmöglichkeit semantisch intendiert, also bewusst ins Design «codiert», etwa durch die Materialwahl, oder diese autonom emergiert, weil der Nutzer eine persönliche Beziehung zu einem Gebrauchsgegenstand oder einem Medium findet und dieses sich durch die Benutzung verändert.
Allein dieser Aspekt ist bereits für Architektur und Produkt-Design beachtenswert, wenn es um «Emotional Design», die Frage nach dem Potential einer emotionalen Aufladung von Gebrauchsgegenständen geht, die sich eben nicht oberflächlich herbeigestalten lässt, sondern aus einem Gespür für authentische Materialien und die Alltagsanwendbarkeit erwächst – Beausage ist intendierbar und sozusagen in der DNS eines Mediums oder Objektes latent verankerbar.
Zugleich hat Beausage auch einen erklärenden Aspekt – Abnutzung veranschaulicht Funktion. Der Trampelpfad im Feld markiert den besten, sichersten Weg durch den Wald. Der abgewetzte Siebdruck auf den Tasten eines Cassettenrecorders zeigt, welche Funktionen die wichtigsten des Gerätes sind, etwa um aufzunehmen oder abzuspielen. In einem oftgelesenen Buch zeigen Eselsohren, Kaffeeflecken und Notizen/Unterstreichungen schnell den Weg zu den wichtigen Passagen. Hier bekommt Beausage eine funktionale Dimension. Die Dinge sehen nicht nur besser aus, je länger man sie benutzt (bzw. altern ehrenvoll), ihre Benutzung wird auch zur sich materiell manifestierenden Bedienungsanleitung». Beausage ist insofern auch ein über den Lebensraum des Designs gehender «clandestiner» Tauschprozeß zwischen dem Designer und dem Benutzer, bei dem der Designer sich anhand eines fiktionalen Nutzers einen langfristigen Nutzungsprozess vorzustellen versucht – während der tatsächliche Benutzer die latenten Möglichkeiten des Entwurfs seinerseits im explorativen Spielprozess entdeckt und für sich selbst weiterentwickelt… durchaus auch, indem er selbst kreativ in das Design eingreift, etwa durch Modding und Remixing. Spätestens hier wird der subjektive, eventuell sogar gegen die Sender-Intention gehende Charakter von Beausage offenbar: Die Autobauer in Wolfsburg mögen einen mit allerlei Plastik verspoilerten Golf nicht geplant haben oder in ihrem Sinne finden, für den Nutzer aber stellt diese Form von Individualisierung einen wichtigen Ästhetikaspekt Fahrzeugs dar. Des einen «Verschandelung» ist des anderen Beausage – sie verlangt also Toleranz(en) im Design, ebenso wie Ansatzpunkte für die eigene Kreativität des Nutzers.

Die digitale Devolution
Wichtig für modernes Design ist die Frage: Lässt sich die Idee einer Beausage von der analogen Welt der greifbaren Objekte in die «digitale» Welt der Simulacra übertragen, in der es die von Petersen postulierten Materialien überhaupt nicht mehr gibt? In der Objekte immer unwichtiger und «Medien» rasant entstofflicht werden? Können wir also analog zum intuitiv einleuchtendem Beausage im Produktdesign zu einem ähnlichen Brgriff im eher immateriellen Kommunikationsdesign kommen?
Die Entwicklung der letzten vier Dekaden kann man sicher als schleichenden Abschied von der analogen Welt bezeichnen. Otl Aichers Kritik der Digitaluhr wirkt heute immer noch zutreffend und Walter Benjamins Beschreibung der schwindenden Aura von «Kunst» in mechanischen Reproduktionsprozessen findet in der Echtzeitverfügbarkeit nahezu aller medialen Erzeugnisse als Download eine fast surreale Überspitzung, wenn jeder beliebige Inhalt «ubiquitous» wird, global exponential vervielfältigt ins Unendliche. Auch die Produktion von Medien und Objekten ist zunehmend digital geworden: Bücher schreibt der Autor mit der Textverarbeitung, Gebäude werden mit CAD-Software geplant, Musik entsteht mit virtuellen Instrumenten am Laptop, Filme werden mit Digitalkameras aufgezeichnet, einzig die bildende Kunst scheint sich noch den Anachronismus primär haptisch erfahrbarer Entstehungsprozessen zu gönnen – obwohl natürlich hier auch längst der theoretische Akt, die Idee, zentral ist, nur sekundär das materielle Unikat.
Musik, Film, Text, Bild, Spiel, eine durch Twitter oder Facebook usw. hochtechnisierte Fassung sozialer Interaktion und natürlich auch die postindustriell-entmaterialisierte Form der Arbeit sind im universellem Konvergenzmedium tragbarer Client-Computer angekommen, die alle bisherigen Medien überschreiben könnten.
Der Haken: Digitale Meta-Medien nutzen sich nicht ab. Während man auf einer Vinylplatte schon am Knistern hört und an den Kratzern sieht, welchen Song man am liebsten hörte (Beausage), ist eine MP3-Datei auch nach hundertfachem Hören immer noch im «état orginal», ebenso wie ein iBook keine Kaffeeflecken und Eselsohren kennt. Das Gehäuse des iPhone mag zwar noch Gebrauchsspuren aufweisen, die verschiedenen simulierten Medien darin nicht mehr. Der Inhalt ist in einer Art reverser Dorian-Gray-Fabel angekommen, in der das Bild eben nicht mehr altert, sondern nur noch der Betrachter davor.
Auf dieses Defizit reagieren digitale Programme derzeit durch die Simulation von Alter. So wie die frühe Typographie ihren gegenüber der Handschrift sterilen Charakter durch das Einbringen einer «Kursiven» zu bemanteln versuchte, simuliert die Software heute eine Art Pre-Worn-Look. Auf dem iPad bricht Apple sogar selbst mit den sonst eher minimalistisch-klaren hauseigenen GUI-Ansätzen und liefert mit Pages, Numbers, iCal, iBooks und Notes den leicht kitschig anmutenden Versuch, analoge Medien nachzubilden. Diese Virtualisierung findet vor der Folie der Hilflosigkeit gegenüber einem neuen Trägermedium statt, das nicht richtig «echt» sein kann, aber als Blackbox auch nicht mehr wirklich mit herkömmlichen Betriebssystem-Interface-Metaphern übersetzt werden kann. So versucht Apple, einerseits nach «echtem» Kalender/Buch/Notizblock auszusehen, indem es Leder- und Holzoberflächen, Metallklammern und Pageflips zitiert, die tatsächliche Bedienung kommt aber nicht ohne Interface-Krücken wie Tastatur und Touch-Klicks aus. Tatsächlich wird genau hier der Übergang von analoger zu digitaler Welt besonders greifbar, weil in der Nachahmung umso deutlicher wird, was den Simulacra fehlt – Haptik, Abnutzung, Reaktivität. Simulierte Medien mögen aussehen wie ihre analogen Gegenstücke, aber sie bleiben hinter kaltem Glas und können nur soweit «reagieren», wie ihre Programmierung es zulässt. Dieses seltsame Zwitterdasein erinnert an das frühe Fernsehen, das eher abgefilmtes Theater war, bevor das Medium durch Trial-and-Error eine eigene Art von Semantik entwickelte. Dem Metamedium iPad etwa aber fehlt (noch) ein eigener Zeichenschatz, deshalb shanghait es den der «echten» Medien ebenso wie den von MacOSX – ein transitorischer Zustand, der zeigt, wie jung und damit auch innovationsoffen das Interfacedesign in diesem Bereich noch ist.
Es wird die Aufgabe zukünftigen Designs (das sich mehr und mehr zu einem Amalgam aus Mediendesign und Programmierung entwickeln könnte) sein, auf diese gegenwärtige Devolution analoger Wesenhaftigkeit im digitalen Pendant zu reagieren, sei es durch überzeugendere Simulationsstrategien (d.h. höhere Auflösungen, glaubhafteres Sampling, virtuelle Realität) oder durch innovativere, komplett neue Interaktionsfiktionen, die jenseits der bisherigen Simulacra stehen und diese überschreiben. Hier liegt zugleich die Chance, der postmodernen Infragestellung von «Authentizität» eine neue Wendung zu geben, indem unweigerlich die digitalen Medien die Frage nach Original und Fälschung, Echtheitund Künstlichkeit ganz neu beantworten müssen. Und so wie in der analogen Welt jede Uhr, jeder Stuhl einen Schöpfer (ergo, ob er sich so nennt oder nicht, einen Designer) hat, so hat jedes virtuelle Medium, jedes virtuelle Objekt einen Interfacedesigner. Da im digitalen Bereich jede Form von Objekt eine Software ist – auch ein virtuelles Notizbuch ist nur ein Programm – wird das Mediendesign im digitalen Bereich das Produktdesign übernehmen, denn hier müssen selbst in der analogen Welt selbstverständliche «autonome» Details wie das Umblättern einer künstlichen Buchseite definiert und gestaltet werden. Will diese vollends durchgestalteten Hyperrealität überzeugen, muss sie hin zu einem neuen Begriff von nutzerzentriertem Design, zu Beausage.

Beausage als Simulation
Für virtualisierte Medien ist Beausage insofern ein Schlüsselbegriff, wenn es darum geht, Abnutzung als Designaspekt zu begreifen. Als Beispiel sei das Spielzeug Furby genannt, ein kleiner Spielzeug-Kobold, der mit einer simplen Software «Lernprozesse» simuliert, bei dem sich Furby durch wiederholte Kommunikation die Sprache seines Besitzers scheinbar aneignet. Die Furby-Software, die aber nur spracherkennungsbasierte Reiz-Reaktions-Muster erlaubt, ist zu solchen komplexen Lernprozessen gar nicht in der Lage. Deshalb simuliert der Furby das Lernen, indem nach einer Weile des Spiels das Programm in eine zweite Phase geht, in der Furby mehr «kann» und neben der Furby-Kunstsprache auch Deutsch gelernt zu haben scheint. Wenn Furby also nach einer Weile bilingual singt und spricht, ist die Simulation des Lernens so glaubhaft (selbst wenn man den Trick dahinter kennt), dass die aktive Nutzung des Spielzeugs «belohnt» zu werden scheint, auch der eingeweihte User lässt sich auf die Illusion ein.
Will man Metamedien wie das iPad (das nur ein Vorgeschmack auf leistungsstarke Thin Clients gibt, die den Nutzer unsichtbar mit dem Äther verweben) also ummünzen zu einem «Hyper»-Medium, geht es um eine authentische (im Sinne von «hinreichend überzeugend gelogener») Interaktion mit der Software. Die Programme, vereinfacht gesagt, müssen telepathisch werden und den Benutzer miteindenken, wahrnehmen, auf ihn eingehen, sich reaktiv anpassen – oder zumindest so wirken. So wie Seife in hundertfacher Nutzung geformt wird, werden auch ätherische Medien als nächste große Hürde die (Ab-)Nutzbarkeit, die Formbarkeit durch den Nutzer einplanen müssen. Dabei reicht es aber langfristig keineswegs, wie beim Furby, eine Art Pseudo-Dialog zu liefern, die reine Simulation einer Antwort, die der Absender vorweg eingebaut hat.
Was auf den ersten Blick als antikommunikatives Einplanen des Nutzers als Schaltmoment in vorab vom System abgesteckten Wahlmöglichkeiten kritisierbar wäre, muss mit der Entwicklung zunehmend künstlich-intelligenter Softwares mehr werden. Bereits heute animieren etwa digitale Spiele nicht mehr bestimmte Verhaltensweisen Bild für Bild – etwa die Verformung von Metall bei einem Autounfall – sondern basieren diese Bewegungsabläufe auf der mathematischen Zugrundelegung simulierter Naturgesetze, durch die jeder Crash anders verläuft, anders wirkt, unberechenbar wird. Es ist also denkbar, dass sich der Turing-Test eben nicht nur auf simulierte Kommunikation mit «Menschen» erstreckt, sondern auch auf die Interaktion mit virtuellen Gegenständen und Medien. Will man das Hypermedium als perfekte Illusionsmaschine begreifen, die vom Touch-Screen zur Touch-World führt, ist neben einer die Wahrnehmung auf weitere und überzeugendere Kanäle verteilende Panorama-Erweiterung (taktiles Feedback, 3D, VR-Brillen, auditive, eventuell olfaktorische Ergänzungen, langfristig also die Verwischung von fact und fiction auf biokybernetischem Weg) die Beausage entscheidend – sie wird zur authentischen Interaktionschance im simulierten Setting. Der von Science-Fiction-Autoren wie Stanislaw Lem (Der futorologische Kongress), Neil Stephanson (Snowcrash) oder William Gibson (Virtual Light) vorgedachte «Cyberspace» (den Lems deutsche Übersetzung wunderbar passend «Homikry» nennt) braucht ein Umdenken im Designprozesses, der bisher immer noch auf eine einseitige Kommunikation, ein lineares Sender-Empfänger-Denken, eine zu simple Idee von Autorenschaft als Monolog setzt. Wir Designer denken immer noch in Strukturen, in denen wir alleine Entscheidungen treffen und der Nutzer keine Eingriffschance hat. Wenn dies in einer zunehmend virtuellen Welt, in der nahezu alles «Design» ist so bleibt, können zum einen die Designer die Komplexität von nötigen Vorweg-Entscheidungen kaum leisten, zum anderen aber wird vor allem der Nutzer zum Opfer extrem eingeschränkter Handlungsoptionen. Um beim Beispiel des eBooks zu bleiben – hier kann der User erst dann zB durch Umknicken einer Seite Lesestellen markieren oder auf die Seite kritzeln, wenn Interfacedesigner und Programmierer dies vorsehen, im Zweifelsfall also vielleicht nie.
Die Idee von Beausage ergibt hier neues Designer-User-Modell, das den Anwender à priori zum zentralen Faktor einer hochflexiblen und -komplexen Narration macht. Der Designer (der ja heute meist nicht mehr alleine agiert, sondern im Verbund mit Programmierern, Autoren, usw.) formt hier die möglichen divergenten und vielfältigen User-Reaktionschancen zu einem kohärenten Ganzen, das ausreichend stringent ist, um eine frustrierende Verzettelung in der multi-vektoralen Konfigurationenvielfalt zu vermeiden, er schafft also zugleich Vielfalt und Einfachheit und versucht, den User zu involvieren, mit ihm «ins Gespräch» zu kommen. Das Design von morgen ist kein Monolog mit voreingebauten Antworten, sondern ein von der Fiktion zur Realität übergehender Dialog mit real implementerten Feedbackchancen für die Nutzer.

Design als Spiel
Bereits auf der allereinfachsten Ebene (etwa der Simulation eines authentisch alternden digitalen Notizbuches, eines virtuellen Moleskine) bedeutet dies eine neue Form von Bescheidenheit und Zurücknahme auf Seiten des Gestalters – ganz anders als bisherige Design-Paradigmen, die nach der perfekten, transzendental «reinen» Form suchen, die der Designer allein kontrollieren kann.
In der digitalen Form muss Beausage vorweggenommen werden, oder vielmehr antezedierend im Design eingeplant sein, da es keine echte raumzeitliche Materie mehr gibt für Verwitterung oder Abnutzung. Die falsche «Authentizität» muss also als Potential im Design angelegt sein – und zwar so unberechenbar, dass der Benutzer die Simulation nicht mehr durchschaut, sondern in einer Art augenzwinkernden Übereinkunft über das Simulacrum als «echt» akzeptiert. Man kommt hier von der platonischen Superexistenz, dem Versuch, in Design eine unangreifbare, absolutistische Wahrheit abzubilden, zu einem dialogischen Modell von Versionen, Interpretationen, gemeinsamen Wegen und Umwegen… ergo zum Spiel.
In der Programmierung digitaler Spiele ist es längst normal geworden, das Nutzerverhalten vorwegzunehmen und in seinen Entscheidungsmustern und -potentialen vorwegzunehmen, also selbst effektiv in die Rolle des Spielers zu schlüpfen. Viele Spiele entwickeln ihr Potential erst in der wiederholten Benutzung, wenn andere Entscheidungen neue Reaktionen der Software bedingen, jede Spieliteration einen (scheinbar) anderen Verlauf nimmt. Im Design von Interfaces, Software und Applikationen ist diese Idee nach wie vor tabu, die Programme sind meist nicht reaktiv.
Ein Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass Designer (wie Programmierer) versuchen, den Dialog zwischen Mensch und Software erfolgreich und berechenbar zu halten. Das Ergebnis ist, dass die Möglichkeiten des Users vorselegiert sind, beschnitten, möglichst eindeutig und somit erwartbar/codierbar bleiben. Der Zufall hat keinen Raum in Microsoft Word. Für den Benutzer bedeutet dies, dass die Software ihn nicht überraschen kann – positiv wie negativ – und sich aber eben auch nicht nicht an ihn «anschmiegt». Es gibt zwar einige eng eingegrenzte Ansätze (etwa lernende Menüs, die nur häufig benutzte Befehle anzeigen), aber in toto ist Software oft noch ein Monolog. Wenn aber das Verschwinden analoger Medien und Objekte nicht zu einer formalen und inhaltlichen Wahrnehmungsverarmung führen soll, hat die Vorstellung von Kommunikationsdesign als steuerbaren Prozess keine Zukunft. Was übrigens auch bedeutet, dass der Rezipient und Nutzer sich vom Gedanken eines «perfekten» Designs verabschieden und die Idee eines permanenten Beta-Testes akzeptieren müsste, Beausage entsteht. Schon jetzt gibt es im Webdesign und bei Applikationen oft keine finale Form mehr – digitaler Inhalt bleibt wie Teig, unendlich verformbar, ergänzbar, flexibel. Remix wird zum Dauerzustand, der Prozess als gemeinsames heuristisches Erleben wichtiger als eine solide «Statik». Der Weg, so einfach ist das, ist das Ziel geworden. Und das Ziel ist mehr denn je Involvement, Auseinandersetzung, Aufmerksamkeit, Spaß. Im Spiel geht es darum, einander interessiert genug zu halten, um im Spiel zu bleiben, zu Geben und zu Nehmen.
Unnötig zu betonen, dass sich in diesem abstrakteren Verständnis von Beausage als Ästhetik, die erst durch den dialogischen Designprozess zwischen Gestalter und Benutzer über die Zeit entsteht, wie geschaffen ist, um Social Media «designbar» zu machen – indem nämlich nicht die sozialen Medien kontrollierbarer werden, sondern der Designprozess umgekehrt sozialer, ergebnisoffener, spielerischer. Beausage-Design ist Fuzzy-Design.
Das Modell eines solchen Designs ist ein fluides Spiel, natürlich intentional gesteuert und mit parametrischen Vorgaben, aber ergebnisoffen, neugierig, evolutionär. Der Designer entwickelt sich weg von der finiten Form, hin zur Freude an der Unberechenbarkeit, die Benutzer andererseits weg von mechanischem Bedienen, hin zum explorativen Entdecken von Möglichkeiten und Veränderungen, hin zu einer Co-Autorenschaft (gemeinsam mit anderen Nutzern). Ansatzweise ist das bereits jetzt zu betrachten, wenn etwa ein Website-Redesign in Echtzeit durch Anregungen und Kritik der Leser demokratisch mitbestimmt wird – die generellen kooperativen Möglichkeiten in einem materielosen Medium, das jede nur denkbare Form emulieren und auch abstrahieren kann, sind aber langfristig kaum auszumalen. Denkbar wäre nicht zuletzt der Schritt von der reinen Virtualisierung bestehender Medien zur Abduktion, einer spekulativ-sprunghaften Emergenz komplett neuer Kommunikationsrhetoriken, die den chamäleonartig flexiblen Möglichkeiten des Digitalen überhaupt erst wirklich gerecht wird. Der Designer wird sich, zugespitzt, loslösen von der mechanistischen Selbstwahrnehmung eines Uhrwerkers oder Schreiners und sich als sozialer Mediator und Katalysator begreifen, als Auslöser, Begleiter, Psychologe, Sozialarbeiter, Futurologe, Geschichtenerzähler und so weiter.

A New (Design-)Deal
Natürlich ist es ein weiter Schritt von der charmanten Abnutzung von Leder oder Metall hin zu solchen kommunikativen Idee von Design, das nicht mehr dem Paradigma des einsamen Autoren folgt, sondern die Benutzung zum integralen Bestandteil des Entwurfsprozesses macht, in dem Ästhetik nicht mehr einseitig vorgegeben ist, sondern spielerisch erarbeitet wird. Aber für angewandtes Kommunikationsdesign – also nicht nur in Form von Gedankenexperimenten über Software und Medien der nächsten Jahre, sondern right here, right now – ist die Vorstellung von einem Design, das erst beim Nutzer reift, zentral. Denn abgesehen von dem Bereich des entstehenden «künstlerischen» Grafik-Designs, der sich in der nahen Zukunft mehr und mehr in Richtung Kunstmarkt und Galerien bewegen wird, wird es für ein sozial orientiertes, auf Wirkung bedachtes Kommunikationsdesign entscheidend sein, den Nutzer nicht zu bevormunden und zu lenken, sondern zu antizipieren, zu motivieren, zur Interaktion einzuladen.
Beausage im abstrakten Sinne eines teleologischen Designansatzes, der den Sinn und Zweck des Designs – die Benutzung, die Abnutzung, den Lebensprozess – und weniger die oberflächliche Ästhetik in den Mittelpunkt stellt, ist insofern möglicherweise die nächste große Hürde unserer technologisch und geschmäcklerisch in einer Art übersättigten Fin-de-siècle-Agonie liegenden Branche, die sich zwischen Zitaten und (selbst zum Zitat gewordenen) Anti-Designs quält. Zugleich liegt hier der Ausweg aus dem bedeutungslosen Konsum-Kuscheldesign, das nur noch Kaufimpulse schaffen soll und die Tätigkeit des Designers zunehmend unter ein sozial negatives Vorzeichen stellt.
Erst wenn wir versuchen, die Vorstellung von Ehrlichkeit, die gutes Leder von billigem Polyester unterscheidet, kann sich Design als relevante gesellschaftliche Wirkungskraft freischwimmen, die einen sozialen (und nicht nur ökonomischen) Mehrwert schafft. Der Begriff der Beausage würde sich dann von einem rein materiellen Begriff in einer immateriellen Welt wandeln und etwas über die Intentionen und die Offenheit eines Designangebotes-Aussagen, über seine Bespielbarkeit, Formbarkeit, Entwicklungs- und Ausbaufähigkeit, Reaktivität, nicht zuletzt über die Frage, ob ein gestalterischer Ansatz «billig» wird oder gut altert, an Schönheit gewinnt. Dazu gehört natürlich auch die Chance, über die Vorstellung von «user-driven» Design eine Form von Designkritik, also überhaupt erst ein Instrumentarium für die Bewertung von Design jenseits von «Cool» und «It sucks» zu erarbeiten. Hier liegt die Möglichkeit für die im digitalen Interface verschmelzenden diversen Design-Subkategorien, aus der geschmäcklerischen Ecke der Dekorateure hinauszukommen und soziale Relevanz zu gewinnen. In einer digitalen Simulacra-Welt, in der eben alles gestaltet ist, können die Gestalter die Verantwortung für die Bedeutung und Folgen ihrer Arbeit selbstbewusst tragen.
Wobei der Weg zu diesem Ziel selbst immer ja nur als Spiel, als Reise, als Forschung mit allen Erfolgen und vor allem Irrläufern zu sehen ist – und insofern mehr Spaß als Arbeit sein sollte. Insofern: Game on.

14. März 2011 21:14 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , , . Keine Antwort.

Ordnung ist das halbe Leben…

Jetzt, wo die sechste Design-Made-In-Germany raus ist, kommt die letzte Vorsicht-Glas-Kolumne hier kurz ins Archiv:

Vorsicht Glas 4:
Ordnung ist das halbe Leben… die andere Hälfte ist Unordnung

Kommt man auf das Thema Ordnung, scheint es oft nur schwarz und weiß zu geben. Die Welt teilt sich in Ordnungsfanatiker und Chaoten plus natürlich jene Chaoten, die gern Ordnungsfanatiker wären (seltsamerweise gibt es kaum Ordnungsfanatiker, die gern chaotisch wären, der Ordnungsfimmel scheint also gesellschaftlich Zielcharakter zu haben). Ich habe das nie verstehen können, schon weil es »Ordnung« nicht gibt, sondern nur die Annäherung daran. Kaum mit dem Aufräumen fertig, sammelt sich schon wieder Staub und Detritus, kaum ist die Mailbox entrümpelt, kommt neuer Spam, auch ein sortierter Bücherschrank ist nur von kurzer Dauer, bis die neuen Titel sinnvoll einsortiert werden müssen und der Platz zu eng wird usw. Jeder Ordnungsakt trägt also schon den nächsten in sich. Ordnung ist demnach kein Endzustand, sondern ein Prozess, kein Ziel, sondern eine permanente Methodik des Auslesens, Bewertens, Sortierens. In der digitalen Welt lassen sich Ordnungszustände tatsächlich in Form von Archiven als »Ziel« mittelfristig stabil erreichen, aber auch hier ist jede kleine Veränderung der Struktur, jeder Neuzugang, jede Erweiterung von Parametern eine Herausforderung – weswegen viele IT-ler in großen Firmen Veränderungsprozessen meist konservativ gegenüber stehen. Jede neue Ordnung ist für sie nämlich zunächst eine Unordnung in der Datenstruktur.

Ordnung als Prozess ist der alltägliche Kampf gegen Erosion und das schleichende Gift der Broken-Window-Theorie, nach der die inkrementale Ansammlungen schleichender kleiner Unordnungen irgendwann zum Chaos führt. Zu ernst genommen, kann dieser Prozess aber zu einer paranoiden Furcht vor jeder Form von Veränderung und Restrukturierung führen, alles, was das gewohnte System verändert, ist wie ein Virus abzuwehren.

Im Spannungsfeld jenseits der Extreme von Messie-Syndrom und Waschzwang findet sich ein dynamischer Kreislauf von Aufbau, Veränderung, Zerfall, Re-Iteration, ein nicht enden wollender Lebensprozess. Endgültige Ordnung wäre in einem solchen Kreislauf starre Stagnation. Wer Ordnung als Endziel betrachtet, hat gute Chancen, unglücklich zu werden, an dem zu hohen Ziel zu scheitern, zum Kontrollfreak zu mutieren, »ungemütlich« zu sein. Entspannter lebt, wer versteht, das Unordnung Teil des Seins ist, nahtlos zu »Ordnung« gehört. Beide sind nicht Antipoden, sondern ein Integral.
Das hat nicht nur mit der Frage zu tun, wie der eigene Schreibtisch aussieht – sondern auch mit Design als Vorgang des »Ordnens«. Designer – wie Architekten, aber anders als »echte« Künstler – sind mit Lösungen, Wirkungen und dem sinnvollen Gliedern von Elementen verschiedenster Art befasst, angefangen mit Typographie, die die Welt in Buchstaben zerlegt und sie von oben nach unten, links nach rechts in eine scheinbare »Ordnung« bringt. Designer haben deshalb in ihrer Arbeit oft den Blick auf Ordnungssysteme als anzustrebender Endzustand. Ein Corporate Design ist für sie oft ein gefrorener Zustand, in einem Manual, einem Regelwerk, festgehalten. Und wehe, da macht jemand Unordnung und benutzt nicht die Hausschrift oder macht das Logo kleiner als 1/21tel der Seitenbreite. Der Designer kämpft immer (ohnmächtig) gegen die Windmühlen der Entropie, die von allen Seiten an seiner perfekten Ordnung zerren. Das Marketing will einen Störer, die Sekretärinnen gestalten selbst einen Newsletter in ComicSans, der CEO ist etwas älter und will eine größere Schrift, die nicht ins Raster passt. Uns Designer bringt das zum Verzweifeln – denn wir sind gewohnt (wenn wir sauber arbeiten) von der ersten Sekunde an zu gliedern, zu rationalisieren, Entscheidungen zu treffen, den Optionen-Dschungel zu reduzieren und Klarheit zu generieren. Nach den ersten Skizzen legen wir meist schon das Regalsystem eines Rasters an, damit alles einen »Sinn« hat und jedes Bausteinchen am rechten Ort liegt – und die digitale Arbeitsumgebung unterstreicht dieses Gefühl, Ordnung herstellen zu können. Und wie jeder Sammler, der in seiner Vitrine sorgsam alle Objekte ausgerichtet und abgestaubt hat, werden wir unfroh, wenn da jemand auf einmal alles anfasst und zerzaust. Die Folge ist, dass heute zu viele Corporate Designs wie Powerpoint-Templates wirken, austauschbar und ein wenig langweilig, vor allem bei größeren Unternehmen, weil sie mit einfachsten Strukturen versuchen, die Unordnung in den Griff zu kriegen, Design zu schaffen, das auch der dümmste anzunehmende User noch handhaben kann. So herablassend und gleichförmig sieht es dann aber natürlich auch aus. Am Ende solcher Prozesse stehen antiseptisch saubere Informationsarchitekturen, – clean wie Küchen, in denen alles glänzt und blitzt, in denen man aber nicht essen kann (geschweige denn zu kochen wagt), weil man Angst haben muss, Fingerabdrücke zu hinterlassen. Ich habe CD-Prozesse erlebt, in denen Geschäftsleiter laut überlegten, ob man nicht gleich einen unternehmensweiten unzweideutigen Dresscode festschreiben solle – der neurotische Wasch- und Ordnungszwang ist also nicht nur bei Designern verbreitet, sondern auch bei Arbeitgebern, die sich natürlich erst recht alles steuer- und kontrollierbar wünschen (auch den Designer selbst). Diese Form von »Ordnung« ist nur leider das Ende jeder Innovation – und zudem nervenaufreibend für alle Beteiligten.

Ob im Alltag oder im Design – es hilft, Ordnung nicht als festen, materiellen Zustand auf Dauer zu begreifen, sondern als flüchtiges Ziel, als Blaue Blume. Zentral ist, dass die Unordnung ein integraler Bestandteil, sogar ein Sinn der Ordnung ist. Wir spülen nicht, um saubere Teller für immer in den Schrank zu stellen – sondern, um davon essen zu können. In diesem Zweck des Tellers ist das nächste Schmutzig-sein unabwendbar eingebaut. Der Teller muss sowohl dreckig als auch sauber sein dürfen, um als Teller zu funktionieren. Ein nur sauberer Teller ist Wanddekoration, ein nur benutzter Teller ist zum Essen zu unhygienisch. Design, verstanden als bewusste Balance von Ordnungs- und Unordnungszuständen, kann das verstehen und anstelle einer toten (latent faschistoiden) »Endordnung« auf ein kybernetisches, navigatorisches System setzen, das permanent Ordnung und Unordnung, die Energie von zerstörerischen Kräften und von systemischen Selbstregelungsvorgängen, neu austariert.

Im Idealfall heißt das, dass du als Designer langfristig mit einem Kunden zusammen arbeitest und – vor allem – sein Vertrauen genießt und nicht nur als Architekt eines Systems fungierst (womit unweigerlich jedes Design anfängt), also eine eigene gestalterische »These« umsetzt, sondern mittelfristig das selbstgeschaffene System offen für äußere Einflüsse hälst. Das heißt, dass du nachfragst, Feedbackschleifen ermöglichst und mit Schumpeterscher Zerstörungsfreude zum Advocatus Diaboli der eigenen Arbeit wirst, die selbstgeschaffene Ordnung in Frage stellen und durch eine Antithese redefinieren kannst. Um so in der Synthese, also durch das Beibehalten guter Elemente des Systems-Eins und durch die Aufnahme neuer Einflüsse und Unordnungsfaktoren, die mit der Zeit emergieren, zu einem System-Zwei kommt.

Die evolutionäre Balance zwischen einer systemischen, wiedererkennbaren Identität und dem Verhindern von Stagnation ist die Hauptaufgabe eines guten, lebendigen Corporate (und natürlich auch Editorial) Designs. Übrigens auch im Web, wo diese Prozesse schneller und leichter stattfinden als jemals zuvor, weil die Feedbackpotentiale erhöht sind. Hier ist das »Aushandeln« von Nutzbarkeit und Design zwischen Anbieter und Nutzer bereits weiter etabliert. Im Web gibt es keine gefrorene Ordnung mehr, sondern eine permanente Adaption an Entropieeffekte durch Updates und insofern ein klares Verständnis dafür, dass Designer und Programmierer langfristigen Service bieten, ideal durch einen Rahmenvertrag. Der Übergang vom Designverständnis weg von einer punktuellen »Putz« Maßnahme hin zu einer langangelegten kultivierenden »Gärtner«-Tätigkeit ist hier bereits einen Schritt weiter, selbst wenn der Kunden Inhalte selbst via CMS einpflegt.

Diese Sicht von »Ordnung« nicht als Zustand, sondern als Prozess bzw. von »Unordnung« (also dynamischen, unberechenbaren Input) als kreativen, unverzichtbaren Bestandteil von Kommunikation ist also ein Paradigmenwechsel für Corporate Design, der allein durch den zunehmenden Umzug auf fluide (und auch soziale) Medien unverzichtbar wird. Der Weg führt uns von mechanistischen und manipulativen Ordnungs- und Lernmodellen, die den Nutzer/Empfänger als passives Element einplanen, zu einer kybernetischen und organischen Idee von Design als DNS und Hyper-Kohärenz eines Unternehmens/Vorhabens, bei dem Mitarbeiter und Kunden zu wichtigen Schaltmomenten in einer Art komplexen Spiel werden … und nicht länger als »Unordnung« missdeutet werden.

Gute Nachrichten für uns Designer – denn die Zusammenarbeit wird hierdurch im Idealfall intensiver, offener, vernetzter und spannender… und wir alle sind befreit vom virtuellen Ordnungswahn der letzten Dekaden. Der Designer wandelt sich von der Putzkraft zum Organisationspsychologen.

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Dayshot

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Moon

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Sun

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12. März 2011 21:02 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

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8. März 2011 19:29 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Licht

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3. März 2011 12:09 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.


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