HD Schellnack /// Kontakt Twitter iPhoto pointandshoot Typographie Alternative Pop Licht nodesign Aktionen Zitat Natur Photographie Denken Fail ScienceFiction Apple Studium Belletristik Comics Dayshot Vernacular Scratchbook Werbung Fragen Winter Software Medien Fun Retro Gesellschaft Farbe Print Electronic Magazine iOS Zukunft Web Drama Frühling Jazz Sommer Kitsch Kunst Sachbuch Hardware Fantasy Klassik Herbst Thriller Emma

Badbild

badbild.jpg

Aus Christians WG.

27. Oktober 2010 15:05 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt

hd schellnack

Da sag noch einmal jemand, man könne Comics nicht verfilmen. Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt beweist das Gegenteil und hat als einzigen Mangel eigentlich den fehlenden Mut der Produzenten, die auf einen Film setzen, wo zwei oder drei sinnvoller gewesen wären. Denn das Comic des Kanadiers Bryan Lee O’Mallay ist auf sechs Bände von Manga-Umfang verteilt, wobei der letzte Band, «Scott Pilgrim’s Finest Hour»,mit 250 Seiten noch einmal extradick ist. Nun ist der seltsame Manga-US-Crossover der sechs zwischen 2004 und 2010 erschienenen Comics durchaus wie viele mangaesque Comics so langgestreckt, dass man keine sechs Filme braucht – aber eine Trilogie hätte dem Stoff sicher gutgetan. Zumal Teenie-Comedy ja auch ganz gut mit Fortsetzungen leben kann. Auch hier wäre vielleicht eine Fernsehserie besser gewesen, denn der erste Teil des Films, der sich mehr Zeit gönnt, ist deutlich besser als das Finale, das schon verdammt aufs Gaspedal drücken muss (dadurch aber auch einige Längen und Ziellosigkeiten des Comics vermeidet). Die Geschichte des Slackers Scott, der erst mit der 17jährigen Knves Chau anbändelt, bevor ihm Ramona Flowers mit pinkem Haar und Rollerblades durch den Traum schießt und er sich in sie verliebt, woraufhin er gegen ihre sieben teuflischen Ex-Liebhaber antreten muss, ist zu Beginn des Films so detailversessen und liebevoll erzählt, dass man sich unwillkürlich fragt, wie sich wohl ein Autor fühlen muss, wenn seine Charaktere und Handlungen so zum Leben erweckt werden.

Der zweite Teil des Films versucht, vier Bände in unter eine Stunde zu pressen und scheitert daran leider etwas. Dennoch gab es selten eine Teenie-Komödie, die so furios und schnell, so cool und surreal daherkam wie Scott Pilgrim. Obwohl der Grundplot – True Love conquers all – im Comic wie im Film leider arg einfach ist, ist die Geschichte, die darum rankt, oder die Geschichten im Fall des Buchs, so detailreich, so texturiert, so unwirklich und doch absolut greifbar, dass es eine Freude ist, zu sehen, wie phantastisch Trash sein kann. Der Film brilliert als Übersetzung des Medium Comics, indem er mit seinen Klischees arbeitet und diese noch zusätzlich phantastisch um um Gaming-Klischees anreichert. Von der in 8bit umgesetzten Universal-Titelmelodie über Kampfsequenzen im Konsolenspiel-Look über Soundwords, die dreidimensional zu Glas zersplittern und den Rest der Szene am Boden liegen, ist Scott Pilgrim so liebevoll umgesetzt wie eins Finchers Fight Club, sogar mit einer direkten Hommage an die berühmte Ikea-Szene, die nahtlos die Brücke zum Comicbook schlägt.

So entsteht eine wilde und wirsche Coming-of-Age-Geschichte, die zeigt, das Comics mehr denn je eine wahre Goldgrube für Hollywood sein können, vor allem, wenn es eben nicht um Superhelden geht, sondern um andere, filmaffinere Themen. Während Whiteout und RED offenbar ziemlich vom Originalmaterial weggehen und dadurch nicht stärker werden, hat Hot-Fuzz-Regisseur Edgar Wright sich auf den Stoff eingelassen, ihn durchdrungen und für ein anderes Medium adäquat aufgearbeitet, aus einem Nerd-Comic einen Nerd-Film gemacht. Der Film gibt dem Comic mehr Textur, Sound (phantastischer Soundtrack, der die beiden getrennten Alben dazu wirklich rechtfertigt), kann mit winzigen Details im Hintergrund und einer Gaming-Ästhetik seinen eigenen Look entfalten und so anstelle einer platten 1:1-Umsetzung eine tatsächlich kongeniale Re-Interpretation werden. Scott Pilgrim ist einer jener Filme, die an sich wenig wollen und von denen man wenig erwartet und die es dann aber umso überraschender in sich haben, der rührend, absurd, saukomisch und mitreißend und zu keinem Moment dumm ist – und der dich begeistert, selbst wenn du die Story an sich ja schon kennst. Scott Pilgrim ist kein tiefgehender Film, aber einer der das Lebensgefühl zwischen Slacking und Träumen einer Generation – nämlich der von O’Mallay – auf den Punkt bringt, die Ängste und die Posen, und das in einer Sprache, die schnell und modern ist und in Schnitt und Komposition unfassbar surreale Momente von Beschleunigung entwickeln kann, in denen die Ästhetik einer virtuellen Welt nahtlos mit der Realität verschmilzt. Und dieser Effekt ergibt die subjektive Wahrnehmung von Pilgrims Welt, die den Regeln eines Videogames zu folgen scheint und auch wie eine solche aussieht, in der gegen Endbosse gekämpft wird und jedes Geräusch ein Soundword hat, in der die Realität vor- und zurückgespult werden kann, in der Türen ins Nichts führen. Das ist die Welt, in der wir heute leben, in Phantasmagoria, in einer Wahnwelt, in der wir die Welt in Metaphern und Mustern deuten, die aus Comics, TV-Serien, Filmen, Plattenalben und Konsolenspielen stammen, die sich wie eine zusätzliche Schicht auf die «Wirklichkeit» legen. Scortt Pilgrim lässt das, was sonst nur in unseren Köpfen stattfindet, in die «Realität» unseres Helden springen, entführt uns wie selbstverständlich in eine Welt, in der Comicästhetik und Gaming-Level-Logik so natürlich scheinen wie Sonnenlicht oder Wind. Und das geht im FIlm tatsächlich, überraschend, überzeugender als im Comic. Wo beim Superhelden-Comic-Film der Einbruch des Phantastischen in die Realität eher albern oder falsch wirkt – wenn Superman in seinem zu grellen Kostüm in einem realen New York zu landen scheint oder Batman gegen seine Gegner kämpft, sich aber offenbar in seinem Kostüm kaum bewegen kann -, gelingt Wright hier makellos, Scott Pilgrim ist ein Musterbeispiel für einen modernen magic realism, der genau deshalb so überzeugend ist, weil er beiläufig, wie selbstverständlich stattfindet, in den Nischen und Details steckt und erst gegen Ende im durchgeknallten Finale etwas aufgesetzt und nervig wirkt. Zu Beginn aber erweitert Wright leichtfüßig die Ausdrucksmöglichkeiten modernen Films um einige wichtige und grandiose optisch-narrative Ergänzungen, die so wunderbar in die Story passen, dass man erst beim Nachdenken bemerkt, was da eigentlich gemacht wurde.

Schade ist dabei eigentlich, dass man nicht von vornherein auf eine Trilogie gesetzt hat, denn der Stoff würde es hergeben. Wird der Film ein Erfolg, gibt es jetzt eigentlich kein Material für ein Sequel, aber natürlich ist es im Falle eines Misserfolges besser, alles aus einem Guss zu haben und nicht mit einem Fragment leben zu müssen. Durch die unfassbare Hektik am Ende kommt einiges unter die Räder, die Entwicklung von Scott und seiner Crew wird in der Kürze der Zeit etwas unglaubwürdiger als im Comic, aber andererseits ist diese Komprimierung sicherlich ein Grund, sich den Film mehrfach ansehen zu können. Es wird sich lohnen.

12:34 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Lost

12:30 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Sonne 3

00:32 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , , . Keine Antwort.

Sonne 2

00:29 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , , . Keine Antwort.

Sonne

00:29 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , , . Eine Antwort.

Marcus Coates

hd schellnack
hd schellnack

Und noch ein bemerkenswerter Künstler: Der Brite Marcus Coates, der oft seltsame Kontraste zwischen Mythologie, Schamanismus und Folklore einerseits, der Profanität des Alltags andererseits konstruiert, dessen Arbeiten komisch und skurril sind, oft an die Monthy Pythons, im nächsten Moment an den Humor von Duane Hanson erinnern, dessen Installationen und Videos so düsterexzentrischüberdreht sind, wie es vielleicht eben nur ein Brite hinbekommt, und der vielleicht ein grandioser Abzocker sein mag, aber dennoch phantastische Bilder generiert und mit diesem Zitat sowieso völlig unangreifbar grandios ist: «Most of the work comes from the idea of being an 8 year old.»
Hier.

24. Oktober 2010 12:07 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Doug Aitken: Migration

aitken_migration.jpg

Wunderbare Installations/Video/Photokunst des kalifornischen Multimedia-Künstlers Doug Aitken aus dem Jahr 2008.

Hier und hier und hier.

23. Oktober 2010 13:27 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Thomas von Steinaecker: Meine Tonbänder…

Beileibe nicht neu, aber neu entdeckt – Thomas von Steinaeckers Debut-Hörspiel für den Bayrischen Rundfunk (hier als Podcast) ist ein herausragendes Beispiel dafür, was ein guter Autor im Medium Hörspiel leisten kann, wenn er weder der reinen Montage/Demontage verfällt noch allzu linear einfach eine Art Vertonung einer gedruckten Geschichte liefert. «Meine Tonbänder sind mein Widerstand» enthüllt sich zwar aufgrund der dann doch einen Hauch zu geschliffenen Sprecher schnell als Fake, ist aber ansonsten ein überraschend überzeugendes Täuschungmanöver, bei dem der Autor den unbekannten und verkannten Hörspiel-Pionier Klaus Hofers scheinbar «entdeckt», oder vielmehr eine ebenfalls fiktionale Redakteurin, mit der Hofer lange zusammen war, ihre Vergangenheit selbst in Form eines Hörspiels/Beitrags über Hofer aufarbeitet. Das Ergebnis ist eine Geschichte in der Geschichte, die atemberaubend mit den Möglichkeiten des Radios oder vielmehr des Tonbandes arbeitet, und die den Zuhörer, selbst wenn er den Bluff durchschaut hat, unweigerlich in den Bann zieht. Hofer ist ein zurückgezogener Mensch, eine gescheiterte Existenz, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn, manisch-depressiv und für eine fiktionale Figur, die man in unter einer Stunde präsentiert bekommt, faszinierend realistisch und magnetisch. Wütend, lachend, verzweifelnd, liebevoll führt Oliver Stritzel in die Figur des Hofer, der sein gesamtes Leben seit der Jugend zunehmend exzessiv auf Tönbändern festhält, durch die Bundesrepublik der letzten Dekaden zwischen 1960 und 1990, und mit dem fiktiven Künstler wird auch das Hörspiel immer seltsamer, gestörter, gebrochener. Steinaecker spielt versiert mit Zitaten auf bestehende Radiokunst, Verkannt und vereinsamt wird Hofer zunehmend schrulliger und seltsamer, demontiert seine eigenen Aufnahmen auf der Suche nach seinem eigentlichen Ich, indem er die häufigsten Worte und Phrasen zusammenkopiert, kommt von der reinen Aufzeichnung zur Analyse und Dekonstruktion und stirbt schließlich inmitten seiner Billy-Regale, seiner Matratze, seiner beiden Revox-Maschinen. Unter der Regie von Bernadette Sonnenbiechler mutiert das Stück zu einer Tour de Force durch die Entwicklung des Hörspiels an sich, von linearen Geschichten zu fragmentarischen Collagen, und schließlich entgleitet das Stück als solches selbst, wird ähnlich pausiert, unterbrochen, vor- und zurückgespult wie Hofers Bänder, deren Techniken auf einmal Kontrolle über das Stück an sich zu gewinnen scheinen, bis es in einem grandiosen Finale in sich zusammenbricht, das sowohl die Hörer beglückt, die den Bluff längst durchschaut haben und all jene überraschen dürfte, die noch an die Scheinrealität in von Steinaeckers Stück glauben. Nicht alle BR-Produktionen sind so gelungen, aber diese zeigt, wie selbstsicher und souverän eine künstlerische Geste im Hörspiel möglich ist, voller Humor, Wärme, Tiefgang und Facetten, ohne Schlaumeierei, wenn die Macher gekonnt mit den Waffen des Mediums hantieren können.

22. Oktober 2010 18:36 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

We Have Band: WHB

hd schellnack

Der ruhige Anfang des Debutalbums des Londoner Pop-Trios mit dem seltsamen Namen ist sicher als Irreführung zu verstehen, idenn schon mit dem zweiten Track «Buffet» geht die Sonne auf, schält sich aus hypnotischen Bassnoten ein langsamer, aber ekstatischer Sound heraus, der klingt, als habe Mogwai die Elektronik für sich entdeckt. Song 3, «Divisive», schließlich führt uns zu dem vertrauten We Hsve Band-Sound, erinnert an ihre fulminante Fassung von West End Girls und bringt uns den irgendwie monotonen, irgendwie lebendigen Discopopindie, für den WHB bekannt sind, eine seltsame Mischung aus Talking Heads, Hot Chip, frühen Depeche Mode und TV on the Radio. Die NuWave-Songs von dem Ehepaar Thomas und Dede WP und Darren Bancroft sind strukturell meist einfach gestrickt, meist ist nach dreißig Sekunden überraschungsfrei klar, in welche Richtung die Reise geht, und die Reise geht meist stramm geradeaus. Unter dem androgynen Gesang perlen wunderbare Sequencer und nervöse Drumbeats, dezente Samples und ein bisschen Gitarre und Bass, um den Sound zu erden. Man merkt der Produktion schnell an, dass sie mit Gareth Jones einen der ganz großen Reglerdreher an Bord hat, der den Londonern einen knochentrockenen, unverspielten, kristallklaren Sound verordnet, der unter der Oberfläche exzellent mit perkussiven Grooves arbeitet. Natürlich produzieren WHB diese Sorte smarte selbstreflektierte 80s-Elektro-NuShoegaze-Hipster-Disco, natürlich wird eben gerade bei den ernster gemeinten Tracks klar, dass die Bands nicht ganz den Tiefgang fürs «Ernste» hat – aber ein Track wie «Honeytrap» macht deswegen keine Sekunde weniger Spaß und ist nicht weniger zum Tanzen oder Joggen geeignet und gehört mit seinen einpeitschenden fast mechanischen Vocals am Ende definitiv zu den Highlights des Albums, smooth und dennoch die richtige Dosis Kratzigkeit. In den besten Momenten kommen We Have Band ihren Vorbildern nahe, kriegen diese Prise androgynen Sex-Appeal mit Indieflair zusammen, erinnern an die Anfänge der Pet Shop Boys, an mittelfrühe New Order, dieser Mix aus roher «Fuck-let’s-do-it»-Haltung und ungeschliffenem Talent, das aus schiefen Tönen und monotonen Beats etwas eigenes zimmern kann. In ihren schlechtesten Momenten treiben die Songs allerdings etwas ziellos vor sich hin, sobald die Band vom Gaspedal geht. WHB bringen die richtige Musik für die Party, keine Frage, aber ob unter der All-Nighter-Fassade noch mehr Substanz lauert, ob die Band mehr kann als einer festen Formel folgen, wird wohl eher das nächste Album zeigen.

10:52 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Slanted 11

hd schellnack

So spät wie ich diese Ausgabe vorstelle, ist die nächste wahrscheinlich schon fast da – sie kam leider erst recht spät hier an und wir sind derzeit auch recht busy.
Dennoch nachgereicht ein paar Worte zum Slanted-Magazin, dass ja langsam aber sicher zu einer großen Erfolgsstory wird, vom Blog zum Selfmade-Magazin in einer Art feinerem Copy-Printing, zur regelmäßigen Publikation mit gemischten Papiersorten und Plakat-Umschlägen, die inzwischen auch in ausgewählten Magazinhandlungen zu kriegen ist und mit Typo-Lyrics eine Art Buchableger generiert hat.

hd schellnack

Die elfte Slanted bringt nun eine Art Umbruch, der vielleicht an der Zeit war. Die Slanted hat sich nie fragen müssen, wofür sie eigentlich da ist – das Magazin ist in seiner Fokussierung auf den typographischen Aspekt von Design in Deutschland recht einzigartig und stellt Schriften zudem so eigenwillig nicht nur als Fonts, sondern auch in ihrer Anwendung und mit Themenschwerpunkten vor, dass es vielleicht auch nie nötig war, sich nach raisons d’être zu fragen. Mit dem Erfolg ist die Slanted aber nun vielleicht mehr als nur ein Image/Spaßprojekt von Magma, vielleicht hat man nach zehn Ausgaben aber auch einfach nur Lust auf Veränderung – jedenfalls haben Lars Harmsen, Julia Kahl, Flo Goertner und der Rest des Slanted-Teams ihren Focus erneut verschoben und herausgekommen ist etwas, was nicht mehr Richtig Magazin sein kann, sondern zu einer Form von Austellung in Papierform mutiert, die rund um eine Form von Schriftausdruck zu mutieren scheint. Slanted ist ein Zettelkasten, ein Blackboard, eine Zeitschrift, die man zunehmend weniger liest und mehr sieht, ertastet, die den Betrachter auf den ersten 114 Seiten mit einer Bilderflut allein lässt und erst dann in einer Art ausgedehnten Kolophon die Texte nachliefert, als Endnoten sozusagen, als Untertitel zu den Bildwelten. Dieser Remix-Ansatz, der Inhalte ineinanderschiebt, überlagert und der dem modernen Flair fürs Anitästhetische im Design fröhnt, ist so erfrischend wie auch ermüdend. Er hebelt die Linearität des Magazins komplett aus, findet eine fast an die Ray-Gun-Zeiten erinnernde Dreistigkeit, diese wohltuende «Yeah, fuck YOU»-Haltung, die einem Designmagazin einfach auch guttun kann und die neben den größeren Designmagazinen, die stets funktional-journalistisch, eine eigene Nische für die Slanted generiert, eine Abhebung von Form, Novum, Page et al – und zugleich noch einen Unterschied zu den endlosen, namenlosen kleineren Design-Fanzines dokumentiert, die immer versuchen, wie Magazine auszusehen… die Botschaft ist: Wir können aussehen wie wir wollen, wir können machen, was wir wollen, wir sind so frei. Das ist natürlich auch eine narzisstische, vielleicht sogar egoistische Haltung, den Leser so auszusperren, solche Hürden aufzustellen, so dekonstruktiv und studentisch und essayistisch, vielleicht sogar poetisch arbeiten zu wollen – und man merkt dem Magazin fast an, wie sehr die eher informativen, Schrift rein vorstellenden Seiten und erst recht die Anzeigen dieses Konzept belasten – aber so viel Spaß sollte man sich an seiner eigenen Publikation andererseits auch leisten dürfen.

hd schellnack

Die Slanted widmet sich dem Thema «Typewriter» und Monospaced Typography enorm vielseitig, so schillernd und ausufernd, als habe man eine Mischung aus Diplomarbeit und Drogenparty in der Hand. Wie das so ist, wenn man in Schwung ist, geht auch mal ein bisschen die Sau mit einem durch und das Heft wird ein bisschen zu Manifest-artig, kriegt diese weltverbessernde Pop-Ernsthaftigkeit, die sich in ffffound und Konsorten, aber eben auch in vielen Diplomen dann in flott gesetzten vierzeitligen Sprüchen niederschlägt – Design als Soundbites. Vielleicht darf man da nicht fragen, was auf einmal Photographien von Atomwaffen oder aus dem Irak in diesem Kontext machen, it’s all Rock’n'Roll, Baby. Aber tatsächlich rettet diese etwas punkige Attitude die Slanted davor, langweilig zu werden. Du gehst halt durch eine Ausstellung, und manche Arbeiten sind wahnsinnig gut, manche so lala, manche eben scheiße, aber die Ausstellung an sich hat ja Spaß gemacht und der Kaffee war gut. Dass die Slanted hier gefährlich nahe dran ist, zum Lookbook zu werden und nahezu textfrei daherzukommen, sich insofern der «vorn» annähert und das ausgerechnet in einem Heft, dass der SCHREIBmaschine verpflichtet ist, ist insofern ein seltsamer Eindruck, als dass faktisch recht viel Text im Heft ist – er scheint nur nahtlos in die Bildebene verstrickt, muss herausgekämpft werden und gern ist er einfach auch mal Gaga, nahe am Blindtext fungierend. Und die eben doch Interviews mit Yeves Peters oder Moiré liefert oder im Durchsehen eine Inspiration für eine Schrift, die man unbedingt mal kaufen sollte.

hd schellnack

Die Slanted wird so zu einer einzigartigen Mischform aus Fontbuch, Magazin, Kunstplattform, einer Melange, die man mögen kann oder nicht, die in genau dieser Mischung einzigartig und faszinierend ist und der man durchaus anmerkt, dass sie auch kreatives Ventil für die normale Agenturarbeit sein kann. Die Slanted ist in den Händen ihrer kleinen Crew ein seltsames Lebewesen geworden, die sich verändert, mutiert, iteriert und aufwächst, die alles über Bord wirft und neu anfängt, bevor sie langweilig werden könnte. Und genau so darf es hoffentlich noch lange bleiben…

hd schellnack
(weiterlesen …)

19. Oktober 2010 18:03 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Eine Antwort.

Sophie Hunger: 1983

hd schellnack

Émilie Jeanne-Sophie Welti Hunger bringt ihre dritte CD auf den Markt – feinst von Stéphane Briat produziert -, und die Schweizer SInger-Songwriter-Kultur zeigt damit erneut der deutschen Szene, wie es gemacht wird. International und zugleich sehr lokal klingt das Album, große Geste und große Intimität nahtlos beieinander, Kunst und Kommerz fast bruchlos in einer WG Tür an Tür einquartiert. In Schweizer Grenzenlosigkeit zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Schwyzerdütsch wechselnd und ebenso flink die Genres anprobierend, flirrt «1983» zwischen trockenem Almost-Triphop, makellosem Pop, Jazz, und intensiven Kammermusik-Songs, die sie mit ihrer nie ganz sicher, immer gegen die eigenen Grenzen ankämpfenden Stimme und minimaler Instrumentierung stemmt. 1983 wirkt weniger introvertiert als «Monday’s Ghost», weniger abgeklärt, sogar wütend – und ist trotzdem in der Schweiz auf Platz Eins der Charts geschossen. Da darf man gern neidisch werden, wenn Erfolg und Qualität so nahtlos zusammengehen und man schlucken muss, dass es niemand von diesem Format in Deutschland gäbe, der sich in den Umsatzzahlen so durchsetzen könnte, und dabei doch so sperrig, trotzköpfig bleibt. Denn 1983 mag beim ersten Hören ein wenig zu glatt, zu jazzy produziert erscheinen, und es ist vielleicht auch so, dass Hunger ein bisschen mehr Dreck gebrauchen könnte, die Platte entpuppt sich aber mit jedem weiteren Hören als Treibsand, in dem du als Zuhörer ganz makellos-international versinken darfst. «1983» ist schlicht, ist perfektionistisch, ist angenehm, aber nicht pflegeleicht, ist samtig, aber nicht samtpfotig. Mitunter wird man das Gefühl nicht los, dass Hunger ihre Sache und sich etwas zu ernst nimmt, zu unbedingt «Kunst» produzieren will, zu sehr an ihrer Botschaft hängt und dann ist da wieder dieser Moment, wo man das auch ganz okay finden kann, solange nicht jeder Musiker so drauf kommt. Wobei aber auch nicht jeder Musiker 15 Tracks in 45 Minuten quetschen kann, nicht jede Sängerin hierzulande (außer vielleicht Katherina Franck) so entschlossen musikalisches Mimikri betreibt. Am Ende bleibt eine Platte, die Spaß macht, zwischen den Stühlen kommt, vielleicht nicht immer ankommt, aber auf jeden Fall ordentlich herumreist und losgeht, die Mut hat und die vor allem berauschend gut klingt, die du dir immer und immer wieder anhören wirst, weil sie gerade nicht eingängig genug ist, um mit der Zeit wachsen zu können.

18. Oktober 2010 18:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 2 Antworten.

Benjamin v. Stuckrad-Barre: Auch Deutsche …

hd schellnack

Der große rote Button, der das Cover verunstaltet, erklärt dem Käufer, dass man an diesem Buch nicht vorbeikommt, wenn man die Republik im «neuen Millennium» begreifen will. Schreibt der Spiegel, auch wenn nicht beisteht, wer es im Spiegel verewigt hat. Im neuen Millennium!!!! Also nicht Jahrzehnt, oder Jahrhundert – Mensch, gleich im neuen Jahrtausend. Wer sich von diesem Coverblurb nicht gleich verschrecken lässt, findet unter dem ansonsten wunderschönen Umschlagmotiv in einem schön gestalteten und mit wunderbar schlechten Photos durchsetzen BuchTexte, die BvSB für Rolling Stone, BZ und Welt geschrieben hat. Und wer glaubt, Deutschland nur zu verstehen, wenn er sich mit Stuckrad-Barres seltsamer Faszination für Udo Lindenberg auseinandersetzt oder liest, was der Autor von Merkel oder Westerwelle hält, der hat eventuell sowieso ein Problem.

Aber selbst wer dem Hype misstraut bekommt ein seltsames Gebinde angeboten – vielleicht unumgänglich bei einer Textsammlung -, das die teilweise grandiosen, spitzfindigen und nach wie vor gottseidank auch mal noch halbwegs bösen Texte von Stuckrad-Barre neben eher eine eher sinnfreie Selbstbespiegelung stellt. Was an sich gar nicht so schlimm wäre, würde BvSB nicht an einer Stelle des Buches explizit auf Bloggern und anderen Netzautoren herumhacken und sich als Professsioneller abgrenzen – dabei aber völlig übersehen, dass Themen wie «Ich gehe mit Moritz von Uslar Platteneinkaufen» leider so ganz und gar Blog-Material sind und das die Echolot-Funktion, die Stuckrad-Barre bei Kempowski so liebt, heute eben eine ist, die verstärkt (mal besser, mal schlechter) online stattfindet. Und da, in der geduldig-kurzfristigen Textflut online, ist dann auch weniger schlimm, wenn der Autor sich vergreift oder verhebt… in einem Buch mit ausgewählten Texten ist das eher unschön. Denn so großartig Stuckrad-Barre funktioniert, wenn er sich am Alltag abarbeitet oder kleine Momente in Zeitlupe beleuchtet, so sehr verhebt er sich, wann immer er in die Politik geht und so sehr blamiert er sich, wenn er über Musik schreibt. Das ist natürlich ganz subjektiv – aber wenn ein Autor, der mit seiner These, Oasis sei die beste Band der Welt, schon vor Jahren jeden Credit bei mir verzockt hat, sich seitenweise über Grönemeyer, Westernhagen, Udo Lindenberg und Heinz Rudolph Kunze ausläßt und diese auch noch hochjazzt, dann kriege ich nach einigen Seiten echt das Problem ihn noch ernst zu nehmen, wenn er sich über Politker auslässt. Will ich von jemanden, der Udo Lindenberg offenbar anbetet wissen, was er von Cem Özdemir hält beziehungsweise geb ich einen Scheiß auf diese Meinung? Nicht wirklich – und so, interessanterweise, entkräften sich die Texte gegenseitig. Zumal BvSB im Bereich Politik überraschend versagt. Häme gegen einen schwachen SPD-Kandidaten, eine Form von wortloser Hilflosigkeit gegenüber Angela Merkel … und bei Guido Westerwelle nach den Aknepocken zu fragen mag der Autor vielleicht arg frech finden, es ist leider nur total platt… an Politikern ist das Private das unspannendste, und beim Westerwelle mag man drüber spekulieren, inwieweit Minderwertigkeitskomplexe und sein Habitus zusammengehen, aber darum geht es Stuckrad-Barre nicht. Ganz im Gegenteil gerät seine Schreibe, die bei den Linken noch so spitz war, bei der FDP förmlich zur Liebeserklärung an Westerwelle, zur Gefälligkeitstexterei, die zu verniedlichen, vermenschlichen sucht, und das im Wahlkampf.

Ansonsten krankt dieses Buch etwas an einer Krankheit, die BvSBs Texte ab und zu durchzieht – dieses Namedropping-Schreiben, als sei der Autor unsicher, ob ein Text nur seinetwegen gelesen würde. Und so taucht er ein in eine Welt von Promis und Prominenten, von tatsächlich spannenden Menschen, denen die kurzen Texte eher nicht gerecht werden und von eher unspannenden Menschen, die durch die Artikel nun auch nicht interessanter wirken als vorher. So nähert sich Stuckrad-Barre hier leider einem seltsamen Boulevard-Journalismus, einer Hausbesuchs-Mentalität, einer Heranschmusung an Kir-Royal-Verhältnisse, einer raffinierteren Form von Klatschjournalismus, der dessen ureigene Balance zwischen Ehrfurcht und Spott beibehält, aber eleganter präsentiert.

Und das ist insofern schade, als dass «Auch Deutsche unter den Opfern» zugleich auch zeigt, dass Stuckrad-Barre deutlich besser sein kann, als er sich hier zeigt. Ich weiß nicht, wie glücklich er als Autor mit der Baby-Schimmerlos-Nummer ist (und wenn die Antwort «sehr» ist, dann okay, mehr davon!!!), aber als Leser bin ich gefesselt, wenn er sich in Alltag und Kleinkram vertieft, am Oberflächlichen kratzt und darunter Katzengold hervorkommen lässt, wenn er im Kempowski-Modus mit Pokerface die Fakten für sich stehen lässt, und sogar auch, wenn er mit heiliger Wut in die Tasten schlägt. Ich mochte das Live-Album, ich mochte (weitestgehend) die Remixe, aber das hier mag ich nicht. Ich mag nicht den unten durchdröhnenden Sound der Springer-Presse-Gesinnung, ich mag nicht das seltsame «IchIchIch (und der durch Funk und Fernsehen bekannte oder in Berlin gerade hippe XY/)», das einem da aus den Zeilen entgegen dringt, das seltsam unnötig Selbstdarstellerische, Unentspannte. Es ist, als sei der Autor aus deinem Element, aus seiner sonstigen Souveränität, aus der Lässigkeit und müsse sich beweisen. Und hier geht die ohne jeden Zweifel vorhandene Qualität von Stuckrad-Barre unter, weil seine Stärke das Respektlose bleibt, das schneidend-analystische Skalpell. Nur ist es in diesem Werk seltsam stumpf – weil er entweder auf Opfer einsticht, die sowieso schon blutend am Boden liegen (Steinmeyer) oder es bestenfalls dabei belässt, ein wenig vom Ruhm seines Gegenübers geblendet, in der Tischplatte damit herum zuschnitzen und kleine Herzchen in das Holz zu kratzen. Das ist nur leider zu wenig für einen Autor, der an sich so viel mehr könnte.

Und so wirkt «Auch Deutsche…» seltsamerweise eher wie eine Sammlung von Blogeinträgen aus der Welt der Schönen und Schnellen, die allzu kurzfristig und beiläufig sind und denen gerade aufgrund ihrer größeren Nähe zur Prominenz eine Zeitlosigkeit abhanden gekommen ist, eine Tiefenschärfe, die vorher da war. Was alles nicht schlimm ist und vielleicht dem Charakter der Texte als reine Auftragsarbeiten geschuldet sein mag. All das bildet aber sicher eben genau nicht den Zustand Deutschlands in diesem Jahrzehnt, geschweige denn Jahrtausend ab, sondern eben nur die Sicht der Berliner Springer-Presse auf das Land und vielleicht die Sicht des ja ebenfalls zu AS Mediahouse gehörenden Rolling-Stone auf «deutsche Musik» – und all das legt bestenfalls die Enge dieser Blickwinkel offen.

16. Oktober 2010 17:15 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Bild.Sprachen

hd schellnack

Das wirklich tolle an einer Ausstellung, bei der man gezeigt wird, ist ja, dass man einfach keine Ausrede hat und hin muss. Ansonsten wäre ich an einem Donnerstag bei dem akuten Arbeitspensum wohl nicht nach Gelsenkirchen in den Wissenschaftspark gefahren – und hätte eine Menge verpasst. Denn Peter Liedtke hat mit seinem Team in der luftigen Architektur des Gebäudes eine kleine, aber feine Messe organisiert, die ein schönes Gegenstück zur großen Frankfurter Buchmesse am nächsten Tag war – deutlich übersichtlicher, hatte man hier nämlich Zeit für mehr Gespräche, konnte sich kompetent und nett von Carsten Wieser die PhaseOne-Mittelformate vorstellen lassen und in wirklich tollen Portfolios lokaler Photographen blättern. Was ich dabei leider nicht gemacht habe, sind eigene Photos – dafür haben wir uns hinterher einfach zu sehr verplaudert und das ist allemal besser als den Photojournalisten zu spielen.

Von einigen der anwesenden Photographen haben wir Visitenkarten eingeheimst, so dass ich sie hier kurz mit ein paar Links verewigen und euch zu ihren Sites (leider relativ viel Flash) und Photoarbeiten schicken kann:

Tobias Freye

Susan Feind und Martin Gensheimer

Daniel Schieben

André Schuster

Frauke Thielking

Aleksandar Krajinovic

Dorota Sliwonik

Katja Seidel und Michael Draasch

Bettina Hogendorf

Michael Wiegmann

Jonas Miller

Weitere spannende Links zu den Akteuren von Bild.Sprachen findet ihr hier.

(weiterlesen …)

10:08 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

AluPen

hd schellnack

Sicher, sicher – Steve Jobs glaubt nicht an Stifte und das iPad. Aber natürlich schreibt es sich mit einem Stift viel besser als mit dem bloßen Finger, der ja doch eher unsmooth über die Glasfläche fährt. Nachdem ich den Pogo Stylus eher unhandlich fand und das nicht ganz preiswerte Stiftlein auch binnen von einer Woche seinen Clip verlor, bin ich auf den AluPen gestoßen. Der klobig wirkende Pen wirkt nur auf den ersten Blick unhandlich – der hohle Aluminiumkorpus ist mit Gummi gefüllt und relativ leicht, etwa so schwer wie ein guter Füller, auch die Größe ist sehr angenehm und die große Form passt erstaunlicherweise sehr gut zu der ja auch etwas grobmotorigeren Art, auf dem Pad zu schreiben – weil es einfach noch keinen wirklich guten Stylus fürs iPad gibt, das kapazitative Display lässt keine wirklich «feine» Lösung zu, ist die Schrift ja immer eher so, als würde man mit einem Edding schreiben. Das rundliche Gummiende des Stiftes ist nicht – wie man meinen könnte von Photos – hartes Gummi, sondern innen hohl und federweich, so dass man ganz fluide und natürlich damit schreiben kann und tatsächlich halbwegs lesbare Ergebnisse erzielt … oder in meinem Fall ebenso unleserlich wie meine Handschrift eben auch auf Papier wäre. Auch Skizzen und Zeichnungen gehen hiermit gut von der Hand und mit Software wie Brushes oder Sketch dürfte der AluPen ordentich Spaß machen, sofern man (wie unter anderem ja David Hockney) in der Lage ist, auf dem iPad zu malen. Schön wäre eine Art Clip gewesen, um den Stift zu befestigen – und die große Form lässt sich natürlich durch keine normale Notizbuch-Stiftschlaufe schieben. Andererseits ist der Stift gegenüber dem Pogo so groß, dass man ihn wenigstens nicht permanent verlegt und vergisst und passt ästhetisch und vom Schreibgefühl her absolut makellos zum iPad. Als Notizblock benutze ich meist das wunderschön gemachte Penultimate – eine der wenigen Apps, die nicht meint, Schrift in Vektorformen ummodeln zu müssen, damit es kleine PDFs gibt -, leider gibt es noch keine gute OCR für das iPad (WritePad jedenfalls erkennt bei mir nur Unsinn – hier ist eigentlich eine Marktlücke für FineReader und Co.), aber ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit, bis das besser wird.

hd schellnack

Bis dahin der Tipp, die Notizen, die man sich selbst als relativ kleine PNGs (etwa 110 kbpro Seite ) zumailen kann, in Evernote zu speichern – man hat dann zwar trotzdem nicht eine Textdatei (eigentlich schade, Evernote – das wäre doch ein tolles Feature), aber die Notizen werden auf dem Evernote-Server ausgelesen und man kann seine handschriftlichen Notizen je nach Lesbarkeit ziemlich treffsicher nach Textstellen durchsuchen – immerhin. Bei Kundenmeetings wirkt es immer doch sympathischer, wenn man nicht «tippt», sondern notiert (das iPad an sich ist ja immer noch so ein Ding, das bei vielen Meetings nicht gut ankommt), und man kann auch deutlich besser ohne hinzublicken mitschreiben. Mit dem AluPen funktioniert das auf dem iPad wenigstens ansatzweise lesbar – auch wenn es einen Stift und Papier noch nicht ganz ersetzt. Aber wir haben ja auch noch zig nodesign-Notizblöcke, die sollen ja nicht weggeworfen werden…

hd schellnack

15. Oktober 2010 15:18 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 2 Antworten.

Cross the Line to feel…

crossline.jpg

14. Oktober 2010 20:04 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Caribou: Swim

hd schellnack

Es liegt vielleicht am kreisrunden Album-Artwork, dass mich «Swim» so sehr an Hot Chip erinnert. Vielleicht liegt es auch an Dan Snaiths nasal-nonchalantem Gesang, den der Kanadier so relaxt über seine kleinen hypnotischen, schichtweise anwachsenden Popsongs legt. Und tatsächlich ist «Swim» leider das Hot-Chip-Album, das ich mir in diesem Jahr gewünscht hätte, womit ich wahrscheinlich Hot Chip ebenso wie Snaith Unrecht tue, aber sei’s drum. Wo «One Life Stand» eher ein Rückschritt für Alexis Taylor und Co war, ist Caribou ein grandioses Post-Pop-Pop-Album gelungen, das tänzerisch über die Genregrenzen elektronischer Musik springt, Electronica-Nerdsounds in absolut tanzbare Nummern einbaut, diese Tracks erbarmungslos zusammenbrechen lässt, großartig simple Sequencerlines und wunderbare Melodien anschleppt und dabei – anders als Hot Chip – scheinbar nie wirklich ins reine Zitat abrutscht, sondern immer eine ganz eigene Stimme behält. Snaith erreicht dabei diese seltsame unnahbare Qualität von wunderbar zeitgemäßer, glatter Produktion und schiefen Tönen, eingestreuten Samples, seltsamen Störfeuern, zu großen Hallräumen usw…, die sein Album davor bewahren, den Zuhörer zu langweilen. So legt Snaith hier – mehr noch als bei «Andorra« – ein atemberaubendes Album hin, das Synthiepop-Konzepte emphatisch umarmt und zugleich hinterrücks ersticht. Die Aufnahmen sind einerseits recht «slick», teilweise fast an der Grenze zur echten Glattheit, andererseits haben fast alle zugleich ein surrealistisches, kippeliges Element, eine Verlorenheit oder Einsamkeit. Auch wenn mal einzelne Songs wie «Leave House» sehr klar auf die Tanzfläche schielen, ist Caribou hier eine sehr bemerkenswerte Balance gelungen, die Hot Chip einmal für sich gebucht und irgendwie inzwischen verloren haben. Wie Swaith auf «Jamilia» die Balance zwischen großem Gefühl und großer Leere hält, ist einzigartig.

Seltsamerweise entpuppt sich «Swim» so als eine Art Soundtrack oder Konzeptalbum, das trotz der einzelnen kurzen Tracks, die für sich genommen auch allein bestehen, doch klangliche Brücken, Sounds, Melodien, Sequencer-Motive zwischen den Stücken austauscht und als Ganzes deutlich mehr beeindruckt als in den Einzelteilen. Caribou gelingt eine Art Krautpop, komplex, verpeilt, gefühlig, detuned-melancholisch, funkyjazzygroovy, irgendwo zwischen Memphis, London und Berlin zuhause und doch unverortbar, eine neue Weltmusik, komplett aus der Retorte. Dabei mesmerisiert die Platte genauso wie der zu lange Blick auf das Covermotiv, begeistert mit völlig unerwarteten Synthklängen, stampft und pumpt mit Beats wie aus einer nächtlichen Fabrikhalle, und erzeugt auf ganz eigene Art eine musikalische Poesie, die man nur noch selten findet im Grenzbereich des Pop.

13. Oktober 2010 17:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Wider die Masse

hd schellnack

Ob Stuttgart 21 oder GAP – es scheint, als lebten wir in Zeiten glorreicher direkter Demokratie. Da gehen Bürger auf die Straße, um einen teuren Umbau ihrer Stadt zu verhindern und da greifen Konsumenten in die Tastatur, um einer Bekleidungsfirma das neue, so schrecklich moderne Logo auszutreiben.

Ist Protest Dialog?
Wer das als tatsächliche Demokratie, als Dialog zwischen Einrichtungen und Bürgern empfindet, der irrt nur leider. Was sich auf den ersten Blick geeignet hervortut, um Manager oder Politiker aus dem Elfenbeinturm herauszulocken und mit der Außenwahrnehmung zu konfrontieren, entpuppt sich als Fata Morgana. Ebenso wenig wie 100 Kritiken auf Amazon ein Buch nun besser oder schlechter machen, so wenig wie 1000 Affen jemals jenseits der Statistik wirklich einen guten Roman schreiben würden, so wenig wie 100 Laien gemeinsam den einen Experten ersetzen (oder wer würde den Chirurgen beiseite schieben, um sich von 10 Krankenschwestern die Herz-OP machen zu lassen, die sich das gern auch zutrauen würden?)… ebenso wenig ersetzt Schwarmintelligenz und der medial geballte Ausdruck von Meinungen tatsächlichen Diskurs und Dialog, Abstimmungsprozesse und tatsächliche Entscheidungen.

Dabei geht es gar nicht um die Frage von Richtig oder Falsch, also darum, ob Stuttgart nun einen Kopf- oder Durchgangsbahnhof braucht oder ob nun das neue Gap-Logo besser war als das alte (beide sind ja nun einmal gruselig) und es geht nicht einmal wirklich um Argumente, die es auf beiden Seiten bei all solchen Anlässen in solch großer Zahl gibt, das man schon Experte sein muss, um in der Flut der Argumente noch den Boden zu sehen. Es geht vielmehr um die Frage, ob es wirklich so ist, dass die Vielen unbedingt Recht haben.

Und ich würde sagen: Nein.

Ist die Mehrheit die Mehrheit?
Das fängt bereits damit an, das insbesondere online die Frage berechtigt ist, was «viel» ist. Es ist erwiesen, dass sich via Twitter, auf Blogs, auf Foren, per Mail etc. eher eine kleine Online-Minorität lautstark (und gern multipel) hervortut, die keineswegs für eine reale Mehrheit sprechen kann. Da wird dann eine Fernsehserie gelobt, die aber mangels Einschaltquote eingestellt werden muss, oder aber ein Buch in Grund und Boden verdammt, das sich aber atemberaubend gut verkauft. Das gleiche Phänomen gibt es auch jenseits der virtuellen Beteiligung, wenn etwa bei dem bayrischen Volksentscheid zum Rauchverbot bereinigt eine erschreckend kleine Anzahl von Bürgern überhaupt teilgenommen hat und das prozentuale Ergebnis in Wirklichkeit so ist, dass man sich fragen muss, welche Legitimität ein solcher Entscheid mit 13,9% eigentlich haben kann, denn Mehrheiten sehen anders aus. Auch in Stuttgart nehmen – gemessen an der Anzahl der Betroffenen in Stadt und Land – prozentual so wenig Bürger an dem Protest statt (zumal gemessen an den Bürgern, die die Regierungen gewählt haben, die dieses Projekt seit zwölf Jahren ja nun alles andere als clandestin durch alle Institutionen vorantreiben). Nur weil es vor den Kameras nach «vielen» Menschen aussieht oder nur weil auf einer Site hunderte von Kommentaren eingehen, drückt sich hier in Wahrheit oft nur eine Minderheit aus, die nur suggeriert, ihre Meinung habe ein Mehrheitsrecht. Natürlich geht es in der Demokratie nicht um die «Mehrheit», sondern es geht (aus meiner Sicht) auch ganz ausgeprägt um den Schutz von Minoritäten, um die Abwägung und Aushandlung widersprüchlicher Interessen – aber es kann nicht um den Schutz einer Minderheit gehen, die in dem Selbstverständnis agiert, sie sei die Mehrheit und habe das Recht sozusagen qua Masse eingebaut.

Hat die Mehrheit Recht?
Dazu kommt, dass ich der Masse zutiefst misstraue. Die Masse kauft nämlich Musik in die Charts, die ich furchtbar finde, sieht Filme, die ich nicht mag, liest Bücher, die ich für Schundliteratur halte (wenn sie überhaupt liest). Wer einen Blick auf das Fernsehen wirft, das Medium des kleinsten geringsten Nenners, das schlimmste aller Massenmedien, kann keinen Zweifel am kollektiven IQ der Menschen haben – er ist gerade hoch genug für Supernannys und Soaps, die schwierigeren Angebote müssen in das Arte- und 3Sat-Ghetto verbannt werden. Die Masse, Pardon, hat keine Kultur. Das soll nicht arrogant klingen, so weitab vom Mainstream bin ich ja nun auch nicht und es geht nicht um die Frage, ob mein Geschmack nun besser ist. Aber wenn Lady Gaga zur größten globalen Künstlerin wird und Stephanie Meyers aseptische Vampire die Buchcharts anführen, dann kommen mir Zweifel am Verstand der «Masse». Die Masse, das ist der Mob beim Fussball, der nur noch in Sieg oder Niederlage unterscheidet. Die Masse, das sind die Leute, die in München dabeistanden, als 1938 die Hauptsynagoge abgerissen wurde und die dabei noch gejubelt haben. Ich habe ein Problem mit der Masse, die bei der kleinsten Gelegenheit mit Fackeln und Heugabeln vorm Schloss steht und will, dass das Monster verbrannt wird. Wenn es nach der Masse ginge, mit Verlaub, würden wir heute noch die Guillotine als Form der öffentlichen Unterhaltung haben und die Sklaverei wäre nicht abgeschafft. Die Geschichte würde stillstehen. Wer sich mit Organisationspsychologie und Massensoziologie befasst, weiß, das «Respekt vor der Masse» fast ausnahmslos als Angst gemeint ist. Die Loveparade hat tragisch und drastisch gezeigt, in welchen Pattern und Wogen sich Massen bewegen und wie rücksichtslos, wie wenig altruistisch oder am Gesamten, sondern wie kumuliert-egoistisch sie teilweise – durchaus auch ohne dies individuell zu wollen oder wahrzunehmen – agieren.

Woher hat die Mehrheit ihre Meinung?
Edward Bernays hat die Verführbarkeit der Mehrheit bereits in den zwanziger Jahren auf den Punkt gebracht: «Wir werden regiert, unser Verstand wird modelliert, unser Geschmack geprägt, unsere Vorstellungen werden vorgegeben weitgehend von Männern, von denen wir noch nie etwas gehört haben.» Was Bernays damals noch etwas unbefangen von den Machtstrategien seines späteren Bewunders Goebbels «Propaganda» nennen durfte, heißt heute anders, die Mechanismen allerdings haben sich kaum verändert, bestenfalls verfeinert. Wer heute sagt, dass Unternehmen und Einrichtungen auf die Mehrheit zu hören hätten, muss sich die Frage gefallen lassen, wie diese Mehrheit eigentlich ihre Meinung/en bildet und wie haltbar und belastbar dieser Boden ist, wie «richtig» die Meinung der Mehrheit ist, wie anfällig der Mob für Verführer und Demagogen ist. Hat Theo Sarrazin mit seinen absonderlichen biologistisch-gestrigen Thesen zum IQ schon Recht, nur weil sein Buch sich gut verkauft – oder haben die weniger selbstgewissen Kritiker recht, die auf die Löcher im fauligbraunen Käse seines Buches hinweisen? Stimmen Fakten, nur weil sie die Bild als auflagenstarkes Blatt druckt? Tatsache ist doch vielmehr, dass die Mehrheit der Menschen auf einfach(st)e Antworten, auf reduktionistische Ideen, auf Schwarzweißmalerei fliegt wie die Wespe auf den Sonntagskuchen – das uninformierte, dumpfe «Gefühl» ist der Aggregatzustand der Menge, das Erahnte, Faktenfreie, das Klischee. Es ist erwiesen, das den Menschen das langfristige Planen und Denken nicht liegt, sie agieren kurzfristig, nehmen spätere Nachteile in Kauf, um sich «jetzt» auszuleben – da ist es verständlich, wenn die akkumulierte Masse von Menschen dies besonders betreibt, und ohne Konsequenzen, Bedingungen, Vernetzungen und Unabwägbarkeiten zu argumentieren versucht, zurückgreift auf die einfachsten und damit falschen Argumente, die seltsam oft auf ein «Wir gegen Euch» hinauslaufen. Politiker sind korrupt, Beamte sind faul, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, Frauen gehören an den Herd, der Islam ist böse und und und… die Liste rassistischer und reaktionärer «Meinungen» des Mob ist so lang wie armselig. Es ist keineswegs so – so sehr man sich das wünschen würde – das in der Menge die Menschen zu einer abgewogenen und richtigen Entscheidung kommen (auch wenn «Wer wird Millionär» das suggeriert), sondern im Gegenteil: Nur das simpelste, primitivste Meme kann sich durchsetzen, der resistenteste und renitenteste Virus verbreitet sich am besten, je stumpfer desto besser. Es ist kein Zufall, dass ein Ex-Sponti und Grüner wie Joschka Fischer, kaum an die Macht gekommen, absolut gegen direkte Demokratie war – was auf den ersten Blick nach Wendehalsmanöver aussieht ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Menge einfach nicht das Richtige will und jedes ambitionierte Projekt ausbremst.

Wohin geht die Mehrheit?
Nirgendwohin. Der Mob kann sich nur für 0 oder 1 entscheiden. Komplexe Sachverhalte überfordern ihn. Stuttgart zeigt sehr schön wie verschiedenste Partikularinteressen gebündelt ein großes «Nein» als einzige Option ergeben, von Protestlern, die den Bahnhof an sich okay finden, aber mehr Trassen und Finanzierungssicherheit fordern hin zu Komplettverweigerern ist jede Couleur dabei. Wer da als Politiker mit den Prostestierenden verhandeln will, dürfte angesichts des Kaleidoskops von Meinungen Freude haben. Am Ende bleibt von den Einzelstimmungen nur ein großes Verhindern über, ein Beharren auf den JETZT-Zustand. Am Ende ist dies das Einzige, worauf die Masse sich einigen kann – selbst wenn «Jetzt» auch alles als ideal sein mag, scheint es doch ausnahmslos besser als die Unsicherheit dessen, was kommen könnte. Jede Abweichung von der Normalität wird abgelehnt und wenn die Masse eins gelernt hat, dann, dass jede Veränderung ihr schaden könnte. Der Mob kann nur zwei Dinge: Nach Blutopfern rufen und den Stillstand bewahren. Es ist die Multiplikation des Sankt-Florians-Prinzip: Überall, bloß nicht bei mir. Die Leute wollen eine schnelle, effiziente Bahn – aber bitte keine Bauarbeiten in ihrer Innenstadt. Die Leute wollen grünen Strom – aber bitte keine Windkrafträder oder Hochleistungsstromleitungen in Ihrer Nähe. Die Leute wollen einen leistungsstarken Staat – aber niedrige Steuern. Jeder will ein König sein, keiner regieren. Und so kann die Masse ein neues Erscheinungsbild zwar schlechtreden, aber keinen schlüssigen Gegenentwurf formulieren, auf den sie sich einigen könnte. Die Masse, insofern, ist das ultimative Konsensdesign, das ultimative Gremiendesign, das sich selbst so zerredet, bis es nicht mehr stattfindet und man nur noch in der Geste des perpetualen Stillstands gefriert. A lot goes on, but nothing happens. Jeder Autor von Serienliteratur – ob Buch, TV oder Comic – kennt das Phänomen seines Publikums: Es beschwert sich, wenn nicht genug Wandel stattfindet, aber sobald sich dann tatsächlich etwas verändert, steht der Mob an den Toren und hämmert mit den Fäusten heulend aufs Holz. Das Ergebnis ist die sogenannte «Illusion of Change», die Illusion des Wandels, das Prinzip «Wasch mich, aber mach mich nicht nass». Jeder Designer, der mit Gremienentscheidungen zu tun hat, weiß nur zu gut, was das bedeutet: Wir brauchen ein neues Logo, aber kann es so aussehen wie das alte?

Gestaltet die Mehrheit Zukunft?
Nein, so leid es mit tut. Die Zukunft ist fast ausnahmslos gegen den Mob entstanden. Die Sklaverei, die der gute Cicero noch völlig okay fand, ist in Amerika nicht abgeschafft worden, weil die Masse schlagartig fand, dass diese Einrichtung barbarisch ist, sondern sie geht auf eine Handvoll Menschen zurück, die schließlich in Abraham Lincoln einen Fürsprecher fanden, der den 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung nach mehreren Anläufen und nach dem Sezessionskrieg durchsetzte. Norbert Bolz hat einmal festgehalten, dass die Masse der Menschen nicht weiß, was sie sich (im Hinblick auf Produkte) an Innovationen wünscht – die Konsumenten selbst hätten niemals den Walkman erfunden, wahrscheinlich auch keine Mobiltelefone oder Computer. Jede politische und technologische Innovation geht von Individuen aus und hat sich erst mit der Zeit als «vernünftig», als neuer Status Quo, etablieren können. Bei fast jeder technischen Neuerung sagt der Mob: «Wozu brauch ich DAS denn?» Ein Telefon ohne Kabel, eine Kamera am Handy, ein Computer ohne Maus und Tastatur? Kunstdünger? Automobile? Genforschung? Alles neue, alles «fremde» wird abgelehnt und muss sich erst beweisen. Was an sich nicht schlimm ist – aber wer von der konservativen Masse, die alles allochtone prinzipiell ablehnt, tatsächlich Impulse, die nach vorne deuten erwartet, der kann aber lange warten. Und vergebens. Zukunft geht nicht vom Aggregat aus, sondern vom Individuum, vom Querdenker, vom Mutigen, vom Typus des Entdeckers. Von diesen wahnwitzigen Menschen, die neue Kontinente entdecken oder unter atemberaubenden Kosten und hohen Opfern Menschen zum Mond emporschießen. Die Bücher schreiben, die erst einmal keiner versteht und die sich nicht verkaufen, die Bilder malen, an denen keiner zeitlebens etwas verdient, die Theaterstücke schreiben, bei denen das Publikum empört den Saal verlässt, die sich ihre Instrumente selbst zusammenbauen und seltsam heulende Geräusche aus ihren Gitarren frickeln oder elektronisch-ungewohnte Klänge generieren, die mit einem Hüftschwung ganz Amerika empören, die mit einem Kleiderschnitt eine ganz Ära von weiblichen Rollenklischees beenden. Es sind die, die die Masse stets für «Spinner» hält, als Außenseiter deklariert, oft sogar massiv sanktioniert, die Kultur und Wissenschaft voranbringen, weil sie die Grenzen austasten und verschieben. Es sind kurzum Individuen, mit all ihren Fehlern und Träumen, die die Zukunft schmieden, nicht die amorphe Masse. Die Masse kann seine Impulse geben, sie kann sich auf keine Ziele einigen, sie kann nicht langfristig denken, sie kann nur stumpf reagieren und verneinen. Sie kann in Previews dafür sorgen, dass Filme zu einem Happy End umgeschnitten werden müssen, aber sie kann keine Filme machen. «Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär’s, dass nichts entstünde» – so mephistophelisch ist die Mehrheit, die in toto nicht versteht, dass Stillstand aber unweigerlich Entropie bedeutet. Wer dem Mob die Zügel in die Hand gibt, bewegt sich dem Mittelalter entgegen. Die Menge der Deutschen wollte keine Rechtschreibreform (inhaltlich ganz zu Recht, wie ich fand und finde) – aber einige Jahre später zeigt sich, dass man damit ja doch ganz gut leben kann. Der Leidensdruck, ist die Veränderung einmal durchgeführt, sinkt ja doch immer wieder schneller, als gedacht. Wird in Stuttgart der Bahnhof gebaut (vielleicht sogar durch die Proteste etwas durchdachter, etwas weniger sparsam, etwas langfristiger geplant), so wird er in 10 bis 30 Jahren der neue Standard sein, die neue Normalität darstellen. Und wenn er in 100 Jahren durch einen neuen ersetzt wird, werden wahrscheinlich wieder die Bürger protestieren gegen diesen Umbau.

Ist die Mehrheit demokratisch?
Es ist ein Irrglaube, dass direkte Demokratie «demokratisch» ist. So falsch es auch ist, demokratische Teilhabe aus ein Kreuzchen alle vier fünf Jahre zu beschränken – und sich selbst dieser Teilhabe zu entziehen -, so falsch der Mangel an Möglichkeiten für den Einzelnen ist, sich in die Politik einzubringen und diese als Interessant zu erfahren, so unrichtig ist eben auch die Vorstellung, dass Volksentscheide und Protestaktionen etwas mit Politik zu tun haben. Einer gewählten Regierung eine demokratisch erarbeitete Entscheidung abpressen zu wollen, einem Unternehmen die Markenidentität endogen aufzudrücken – das ist nicht «Demokratie» und schon gar nicht Marketing oder Branding. In der Politik gilt, dass es eine gerade in Deutschland fein tarierte Machtstruktur der Instanzen gibt – Gerichte, Parteien, Land, Bund und so weiter – die in oft langwierigen Prozessen konsensuale Entscheidungen herbeizuführen versucht. Diese Prozesse versuchen bereits, Mehrheiten abzubilden und sind genau deshalb oft so melassig-langsam und schaffen keine wirklichen Reformen. Demokratie ist aber genau diese Ausverhandlung und Entscheidungsfindung, Checks and Balances, die am Ende ein immerhin halbwegs tragbares Ergebnis rechtfertigen und Peunalen für Fehlentscheidungen implementiert haben – per Abwahl oder Rücktritt. Aber dieser komplexe und schwierige Prozess ist von Mengen nicht zu leisten – welche Meinung hat denn eine Mehrheit zur Frage, ab welchem Alter Kinder in den Kindergarten sollen (und ist diese Meinung von Experten geteilt?) oder zur Energieversorgung unseres Landes in 50 Jahren (und ist diese Meinung technisch und finanziell realisierbar?) So mangelhaft die repräsentative Demokratie ist – die Alternative wäre ein Alptraum, das Regime des kleinsten gemeinsamen Nenners, des Gartenzaunanstreichers, des Nachbarns, der durch die Gardinen späht und überprüft, ob du deinen Müll auch säuberlich trennst. So traurig die gegenwärtige Politik ohne Visionäre, der Sachverwalter und Realisten, sein mag – eine Alternative, in der eine stumpfe Mehrheit über Theatersubventionen und Kunstprojekte, Bildungskanon und Sozialhilfe entschiede, wäre ein Grund, das Land zu verlassen.Denn die Diktatur der Vielen wäre keine Spur erträglicher als die Diktatur eines Einzelnen.

Machen Massen Marken?
Man könnte sich zu der Annahme verführen lassen, dass doch aber in der Welt des Massenkonsums die Massen sinnvoll die Zügel halten könnten. Die Abertausenden von Menschen, die bei IKEA kaufen, müssten doch am besten wissen, wie die Marke aussehen soll, oder? Es macht doch nur Sinn, wenn GAP jetzt zusammenklappt und binnen kürzester Zeit unter öffentlichem Druck ein Logo vom Tisch nimmt. Ehrlich gesagt, macht es ebenso viel Sinn wie auf die Forderungen von Erpressern einzugehen – man hofft auf ein kurzfristiges gutes Ende und etwas Ruhe, weiß aber, dass man sich langfristig ein großes Problem eingehandelt hat, weil man ab jetzt immer und jederzeit erpressbar ist. Natürlich ist es richtig – goldrichtig sogar – wenn du als Marke auf deine Marktpartner hörst und sensibel ihre Wünsche wahrnimmst. Darauf unweigerlich zu hören, ist aber schlicht und ergreifend Feigheit vor dem Freund. Ein Musiker, der ein mutiges, seinen bisherigen Sound verlassendes Album herausbringt, sollte nicht unbedingt zurück in alte Gewässer, nur weil die Umsätze zurückgehen, sondern weiter daran arbeiten, sich ein neues Publikum zu erarbeiten, das seine Experimente zu würdigen weiß. Ein Autor, der dem Publikum gibt, was es will – frei von Überraschungen -, wird es nicht lange glücklich machen, weil er langweilt. Die Kraft einer Marke ist ihre Autorität – und diese Autorität bedeutet, Entscheidungen aus einer inneren Überzeugung heraus zu treffen und zu diesen Entscheidungen dann zu stehen. Im Einzelnen Zugeständnisse, in der Sache auf Kurs. So wie von Guttenberg sich inzwischen zweimal mit dieser Methode Respekt verschaffte – Opel und neuerdings die überraschend einfach wirkende Abschaffung der Wehrpflicht -, so schafft sich auch ein Unternehmen dadurch Respekt, dass es auf Linie bleibt. Wer sein Logo nicht aus kurzfristigen Gründen ändert, sondern einer klaren inhaltlichen Linie für die Zukunft folgt, ist gut beraten, diese Linie auch durchzusetzen. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Masse eine starke Marke macht – tatsächlich zieht umgekehrt eine starke Marke die Masse an. Ein beliebter Politiker ist nicht der, der dem Volk nach dem Mund redet, sondern jemand, der einigermaßen glaubhaft seinem inneren Kompass folgt – und analog gewinnt eine Marke dadurch an Magnetismus, dass sie souverän und «cool» ist, autonom reagiert und den Weg führt. Unter diesem Aspekt ist es sehr richtig, dass Apple stets gründlich abwägt, wann sie dem Gegreine der Masse nachgibt (und etwa Bumper gratis verteilt) und wann sie die Marke gegen den Mob auf Spur halten. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass Marken, die ihren Zielgruppen in den Hintern kriechen, erfolgreicher wären als solche, die dies nicht tun. Im Gegenteil. Stark sind Marken, die den Weg vorgeben und sich souverän darauf verlassen, dass die Herde größtenteils mitgehen wird und die Nörgler verstummen. Eine Marke, die «der Allgemeinheit» nachläuft, wird unweigerlich zu amorphem Mittelmaß degenerieren. Umgekehrt wird eine starke, individuelle Marke, vielleicht paradoxerweise gerade weil sie Ecken und Kanten hat, eine Gefolgschaft anziehen. Nicht zuletzt, weil sich jeder in der Masse ja nach «seiner» Individualität sehnt, nach einer Identität in der Konformität (siehe etwa NIKEID).

GAP erweist sich also im Zweifelsfall einen Bärendienst und wird es – nachdem es einmal ein Logo zurückgezogen hat – fast unmöglich schwer finden, einen Entwurf zu finden, mit dem die «Masse» dann auch zufrieden sein kann. Den einen wird jede Änderung des Bestehenden zu viel sein, den anderen wird das dann noch bestehende Quentchen Wandel nicht ausreichend sein – und letzten Endes auch den Relaunch nicht rechtfertigen. Es ist ein Zeichen schlechten Managements, nicht nur ein Logo herauszubringen, an das man offenbar selbst nicht glaubt und das intern nicht mehrheitlich getragen wird (und das, am Rande, auch einfach gut ist), sondern dieses auch noch beim erstbesten Gegenwind wieder einzukassieren. Es gibt grandiose und phantastische Wege, die Konsumenten und Partner in Entscheidungsprozesse eines Unternehmens einzubinden und ein soziales Geflecht in die Außenwelt zu etablieren – und ich bin der erste, der solche Prozesse der Verankerung in der Wirklichkeit goldrichtig findet -, aber wer sich von Neinsagern seine Markenidentität und das Design diktieren lässt, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und nichts wäre für eine Marke wichtiger als die eigene Unanfechtbarkeit, Deutungshoheit, Wahrheitskompetenz. Deshalb müssen Marken den Dialog mit Individuen suchen – und fördern -, aber nicht zum Subjekt von Mehrheiten werden. Denn Marken sind Leuchttürme, keine Nichtschwimmer.

15:58 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 9 Antworten.

The Social Network

hd schellnack

Das Arschloch
Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Soundtrack von Atticus Ross und Trent Reznor zu David Finchers neuem Film mitunter stark an Clint Mansells Score für «Moon» erinnert – irgendwie scheinen sich beide Protagonisten der Filme in einer ähnlichen Form von Einsamkeit und Isolation zu bewegen, meilenweit entfernt von dem nächsten menschlichen Kontakt, schwerelos treibend. Denn nichts interessiert Fincher weniger als die Hintergründe um die Entstehung von Facebook – ganz im Gegensatz zu seinem Drehbuchautor Aaron Sorkin, der hier seltsamerweise eine ganz andere Geschichte zu erzählen scheint als der Regisseur. Sorkin scheint es in der Tat um die Sache und um die Person Marc Zuckerberg zu gehen, er entfaltet mit meisterhaften Dialogen und kluger Montage von Zeitebenen die zeitlose Teenie-Comedy-Geschichte eines Nerds, der in die hippen Insider-Verbindungen von Harvard nicht hereinkommt, trotz seines Intellekts nicht gut genug vernetzt ist, nicht ausreichend charismatisch und gutaussehend ist, letztlich auch einfach nicht cool genug ist, um an der Eliteuni wirklich akzeptiert zu werden. Vielleicht auch, weil Sorkins Version von Zuckerberg beileibe kein Nice Guy ist, sondern stets etwas autistisch, abwesend, anderweitig beschäftigt wirkt und dazu noch entnervend arrogant ist. Sorkin strickt um diesen Geek eine Mär von fast Schillerscher Grösse, komplett mit den ganzen Intrigen, Rückenstechereien und verlorenen Männer-Freundschaften, die nun einmal dazugehören. Am Ende seiner Geschichte zeigt er uns den kleinen Jungen, der zum König wurde und doch allein blieb, immer noch an Zurückweisung und verlorener Liebe leidet und (offenbar vergeblich) darauf wartet, dass seine ehemalige Geliebte ihm verzeiht und ihn endlich bei Facebook, seiner eigenen Erfindung, added. Sorkins Zuckerberg ist ein aalglatter Aufsteiger, ein moderner Gordon Gecko, der offenbar seinen Erfolg nur braucht, um den Mädchen endlich heimzuzahlen, dass sie ihn haben abblitzen lassen – aus Sorkins Perspektive ist Facebook kaum mehr als eine Art Viagra.

Der Held
Fincher aber verfolgt mit dem Film ganz andere Ziele. Sein Zuckerberg steht in der Tradition des Serientäters in «Sieben» oder des schizophrenen «Fightclub»-Begründers Tyler Durden, ist so falsch in die Welt geboren wie Benjamin Button und muss sich deshalb seine eigene Welt formen, um bestehen zu können. Wie fast immer unter Finchers Händen mutiert der Soziopath zum grauschattierten Helden, den wir nicht rückhaltslos mögen, mit dem wir aber heimlich paktieren, dessen Triumphe uns zumindest ein Grinsen abringen. Sein Zuckerberg wandelt sich vom Streber, der gern dazugehören, in die Eliteclubs hinein möchte, zu einem autarken Player, der seine eigenen Regeln aufstellt, außerhalb der etablierten Grenzen Möglichkeiten findet, sein Talent einzusetzen, der das Spielbrett vom Tisch fegt und darauf tanzt. In einer fast prototypischen «coming-of-age»-Narration zeigt uns der Regisseur einen Zuckerberg, der an der einen großen Zurückweisung zu Beginn des Films seine Initialzündung findet und der im Verlauf des Films wächst, gegen alle Gewissensbisse den Erfolg sucht, und der seine Partner durchaus eben nicht unfair abschießt – Eduardo, den er vorher immer wieder warnt, mitzuziehen, weil er ein Bremser ist, Sean Parker, weil er den Ruf des Unternehmens gefährden könnte. Der Marc Zuckerberg, der am Ende vor den Anwälten sitzt, ist eine seltsame Mischung aus Asperger-Kandidat, Hypernerd und Rebell, gelangweilt von der Arroganz der Anwälte um ihn herum, in Gedanken bei wichtigeren Dingen. Es umweht ihn ein Hauch von Tragik, von Verletztheit, von der Einsamkeit des Genies, das in einigen Dingen so brillant sein kann, und an den einfachsten Alltagsdingen scheitert, etwa am Small Talk mit seiner Freundin, etwa am Umgang mit dem eigenen Erfolg, der eintritt, ohne wirklich verdient zu sein. «The Social Network» ist die alte Geschichte von der Revolution, die ihre Väter frisst – Fincher zeigt einen Milliardär Mitte 20, der alles erreicht hat und doch seltsam isoliert scheint, Freunde und sogar Vorbilder am Wegesrand zurückgelassen hat – und nun wie ein Gefangener der eigenen Success Story wirkt. Damit reiht Fincher ihn nahtlos in die Reihe seiner lädierten Sonderlinge und Aussenseiter ein, und ein Film, der visuell nur selten nach klassischem Fincher aussieht (bis man auf die Details achtet), wird so zu einem tatsächlich nahtlos passenden und wichtigen Bestandteil seines Oeuvres.

Der Nerd
Und Fincher wäre nicht Fincher, ginge es in seinem Film nur um das Sichtbare. Es gibt eine Moment, in dem Bill Gates einen Vortrag an Harvard hält und von einem Studenten nicht erkannt wird – die alte Garde des Computerzeitalters ist unwichtig geworden – und so schlägt der Film die Brücke zwischen drei Generation von Computer-Entrepreneuren. Gates, Parker und Zuckerberg verkörpern verschiedene Facetten des gleichen Phänomens, sozusagen an verschiedenen Alterspunkten der Kurve abgefangen. Gates ist der gereifte Geschäftsmann, der Elder Statesman, den man schon kaum noch kennt, die 80s. Parker ist der durch alle Ups und Downs gegangene Bluffer, ein oberflächlicher aber charismatischer Star-Verkäufer ohne Geld, die Dotcom-Blase der 90s. Zuckerberg ist der Vertreter der Nuller Jahre, hier geht es nicht mehr um Betriebssysteme oder Musik-Raubkopien, hier geht es um einen nicht mehr so klar greifbaren dafür aber viel umfassenderen Service, der eine wichtige soziale Funktion, den Kontakt zu Freunden, in den Äther des Webs verschiebt und so total neu definiert. Und wo Gates primär Geld verdienen wollte, Parker hedonistisch nur an Sex und Spass interessiert scheint, ist Zuckerberg eine neue Spezies von Nerd, beiden nahe und doch anders. Zuckerberg fremdelt auf den Parties, fremdelt mit Menschen generell, drückt seine Gefühle (dann aber völlig distanzlos) online auf… und scheint für sein Millionenvermögen wenig Interesse zu zeigen, trägt immer noch die gleichen Klamotten wie zu Beginn des Films. Er sitzt mitten im Trubel seiner eigenen Firma unter Kopfhörern und programmiert als sei er Praktikant, und ist zugleich doch Machtmensch genug, um genau die Sorte eiskalte Entscheidungen zu treffen, ohne die es keinen Erfolg geben kann. Es ist ein seltsamer, sehr privater Neo-Calvinismus, der den Otaku Zuckerberg antreibt, Erfolg um des Erfolgs willen, Erfolg, um jemand zu sein, Erfolg, um Anerkennung zu bekommen – und da ist auch die Enttäuschung greifbar, wenn bei allem Erfolg keine Anerkennung kommt, sondern im Gegenteil Anfeindung und Ausgrenzung zurückhallen. Fincher umrahmt den Film mit zwei Dialogen zwischen Zuckerberg und einer Frau (seine Freundin Erica Albright zu Beginn und die Anwaltsassistentin Marylin Delpy zum Schluss) und immer geht es um die Frage, ob er ein Arschloch sei – und am Ende wird klar, dass Zuckerberg nie ein Arschloch war, sondern immer nur ein einsamer Junge, der nicht weiß, was er mit sich anfangen soll und nicht weiß, wie er mit der Welt kommunizieren kann.

Der Soziopath
Fincher zeichnet anhand dieses weltfremden, modernen Mann ohne Eigenschaften den Übergang eines Wirtschaftssystems im Mikrokosmos ab – von der materiellen Produktion hin zur immateriellen Phantomwirtschaft des Web, in der unklar ist, wo überhaupt das Geld herkommt und was die geleistete «Arbeit» eigentlich generiert, wo Coolness und Image so wichtige Wirtschfaftsaktoren sind wie früher Boden und Kapital. Die Winkelvoss-Brüder, denen Zuckerberg die Idee zu einer Social-Network-Site zu stehlen scheint, verkörpern den Niedergang einer alten Garde, der alten Elite des bisherigen Systems. Die großgewachsenen, körperlich dominanten «Jocks» in ihren Insiderclub, die Zuckerberg herablassend nur in den Vorraum lassen, in ihm nur einen Programmierer, einen Serf, eine Arbeitsdrohne, sehen, werden von ihm vorgeführt und gedemütigt, an ihnen zelebriert Fincher stellvertretend die Rache der schmächtigen Stubenhocker an den neureichen Schönlingen und skizziert zugleich ein neues System, in dem die Stubenhocker das Steuer fest in der Hand haben, in der die ja ähnlich von «Kids» erfundenen Marken Twitter, Facebook, eBay oder Google die Rolle einnehmen, die früher Ölkonzernen, Autoherstellern, später großen Anwaltskanzleien oder Banken zukam. Von der klassischen Produktion bis in die siebziger Jahre über die Administration des Wirtschaftssystems in den achtziger und neunziger Jahren hin zur völlig der «realen» Welt entkoppelten Webwirtschaft, wie sie in den neunziger Jahren bis heute entsteht, entfaltet Fincher im Mikrokosmos seine Demontage den Old-School-Kapitalismus, ohne dabei den neuen Webkapitalismus romantisch zu verklären. Mit fast anthropologischer Kälte beleuchtet er das Phänomen Facebook stellvertretend für den Exodus in das Internet und dazu passt, dass Jesse Eisenberg seine Figur nahezu gefühlslos zu spielen scheint, nur ein Zucken des Mundwinkels hier, nur ein Zögern in den Augen dort, nur die Wut im Alkoholrausch, nur ein Blick aus dem Fenster überhaupt andeutet, was Zuckerberg empfinden könnte.

Das Ergebnis der Reibung zwischen Finchers Interesse an der Mechanik von Außenseitern und Sorkins politisch-moralischer Entrüstung verleiht «The Social Network» eine phantastische Schwebung, eine gewisse nicht-neutrale Fairness, eine interpretatorische Offenheit, die im Drehbuch eigentlich gar nicht angelegt ist. Obwohl Fincher sich als Regisseur weitgehend zurücknimmt und mit Ausnahme der Tilt-Shift-Optik beim Bootsrennen und der bei ihm üblichen digitalen, inzwischen nahezu unsichtbaren Kunstgriffe (Kamerafahrten durch Wände, die Montage der Zwillinge usw.) auf jegliche Magie verzichtet, trägt der Film eindeutig seine Handschrift und zeigt ihn als Filmemacher, der inzwischen dem Film dienen kann, der die Ästhetik in den Dienst der Aussage stellt und nicht mehr die Erzählung mit Design erschlagen muss. Es ist fast schade, dass dieser Regisseur sich als nächstes dem Remake der Millenium-Trilogie und damit einem Rückschritt zu «Sieben» widmen soll, anstatt auf seinem Weg als Autorenfilmer weiterzugehen, aber diese seltsame Balance zwischen Hollywooderfolg und eigenen Projekten zeichnet Finchers Arbeit ja seit jeher aus.

Der Einsame
Dabei dürfte auch «The Social Network» ein kommerzieller Erfolg werden. Das Marketingrezept zum Kassenknaller ist ja fast eingebaut, wenn nur jeder zehnte FB-Nutzer weltweit neugierig genug wäre, um den Film im Kino oder daheim sehen zu wollen. Ob die Zuschauer in dem Film dann eine Art Gerichtsthriller sehen, ein Freundschaftsdrama, einen Kommentar zum modernen Webkapitalismus, oder einen Horrorfilm über die Einsamkeit des Ausnahmetalents in einer nivellierten Gesellschaft, darf offen sein – denn all dies und wahrscheinlich noch mehr ist in der DNS dieses Films codiert und wartet darauf, entdeckt zu werden. Die Ironie des Films ist, dass er das Außenseitergenie feiert und ein Massenpublikum erreichen will und wird, das sich hier lediglich eine Art «Enthüllungsthriller» erhofft. Enthüllungen gibt es in der Tat, aber weniger über Marc Zuckerberg, als vielmehr über einen dramatischen Power Shift (und sei er nur kurzlebig) in der Art, wie unsere Wirtschaft, aber auch unser soziales Zusammenleben sich organisiert. Denn der Titel deutet ja über Facebook hinaus, verweist auf die neuen «Sozialen Netzwerke», die online entstehen und die alten Seilschaften und Netzwerke, für die Harvard fast symbolisch steht, auflösen. In diesem Mikrokosmos bilden Fincher und Sorkin ab, was es bedeutet, wenn wir fast beiläufig komplett neue Sozialstrukturen im Web aufbauen, raumzeitlich entfesselt, angesichtslos; eine komplett neue Form von Selbstdarstellung und Kommunikation, die alle bisherigen Formen ergänzt, diese zum Teil aber auch überschreiben wird. Eine Welt, die nicht mehr von Politikern oder den Winkelvosses dieser Welt kontrolliert wird, sondern von den Programmierern, halben Kindern, die ihre Hoodies hochklappen, Becks trinken und mit ein paar Zeilen Code Geschichte schreiben, die die neuen Rockstars sind und deren Vorlieben und Psychopathologien inzwischen wichtiger sind als die von Barack Obama oder von Angela Merkel. Und die nun einmal, so das Fazit des Films, kaum noch in der Lage sind, eine normale Beziehung zu ihrer Umwelt aufzubauen.   

09:23 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

New Young Pony Club: The Optimist

hd schellnack

Und hier ist wieder eins von diesen «zweiten» Alben. Die so furchtbar in die Hose gehen können. Oder die zeigen können, wie der Schmetterling aus dem Kokon schlüpft und aus der Vielzahl von Ansätzen des Debuts etwas mit schärferen Konturen wird. Im Fall des Londoner Duos/Quartetts New Young Pony Club, deren Debut «Fantastic Playground» nun wirklich ein greller Wirbelwind verschiedenster Einflüsse und Ideen war, durfte man mehr als gespannt sein, was es wird – Flop oder Pop. Es ist Pop geworden, grandioser, perfekter Pop voller Anspielungen undZitate wie der Erstling, aber ungleich fokussierter, ernster, größer.

Die Einflüsse aus den Achtzigern sind natürlich unüberhörbar, fast permanent erinnert hier eine Basslinie an New Order/Joy Division, kommen wirre Drums und ein leicht gegen den Beat versetzter 4/4-Bass so wunderbar zusammen wie bei den frühen Trisomie 21, hallt eine vernichtende Bassdrum wie zu Cures «Pornography»-Zeiten, erinnern Snare Sounds an «Faith», sind Keyboard-Sounds so dünn und cheesy wie bei alten Roland und Yamaha-Synths. Das bemerkenswerteste Instrument, alles in allem, ist der von Andy Spence selbst eingespielte Bass – der immer wieder an Peter Hook erinnert oder an Simon Gallup und der teilweise doppelt und dreifach überlagert in den Songs auftaucht. Der Bass bringt die Stücke zum Grooven, bringt Seele und Funk in die ansonsten etwas sterile Komposition, belebt die Arrangements spürbar.

Und so werden die ersten drei Songs des Albums, «Lost a Girl», «Chaos» und vor allem «The Optimist» zu absoluten Hits – vor allem der Titelsong des Albums ist von wunderbaren Störungen und Details durchzogen, eine perfekte Popnummer, die sich zugleich selbst dekonstruiert und dabei streckenweise wirklich wunderbar an die frühe Naivität der ersten T21-Einspielungen erinnert, eine New-Wave-Naivität und Einfachkeit, die es schafft, über die reine Kopie hinauszugehen und etwas von der Unschuld dieser Mixtur aus Punk und früher elektronischer Musik zurückzugewinnen. Auch «Stone» gelingt, auf ganz andere Art, eine Aufschichtung von Störmomenten, von Loops und flirrenden Synthsequenzen, die einen zarten Hauch von Dub in den Track injizieren.

Das Album ist nicht durchgehend brillant – einige Nummern sind einfach etwas zu simpel und zu dreckig rausgehauen und es fehlt ihnen etwas an Doppelbödigkeit -, aber es macht auf jeden Fall durchgehend Spaß. «Dolls» hat sicher nicht die Kraft der ersten Nummern des Albums, wirkt skizzenhafter, aber geht natürlich trotzdem massiv nach vorn. Obwohl es auch durchaus liebeskranke Songs gibt («Before The Light») und Tabitha Bulmers Stimme immer etwas off klingt, immer etwas schief und allein an der Bar steht, während schon das Licht angeht, ist «The Optimist» passend zum Titel ein kontrastreiches, bemerkenswertes fröhliches Album geworden. Die Mannschaft um Bulmer probiert sich zwar nicht mehr so irrwitzig alle Richtunge aus wie auf «Playground», gelangt dafür aber umso entschiedener zu einem makellosen (aber nicht langweiligen) Popkonzept, in dem Disco, 80s, UK-Charts und Indie sich fröhlich an den Händen haltend um die letzten Stühle auf der überfüllten Geburtstagsparty streiten. Den Ponys gelingt so die Quadratur des Kreises, ein zweites Album das die Essenz des Debuts vertieft und behält – und zugleich in eine völlig andere Richtung geht. Wenn doch nur jeder neuen Fave-Band aus Großbritannien dieser Sprung so souverän gelänge.

11. Oktober 2010 08:04 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

So soll es sein: Webfonts bei Myfonts

hd schellnack

Myfonts sind seit einiger Zeit Taktangeber in Sachen Schriftverkauf im Internet. Seitdem John Collins und sein Team die Site vom häßlichen Entlein zu einer der mit den meisten Features ausgestatteten und viele große und auch kleine Foundries umfassenden Plattform gemausert hat, ist sie zu einem der schönsten Schaufenster für den Fontkauf geworden. Auch wenn ich trotzdem meist direkt bei den ja meist kleinen Anbietern kaufe (die ihre Schriften ja auch oft selbst online vertreiben) oder bei Fontshop – die Smartness und simple Schönheit von Myfonts ist beeindruckend.

Und jetzt zeigt sich Myfonts nach dem Whatthefont-Online-Schrifterkenner und dem neuen smarten Layout, das wir kein zweites typographische Features direkt online testbar macht, erneut als Wegbereiter, indem für etwa 1000 ausgewählte Schriften die Webfont-Lizenz unmittelbar eingebaut haben. Keine Extrakosten. außer bei wirklich ordentlich Traffic auf der Site und selbst dann hält sich der Preis in Grenzen, keine zusätzlichen Lizenzen, die Onlinenutzung als fontface-Kit ist einfach mit dabei. Zwar sind 1000 Schriften, so groß die Zahl klingen mag, nur ein Bruchteil dessen, was auf Myfonts angeboten wird, und die großen Anbieter setzen nach wie vor auf jeweils eigene Miet- oder Kauflösungen – aber es ist ein zaghafter erster Schritt in die Richtung, die Barriere zwischen Print und Web weiter einzureissen.

6. Oktober 2010 11:32 Uhr. Kategorie Design, Technik. Tag , . Eine Antwort.

bild.sprachen

101005_bildsprachen.jpg

Auch wenn das HD-Blog normalerweise nicht mehr für nodesign-Themen dient, kurz etwas in eigener Sache:

nodesign ist eine der acht für «vorbildliche Arbeit» ausgewählten Agenturen aus dem Ruhrgebiet, die auf der Photographiemesse bild.sprachen im Wissenschaftspark Gelsenkirchen als «die besten Beispiele des Umgangs mit Photographie» ausgestellt werden. Der Photograph und Pixelprojekt-Ruhr-Projektleiter Peter Liedtke hat sich für die Ausstellung das Projekt «Scene Ungarn» ausgesucht, und wir freuen uns sehr, dass die ausgezeichneten ungarischen Photographen der Scene hier noch einmal der Öffentlichkeit präsentiert werden. Auch wenn wir uns selbst nicht so sehr als reine Ruhrgebiets-Agentur definieren (unserere Auftraggeber kommen aus ganz Deutschland, nur zwei kommen aus dem Ruhrgebiet), ist es natürlich schön, hier gemeinsam mit Designbüros, deren Arbeit wir selbst sehr mögen, vertreten zu sein.

Die Messe beginnt am Donnerstag, 07.10.2010 um 11 Uhr im Wissenschaftspark Gelsenkirchen, Munscheidstraße 14 in 45886 Gelsenkirchen und endet am Freitag, den 08.10.
Die Ausstellung endet am 29.01.2011.

Da die Einladungen leider erst heute bei uns eintrafen, können wir keine persönlichen Einladungen mehr verschicken – freuen uns aber natürlich aber über jedes bekannte Gesicht, das es trotz des Wochentages zur Eröffnung morgen schafft… das Messeprogramm klingt auch so, als würde es sich definitiv lohnen, zur bild.sprachen-Messe zu kommen.

Photo: Alexandra Emese Lázár

5. Oktober 2010 11:35 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , . Eine Antwort.

Bobo in White Wooden Houses: Transparent

hd schellnack

Was für ein Comeback! Und das obwohl sie natürlich nie weg war: Christiane Hebold hat sich sich nach der Auflösung der regulären Besetzung von «Bobo in White Wooden Houses» ausprobiert wie kaum eine andere deutsche Sängerin. Elektronisch, mit Orchester, reduzierte Singer-Songwriter-Nummern, Volkslied, zudem als Gastvokalistin für fast jede vorstellbare Richtung von Rammstein bis Ulrike Haage… man kann Bobolina nicht nachsagen, dass sie das Experiment fürchtet. Und im Grunde ist auch «Transparent» keine Reunion – nur Lexa Schäfer ist wieder fest dabei, Andrew McGuiness spielt nur bei einem Track -, aber durchaus eine Rückkehr zu den bandorientierten, im weitesten Sinne rockigen Klängen der Alben von 1992/93. «Transparent» kann dabei nicht die phantastische Naivität und Energie des Deburalbums einfangen (das konnte bereits die zweite Platte nicht mehr), und ist hier und da etwas für ein angeblich live in einem alten Kino eingespieltes Album etwas überproduziert, hat aber ein phantastisches Ass im Ärmel: Jan Stolterfoht alias Jan Pelao alias Mars Williams, der nicht nur als Studiogitarrist für diverseste Projekte von Miss Platnum, Milla Jovovich und Boundzound bis Yvonne Catterfield gearbeitet hat, sondern auch als Produzent tätig ist und der seine Vorliebe für psychedelische Vintage-Sounds auf «Transparent» sehr weiträumig ausleben darf. In vieler Hinsicht, je öfter man das Album hört, ist «Transparent» Stolterfohts Album, als Composer, Produzent und als fast allgegenwärtige musikalische Präsenz – so sehr, dass man nach einer Weile die Sequenzen fast mehr mag, in denen der eigentliche Star der Show Bobo nicht singt und Jan seine ausgedehnten, wunderbar unzeitgemäßen Soli raushaut, ebenso wie die filigrane Arbeit, mit denen er den Gesang untermalt, ummantelt, einschmiegt. Das Ergebnis ist ein psychedelischer Retropop, der stark an die 90er erinnert, an frühe Selig, an Nationalgalerie, an Grunge natürlich, aber auch weiter zurückreicht in die sechziger Jahre, mit kristallklaren Sounds, wunderbaren Raumklängen, schwirrenden, pfeifenden, klirrenden und dröhnenden Gitarren, die ein grandioses und wichtiges Gegengewicht zu Hebolds feenhaften, oft körperlosen Gesang schaffen. Wo Elektronik, Orchester und ruhige Zupfgitarre immer einen Tick zu clean war (so schön Glow und Cosmic Ceiling auch waren), immer die gläserne Qualität von Bobos Stimme einen Hauch zu sehr unterstrich, ist der Dreck, den Stolterfoht mitbringt, genau das Gegengewicht, dass nötig, ist, damit es «klick» macht und sich die Balance zweier grundsätzlich verschiedener Richtungen perfekt einpendelt. War Mental Radio ein vielleicht zu introvertiertes Album, zu eindeutig an Hebolds Gesang ausgerichtet, weiche Sounds um weiche Stimme, so klingt mit der neuen Besetzung der Mix einfach stimmiger, die Musik kann zwar auch mal runterfahren und zerbrechliche Stimmungen produzieren («So called pride»), drückt aber ansonsten meist aufs Gaspedal. Schon der erste Track «Run» gibt die Grundstimmung vor – schnell, flirrend, der Gesang durch diverse Effekte verfremdet, blubbernd, unterwasserig, durch den Stereoraum flirrend, gekoppelt mit druckvollen Drums und einem singenden Bass, der all dem eine Art Rückgrat verleiht. «Run» und auch «Courage» sind wie gemacht für Auskopplungen, nach vorn gehend, tanzbar, selbst wenn Courage etwas unter dem monotonen Drumbeat leidet, der den schönen Harmoniefolgen und phantastischen Gitarrensounds nicht gerecht wird, aber schon der Sechsminüter «Keep Movin’ on» definiert dann den Sound, der sich im weiteren Verlauf als der tatsächliche neue Klang von Bobo herauskristallisiert: Durchaus ruhiger, aber kraftvoll, viel Delay, viel Aufbau, Gitarre und Gesang als fast gleichberechtigte Partner, die mitunter die Drumsounds etwas zu weit in den Hintergrund spielen. Nachdem die Pflichtsingle abgefrühstückt ist, so scheint es, entfaltet das Album eine eigene Kraft, hat Raum für Experimente wie das 42-Sekunden-Exzerpt «Trance Song». Zwar bleiben Bobo in White Wooden Houses fast immer im Rahmen von radiokompatiblen drei bis vier Minuten, liefern hier aber vom perfekten glasklaren Pop über härtere Nummern bis zu experimentellen Ansätzen («Exhale») eine musikalische Bandbreite, der man anhört, dass die Zusammenarbeit an dem Album wahrscheinlich ordentlich Spaß gemacht hat.Tatsächlich ist Transparent so rund, dass man sich und Hebold wünschen würde, eine Weile bei dieser Besetzung zu bleiben, um zu sehen, was sich daraus entwickelt, ob man über Radiopop hinauskommt und den vorhandenen Mut zum Experiment, zu Unterwasser-Sounds, zu weniger Präsenz der Vocals, mehr ausbauen kann, mehr nach Band klingt als nach Projekt. Bei Hebolds Hang zum Experiment und Stolterfohts Arbeit in diversesten Projekten mag das nicht ganz wahrscheinlich sein, aber die musikalische Chemie zwischen den beiden stimmt und Hebold tut der weniger ernste, weniger verkopfte Ansatz scheinbar gut – der Gesang klingt leichtfüßig, die Texte wirken müheloser und es entsteht eine seltsame Überlagerung zwischen der jüngeren, naiveren Bobo von vor 20 Jahren, die die weißen Holzhäuser brennen sah, und einer gereiften Komponistin und Sängerin, die ihr Leben und ihre Erfahrungen in diese Unschuld einbringen kann, ihr den nötigen Bruch, den leichten Blues gibt. Da ist in der Musik noch eine Ahnung davon, was es für einen Musiker bedeutet, nach all den Zickzackreisen zurückzukehren an den Anfang, der Hauch der Angst vor kreativem Versagen, einer Rundreise zurück zum Ausgangspunkt, und da ist eben auch zu spüren, wie diese Angst sich in der Produktion aufzulösen scheint und zu Energie umwandelt. So gelingt «Transparent» die Balance zwischen kommerziellem, durchaus hochgradig radiotauglichem Pop und eben doch einem persönlichen Statement auf Hebolds eigener musikalischer Reise – die neue Besetzung streckt sich in alle Richtungen und hat dennoch einen hochgradig erkennbaren, kohärenten Sound, der zwar nie das Rad neu erfindet, aber sehr sehr soliden und gut hörbaren Mix aus Rock, Pop und Folk auf einem reich verzierten Psychedeliateppich abgibt, der mit unter einer Stunde Spielzeit perfekt so abgepasst ist, dass das Album niemals langweilt.

4. Oktober 2010 12:16 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Alarms

alarms_screen.jpg

Aus Stefan Fürsts Mediaatelier kommt regelmäßig Software, die wunderbar gedacht und gemacht ist und mit stets superaktuellen Updates glänzt. Fürst ist eines der vielen Beispiele für kleine kreative Programming-Schmieden, die eben kleine, kreative und durchaus wichtige Software zu sehr fairen Preisen produzieren, kundennah arbeiten und ein wunderbares Gegengewicht zu Giganten wie Microsoft oder Adobe darstellen… und gerade die Apple-Plattform wimmelt ja von solchen kleinen Anbietern, die die Nischen und Lücken des OS perfekt füllen und es deutlich aufwerten.

Die neue Software von Fürst heißt schlicht «Alarms» und so einfach wie der Name ist das Programm – es ist ein in der MenuBar schlummernder Alarm, der den Tagesablauf begleitet. Man kann relativ einfach nahezu beliebige Dateien, Websites, Termine usw in die Menüleiste ziehen, Alarms klappt herunter und schon hat man sich selbst einen Termin gesetzt. Eine eMail, die man noch beantworten will, Software, die man sich vielleicht am Abend nochmal anschauen will, ein Memo von einem Telefonat landet so schwupps in Alarms und ein zwei Stunden später erinnert ein auffällig pulsierendes Alarmglöckchen daran, dass man doch noch was tun wollte. Auch manuelle Einträge sind mit einem Doppelklick in die Tagesübersicht schnell eingetragen, und wenn ihre Zeit gekommen ist, landen sie in der TODO Box.

Das Verschieben von Aufgaben ist dabei schick und einfach gelöst, und dazu bietet Alarms einen Snooze-Modus an, einfach viermal mit der Maus hin- und her, im Grunde wie ein Kopfschütteln, und die Applikation ist erst mal wieder still. Das Aufschieben ist also deutlich eleganter und einfacher als bei den meisten anderen Werkzeugen.

Als Alarms erschien, dachte ich: Nice, brauche ich aber nicht, ich habe ja OmniFocus. Tatsache ist, Alarms wäre deutlich besser, wenn es direkt mit Omnifocus kommunzieren könnte, wenn also eine erledigte Aufgabe in Alarms auch in OF abgehakt würde (hinthint)… aber da sich Alarms zumindest die am Tag anstehenden ToDos aus OmniFocus via iCal ziehen kann (OF mit Ical local synchronisieren und dann Alarms mit iCal), kann man die in OF geplanten Aufgaben für den Tag in Alarms noch einmal wundervoll über den Tag verteilen, verschieben und sich viel nervender (was ja gut ist) daran erinnern lassen als von OF. tatsächlich fühlt sich Alarms an, als wäre ein ideales Modul für nahezu jede GTD-App und nach einer Weile fragt man sich ohnehin, warum Apple diese Idee nicht in iCal integriert hat. Zumal Websites, Mails, PDFs usw sich direkt aus der Alarms-Leiste heraus öffnen lassen und man auch Notizen beifügen kann und damit die Fähigkeit, an iCal-Items Dateien und Anmerkungen anzuhängen, intuitiver und sinnvoller gelöst ist als in iCal selbst. Und während Omnifocus oder Things eher generell Aufgaben verteilen, sind sie sehr klobig, wenn es darum geht, diese Aufgaben am jeweiligen Tag noch mal auf der Stundenebene einzuteilen – und hier kann Alarms absolut glänzen. Morgens die anstehenden Aufgaben kurz auf den Tag verteilt, sieht man sofort, ob man sich zu viel oder zuwenig vorgenommen hat und kann es entsprechend ändern. Einziger Wunsch wäre eine nahtlose Fusion mit Omnifocus, so dass ich direkt aus Alarms die OF-ToDos verschieben und auf den nächsten Tag o.ä. legen kann und die OF-Todo sofort abgeglichen sind. Make it happen!

Wie bei Mediaatelier nicht anders zu erwarten, ist das Interface von Alarms so einfach wie grandios, es macht einfach Spaß, die Software zu benutzen. Leider ist die Software noch ein bißchen buggig, mal kommt die Leiste nicht so richtig heruntergefahren, mal bringt Alarms iTunes zum Stottern, wenn man etwas in die Menüleiste zieht. Aber wie ich Stefan Fürst kenne, wird es da bald Updates regnen, die die Software verbessern und stabiler machen. Aber selbst jetzt sind die derzeit 12 Euro für Alarms gut angelegtes Geld, wenn es darum geht, schnell und einfach den Tagesablauf zu organisieren.

Update 1: Tatsächölich lässt die Brücke Alarms > iCal > Omniocus zu, dass ich ToDos direkt in Alarms verschiebe, diese werden in iCal aktualisiert und – mit etwas Glück – dann nach einem Sync auch von OmniFocus übernommen. Wobei OF wirklich einen automatischen Sync brauchen könnte, muss ich sagen. Aber an sich kann man Alarms als Menu-Erweiterung von OF benutzen, sogar neue Termine eintragen (auch wenn dann natürlich die Projekte und Kontexte usw fehlen). Sehr schön!

Update 2: Noch ein Vorteil der kleineren Software-Macher ist die Geschwindigkeit bei Support-Anfragen. Alarms hat heute via MobileMe/iCal ein Problem mit anderen iCal-Rechnern verursacht (weil ich das Kleingedruckte in den Preferences nicht gelesen habe…), und die Antwort kam binnen 5 Minuten mit einem einfachen Fix für das Problem. Davon darf man bei Adobe doch nur träumen ;-D.

1. Oktober 2010 11:30 Uhr. Kategorie Technik. Tag . Eine Antwort.


Creative Commons Licence