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Melissa auf der Maur: Köln Kulturkirche Live

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Es gibt so etwas wie zu cleanen Rock. Zu professionell, zu gekonnt, zu geschliffen, zu cerebral und zuwenig gelebt. Und es gibt Rock, der trotz aller Fehler und Shortcomings aufrecht steht, mit diesem Schmuddelkind-Grinsen, der nicht funktionieren sollte und doch bestens geht. Es ist selten, an einem Abend beide Spielarten so Rücken an Rücken zu erleben, aber das Konzert von Melissa auf der Maur und Heroes&Zeroes in der Kölner Kulturkirche verläuft genau entlang der Demarkationslinie zwischen Zombierock und gelebter Musik. Es ist weniger ein Konzert als vielmehr eine Studie zweier verschiedener Arten, Musik live zu produzieren.

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Denn die in ihrer Heimat erfolgreiche Vorband Heroes&Zeroes, die in der Kulturkirche vor halbvollem Haus spielte, wußte sich die hallige Akustik der Kirche zunutze zu machen und brillierte mit einer unfassbaren Klangfront, die man den drei Männern kaum zutrauen würde, selbst wenn jeder der Musiker zusätzlich zu Gitarre, Bass oder Schlagzeug einen alten Synth vor sich aufgebaut hatte. Mit dem Albumsound kaum kongruent, produzierten die Osloer einen gewaltigen, göttlichen Krach irgendwo zwischen Indie und Rock und Metal, einen dichtgewebten Noiseteppich, in dem du oft genug nicht sagen kannst, wo der Bass anfängt und die Gitarre aufhört, wo Hans Jørgen Undelstvedt seine Stimme elektronisch mit einer Art Kaos-Pad durch Filter und Delays jagt oder wo andere Effekte den Sound dominieren. Das Ergebnis ist eine Musik irgendwo zwischen The Cure und Red Sparrowes, die die Band mit großer Freude – vorweg Lars Løberg Tofte am Bass und Drummer Arne Kjelsrud Mathisen – in den Raum pumpt und dabei spürbar selbst einen Heidenspaß hat. Kein Wunder also, dass ich mir nach dem Gig noch eine CD (Dead Media, yay!) der Band kaufte. Unprätentiös, direkt, erdig, laut und wunderbar noisy – natürlich kann keine CD diese Qualitäten einfangen, das Album ist viel leichter und konsumierbarer, aber dennoch: Was für ein Konzert, was für eine Energie und Leidenschaft. Großartig.

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Und was für ein Gegensatz zum Hauptact des Abends, der Ex-Hole/Ex-Smashing-Pumpkins-Bassistin Melissa auf der Maur. Deren allzugewollte Überinszenierung beginnt bereits mit einem Film, der vor dem eigentlichen Konzert läuft, dramatische Musik vom Band, die abrupt abbricht und einen seltsamen Gegensatz abgibt zu den vier Gestalten, die auf die Bühne kommen, auf der Maur mit einem Glas Rotwein in der Hand. Die Jungs in der Band tragen schwarze Einheitskluft, mit einem M markeirt, Corporate Clothing, vielleicht eine ironische Brechung der Tatsache, dass hier scheinbar drei angemietete Musiker der Chefin zuarbeiten, vielleicht auch nur der Versuch, das (in der Tat ausgezeichnete) Branding von MadM, das ohnehin die Bühne dominiert, weiter durchzuziehen. Der Effekt ist nur leider, dass Auf der Maur tatsächlich ein wenig wie ein kalkuliertes Produkt wirkt, eine Art multimediale Gesamtinszenierung, die einfach einen Hauch zu gewollt, zu durchdacht, zu gekünstelt ist. Dieser Eindruck zieht sich durch – die Band spielt einen Hauch zu sauber, zu Mucker-mäßig, zu glatt, in einem etwas an AC/DC-Bluesrock auf Stereoiden erinnernden Sound, und der etwas unkontrollierbare Sound der Umgebung tut diesem allzu cleanen Rock nicht gut. Außer dem Drummer wirken die Musiker ein wenig gelangweilt, vielleicht verständlich, wenn man nicht nur eine Tour durch zig Länder in Europa auf dem Buckel hat, sondern dazu noch in einer nicht ausverkauften durchaus recht kleinen Location spielt. Auf der Maur selbst scheint es nicht anders zu gehen, es gibt Momente, wo sie sich spürbar sammeln muss, um etwas Show zu machen, in sich geht, um irgendwoher die affektierten Showgesten und die einstudierten Rockposen hervorzuzaubern, mit denen sie sich durch den Abend rettet. Am deutlichsten wird dies bei ihren «Duett» mit Glen Danzig, das als Halbplayback läuft. Das Publikum reagiert trotz an sich guter Stimmung plötzlich ein wenig irritiert, als die Band unvermittelt die Bühne verlässt, MadM eine längere, leicht konfuse (der Rotwein wirkt) Ansprache hält und dann von Band (bzw aus dem Rechner) der komplette Song läuft, mit diesem etwas schlechterem Sound, den Aufnahmen über eine Live-PA oft haben, während Auf der Maur dazu singt und mit den Armen in der Luft gestikuliert, als sei sie auf einem Videoset oder im Zwischenfall der 80er Jahre und würde durch den Nebel wabern. Es ist also alles ein wenig zu viel, zu gewollt, zu aufgesetzt, zu sehr L.A. Es treffen hier fast zwei Modelle von Musik aufeinander. Da ist einerseits das Modell von Rockmusik als Inszenierung für das Publikum, von erlernten Posen und musikvideo-kompatiblen Gesten, eine Musik nicht für sich selbst, sondern für das Publikum, für den Erfolg, Musik, die geliebt und konsumiert werden will und dafür alles tut, was getan werden muss. Es ist Brand-Rock, mit Logos, Hyperstlisierung, mit Fransen am Bühnenoutfit, die jede Geste überbetonen, mit der gewollten Coolness, die so uncool wirkt. Auf der anderen Seite das Trio aus Oslo, das durch das Publikum mitunter fast gestört wirkt – der Sänger singt mit geschlossenen Augen, die Blickkontakte finden mehr in der Band als zwischen Band und Zuschauern statt, der Sänger wendet sich, wenn er an seinem Effektgerätepark steht, sogar fast mit dem Rücken zum Publikum, die Drums stehen am Bühnenrand, den anderen Bandmitgliedern zugewandt. Es gibt wenig Ansagen, es gibt keine großen Gesten, es ist jederzeit klar, dass es um die Musik geht, nicht um die Verpackung von Musik, um die eigene Erfahrung des Musik-Machens, nicht um das Abliefern eines fertigen vorgeplanten Produktes, das man als eine Art Jukebox Abend um Abend abzuliefern hat und zu dessen Produktion man sich eine Handvoll Leiharbeiter hinzuzieht.

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Es ist fast charmant, wenn an einem einzigen Abend zwei so grundlegende Modelle von Musikperformance aufeinanderprallen mit so unterschiedlichen Ergebnissen und du als Zuschauer begreifst, das diese Modelle nicht nur für dich selbst als Rezipient eine Rolle spielen, sondern vielleicht auch für die Performer auf der Bühne. Denn die Frage. ob es für Heroes&Zeroes ein guter Abend war, hängt für diese Art von Band vielleicht gar nicht so sehr davon ab, wie voll es war oder wieviel T-Shirts man nach dem Gig verkauft hat, sondern vom eigenen Spiel, von der Frage ob der Bass im dritten Lied gut war oder davon, wie gut das Solo am Ende abging. Für MadM ist das Publikum die einzige wirkliche Größe geworden – ein guter Gig hat nichts mit der eigenen Musik zu tun, sondern mit der Venue-Größe, der Reaktion der Gäste, dem Marketing-Impact des Ganzen. Wer sich ernsthaft auf eine Live-Bühne stellt und zu einem Halbplayback singt, bei dem ist klar, dass es eben nicht mehr um das eigene Machen von Musik live genau in dem authentischen Moment geht, sondern nur um die möglichst saubere serienartige Reproduktion eines vor Monaten im Studio entstandenen Werkes. Die Qualitätsfrage entscheidet sich bestenfalls an der Auflösung von Spontaneität, also daran, wie präzise man dem Studio-Vorbild nahegekommen ist, wie wenig man Modifikationen, Erweiterungen, Änderungen in der gemeinsamen Bühnenimprovisation erarbeitet hat. Heroes hingegen haben ihr Studiomaterial bis an die Grenze der Unkenntlichkeit entstellt, auf den Raum reagiert, aufeinander, und haben eine noisige, aber schwingungsvolle Improvisation der eigenen Musik, einen fast jazzig-lässigen Umgang mit dem eigenen Material, bewiesen. Auch wenn ich natürlich auch eher wegen MadM anwesend war, deren aktuelles Album ja tatsächlich auch großartig ist, ist die Vorband insofern in jeder Hinsicht der Gewinner des Abends, sind von der Bühne in meinen Plattenfundus gewandert, während ich ein Auf der Maur-Konzert wahrscheinlich nicht wieder besuchen würde, einfach, weil mit bloßen Händen greifbar ist, wie sehr sie das, was sie da auf der Bühne machen muss, selbst anödet. Wieso sollte es mich dann mehr interessieren?

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29. November 2010 20:34 Uhr. Kategorie Live. Tag , . Keine Antwort.

Teufel – Denker

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28. November 2010 09:49 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Schneerad

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27. November 2010 11:15 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Echter Schnee Falscher Schnee

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26. November 2010 10:36 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

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In vielerlei Hinsicht ist dieser Harry Potter Teil der vielleicht beste der Serie. Und das trotz der Tatsache, dass die Dialoge unglaubwürdig, die Charaktere papierdünn, die Handlung sprunghaft-unlogisch ist, trotz der Tatsache, dass der Film streckenweise lähmend langweilig ist und die Trickeffekte bestenfalls routiniert-uninspiriert umgesetzt sind. Fast nichts an diesem Film ist bemerkenswert oder gar spannend, streckenweise fühlt er sich an als habe man sich in eine alte Folge einer beliebigen ZDF-Kinderserienversion eines Enyd Blyton Buches verirrt. Mit Ausnahme zweier Details ist der Film an sich wenig bemerkenswert.

Und wer hätte auch mehr erwarten wollen? Das letzte Buch der Potter-Reihe, an sich eines der kürzeren,, ist hier in zwei Teile geschnitten, dabei wurde es kaum einen rechtfertigen. Während das Buch, das eine Zweiteilung gerechtfertigt hätte – Band 4 – auf die übliche Spielfilmlänge eingedampft wurde, wird das Finale herausgezogen wie ein Kaugummi, und so entsteht ein seltsamer Vorspiel-Film, eine Atempause vor dem Finale. Und obwohl Drehbuch und Regie mit der schwachen, blutarmen Vorlage zu kämpfen haben, erzeugt dieser Break einen seltsamen, mitunter fast hypnotischen Effekt in einer Filmreihe, die von Hektik und absurder Verkürzung geprägt ist – es scheint, als sei Potter 7.1 einfach gar nicht Teil der Serie. Tatsächlich wirken die Szenen, die sich noch am ehesten nach den normalen Potter-Filmen anfühlen seltsam deplaciert, surrealistisch, gemessen an der Tranquilität der Aufnahmen von weiten Landschaften, durch die drei Teenager wandern.

Natürlich steckt hinter dem siebten Kapitel von Rowlings Buch eine wenig getarnte Coming-of-Age Geschichte, in der Potter und seine Scoobies Hogwarts verlassen haben, keine Autoritätsfiguren mehr haben, auf sich alleine gestellt sind. Sie sind auf einer Backpacker-Tour (die ein wenig an Alex Garlands The Beach erinnert), aus denen David Yates Bilder zaubert, bei denen man nicht überrascht wäre, wenn ein dezentes «präsentiert vom Britischen Ministerium für Tourismus» am unteren Bildrand erschiene. und ob beabsichtigt oder nicht – gegenüber der bildgewaltigen Realität der Naturaufnahmen wirken die Studiobauten und Trickeffekte der «magischen» Welt blass, unwirklich, lächerlich. Und selbst wenn die echten Konflikte von Harry, Hermione und Ron ein bisschen zu konstruiert, zu «emo» sind, die langen Brennweiten und weichgezeichneten Hintergründe ein wenig zu sehr an «Twilight» erinnern – all diese Teeniebop-Konflikte wirken immer noch tausendfach überzeugender als die abstrakte, schleppende Suche nach Horcruxen oder tödlichen Heiligtümer, denen das Trio der unsinnigen Logik von Telespielen folgend hinterherzujagen hat.

Da die Kids der Gefahr jederzeit durch Teleportation entkommen, wirken die Konflikte nur zusätzlich unwirklicher – sprunghaft wechseln wir von den monoton-introspektiven Zeltszenen zu seltsam selbstähnlichen Scharmützeln, deren Handlung und Figuren der Film kaum erklärt, sich darauf verlassend, dass ohnehin jeder Zuschauer die Bücher kennt, bestenfalls skizzenhaft erläutert. Wie glaubhaft können diese Sequenzen wirken, wenn zentrale Charaktere offscreen, fast beiläufig sterben oder die Scoobies fast sprunghaft wieder in die «Muggles»-Realität zurückgeschleudert werden?

Harry Potter and The Soft Machine
Keine Frage, in diesem Teil ist die Welt von Hogwarts und Co nicht mehr der harmlose eskapistische Traum des kleinen Waisenkindes, das unter der Treppe wohnt, keine harmlose Phantasiewelt mehr – sie ist ein Drogentrip geworden. Als würde William S. Burroughs uns persönlich an Bord des Nova Express begrüßen, begegnet Harry multiplen Versionen seiner selbst, verwandelt sich in andere Menschen, erlebt, wie ihm sein Gesicht wegschmilzt und hat böseste Halluzinationen, wird paranoid und vertreibt seine besten Freunde. Und kein Wunder flüchtet Harry in Drogenphantasien, er hat ja genug Traumata zu verarbeiten – Eltern und Ersatz-Vaterfigur umgebracht, von der Schule geflogen und in einer Welt, die sich so feindselig und zukunftslos anfühlt wie für jeden durchschnittlichen 18jährigen. Und dass Harry ein Young Adult geworden ist, macht Yates uns mit dem Holzhammer klar, indem Daniel Radcliffe mehrfach seinen nackten leicht behaarten Oberkörper zeigt.

Und so mutiert der Film – wahrscheinlich ungewollt – zu einer phantastischen Drogenfarce, einem bizarren Fiebertraum, was vielleicht nur beweist, dass gerade dann Subtext entsteht, wenn es eigentlich keine wirklich Handlung entsteht, dass das menschliche Gehirn eben Muster in der Schwärze der Nacht sehen will. Denn nur wenn man diese Drogenallegorie entdecken will, macht der Film auf morbide Art Spass. Dann werden Zauberstäbe geteilt wie HIV-verseuchte Spritzen, hängen die Kids nachts in siffigen Cafés auf der Suche nach Stoff, jagen verfolgt von einer anderen, älteren, fieseren Gang, dem nächsten Schuss hinterher. Die Tatsache, dass die Scoobies von Anfang an unglaublich verschattete Augehaben und Rons Augenringe gegen Mitte des Films sein halbes Gesicht auszumachen scheinen, wirkt so nur folgerichtig. Als Zuschauer wundern dich dann eben auch neonfarbene Bambis nicht mehr oder nächtliches Nachtbaden, geschweige denn die Tatsache, dass Harry Potters Brillengläser verschiedene Grössen zu haben scheinen und diese auch noch permanent wechseln. Und dann öffnet sich die Tür zur Deutung von Potter als grosser Eskapismusliteratur, in der Hogwarts und Hagrid, Butterbier und goldene Flügelbälle nur kleine Fluchten eines Waisen sind, der bei seinen Pflegeeltern untergebuttert ist, eingepfercht und freu(n)dlos in ein grellbuntes Phantasieuniversum entflieht, das er sich aus Versatzstücken von Tolkien, Gaiman und Internatsromanen patchworked. Harry Potter goes Trainspotting. Man muss Yates dankbar sein, dass er in seiner hilflosen Art, einen schlechten Stoff umzusetzen, diese hermeneutische Perspektive überhaupt erst eröffnet, wahrscheinlich unbewusst subversiv die gesamte Franchise in eine düstere Parabel über die Kinder vom Bahnhof King’s Cross verwandelt. In diesem Sinne ist der Film nicht trotz sondern gerade wegen seiner enormen Schächen und Schwachsinnigkeiten phantastisch und, richtig gesehen, von fast an David Lynch erinnernder Strahlkraft.

Harry Potter in the Interzone
In dieses Deutungsschema passt auch der zweite rettende Faktor des Films – die atemberaubende Animationssequenz von Ben Hibon, die die Ursprungsgeschichte der drei Deathly Hallows erzählt. Graphisch reduziert und zugleich in opulentem 3D springt Hibons Kurzfilm in die blässliche Filmwelt von Yates wie einst die Manga-Sequenz in Tarantinos Kill Bill, strahlender und fesselnder überraschender Bruch der Realität. Was bei Tarantino nur kongenial war, hebelt hier den gesamten Film aus, ist so maßlos dem mauen Rest überlegen, dass man sich fragt, wieso niemand merkt, wie sinnlos und müde der Film wirkt, nachdem die Animationssequenz vorüber ist, wie unerträglich wenig magisch der Realfilm im Vergleich wirkt. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Animationsstil für Fantasy einfach viel besser geeignet ist, wenn man ihn nur jenseits müden Zeichentricks denkt, hier ist er. Für kurze Minuten erdrücken und ersticken dir Bilder nicht die Phantasie, sondern beflügeln sie, gerät die Verfilmung nicht zur Beleidigung der (ohnehin schwachen) Vorlage, sondern gewinnt eine eigene künstlerische Note, die über das Mummenschatz-Laienspiel hinausgeht, an das uns die bisherigen Potterfilme und ihre Artverwandten doch so gewöhnt haben. Nur aus Schatten und Texturen besteht plötzlich die Geschichte, die Charaktere fast unkenntlich und doch präsenter als die menschlichen Hauptdarsteller, wunderbare Camera Obscura, zittrig flickende Bilder an der Höhlenwand, ein Faustscher Teufel, der nur aus Rauch und Mythos zu bestehen scheint. Wie banal und popelig wirkt dagegen der Rest des Films, mit den schlecht weggeschminkten Bartstoppeln und dem Tod des Hauselfs Dobby, der berührend sein soll, aber doch nur eine alberne deutlich erkennbare Gummipuppe und ödes Computergedöhns bleibt. Wer will schon wegen einiger Pixel weinen? Wenn schon Computer, dann doch bitte nicht so armselig und klein wie bei Dobby oder der putzigen Magie in Harrys Welt, sondern so mythisch und zeitlos, so im besten Sinne an Dave McKeans dunkel glühende Bilder erinnernd, wie in Hibons Einschub. Es ist selten, dass ein Film sich die Freiheit nimmt, ein Element einzubauen, dessen Güte den gesamten Rest noch schlechter aussehen lässt als ohnehin schon – und dafür sollten wir dankbar sein. Denn während bei ausnahmslos allen Filmen der Reihe immer die gewisse Lustlosigkeit der Mietarbeit mitschwang, selbst bei begabten Regisseuren, selbst bei Englands besten Darstellern, die sich hier verheizen lassen, während sonst doch immer allzu leicht spürbar war, dass es nur um Merchandiseinahmen, Lizenzen und verlaute HappyMeals ging – so zeigt Hibons kleiner Ausflug, was möglich gewesen wäre, wenn nicht nur zehn Minuten der acht Filme mit Leidenschaft, Kreativität und Freude gemacht worden wären. Nicht auszudenken, wie gut eine Filmserie gewesen wäre, die so, wie Hibon aus der öden «Be careful what you wish for»-Moralgeschichte Rowlings einen visuellen Parforceritt gemacht hat, den gesamten Stoff mit Energie und Feuer re-interpretiert hätte.

Und so führt uns Yates am positiven Beispiel, am leuchtenden What-if vernichtend vor, wie atemberaubend öde, anämisch und seelenleer die gesamte Potter-Franchise ist, die zu eng an der Vorlage klebte und dieser doch in ihren wenigen guten Facetten nie gerecht werden konnte, die keine eigene Vision hat. Hibon zeigt und in zwei drei Minuten komprimiert die Ästhetik eines Fantasyfilms, der nicht auf den visuellen Stenographien und Klischees von Potter, Narnia und Co. kleben bleibt, dem immer gleichen Look all dieser Filme, sondern etwas neues und eigenes auf die Leinwand zaubert und damit eben wirklich auch verzaubert. Und dich, am Rande des Einschlafens im Angesicht des Vakuums der Handlung, für drei Minuten hellwach macht wie ein Koffeinschock, wunderbar mitreißt und begeistert, bevor er dich am Ende der Fahrt wieder in die graue Ödnis von Yates Film entlässt, der unfreiwillig davon erzählt, wie Potter genau diese Art von Magie mit dem Erwachsenwerden verliert…

Es mag Subtext sein – und meine überaktive Phantasie, die die lastwagengrossen Löcher der Filmhandlung kreativ missbraucht -, aber es ist für eine parasitäre Franchiseproduktin ein bemerkenswerter Subtext, der die eigene Existenzgrundlage so grell ausleuchtet.

Harry Potter rides the Nova Express
Es ist zu befürchten dass nach dieser Fermate in nächsten Teil wieder Business as Usual vollzogen wird, der pornographisch pyrotechnische Endkampf von Gut und Böse, der darin endet das eine Peter-Pan-artig ewig junge Fiktion von Potter und seiner Crew auf immer in Hogwarts bleibt, in einer Endlosschleife, ohne Fluchtmöglichkeit in die Realität, no Escape from the Escapism. Und wer weiß, vielleicht bedeutet das nur, dass der echte Potter – ganz wie in einer alten Folge von Buffy – aufgegeben hat, seinen Geist verloren hat, schlichtweg irre ganz in seiner Phantasiewelt aufgegangen ist, sich für immer in die Happygolucky-Welt seiner Kindheit eingekerkert hat, verkapselt in seinem kindlichen Alter Ego Albus Potter.

Insofern ist HP 7.1 der vielleicht schlechteste und beste der Potter-Filme, denn er zeigt den Versuch eines Ausbruchs in die Wirklichkeit, in der der Autist Potter kaum weiß, wie er ein Getränk bestellt, in der er nicht funktioniert der er schon zu weit entwachsen ist. Es ist eine seltsame Drogenparabel, eine wirsche und vielleicht deshalb seltsam schwerelose Geschichte von der Sinnlosigkeit des Erwachsenwerdens. Er zeigt uns, wie armselig und sinnlos die Flucht von Potter (und damit auch der Leser und Zuschauer) in die Halluzinogene Fantasywelt ist, enttarnt die Fans als Rowlings-Junkies, die sehnsüchtig auf den nächsten, gestreckten Schuss warten, die mit dem letzten Trash abzuspeisen sind, weil sie ihren Fix brauchen. Und einen Schuss gibt es ja auch noch, dann ist Schluss – bis in zehn Jahren die Potter-Saga als Fernsehserie aufgearbeitet wird (oder worin immer dann Serien laufen) und Daniel Radcliffe einen Gastauftritt als sein eigener Vater haben wird.

Burroughs hätte das sicher gemocht.

19. November 2010 01:18 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Nebel

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16. November 2010 23:07 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Robyn: Body Talk I & II

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Robin Carlsson ist international erst seit etwa fünf Jahren richtig bekannt, in ihrer Heimat kann sie aber auf runde fünfzehn Jahre Pop-Erfahrung zurückblicken, nicht schlecht für jemand, der gerade 30 ist. Es ist also nicht unbedingt so vermessen, in diesem Jahr insgesamt drei (kleinere) Alben herausbringen zu wollen, wie es auf den ersten Blick wirkt. Es scheint eine zeitgemäßere Art, irgendeine Form zwischen Single/EP und Longplayer zu finden und eine Art Vorstufe zum kontinuierlichen Output jenseits von «Alben» online anzukündigen, bei der Künstler sich aus der klassischen Vermarktungsstrategie der Labels befreien und so publizieren, wie es zu ihrem persönlichen Workflow passt. Soweit so gut, nur wissen wir spätestens seit Prince, dass der befreite Künstler nicht unbedingt bessere Ergebnisse bringt als der von den Labels so arg geknechtete – es ist ja keineswegs so, dass Herr Nelson heute bestechendere Musik macht als zu Warner-Zeiten.

Robyn etabliert sich mit den ersten beiden Teilen der Body-Talk-Trilogie als eine Art Euro-Version von Rhianna, Lady Gaga und seltsamerweise Missy Elliot – irgendwie kühler als die oversexed androids aus Übersee, blonder und trotzdem nahbarer, naiver und zugleich weniger Dummchen. Von den potentiellen Madonna-Epigonen wirkt sie zwar auch durchkalkuliert und substituierbar, aber irgendwie etwas kratzbürstiger und schräger – was vielleicht daran liegt, dass sie ihr ganz eigenes Gewächs ist und ihren eigenen Weg zur Karriere sucht. Der führt anscheinend einseits durch die Indie-Disco, in die es sie einst mit «Cobrastyle» verschlagen hat, andererseits aber durch gnadenlos süßliches radiokompatibles Popgedöhns, einen so furchtbar ironiefreien Mainstream, das man unwillkürlich mehrfach die Platte hört, um nachzuprüfen, ob grandios selbstzerfressende Songs wie «Don’t f***ing tell me what to do» und 80er-Schmonzetten à la «Dancing on my own» oder «Cry when you get older» wirklich auf der gleichen Platte sind. Ich muss zugeben, mich kickt Robyn mehr, wenn sie nicht versucht, zu singen – sondern ihren kruden, ungekonnten Rap abliefert, der zwar nicht ganz den ruppigen Looser-Charme von Uffie entfaltet, aber dennoch so wunderbar liebenswert unbeholfen reinkommt, dass man sofort höflich die Türaufhalten will. Die eher gesungenen Nummern wirken unfassbar kalkuliert – Bubblegumpop-Fahrstuhl-Synthiepopsongs, die windkanalgeföhnt aus den Boxen kommen und so synthetisch klingen, als habe George Orwell sie für die Wäschersfrauen genau so geplant. Und diese Musik zum Werbeclip ist anders als auf dem ersten Album in der Überzahl, vor allem beim pt.1 der Trilogie. Der erste Teil hinterlässt einen unfassbar seichten, ungreifbaren Nachgeschmack, ist eine öde Fata Morgana in einer nicht weniger spannenden Wüste.

pt. 2 wartet mit den etwas spannenderen Songs auf – «Include Me Out», «Criminal Intent» und «We dance to the Beat» und auch die Kooperationen «U should know better» und das glatte Dancefloor-Baby «Bad Gal» sorgen wenigstens für etwas Abwechslung und Bandbreite, sind nicht so gnadenlos für Airplay geschmiergelt und passen besser zu dem «tough fembot»-Image, dass Robyn sich verpasst hat. Der zweite Teil wirkt erwachsener, etwas wuchtiger, immer noch leichtgewichtig, aber weniger ultrascheinheilignaiv. Lediglich «In My Eyes» sollten Diabetiker weiträumig umfahren – mehr Saccharin kann man kaum in einen Song packen.

Die Balance zwischen dem wide-eyed-everybody’s-darling-Popqueen-Ding und dem etwas bitchigeren Ansatz macht den Reiz von Robyn aus, das Flirren zwischen Hausmütterchen-Retortenpop und Electroindie. Während «Body Talk pt. 2» zwar auch nicht die Qualität von «Robyn» erreicht, ist «pt. 1» wirklich beängstigend. Der erste Teil ist nicht mal nur kommerziell oder glatt, im Sinne von eben Rhianna oder Katy Perry und Konsorten, er ist dabei auch noch schlecht gemacht, öde und oberflächlich produziert. Es ist fast traurig, zu erleben, wie eine Künstlerin, die sich eigentlich so freigeschwommen haben müsste, so zurück in den Schaum sinkt und darin unterzugehen droht. Bleibt zu hoffen, dass Robyn mit dem dritten Teil der Trilogie die Nacht wiederentdeckt und wieder böse sein mag. Denn seien wir ehrlich, diese konturenlose, die schlimmsten Klischees der späten 80er und frühen 90er aufkochende Muzak, die ja bestenfalls vermeintlich die Ironie und flirrende Selbstreferentialität der Pet Shop Boys oder New Orders hinbekommt, ohne je deren Innovationskraft zu besitzen, muss doch mal langsam auch wieder verschwinden dürfen … oder zu etwas besserem führen.

15. November 2010 20:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Meshell Ndegeocello: Devil’s Halo

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Die Bassistin Meshell Ndegeocello als Ausnahmetalent zu bezeichnen, wäre eine maßlose Übertreibung. Wenn Sie nicht gerade ihr immenses Können am Viersaiter in den Dienst legendärer Jazz- oder Rockgrößen stellt, komponiert und produziert sie Soloalben, die mit einer so lässigen Pose über alle Genregrenzen hinweg springen, dass andere Musiker nur neidisch werden können. Ob introvertiert oder aggressiv, HipHop oder Jazz – Ndegeocello bewegt sich jenseits allen Schubladendenkens, neugierig auf neue Musik und andere Ufer, immer eine Herausforderung für den Hörer und zugleich ein Geschenk. Ihr nach zig Labelwechseln inzwischen achtes Studioalbum, «Devil’s Halo», macht mit dem ersten Song «Slaughter» klar, dass es krachend laut wird – die Musik kann man nur als einen seltsamen Mix aus Soul, Blues und Indierock bezeichnen, mal Uptempo und mit krachen verzerrte Gitarren, mal laid-back und relaxt, mit einem Hauch Sade-Feeling («Die Young»). Darunter Tracks, die sicher an die ruhigeren Töne älterer Alben anknüpfen, aber eben durchaus auch eine hektisch flirrende Nummer wie «Lola». Mitunter kratzt das Album dabei leider mit dem Bauch an der Landebahn der Beliebigkeit und scheint nicht richtig abheben zu wollen – es wird nie wirklich Jazz oder wirklich Soul oder wirklich Pop oder wirklich Rock, immer nur eine Melange davon, und wie das mit Melange so ist, sie schmeckt ein wenig nach Starbucks. Da sind zu viele softe Keyboardwolken, die das Potential des Gesangs und der Kompositionen – die mit eben weniger von allem viel besser, viel eher Joni Mitchell wären – unterminieren, da sind zu viele Gesten, die gewollt wirken und auch gekonnt sind, aber nie richtig zusammenkommen, kein Design, keine Gestalt ergeben. Dabei ist der grundsätzliche Ansatz – minimale Bandbesetzung, mehr Druck, mehr Rohheit – goldrichtig. Es hätte nur einen Hauch mehr Minimalismus gebraucht, eine Spur mehr Mut zum Ungehobelten, zum rohen Klotz. Denn das Album, mit unter 40 Minuten ohnehin konzentriert, enthält phantastisch starke Stücke, die aber ab und zu doch an dir vorbeifliegen, einen seltsamen Tick zu seifig sind, die zu wenig Kante haben, um sie gepackt zu kriegen und festzuihalten. Der Parforceritt zwischen allen Genres führt hier zu einem Drift, einer Unverortbarkeit – irgendwie bleibt «Devil’s Halo» ein wenig überambitioniert, ein wenig nebelig. Dennoch gibt es immer wieder einzelne Momente, eine großartige Stimme und eine in den guten Momenten phantastisch funktionierende Band, die das Album in die größte Nähe zu «Bitter», dem vielleicht emotionalsten und ehrlichsten Album von Ndegeocello stellen. Nach den vielen Experimenten seit Cookie wirkt «Devil’s Halo» fast wie ein Rückgriff, aber nicht wie ein Rückschritt, auf die Tatsache, das in der Musik Dieter Rams Design-Paradigma «Weniger, aber besser» auch absolut zeitlos treffend ist.

19:26 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The National: High Violet

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Kein Zweifel: The National sind die neuen R.E.M. Genauso schmusig und gefühlig die Stimme von Matt Berninger, genauso groß die Gefahr spätestens mit dem nächsten oder übernächsten Album in der endlosen Selbstwiederholung zu landen. «Bloodbuzz Ohio» dürfte dann als «Loosing My Religion» der US-Band gelten, die nach «Boxer» auf ihrem fünften Album einen gefühlvollen Sound für eine breite Zielgruppe gefunden haben. Der Vergleich hinkt etwas, aber tatsächlich fühlt sich «High Violet» ein wenig nach «Out of Time» an, dem großen und erfolgreichen «Brückenalbum» von R.E.M., das die Band weg von der Studentenband und hin zu Stadionact führte. Was eine Platte ja nicht automatisch schlecht macht – «Out of Time» ist das vielleicht letzte gute Album von Stipes und Co. Und auch «High Violet» ist ein ausgezeichnetes Werk, weniger introvertiert als das Vorgängeralbum, epischer, melodischer, weniger subkutan, mehr in Cinemascope gedreht. Eine Platte der großen Gesten und der Rock’n'Roll-Stereotype, großes Kino mit zahlreichen Gastmusikern, die für ein fast orchestrales Feeling Sorgen, oder für Kammermusik-Zwischentöne.

Formal ist die Platte eine Art Meisterwerk der Band, in sich makellos geschlossene Americana-Nummern, stets von Bryce Dessners singendem, atmenden, komplexen Drumwork vor der Langeweile gerettet, geschmückt von Berningers tiefer Unter-die-Haut-Stimme, immer gerade lässig genug, um in der Schmerzenspose nicht zur Bono-Karikatur zu verkommen, lakonischer, cooler zu sein. «High Violet» zeigt eine Band auf der Höhe ihres Schaffens, die die eigenen Mittel bis an die Grenzen ausgereizt, an den Scheitelpunkt von Indie und Mainstream getrieben hat und genau auf diesem hauchdünnen Eis geht, diese paar Sekunden hat, in denen Widescreen-Rock eben geht, ohne peinlich zu sein. Das kann nur für ein Album gelingen, und dies hier ist dieses Album. Berningers düstere, oft kryptische Texte bilden den Gegenpol zu der National-typischen Musik zwischen Epos und stillem Kämmerlein, alles, aber auch alles hält sich im Lot, vertieft den typischen National-Sound, ohne dabei je wirklich langweilig zu werden (was ein ziemliches Kunststück ist angesichts des sehr engen Horizonts der Band), alles wirkt noch glaubhaft und pur genug, aber andererseits geschliffen, gereift, gekonnt, souverän. Nach so einem Album darf man mit viel Glück noch ein Werk mit ähnlicher Balance erhoffen, danach greifen entweder selbstzerstörerische Effekte («Let’s do something completely different»), was meist noch recht spannend sein kann, oder das unweigerliche Soloalbum des Sängers – oder schlimmstenfalls eine Band in der ewigen Feedbackschleife. Wie eben R.E.M., die fast bewundernswert stoisch seit zehn Jahren immer wieder das gleiche Album veröffentlichen, und niemanden scheint es überhaupt zu stören. Möge den National-Brüdern dieser Vorhof der Hölle erspart bleiben.

18:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

LEDBall

9. November 2010 21:42 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Lampen

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6. November 2010 23:33 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

The Foals: Total Life forever

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Der brillante Trick des zweiten Albums der britischen Ausnahmeband ist, dass sie alles gleich und zugleich alles anders machen. Weil sich der schnelle, komplexe Sound von «Antidotes» ja bereits auf dem Debutalbum schon zu wiederholen drohte, nimmt «Total Life forever» konsequent den Druck raus und wendet sich der großen emotionalen Geste zu. Der Bruch ist nicht so hart wie zwischen dem ersten und zweiten Album von The Cure, von fröhlichem Gitarrenpop zu introspektiver Melancholie, aber so wie Yannis Philippakis Gesang hier seltsam an einen weniger nörgeligen Robert Smith erinnert, so ist auch hier ein fast exponentieller Wachstumssprung greifbar, ein fast schlagartiges Verschwinden von Naivität. Zugleich, anders als bei The Cure, verlieren die Foals nicht ihre Unschuld, im Gegenteil, TLF klingt harmonischer, weicher, weniger militärisch als der Vorgänger, hat insofern auch deutlich mehr Mainstream-Appeal (obwohl die Auskopplungen aus dem Erstling in den UK-Charts erfolgreicher waren). Wo «Antidotes» allerdings ein durchweg starkes Album hatte, ohne einen einzigen Durchhänger, gibt es aus TLF durchaus Tracks, die mittenmang etwas Müdigkeit entwickeln, nicht richtig aus dem Quark kommen wollen, die die Band nicht ohne Grund live mit deutlich mehr Energie spielt. Man merkt bei manchen Songs, dass sie sich im Studio zu sehr im technisch machbaren, im Sound an sich, in der Hallsuppe, verirrt und verwabert haben und eigentlich eine Energydring-Infusion bräuchten. Andere Songs, «Spanish Sahara» und «This Orient» sicher mit großem Abstand vorneweg, haben eine Emotionalität, einen Aufbau, eine Energie, die auch ohne großes Tempo auskommt und die zum Weinen schöne Moment haben, weil die Band nahezu mühlelos Dynamikwechsel, Crescendi, das atmende Auf- und Ab eines Songs beherrscht und dabei auch noch Harmoniewechsel und dichte kompositorische Layer abliefert, dass dir die Luft wegbleibt. Während die eher straighten Einspielungen wie «Black Gold» und «Miami» eben eher zeigen, dass lineare Stücke nicht die Stärke der Band sind, die normale Pop-Komposition zwar funktioniert, aber der Experimentierfreude der Briten nicht genug Freiraum gibt. So wirken manche Songs unnötig kommerziell und brav und unter diesem Oberflächeneindruck geht fast verloren, wie grandios die Gitarrenarbeit von Jimmy Smith ist, wie perfekt Bass und Schlagzeug funktionieren, wie makellos und doch nie langweilig die Truppe aus Oxford arbeitet. «Total Life Forever» klingt schwüler, wärmer als Antidotes, flirrend vor Hitze und zugleich ein wenig träge, relaxt, wie ein Nachmittag am Strand. Es ist sicher kein Zufall, wenn Anspielungen wie Miami oder Spanien oder Orient auftauchen – die Platte wirkt internationaler, größer, erfahrener als der Erstling, sie klingt im Verhältnis zu «Antidotes» wie The Police’s «Zenyatta Mondatta» zu «Regatta de Blanc» – aufgeräumter, abgeklärter, durchaus auch kommerzieller, irgendwie an der Schwelle zu etwas Anderem und Neuem. Da darf man nur hoffen, dass die Foals nicht auf diesem Hängematten-Soundtrack des zweiten Albums kleben bleiben, so schön er ist, sondern uns auch mit dem dritten Album mit einem neuen, wieder gewandelten und erneut gewachsenen Sound begeistern.

16:43 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Two Doors Cinema Club: Tourist History

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Keine Frage, die Iren von Two Door Cinema Club sind auf «Tourist History» so eng auf den Spuren von The Foals, dass es schon knirscht. Wie auch die Wombats und viele andere Bands, haben sich TDCC von dem schnellen, nervösen Mathletic-Schichten der Engländer anstecken lassen. Der Unterschied ist hauptsächlich, dass das Trio um Alex Trimble ein wenig synthetischer klingt, einen Hauch androgyner, als hätten Phoenix ein Foals-Tributealbum eingespielt. Was vielleicht nicht verwundert, immerhin saß bei der Produktion des Debuts Phillipe Zdar an den Reglern, der auch für Phoenix’ aktuelles Album verantwortlich zeichnete. Das Ergebnis ist ein recht mainstreamiges, durchweg gut gelauntes, gut tanzbares Album, das das Gehirn weiträumig umfährt und sofort auf die Beine zielt. Schnelle, zackige Beats, schwirrende Gitarrenlayer und der sehr an eine eben britische Variante von Thomas Mars erinnernde Gesang ergeben ein sommerliches Album, das Hit an Hit liefert. Das Ganze hat keine Sekunde den Tiefgang, die Resonanz der Kompositionen der Foals, die Dichte, die vibrierende Energie, die Gefährlichkeit und kluge weltmusikalische Subnote… aber es ist perfekte, fröhliche Popmusik mit perfektem Lauftempo und manchmal ist das einfach auch genug, wie das fast beängstigend erfolgreiche Airplay von «I can Talk» bestätigt. «Tourist History» ist wie ein gutgelaunter Film mit einfachem Plot und klugen Nerd-Insiderwitzen, schnellen Schnitten und perfektem Timing – und dann ist auch egal, ob man diese Sorte Film schon mehrfach ähnlich und vielleicht sogar einen Hauch besser gesehen hat, denn von manchen Sachen kann es einfach nicht genug geben.

16:18 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Knife feat. Mt. Sims: Tomorrow, in a Year

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Im Auftrag der dänischen Theatergruppe Hotel Pro Forma ist «Tomorrow, in a Year» von The Knife entstanden, das vorsichtig gesagt eher untypisch für das Oevre von The Knife oder Karin Dreijer Andersson ist, wenn auch das Melodrama, das die sonst eher elektronische Musik von Knife und Fever Ray auszeichnet, hier höchst gelungen in einen klassischeren Kontext gerückt ist. Thema des Stückes ist Darwins Evolutionstheorie, das The Knive mit zahlreichen Gästen, darunter Matthew Sims, Janine Rostron, Kristina Wahlin, Lærke Winther oder Jonathan Johansson plus zahlreichen Instrumentalisten umsetzt. Das Ergebnis ist weder Pop noch Oper, weder tanzbar noch Hochkultur, sondern eine Art Hörspiel-Cutup, eine auditive Erfahrung, die mal anstrengend, mal mitreissend ist, aber zu jedem Moment – vor allem intensiv unter Kopfhörern gehört – faszinierend. Die Platte ist so anders zu allem, was die Dreijers bisher produziert haben, dass man sich unwillkürlich fragt, wie die beiden danach jemals wieder zu normalem Pop zurückfinden wollen, ohne dass es ihnen zu einfach vorkommt. Sperrig, schmerzhaft einerseits, orchestral-grandios andererseits ist Tomorrow, In A Year ein Lynchesquer Soundtrack, der auch ohne die Bildinszenierungen und Tanzperformances dazu in eine eigene Welt entführt, in der es blubbert, quietscht, hämmert und dröhnt, in der die Mechanik des Lebens zu einem pumpenden Maschinenpark wird, durch dessen dunkel beleuchtete, schwach fluoreszierende Eingeweide uns die Musiker führen. Mitunter wird das auch etwas zu lautmalerisch, wie etwa in «Letter to Henslow», andererseits schafft ein Track wie «The Height of Summer» eine durchaus stabil begehbare Brücke zum bisherigen Output der Geschwister. Herausragender Track und nicht umsonst als «Single» ausgekoppelt ist «Colouring of pigeons», eine elfminütige, wunderbar gelungene Fusion aus klassischen Elementen und Popattitude, aus einer an die kanadische Band Moev («Crucify Me») erinnernden Basslinie, KDAs Gesang, dem Mezzosporan von Kristina Wahlin, und einer hyperaktiven Percussion. Ambitioniert, verrückt, gekonnt ist «Tomorrow, in a Year» ein mutiges Konzeptalbum, das den scheinbar unstillbaren Hunger der Dreijers nach Experiment, Ungeschliffenheit, Andersartigkeit unterstreicht und die vielleicht bisher beste Arbeit der beiden darstellt.

15:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Chris Gall Trio feat ENIK: Hello Stranger

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Der Ausnahmepianist Chris Gall beweist mit seinem Trio, dass Jazz zur Fusion mit jedem Genre in der Lage ist. Der erste Songs «Eins plus Eins» verschmilzt die Harmonielogik und den Druck von Independent Music mit jazziger Intelligenz und Rhythmik, das Ergebnis ist eine mitreissende, tanzbare Aufeinanderschichtung von Elementen, die dreidimensional im Raum stehen, wo eine einfache Hookline zu einem improvisierten rechtshändig hingerotztem, fast bluesigem Solo ausufert, wo Schlagzeuger Peter Gall alles andere als die jazzige Zurückhaltung übt, sondern den Song druckvoll nach vorne bringt. Der Opener setzt den Standard für das ganze Album, das leichtfüßig zwischen Triojazz, Pop und Alternativeattitude tanzt, wenn etwa Sarah eine Strophe mit klassischer Jazztaktung hat, im Refrain aber plötzlich in schnelle 4/4 wechselt und losrockt. Man hört Gall an, dass der in zahlreichen Projekten aktive Musiker sich in seiner eigenen Gruppe einfach auch einmal austoben will, verschiedene persönliche Einflüsse mit all ihren Brüchen gegenüberstellt. Insofern ist «Hello Stranger» sicher nichts für Jazzpuristen, nichts für Freunde eines verkopften Jazz, den man wie einen Berg erklettern muss – vielmehr hat das Album die Attitude eines sehr guten Popalbums, im Mix der Stücke, im Mix zwischen Gesang und Instrumental, in der ganzen Emotionalität. Chris Gall scheint den Frack des ausgebildeten klassischen Pianisten mühelos abzustreifen und sich in die Röhrenjeans zu werfen, ohne sich dabei unter Wert zu verkaufen. Im Gegenteil, das Experiment eines tanzbaren Jazz funktioniert gerade, weil die Virtuosität aller Beteiligten zu jedem Moment absolut greifbar ist, nichts heruntergeschraubt wird, nichts reduziert. Diese Idee von Fusion wird an der Stimme des Münchener Sängers Dominik Schäfer alias Enik greifbar, die einen Bruch zur Musik zu erzeugen scheint, eine Schwebung – Enik ist weit entfernt von den smooth-kantenlosen Gesangsphrasierungen der meisten Jazzsängerinnen und -sänger. Irgendwo zwischem weißen Soul, Electropop und klassischem Alternative tobt er sich über der Musik aus, scheinbar in einer eigenen Atmosphäre schwebend, nur mit dünnen Nylonfäden an die Songs gebunden, klingt mal nach Bowie, mal unverortbar, oft so, als würde er intuitiv, improvisiert über die Musik singen, als würde er seine Stimme frei und offen in das Lied einbringen, wie ein Instrumentalist das eben auch tun würde, Das Multitalent kann seine Vorliebe für das genrefreie Experiment hier schön ausleben, Pop und Jazz von den jeweiligen Sockeln kippen und etwas neues aus den Scherben zusammenkleben, etwa beim Titeltrack «Hello Stranger», der vielleicht nicht ganz zufällig massiv an die Beatles erinnert – wenn die Beatles Herbie Hancock als Mitglied gehabt hätten. «You fit perfect to me» beginnt mit einem frickeligen Bela-Lugosi-Beat, liefert fast so etwas wie Rap-Gesang, steigert sich sich zu einer nahtlosen Vermischung aus Rock und Jazz, die so makellos ist wie das Cover des Albums, das in seiner rotschwarzweißen Ästhetik und dem Photo von Dean Bennici der beiden Protagonisten im Popstar-Look irgendwo zwischen Schweizer Minimalismus und den White Stripes angesiedelt ist. Wer also hier die Platte nach dem Cover kauft, wird auf keinen Fall enttäuscht sein – «Hello Stranger» ist ein herausragendes, energiegeladenes, gefühliges, ruppiges, kämpferisches und umwerfend lebendiges Album, das man unbedingt haben sollte.

13:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Früh dunkel

5. November 2010 20:24 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Wall

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19:03 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.


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