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113

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31. Januar 2011 20:29 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Dayshot

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19:34 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

Wald

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30. Januar 2011 15:28 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Eddie Gomez and Cesarius Alvim: Forever

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Die Puertoricanische Basslegende Eddie Gomez und der aus Brasilien kommende Pianist Cesarius Alvim feiern auf Forever sozusagen eine 20-jährige Freundschaft und schenken den Zuhörern ein abgeklärt-entspanntes Album mit zeitlosem Duojazz, teils selbst komponiert, teils Klassiker neu interpretiert. Das Album besticht mit perlendem Barjazz, der oft gefährlich gefällig an der Dinner-Begleitmusik entlang schrammt, aber immer durch die Virtuosität der beiden Musiker scheint und elegant schimmert. Insbesondere Gomez besticht durch einen kraftvollen, immer präsenten Bass, der selten nur begleitet, meist um die Pianonoten herumtanzt und nicht nur in Solos durch Tempo und Fingerfertigkeit besticht, ohne jemals wirklich aufdringlich zu wirken. Alvim besticht mit präzisem, aber doch sehr laid-back klingendem, das gerade in den improvisiert klingenderen Passagen bei aller sonstigen Samtigkeit doch energetisch und viril klingen kann. Verblüffend ist, wie selten sich die beiden Interpreten dem «Groove»-Klischee ihrer Heimat hingeben, statt dessen präsentieren sie einen meist sehr urban klingenden Jazz, der eher nach Paris oder New York im Schnee in einer warmen Bar klingt als nach Brasilien. Sparsam, fast pointillistisch malen Gomez und Alvim ihre Klangbilder, die alles in allem eine sehr homogene und sehr angenehme Platte ergeben, die nun den Jazz zwar nicht neu erfindet, aber trotzdem ein großer Genuss ist. .

29. Januar 2011 20:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Wolf People: Steeple

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Es ist schwer bis unmöglich, sich dieses Debütalbum anzuhören und nicht sofort an Led Zeppelin, Sabbath, Deep Purple und so weiter zu denken – der leicht folkig angehauchte Rocksound der Briten steckt knietief in Geschichte, der Opener «Sillbury Sands» lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Die Sounds, das Flair, Jack Sharps Vocals – nichts an dieser Platte klingt modern oder gar neu. Im Gegenteil, Steeple ist ein verkiffter Trip zurück in die Vergangenheit, die auf diesem Album dennoch seltsam modern klingt, vorangetrieben von Tom Watts komplexen Drumgrooves, die hier und da ein wenig an Jack White erinnern, hier und dort dann wieder massiv an Ian Paice oder natürlich John Bonham. Steeple ist die Sorte Platte, die du in der Plattensammlung deiner (Groß-)Eltern ebenso gut hättest finden können, die Sorte psychedelischer Rock, der auch nach 40-50 Jahren noch überraschend gut klingt. Wolf People haben dem Oevre der von ihnen zitierten Bands eigentlich nicht viel hinzuzufügen, noch bauen Sie auch nur näherungsweise eine Brücke in die Jetztzeit, sondern scheinen vollauf damit zufrieden, eine möglichst authentische Kopie abzuliefern, eine Coverband ohne Coversongs zu sein. Die Band tut das mit großem kompositorischen und spielerischem Geschick, kommt aber über Retro-Prog-Rock zu keinem Moment hinaus. Muss ja vielleicht auch manchmal nicht sein – Steeple ist eine Platte, die man sich ausgezeichnet anhören kann, die sehr ehrlich, sehr direkt, ausgezeichnet gespielt daherkommt und die eine famose Bluesstimmung verbreitet, eine Art druckvoll-lasziver Traurigkeit, ein echtes erdiges Rockalbum, wie man es eben nicht mehr so oft zu hören kriegt, schön authentisch produziert und eine Platte, die eben nicht mehr sein will, als sie ist. Und diese Art von Bescheidenheit macht Spaß beim Zuhören.

19:50 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Splat

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28. Januar 2011 20:02 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Anika: Anika

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Es gibt in letzter Zeit einiges an spannenden «Neo-Goth»-Einspielungen, die nicht wie so viele andere Produktionen den Sound der 80er einfach stupide fortführen, sondern für heute neu erfinden, umdenken – und die zugleich ein spannendes Gegenkonzept zur Allgegenwart eines poliert-perfekten Sounds skizzieren. Vom unscharfen Albumphoto (auf dem die namensgebende Sängerin kaum zu erkennen ist) zum Lo-Fi-Sound bis zur Simplicity des Namens – alles an diesem Album wirkt fast trügerisch nicht-vorhanden, verweigert sich. Der Sound von Beak (d.h. von Geoff Barrow von Portishead) geht hier einen Schritt weiter in die Richtung, die Barrow schon beim letzten Portishead-Album angedeutet hat – eine Art musikalisches Antidesign, mit verhallten Sounds, kaum wiedererkennbaren Coverversionen, alten Drummachineklängen und einer Sängerin, die so verdrogt-angeödet wirkt, als sei sie zu ihrem eigenen Debut gezwungen worden. Anika wird viel mit Nico und Velvet Underground verglichen, aber ich persönlich muss viel an Malaria! und Konsorten denken, an diese nervöse Schläfrigkeit. Das in kürzester Zeit live eingespielte (und dennoch entschieden unlive wirkende) Album ist ein seltsames Hybrid aus 60s und 80s, rebellisch und widerborstig. «End of the World» zeigt sehr schön diesen Früh80s-Spirit, der an frühe Some-Bizarre-Einspielungen erinnert, dieses wunderbar -hilflose Homerecording-Feeling, als die komplette Produktionspower eines großen Studios noch nicht in ein Laptop passte. Hilflos eiernde Drums, zu leiernde Gitarren, keinerlei ernsthafte Songstruktur und ein Gesang, der klingt, als käme er aus dem Badezimmer der Wohnung nebenan. Schöner und schlechter kann man doch kaum Musik machen. Selbst wenn man Annika Hendersons grandios deutschbritisch irrlichternden Nichtgesang wegnimmt, dieses kleinmädchenhaft-erwachsene, unschuldig-laszive, androgyn-attraktive Stimmlein, das wie verhext durch die Songs irrt und tastet, in den Tonlagen wunderbar schiefgreift und dennoch sofort dein Herz erobert, selbst ohne all das, liefert Beak eine grandiose Produktion, die die Coverversionen abstruserweise nach alten Roxy Music klingen lässt oder nach anderen alten britischen Acts in ihrer besten Phase. Es ist so abstrus, so wunderbar, wenn «Yang Yang» von Yoko Ono auf Klangwelten à la Brian Eno trifft, wenn Bob Dylan nach ganz ganz ganz alten (prä-Midge-Ure) Ultravox in Dub-Stimmung klingt und die gesamte Produktion so wirkt, als wäre sie mit einem Vierspur-Tascam eingespielt. Ich habe selten so grandios wunderbar miese Drumsounds gehört, es muss fast schwer sein, so unsagbare Produktion heute ja bewußt überhaupt hinzukriegen, wo es so leicht geworden ist, «gut» zu klingen. Alles an diesem Album ist wunderbar, obwohl es in keiner Sekunde neu oder wegweisend ist – das tolle hieran ist, das du die ganze Zeit das Gefühl nicht los wirst, eine verlorene Perle des Jahres 1981 in deiner Plattensammlung wiederentdeckt zu haben, eine Platte, die diese Rohheit, Authentizität und Underground-Schlamperei hat, die hier eben ganz und gar nicht authentisch ist, sondern reines Zitat, das sich fröhlich bei dem Sound der fiesesten Peel Sessions der späten 70s, frühen 80s bedient, mal nach John Foxx, mal nach Joy Division klingt – so wunderbar unterproduziert, dass einem vor Freude das Herz zerbersten mag, eine Platte, die dich wieder berühren kann, weil sie unschuldiger und schlechter und damit (zumindest scheinbar) glaubhafter wirkt als so vieles, was heute sonst verfügbar ist. Das grundlegende Gefühl dieses Albums ist eine Dünnwandigkeit, eine Verunsicherung, eine Wackeligkeit, als sei die Musik so dünn, so seltsam psychedelisch, dass sie jederzeit in Fetzen gehen könnte – eine Zerbrechlichkeit, die einfach selten geworden ist und die deshalb so wertvoll scheint.

19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Isabelle Faust: Bach Sonatas & Partitas

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So einfach und klar wie das Coverphoto, das so wenig will und doch überraschend gelungen herkommt, so einfach und klar wie Isabelle Fausts Outfit auf dem Bild, so ist dieses ganze Album. Der jungen Violonistin gelingt ein kleines Meisterwerk – ein Album, das ohne große Manierismen, aber mit viel Kraft und einer immensen Intimität daherkommt und sich niemals anbiedert, niemals «angenehm» klingt, dessen glasreiner Klang die Kratzigkeit und sanfte Härte der Violine nie abfedert oder schönfärbt, nicht mit Vibrato verzuckert. Zwei von Bachs Partiten und eine Sonate bietet diese Einspielung und als Zuhörer hast du das Gefühl, allein im Raum mit Faust zu stehen, und zugleich in er kühl-zugigen Ferne einer Kirche, so nah und doch distanziert ist das Spiel, das mal verführt, mal wegzustoßen scheint, das in sich ist und doch extrovertiert wirkt, mal kühl und architektonisch wirkt, mal wie flambiert daherkommt, zügig, eilig, innerlich brennend mit der Lust, die nächste Note, den nächsten Akkord zu spielen. Es ist verblüffend, wie virtuos ein Musiker wirken kann, wenn er sich nicht mehr beweisen will, und sich fast detektivisch an die Musik heranbegibt, wie ein Schauspieler per Method Acting in das Barockgefühl hineinschlüpft und eine mitreißende Performance aus den Noten macht. Es ist Musik, in denen die Blätter durch den Wind wirbeln, in denen Sonnenaufgänge und Schneefall möglich ist, gebrochene Herzen und großer wirbelnder Tanz, in der das atemberaubende Können von Faust niemals die Musik verdrängt – schwer genug an der Violine. Leidenschaftlich zieht dich dieses Album in den Bann, in eine Musik, die so persönlich, so minimiert und so intim ist, anstrengender, weniger schmeichelnd, körperlicher vielleicht als ein Klavier-Soloalbum, in einen Klang, der keinen Zweifel daran lässt, wie minimalistisch, wie rein diese Kompositionen sind, in der Faust entfesselt klingt, als sei sie mit einem unsichtbaren Zwilling im Raum, würde sich zu zweit die Noten hinwerfen – so oft makellos und doch menschlich ist ihr Spiel. Eine Solo-Violinen-Einspielung kann schnell eine nervende, eine sogar schmerzhafte Sache sein, weil sie so nackt ist und das Instrument nicht viel Raum für weiche Verklärung bietet, der Interpret selten einfach mal einen sanften Akkord schweben lassen kann, sondern immer und immer rastlos in Bewegung sein muss, weil die hohen Lagen die Ohren oft anstrengen, weil die barocke Klarheit, der Kontast in der Musik, alles andere als «Wellness»-Klassik ist. Faust aber zaubert aus ihrer Stradivari eine Musik, die zu keiner Sekunde nervt, sondern dich binnen Minuten in eine andere Sphäre mitnimmt, deren Reinheit wie klares Quellwasser den Kopf freispült, die belebt und anregt und inspiriert, deren bloß liegendes Gerüst eine Belohnung ist in jeder Sekunde. Es gibt Klassik, die verkleistert und verkitscht, die dich nach unten zieht und wie Schlagermusik fungiert – und es gibt Klassik, die dir die Hand reicht, ohne große Geste, um dich ein Level höher zu ziehen, die ein Geschenk für die Sinne ist und allein die zu hören das Leben besser schmecken, intensiver wirken lässt. Diese Platte gehört ohne jede Zweifel in die zweite Kategorie. Es ist schwer festzunageln, was genau an dieser Platte einfach perfekt und elegant und leicht und richtig ist und es wäre zu einfach, Faust als typisches, junges, gut aussehendes Klassik-Wunderkind abzutun – aber Gott, diese Einspielung ist eine Platte für die Ewigkeit, geniale Kompositionen interpretiert von einem Talent, das hier einerseits die Visitenkarte für die Oberliga der klassischen Musik abgibt und andererseits eine Einfachheit zeigt, die andere kaum in ihrem Alterswerk treffen.

19:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Janelle Monáe: The ArchAndroid

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Man kann sicher darüber streiten, ob die etwas kopflastige Concept-Story hinter «ArchAndroid», dem 2. und 3. Teil der Metropolis-Suites der jungen Performerin Janelle Monáe dieses Album nun musikalisch besser oder schlechter machen. Faszinierend ist es schon, wenn eine Musikerin sich eine komplette und komplexe Story ausdenkt, die sich nicht zuletzt schon vom Namen her bei Fritz Lang bedient und eine ganze Story rund um die Figur der Androidenfrau Cindi Mayweather erdichtet. Wo andere Künstlerinnen das Fembot-Thema nur visuell und diffus zitieren, und dabei selten weiter kommen als zum schwachen Zitat des dekaden-alten und immer noch überlegenen Björk-Videos von Chris Cunningham, baut Monáe das Thema zu einem ganzen Epos aus, das – fast wie die Handlung eines Musicals – die Texte und Kompositionen prägt. Ein R&B-Konzeptalbum, wer hätte das erwartet? Und tatsächlich hat «ArchAndroid» mit Genres nichts, aber auch gar nichts mehr am Hut. Mit ihrer zweiten Platte hüpft Monáe über Pop, Epos, Soul, Hip-Hop, Rock, 80s-Retro, 60s-Sweetness, Jazz und zig andere Genrehügel, zitiert hier und dort einen Stil, bleibt sich dennoch immer absolut treu und produziert einen zwar konsumierbaren, aber nie zu glatten Sound, der von smarten Harmoniewechseln, starken Refrains, detailfreudiger Produktion und ihrer phantastischen Stimme geprägt ist. Das Album ist, um es höflich zu sagen, überwältigend und lässt andere zeitgenössische Soulsängerinnen unglaublich blass und armselig aussehen, zumal Monáe es überzeugend schafft, vertraute Elemente in neue Kontexte zu rücken und zu verjüngen. Wenn bei ihr Philly-Sounds und Hornsätze auftauchen, dann so wirsch und in neue Kontexte geprügelt, dass man als Hörer permanent das Gefühl hat, etwas absolut bekanntes und doch völlig Neues zu hören. Es ist ein Meisterwerk an Recycling, das mit so vielen Quellen rotzig jongliert und dabei so selten ins Stolpern gerät. Selbst wenn man den kongenialen SF-Mythos, den die Künstlerin ihrem Werk verpasst, beiseite lässt, ist das Album auch rein musikalisch ein «piece of art», das sich selbst überraschend wenig ernst nimmt und aufs wunderbar-postmodernste nur zu spielen scheint. Es ist fast unsinnig, auf einzelne Songs eingehen zu wollen, zu verschieden und zugleich zu kohärent ist das Album, das aufs sympathische die halbe Musikgeschichte zu umarmen versucht und nahezu keinen Stil auslässt – und perfiderweise dabei immer und immer überzeugt. Wenn Monáe etwa bei «Mushrooms & Roses» plötzlich psychedelisch wird, gelingt ihr das so überzeugend, dass das nur 5 Minuten lange Stück wirkt, als dauere es eine halbe Stunde. Wenn Sie mit «Tightrope» den Dancefloor ins Auge nimmt, darf Beyoncé mal dezent über einen Karrierewechsel nachdenken. «Come Alive» ist eine hektische Miniatur-Oper, «Say You’ll Go» zeigt eine meditative (Fast-)Acapella-Vokalistin, die auch ohne dichte Arrangements Magie entwickelt. Die aus allen denkbaren Richtungen kommenden Gastmusiker wie Saul Williams, Big Boi oder Of Montreal zeigen die Bandbreite, die Monáe abdeckt – «ArchAndroid» ist das ein Crossover-Projekt, das zeigt, das HipHop davon lebt, sich an immer neue Stile und Richtungen anzudocken, diese zu durchdringen, zu verändern und zu besetzen. Selten gelingt das so umwerfend wie mit diesem atemlosen, furiosen, übereifrigen, unwiderstehlichen musikalischem Juggernaut.

18:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Dayshot

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16:20 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

Broken Bells

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Und noch einmal der Danger Mouse Brian Burton, diesmal nicht mit Sparklehorse sondern mit dem Shins-Sänger James Mercer, und ähnlich wie bei «Dark Night of The Soul» ist das Ergebnis eine Mischung aus naiv-minimalistischer Electronica, perfekter Produktion und psychedelischem Folk, die überraschend wenig nach «dem» Danger Mouse Sound klingt, sondern eher nach eine Fortführung des brütenden, introspektiven Sounds der Sparklehorse-Coproduktion, nur homogener, vielleicht auch nicht ganz so depressiv-introspektiv. Wo «The Ghost Inside» nahezu Hitqualitäten hat, sogar stark an die Gorillaz erinnert, gibt es etwa mit «Citizen» ein verschlepptes, melancholisches Stück Traurigkeit – und dieser Stimmungsmix zeichnet das Album insgesamt aus. Es ist unweigerlich etwas sonniger als «Dark Night», aber ebenso unweigerlich doch ein Herbstalbum, zu dem die Regentropfen hörbar gegen das Glas schlagen. «Broken Bells» zeichnet sich durch eine feinere Melancholie aus, in der wie Drogenflashbacks die gute Laune der Beach Boys hinein blitzen kann, wie alte Super-8-Filme aus der Kindheit, so wie sich immer seltsame Retro-Momente in den fast nahtlosen, wunderbar naiven und doch perfekten Mix aus elektronischen und akustischen Sounds mischen. Broken Bells, wenn man so will, ist die Light-Version des «Congratulations»-Album von MGMT, es geht zur gleichen Quelle, kommt aber mit einem leichteren Gebräu zurück. Das Paradoxe an diesem Album ist, dass Trauer selten so mitnehmend und eingängig klang – wo «Dark Knight» dich im Wortsinne wirklich ins tiefste Dunkel führt, bringt dich «Broken Bells» eher auf einen verstaubten Dachspeicher, wo seltsame Spielzeugpuppen und seltsame Kisten liegen, in die dich die Musiker immer mal wieder hineinblicken lassen. Hier ein Orgelsound, dort ein Gesangsfetzen, ein Drumcomputerbeat – irgendwie klingt vieles auf vertraute Art unvertraut, auf eine innovative Art Vintage, was eine zeitlose Melange ergibt, ein Album, das schwer zeitlich festzunageln ist. Die Schattenseite davon ist, das kein Track auf dem Album wirklich mitreissend, wirklich frisch oder mutig klingt, bei aller schönen Poesie kein Klang, keine Harmonie, kein Nichts, was dich vom Stuhl wirft und begeistert. «Broken Bells» plätschert ungemein gekonnt, hochgradig ausgefeilt und wunderschön vor sich hin und stirbt in dieser Schönheit auch ein wenig. Es ist Folk auf Valium, Pop auf LSD, es ist ein großartiges Album, wenn du es hörst und danach bleibt seltsamerweise wenig zurück – nicht einmal ein Kater.

15:10 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Fauré Quartett: Wunderkind

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In wunderbarer Leichtigkeit und Eleganz hat das Fauré Klavierquartett hier frühe Kompositionen des titelgebenden «Wunderkinds» Felix Mendelssohn Bartholdy eingespielt. Dirk Mommertz bettet sein perlendes Pianospiel fast schwerelos über die verzahnten, für die Werke eines Teenagers überraschend komplexen Streicherarrangements von Erika Geldsetzer, Sascha Frömbling und Konstantin Heidrich. Angenehm fällt an der Produktion auf, dass sie zwar die übliche sonnige Grundstimmung hat, die der Romantik und Mendelssohn mitunter ja nunmal anhaftet (und die ja durchaus charming sein kann), aber auch Raum für interpretatorische Abstürze lässt, in denen leichte Kakophonie, Ruhe, Zusammenbrüche, tanzende Energieausbrüche jederzeit möglich sind. Das ist Kammermusik die nicht mehr für die Kammer gemacht ist, sondern alle fesseln ablegt, jederzeit wie ein Vulkan eruptieren mag. Spielerisch jederzeit auf der Höhe, spielen diese vier Musiker so einfühlsam, so abgestimmt aufeinander, das mitunter fast jazzige (nicht musikalisch, von der Reaktion aufeinander) Momente entstehen, die fast improvisiert wirken (es vielleicht aber nicht sind). Das Ergebnis ist eine klassische Einspielung, die die Gefühlswelt eines heranwachsenden und von zahlreichen Einflüssen inspirierten jungen Mannes in ein lebendiges, sehr modern wirkendes Gewand kleidet, das die Großmutter nicht vergrault, aber durchaus auf seine Art «junge» Klassik ist, intensiv, gelebt, emotional und doch von mathematischer, mitreissender Präzision. Wie von der Deutschen Grammophon nicht anders zu erwarten klingt das Album superb, kristallklar steht jedes Instrument in Raum, über Kopfhörer ist die Einspielung ein Traum, die Interpretation des dritten Klavierquartetts ein mitreissendes Audioerlebnis, ein Hörspiel ohne Worte.

13:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Danger Mouse and Sparklehorse: Dark Night of the Soul

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Nach etlichem Hin und Her 2010 endlich auch offiziell veröffentlicht, nachdem mit Mark Linkous im März des letzten Jahres eine Hälfte von Sparklehorse verstarb, ist «Dark Night of the Soul» genau das, was der Titel verspricht: Ein nur von wenigen Lichtscheinen («Little Girl», «Angel’s Harp» und «Pain») durchbrochener Trip in die schwarzen Untiefen eines Musikers, dessen Freitod deutlich macht, dass grandios traurige Musik eben auch einen hohen, einen unter Umständen ultimativen Tribut fordert. Das mit zahlreichen namhaften Folk- Psychedelia- und Indiestars eingespielte Album liefert den Soundtrack zur Introspektion, verletzte und verletztende Musik, denen man die lange Produktionszeit anhört und die dennoch spontan und frisch wirken. Das sicher beeindruckendste Stück des Albums ist der letzte und zugleich namensgebende Track, gesungen von David Lynch, der klingt, als hätte man die Essenz aller Lynch-Filme (und aller Lynch-Soundtracks) auf einen einzigen, schleppenden Song konzentriert, der so dunkel und so schwer ist ein ein Schwarzes Loch. Schleppende Gitarren, elektronisches Ambient-Gekratze und die stellaren Gast-Vokalisten machen dieses Album zu einem absoluten Must-Have, und es überraschend, wie kohärent diese mitternächtliche Anthologie trotz der so unterschiedlichen Sänger klingt, wie homogen das Ganze zusammenkommt. «Dark Night» ist wie ein Sammlung von Kurzgeschichten verschiedener Autoren, die mal härter, mal weicher schreiben, aber sich doch so stilistisch auf ein Thema konzentrieren, dass man nie ganz sicher weiß, wo Einflüsse beginnen und enden, wo das Eine in das Andere fließt, wer Steuermann und wer Ruderer ist. Es ist etwas schade, dass ein so dunkles und doch so erhebendes Album nun nur Nachruf zweier großartiger Musiker sein kann und Mark Linkous der Trick nicht gelungen ist, sich an seiner eigenen Kreativität aus dem Sumpf der Depression zu ziehen…

13:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Lights

27. Januar 2011 23:39 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Rücken

23:39 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Dayshot

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18:21 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

Black Swan

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Mirrorball
Es ist beinahe banal, sich auf die Symbolik von«Black Swan» zu stürzen. Darren Aronofsky macht es dem Suchenden nach Bedeutung in seinem Film fast zu leicht – symbolschwanger schwingt er die Subtextkeule, integriert Spiegel in nahezu jede Einstellung (eine Herausforderung für die Kameraarbeit), liefert oft hölzerne Bilder für das Coming-of-Age seiner Protagonistin und versteigt sich im Zenith des Film zu einem Trickeffekt, der subtil wie eine Neutronenbombe daherkommt. In unfähigeren Händen wäre dieser Film zu Recht ein Fiasko geworden. In denen von Aronofsky entsteht ein poetisches, melodramatisches kleines Juwel, das all die Übertreibungen nicht nur verträgt, sondern absolut braucht.

Das Spiegelsymbol etwa ist zwar einerseits heavyhanded eingesetzt, andererseits in dieser fast manischen, aufdringlichen Dichte auch wieder perfekt. Denn natürlich ist Ballett eine spiegelfixierte Welt – die Übungen vor den gigantischen Spiegeln, der Körperkult, die permanente Selbstkontrolle. Der Film lädt zu allerlei Assoziationen ein – Alice hinter den Spiegeln, die düstere Mirror-Mirror-Doppelgänger-Welt von Star Trek aus den Sechzigern, Tennyson’s «Mirror Cracked»-Gedicht («The curse is come upon me») und so weiter. Ob die Spiegel in der Wohnung der Tänzerin Nina Sayers, im Ballett, ob Spiegelkugel in der Disco, ob Glasreflektionen oder der Effekt des unendlichen Spiegels – mit den Spiegeln stellt sich die Frage nach Identität, nach Ich-Suche, nach einer Bodenlosigkeit im Wesen, nach Eitelkeit und Unsicherheit. Es ist nur bezeichnend, dass Nina ihre Gegenspielerin / sich selbst mit einer Spiegelscherbe umbringt und in diesem Regen zerbrochenen Glases sich endlich «fallen lässt», sich einerseits ihrer dunklen Seite hingeben kann, andererseits zu sich findet. Der Spiegel als Traumsymbol, der uns Botschaften aus dem Unterbewusstsein sendet und zugleich als etablierte Metapher für eine hinter den Spiegeln wartende dunkle, böse Version der eigenen Persönlichkeit – die Idee ist beileibe nicht neu, aber selten so gekonnt umgesetzt wie hier. Black Swan ist angereichert mit Traumsymbolen der verschiedensten Art und ist vom allerersten Moment an eine Kafkaeske Fabel über Paranoia und Gier, Unsicherheit und Isolation, Wachstum und Untergang, ohne dass der Betrachter für eine Sekunde nur die «Realität» kosten darf. Ab der ersten Einstellung sind wir in Ninas Phantasien und Ängsten, ihre Gegenspielerin Lily schon im ersten Moment als bedrohliche Doppelexistenz, als Verunsicherung, als Störung der Routine definiert. Es scheint, als wisse Ninas Körper schon vor ihr, was für eine Verwandlung bevorsteht und treibt dieser ungeduldig entgegen. Noch bevor wir wissen, dass Nina die Schwanenkönigin spielen wird, bricht der Schwan bereits aus ihr heraus, als habe er nur geschlafen.

Dreamscape
Aronofsky hat es sich als Flmemacher irgendwo zwischen Kubrick und Lynch mit diesem Film gemütlich gemacht, irgendwo im Niemandsland zwischen «The Shining» und «Mulholland Drive». Rätselhaft, psychotisch, mit Deutungsangeboten angereichert, intensiv und oft genug tatsächlich auf verschiedene Ebenen erschreckend, ist «Black Swan» ein Film, der aufs beste auch an VanSant (»Elephant»), Polanski («Rosemary’s Baby»), Cronenberg («The Fly») oder DePalma («Femme Fatal» und «Carrie») erinnert – und doch eine ganz eigene Nische beansprucht. Aronofsky gelingt ein geradezu unverschämt gut aussehender Film mit atemberaubender Kameraarbeit, die Natalie Portman immer wieder intimst nahe kommt, fast in ihre Figur hineinkriechen will, die aber auch auf der Bühne wirkt, als würde die Kamera Teil des Ballets sein, mitwirbeln, über die Bühne gleiten – die schwindelerregenden Bilder zeigen Tanz, wie man ihn selten zuvor gesehen hat und lassen die vertrauten Posen und Gesten von Schwanensee neu und energiegeladen wirken. Der Regisseur zieht uns förmlich den sicheren Boden unter den Füßen weg und stürzt uns in einen Abgrund von Affekten, bis im Rausch der Verwandlung alle Fragen, alle Rationalität weggewischt wird und man sich als Zuschauer auf die phantastisch fehlende Logik der Traumstruktur des Films einlassen kann. Wir stürzen mit Portman ab in eine Welt von Zeichen, die wir kaum verstehen, Handlungen, die doppelbödig und bedrohlich wirken. Wie Rosemary in Polanskis Verfilmung sind wir in einem paranoiden Alptraum gefangen, in dem nie klar ist, ob wir nur panisch sind oder die Welt sich nicht vielleicht wirklich gegen uns verschworen hat – jede Figur scheint dichotomisch zu sein, zerschnitten in eine beängstigende Hälfte und eine vertraute, freundliche Seite. Da ist Lily, Ninas Nemesis und Konkurrentin um die Rolle der Schwanenkönigin, die so eindeutig den schwarzen Schwan in sich trägt, wie Nina der unschuldigere, weiße Schwan ist. In der unsicheren, wackeligen Freundschaft zu Lily entdeckt Nina ihre eigene dunkle Seite – und doch ist der Freundin nie zu trauen, die hinter ihrem Rücken Drogen in Drinks schüttet, den Choreographen verführt, Nina selbst verführt, um am nächsten Morgen ihre Rolle einzunehmen – und nie ist dabei ganz klar, was Nina sich nur einbildet und was real ist, wo paranoide Phantasie beginnt oder endet. Auch Ninas Mutter erscheint uns als Wiedergängerin von Sissy Spaceks Figur Margaret, die Mutter von Carrie White in de Palmas Verfilmung – verklemmt, prüde, das personifizierte Über-Ich. Sie ist die übliche Mutter, die ihre eigenen gescheiterten Träume am eigenen Kind auslebt und dieses gnadenlos auf Karriere trimmt, dabei manipuliert wie eine Puppe. Es ist verblüffend, wie Portmann, die an anderen Stellen des Films mit streng gerafftem Haar müde und ausgebrannt wirkt, als sei sie jenseits der 40, in den Szenen mit ihrer Mutter, das Haar offen und verletzbar-weich, plötzlich zur 16-jährigen wird, die wie ein Teenager zwischen Stofftieren in einem rosafarbenen Mausoleum ihrer Jugend gefangen ist. Die Rebellion gegen die Mutter ist ein erwartbarer Moment des Films, aber Mutter Erica (grandios geliftet gespielt von Barbara Hershey, eine Mumie von Verfall und Vergangenheit) überrascht uns, indem sie mit tatsächlicher echter Zuneigung und Sorge reagiert, nie der eindimensionale Hausdrache ist, den man womöglich erwarten könnte. Wie in Träumen ist keine Figur sicher, jeder Charakter ist ein Treibsand.

Dream within a Dream
Was Vincent Cassel im Film als Choreograph Leroy verspricht, nämlich die Re-Interpretation und Dekonstruktion des allzu vertäuten Balletthemas von Tschaikowski, erfüllt in Wirklichkeit der Regisseur des Films, der die recht einfache Handlung des Librettos bricht, modern rekonstruiert und zu einem allegorischen Film strickt. Natürlich kann ein Film, der im Kern auf einer Märchensage basiert, nur im begrenzten Rahmen einen Hollywood-tauglichen Plot entfalten – statt dessen konzentriert sich Aronofsky gelungen darauf, eine moderne Fabel zu konstruieren, die von Andeutungen und Gefühlen lebt, weniger von einer linaren, nachvollziehbaren Handlung. An der Hand des Regisseurs gleiten wir durch ein Spiegelkabinett in einen Film, der so real und gritty einerseits das Leben des Balletts zeigt und sich andererseits zu einem fabelhaften surrealistischen Crescendo hocharbeitet, dem man nicht einmal das etwas aufdringliche CGI etwas anhaben kann. Aber wo Lynchs Traumwelten inzwischen waberig und unsicher sind, nur noch aus Bildangeboten bestehen und keinerlei narrativen Gehalt mehr zu haben scheinen, einen erzählerischen Auflösungsprozess abzeichnen, behält Aronofsky sein Ziel bei aller Doppelbödigkeit und Verunsicherung immer im Auge – die Klarheit und emotionale Wahrheit seiner Geschichte droht zu keinem Moment unter der Flut von Bildern zusammenzubrechen. «Black Swan» ist ein wunderbarer magical realism, ein an Jonathan Carrolls Romane erinnernder Verschnitt von Realität und Phantastik, wobei der Autor immer unklar hält, was nur in Ninas Psyche stattfindet und was real sein könnte, da wir den Film fast ausschließlich durch die Augen der in jeder Szene präsenten Natalie Portmann wahrnehmen. Swan ist ein Film des Individuums, dessen Seele unter dem Leistungsdruck des Balletts zusammenbricht und das im Suizid gegen Ende die höchste Verwirklichung findet und zugleich den Ausbruch aus dem System, das es im letzten Moment der Freiheit gemeistert hat.

Bodysnatchers
Aronofskys Film ist bei allem Hang zum Surrealen fest in der Realität verankert, was die Einbrüche des scheinbar Unwirklichen in Ninas Wahrnehmung umso beklemmender macht. Die Wirklichkeit des Balletts wird en detail gezeigt, die Körperlichkeit auf Schmerzhaftestes gezeigt. Die blutigen Zehen, die knackenden Gelenke, die spekatkuläre Rückenmuskulatur, die unter der Haut wie Wasser zu wogen scheint, die Belastung von Muskeln, die Wirklichkeit der Körpermaschine hinter der scheinbar leichten Grazie des schwerelosen Tanzes – selten hat ein Film dieses Thema so martialisch ins Bild gesetzt wie hier. Portman spielt die Rolle an der Grenze zur Anorexie, die Rippen ein Vogelkäfig, Ringe unter den Augen, ausgemergelt wie Christian Bale in «The Machinist». Die Ballettschuhe werden modifiziert, um die Belastung für den Fuß zu minimieren, zum Frühstück gibt es eine halbe Grapefruit, Freizeit findet nicht statt – und wenn man lang genug im Kreis getanzt ist, so zeigt die Figur von Winona Ryder, wird man bedingungslos ins Off geschoben, als ausgebrannt, verbraucht und zu alt auf Abstellgleis gestellt. Im Film bleibt unklar, ob Ryder im Verlauf nur zufällig durch einen Unfall verkrüppelt wird oder ob Nina (oder das, was in Nina entsteht) in irgendeiner Form damit zu tun hat – so oder so zeigt die Tänzerin Beth Macintyre auf, wie die Karriere endet, bitter, einsam, umgeben von Blumen der Vergangenheit, der Körper ein Wrack. Gnadenlos geht Aronofsky mit dem Tanz ins Gericht, zeigt ihn als federleicht und glorios und als Körperfresser zugleich. Diese Körperlichkeit rutscht nicht selten in den Horrorfilm ab – etwa, wenn Ninas blutige Füße und Finger, ihr zerkratzter Rücken aus den Fugen geraten und ihre Zehen zusammenwachsen, Schwimmhäute zu kriegen scheinen und ihre Beine brechen und schmerzhaft zu Vogelbeinen deformieren, wenn aus ihrem Hang zur Selbstverletzung etwas viel Grundsätzlicheres hervorzubrechen scheint. Der Tanz als Körperbrecher setzt sich in der Seele fort, nicht nur die Zehen bluten, sondern auch Ninas Seele – und ab einem bestimmten Punkt im Film bleibt unklar, ob da etwas aus der geplatzten Eierschale hervorbricht oder ob Nina einfach nur a little crazy wird.

The Bird behind the Curtain
Das Großartige an «Black Swan» ist, dass er den physical horror von Filmen wie Shining und Carrie, bei denen das Mystische tatsächlich Manifestation familiärer und seelischer Zustände ist, also real stattfindet, ins Innere kehrt. Es ist lange unklar, ob in Nina wirklich eine Art «böse Macht» heranwächst, die ihrer Vorgängerin, der Diva Beth, die Beine bricht und ihre Konkurrentin, der wilden Lily, Spiegelglas in den Bauch rammt. Diese Unsicherheit macht Swan zu einem Film, den zweimal zu sehen sich auszahlen dürfte, wenn man versucht, zu entschlüsseln, was real ist und was nicht, wann Nina in die Psychose abrutscht (ich denke, von Anfang an) und woran man es festmachen kann. Es ist in dieser Mischung ein phantastisch vielseitiger Film, der Thrillerelemente à la Hitchcock aufgreift, dabei aber kalten Blickes hinter die Kulisse der des Körperwahns schaut und uns einen intensiven, suizidalen Überlastungstrip, der zugleich eine Art Selbstbefreiung ist, präsentiert. Wie am Ende von David Lynchs Twin Peaks irren wir durch die roten Vorhänge dieses Films und erhaschen Blicke auf Teile, die sich nur scheinbar nicht zu einem ganzen fügen wollen, die tatsächlich aber nahezu monolithische Qualität haben. «Black Swan» ist eine Film-Novelle erster Güte, ein phantastischer, kluger, tiefgehender Horrorfilm, ein Tanzfilm, ein Psychothriller – ein über alle Genre hinwegtanzendes schwarz glänzendes Biest, das der auf jeder Ebene erschreckend gut funktioniert. Und es ist eigentlich traurig, wie selten solche Filme geworden sind.

13:36 Uhr. Kategorie Film. Tag , . Eine Antwort.

Dayshot

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26. Januar 2011 18:16 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

The Green Hornet

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Das Superhelden-Genre scheint es seinen Machern nicht leicht zu machen. Ein gelungener Film in diesem Bereich fühlt sich oft genug an wie ein Sechser im Lotto – und selbst ein «gelungener» Film, wie etwa Nolans Version von Batman, schwächelt im Vergleich zu einem «normalen» Film des gleichen Regisseurs. Michel Gondry geht es nicht anders – «Green Hornet» ist alles andere als einer seiner besseren Filme. Was vielleicht dran liegt, dass er hier nicht nach einem grandiosen Charlie Kaufmann-Drehbuch arbeitet wie bei «Human Nature» oder «Eternal Sunshine of the Spotless Mind», oder nach seinem eigenen Script wie bei den letzten beiden Filmen, sondern nach einem Drehbuch, das Hauptdarsteller Seth Rogen und der Comedy-Routinier Evan Goldberg («Superbad») verfasst haben. So mutiert Gondry zum Dienstleister, der einen durch und durch professionell aussehenden Film abliefert, der aber nur in winzigsten Details (wie die Szene, in der Rogen und seine Freundin durch die Garage flattern) überhaupt vage an Gondry erinnert. Ansonsten hätte der Film in aller Breite auch von Kevin Smith gedreht worden sein, oder aber ganz ohne Regisseur – denn die Handlung folgt so vorhersehbar dem Standardplot von Actionfilmen, und hat ästhetisch so geringen eigenen Nährwert, dass man eigentlich nur einen Kameramann bräuchte, keinen Regieprofi.

Was nicht heißt, dass «Green Hornet» unbedingt ein schlechter Film ist. Es ist nur ein sehr, sehr normaler Film. Den Unterschied zu jedem x-beliebigen Heldenfilm macht lediglich die Tatsache aus, dass Britt Reid, die von Rogen gespielte Hauptfigur, ein wurstiger Nerd ist, der nichts in die Kette bekäme ohne seinen Bruce-Lee-meets-Tony-Stark-Partner Kato, der nicht nur mit schicken Matrix-Wire-Effekte kämpfen kann, sondern auch noch die gesamte Ausrüstung des Duos baut (und tollen Kaffee macht). Auf diese Art wird der normale Helden-Faktor ausgehebelt und der Film kriegt einen deutlich satirischen, leichten Tonfall, der vor allem deutlich wird, wenn ausgerechnet nicht Rogen vor der Kamera herumalbert, sondern der famose Christoph Waltz völlig deadpan seinen Charakter gibt. Die Figur ist wenig mehr als der übliche psychopathische Oberschurke, aber Waltz spielt die Rolle mit kleinen Marotten und Manierismen, die viel Spaß machen und (auf ganz andere Art als Heath Ledgers Joker) den Film tatsächlich humoristisch aufwerten, weil Waltz schon unter Tarantino sein ausgezeichnetes Gespür für Timing und Zwischentöne beweisen konnte und hier eine weitere Prise dieses Talents zum Unkomisch-Komischen liefert. Die Szene zwischen ihm und James Franco zu Beginn des Films ist herausragend und zeigt, wie sehr Chudnofsky und Reid Figuren sind, die sich in der sie umgebenden Realität fast psychotisch weigern, «real» zu sein. Wie die Figuren in «Kick-Ass» bestehen sie auf ein Leben im Phantastischen, als Held oder Schurke, in einer Blase, wie der Wirklichkeit entkoppelt. Da überrascht es nicht, das Waltz einen in seiner Kaltblütigkeit fast witzigen Killer zeigt, und ebenso wenig dass der «Held» Green Hornet mit einer für Superheldenfilme verblüffenden Leichtfertigkeit über Leichengeht und brutal, fast teenagerhaft, Sachbeschädigung und Körperverletzung betreibt – beide Figuren leben in einer Art schizoiden Fugenzustand, aus der Wirklichkeit entrückt, die Konsequenzen ihres Tuns für sie so unwirklich wie die zweidimensionalen Abenteuer von Batman und Co. Beide sind dieses Kind, dass sich ein Bettuch umhängt und vom Hochhaus springt. Es verwundert daher nicht, dass die sonst übliche Entwicklung, dass der Held das Mädchen kriegt, hier ebenso ausbleibt wie die bei diesen Genrefilmen doch sonst so übliche Läuterung und Entpuppung zum besseren Menschen… – Reid ist einfach zu psychotisch und die selbst ansonsten farblose Cameron Diaz zeigt deutlich, wie sehr sie von dieser Figur abgestoßen ist. Der Kunstgriff von «Green Hornet» ist, dass unser Held nicht einmal mehr ein Anti-Held ist, sondern einfach nur ein etwas beängstigend verhätscheltes Kleinkind, das wie Richie Rich in einer Kunstwelt lebt und diese bis zum Ende des Films eigentlich auch nie verlässt. Der Alkoholiker und Egozentriker Stark, der seine Komplexe in einer Eisernen Rüstung abreagiert, wirkt dagegen nahezu «normal».

Ansonsten ist das vielleicht treffendste, was man zu «Green Hornet» sagen kann, dass der Film sich anfühlt, als hätte McG ein Remake der Ghostbusters gedreht. Und ich meine das als eine Art Kompliment.Der Film ist autovernarrt bis ins Letzte, die Helden sind nicht ganz ernst zu nehmen, die Balance zwischen Humor, Action, das Spiel mit Klischees, all das erinnert schon ordentlich an den ersten Ghostbusters-Film oder eben an McGs Remix von «Charlie’s Angels». Unterm Strich ist «Green Hornet» ein unterhaltsamer Film ohne jeden Nachhall, reines Popcorn-Kino der Mittelklasse, ohne Subtext, ohne zweiten Boden, ohne überraschende Bilder, berechenbar wie eine Julia-Roberts-Comedy. Es gibt ein paar coole Sprüche und es gibt explodierendes Glas, es gibt klare Bösewichte und weniger klare Gutewichte, es gibt die übliche Buddy-Geschichte, die wir seit «Nur 48 Stunden» doch alle rückwärts kennen. «Green Hornet» ist ein routinierter Wohlfühl-B-Movie, der ohne Widerhaken und mit relativ mäßigem 3D-Gedöhns durch das Gehirn pfeift, rückstandslos. Und damit im Kern das Gegenteil eines Gondry-Films. Es fühlt sich ein wenig so an, als habe Gondry – vielleicht durch «Be Kind, Rewind» inspiriert – einfach Lust gehabt, einen durch und durch amerikanischen Film der 80er Jahre neu zu filmen, ohne seinen sonstigen surrealistischen Touch. Dass sich das am Ende mehr nach Ivan Reitman als nach ihm selbst anfühlt, ist also vielleicht kein Zufall, sondern Absicht und auch legitim, warum sollte er sich immer wiederholen wollen. Das Resultat ist dennoch ein trotz 3D ausgesprochen flacher Film, der ein bisschen witzig, ein bisschen spannend, vor allem aber ein bisschen bisschen bleibt. Ein bisschen wenig also.

P.S.:
Ein Nachtrag zum 3D. Natürlich wird realer Film erst in den kommenden Jahren mit dem Epic-System «richtig» dreidimensional werden. Und dann vielleicht auch spannend. Derzeit wirkt das Viewmaster-hafte Verfahren, Elemente auszuschneiden und eine Art Vorn-Mitte-Hinten-Panorama digital zu montieren und diverse CGI-Effekte voll dreidimensional zu machen, einfach furchtbar flach. Bereits jetzt wird auch klar, dass die Tiefendimension in hektischen Situationen und bei viel Action keine wirkliche Hilfe leistet, sondern dem Folgen der Handlung fast im Wege stehen kann. Dennoch gab es einen kurzen Moment in Green Hornet, der die Möglichkeiten von 3D als erzählerischem Werkzeug aufzeigt. Als Chudnofsky die beiden Helden tot oder lebendig zum Abschuss freigibt, überlagert sein Bild – sozusagen vor dem eigentlichen Bild schwebend – eine andere Szene. Eine solche Form von Overlay zweiter Handlungen ist überraschend folgerichtig und tatsächlich funktional überzeugend, man kann den beiden Ebenen der überblendeten Handlung ausgezeichnet folgen. In der folgenden Montage-Sequenz der Suche nach Hornet und Kato wird das Bild zunehmend unterteilt. Das an sich leicht angestaubte Verfahren wird durch 3D aber so angereichert, dass die verschiedenen Sub-Handlungen auf dem zusehend immer feiner verkastelten Bildschirm nach vorn und hinten gefahren werden und so in der dritten Dimension immer klar unterscheidbar bleiben – was 2D wertgleich nebeneinander steht, gewinnt durch 3D eine Art Gewichtung und tatsächliche «Dimension». Solche narrativen Design-Kunstgriffe zeigen hervorragend, dass trotz blasser Farben, schwacher Kontraste und zahlreicher anderer Kinderkrankheiten das 3D-Genre mehr zu bieten hat als uns die endlosen Animation- und Effekt-Filmchen derzeit vermuten lassen… es bräuchte nur einen wirklich talentierten Regisseur, der hier mediale Möglichkeiten so entdeckt, wie Welles einst die Möglichkeiten des herkömmlichen Films in «Citizen Kane» für sich (und uns) erfand.

25. Januar 2011 15:29 Uhr. Kategorie Film. Tag . Eine Antwort.

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15:00 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

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24. Januar 2011 17:00 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

All Tomorrow’s Parties

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Ich war am vorletzten Samstag auf einer Hochzeit. Nicht als Gast, als Zaungast. Die geschlossene Gesellschaft war keineswegs geschlossen, von der Balustrade der Bar konnte man herabblicken auf die überschaubare Hochzeitsgesellschaft, die zu Best-of-the-80s-Musik tanzt. Fast hypnotisierend ist dabei die Beamer-Diashow, die überlebensgroß Photos aus dem Leben des Brautpaars aus eine Wand wirft. Nach 15 Minuten kennst du die beiden, ohne sie zu kennen. Sie lieben Hunde, wandern mit robusten Rucksäcken und wetterfester Kleidung, machen Inselurlaub, haben ein Kind, photographieren gern und zumindest semi-professionell, ihre Haare waren früher länger und braun, heute ist es ein pragmatischer blondierter Kurzhaarschnitt, er trägt zur Nickelbrille einen Look, der an einen gereifteren Peter Lustig mit mehr Haaren erinnert, die Haare werden auf den Bildern länger und grauer, ein niedlicher Hund erscheint in immer mehr Bildern und macht Kunststücke, Freunde, Erlebnisse, Urlaube und intime Momente huschen in meist sehenswerten Photos an uns vorbei. Nach einer Weile wiederholen sich die Bilder zufallsbasiert – nicht ohne den bei solchen Dingen wahrscheinlich absolut unverzichtbaren Ausfall, der die Diasoftware hinter dem Ganzen kurz sichtbar macht, bevor jemand den Fehler bemerkt und die Bilder wieder weiterlaufen.

Nach einer Weile fängt man gemeinsam an, über das fremde Leben zu diskutieren, das man da sieht. Man schaut herab in die Etage darunter, sucht unter den Gästen den Jetzt-Zustand von Braut und Gatte als Abgleich zu den Bildern, welches der Kinder ist den das eigene, ah, da ist ja tatsächlich der Hund von den Photos. Ist er wirklich älter als sie oder wirkt das nur – welchen Beruf haben die beiden wohl? Wie haben sie sich kennengelernt. Ist er Pädagoge oder fällt man da nur auf einen Look hinein? Nur mühsam kann man sich davon abhalten, Google zu bemühen – es bringt ja bei den meisten Leuten doch nichts, nach Ihnen zu suchen. Trotz oder gerade wegen der mangelnden Information hat man nach der dritten vierten Runde Photos langsam das Gefühl, die beiden seit Jahren zu kennen, sympathisch zu finden und es wird immer schwerer, sich nicht mal eben die Treppe abwärts zu begeben und beiden zur Heirat zu gratulieren. Die Photos inszenieren die beiden als reise- und lebensfreudiges Paar, selbstbewusst und lustig, tierlieb, gute Eltern – niemand würde bei einer Hochzeit ja auch die bösen Photos aus dem Archiv zaubern.

Die Diashow wird zur Affirmation der Beziehung zu zugleich zu einer Art Erzählung, deren logische Konsequenz die Heirat zu sein scheint. Die Aufeinanderfolge glücklicher, privater Momente suggeriert, dass ja nichts anderes als «happily ever after» denkbar ist. Streit und Unglück verschwinden im folgerichtigem Zwang von Hunden, Kindern, Urlauben, Schnappschüssen. Ganz banal greifbar für einen Moment der Wunsch, die eigene Autobiographie rückwirkend zu verbiegen, zu verklären, Sinn privater Photogaphie ist nicht die Dokumentation des eigenen Lebens, sondern die Rechtfertigung, die Verschleierung. Wir photographieren uns nicht, wenn wir weinend am Küchentisch sitzen, die ungewaschene Wäsche und das ungespülte Geschirr landen nicht im Photoalbum, erst recht nicht auf einer Hochzeit. Photos zeigen kein Leben, sondern die ZDF-Vorweihnachten-Vierteiler-Version eines Lebens. Photographie ist nicht ein ehrliches Memento, sondern eine Orwellsche Geschichtsklitterungs-Maschine, ein kruder Cargo Cult, in dem wir ein glückliches Leben zusammenstückeln und dabei den Regeln folgen, die uns Filme vorgeben – unsere ganze Idee davon, wie ein glückliches Leben aussieht, welche Momente Glück definieren, sind nur durch Bilder aus Filmen, Fernsehen, mit etwas Glück Büchern geprägt. Vielleicht haben wir keine Vorstellung mehr von Bildern, die sich nicht innerhalb solcher präfabrizierten Angebote bewegen.

Es ist, als würde man durch eine Facebookpräsenz in dreidimensionaler Realität gehen. Die öffentliche Party, die öffentliche Zurschaustellung von Musikgeschmack, die iPhoto-Imagestream glücklicher Momente, gelungener Bilder, erfolgreicher Inszenierungen. Auf die eine oder andere Art machen wir das alle, zumindest so lange wir so seltsam sind, unser Leben online festzuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, auf Facebook jemals Photos von einsamen Nerds, die vor ihren Rechnern nachts um 3.00 versumpfen, gesehen zu haben. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für genau dieses Bild (plus minus eine Stunde) doch verdammt hoch wäre. Statt dessen suggeriert Facebook eine Welt als Erfolgssequenz, funktioniert als Marketingmaschine für Jedermann. Oft genug funktioniert gerade Facebook – jedenfalls sehr viel mehr als Blogs oder selbst Twitter – dabei nicht mehr als Reflexion, sondern nur noch als Ankündigung. Es wird nicht berichtet, wie ein Film oder eine Platte oder ein Buch oder eine Party ist… es wird nur noch die reine Existenz verkündet. YouTube-Videos dokumentieren den eigenen Geschmack, Photos und Posts machen den nächsten Urlaub oder die Wochenendplanung öffentlich. Während Blogs meist rückblickend operieren und einen fast Wochenzeitungs-Charakter haben und während Twitter in seiner Sontaneität auch mal Raum für Frustrationen und Gaga-Inhalte hat, wirkt Facebook zunehmend anders – es die leibhaftge Party, die ewige Genussmaschinerie, Wie unser Hochzeitspaar wird hier das Leben zum Inszenierungsmaterial, das dramaturgisch gefeilt sein kann, darf und muss. Was in etwa so langweilig ist, wie es sich anhört.

Auf seltsame Weise wird das Web so zu einem Zerrspiegel des echten Lebens. Wie bei einem cleveren Modehaus, dessen Spiegel dich einen Tick besser aussehen lassen, versuchen (wir) alle, uns öffentlich zu vermarkten, bewusst oder unbewusst zu branden, bewusst oder unbewusst in einem Wettbewerb um das spannendste Leben mit den meisten Zuschauern. Jeder ist sein eigener TV-Sender, jeder sein eigener Programmchef. In Facebook, wie bei unserer Hochzeit von der wir als Follower von der Balustrade herab zusehen, geht es um eine Parallelwirklichkeit, in deren grellen LED-Licht Schatten weich und diffus werden. Würde sich ein Außerirdischer sein Bild der Menschheit anhand von FB-Profilen machen, er würde eine Brave New World erleben, deren Bewohner hochkreativen und erfüllenden Berufen nachgehen, deren Photos wie ein permanenter Kindergeburtstag wirken. Unser Außerirdischer müsste die Foren an den Rändern besuchen, wo die Namen plötzlich verklausulierte Chiffren sind, die modernen Speakeasy-Bars, wo wie in einer Spiegelwelt auf einmal wieder alle depressiv und an der Welt erkrankt sind, Leben und Job nicht in den Griff kriegen, sich gegenseitig nicht «liken», sondern bedauern, in eine Art Gegenstück zum GB-Wettbewerb um den effizientesten Hedonismus stehen, nur, dass es hier eben darum geht, wer am berechtigtsten am Ende ist. Hier gibt es kaum Photos, interessanterweise. Niemand scheint interessiert, sein Unglück in Bilder zu formen – vielleicht kennen wir auch nur weniger photogerechte Metaphern für die Misere, vielleicht kommen unsere medialen Vorbilder dafür nicht aus Filmen, sondern aus Büchern. Wie photographiert man Depressionen?

Ein bisschen Musikgeschmack, ein paar Photos – unser ganzes Leben wird zu einer solchen offenen Hochzeit. Wenn du dich im Web umschaust, findest du überall solche Affirmationen des eigenen Lebens – der letzte Urlaub, die Weihnachtsphotos, das gewonnene Handballspiel mit der Mannschaft, die Party bei Anna und so weiter. Obwohl es noch relativ schwer ist, eigene Schulkollegen meiner Generation in dieser Form online zu finden, dürfte es den Teens von heute in einigen Jahren leicht fallen, ihr ganzes Leben im Web abgebildet zu haben. Facebook, Flickr und deren Nachfolger, die Allgegenwart von digitalen Kameras und die zunehmende Möglichkeit, Photos sofort online zu teilen, werden dafür sorgen, dass Photos nicht mehr im heimischen Photoalbum oder auf der Festplatte landen, sondern online geteilt werden. Das eigene Leben zu dokumentieren wird trotz allen Debatten um Datenschutz und Privatsphäre immer normaler, weil die Software es enorm einfach macht und weil der Suchtfaktor natürlich enorm ist.

Und darin steckt ja auch Potential, die phantastische Vorstellung in einer Gesellschaft zu leben, in der zwar jeder immer noch ein Recht auf seine Geheimnisse und Intimsphäre hat (und haben muss), wo aber mehr und mehr Menschen die Gardinen von den Fenstern nehmen und freiwillig öffentlich(er) werden. Das ist ein seltsamer Gegentrend zum realen Leben – vielleicht sogar eine Reaktion darauf -, wo öffentliches Zusammentreffen schwieriger wird, weil der öffentliche Raum zunehmend funktionalisiert wird, aus der Agora wird ein Shopping Zentrum, aus dem Dorfplatz wird Junkspace. Während öffentlich informelle Zusammenkünfte von Fremden kompliziert geworden ist (wer sich jemals an einen Restauranttisch zu Fremden setzen wollte, kann dies wahrscheinlich bestätigen), nimmt die virtuelle Teilhabe am Leben Fremder fast reziprok zu, vielleicht, weil sie weitestgehend antiseptisch zugeht, man sich nicht wirklich auseinandersetzen muss – sondern nur ausstellt bzw. durch die Galerie des ausgestellten Lebens klickt.

Und diese Sterilität wird in Zukunft ein kritischer Punkt des virtuellen Lebens werden. Der Trend vieler Menschen, zum Showmaster des eigenen Lebens zu werden und nach den Regeln modernen viralen (eben nicht virilen) Marketings das eigene Dasein zu hypen, ist in der Zusammenschau deprimierend. Da entsteht eine Leistungsgesellschaft der guten Laune, in der Urlaub und Freizeit zu Elementen der Selbstvermarktung mutieren. Es geht nicht mehr darum, Urlaub zu machen, es geht darum, einen aufregenden Urlaub zu haben und den zu dokumentieren. Und möglichst viel Leute, wie früher Onkel Otto, in die Diashow zu bringen. Dass das ebenso spießig ist wie eben jene nachbarlichen Diaabende, in der der Wohlstandsbürger der Fünfziger seinen ersten Auslandsurlaub mit der Straße und den Angehörigen teilt, ist dabei evident. Auf Facebook wird nicht gedacht, nicht geteilt, es wird ausgestellt. Es ist ein profaner Dorf-Marktplatz des Lebens, im Wortsinne voller Stände und Fressbuden, keine Agora. Darüber, ob dieser sanfte Druck das Leben zu erleben, zu genießen und diesen Genuss zu propagieren, nicht im Umkehrschluss auch zu Stress führen kann, zu dem Gefühl, das eigene Leben sei angesichts der flickernden Leistungsshow online langweilig und grau, weil man nicht jeden Tag aus einem anderen Lokal oder Land postet oder sich in den jeweils coolen Bars seiner Stadt eincheckt, darf langfristig spekuliert werden. Gibt es da draußen schon die ersten Leute, die ihren Samstag verplanen, damit sie bloß in ihrem sozialen Netzwerk etwas zu posten haben? Wenn FB und Co eine Art Coolnesstransmissionsriemen sind, was ist mit denen, die zwischen die Zahnräder gelangen?

Wichtiger aber ist die Frage, ob es in der Hochzeitsgesellschaft langfristig nur Alkohol und Tanzen gibt, oder ob da irgendwo auch Tische stehen, an denen man reden wird. Facebook ist im Grunde – wie jede große Feier – eine anti-intellektuelle Veranstaltung, die wechselseitigen Monologe auf dem Niveau dessen, was man hinkriegt, wenn man sich vor dröhnender Musik aus Bassboxen ins Ohr brüllt und am nächsten Tag heiser nicht mehr weiß, was man da geredet hat, wichtig kann es nicht gewesen sein. Wichtiger als die Inhalte ist, sich gegenseitig auf den Rücken geklopft zu haben. Facebook ist diese Hochzeit, nur ohne Musik, ohne Alkohol, sie ist der Geist einer Party, die fleischlose Abstraktion und insofern wie eine Online-Fortschreibung der Funktion von Sitcom-Serien nur die Simulation von Leben und Freundeskreis. FB ist der Laugh Track deines Lebens.

So grandios es ist, in einer offeneren, stalkenderen Gesellschaft zu leben, in der du Leute nicht mehr aus den Augen verlierst, sondern sie statt dessen zu Radiosendern werden, die dich mit Bildern und Tönen, Wortfetzen und Stimmungen immer wieder etwas mysteriös über den Status Quo ihres Lebens aufklären, und so eine Art Rest-Teilhabe ermöglichen, so wenig ist das doch.

Ich lese gerade Raddatz Tagebücher, die letztes Jahr bei Rowohlt erschienen. Und in der Lektüre dieser oft eitlen und selbstverletzten Notizen ist es ein seltsamer Gegensatz zu der Lebensdokumentation, die ich tagtäglich online erlebe. Nicht nur, dass Twitter und FB längst in den Händen professioneller (Selbst)vermarkter ist, die ihr Produkt oder ihre Einrichtung monoton hypen und nach und nach zu einer Art Spam mutieren, vor allem aber wird deutlich, wie sehr Raddatz ein Selbstgespräch führt, das lang und oft verhangen ist, immer wieder zu den gleichen Themen kommend, wie egal im Grunde äußere Umstände sind, wie es nicht darum geht, dass er in Paris ist, sondern darum, wie es ihm dort geht. Seine Tagebücher sind Orte von Zweifel an der Welt, Zweifel an anderen, Bitterkeit, verletzter Eitelkeit, kindischen Gefühlen – und bei aller Kritik im Detail, ist der Mut, solche Texte, die keineswegs immer klug und umwerfend, sondern oft engstirnig und egozentrisch sind, zu veröffentlichen, bewundernswert. Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, wenn man Leute im realen Leben trifft, die man länger nicht gesehen hat und deren «Leben» man nur via FB/Twitter/usw kennt, wie weit dieses virtuelle Bild und die Realität dahinter divergieren. Du denkst, du bist einigermaßen up to date und was gewissen Fakten angeht bist du das sogar so sehr, dass es Gespräche eindämmt, weil man bestimmte Vorgänge bereits kennt, aber die zu den Vorgängen gehörenden Gefühle, Ängste, Hoffnungen, sind nie bis in die angeblich so sozialen Medien gekommen, vielleicht weil man die eben doch nicht in die Arena der Kommentare und Like-Buttons stellen will, vielleicht aber, viel profaner, weil es ja auch sonst niemand tut. FB ist ein Angeber-Medium, in der jeder sein Leben zur Leistungsschau tuned, zur eigenen Pressekonferenz, wer will da mit Zweifeln kommen? Ich frage mich, wenn morgen jemand zum Berserker wird und 20 Schüler umbringt oder nur sich selbst aus dem Leben hievt, wie viele Freunde und Angehörige sagen: «Aber bei Facebook war er doch immer gut drauf…» FB ist längst ein an sich durchaus spannender, aber eben verfälschender Teil eines zunehmend unehrlichen Umgangs mit der eigenen Biographie geworden, die ganz effizient-kapitalistisch eben nicht aus Fehlschlägen, sondern nur aus Siegermomenten, richtigen Entscheidungen, einem tollen Job und einem erfüllten Leben zu bestehen hat. Wenn du nacheinander drei vier Leute getroffen hast, deren innere Gefühlswelt deutlich grauschleieriger bis schwärzer ist als die «öffentliche» Variante, dann fragst du dich, wie viele Leute diesen Maskenball mitspielen. So wie ein Verlag verkaufe Bestseller und gewonnene Awards herausstellt, aber die schlechten Umsatzzahlen von Buch XY und andere Existenzprobleme mal lieber schön weglässt, so wie Museen ihre Veranstaltungen hochjazzen, aber die eigene Finanzkrise oder Streitereien mit Künstlern nicht so gern kommunizieren, so gehen wir inzwischen auch privat mit unserem gesamten Leben um. Es ist eine Art dauerhafte, in Echtzeit durchgeführte kosmetische Operation. Wie ein Photograph im Krieg permanent nach Motiven sucht, suchen wir nach «Lebensmomenten», die es festzuhalten, zu dokumentieren gilt, Ich war dabei. Ich war dabei.

Das kann nicht ewig gutgehen. Die Verleugnung oder Verdrängung von Problemen, das weiß jeder psychologische Laie, sorgt nur dafür, dass die weggedrückten Affekte sich auf anderer Ebene, meist unbewusst, ihre Bahn suchen. So verblüfft doch schon, dass wir einerseits inzwischen nahezu penetrant von Burn-Out und Depressionsartikeln und Büchern beschossen werden (Burn-Out ist ja das neue AIDS) – und andererseits hat jeder ein Leben aus Glücksmomenten? Facebook ist eine Art Regression, es erinnert an Huxleys Soma-Parties, es weht ein Hauch von Freizeit-Taylorismus durch die virtuellen Flure. Auf Dauer wird das nicht genug sein. So wie im echten Leben der beste Moment jeder Party die Gespräche am Morgen danach sind, so wie jede echte Beziehung diese Kaffeehaus-Momente braucht, wo man sich gegenseitig wirklich austauscht, so braucht das virtuelle öffentliche Leben mehr als Millionen von kleinen Fernsehsendern, die rund um die Uhr Superhappiness propagieren.

Der große Sprung in den Social Media also wird sein, zu lernen, darüber öffentlich zu reden, worüber man schwer sprechen kann, worüber man schweigen möchte. Während in den Medien der Geist der geschützten Privatsphäre umher weht, geht es in Wirklichkeit darum, einen entscheidenden, mutigen Schritt der Öffnung zu machen. Auf Facebook rechtfertigt sich das eigene Leben als das «richtige» Leben, indem es glücklich ist, einer Art unausgesprochenem Drehbuch von Konsumteilhabe folgend – in Wirklichkeit ist hier nur ein gesellschaftsweites Potemkinsches Dorf in Aufbau, das wir alle Bild um Bild, Like um Like errichten. Die große Chance von Social Media aber ist, Freud und Leid zu teilen – die Trauer aus den Darkrooms der Depriforen herauszuholen, das Leid nicht auf Radio-Call-In-Shows zu domestizieren. Was hätte ich bei dieser Hochzeit darum gegeben, wenn es nur ein Bild gegeben hätte im Bilderstrom des Glücks, das diesen Eindruck trübt oder in Frage stellt, die eigene Inszenierung kurz aushebelt und durchschaut. Es wäre ein Durchblitzen von Intelligenz und Reflexion gewesen, wenn hier zumindest die eigene Lüge als selbst-bewusste Tat gestanden hätte. Wenn nur für einen Moment die Heuchlerei nicht wie Mehltau über der ganzen Veranstaltung liegen würde. Nicht weil ich denke, dass die beiden, die hier geheiratet haben, nicht wirklich so glücklich und «richtig füreinander» seien wie die Photos suggerieren sollen – sondern im Gegenteil, weil die Suggestion eine Beleidigung ist. Das echte Leben und eine echte Beziehung hat mehr Dimensionen als Urlaub, Hunde und Nachwuchs. Das Auszublenden ist nicht nur Verleugnung, sondern vor allem auch die Weigerung anzuerkennen, dass die schlechten Momente integraler Teil der guten Momente sind. Dass es nicht Sinn einer Beziehung oder gar des Lebens ist, immer gut drauf zu sein. Dass es nicht Sinn des Lebens ist, für andere gut drauf zu sein. Es ist bedenklich, wenn wir in der Freizeit, wenn auch auf andere Art, ähnlich anfangen zu funktionieren wie im Beruf, wenn Menschen gezwungen sind, Schwäche Furcht und Unsicherheit, immer weiter ins Innere zu tragen. Wirkt es konstruiert, wenn ich befürchte, dass die Leute, die bei FB am erfülltesten wirken, am ehesten ihre Frustrationen und Probleme bei einem Therapeuten abladen werden müssen, weil ihr Freundeskreis zunehmend nicht mehr versteht, dass diese Leute überhaupt ein Problem haben könnten?

Wenn Social Media wirklich sozial sein will – und hier ist eine Chance für eine Welt nach Facebook – muss es mehr geben als eine Art Plattform der Guten Laune, einen permanenten Musikantenstadl effizient genutzter Freizeitmaximierung. Politik muss mehr bieten als «Tritt unserer Gruppe bei», Teilhabe am (virtuellen) Leben von Bekannten und Freunden darf dreidimensionaler sein als es jetzt ist, durchaus auch mal verstörender und damit ehrlicher. Bei der Wahl, ob unser Leben online eine Art Verschleierungsstrategie wird oder in einer Form von Selbstreflektion und Austausch mündet, in einem System, in dem die Beteiligten nicht mehr nur Links und «Yay!»s austauschen, sondern auch Hilfe und Strategien, wird entscheidend sein, wie lange wir uns als Gesellschaft selbst belügen wollen, wie hart und wie lange wir den Bruch zwischen oberflächlicher «Happiness» und den komplexeren Gefühlen hinter verschlossenen Türen durchhalten wollen. Wir haben gelernt, die Party mit der Welt zu teilen – die nächste Frage ist also, ob wir auch die Kraft haben, den Kater gemeinsam zu meistern.

09:03 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 4 Antworten.

Dayshot

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23. Januar 2011 17:36 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

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22. Januar 2011 18:02 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

Red Light II

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Red Light

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Don’t be afraid Lisa

20. Januar 2011 22:47 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Von Spar: Foreigner

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Bei von Spar ist einfach jedes Album eine Überraschung. War ihr Debüt frischer und relevanter Indie-Disco-Pop-Punk, haben sich die Kölner nach dem Weggang von Thomas Mahmoud fast unzugänglich auf die Reise ins Ich gemacht und ein Album herausgebracht, das Klaus Schulze gut als Alterswerk zu Gesicht gestanden hätte. Und «Foreigner» zeigt wieder eine Verwandlung, eine erneute Umstrukturierung der Band und vielleicht das endgültige Wachstum zum «Projekt». War «Von Spar» ein Experiment in klanglicher Geduld, eine Zeitlupenaufnahme, eine Studie in Bernstein, macht Foreigner wieder deutlich mehr Spaß. Natürlich, das Album ist eine unverhohlene Verneigung vor der frühen deutschen Elektro- und Krautrockszene, es klingt wie ein «Best of» von Winfried Trenklers «Rock In» oder «Schwingungen». Aber neben Tangerine Dream, Grosskopf, Can, Grobschnitt, Schulze, Göttsching schimmern auch Pink Floyd und Jarre durch – überhaupt scheint «Foreigner» auf durchaus wohltuende Art eine Fusion modernen Postrocks und alter elektronischer Musik zu sein… und einer Band aus Köln steht das ja auch bestens zu Gesicht.

Dabei ist «Foreigner» trotz aller sofortigen Vertrautheit alles andere als Recycling und Wiederaufkochen bereits gehörter Musikfragmente. Natürlich ist die erste Reaktion, nach der generellen Verblüffung, nach Vorbildern und Bezugspunkten zu suchen, diesen Drumsound wiederzuerkennen, jenen Arpeggiator. Aber in Wirklichkeit mixen Sebastian Blume, Jan Philipp Janzen, Christopher Marquez und Phillip Tielsch so munter so verschiedene Einflüsse zusammen, dass das Endergebnis eher eine Art Bogen, eine Cinemascope-Gesamtschau elektronischer Musik wird. Einflüsse von Rock, Techno, Kraut, konkreter Musik, 80s Quietschiepop – was du willst, du wirst es finden, wunderbar produziert und programmiert, liebevolle Soundfrickelei und keine Sekunde langweilig. «Foreigner» ist die Sorte Album, die man gedacht hatte, nicht mehr zu hören. Es ist keine elektronische Musik, die sich dem Zeitgeist nett macht, es ist aber auch keine Vangelis-artige Wellness-Scheiße, keine elektronischen Billigsoundwolken, es ist nicht Laptronica, kein Schlafzimmerpop – es ist völlig seriöse, ernsthafte Suche nach Musik, in vollem Wissen um die Wurzeln und ohne klares Ziel, Hauptsache die Reise macht Spaß. Und die macht eine Menge Spaß, trotz der Düsternis, die das Album durchnebelt.

Von Spar dürften mit diesem dritten Album die ausnahmslos beste deutsche Band sein. Mit dem Debüt haben sie ein Genre übertroffen, ein neues geschaffen und dieses auch gleich wieder als Scherbenhaufen für alle Epigonen und Wannabes zerstört, mit dem Zweiten haben sie eine Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit gefunden, die man eher aus Skandinavien erwartet hätte und jetzt produzieren sie ein staatenloses, zeitenloses Album, das zugleich unfassbar klar verortet klingt, das sofort vertraut ist, dich sofort eingefangen hat, und doch smart genug ist, um mit jedem Track wieder zu überraschen. Das Album ist, ohne jede Frage, ein Monolith, eine Platte, die man immer und immer wieder hören kann, ein Ding für immer, eine große Liebe, mit der du Autofahren oder Spazierengehen wirst, damit einschlafen oder dich in langen Dialogen damit unterhalten wirst. «Foreigner» ist eins der absolut besten Alben des letzten Jahres – und man kann nur hoffen, dass die nächste Platte eben wieder ganz anders wird.

19. Januar 2011 12:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms

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Es ist immer schon schwer gewesen, Ellis als normalen Romanautor zu verstehen – seine Bücher wirken eher wie Fluchten aus dem Alltag des Autors selbst, durch die Seitengasse raus in eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt – die eben diesen Alltag zugleich seltsam treffend und über Ellis selbst hinausgehend beschreiben, als leer und verbraucht, als eben einladend zu seltsam brutalen Fluchtphantasien. Was liegt in einer Welt, in der sich Yuppies über die Frage, ob die Gürtelfarbe zu den Schuhen passt, näher, als in ein Paralleluniversum fliehen zu wollen, in dem es noch um die primitivsten Impulse geht, in dem es noch um die grundsätzliche Existenz geht?

Im Grunde ergeben Ellis Werke eine Art Biographie, eine fiktionale Brechung, eine Art Remix seines eigenen Lebens. Und zugleich zeichnen sie die Pulslinien des Lebens einer ganzen amerikanischen Generation auf, die von einem abgestumpft-dekadenten Campusleben («Less than Zero», «Rules of Attraction») kommt, in einem oberflächlichen und von verzerrten Wettbewerb gezeichneten Job arbeitet («American Psycho», «Informers»), deren oberflächliches Leben von zu viel Medien und vom Terrorschock aus der Bahn kommt («Glamorama»), die ins Cocooning flieht, in die Suburbs und, dort mit dem eigenen Altwerden nicht klarkommend, die Vaterkomplexe aufarbeitet («Lunar Park»), und schließlich in einer Art Midlife-Crisis die alte Jugend wiederzubeleben versucht (eben jetzt «Imperial Bedrooms»). Die Hauptfigur in Ellis Oevre ist – mit wenigen Ausnahmen und trotz verschiedener Namen und Details – eigentlich immer die gleiche und immer ist sie ganz nah an ihrem Autor.

«Imperial Bedrooms» treibt diese Fusion von Autor und Protagonisten auf die Spitze und beginnt mit einer Art Betrachtung der (schlechten) Verfilmung von Ellis erstem Buch, «Less than Zero», durch eine der «echten» Handlungsfiguren des Buches, Clay. Clay, als Ich-Erzähler, beschwert sich, das ein Freund als Autor des Buches (das auch von Clay als Ich-Erzähler berichtet wurde) die Original-Geschichte shanghaied und verfälscht hätte – eine grandiose Farce, denn im Laufe des Buches wird sehr deutlich, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem Clay in Bret Easton Ellis erstem und letzten Buch gibt und dass genau diese Figur – die ebenso gut Patrick oder Victor heißen könnte – sich lediglich von einem ausgebrannten, disillusionierten Teen zu einem kaum weniger kaputten Erwachsenen gemausert hat, der trotz oberflächlichem Erfolg als Drehbuchautor offenbar sinn- und antriebslos durch das Leben und die Handlung driftet, fast eher von ihr getrieben wird als selbst Antrieb zu sein.

Während des Lesens – und auch Wochen nach dem Weglegen des Buches – war ich mir nie sicher, ob Ellis hier nach dem eher schwachen, wirren Lunar Park zu alter Form zurückfindet, sich nicht länger gegen seinen eigenen Stil sträubt, wo er sozusagen gegen sich selbst anschrieb, sondern den kalten, harten, hedonistischen Sound seiner eigenen Sprache akzeptiert… oder ob er sich hier eher selbst kopiert, den Gestus von «Less than Zero» bloß reproduziert, wie ein alternder Rockstar sein erstes Album früher oder später ja stets noch einmal neu einzuspielen versucht, mit kaum getarnten «neuen» Songs.

Die distanzierte, minimalistische Beschreibung von Sex und Gewalt – wenn auch bei weitem nicht so drastisch wie in «American Psycho» -, die sich überlagernden Schichten von Realität und Illusion, die Drogentrips, das permanent Übernächtigte, Überfeierte – all das stimmt tonal überein mit Ellis besten Büchern. So wie Ellis mit «American Psycho» ein dystopisches Bild der Wall Street ablieferte, Werwölfe im Anzug vorführte, so gelingt ihm auch hier eine schillernde Fabel von Hollywood im Niedergang, ein düster-sonnendurchflutetes Wüstenlabyrinth aus Sex und Drogen und kaputten Beziehungen, das Ellis herabschreibt wie Chandler auf Ecstasy, zu einem wirschen Krimi ohne Sinn und echte Auflösung verquirlt, bei dem Ellis (wie als Persiflage des üblichen Crime-Buches) alle Protagonisten von «Less than Zero» noch einmal aus dem Hut zaubert, und sei es nur, um Clay paranoide Warnungen zuzuzischen. Im Verlauf des Buches wird zunehmend unklarer, ob Clay Opfer oder Täter ist oder beides und die Grenzen zwischen ihm und Bateman verschwinden schließlich vollends, während Clay mehr und mehr aus der Bahn gerät und der Leser mit ihm in einen schizoiden Abgrund abrutscht, von Chandler zu Burroughs. Es ist seltsam, dass Ellis, der sich zu «Lunar Park»-Zeiten in Interviews so ausdrücklich von den Gewaltexzessen in «American Psycho» distanzierte und diese als Batemans Eskapismus-Phantasien abtat, Clay hier aber in einem viel intensiveren Maße zum Psychopathen mutieren lässt und diese Art Split zwischen Bruce-Wayne-Partyanimal und eiskaltem Folterer-Animus noch pathologischer betreibt als jemals zuvor. Clay wird von Ellis als Produkt einer kalten Jugend beschrieben, als Produkt eines wertlossen und narzisstischen Lebens. Er ist Stellvertreter einer ganzen Generation von frat boys, die immer noch leben, als sei das Leben eine Campusorgie, die nie ihren eigenen Kern gefunden haben – und Clays Freunde scheinen keinen Deut besser zu sein. Erwachsene ohne echte Jobs, deren Leben eine endlose Party ist, bei denen Großeltern, Eltern. Kinder oder Geschwister kaum vorzukommen scheinen, für die Sex und Macht und Genuß zentrale Lebensinhalte sind, die wie entkoppelt von den Gefühlen normaler Menschen wirken, die immer noch Zombies sind.

Ich habe vor Jahren einen Auszug von «Less than Zero» in einer George-Romero-Zombie-Anthologie entdeckt und es war die ausnahmslos beste Geschichte in diesem Buch, die ihren kalten Horror nur aus einer Art Rahmenwechsel zog. Die Tatsache, dass die gleichen Inhalte des Campusbuches hier nun hirnlosen, gefühlstoten Zombies zugeschrieben wurden, ist so verblüffend wie einleuchtend – im Grunde schreibt Ellis immer über die Zombies unserer Gesellschaft, selbst wenn diese zu unseren Stars, Vorbildern und soziokulturellen Leadern zählen. So stumpf wie Ellis Schreibstil – das permante Prügeln mit der nackten Faust auf tiefgefrorenes Fleisch – sind auch seine Charactere, sie sind wie schillernde Eismeteore im Weltall, geheimnisvoll, attraktiv, gefährlich, kalt, fremd, tiefgefroren ohne Vergangenheit und Zukunft. Und meist sind sie ebenso tödlich, wenn man Ihnen zu nahe kommt.

Es ist nach «Lunar Park» grandios, Ellis wieder bei seinem ureigenen Sound zu finden. Es mag als Autor wichtig sein, neue Stile auszuprobieren, aber die Tatsache ist, dass niemand Ellis’ Stil so gut kann wie er selbst. Viele Autoren haben sich seit den 80er Jahren an dem flachen, stumpfen und dennoch scharfkantigen Flair seiner Texte versucht, die wenigsten haben die Härte und Klarheit, die dieser Stil braucht, um dich zu erreichen. Es ist schwer, Gefühl durch das Weglassen von Gefühl, Tiefe in der Zweidimensionalität, Mehr durch Weniger zu erreichen. Mit anderen Mitteln als etwa eine Amy Hempel oder ein Chuck Palahniuk, aber durchaus mit dem gleichen Ergebnis, zeigt das schmale «Imperial Bedrooms» Ellis als einen versierten Minimalisten, der weder lineare Handlung noch ein «Ziel» in seinem Buch braucht, bei dem es auf Abrgünde, Beziehungen, Reaktionen ankommt, der wie ein moderner Camus den durch die Handlung taumelnden Clay zeigt, der am Ende Opfer seiner selbst ist.

«Imperial Bedrooms» erinnert im besten Sinne an J.G. Ballards Dystopien, im höchsten Maße an die sexuelle Gleichgültigkeit von «Crash», die Lebensmüdigkeit, das Thrillseeking als letzten gebliebenen Antrieb, überhaupt aufzustehen, die Fetischisierung des Lebens. Wo Ballard oft noch einen exogenen Anlass brauchte, um die Zivilisation entgleiten zu lassen, wird bei Ellis allerdings die Dysfunktion von Gesellschaft und Individuum zum Normalzustand. In keinem seiner Bücher treffen wir intakte, unverbogene Protagonisten, eher zeigt er uns das Beckettsche Limbo, die zeitlose Zwischenhölle, als Aspekt des alltäglichen Vegetierens. Ellis Figuren sind lebende Kadaver, die müde durch die offenbar gelegte Sinnlosigkeit von Liebe und Leben taumeln, die amoralisch agieren, weil die Moral sich als Fata Morgana erwiesen hat. In den Scherben von Ellis düsterem Spiegel können wir uns nie ganz wieder finden – keine wirkliche Person ist je so zerstört und innerlich gestorben wie Ellis Figuren -, und dafür können wir dankbar sein… das in den Splittern aber nahezu holographisch eine nur zu wahre Metapher auf den westlichen Kristallpalast in die Luft projeziert wird, das ist Ellis Büchern unabsprechbar, er ist die Stimme des amerikanischen Alptraums.

17. Januar 2011 20:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Looking Down

01:01 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

But is it art?

00:59 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Freddy Fresh

16. Januar 2011 00:35 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Chrissie White

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Wenn das Alter stimmt, ist diese Site einfach unfassbar: Chrissie White ist 1993 geboren, also gerade einmal 17 Jahre alt, und zeigt in ihrem Portfolio eine Bandbreite von phantastischer Komposition, geschultem Auge, Händchen für Portraits und diese wichtige Prise Beiläufigkeit, die Photos überhaupt erst glaubhaft macht. Was sich inhaltlich oft anfühlt wie Alltagsphotographie, weist in vielen Details vom Arrangement bis zum Licht ein atemberaubendes Gespür auf, dass auch bei doppelt so alten Photographen oft nicht da ist, und das man vielen Profis kaum erklären kann. White erinnert mich wohltuend an die von mir ja geliebte Sannah Kvist, die schon in ihren frühesten Photos genau die gleiche Lust am Spiel mit Farbe, Licht und Effekt hat und diese Klarheit in der Bildsprache, die viele Bilder zeitlos schön macht.

Kaum auszudenken, was passiert, wenn Chrissie White bei der Sache bleibt, sich weiterentwickelt und nachdem sie jetzt schon so viele Bildsprachen spielerisch ver- und erarbeitet hat, sich neuen Ufern zuwendet. Solche Prodigys sind es, die mich dazu bringen zu denken, dass wir unseren Kindern nicht Bauklötze und Spielekonsolen in die Hände geben sollten, sondern Kameras, Schreibmaschinen, Gitarren.

via designworklife

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15. Januar 2011 13:50 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Aloe Blacc: Good Things

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Es ist fast müßig, noch über Blaccs zweites Album zu schreiben. Nachdem der Sänger 2006 noch weitestgehend unbekannt war und mit seinem eher recht konventionellen HipHop-Debüt «Shine Through» nur mäßig durchsetzen konnte, ist «Good Things» längst ein gigantischer Erfolg geworden. Und das durchaus zu Recht. Ungeniert bedient sich Blacc bei R&B, Soul und Funk der Sechziger und Siebziger Jahre und es scheint, als würden Genres wie Soul oder Blues aus einer politisch hochaktiven Zeit seltsam in unsere Zeit passen, als Echos einer Ära, in der Musik mehr zu sein schien als nur Rahmen für Werbejingles oder Download-Ware. Aloe Blacc klingt dabei glatter und poppiger als seine Vorbilder Marvin Gaye oder Curtis Mayfield, smoother produziert und gefälliger, und die Frage nach der Authentizität seiner leicht gesellschaftskritischen Texte darf auch schon mal aufblitzen, ist vielleicht aber auch nicht alles entscheidend bei einer Platte, die sich selbstbewusst in die Zeitmaschine setzt und dabei doch sehr auf der Höhe der Zeit passt.

Blacc besticht mit ausgezeichneten Vocals in einer satten, angenehmen Produktion, der die Kantigkeit und der unfassbare Groove mancher 70s-Produktion fehlen mag, die steriler klingt, mehr nach Studio, weniger nach Session, weil sie einfach zu sauber produziert ist – ein seltsamer Bruch zu dem das Album durchziehende Thema von Geldknappheit. Die Musik ist so fein herausgemacht wie Blacc auf dem Albumcover, «Good Things» ist ein musikalischer Sonntagsbesuch in der Kirche, eine Besinnung auf die Traditionen von Gospel und Soul, eine optimistische Platte mit pessimistischem Inhalt, eine seltsam höflich wirkende Protestplatte.

Es ist vielleicht vielsagend, dass selbst ein Album, dass Fragen nach dem aktuellen Stand von Demokratie und Wirtschaft in den USA stellt, so gefällig daherkommt, dass es zu Chartsmaterial taugt – der Protest heute kommt im Anzug daher, bürgerlich und brav, affirmativ. Von der Bissigkeit, der Aggressivität mit der sich die Linke in den 60s gegen das US-Establishment stellt, ist hier nichts zu spüren, vielleicht sind die Feindbilder und Frontverläufe heute aber auch nicht mehr so eindeutig in Zeiten eines schwarzen Präsidenten und einer ultrakonservativen Frau, die sich als nächste Präsidentschaftskandidatin der Rechten generiert, Zeiten in denen sich die Tea-Party von Rechts als Protestbewegung begreift und schwarze HipHop-Stars nicht auf der Straße, sondern in Villen leben. Die Welt ist komplexer, unüberschaubarer geworden seit den Zeiten von Nixon und King, gleichzeitig besser und hässlicher.

Insofern ist es einerseits passend, andererseits anachronistisch, wenn Blacc für seinen Protest auf nun fast 50 Jahre alte (wiewohl zeitlose) Gesten und Posen zurückgreift. Einerseits fragst du dich, ob es nicht modernere musikalische Ausdrucksmöglichkeiten gäbe, andererseits funktioniert der Rückgriff verblüffend gut und enthüllt selbst in der verwachsenen, glatteren Fassung eine Energie, eine lässige Wut, die in all dem Getöse modernen Metals und Raps dennoch nicht gegeben ist, eine seidige Härte, die Nina Simone oder Curtis Mayfield oder sein Neo-Soul gemessen am Original eher ein Plüschtiger als das echte Ding ist.

14. Januar 2011 10:50 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Vernissage Kokolores

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Am 7. Januar begann die Ausstellung der Diplomarbeit Kokolores von Daniela Brand in der Galerie Damen und Herren, Oberbilker Allee 35, 40215 Düsseldorf. Die Ausstellung läuft bis zum 21.Januar und endet noch mal mit einer kleinen Finissage um 19.00 Uhr. Die Eröffnung war wirklich gut besucht und permanent kamen unbekannte Menschen zu Daniela, um ihr (zu Recht) zu ihrem Buch zu gratulieren. Danny hat mir ein paar Photos geschickt, die die schön verrockte Stimmung bei den DamenundHerren gut einfangen ;-D

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10:09 Uhr. Kategorie Leben. Tag . Keine Antwort.

Geduld

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Der wunderbare Schnee der letzten Wochen hat etwas, was lange brodelt, seltsamerweise nicht abgekühlt, sondern zum Kochen gebracht – den Volkszorn. Die Bürger empören sich darüber, dass die Städe trotz Haushaltssperren und schließenden Theatern die Straßen nicht picobello freihalten, nicht genug Streusalz verwenden, nicht oft genug die Straßen wie einen Döner abschaben, dass Müllfahrzeuge sich nicht durch Straßen zwängen, durch die kleine Kfz schon kaum noch sicher kommen und der Müll mal zwei oder drei Wochen liegt. Klaus Kunze, Chef der Essener Entsorgungsbetriebe, gibt in seinem Interview mit Der Westen einen Einblick in die vielen Parameter, die er zu jonglieren versucht – durchaus sympathisch -, und wird in den Kommentaren (der hysterisierten Form des Leserbriefes) dafür angegeifert und persönlich beschimpft. Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.

Wegen etwas Schnee, wohlgemerkt.

Zugegeben, um Weihnachten ist etwas dumm, wenn Müll liegenbleibt, weil gerade da viel Papier anfallen kann (obwohl das ja auch schön den Überkonsum verdeutlicht und uns einen Geschmack des eigenen Giftes gibt). Zugegeben, Autofahrten um den 24.12. waren nahezu undenkbar und haben meist mehr als doppelt so lange gedauert und waren oft von der Angst geprägt, in irgend eine Leitplanke zu schliddern. Aber haben wir uns schon so weit von der Natur entfernt, dass wir mit dem Wetter auf Kriegsfuß stehen? Den Sommer bekämpfen wir mit Klimaanlagen und ruinieren dabei unsere Gesundheit, im Winter verlangen wir offenbar, dass ad hoc ein Normalzustand wieder hergestellt wird. Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. Die Tatsache, dass man auf gefallenem Schnee an sich ausgezeichnet gehen kann – im Wald fegt ja auch niemand und man kann dort bestens unterwegs sein – spielt bei diesem Fegewahn keine Rolle. Es geht nicht um die Begehbarkeit der Straße oder um gesetzliche Vorschriften. Es geht um den Kampf gegen die Natur. Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen. Soviel Anonymität muss selbst in Wohnvierteln sein, wo jeder Nachbar alles über den anderen weiß.

In den USA wäre das übrigens undenkbar. Dieses paternalistische Staatsverhältnis – ich zahle Steuern, dafür musst du mich rundum verwöhnen. Es ist in einem Land wie Amerika vielleicht einleuchtender, vielleicht ticken die Menschen auch nur anders, dass der Staat sich nicht um die Weite des Landes, um jedes Detail kümmern kann. Also machen die Leute es, ganz dem Let’s-Do-It-Mythos einer Nation verpflichtet, die den Wilden Westen erobert hat, einfach selbst, adoptieren Autobahnabschnitte, fegen die eigene Straße, beschneiden die eigenen Bäume. In Deutschland scheint aber schon die Vorstellung, einen Müllsack zum Recyclinghof selbst fahren zu müssen, eine Zumutung zu sein.

Vor allem aber auffallend ist die Ungeduld mit der Natur, die einfach daherkommt und sich in die Planbarkeit des Lebens einmischt. Wer über beheizbare Gehwege sinniert, hat sich endgültig für ein Leben entschieden, das ebenso gut unter einer Plastikkuppel über der Stadt stattfinden könnte, die Regen, aber auch zu viel Sonne, Wind und Schnee, einfach abhält. Mit anderen Worten mutieren wir zu Terrariums-Tierchen, die neurotisch reagieren, wenn ein Parameter der künstlichen Umwelt zu stark variiert wird. Die Wirklichkeit macht uns nervös. Ein zwei Tage ist der Schnee ein Ah-Ereignis, danach manifestieren sich nur noch Ärgernisse, weil der Terminplan derangiert wird. Wenn das Leben ein Güterbahnhof ist, darf uns eben keine höhere Macht die Logistik verhageln. Und da wir in einer Welt leben, in der selbst die Freizeit per Terminplaner organisiert wird (und per Facebook dokumentiert), ist das Leben nun mal ein Güterbahnhof, sorry, lieber Schneemann.

Es ist verblüffend. Die gleichen Bürger, die sich sonst permanent um den eignen Burn-Out zu sorgen scheinen (dem gefühlten Buch- und Pressethema Nummer Eins derzeit), sehen den Schnee nicht als naturverordnete Auszeit, sondern burnen noch ein wenig intensiver dagegen an, wutschäumend. Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln, wird in den Leserbriefen ein Kryptofaschismus der eisfreien Straße deklamiert, das totale Schneefrei gefordert. Dahinter steckt nicht nur eine unfassbare Entfremdung von der Natur und ihrem Rhythmus, sondern auch eine Ungeduld, die uns alle erfasst hat und der die Realität als solche total egal geworden ist.

Und in der Tat, wir sind verwöhnt. Alles hat sich beschleunigt. Gute Zeiten, um ein fußwippender Ungeduldsmensch zu sein. Amazon liefert nicht mehr nur binnen 24 Stunden, was an sich ja schon verblüffend genug ist, sondern binnen eines Tages bis 18 Uhr. Downloads, die vor zehn Jahren noch den ganzen Tag gebraucht hätten, sind heute ohne Kabel in wenigen Minuten auf dem Rechner. Man kocht nicht mehr stundenlang, sondern blitzdingst sich in Minuten ein Essen aus der Microwelle. Auch im Restaurant denken wir uns anscheinend nichts dabei, wenn Sauerbraten, ein Fischgericht und ein Schnitzel seltsam schnell, seltsam gleichzeitig aus der Küche kommen, selbst wenn die Teller wärmer sind als das Kartoffelpüree – die Frage, wie ein Sauerbraten ernsthaft in 5 Minuten halbwegs seriös gemacht sein soll, stellt man besser nicht. In den Fast-Food-Ketten warten entsprechend schon viele Gerichte verpackfertig vorbereitet auf uns, damit man sie direkt am Autoschalter ordern kann, whambam, von der Bestellung zum Dinner in 2 Minuten, das Herabschlingen braucht kaum länger. Wir tippen nicht mehr mit der fehlerhaft-langsamen Mechanik einer Schreibmaschine, sondern direkt mit Rechtschreibkontrolle eingebaut, verschicken keine Post mehr über zwei drei Tage, sondern eMails im Sekundentakt, Gigabytes davon im Jahr (wären es Postbriefe, wir würden jedes Jahr Schränke von Aktenordnern mit dem ganzen Hin und Her füllen). Wir teilen unsere impulsiven Gedanken unserem Freundeskreis in Echtzeit mit, just in time, kein Warten mehr, es der Freundin morgen am Telefon zu erzählen, sie hat es schon bei Facebook gelesen. Abgeordnete twittern Abstimmungsergebnisse, bevor wir sie aus den Zeitungen lesen, die mit einem Tag Verspätung gegenüber der Newsflut in unseren RSS-Readern sowieso furchtbar lahm wirken. Navigationssysteme bringen uns schnell uns sicher ans Ziel, kein minutenlanges Kartenwälzen mehr vor der Fahrt, kein Verfahren, reinsetzen und losfahren und jederzeit im Blick, ob man es noch pünktlich schafft oder nicht. Notizen schreiben wir nicht mehr ab, eine Software macht das für uns. Medien konsumieren wir nicht mehr in Ruhe, wir zappen zwischen den Kanälen und Angeboten, schnell gelangweilt, wenn eine Handlung oder Information zu langsam kommt, keine neuen Impulse auf uns eindonnern. Dass manche Prozesse einfach physikalisch und mechanisch sind und Zeit brauchen wollen wir zunehmend nicht mehr hören. Für uns Designer bedeutet das oft, dass ein Kunde nicht versteht, warum die 100-seitige Broschüre nicht doch in einem oder zwei Tagen gedruckt werden kann – und oft werden Termine so gebaut, dass man sich wirklich eine Art Digitaldruck in hohen Auflagen wünschen muss. Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen – nicht ohne Grund gibt es ja längst Software, die dem Empfänger den eingehenden Text in eine Kurzfassung zusammenschnürt. Und dass Ideen und Kreativität sich in keinerlei Zeitplan pressen lassen und einfach auch etwas Ruhe brauchen, ist nahezu eine Tabu-Aussage geworden.

Jeder hat es eilig, wenn er nicht gerade als Kind oder Rentner außerhalb des Systems steht und sich das Irrenhaus-Treiben amüsiert anschauen darf und wie Hans-Jochen Vogel amüsiert-schockiert die SMS-Sucht der Kanzlerin aus dem Altersheim heraus kommentieren kann, als zugleich etwas befremdlich wirkendes Symbol einer vergangenen Ära von Schreibmaschinen und Aktenordnern. Aber selbst die Pensionäre, man sieht es in Stuttgart, haben keine Geduld mehr, sich die Umbaumaßnahmen für einen Bahnhof anzusehen, den sie nie mehr nutzen werden. Das gleiche Gefühl, das sich gegen den Winter positioniert – bitte keine Störungen in der Komfortzone – ballt sich hier gegen Bagger und Kräne. Es mag Sachgründe für und gegen S21 geben, aber im Kern geht es um die Frage, wie viel Geduld und Veränderungs-Elastizität wir noch aufbringen können. Selbst die Integrationsdebatte lässt sich auf Ungeduld reduzieren, leider – es scheint, als brächten Sarrazins Jünger den muslimischen Einwanderern nicht die Geduld entgegen, sich langsam in eine Balance zwischen Identität und Integration zu finden. Obwohl dieser Prozess Dekaden braucht und durchaus erfolgreich läuft, scheinen wir als Gesellschaft die Energie zur Hilfe, die Ruhe und Reife für diesen Prozess nicht mehr aufzubringen und zucken nervös zwischen Realitätsverschleierung einerseits und hysterischen Überfremdungsängsten andererseits. Die Wutbürger wippen nervös mit dem Fuß, als wäre ein generationenüberspannender Vorgang ein zu spät kommender Zug, der unser Effizienzkorsett zum Platzen bringt. Wir haben keine Zeit für gesellschaftlichen Wandel, also lehnen wir ihn ab.

Längst sind wir nicht nur ungeduldig, wir fiebern der Zukunft entgegen. Trailer, Leaks und Websites verraten uns Details von Büchern, Filmen und Serien bevor sie überhaupt fertig geschrieben oder gedreht sind, neue Alben kursieren im Web, während die Musiker noch im Studio stehen, Apple stellt Software vor, die erst in einem Jahr überhaupt erscheint – wir werden permanent mit einem Hunger auf das nächste kommende Ding, das nach der nächsten Ecke auf uns wartet, aufgeladen. Wir sind nie mit dem zufrieden, was jetzt ist, sondern hecheln ungeduldig schon der nächsten Etappe entgegen. Ich bin da keine Ausnahme, habe schon als Kind zuerst das Ende vom Krimi gelesen und mag bis heute Spoiler über alles – dieser präkognitive Blitz, der ja immer nur ein Teil des Ganzen ist und der erst Sinn macht, wenn man dann das Buch tatsächlich liest oder den Film sieht. Mein Hang zu Multitasking und Ungeduld ist so alt, wie ich zurückdenken kann – aber wenn solche ADHS-artigen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Psyche massenhaft aufblühen, sind es nicht mehr unbedingt positive Features, im Gegenteil.

Wir entwickeln uns nicht nur zu einer hektischeren und oberflächlicheren Gesellschaft, wie von zahlreichen Autoren oft etwas kurzsichtig prognostiziert (wie in Schirrmachers unsagbar schlechtem Buch), sondern vor allem zu einer permanent wütend-ungeduldigen. Witterungsbedingte Verspätungen und Verkehrsengpässe lösen bei vielen Menschen offenbar Gefühle aus, die aus dem Anlass heraus nicht zu erklären sind. Es mag daran liegen, dass in ohnehin unsicheren Zeiten die Bürger angesichts der großen Unwägbarkeiten bei den kleinen, alltäglichen Chaos-Momenten überzogen reagieren, sich sozusagen blitzableitern am Entsorgungsunternehmen, wenn es in Wirklichkeit um die Großbanken geht, die Deutsche Bahn für die Terrorismus-Angst und Wirtschaftskrise büßen muss. Es mag auch sein, dass wie in so vielen Dingen 40% besser zu ertragen sind als 90% – je besser es uns geht, umso schärfer nehmen wir die immer kleiner werdenden Restunterschiede war. Unsere Welt ist schneller geworden, die Befriedigung eines Wunsches nahezu aufschubfrei… umso schlimmer ist vielleicht, wenn doch einmal etwas nicht so läuft, wie man es gewohnt ist. Wo sich unsere Großeltern von Krieg und Wiederaufbau nicht haben beirren lassen, scheint uns schon eine vereiste Autobahn aus der Balance zu bringen.

Natürlich kann es kein Zurück zur Ruhe geben, und ich wäre der letzte Mensch, der das propagieren würde. Die Welt wird schneller und das ist in der Natur unserer Evolution, nicht erst seit einigen Jahren, sondern seit Anbeginn der Geschichte. Eskalation ist menschliche Natur. Dennoch darf man nicht vergessen, das Muße, Ruhe und Nichtstun entscheidende Lebensfaktoren sind. Es ist erwiesen, dass Ideen eine Inkubationszeit brauchen. Informationen sammeln, nachdenken, drüber schlafen, Ideen kommen lassen, das ist die Mechanik der Kreativität -, und das gleiche gilt für das Leben als solches. Es sollte hyperaktive Phasen geben, aber auch Abschaltphasen, Anspannung und Entspannung, Dehnung und Erschlaffung, in sinnvoll-weichen Sinusbewegungen. Ein Gummiband, das immer nur gedehnt wird, reißt nun mal. Das hat nichts mit Burn-Out-Moden zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kreislauf der Natur, wo wir solche Wellen immer wieder sehen, das Auf- und Absteigen, Anwachsen und Zurückgehen, Ebbe und Flut. Es schadet also nicht, diese Gegensätze als gut zu sehen und Hemmungen wie Schnee oder verspätete Züge entspannt als Gang der Dinge, als unweigerlichen Bestandteil des Seins zu begreifen, nicht als Hindernisse, die es zu bekriegen gilt. Es ist gut, wenn es schneit und wir langsamer werden müssen. Es ist okay, wenn Müll mal ein paar Wochen länger liegen bleibt – umso mehr wissen wir zu schätzen, wie unsichtbar und reibungslos die Infrastruktur normalerweise läuft. Erst durch das Ausbleiben des reibungslosen Funktionierens wird das uns umgebende Versorgungssystem spürbar, sichtbar. Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen. Und ist es nicht eigentlich ein tolles Abenteuer, über Schnee und Eis zu schliddern auf der Autobahn, nachts um Drei – kann man das bei aller Panik um das schöne Blech nicht auch mal genießen?

Liebe Leserbriefschreiber und Straßenfeger, liebe Armbanduhrchecker an den Flughäfen, liebe Schlangenvordrängler – ich bin ja genau so ungeduldig wie ihr, genauso übertaktet, genauso unfähig mal ein paar Stunden ohne Twitter oder RSS, ohne Mail oder Medien klarzukommen. Ich verstehe euch ja. Aber es gibt Situationen, da ist es gut, den inneren Kontrollfreak in den Schrank zu stellen und das Leben nicht als Fließband misszuverstehen. Es gibt Brüche, Pausen, Unwägbarkeiten unter der ja nur scheinbar glattgezogenen Zivilisationsfassade, und die kleinen alltäglichen Störungen können als Erinnerung daran dienen, wie fragil die Balance unseres Alltags ist und wie groß der Luxus, den wir genießen. Wir erleben meist keine Orkane, keine Sturmfluten und noch hat uns niemand Hochhäuser weggesprengt – lasst uns verschneie Straßen und rutschige Gehwege, Warten am Bahnhof und unklimatisierte Züge als homöopathische Dosen der Risiken wahrnehmen, die wir gebändigt haben.

Auf keinen Fall aber sollten wir uns nach einer 100%ig kontrollierbaren, klimatisierten, beheizten Welt sehnen, in der es keine Überraschungen mehr geben kann und alle Züge immer pünktlich fahren, alle Briefe immer zeitig eintreffen, es wäre die langweiligste aller Existenzen.

12. Januar 2011 11:46 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 13 Antworten.

Spiegel

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Klebte gestern abend auf dem Spiegel bei damenundherren – ab einer gewissen Uhrzeit natürlich je nach Zustand der Gäste ein spitzemeta Aufkleber.

8. Januar 2011 19:47 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Chuck Palahniuk: Tell-All

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Chuck Palahniuk ist der einzige Autor, der mich nicht überraschen würde, wenn er einen Roman aus Sicht eines Virus in Morsecode schreiben würde, ehrlich. Nach dem meisterhaften «Rant» und dem wunderbar verschrobenen «Pygmy» kommt er mit «Tell-All» wieder mit einem ganz neuen Sound daher. Das Buch ist aus der Perspektive von Hazel Coogan geschrieben, der Haushälterin der Hollywood-Legende Katherine Kenton. Mit seltsamen Überlagerungen der Erzählung und bizarren Wendungen mutiert das Buch zu einem gesprungenen Spiegel, dessen Puzzleteile fast widerwillig die Handlung bloßlegen. In typischer Palahniuk-Manier ist nicht alles, wie es aussieht, sind Erzählfiguren zuverlässig unzuverlässig, und der Plot eskaliert in rasanter Weise zur brutalen Persiflage. Als Hollywood-Hommage geschrieben, verwendet die Geschichte immer wieder Drehbuchjargon und wirft in einer solchen Art mit Namedropping um sich, das man vermuten darf, Palahniuk hat eine Lohnliste des Goldenen Traumfabrik-Zeitalters in seine Story schmuggeln wollen. Fiktion und Realität gehen nahtlos ineinander über, Filmdreh und Privatleben umarmen sich tödlich, Gier, Neid und Schönheitswahn sind allgegenwärtig und die Dreiecksbeziehung zwischen den beiden Damen und dem mörderischen Beau Webster Carlton Westward III ist an Surrealität kaum zu überbieten.

Bemerkenswert ist, wie Palahniuk hier eine Handlung, die aus einer Art perfider Screwballkomödie kommen könnte, mit nahezu charmanten Betrügern und Gegenbetrügern, die sich gegenseitig ums Leben bringen wollen, in ein zutiefst dekonstruktives Korsett bringt und zu einer wirschen Groteske umformt, die nun mal typisch für seinen Stil ist. «Tell-All» ist dabei nicht so episch wie Rant, nicht so schräg und krank wie «Pygmy», nicht so schnell wie «Snuff», und das Namedropping-Tourette nervt nach einer Weile ungeheuer – und dennoch fühlt sich das Buch richtig an, winkt wie Zombies die Geister vergangener großer Hollywood-Streifen hervor, glüht mit der Energie der alten Traumfabrik, nur eben durchs Palahniuks kranken Geist gefiltert. Es ist ein bisschen spannend, ein bisschen witzig, ein bisschen absurd – und vielleicht ist ein von allem dann eben auch ein bisschen zu wenig, um wirklich ein großes Buch zu ergeben, was es mit unter 200 Seiten vielleicht auch gar nicht sein soll. «Tell-All» fühlt sich mehr an wie eine gestreckte Kurzgeschichte, eine Novella, ähnlich wie «Snuff» eine schnelle manische Skizze voller Wendungen und Irrungen, die das Buch trotz des hier teilweise schwer verdaulichen Schreibstils immer spannend halten. Neben Lullaby vielleicht Palahniuks schwächstes Werk, aber selbst schlechte Bücher von diesem Autor sind nun mal immer noch besser als das meiste, was andere Leute in ihrem ganzen Leben schreiben.

10:53 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

M.I.A.: Maya

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Es ist so leicht. M.I.A. nicht zu mögen. Die aufgesetzten Botschaften, die Attitude, der ganze Raggamuffin-Industrial-Sound, das ganze Globalisierungsthema. Dennoch ist ihr drittes Album ihr bisher bestes. Und das nicht nur, weil sie die Leute mit dem poppigen XXXO – ein Track, der genau das ist, wogegen er protestiert – in ein Album zieht, das alles andere als leicht konsumierbar ist. XXXO ist wirklich das Hugs-and-Kisses-Ding, eine federleichte Radionummer, die den M.I.A.-Fan eher irritieren dürfte, den beiläufigen Käufer aber vielleicht dazu verführt, ein Album zu kaufen, das ambitionierter kaum sein könnte. Es ist nicht schwer, die Flut digitaler Information unseres Zeitalter hier musikalisch widergespiegelt zu sehen – wie eine Lawine kommt diese Musik auf dich zu und überrollt, überfordert dich, bis an den Rand mit kleinsten Details vollgestopft, sexy und herausragend und zugleich auch anstrengend und schmerzhaft. Es ist die gleiche Sorte Schmerz/Lust in dieser Musik, die man vielleicht von Mark Stewart und seiner Maffia kennt oder von manchen Arbeiten von Adrian Sherwood, oder auch von frühen Thrash-Metal-Tracks. Es ist eine moderne Verkörperung von adoleszenter Wut, mit Distortion auf nahezu jedem Instrument, mit einem digital-native-Sound, einem modernen Ghetto-Sound aus dem Laptop, der ohne Rücksicht auf Regeln primitive und zugleich hypnotische Musik hervorbringt. Unter dem Wust elektronischer Bässe und Sounds, nervöser Samples und hektischer Drumbeats ist es mitunter schwer, die Musikerin wahrzunehmen, die nicht selten gegen die Kakophonie anzuschreien scheint, die so irritierend und «too much» ist wie das Artwork des Albums.

Es ist bemerkenswert, einerseits eine so süßliche Pophymne wie XXXO abzuliefern und andererseits ein so sperriges Album dagegenzustellen, dass keinerlei Mainstream-Appeal haben dürfte und die schon nicht eingängigen ersten beiden Platten der Künstlerin in Sachen Härte und Sperrigkeit problemlos in den Schatten stellt. Maya ist ein smartes, witziges, böses Album, das scheinbar mühelos die verschiedensten musikalischen Einflüsse durch die digitale Wurstmaschine dreht und einen seltsam ortlosen Globalista-Beat daraus macht, eine Weltmusik, die keine Welt mehr braucht und insofern natürlich der ideale Kommentar zu einer Welt ist, in der indische Gesangsstrukturen, amerikanischer Hiphop, europäischer Techno-Industrial, Breakbeat, japanischer Cheesepop und Ragga problemlos zu einer Suppe zu verrühren sind, die am Ende auch noch gut schmeckt. «Maya» ist ein dystopischer Soundtrack zur ausklingenden Dekade, eine schleifende, zersetzende, eitle, größenwahnsinnige und ganz wunderbare Einspielung, das Monument einer geschrumpften Welt, die bedrohlich und überwältigend wirkt, voller Sounds, Sirenen, Maschinen, Explosionen – eben der Welt, die uns jeden Tag umgibt.

4. Januar 2011 11:38 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Martina Topley Bird: Some Place Simple

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Martina Topley Bird ist eine der besten Stimmen der letzten zwei Dekaden, mit ihrer glasig-sandigen Stimme nicht umsonst regelmäßiger Gast bei Tricky, Massive Attack und anderen Bands, aber ihre Soloprojekte scheinen nie richtig Fuß zu fassen. Was vielleicht daran liegt, dass Sie – ob aus Experimentierlust oder Orientierungslosigkeit – auf nahezu jedem Album ihren Sound weitestgehend ändert. War «The Blue God» von 2008 eine eher konturlose Pop-Einspielung, die die Sängerin in eine zu glatte Überproduktion einwickelte, ist «Some Place Simple» das genaue Gegenteil. Dem Namen gerecht werdend, liefert das Album minimalistische Fassungen bestehender Songs und eine Handvoll neuer Kompositionen. Das Album wirkt wie eine Vorbereitung auf eine Unplugged-Tour, diese Sorte Singer-Songwriter-Platte, die uns nur Stimme und ein absolutes Minimum an Instrumentierung liefert. Dabei ist MTB nicht so radikal wie etwa Lou Rhodes – an ihrem schlichten Ort lässt die Musikerin durchaus Schlagzeug, E-Gitarre und einige Keyboard-Sounds zu -, aber dennoch ist es spannend, «Sandpaper Kisses» so reduziert und unterproduziert zu hören. Es ist fast unwirklich, dass die Sängerin nach dem moderaten Charts-Erfolg des letzten Albums nun zu Tönen greift, die das Pop-Publikum eventuell vergraulen dürften, aber das Ergebnis ist mehr als hörenswert und Zeugnis ihrer Suche nach einer eigenen Identität. Bei aller Reduktion sind die 15 Tracks des Albums abwechslungsreich und niemals langweilig, die eher schlecht wirkende Produktion unterstreicht eher die Intimität des Albums. Man darf sich fragen, warum eine Musikerin auf ihrem dritten Soloalbum das Bedürfnis hat, weite Teile der beiden vorhergegangen Alben neu einzuspielen (zumal die Quixotic-Tracks eigentlich hervorragend sind), vielleicht fühlte sich Topley Bird unter der reichen Produktion vergraben. Warum auch immer, sie schmiergelt ihre Songs mal sanft mal brutal aufs nötigste Minimum herab, legt Muskeln und Knochen frei und zeigt fragile Kompositionen, die auch nach teilweise acht Jahren frisch wirken. Bemerkenswert ist, wie sehr die drastischen Unterschiede zwischen dem Debut Quixotic und dem von DangerMouse überproduziertem Blue God in diesen Versionen verschwinden – obwohl die beiden Alben kaum unterschiedlicher sein könnten, wirken die Songs hier wie aus einem Guß. Überhaupt ist dies das erste Album von MTB, das einen durchgehenden, einen homogenen «Sound» hat. Wo sie sich früher auszustrecken scheint, mal einen Trip-Hop-, mal einen Pop-Song produziert, die ganze Palette ihres Könnens und ihrer musikalischen Interessen auszutesten scheint, wirkt «Some Place Simple» klar und luzide, reduziert, verortet. Auf ihrem dritten Album, so scheint die Botschaft, weiß MTB, was sie will, sucht nicht mehr nach Zielgruppen, hat ihre alten Songs für sich zurückerobert und klarer, lyrischer gemacht. «Some Place Simple» klingt wie eine Rückbesinnung auf die eigenen Qualitäten gegen den Burn Out der Musikindustrie: Weniger, aber besser. Das Photo auf dem Plattencover scheint gegenüber dem Motiv von «The Blue God» ein Versprechen zu sein, dass die Musikerin sich selbst gibt. Wo auf dem Album von 2008 eine Art Diva im Lichternebel der großen Stadt posiert, eine photogeshoppte James-Bond-Retro-Göttin, präsentiert sich MTB auf dem neuen Cover mit einem spontan wirkenden Photo aus einer Studiosession – etwas angeblitzt, nicht in die Kamera schauend, bei sich – eher ein Facebook-Photo als ein glamouröses Albumcover einer Pop-Sängerin. Topley Bird, so die Botschaft, scheint die Masken abgelegt zu haben, nicht mehr Ziehkind von Tricky und Co zu sein, aber auch nicht die Grande Dame, die die Plattenfirma aus ihr machen wollte, sondern nur noch Sängerin und Musikerin. Eine gute Basis für das nächste Album, auf das Tracks wie das fröhliche «All Day» und das atmosphärische «Orchids» einen herausragenden Vorgeschmack geben.

11:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Roots. How I got over

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«How I got over» lässt keinen Zweifel daran, dass The Roots einer der elegantesten und genrefreiesten Acts der amerikanischen HipHop-Scene sind. Jazzy, mellow, aggressiv, progressiv, politisch und laid back zugleich präsentieren sich Black Thought und Questlove hier als US-Gegenstück zu den britischen Massive Attack. Eine wahre Flut von Gastmusikern, großartige Beats und opulente Live-Instrumente verankern dieses Album an einer musikalischen Schnittstelle, die wenige Bands so souverän und klischeefrei bespielen wie die Roots. Das abgeklärte «A Peace of Light» macht direkt von der ersten Sekunde an klar, dass die Roots sich an keine Regeln mehr halten müssen und einfach ihrem musikalischem inneren Kompass folgen dürfen. Und so bringen sie so unterschiedliche Partner wie Joanna Newsom, John Legend oder die Monsters of Folk zusammen (vor allem durch Sampling bestehender Songs), die den relaxten dicken Beat der Roots-Songs bereichern. Das Ergebnis ist erfrischend unmodern und weit entfernt von aktueller Rap-Musik und fühlt sich gerade dadurch hochgradig frisch und relevant an, obwohl die Roots eigentlich nur konsequent da weiter machen, wo sie mit «Rising Down» eigentlich aufhören wollten. Die hypnotischen Philly-Grooves sind so samtig, dass es fast schwer fällt, durch die relaxten Rhythmen hindurch wahrzunehmen, wie unfassbar gut die Produktion ist, die in jedem Detail Spaß macht. «How I got over» ist eine wunderbare Fusion alter Soultradition mit modernem HipHop und eine durch und durch «Jetzt erst recht»-optimistische Einspielung. Die Band zeigt sich groovig und entspannt, selbstbewusst im eigenen Sound, trotzdem experimentell genug, um nicht zu langweilen, mutig genug, um sich zurückzunehmen und die verschiedensten Einflüsse aus Pop, Folk und Alternative in ihren Sound einzuflechten. Unterm Strich ergibt das bei allen kritischen Lyrics ein wunderbar sonniges Album, das durchgehend bemerkenswerte Songs und echte Ohrwürmer produziert, das die schwierige Balance zwischen Eingängigkeit und Anspruch unglaublich federleicht schafft, eine Platte für die Ewigkeit aus dem Handgelenk.

10:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Uffie: Sex Dreams and Denim Jeans

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Als Freundin des Edbanger-DJs Feadz war Uffie vor ein paar Jahren Teil des ganzen Elektro-Hypes um Justice und Mr. Oizo, zu dem ihre androgyn-gelangweilt-überspannte Sexualität nur zu perfekt passen wollte zum Soundtrack einer vom Rock auf den Dancefloor übertragenen Sex-and-Drugs-Attitude. Dann ist Uffie irgendwie ziemlich abgetaucht und ein LA-Girlie namens Kesha hat den Autotune-Gesang von Uffie mit Kirmesklingeltechno gekoppelt und sich zum Chartstar aufgeschwungen. Dumm gelaufen – zumindest sofern Karriere und Geld die wichtigsten Faktoren sind. Wobei Uffie das Leben eines Popstars ohnehin lebt, auch ohne jemals wirklich einer gewesen zu sein, vielleicht spielt es dann auch irgendwie keine Rolle, ob die auf Platz Eins in den Charts bist.

Das Album selbst ist alles andere als der Versuch, der Nachahmerin den Hitparaden-Thron streitig zu machen, im Gegenteil. Sex Dreams and Denim Jeans wirkt entspannt, fast verpeilt, enthält neben dem Klassiker «Pop The Glock» eine Vielzahl verschiedener Ansätze, die mal straighter in Richtung des von Uffie vertrauten naiven Kinder-Hiphop gehen («Add SUV»), mal in Richtung nervöse New-Wave-Hommage gehen («Hong Kong Garden») und sich ansonsten in dem so abgesteckten Feld zwischen Dancefloor und Indie munter von Idee zu Idee hangeln, so dass sogar mal ein mit Schrammelgitarren durchsetzte gerade Popnummer geht («Sex Dreams and Denim Jeans»). Auch wenn hier und da mal eine Justice-Snaredrum durchblitzt – die Tracks wirken weniger druckvoll und energetisch als man es von EdBanger gewöhnt wäre (mit Ausnahme von «MCs can kiss»), die Beats sind meist gerader, altmodischer, weniger dekonstruiert. Ähnlich wie Robyn in ihrern besseren Momenten gelingt Uffie ein urban-gelangweilt-androgyner Gesang irgendwo zwischen normalen Vocals und Sprechgesang, eine Art Anne Clark auf Valium. Hört man die durch Autotune verfremdete Stimme von Uffie, verkörpert die Sängerin, die keine ist, eine Art Sehnsucht nach digitaler Perfektion, mit der es kein echter Mensch mehr aufnehmen kann – Uffie ist die Stimme der Androiden und Replikanten, ein hedonistisches Echo aus der Zukunft. Und ihr Musik ist der Soundtrack zum verquartzten Aftershow-Frühstück in elegant-unaufgeräumten Wohnzimmern, die unaufdringliche Backgroundmusik, Post-Pop-Post-Soul-Chillout- Muzak, eine Art Pop-Art der Popmusik, eine gekonnte Auseinandersetzung mit den Methoden, die momentan die Charts beherrschen, die aber in dieser Produktion von Feadz, Oizo, Mirwais and SebastiAn zu völlig anderen Ergebnissen führen. Wo Sampling von 70er und 80er Songfetzen, analoge Drumsounds und entkörperlichter Gesang sonst zu Hits führen, mündet dieses Album in einer phantastischen Trägheit, die es immer einen Hauch vom reinen Chartspop entfernt hält – es ist lasziv, müde, too drunk to fuck. Der Versuch, diese bei «Pop the Glock» erfolgreiche Mixtur über ein ganzes Album zu ziehen, gelingt natürlich nicht immer, vielleicht bräuchte es aber auch eigentlich gar kein «echtes» Album von Uffie, sondern immer nur mal wieder ein oder zwei Songs bei MySpace. Denn am Ende ist der Reiz an Uffie, dass Sie das quintessentielle Teenie-Mädchen ist, das mit der Haarbürste in der Hand und billigen My-First-Sony-Effekten zu ihren Lieblingsliedern trällert und vorm Spiegel hüpft bevor sie am Samstag in die große Stadt geht.

10:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.


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