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Adieu!

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Hinter dem schönen Plakat verbirgt sich durchaus mehr als nur der Abschied einiger Studenten von ihrer Hochschule in die «echte Welt» – es ist auch der Abgesang auf die Designschmiede der Bergischen Universität Wuppertal, die über lange Jahre nicht nur wegen Brock und Loesch legendär war und die im Grunde mit dem Übergang zur Folkwang langsam aber sicher dichtgemacht wird.

Die Ausstellung, die hauptsächlich von HG Schmitz und Heribert Birnbach betreute Arbeiten zeigt, beginnt morgen um 18.00 h und endet am Samstag Sonntag um 18.00 Uhr auf dem Campus Wuppertal in der Fuhlrottstraße 10. Mehr Info und einige erste Bilder der Arbeiten gibt es hier.

30. September 2010 15:20 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

HahaH.Hehe hehihihi hoho, Huhuhu.

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Keine Frage – Dirk Fütterer von der FH Bielefeld macht das Beste aus seinem Job und kommt mit einer schönen Publikation nach der anderem aus seinem Institut für Buchgestaltung, sicher nicht zum Schaden seiner Studenten oder des Rufes seiner Hochschule. Nachdem bereits Leerzeichen für Applaus einen Verlag fand und demnächst bei Niggli erscheint (und das reale Erscheinen, wie ich finde, ist die Nagelprobe und Krönung zugleich für studentische Arbeiten, da die meisten viel zu teuer gedacht sind für die echte Verlagswelt) kommt hier ein Buch das nicht ohne Grund «Im Ernst» im Untertitel führt. Das kleine schwarze Magazin versammelt studentische Arbeiten aus den letzten 6 Jahren im Rahmen des Trauergewandes, Black in Black, und schafft so den clownesk-todernsten Rahmen für typographische Experimente, die nichts anderes tun, als Gelächter zu visualisieren. Was beim ersten Durchblättern ein wenig banal wirkt, entpuppt sich mit etwas Ruhe aber als so einfaches wie geniales Experiment im Sinne eines Emil Ruders oder Wolfgang Weingarts. Minimalistische Aufgabenstellung, minimalistische Typographische Möglichkeiten, keine Farbe und die Aufgabe, eine abstrakte emotionale Geste wie Lachen visuell abzubilden – und die Ergebnisse sprechen für sich. Vom lauthalsen, explosiven Lachen, vom Prusten, vom leisen Kichern, von einsamen und gemeinsamen Gelächter, vom betrunkenen Gegibbel, vom in sich kollabierenden Hahaha scheinen die Lautmalereien zu erzählen, deren typographische Expression oft an den frühen Loesch erinnert und einen seltsamen Flashback in die 70er, in die künstlerisch gestalteten Plakate mit sich bringt. Und immer wieder dabei Lösungen, die alles andere als langweilig sind, die gegen die Aufgabenstellung aufbegehren, die aus der lapidaren Aufgabenstellung mehr rausholen als eigentlich drin sein dürfte, die also wirklich gut sind.

Es ist seit jeher meine Aufgabe, dass es an Hochschulen absolut Sinn macht, scheinbar dumme Aufgaben zu stellen. Allein, um die Blockade bei den Studenten zu durchbrechen, deren erste Reaktion ja ein kollektives «Was soll der Scheiß» ist. Ich vergleiche das gern mit Karate-Kid, wo der junge Karate-Aspirant ja auch die dümmsten Aufgaben erfüllen muss, die sich aber später im Kampf natürlich trotzdem als sinnvoll erweisen. So ist das tatsächlich ein wenig. Zum einen lernt der Student, dass Design nicht wirklich immer Spaß machen soll – es ist keine hedonistische Angelegenheit, sondern eine empathische -, zum anderen nimmt man mit, dass man mit genug Liebe und Energie eben auch aus Mist etwas machen kann, auch aus unlösbaren Aufgaben eine Lösung melkt. Diese Art von Design-Koan-Übungen, die nirgends so gut exemplifiziert sind wie in Chip Kidds Cheese Monkeys , ist eine gute Vorbereitung auf die Briefings und Aufgaben, die du in der Realität als Designer vor dir hast, die oft auch davon leben, das man die Energie aufbringt, dennoch nach einer guten, spannenden Lösung zu suchen, wo auf den ersten Blick keine sein kann.

Insofern bringt das auf den ersten Blick so praxisfern scheinende Experiment in diesem Buch vielleicht dem Studenten mehr Erkenntnis als das Gestalten eines Corporate Designs oder zwei Stunden Photoshop-Tutorial. Nicht, weil er sich mit Schrift, Raum, Kinetik und Choreographie befassen muss, sondern vor allem, weil diese Aufgabe wahrscheinlich nach einer Weile herausragend spaßfrei ist und man sich als das fünfte Semester, das die gleiche Aufgabe angeht, sicher fragt, wie man aus dieser Idee noch irgend etwas Neues melken könnte. Und diese Frustration, dieses Nuß-Knacker-Denken, ist natürlich ein grandioser Schlüssel zum Design-Denken, und an den fertigen Arbeiten bekommst du dann eben auch eine Ahnung, wer von den gezeigten Studenten ein guter Gestalter werden könnte – und das sind nicht wenige.

Und jetzt bitte, in farblosestem Weiß natürlich, den Gegenband von sechs Jahrgängen, die in Buchstaben das Weinen visualisieren. ;-)

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15:07 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

MGMT: Congratulations

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Dem Fluch des zweiten Albums, das zwischen kommerziellem Leistungsdruck und Fanerwartungen zerrieben wird, sind MGMT mit «Congratulations» atemberaubend entkommen. Als müssten sie nach dem Erfolg von «Kids» förmlich beweisen, dass sie keine Popband sind, taucht der neue Longplayer noch tiefer in den Psychedelia-Sound ab, der schon denn Erstling prägte. Mit der Klanggeste der sechziger und siebziger Jahre, handgemachten Sounds, unendlichen Hallwolken, grandiosen Orgelklängen und verkifft-vertrackten Kompositionen flüchten die New Yorker in einen Klangkosmos, der so verdrogt, so doppelbödig und surrealistisch ist, wie das Cover von Anthony Ausgang es verspricht. Rockgesten, Neopsychedelia, traumhafter Federhall, verzerrte Bässe, sprunghaftes Schlagzeug und Gesang, der zu keinem Moment aus der wirklichen Welt zu kommen scheint verwandeln «Congratulations» in eine schrille Musicalnummer, vielleicht seelenverwandt mit Brian de Palmas «Phantom of the Paradise».

Schon «Flash Delirium» ist eine grandiose Mischung aus Sixties, Rock, Pop, Indie und Punk – und ähnlich vielschichtig ist auch die Melange des gesamten Albums, das munter unter dem Tarnmantel des Zitatepops in ein drogenschwurbeliges Musikwunderland abdriftet, voller grandioser Brüche und Experimente, und vor allem voller Humor. Anders als mit genialem, wilden Spaß ist ein Track wie «Siberian Breaks» nicht zu erklären, ein 12-Minüter, der klingt, als hätten sich die Beach Boys nach Pet Sounds weiter in Richtung Pink-Floydiger LSD-Musik entwickelt – produktionstechnisch und musikalisch ein seltsamer Trip in ein Alternativuniversum, in dem die psychedelische Folkrockmusik nicht mit dem Punk gestorben ist, sondern sich unbeirrt weiter in unsere Zeit entwickelt hat. VanWyngarden und Goldwasser ist ein wirsch-ambitioniertes, bonbonbuntes und dennoch melancholisches Album gelungen, das nach mehrfachem Hören förmlich schreit, das musikalisches und künstlerisches Statement grandios fusioniert und eine fast beängstigende Fluchtreaktion auf den Erfolg von «Kids» und «Time to pretend» darstellt, als wolle die Band diesmal sicherstellen, das sich nicht auf einen Teilaspekt ihrer Arbeit reduziert wird… denn der psychedelische Sound prägte ja auch schon das erste Album, nur halt nicht die beiden Singles. Und so wird fast jeder der neun Songs bereits zu einem Acidtrip durch musikalische Vorlieben, durch eine phantastisch ausgefeilte Produktion, entlang hypnotischen Klanglandschaften, in denen die Monkees sich mit Spinal Tap, Prince, R.E.M, dem jungen Bowie und zig anderen Gesichern prügeln. Die kreative Energie, die Lust an der Zerstörung des eigenen Erfolgs, das massive dadaistische Fuck-You-Feeling, sind in jeder Note, jedem Drumbeat, jedem Keyboardsound hörbar. Surrealistisch, ambitioniert, wütend, verliebt – «Congratulations» ist wie eine Wundertüte von Adjektiven, die man fast beliebig hervorzaubern kann und sie sind alle korrekt. Natürlich gibt es trotzdem potentielle Hits auf dem Album – wenn auch nicht so fröhlich-verspielt wie auf Oracular Spectacular – aber es wird eben doch deutlich, wie sinnfällig das Cover ist, auf dem die zu einer Figur verschmolzenen naiven Surferjungs vom ersten Album von der Katzenmonsterwelle gefressen werden. Der Druck in diesem Album ist eben nicht der, sich kommerziell zu beweisen, sondern künstlerisch. Als kämpften sie um ihre Seele, wollen MGMT beweisen, dass sie Antikonsumeristisch sind und keinen Soundtrack zum Werbeclip produzieren, dass sie relevant sind. Ganz ohne Grund sind die Bezüge auf Brian Eno und Dan Treacy ja nicht – VanWyngarden und Goldwasser kämpfen um ihren Platz im Pantheon ambitioniert Popmusik. Das mündet bisweilen in einer auch mal recht angestrengten Kratzbürstigkeit und Verkopftheit, die bei den gerade wegen ihrer Unruhe oft etwas gleichförmig wirkenden Lieder auch mal ermüden kann, weil klar ist, dass es MGMT eben nie um den Zuhörer geht und die Band sich selbst bei allem Humor manchmal einfach zu verdammt ernst nimmt. Trotzdem: «Congratulations» ist eine grandiose, wunderbar prall gefüllte Wundertüte, aus der die seltsamsten Plastic-Junk-Schmuckstücke heraus purzeln, eine Platte, die Beatles-Fans ebenso begeistern dürfte wie die Alternative-Zielgruppe. Und es scheint den beiden Herren und ihren Musikern enorm Spaß gemacht zu haben, die Platte einzuspielen, das hört man. Und allein das ist selten genug geworden, um sich mit MGMT einfach ein bisschen zu freuen und unter den Kopfhörern mitzuschaukeln.   

29. September 2010 11:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Serena Maneesh: S-M 2 – Abyss in in B-Minor

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Gigantisch fängt es an, das zweite Album der Norweger, mit einem düster pulsierenden Groove von «Ayisha Abyss», der direkt aus dem Soundtrack einer postapokalyptischen Zukunft zu kommen scheint, mit bedrohlichen Stimmfetzen, verzerrten Bassnoise, und Klangfetzen, die dich aus dem Hallnebel anzuspringen drohen. Aber der erste Eindruck täuscht, das Album führt nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit, denn schon der zweite Track schenkt das Fernrohr zurück, erinnert an verschrammelte Gitarrensounds, die aus irgendwelchen New Yorker Hinterhofgaragen der Siebziger zu dröhnen scheinen, ein Wall of Noise, gegen den sich die wispernde Gesangsstimme von Emil Nikolaisen kaum durchsetzen kann. Die Mischung an verdrogte Gitarren, die My Bloody Valentine oder Sonic Youth kaum kratziger hinbekommen hätten, sprunghaft-nervösen Drums und satt perlenden melodischen Bassläufen, die alles irgendwie zusammenhalten, gekrönt von fast unverständlich hingenuscheltem Gesang prägtdas gesamte Album, das alles andere als eingängigen Indiepop liefert.

Wenn Lina Holmstrom bei «D.I.W.S.W.T.T.D.» das Mikrophon erobert, wird deutlich, wie lebendig dieses Konzept ist – hier trifft eine der naive, warme,fast an die Cardigans erinnernde Gesang und eine an Japanretrojazz angelehnte poppige Melodie auf dekonstruktive Noises, hektische Beats und gerät so zu einer Art perfektem Popsong, der brutal durchs Säurebad gezogen wird. Ob hyperaktiv oder schleppend langsam – jeder Song von Serena Maneesh wirkt wie verwundet, angeschossen, zerstochen, verprügelt. Mit grandiosem Mut nimmt das Quartett die eigenen Kompositionen auseinander und verbirgt die Autorenschaften hinter Arrangements und Produktion, die sich wie Stacheldraht um die Songs legen, sie schützen und zugleich wundkratzen. Gerade wenn Holmstroms Gesang dann wie Sonnenschein hinter düster aufgetürmten Klangwolken durchblitzt, durch reverse postindustrielle Krachorgien scheint, erkennst du, wie lohnend dieses Experiment ist, wie schön der Mut, die eigene Musik so zu zerlegen und etwa bei «Just want to see your face» bei einer ganz wunderbaren neuen Popästhetik anzukommen, der Sorte zerbrechlicher Schönheit, die eben das Säurebad überleben kann. Die auch zerfressen und blutig noch umwirft.

So ist «S-M 2 Abyss in B-Minor» ein großartiges Album mit einer seltsamen Grunge-Cyber-Hippie-Stimmung, einem unfassbaren Mix aus Unschuld und Brutalität, als wäre man in die Hände einer Bande von kriminellen Kids gefallen, Unschuldgesichtern mit Knarren. Schönheit und Abgrund halten sich auf diesem Album wunderbar die Balance und nur durch den Abgrund, so scheint es, kann man die Schönheit wirklich erkennen und würdigen, vielleicht weil sie permanent bedroht ist, im Distortion-Klangkrieg um sie herum zerrissen zu werden. «S-M 2» ist ein Album für Kopfhörer und Ruhe, nichts zum beiläufigen Weghören, es ist ein paradoxes, wunderbares, belohnendes, verwirrendes, frustrierendes Stück Musik ohne große Kompromisse, ein direkter Lichtstrahl von der Vergangenheit in die Zukunft.   

28. September 2010 14:35 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Thomas Oberender: Leben auf Probe

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Es ist eigentlich ein Zufall,dass ich für das Bochumer Schauspielhaus ausgerechnet in einer Zeit gearbeitet habe, als ein kleines, vielleicht sogar verschworenes Team zumindest versucht hat, die Regeln eines urbanen Theaters etwas zu verschieben und eine Balance zwischen feuilletonistischer Anerkennung und vollem Haus zu finden. Eine Balance, die sich wie natürlich aus den beiden Chefdramaturgen des Hauses ergab, die nicht immer ohne Konflikte, aber in der Art, wie sie sich ergänzten aus meiner Sicht bis heute einzigartig in ihrer Chemie waren, hier der großartige Instinktmensch mit einem unfassbaren Gespür für Theater als Erlebnismaschine, dort der neugierige, suchende und insofern fast unbewusst vieles anders machende Neuankömmling. Einer der beiden, der mit Matthias Hartmann und Klaus Missbach zunächst auch nach Zürich wechselte und inzwischen in Salzburg als Schauspieldirektor die Festspiele mit leitet, hat sich nun einen literarischen Rückblick auf seine Arbeit als Dramaturg gegönnt, auf die Transformation von Text zu Theater und nicht zuletzt auf die Persönlichkeiten von Darstellern und Regisseuren, denen er begegnete.

Thomas Oberenders «Leben auf Probe» ist insofern nicht zuletzt ein Schlüsselroman und es fällt einem beim Lesen nicht schwer, den beschriebenen Charakteren Gesichter und Namen zuzuordnen. Mitunter stört dieser voyeuristische Aspekt fast, lenkt ab vom archetypischen Element in Oberenders Vignetten. Denn der Autor verzichtet nicht auf Namen, um seine Subjekte zu schonen, die sich in den luziden und oft durchaus auch scharfkantigen Beobachtungen selbst sicher problemlos gezeichnet finden werden, sondern weil er induktiv vorgehend wie in seinen Romanen auch hinter den Protagonisten und ihren Symptomen das große Ganze sucht, ohne wirklich hzu wissen,wonach der da tastet, einfach irgendwie neugierig. Und der so ganz en passant über Schreiben, Rollen, Macht, Theater und Gesellschaft nachdenkt, ohne dabei je die Form kleiner und kleinster Beobachtungen und Deutungen zu verlieren, wie ein Maler Szenen und Situationen einfriert und durchleuchtet, in Schweigen, Gesten, Worten eintaucht. Liebevoll und auch mal gehässig, mitunter deutlich ermüdet und frustriert vom Machtspiel am Theaterhof, immer ein wenig fremdelnd mit dem Betrieb, in den er zumindest zu Beginn ja als Außenseiter kommt, als Durchreisender.

Es ist dieser Status der noch nicht ganz betriebsblinden Neugier, die seltene Sicht des Neugierigen, der hinter die Kulissen blicken darf, die Oberenders Buch so einzigartig macht. Es liefert eine Mixtur aus tiefstem Eingesunkensein in die Theaterwelt, und bewahrt zugleich doch eine ironisch-faszinierte, fast anthropologische Distanz. Der Schreiber, der eben nicht nur Dramaturg ist, kommt nicht aus seiner Haut, bleibt Jäger, bleibt Späher. Und oft blitzt diese kalte Härte durch, dieser analytische Blick, den ein Autor seinen Figuren widmet, wenn er sie seziert, mit dem Oberender, in aufs Gramm abgewogenen Worten, seine Mitmenschen durchleuchtet. Seine auch im Buch offenbar werdende Liebe zu Duane Hansons gefrorenen Alltagsmenschen, seine quecksilbrige Mathematik der Hermeneutik, die sich in seiner Vorliebe für Steve Reichs kristalline Klangstrukturen widerspiegelt – all das prägt in jedem Detail das Buch. Oberender verzögert die Zeit, friert ein, pinnt die Menschen unter sein Mikroskop, lädt jeden Gestus subkontextuell auf, so, dass sich wahrscheinlich viele der im Buch beschriebenen Kollegen und Mitarbeiter fragen dürfen, ob sie jemals einen echten normalen Moment mit Oberender hatten, oder ob sie immer nur Schmetterling im Einweckglas des Forschers waren, der jedes Zucken und Flattern notiert.

Subtil und smart beschreibt Oberender aber nicht nur die Eigenarten des Probenalltags und den Habitus seiner Protagonisten, vielmehr schält er sukzessive heraus, warum Texte auf der Bühne zum Leben erwachen, versucht den Prozess abzubilden, in dem das Paradox Theater funktioniert, schreibt sich über Umwege, über Bande spielend, an ein angreifbares Phänomen heran, wie ein Anthropologe, der fasziniert die Rituale eines Eingeborenenstammes notiert, wie der Intellektuelle unter lauter Bauchmenschen, der einen wie selbstverständlich laufenden Vorgang analysiert und feststellt, dass die Teile keine Summe ergeben. Dabei entsteht fast nebenbei, skizzenhaft, eine komplexe Theorie des modernen Theaters, die sich aus der Alltagshandlung ableitet, aus der eigenen Suche. Wenn Oberender klug zwischen Theater-als-Museum und Theater-als-Kulturhaus, zwischen Archivfunktion und sozialer Plattform unterscheidet, kann man sich als Leser nur all zu gut vorstellen, wie der Autor im dunklen Raum der Probe über Nachttheater und Tagtheater nachdenkt, in einer seltsamen Selbstreflexion und Symbiose von Tun, Nachdenken und Wieder/Anderstun.

So wird «Leben auf Probe» auch zu einem Tagebuch, einer Reise durch Oberenders Faszination für bestimmte Autoren, die die Texte chronologisch spezifischen Stücken zuordnen, einer Fahrt durch seine Euphorien und sein Ermüden an der Egomanie des (selbst)ausbeuterischen Betriebs. So mutiert das Buch nicht zuletzt zu einem dieser phantastischen Zwitterwesen, entpuppt sich als Schlüsselroman, Tagebuch, Sachbuch, Essay und Roadmovie im Stillstand, eine Reise, die den Erzähler ohne Bewegung voranbringt, als Betrachter, als Teilnehmer, als Opfer, als Täter. Es ist die Geschichte einer Entführung, bei der ein Autor verschleppt und in dunklen Räumen gefangen ist, unter Fremden, deren Sprache er nur teilweise beherrscht, von denen er unverhofft umschmeichelt oder angebrüllt wird, denen er misstrauen muss und in die er sich doch zusehends verliebt, klarer Fall von Stockholm-Syndrom.

Und so ist Thomas Oberender bis heute am Theater, längst nicht mehr der großäugige Novize, sondern ein durch Intrigen, durch falsche Versprechen, durch den täglichen Zirkus abgehärteter Mitspieler, einer, der die Seiten gewechselt hat und längst selbst andere entführt, wo er selbst früher der Entführte war, der Autoren ins Theater verschleppt, weil er weiß, dass es eben auch um die Texte geht, nicht nur um die Darsteller, dass das eine ohne das andere nichts ist. Einer, der längst Intendant seines eigenen Hauses sein müsste und dürfte, und sei es nur, um zu sehen, was er anders machen würde, was er von seinem eigenen Weg mitgenommen hat, ob das Theater ihn mehr verändert hat oder er das Theater.

Bis es so weit ist, dass Oberender nicht nur in Salzburg, sondern auf mehrere Jahre in einem Stadttheater sein Labor aufbauen, haben wir eines der besten und persönlichsten, intimsten Bücher über die Faszination Schauspiel, spannend wie ein Chandler, luzide wie ein Cracauer… und mit 155 Seiten so kurz, dass man sich wünscht, Oberenders Beobachtungen und Botschaften aus der Gefangenschaft würden einfach endlos weitergehen, wären Blog, nicht Buch.

12:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

FR auf dem iPad

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Wer hätte das gedacht? Es gibt tatsächlich Hoffnung für eNewspaper auf dem iPad – in Form ausgerechnet der Frankfurter Rundschau. Während sich vor allem das große Wochenblatt Die Zeit mit einer eher extrem mäßigen Lösung präsentierte, die wenig mehr bot als man ohnehin an ePaper und Online-Texten bei der Zeit downloaden kann, präsentiert die FR eine Lösung, die sich für das Medium maßgeschneidert anfühlt. Eine elegante Bibliothek, verschiedene Lese-Modi im Hoch- und Querformat, sehr gelungener und für eine Tageszeitung fast magazinartiger Umgang mit Aufmachern, sogar die schwierigen kürzeren Mengentexte der Zeitung noch halbwegs elegant gelöst und dabei doch weitestgehend im Look der Marke FR – das macht spontan Freude, ebenso die an den iPad-Spiegel erinnernde Inhaltsverzeichnis- und Navigationslösung. Natürlich gibt es noch Raum für Verbesserungen, es fehlt etwa eine Volltextsuche, Lesezeichen, Markierungs- oder Notizwerkzeuge, sowie vielleicht Anbindung an SocialMedia-Tools, aber es muss ja auch noch Verbesserungsspielraum für kommende Updates geben. Auch das Texte mal komplett magazinartig abwärtsrollen, mal aber in scrollbaren kleinen Textboxen sind, ist etwas unlogisch, aber insgesamt ist die Aufbereitung der Inhalte, die zusätzlichen Diashows, Video, Verweise auf Onlineinhalte und die kleinen Zusatz-Info-Boxen eine großartige Umsetzung der Inhalte, die hier (wie etwa die Plassmann-Cartoons) sogar oft besser wirken als in der Printausgabe, weil ihnen mehr Raum zukommt und sie nicht in dem allzu engen Format der geschrumpften FR versumpfen. Und sich die Zeitung plötzlich wie ein gut gemachtes Magazin anfühlt. Gerade Publikationen wie Die Zeit oder Freitag, aber auch ein Magazin wie die Spex (musikkritik mit Soundbeispielen, das wärs doch) könnte ich mir in diesem Format wirklich sehr gut vorstellen. Ein besonderes Bonbon ist der Newsticker, der natürlich auch nur Online-Content anbietet, aber ein wirklich gefälliges Interface hat. Rundum fühlt sich die App vom Start weg rund und ausgereift an und macht einfach Spass.

Obwohl der Wechsel von Papier zu Pad, der hier stattfindet, an sich in seiner Geschwindigkeit auch etwas erschreckendes hat, habe ich bei der FR-Kiosk-App erstmals nicht mehr das Gefühl, eine abgespeckte Light-Kompromiss-Lösung in den Händen zu halten, sondern eine redaktionell gezielt umgestaltete und in diesem Prozess sogar bereicherte Version, selbst wenn die multimedialen Möglichkeiten nur rudimentär genutzt sind. Bleibt zu hoffen, dass app-basierte Zeitungen in Zukunft nicht als Abfallprodukt oder Nebengeschäft betrachtet werden, sondern in den Redaktionen als vollwertiges Medium mit eigenen Designstandards und eigener redaktioneller Aufarbeitung genutzt werden. Denn dann könnte uns eine Renaissance der Postprintmedien nicht nur als Phantasie, sondern als ganz greifbares ökonomisches Moment bevorstehen. Aber auch nur, wenn die Zeitungen selbst aufhören, sich kaputtzusanieren.

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Aufgeräumte Navigation nach Sparten


hd schellnackPrintlayout liebevoll umgesetzt

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Bilder des Tages als formatfüllende Diashow


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Inhaltsübersicht à la Spiegel-App


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Auch Glossen und Artikel ohne Bilder sind sauber umgesetzt, sogar mit typographischen Details


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Wo interaktive Inhalte Sinn machen, werden sie sparsam genutzt

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Schöner Bonus ist der sehr übersichtliche Newsticker der Online-Nachrichten.

24. September 2010 15:14 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Eine Antwort.

iWork Update und iDisk

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Mit Pages, Numbers und Keynote hat Apple bereits bei Erscheinen des iPad gezeigt, wie ausgereift Software auf dem mobilen Client sein kann. Trotz aller 1.0-Mängel und trotz eines etwas süßlichen Interfaces bei Pages gehörte vor allem Keynote zu den Apps, die andeuten, wie angenehm sich auch auf dem kleinen Bildschirm und mit Fingern arbeiten lässt. Zahlreiche von der Desktop-Version bekannte intelligente Features, solide Übergänge und die ruckelfreie Wiedergabe machten zumindest denkbar, Präsentationen auf dem iPad weiterzubearbeiten oder komplett zu erstellen. Nachdem ich in den letzten Wochen etwas mit Windows-Powerpoint arbeiten musste, kann man nur sagen, dass selbst die Light-iPad-Version von Keynote mehr auf dem Kasten hat als Powerpoint. Vom Spaßfaktor, sozusagen mit bloßen Händen Text und BIlder zu layouten und förmlich spielerisch zu arbeiten, ganz zu schweigen. Numbers ist eine Software, die ich faktisch nicht brauche, aber mit Pages sind schon so einige Texte geschrieben worden, auch wenn der Sync via iTunes, Mail oder iWork.com so oder so immer etwas nervig war

In der gestern veröffentlichten 1.1-Version nähert sich Apple den Vollversion nähert sich Apple ein Stück weiter der Desktop-Fassung (PDF/XLS/PPT-Export, mehr Features) und bindet beide Softwares an WebDAV-Anbieter und an den konzerneigenen MobileMe-Cloudservice an. Dass Apple Dropbox – sozusagen die spürbar bessere Konkurrenz zu MobileMes iDisk – nicht unterstützt, ist dabei mehr als schade, denn zumindest bei mir lief der Sync mit MobileMe wie gewohnt langsam und umständlich, und die Daten kamen auf meinem Rechner erst an, nachdem ich den automatischen Sync mehrfach ein- und ausgeschaltet und manuell erneut den iDisk-Ordner aktualisiert habe. iDisk ist nach wie vor, freundlich gesagt, ein Desaster und keine solide Plattform für den permanenten Austausch von Daten. Wer eine Weile mit Dropbox gearbeitet hat, kann an iDisk wirklich nur verzweifeln, hier besteht für Apple (wie an so vielen Baustellen) echter Handlungsbedarf in Sachen schnellere Aktualisierung, Tempo, Backups, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit. Erst dann wird sich iDisk wieder gegen den Quasistandard von Dropbox behaupten können. Update-Fehler, nicht stattfindende Syncs, hängende iDisk – das Ganze ist ein Alptraum, man kann eigentlich nur mit der iDisk arbeiten, wenn man auf die lokale Kopie verzichtet und sozusagen nur online auf den MobileMe-Server zugreift, was aber bei größeren Dateien aufgrund des recht langsamen Apple-Servers ein ziemlicher Nerv sein kann und auch nicht der Sinn der Übung. Wer einmal erlebt hat, wie unsichtbar und quasi im Hintergrund Dropbox oder sogar Evernote funktionieren, dem kommt iDisk denkbar antiquiert vor.

Ganz generell kommt man hier an den Punkt, wo Apple sich überlegen sollte, ob eine Art simples Filemanagement für iOs/MacOs nicht doch sinnvoll wäre, zum einen, weil dann mehrere Apps auf die gleichen Daten zugreifen könnten und eine Menge fauler Kompromisse wegfielen (Das unglückliche Senden an etwa) und man generell eine Art Öffnen/Speichern für alle Apps hätte anstelle der fast improvisiert wirkenden Lösungen, die es zur Zeit gibt. Den festen Ordner könnte man dann via iDisk, Dropbox, WebDAV, iTunes, WLAN und wasauchimmer aktualisieren/abgleichen und fertig. Je ausgefeilter die Apps werden – je mehr sie fast den Desktop-Versionen gleichen – umso schmerzhafter vermisst man eine Filemanagement-Struktur, die funktioniert. Es ist natürlich so, dass wir Nutzer ein immer hungriges Biest sind, das mit jeder Verbesserung nach weiteren ruft, aber die Tatsache ist, dass mich derzeit am iPad (neben dem fehlenden iOS4) am meisten ärgert, dass es für alles und jedes eine Art Sonderlösung geben muss, die sich meist extrem selbstgefummelt anfühlt, weil jede App ihre eigene Brücke zum Rest der Welt zimmern muss. Ein einheitliches Filesystem mit entsprechendem API wäre hier ein wichtiger Schritt zur Verschmelzung der Apple-Betriebssysteme.

Seltsamerweise ist iA-Writers primitive Dropbox-Lösung derzeit also tatsächlich intuitiver und schneller als die ausgefeiltere Pages-Version, die eben mit iDisk gestraft ist. An diesem Detail wird deutlich, dass Apple derzeit vielleicht zwangsläufig – getrieben vom eigenen Erfolg – an zu vielen Baustellen gleichzeitig arbeitet und dabei in allen Bereichen keine 100%igen Lösungen mehr anbietet. Eine bündige Cloud-Computing-Idee und ein Dateisystem, das Mac und Ipad nahtlos verzahnt, wird aber immer wichtiger und dürfte nach (halbwegs funktionierendem) Multitasking zu den wichtigsten Aufgaben gehören, wenn man den Erfolg des iPad vorantreiben will. Für iOS 5 wäre es also schön, wenn Apple sich einen Ruck gibt, das UI etwas überdenkt und vor allem eine einfache, aber effektive Finder-Alternative (die ja durchaus unsichtbar im Background laufen kann) erfindet, die das iPad nahtlos und intuitiv ins Netzwerk bringt und mobiles Arbeiten ermöglicht – wofür erweitertes OTF-Management ebenfalls essentiell wäre. Und spätestens dann möchte ich, dass Adobe endlich mal aus dem Koma erwacht und eine iPad-Version der Creative Suite vorstellt.

23. September 2010 11:39 Uhr. Kategorie Technik. Tag . Keine Antwort.

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22. September 2010 21:14 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Eneloop Tones

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Mal ganz ehrlich – niemand sieht, welche Farbe Batterien haben, wenn Sie in Verwendung sind, insofern ist es auf den ersten Blick seltsam, sie in Designerfarben zu wickeln.. Dennoch ist es natürlich eine spannende Idee, wenn Sanyo die ohnehin sehr brauchbaren Eneloop-Batterien schön bunt verpackt, um sie nicht nur etwas akzeptabler als Alternative zu herkömmlichen Batterien zu machen, sondern auch dabei hilft, geladene und ungeladene Batterien etwas besser zu unterscheiden – denn wer zwei Sets der bunten Akkus bestellt, kann natürlich superschnell nachvollziehen, welche gerade aufgeladen sind oder nicht. Die Zeiten, in denen man nie weiß, welche Batterien gerade aus dem Gerät kommen und welche aus dem Lader, sind damit offiziell vorbei. Zumal die Farben teilweise so nett sind, dass man fast den Deckeln vom Mausboden weglassen möchte…

14:32 Uhr. Kategorie Technik. Tag . 3 Antworten.

Writer for iPad

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Die Informations Architects legen eine einfache, in ihrer Reduktion etwas an Ommwriter erinnernde Textverarbeitungs-App für das iPad vor. Anders als das vor Features strotzende Pages ist Writer eine extrem reduzierte Software, die wenig mehr bietet als eine Tastatur und ein relativ schmales Textfenster. Nur eine Schriftart, keinerlei Formatierungsmöglichkeiten und ein entsprechend als einfaches .txt gespeichertes Dokument wirken auf den ersten Blick in der auch ansonsten eher spartanisch gestalteten Umgebung wenig vielversprechend. Dass es der Writer aber durchaus in sich hat, zeigen nicht nur Details wie die ständig sichtbare Textmenge und (geschätzte) Lesezeit (man ahnt hier, wofür iA den Writer eigentlich intern entwickelt haben könnten), sondern auch das erweiterte Keyboard und die nahtlose Dropbox-Integration. Die Tastaturergänzung macht endlich möglich, auch ohne Touchscreen zu bestimmten Stellen im Text zu springen, entweder um ganze Worte oder zeichenweise, außerdem lassen sich Klammern einfacher eingeben und Zeichen wie Gedankenstriche oder Doppelpunkt sind etwas näher gekommen. Unschön ist, dass die “-Taste leider nicht wie die eigentliche echte Tastatur von Apple bei längerem Gedrückthalten Zugriff auf anderen Anführungszeichen wie «» oder „“ gibt, sondern wirklich nur die (falschen) Zollzeichen liefert. Un ob ich wirklich ein Semikolon direkt zugreifbar habe, sei mal dahingestellt – die Coder dürfte es aber enorm freuen, denn als reiner txt-Editor dürfte sich Writer auch als fixer Editor nutzen lassen (dafür fehlt allerdings eigentlich noch eine FTP-Anbindung).

Da im reinen .txt gespeichert wird, ist Writer hochgradig kompatibel und eignet sich ideal, um etwa Blogtexte vorzuschreiben – egal, wo man danach ist, sie sind ja via Dropbox universal verfügbar und lassen sich in WP oder Ecto o.ä. in die finale Form bringen (ich warte ja immer noch auf Ecto fürs iPad, aber da selbst das MacOS-Ecto kaum weiterentwickelt wird, darf ich da wohl lange warten :-D). Das bewusst minimalistische Interface könnte im weiteren Verlauf sicher noch das ein oder andere Detail, vielleicht zumindest auch eine dezente Schriftauswahl (so schön die Monospace gewählt ist) brauchen, und wenn man schon am Keyboard herumdoktort, wäre es natürlich grandios gewesen, Umlaute ohne das nervige Tasten-Gedrückt-Halten verfügbar zu machen (nach wie vor DIE nervigste Sache an der iPad-Tastatur, die zumindet im Querformat entspannt mehr Zeichen unterbringen könnte), aber für eine 1.0er-Version ist der iA-Writer eine schöne, einfache Sache, um onthego schnell Texte festzuhalten und dabei etwas netter zu bedienen als Evernote (das ich bisher genau hierfür verwendet habe). Insofern Dank und Glückwunsch an die Kollegen von den information architects, die hier weiter den erfolgreichen Umzug vom Web zum Pad machen!

Update: Der Writer ist leider noch etwas buggy. Bei mir gibt es gelegentlich Probleme beim Wechsel von Horizontal zu Senkrecht, wenn der Umbruch sich nämlich nicht ändert und man plötzlich in einer viel zu langen Zeile schreibt. Die Lupe funktioniert nicht sauber, bei mir wird der Cursor nicht angezeigt. Und die Sondertasten über dem eigentlichen Keyboard sind stumm, was seltsamerweise enorm irritiert. Bemerkenswert positiv ist der superschnelle Start des Writer.

11:17 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Melissa auf der Maur: Out of our Minds

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Sechs Jahre nach ihrem beeindruckenden Debüt bringt die Ex-Hole und Ex-Smashing-Pumpkins Bassfrau ein neues Album auf den Markt, das mit gleich vier hochkarätigen Produzenten, multimedialem Film- und Comic-Schnickschnack und namhaften Gästen förmlich in klassischer Westküsten-Manier larger than life hätte ausfallen können oder vielleicht sogar müssen. Seltsamerweise, vergisst man die Superlative, merkt man dem Album selbst nichts davon an, ganz im Gegenteil – die Platte wirkt wie eine der besten straighten Rockplatten der letzten Monate. Auf der Maur knüpft scheinbar mühelos an die Energie ihres Erstlings an, greift sogar fast 1:1 den Riff von «Lightning is my Girl» auf und entwickelt sich doch weiter. Nachdem das Album fast unhörbar, mit einer Art unruhigem Herzschlag-Beat bei «The Hunt» eröffnet wird, einer Instrumental-Nummer, die sich in nur drei Minuten in höchste Höhen aufschwingt, zeigt der namensgebende Track des Albums, das MADM den perfekten Shuffle-Pop mit etwas angehärteten Gitarren durchaus noch draufhat. Und so geht das Schlag auf Schlag – «Isis Speaks» zählt zu den besten Tracks des Albums, mit einem glasklaren, nervös die 1 wechselnden Drumbeat, druckvollen Gitarren, halsbrecherischen Ups and Downs, eine sechsminütige Miniaturoper, mit dem ganzen Melodrama, das dazugehört. «Follow the Map» klingt ein wenig nach Kaki Kings Junior-Album – seltsamerweise -, eine entspannte Indie-Nummer mit grandiosem Refrain. «Father’s Grave», das Duett mit Glenn Danzig, klingt großartig nach dem Garagesound à la Jack White, mit einem grandios stampfenden Bass. Und so geht das weiter – jeder Track ist bis ins letzte durchkomponiert, melodramatisch, vertrackt, perfekt gespielt und dennoch nie so sperrig, dass man als Zuhörer keinen Zugang mehr hat. Auf der Maur zieht alle Rock-Register von sanften Tönen bis zu einer fast an Paramore erinnernder Mixtur aus Pop und Metal. AM ehrlichsten darf man wohl sagen, dass MADM im Bereich der Prog-Rocks angekommen ist und hier ein Konzeptalbum rund um – seltsamerweise – die Wikingerwelt vorlegt, dass nicht nur verschiedene Geisteszustände austarieren will, sondern auch das eigene Rockmusik-Genre so prügelt, dass dabei interessante Beulen entstehen. Es ist selten, dass ein Album zugleich an U2, Interpol, Porcupine Tree, White Stripes und viele andere erinnert, ohne auch nur jemals nach einer dieser Bands zu klingen – es scheint vielmehr so, als wären all diese Einflüsse in Ideen, nicht in konkrete Töne eingeflossen. Das Ergebnis ist ein Album, das die Genres Rock und Pop fusioniert und zugleich transzendiert, das hörbar und tanzbar ist, ohne blöd zu sein, das smart ist, ohne klugscheißen zu müssen. Mitunter kippt ihr das Album zu sehr ins Melodrama, zu sehr ins verkopfte und ohne Zweifel gibt es Momente, in denen die Platte auch mal etwas krampfig eklektisch klingen will, und ab und zu wird auch deutlich, dass Auf der Maur eben auch ein bisschen im Westküsten-Hardrock der 90er verhaftet ist (ganz zu schweigen von dem musikalischen Größenwahn eines Billy Corgan, der hier, in anderer Form, durchaus auch greifbar ist) Aber als Comeback nach sechs Jahren ist bemerkenswert, dass dieses Album so vertrackt, so psychedelisch, so straight und alles in allem so gut ist, dass man durchaus begreift, wie hart und verbissen MADM an diesem Projekt gearbeitet hat und wie viel Ideen sie investiert hat. Allein diese monomanische Energie, die jeder Song ausstrahlt, macht «Out of Our Minds» herausragend.

21. September 2010 20:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Lali Puna: Our Inventions

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Fast sechs Jahre nach «Faking the Books» kommt das Münchener Quartett um Valerie Trebeljahr mit einem neuen Album raus – und es klingt, als sei die Zeit stillgestanden, was durchaus auch heißt, dass der Sound von Lali Puna eben zeitlos ist. Sorgsam achten Trebeljahr, Acher, Brandner und Heiß auf Klänge, die auf eine skandinavische Art diese Aura der Unverortbarkeit haben, die analog klingen oder einen Hauch unmodern, die elektronisch sind, aber niemals wirklich ganz eindeutig auf eine bestimmte Hard- oder Software festzunageln. Fast spiegelbildlich zu The Notwist wird auch Lali Puna auf diesem Album deutlich elektronischer, aber noch meditativer und verträumter als Achers Weilheimer Band, dabei aber oft auch weniger vertrackt und frickelig, ohne diesen typischen Console-Touch eben, wohl aber durchaus mit Harmoniefolgen und Gesangsansätzen, wie man sie von The Notwist eben kennt. Die Songs rauschen dabei mitunter einen Hauch zu steril, zu kinderzimmerproduziert, zu kantenlos, durch die Boxen, verlangen fast nach Kopfhörern, um die Mehrschichtigkeit der Arrangements zu entdecken. Das Album entfaltet mitunter eine Art nicht immer nur positiver Wellness-Wirkung, wirkt schmusig und kuschelig, von den sanften Rhythmen und hypnotischen Sequencen bis hin zu Trebeljahrs unterkühltem Gesang, der wie eine Durchsage aus der sauberen Zukunft eines Stanley Kubrick klingt – Anschnallen zur Saturnreise. Zu aufgeräumt, zu ordentlich, zu kompatibel zu einer Designerlounge wirkt die Gleichmäßigkeit und Harmonie der Kompositionen, die immer eine coole Pose auf der Couch einnehmen, niemals unentspannt werden, niemals auffallen oder gar aufdringlich werden. Und das ist durchaus ein wenig zu viel Prêt-à-porter, ein bisschen zu viel Passform und Harmonie und Perfektion. Nach dem dritten vierten Song sehnt man sich nach einem Fehler, nach einem Entgleisen der Pose, nach irgend etwas, das die ganze Sache auf ein menschliches Maß herabbricht. Aber statt dessen liefert «Our Inventions» einen makellosen Track nach dem nächsten, perfektes Engineering, Vorsprung durch Technik, nahtlos und so aus einem Guß, dass du als Zuhörer keine Chance hast, in diesem fugenlosen glänzen Objekt einen Handhalt zu finden. Entsprechend bleibt kein Lied im Kopf, es oszilliert durch dein Gehirn, macht Spaß und verschwindet spurlos wieder, weil es zu perfekt durch den Windkanal der milden Töne und sanften Grooves gejagt wurde. «Our Inventions» ist perfekte Kopfhörermusik, wie gemacht um bei herbstlichen Sonnenuntergängen durch leere Straßen zu spazieren, aber am Ende ist es kein Album, das dich im Herzen berührt, dich wütend macht oder traurig, begeistert oder abstößt. Es ist makellose Atelierware, die durchaus live auch aufblüht (und zwar gerade durch mehr Krach, Fehlstarts, Lachen, mehr Druck), in der sterilen Schwerelosigkeit der Studioproduktion aber in letzter Konsequenz einfach vielleicht einen entscheidenden Tick zu geleckt geworden ist. Das Interessante daran ist, zu erkennen, dass Perfektion, Schliff, bessere Produktion, Detailversessenheit eben oft eine Produktion auch verschlechtern kann, weil eine Art ephemere, fast unsichtbare Qualität von Spontaneität, Echtheit, Lebendigkeit weggeschliffen wird. Lali Puna dokumentieren hier, das perfekte Detailliebe paradoxerweise zu einem etwas enttäuschendem Ganzen führen kann – wenn jedes Detail gleich perfektionistisch und liebevoll gemacht ist, vorsichtigst mit Uhrmacherpräzision zusammengesetzt, ragt nichts heraus, alles in wie in Bernstein gegossen. Und so ist «Our Inventions» ein Album mit Sturzhelm, es verliert, weil es nichts wagt, es gerät zum Audio-Dekor, weil es zu vorsichtig ist, zu sehr weiß, was es will. Es kann durchaus eine tröstliche Botschaft sein, wenn eine Band mit einfachster Technik bezaubert und mit zunehmender Perfektion und besserer Technik seltsam anonym wirkt – ein Schicksal, das so manche Morr-Musik-Band teilt… es scheint, als würde guter Pop auch in Zeiten digitaler Musikproduktion eben doch davon leben, Macken und Kratzer und Sprünge und Fehler zu haben, eine Naivität, die man eben nicht simulieren kann.

20. September 2010 18:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Salt

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Der pornographische Actionfilm
Im finalen Moment des Films, in dem die kurzhaarig androgyne Angelina Jolie ihren teigigen Gegenspieler Winter mit ihren Handfesseln erdrosselt, erschallt zwei Reihen hinter mir im Kino ein lautes «Boah! Geil!«, als habe er gerade einen Orgasmus. Was durchaus nicht so unpassend ist, funktioniert «Salt» doch hauptsächlich nach dem pornographischen Prinzip: Wenig Handlung, viel Action. Nahezu unberührt von Logik oder Charakterisation, türmt der Film von Philip Noyce (der mit der damals noch am Karriereanfang stehenden Jolie immerhin auch The Bone Collector drehte) Verfolgsjagd auf Verfolgungsjagd, Schießerei auf Schießerei und schafft so einen Film, mit dem die Actionbranche der Eskalationsstrategie der Pornoindustrie folgt. Figuren, Wendungen, Handlung im tieferen Sinne – jegliche Nuancen einer normalen Erzählung werden hier bestenfalls zum Kitt degradiert, mit dem sich der Film von einer exploitativen Actionsequenz zur nächsten hangelt, in einer Art und Weise, die das Großhirn total umgeht und sich bestenfalls direkt an das Stammhirn wendet – «Boah! Geil!» eben. Obwohl «Salt» beileibe nicht der härteste oder brutalste Actionfilm ist – Gewalt und Blut halten sich sogar verhältnismäßig konservativ in Grenzen – gehört er zu den mit stumpfsten und es ist fast verblüffend, Jolie in einer Rolle zu sehen, die zwar für Tom Cruise geplant, aber wahrscheinlich besser von Jean Claude van Damme besetzt gewesen wäre. Denn tatsächlich sind für den Film weitgehend egal, welche Motive und welchen Background die Figur «Evelyn Salt» hat, selbst wenn uns halbherzige Rückblenden etwas anderes suggerieren wollen – wichtig ist nur der lokomotivenartige Impetus nach vorn, vorn, vorn. Selbst andere Genre-Filme wie solche aus der Bond-Serie sind weniger zustoßend, weniger atemlos – ganz im Gegenteil, «Casino Royale» wirkt nahezu wie eine Charakterstudie gegenüber «Salt». und das obwohl Jolies Film eine ganz neue, unbekannte und im Ansatz her durchaus interessante Figur vorstellt. Denn obwohl die Idee der doppelten Doppelagentin und Russland-USA-Überläuferin alles andere als neu ist, ließe sich aus der Protagonistin ohne Zweifel eine Menge Charakterisierung und Zerrissenheit melken – aber dafür haben Noyce und sein Drehbuchautor Kurt Wimmer keine Zeit.

As seen on TV
Es spricht vielleicht für die Qualität selbst zweitklassigeren US-Fernsehens, wenn das Kino sich so unverblümt seiner Ideen annimmt. «Salt» erinnert bereits in der allerersten Minute an «24» und Jack Bauers Foltererlebnisse in China, auch die generelle Getriebenheit und Ruhelosigkeit des Films sowie der nahezu unweigerliche nukleare McGuffin erinnern an «24» zu seinen besseren Zeiten. Neben Elementen, die an «Mission Impossible», die Bourne-Filmserie oder die Comicfigur Black Widow erinnern, bedient sich der Film aber vor allem bei J.J. Abrams Fernsehserie Alias, nicht nur visuell, sondern bis in Plotdetails hinein. Deep-Undercover-Spionage, wirsche Wendungen, Freunde, die zu Feinden werden und nicht zuletzt die Idee von Kindern, die gezielt zu Superspionen herangezüchtet werden – alles bereits (besser) in Jennifer Garners Serie abgehandelt. Tatsächlich wird «Salt» deutlich erträglicher, wenn man ihn mental umcastet und als «Alias – The Movie» zu sehen versucht. Denn der Hang zu abstrusen, völlig unsinnigen Plotwendungen, zu ständiger Verkleidung, zu sinnloser Action und zu unsinnigen, veralteten Feindbildern prägte ja auch die Fernsehserie – allerdings eingebettet in eine feine augenzwinkernde Ironie, und mit einer Hauptfigur, die zumindest in den ersten Staffeln noch so etwas wie eine Dreidimensionalität durch Privatleben und Supporting Cast hatte, so dass man als Zuschauer zur Protagonistin eine Art Bindung aufbauen konnte, selbst wenn der Rest der Serie eine völlig groteske Überzeichnung war –, ein Comic, eine postmodern gewandelte Hommage an die 60s-Agentenserien aus Abrams Kindheit. «Salt» verzichtet auf den Luxus von Humor und Charakterisierung, und weil der Film zugunsten von plötzlichen Wendungen versucht, den Zuschauer streckenweise über die Motivation der Hauptfigur im Unklaren zu sein, versinkt Evelyn Salt schon nach kürzester Zeit in das Klischee der harten schweigenden Kämpferin, die der Kamera bestenfalls mal einen schmerzvollen Blick schenkt, der auf innere Qualen hindeuten soll. Wobei man dieses Harte-Schale-weicher-Kern-Syndrom wiederum nur zu gut eben von Kiefer Sutherland kennt, der dieses Klischee als Jack Bauer in «24» zu Tode geritten hat. Das einzig bemerkenswerte ist, dass die Rolle, die ansonsten die übliche Männer-Position wäre, hier von einer Frau gespielt wird…

Lost in Androgynity
Es ist ja bekannt, dass ursprünglich Tom Cruise die Hauptrolle in Salt übernehmen sollte. Wie unbemerkenswert der Film erst mit einer männlichen Hauptrolle sein würde, ist kaum auszumalen – man darf davon ausgehen, das Jolies Status als globaler Superstar den Film vor den Direct-to-DVD-Schicksal bewahrt hat, denn selbst ein Tom Cruise hätte keinen Film retten können, der ein solch plattest Testosteron-Spektakel ist. «Salt» ist beileibe nicht der erste Film, in dem die männliche Hauptrolle ohne große Eingriffe in das Drehbuch gegen eine weibliche ausgetauscht wurde – berühmtestes Beispiel ist Ridley Scotts Alien, in dem die Figur Ripley (Ripley/Ridley…) im Drehbuch zur Frau umdeklariert wurde und somit zu einem der drei Filme wurde, in dem Sigourney Weaver als Frau einen Job für Männer erledigt. Was in Alien bahnbrechend war – eine Frau als Clint-Eastwoodesque harte, schweigsame Fighter-Persönlichkeit (die nur einmal typisch weiblich wird als sie die Bordkatze Jones rettet) – ist heute längst nichts Neues mehr. Und obwohl auch Jolie den Film beileibe nicht retten kann, gibt sie der voyeuristischen Härte des Films eine seltsame Note, einen Bruch, der allein in ihr als Schauspielerin begründet liegt. Jolie hat sich in der letzten Dekade von der üppigen Lara-Croft-Figur zu einer ultramodernen, fast anorektisch anmutenden neuen Verkörperung des modernen Körperwahns gewandelt. Fast ohne Oberweite, mit dünnen Armen mit stark sichtbaren Adern, dagegen gigantisch wirkenden Händen und Füßen, an jeder Actionszene (angeblich) ohne Stuntfrau beteiligt, personifiziert sie hier eine neue Androgynität, die nichts mit der weichen 80s-Austauschbarkeit der Geschlechter zu tun hat, in der die Männer weich und schlaksig wurden und die Frauen etwas lesbian chic mit kurzen Haaren abgelichtet wurden… Jolie tritt das Erbe der späten Sigourney Weaver an, die in Drillich, mit Glatze und muskulösen Armen auf Monsterjagd ging, und verpackt diesen Look mit einem neuen Glamour. In ihrer Welt sind die Männer teigige Weicheier – ihr Mann ein blasser Insektenforscher, ihr Gegenspieler Liev Schreiber ein übergewichtiger Verlierer (der grandiosesweise, kaum als Russe getarnt, einen russischen Akzent annimmt, ohne das dies im geringsten ironisch gemeint wäre). Während Jolie (als Amerikanerin blond, als Russin schwarzhaarig) sich scheinbar in ihrer weiblichen Rolle, unter zu langen Perücken stets unwohl fühlt, und nur aufzublühen scheint, wenn große Mützen ihre Haare verbergen und nur noch ein Hauch Make-Up ihrem perfekt asexuellem Gesicht mit den markenten Wagenknochen so etwas wie Feminität einhaucht. Am Ende des Films verkleidet sich Jolie als Mann (noch ein Alias-Anklang) und scheint hier als Salt endgültig bei sich angekommen zu sein. Wenn auch unter einer erneut albernen Perücke, die huthoch auf den aufgetürmten echten Haaren der Darstellerin sitzt als wäre man in einer sechziger-Jahre-Klamotte – als gefühllose, eben männliche Killermaschine mit kalten Augen und ohne Bindungen läuft Salt am Ende des Films ihrer eigenen Freiheit entgegen. Es darf bei einem solchen Film als unfreiwillige Metapher verstanden werden, dass die (übrigens einzige) weibliche Hauptfigur in einer Männeruniform ihre wahre Bestimmung findet, härter und männlicher wird als ihre maskulinen Widersacher, und diese ohne jede Spur weiblicher Softness umbringt. «Boah! Geil!» eben. Wie in dem feministischen Klischee, nach dem du härter werden musst als die Männergesellschaft, um als Frau darin nach oben zu kommen, findet Salt erst zu sich, nachdem ihr Ehemann umgebracht, ihre Vergangenheit ausgelöscht, ihr Beruf hinfällig ist und sie als Tabula Rasa in den Wald (und die unweigerliche Fortsetzung) flieht. Die Frau-in-Hosenrolle-Wendung ist nun beileibe nicht neu, GI Jane wäre ja auch so ein Beispiel, aber selten ist sie so geschlechts- und erotikfrei, so asexuell, abgeliefert worden wie von Jolie, die hier zwar enigmatisch, aber nie erregend inszeniert ist, die immer kühl und fremd bleibt und die auch nie «one of the guys» ist wie etwa Demi Moore. Im Gegenteil: Jolie, trotz aller Kampfszenen, trotz Schweiß und Nahaufnahmen, entpuppt sich im Verlauf des Films als wundersam fremder Alien in diesem Film, als Android. Ob Sie Amerikanerin ist, oder Russin, gut oder böse, ob sie fühlt oder nur einer tief verankerten Programmierung folgt – das bleibt uns als Zuschauer meist ebenso egal, wie dem Regisseur. «Salt» liefert uns in Form des Insektenforschers Krause nicht ohne Grund eine Metapher für das Entpuppen, für die Verwandlung – Evelyn Salt bricht in diesem Film aus dem Kokon eines normalen Lebens als arbeitende Hausfrau, die als Agentin ihren anscheinend zu Hause arbeitenden Mann erträgt und ihre männlichen Vorgesetzten, und wandelt sich zurück zu dem, was sie in Gefangenschaft zu Beginn des Films scheinbar schon einmal war… eine kalte, harte, in sich versunkene Maschine, eine Art weiblicher Terminator. Als glücklich darf man diese Wandlung wohl kaum betrachten, und so ist es bemerkenswert, dass Jolies Wandlung zum stereotypen Actionhelden eher Mitleid als Begeisterung auslöst. Was vielleicht nur denkbar ist, weil wir bei einer weiblichen Hauptrolle diese Wendung zum stumpfen Killer – die wir bei männlichen Protagonisten als Standard akzeptieren – noch wenigstens etwas verstörend finden. Schade ist nur, dass das schon das einzig Gute ist, was man zu diesem Film schreiben kann.

09:37 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Whoosh!

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09:18 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 3 Antworten.

Like Demon’s Eye

19. September 2010 04:07 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Supercalifrangibility

18. September 2010 16:24 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Weg

17. September 2010 19:40 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Blow!

19:33 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Bäume

19:27 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Zwei…

18:46 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Karussell

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13:29 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Riesenrad 2

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16. September 2010 14:00 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Riesenrad

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09:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Base 900 neu bei Emigre

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Emigre ist derzeit unter anderem stark damit beschäftigt, raffiniertere und modernere Fassungen der eigenen legendären Fonts auf den Markt zu bringen, so auch die Base 900, die eine Überarbeitung der Base 9 ist. Die Base 9 war eine der frühen, wenn auch nicht der frühsten Emigre-Schriften und stammt ursprünglich noch aus der Zeit, als Zuzana Licko ihre Schriften Base 12 und Base 9 auf einem Pixelgrid entwarf, mit dem Ziel, die Lesbarkeit von Screenfont und ausgedruckter Schrift anzugleichen. Obwohl als technisches Experiment geboren, wurde die Schrift zu einem Inbegriff des dekonstruktiven Designs der 90er Jahre geworden, die Mischung aus kühler Techno-Strenge und «Quirkiness» perfekt für die Typographie vieler Publikationen und Plakate jener Zeit. Die Base 900 bringt diese Ästhetik – sanft modernisiert und technisch grundsaniert – in das Open-Type-Zeitalter mit diversen Ziffernstilen, alternativen Buchstabenformen, integrierten SmallCaps usw. Durchaus kein schlechtes Timing, ist der modulare Computerschriften-Look doch in den letzten paar Jahren wieder ziemlich angesagt und die Base dürfte sich in dieser überarbeiteten Fassung ausgezeichnet – vielleicht ergänzt um eine gut lesbare Brotschrift, vielleicht leicht überarbeitet – schon aufgrund der wunderschönen Versalbuchstaben für modernes Corporate Design eignen. Es ist schon seltsam, wenn eine Schrift, die neben anderen zum Inbegriff der Designrebellion einer Dekade wurde knapp 15 Jahre später wie gemacht scheint, um etwa ein Telekommunikationsunternehmen oder einen Chemiekonzern zu begleiten und visuell nicht mehr dazu einzuladen scheint, an der Grenze der Lesbarkeit entlanghavarierende Designs zu produzieren. Besser kann man die These von Norbert Bolz «From the Counter Culture to the Over-the-Counter-Culture», den Ausverkauf der Rebellion, also vielleicht gar nicht symbolisieren. Mein persönliches Problem mit der Base bleibt leider bestehen – das kleine a erinnert mich immer noch an einen Fisch ;-).

15. September 2010 07:43 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Achterbahn

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07:28 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 2 Antworten.

Jónsi: Go

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Es ist bei jeder erfolgreichen Band nur eine Frage der Zeit, bis unweigerlich meist der Sänger ein Soloalbum rausbringt. Egal, ob es eher finanzielle Anreize sind oder der kreative Wunsch, ohne Gruppen-Kompromisse oder in einem neuen Kontext arbeiten zu können, die die Bandleader auf Solopfade treiben, meist sind die Ergebnisse eher enttäuschend. Sei es, weil die Band ohnehin mitunter schon ziemlich so klingt wie das Soloprojekt oder sie es, weil die interne Reibung und Kommunikation überhaupt erst das ist, was das musikalische Produkt am Ende so einzigartig macht – den meisten Soloexkursen fehlt irgendeine wichtige Zutat, eine Art von Magie, die die Band hatte. Dieses Album ist tatsächlich eine der wenigen Ausnahmen. Auf Go gelingt es dem Frontmann von Sigur Rós, dem ja immanent von ihm mitgeprägten Grundsound der Band weiterhin gewachsen zu sein und doch eine dezidiert eigene Note einzubringen. Man wäre wahrscheinlich nicht überrascht gewesen, wenn Go ein reines Pianoalbum geworden wäre oder 75 Minuten nackter Gitarren-Whitenoise, beides würde das Spektrum der Musik von Jón Þór Birgisson und seinen Mitstreitern hergeben, beides wäre konsequent gewesen – und ebenso richtig ist dieses Album, das überraschend leicht, poppig und offen daherkommt, den optimistischeren Klang des letzten Rós-Albums weiterträgt, die stärkere perkussive Note, die Tendenz, auch mal außerhalb des rein Isländischen zu singen, die Öffnung, die Schwerelosigkeit bei aller Vertracktheit. Während ein Track wie «Hengilás» oder «Grow Till Tall» absolut problemlos auch auf jede SR-Veröffentlichung passen würde, und auch der sich auftürmende Wall of Sound, der Streicher Bläser, Glockenspiel, Percussion und endlose andere Instrumente übereinanderstapelt wirkt vertraut. Neu ist aber der stark nach vorn gehende Beat, die Bündigkeit der Stücke, die Disziplin, sich nicht in endlosen Gitarrenorgien zu verlieren, der zumindest streckenweise Verzicht auf die große Geste und den großen Pathos. Vereinfacht gesagt machen Sigur Herbstmusik und dieses Soloalbum klingt nach Frühling, nach Auftauen, nach Wachstum – Jónsis Spiritualität wirkt weniger märtyrerhaft, weniger schmerzverzerrt. Auf Songs wie «Around Us», «Go Do», «Sinking Friendships» oder «Tornado» geht es sogar regelrecht druckvoll zu, bei denen Jónsis Falsett zum Teil hummelhaft energiegeladen-optimistisch durch psychdelische Klanglandschaften springt, während man den klassischeren Arrangements immer wieder anhört, dass Produzent Peter Katis eben auch bei The National Erfahrungen gesammelt hat, wenn es darum geht, große Gefühle zu erzeugen («Kolniður»). Mitunter wirken die Arrangements von Nico Muhly vielleicht einen Hauch zu empathisch, zu wuchtig, zu viel, aber gerade diese Attacke auf die Ohren lässt die minimalistischeren, ruhigeren Stücke umso besser zur Geltung kommen. Dass Birgisson sich auf dem Cover-Artwork scheinbar LSD-bunte Engelsflügel anlegen lässt und und uns als mythische Figur kann kaum davon ablenken, dass dies das tatsächlichste weltlichste Album aus der Feder des Sigur Rós-Frontmanns ist, weit weniger rätselhaft und vernebelt als bisher, heller und einfacher. Dabei ist es zugleich die konsequente Weiterentwicklung von Trends des letzten Rós-Albums, was der Band vielleicht auch selbst Spielraum gibt, sich auf dem nächsten Album (wieder) neu zu erfinden, zu redefinieren, weil Birgisson einen Evolutionsschritt für sich selbst bereits weiter abgeschlossen hat. In das ohnehin durch viele Abschweifungen und Projekte gezeichnete Oevre von Sigur Rós passt insofern – fast analog zum Modell von Porcupine Tree – diese Exkursion von Jónsi nahtlos ins Ganze und hat dennoch genug eigene Nuancen, um den Status als Soloalbum zu rechtfertigen… more of the same, but different.

07:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Ingrid Chavez: a flutter and some words

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Die einstige Muse, Lebensgefährtin und Co-Vokalistin von David Syvlvian, die unter anderem Heartbeat ihre enigmatische Stimme lieh, hat sich unfassbar Zeit mit ihrem Soloalbum gelassen. Seit ihrem 1992er Album, das noch gemeinsam mit Prince entstand, hat sie zwar einige Tracks aufgenommen, unter anderem gemeinsam mit Sylvian diese aber nie wirklich veröffentlicht. Insofern ist «a flutter and some words» eine große Sache für die Spoken-Word-Künstlerin, die sozusagen zwei Dekaden zu spät mit ihrem ersten gänzlich eigenem Debut antritt. Dass man dem Album die Spuren von David Sylvian noch anhört (der wohl auch beim Mixdown und der Songreihenfolge assistierte), ist die fast größte Überraschung – die introvertierten und klugen Songs aus der Feder von Lorenzo Scopelliti tanzen auf dem dünnen Eis zwischen den Ufern von Pop und Jazz, und Chavez unterkühlte, aber nie kalte Stimme verhindert unweigerlich jedes Abrutschen ins Beliebige oder gar Kitschige (das man bei dem Artwork auf ihrer Site ja durchaus erwarten dürfte). Die sparsame, natürliche Instrumentierung dominiert das Album, nur unterbrochen von der unweigerlichen Single «By the water» und dem schleppenden, an Tom Waits erinnernden Beat bei Tightrope – die Intimität der Einspielung und die Weite, die Offenheit der Klangstrukturen verleiht dem Album eine fast poetische, cinematographische Qualität. Ruhig, meditativ und durch und durch bescheiden ist «a flutter» ein seltsames Phänomen – das Debut einer gereiften Künstlerin mit jahrzehntelanger Erfahrung. So, als würde ein Autor sein erstes «echtes» Buch veröffentlichen, nachdem er zwanzig Jahre immer wieder erfolgreich geschrieben, aber niemals ernsthaft publiziert hätte, wirkt Chavez hier fast altersweise und gesetzt, von Sturm und Drang keine Spur, jede Phrase, jeder Ton sitzt, jede Geste ist bedacht und gekonnt, jeder Atemzug ist kalkuliert, hypnotisch. So entsteht Song um Song eine Art Poesiealbum, ein Gedichtband, dem man anhört, dass der Autorin relativ egal sein kann, ob sich kommerzieller Erfolg einstellt oder nicht.

14. September 2010 16:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Eye On

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13. September 2010 18:13 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Caput Update

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Ich plädiere ja seit langem dafür, Schriften wie normale Software zu behandeln und für diese bei technischen Neuerungen oder Erweiterungen als «Update» anzubieten. So macht es nicht nur Vllg.com vor, auch die moderne Sans-Serif Caput von Natascha Dell and K. F. Oetzbachs Fontfarm ist ausgebaut und ergänzt worden. Und das Update wird zu einem mehr als fairen Preis angeboten, wie ich finde. Diese Strategie der Kundenbindung und des Schriftenausbaus würde ich mir von allen Anbietern wünschen – ich glaube, das es so einen größeren Anreiz für Foundries und kleinere Anbieter gäbe, ihre Schriftfamilien nach und nach wachsen zu lassen und die Kunden an diesem Wachstum zu beteiligen.

16:41 Uhr. Kategorie Design, Online. Tag . Eine Antwort.

Ascher

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14:56 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Black

To begin with, black has class. It’s the best color. There is no other color that is better than black.

Massimo Vignelli, Designobserver

13:24 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

Hafen

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13:00 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Sundown

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11. September 2010 20:19 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Ronaldo

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10. September 2010 06:12 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Kaki King: Junior

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Es ist inzwischen ja fast der Normalfall, dass es da draußen irgendwo einen großartigen Act schon seit Jahren gibt und man nie von ihm gehört hat. So wie man oft einen Autor erst beim dritten Buch entdeckt, eine Serie erst bei der fünften Folge oder in der dritten Staffel, einen Maler, wenn er schon fast tot ist, eine Comicserie erst ein Jahr nach ihrem Debüt und so weiter. Dieses späte «Entdecken» gehört eigentlich zu den größten Freuden, weil man das bestehende bisherige Werk in einem großen Rutsch komplett genießen kann.

Kaki King war für mich Anfang 2010 so ein Fall. Trotz des eher an 90er Retrodesign erinnernden schlechten Covers ist «Junior» eine musikalische Offenbarung, hinter der sich vor allem der viel umfassendere Schatz der vier vorhergegangenen Alben der New Yorker Gitarristin, die sich in ihren Releases langsam und glaubhaft von einer umwerfenden Akustik-Gitarren-Virtuosin mit einer ganz eigenen und wunderbaren Tapping-Technik zu einer Vollblutmusikerin entwickelt, deren aktuelles Album das spürbare Ende einer langen und spannenden Reise ist. Nach den introvertierten Sologitarrenstücken auf Everybody Loves you und Legs to make us longer hat sich King ja bereits auf Until we Felt Red und vor allem auf Dreaming of Revenge mit einer minimalistischen Bandstruktur präsentiert und eine einzigartige explorative Suche nach der eigenen musikalischen Identität offenbart. Auf Junior aber hat die gerade 30jährige Ausnahmemusikerin eine überraschende Wendung hingelegt – weg von den unfassbaren perkussiven Slap-Klängen, weg von der reinen Saiten-Virtuosität, hin zu modernem Indie-Songwriting und einem Album, auf dem sie als Musikerin, nicht als Solistin brilliert. Eine lupenreine Indie-Einspielung mit einem seltsamen Spy-Theme, eine Art Konzeptalbum, das streckenweise nach einer filigraneren Melissa auf der Maur klingt, auf dem sich King mehr als zuvor auf den Trompeter Dan Brantigan, der hier Bass und andere Synth-Instrumente beisteuert und den phantastischen Schlagzeuger Jordan Perlson verlässt. Das Ergebnis ist eine Platte, die sich deutlich mehr nach Liveeinspielung anfühlt, teilweise geradezu unterproduziert im Verhältnis zu den Vorgängern und die King in ungewohnter Breite als Sängerin agieren lässt. Auch wenn sie sich noch hinter endlosen Hallwänden zu verbergen versucht, gelingt dieser Neustart herausragend – King bringt sich aus der Sackgasse des Gitarrentalents in die Einflugschneise für eine Pop/Alternative-Karriere à la Teagan and Sara … und beweist zugleich ihr kompositorisches Händchen für Songs mit klassischen Hooklines und Refrains, ohne für eine Sekunde ihre Herkunft von der Gitarre zu verleugnen. Malcolm Burn, der erfahren in einem «erdigen» Sound ist und unter anderem schon regelmäßig Daniel Lanois co-produziert hat (und das letzte KK-Album), nimmt die Stimme mitunter etwas zurück, schafft aber trotzdem einen geräumigen, ehrlichen Klangteppich, der nach New Yorker Kellerkonzerten klingt und nicht mehr verspricht, als das Trio live halten kann. Songs wie der 7/4-Kracher Falling Day oder The Betrayer zeigen eine Musikerin, die druckvolle Powersongs kann, während ihr das Konzept des Albums genug Cinemascope-Spielraum gibt, um auch hypnotischere Songs unterzubringen (Everything has an End, even Sadness) oder Experimente wie My Nerves that commited suicide. In den Tracks kann man viele Anklänge und Inspirationen entdecken – von Sonic Youth über PJ Harvey bis hin zu The Cure -, aber durch ihr einzigartiges Gitarrenspiel und den sirenenhaften Gesang bleibt Kaki King ganz klar eine Liga für sich. Junior ist insofern hoffentlich nur der Auftakt für eine ganz große weitere Karriere.

8. September 2010 12:42 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Delphic: Acolyte

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Delphic bieten auf ihrem Debut Acolyte eine seltsame Mischung von Musik, die irgendwo zwischen Dancefloor und Indiepop zuhause ist, zwischen den Chemical Brothers und Bloc Party, Hot Chip und Klaxxons, New Order und Echo&The Bunnymen, gut durchgerührte Pop-Hymnen in der Hoffnung auf einen Chartserfolg, Das wenig nach Manchester klingende Quartett aus Manchester. Das Ergebnis ist ein trotz der exzellenten Produktion und der fast zahllosen musikalischen Schichten, die die Band auftürmt, bisweilen etwas blutarmer Sound, der einen Hauch zu kantenlos, einen Hauch zu «metropolitan» ist, etwas hilflos zwischen Druck und Entspannung schlingert. Unter den vielen Bands, die ähnlichen Dancerock anbieten, gelingt es Delphic dennoch, einen mitunter hypnotischen Pop zu produzieren, der vor allen in den Instrumentalphasen Spaß macht, wenn sich die Tracks zu turmhohen Klanggebilden hochschrauben und deutlich machen, wie gut Delphic sein könnten, wenn sie weniger nach den Charts schielen würden. Aber selbst dann sind Songs wie die Opener Clarion Call und Doubt definitiv niemals schlechte Popmusik, auch wenn man als Zuhörer vielleicht bei all dem inszenierten Wall of Sound so etwas wie eine echte innere Haltung vermisst oder zumindest eine authentische Coolness. Trotzdem: Pop darf synthetisch sein und Pop darf synthetisieren, und die Leichtigkeit, mit der Delphic ihren Cocktail mixen und in Red Light einen samtigen Ohrschmeichler hinlegen, oder in Halcyon mitten in schwebenden Soundwolken auf einmal die Drums loslegen lassen, das hat schon was. Delphic haben mit ihrem Debut sicher nicht die hochgezüchteten Erwartungen erfüllt, die 2009 auf ihre Schultern gelastet wurden, aber eine völlige Enttäuschung ist das Album beileibe auch nicht – es ist lupenreiner britischer Zitatepop, ohne sichtbare Nähte und Kanten produziert, wunderbares Handwerk, so federleicht wie kalkulierend und damit vielleicht eben auch quintessentiell für die Popmusik der letzten Jahre.

7. September 2010 16:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Vorsicht Glas 04: Eintauchen / Auftauchen

Wie immer bei erscheinen einer neuen DMIG kommt der Text aus der Vorausgabe hier ins Archiv, wo ich ihn besser finden kann:

VORSICHT GLAS III
EINTAUCHEN, AUFTAUCHEN

WILLKOMMEN IM ÄTHER
Jeder schreibt dieser Tage über die Revolution iPad und die Auswirkungen, die es auf Webdesign, Lesen, Video, Musik, einfach alles haben wird… und vielleicht auch tatsächlich hat, wenn auch wahrscheinlich anders, als die Autoren derzeit vermuten. Aber ich habe mir letztens etwas gekauft, was auch flach ist, auch eine Glasoberfläche hat, aber aus meiner Sicht deutlich revolutionärer ist, auf eine ganz unscheinbare Art und Weise. Die Withings-Waage ist ein zunächst unscheinbares Gerät zum Messen von Gewicht und Muskel-/Fettanteil, und kommt mit deutlich weniger Marketing-Getöse daher als das «magische» iPad, ist aber tatsächlich einer der ersten Vertreter des «Internets der Dinge» – denn die Waage sendet nach einer nicht ganz einfachen Installation und Kontoeinrichtung ihre Daten direkt per WLAN auf einen Server, und von dort zum Beispiel auf diverse iPhone-Fitness-Applikationen. Sie ist der erste, wie so oft bei wahrhaft umwälzenden Veränderungen eben total harmlos wirkende Vorbote einer neuen Dimension von Internet, die die visuelle Metapher des «World Wide Web» ersetzen wird, das selbst ja vor gut zwei Dekaden das textbasierte Net-Paradigma abgelöst hat. In einem nicht ganz unzynischen Artikel wurde vor kurzem das iPhone (und damit auch das iPad) kritisch als eine Art «Fernbedienung» für das Leben gedeutet. Aber die Wahrheit ist eher, dass es (noch) die Fernbedienung für eine neue Form von Internet-Nutzung ist, deren Dimension sich erst schemenhaft abzeichnet.

Der große Unterschied zwischen dem www und dieser neuen Form von Internet ist zum einen die Mobilität des Nutzers – dieser Shift ist etwa so wichtig wie der Unterschied zwischen Mobiltelefon und dem alten Wählscheibentelefon in der Diele am Telefontischlein, das von den Nachbarn gern auch mal mitbenutzt wurde. Gowalla, Foursquare und -zig andere Dienste machen deutlich, wie sich Geodaten perfekt für eine komplett andere Wahrnehmung von Internet eignen. In einem schönen Stadtviertel zu sein und eben per ImmobilienScout-App herauszufinden, was es denn hier an Wohnungen gibt, ist nicht vergleichbar mit einem «statischen» Internet. Analog ist der Erfolg von Twitter und anderen sozialen Netzwerken natürlich darauf zurückzuführen, dass man mit mobilen Geräten jederzeit eine kurze Notiz versenden kann.

Zum anderen ist die in den nächsten Jahren hinzukommende starke Vernetzung von Alltagsobjekten ein entscheidender Faktor. Die seit einigen Jahren kursierende Vision des Kühlschrankes, der via RFID ermittelt, dass die Milch abgelaufen ist und dem User – dann eventuell über die Schnittstelle iPhone – direkt einen entsprechenden Vermerk auf die Einkaufsliste macht, die wiederum mit dem Einkaufswagen im Supermarkt kommuniziert, der seinerseits den Einkaufsbetrag der Kasse mitteilt, die flugs den Betrag von unserem PayPal-Account abbucht… das ist ja kaum noch Science-Fiction, sondern eher das, was Trixie Bedlam Paleo-Futurismus nennt. Auch hat Apple bereits vor über einem Jahr Programminterfaces für Messgeräte für z.B. Blutdruck oder Glukose vorgestellt – und wenn man sich anschaut, wie erfolgreich eine ja offenbar nicht wirklich ernsthafte Software wie Sleep Cycle bereits war, ist absehbar, wie erfolgreich solche Angebote sein werden. Dass zugleich sehr ernsthaft über die Möglichkeiten des Robotereinsatzes in der Altenpflege nachgedacht wird, mag da nur noch Fußnote sein – bis wir kollektiv so weit sind, haben wir uns längst an elektronische Vollüberwachung gewöhnt.

Der durch die Urbanisierung, durch einzelne Wohnungen und Häuser modular gewordene Mensch, der längst das Gefühl für ein soziales «Ganzes» verloren hat, wird so in einen neuen technologischen Scheinkontext eingebunden, der auf eine seltsame neue Art Isolation und Eingebundenheit ??? hier fehlt ein verb! , in der wir uns selbst zunehmend als Sims-Charaktere erleben dürfen. Die Trennung zwischen der realen Welt und der ästhetisierten Scheinwelt, deren Vorhandensein früher durch mediale Unzulänglichkeiten gegeben war, hebt sich auf. Statt schwarzweißer Fernsehbilder mit niedrig denkbarster Zeilenauflösung haben wir dreidimensionales Kino in 4K-Qualität, statt karger textbasierter Suchmaschinen auf einem Monitor am Arbeitsplatz haben wir kabellose Augmented-Reality-Software in der Hosentasche. Nicht ohne Grund ist «Iron Man», der zynische alkoholkranke Tony Stark, der im AR-Interface seiner Rüstung so ultravernetzt wie grundeinsam ist, der Held unserer Dekade. Diese Permeabilität von Realität und dem, was man früher vielleicht mal Virtuelle Realität genannt haben dürfte, führt zu einem Multitasking-Solipsismus, in dem «Internet» nicht mehr als ein Raum wahrgenommen wird, den man betritt. Internet ist inzwischen das, wo wir permanent sind, es umgibt, umspannt uns. Adieu World-Wide-Web, hallo Äther.

Das grandiose an diesem Wechsel ist, dass er bereits stattgefunden hat. Wir sind zu nah dran, aber eine nach lange Zeit besuchende Tante würde zu dem kleinen Internet sagen: «Mei, bist du aber groß geworden!» Während viele Webdesigner noch hämen, dass Print ja tot sei, merken sie kaum, dass ihre eigene Tätigkeit längst in einem viel tragischeren Umfang unnötig geworden ist – weil das Web der Zukunft kein graphisches Interface in der jetzigen Form mehr haben wird.

DIE BAND SPIELT BIS ZULETZT…

Für die Designer der kommenden Generationen bedeutet dieser Übergang einen Paradigmenwechsel, wie wir ihn in der kurzen Lebenszeit unserer Profession noch nicht erlebt haben, eine Art postindustrielle Revolution. Design ist in den letzten Jahrzehnten – kontaminiert von ihrem pragmatischen Ausfluss Werbung – als steuerbare Kommunikationsspielart verstanden worden. Egal, mit wie vielen Worten man es verbrämen mag, im Grunde ist Design oft nur der ästhetische Zuckerguß über Edward L. Bernays’ «Crystallizing Public Opinion». Aus der unschuldigen Kunst der Typographie, die nur die Lesbarkeit erleichtern wollte, ist eine hochspezialisierte Profession geworden, die nur ungern zugibt, dass bei allem Gerede um Farben, Schriften und Formen (und bei aller Tendenz zur leeren reinen Formalästhetik, Design-for-Designers) im Grunde immer noch um Absatz, um Erfolg, um Manipulation, um Propaganda geht, ergo um Einwegkommunikation. Wie ein Auftraggeber es letztens so schön formulierte, um Handlungsanweisungen. Sei es der Weg zur nächsten Toilette am Airport, die Verknüpfung einer bestimmten «Idee» mit einer Marke oder der simple zielgruppengerecht kodierte «Kauf mich»-Befehl. Wir gestalten ein Buchcover nicht, um die Menschheit zu retten – wir (bzw unser Klient, der Autor oder Verleger) will mehr Bücher verkaufen. Wir gestalten eine Broschüre oder ein Plakat nicht, um Kunst zu machen, wir wollen ein bestimmtes «Meme»????? besetzen, forttragen oder implementieren. Der dahinter steckende Gedanke – ob nun bewusst oder nicht – ist natürlich arrogant und besserwisserisch, die Unterteilung der Welt in Schäfer und Herde, Leiter und Geleitete. Es ist ja kein Wunder, dass auch ein Joseph Goebbels sich von Bernays Methodik anstecken ließ – Steven Heller hat ja weitgehend in Iron Fists dargelegt, wie wunderbar Diktatur und Corporate Design zusammengehen.

Diese Zeiten – so paradox es klingen mag – erreichen derzeit ihren Zenith und Untergang zugleich. Selten wurde mit Marketing und Gestaltung so vielschichtig und gekonnt versucht, Meinungen und Entscheidungen zu beeinflussen, selten war so viel «Design» wie derzeit. Wir werden bombardiert mit Werbebotschaften, Markenphilosophien, mit emotionalen Impacts, die uns wie einen Flipperball in diese oder jene Ecke tillen wollen. Und das zweifelsohne auch mit Erfolg. In unserer postrationalen Welt sind die Sieger dieses Designkrieges um die Aufmerksamkeit die, die am Ende ein positives «Image» auftürmen können, am Wühltisch der Konsumentscheidungen erfolgreich. Warum wir diesen Anzug tragen, jene Milch trinken, dieses Laptop nutzen – all das sind in einer übersättigten Welt natürlich längst Entscheidungen am oberen Ende der Bedürfnispyramide, die kaum noch mit dem inhärenten tatsächlichen Nutzen der Ware zu tun haben, sondern mehr mit ihrer mythischen Aufladung, böse gesagt dem «Wellness»-Faktor. Man darf sich nichts vormachen: Natürlich sind wir von Design verführbar und auch verführt. In einer Gesellschaft, in der Sein und Konsum wie ein Gordischer Knoten verwoben sind, stellt Design zugleich die Wände des Labyrinths – und auch den Ariadnefaden, an dem wir uns entlang hangeln. Konsumentscheidungen sind zu einem kunstvoll-bizarren Tanz zwischen Verführern und Verführten geworden, zwischen Aufklärung und Verbrämung, in dem schon der Kauf einer einfachen Milch zu einem Jonglageakt wird. Nie war so viel – und so widersprüchliche – Propaganda wie heute.

Und eben darum strahlt viel Design heute eine hechelnde Fin-de-siècle-Müdigkeit aus. Die Firmen wechseln und überarbeiten ihre Namen und Logos, Verpackungen und Werbekampagnen zunehmend rascher aus, wanken wie ein Junkie auf der Suche nach dem nächsten großen Kick von einer Agentur zur anderen, von einem Pitch-Fever ins nächste. Das klassische Grafik-Design wird immer mehr zur ästhetischen Onanie, alles sieht irgendwie gleich, irgendwie gut, irgendwie hip aus – es bedeutet aber auch nichts mehr, in der Echokammer endlosen Recyclings ist die inhaltliche Ebene hinter der formalen Geste verloren gegangen. Wie viele andere Aspekte allgegenwärtiger Popkultur nerven Werbung und Design durch Überangebot, und da diese Flut anders als Musik und Film eher unfreiwillig konsumiert wird, ist die Ablehnung umso ausgeprägter. Der Versuch, Werbung zur komplexen multimedialen Immersion aufzubrezeln – wie bei iAd abzusehen – wirkt vor diesem Hintergrund nur umso fehlgeleiteter. Ist der erste Kick, die erste Neugierde, die Novelty, aufgebraucht und ist erst einmal jede zweite App mit einer Werbe-Zusatz-Applikation belastet, wird der Rollback der Verweigerung nur umso spürbarer ausfallen. Die noch am ehesten funktionierende Werbung sind die nahezu unsichtbaren, dezenten Werbe-Text-Links bei Google, die interessanterweise ohne jede Gestaltung auskommen. (Noch…)

Wie die Band an Bord der Titanic spielt die Werbeindustrie bis zuletzt, lauter und schneller als jemals zuvor, hier noch ein Störer aufs Cover, da noch das Logo größer, hier die Headline größer, dort noch etwas mehr Sex-Appeal in den Geschäftsbericht. Die Passagiere haben sich leider aber längst auf den Weg in die Rettungsboote gemacht.
Der Sprung zur Äthergesellschaft ändert auch hier vieles: wenn Werbung nicht mehr in klaren Realitäts-Subcompartements stattfindet – ergo ausblendbar ist, sondern durch den Äther plötzlich so allgegenwärtig wie ultraindividualisiert sein könnte, verschiebt sie sich vom Background Noise zu einer essentiellen Bedrohung.

DER DESIGNER ALS FICTIONAUT
Es ist ein altes Klischee, dass gutes Design eine «Geschichte» erzählt. Tatsache ist aber, dass aktuelles Design eher das Gegenteil versucht – es überschreibt und negiert Geschichte, in dem Versuch, die Marke ewig jung und frisch zu halten. Nur hat ein Dorian Gray eben keine Geschichte, er ist zeitlos. Er hat keine Zukunft, keine Vergangenheit, er will nur die ewige Jugend. «A lot goes on but nothing happens…» – dieses Paradigma von Design wird sich ändern müssen. Design von morgen wird nicht nur «Storyweaving» sein, sondern ein komplexer narrativer Vorgang im Dialog mit dem Auftraggeber und dem Empfänger, der von Anfang an nicht als passiver Teil eines mechanischen Vorgangs, sondern als gleichberechtigtes Element eines enorm volatilen chemischen Prozesses zu denken und einzuplanen ist. Nun ist Tofflers «Prosumer» ein alter Hut – obwohl niemals so wahr wie in Zeiten von Google – aber ohne Frage stellt der Äther die Arroganz einer selbstdefinierten Elite, die «Handlungsanweisungen» und «Navigation» vorgibt, sehr definitiv in Frage. Wie langweilig und baukastenartig wirken die meisten Webdesigns heute, die sich eine wie auch immer zu definierende gute User-Navigation auf die Fahne schreiben, die aber nur das stets gleiche System re-iterieren, das ihnen die Software vorgibt. So wie uns die wie vom Fließband purzelnden immer gleichen Romantic Comedies mit ihren austauschbaren Darstellern und absehbaren Happy Ends langweilen, so öden auch diese ewig gleichen Webdesigns mit ihren ausgelutschen Metaphern von Menüs und Untermenüs, Tags und Links.

Es ist bezeichnend, dass iPhone und iPad dieser Gleichförmigkeit primär eine Art Turboboost verleihen. Apples rigide Store-Politik und der schiere Kontrollfetischismus, der auch bei zahlreichen verschiedenen Apps für ein möglichst homogenes Erscheinungsbild des OS sorgen sollen, frustriert bereits jetzt zahlreiche Entwickler und wird in Zukunft einer der größten Angriffspunkte im Kampf Android vs Apple sein. Der Erfolg von eher «erzählerischen» Apps wie Swanko Lab oder Hipstamatic, die zwar die gleichen Effekte bieten wie zahllose andere Photo-Applikationen, die aus der schwachbrüstigen Kamera des Smartphones eine Art neuzeitliche Lomo zu machen versuchen, zeigt, dass neben dem reinen Nutzen einer Software eben auch ihr spielerischer, emotionaler Aspekt ausschlaggebend ist. Hipsta und Swanko erzählen natürlich die gleiche Lügengeschichte wie alle Emulatoren – das schwache Abbild analoger Photographie im digitalen Gewand – dies aber mit so viel Konsequenz, Charme und gestalterischem Know-how, dass ein Hybrid zwischen Spiel (mit ungewissem Ausgang) und Software mit Nutzwert entsteht. Bleibt zu hoffen, dass sich solche Ansätze gegen Steve Jobs’ Puritanismus auch in Zukunft durchsetzen können.

Bereits heute beginnt gutes Design sich von einem dogmatischen Orientierungssystem zu einem offenen Spielsystem umzudefinieren, weil es die immersive Natur des eigenen Tuns begreift. Ein Designbegriff, der sich nicht mehr in den Käfig des World-Wide-Web oder von Print stecken lässt (oder analog in die Gestaltung von Waschbecken und Autolenkrädern) liegt nahe… schließlich müssen wir uns fragen, was Menschen dazu bringt, bereitwillig stundenlang einen Text zu lesen oder sich einen Film anzusehen und dafür sogar auch noch zu bezahlen. Und so merkt man gutem, langfristigem Design oft an, dass es eine Art Handschrift oder Idee oder eine Art von Autorenschaft hat. Über die Jahre entwickelt es sich, mutiert, irrt, springt wie ein Jump’n'Run-Charakter, es entwickelt ein Protagonisten-Flair. Es kann uns überraschen, verärgern, amüsieren, involvieren. Das kann so simpel funktionieren wie die Lucky-Strike-Identität, die so stoisch wie fluide wirkt, die so wenig zu wollen scheint und gerade deshalb so langen Atem beweist (abgesehen von den eher traurigen Package-Redesigns). Das kann aber auch so komplex sein wie die Fernsehserie «Lost», die eins der wasserdichtesten Designs hat, das man sich denken kann, die nahezu architektonisch wirkt, ein seltsamer Mix aus perfekter Planung und kreativen Sprüngen. Designer werden von Autoren solcher Langzeit-Narrationen lernen, ebenso wie natürlich von Spieleentwicklern, die längst die Einheit von Erzählen und Gestalten verkörpern, auf die Designprozesse sich auch zubewegen. Ein digitales Spiel, das den User auf Stunden binden soll, immer wieder vor den Monitor locken will, das gar erwartet, dass der Spieler Regeln, komplexe Bedienungsabläufe und Lösungsmuster erlernt und trotz wiederholten Scheiterns an einer Spielhürde nicht aufgibt, muss in einem Maße «Involvement» generieren, von dem Design noch weit entfernt ist. Games müssen erzählerisch mit verschiedenen Frustrationsniveaus umgehen, zugänglich sein und doch nicht zu einfach sie haben sich längst (wie etwa in der Demo-Szene) der Idee geöffnet, dass der User selbst aktiv in seine Spielumgebung eingreift und diese weiterentwickeln darf – dieser Aspekt ist inzwischen oft expliziter Bestandteil des Spielreizes.

Diese Idee eines interaktiven Spiels unter dialogischen und fast echtzeitlichen Multi-User-Bedingungen, bei denen bestenfalls noch eine dünne Membran den «Programmierer» vom «Anwender» trennt, es aber dennoch eine (zum Teil aber oft teambasierte) klare und vom Empfänger auch gewünschte Autorenschaft gibt, findet sich eben so auch in erfolgreichen Fernsehserien wieder – beim bereits angeführten Lost etwa gehört das Spiel der Zuschauer um die Hinweise und Rätsel der Serie zum Reiz des Formats, ebenso gab es mehrere zwischen den Staffeln angesiedelte Alternative-Reality-Game-Formate, die die Grenze zwischen Spielformat und herkömmlicher Serie endgültig durchtrennen.

Dieser Mix aus Erzählung, Exploration, Immersion einerseits und Dialog, Teamwork und Offenheit andererseits ist ein deutlicher Schritt weg von der heutigen «Narration» von Design, die immer noch zu sehr von der Auteur-Idee eines einzelnen Urhebers getragen ist, der ein Werk erzeugt, mit dem die Empfänger dann gefälligst zu leben haben, oder das sich nach realitätsfernen Marktforschungs-Vorgaben richtet, die jede Innovation ersticken und dem alten, eben besserwisserisch-manipulativen Modell anhängen. Auch, man mag es hoffen, Corporate Design als Einbahnstraße aus Agenturvorgaben in endlosen Maßketten und Anwendern, die früher oder später der eigenen Kreativität und Naivität folgend, dieser Vorgaben verlassen und somit das militärische CD-Konzept ad absurdum führen (bis es nach einer Weile der Erosion wieder von einer anderen Agentur «relauncht» werden muss, in der Hoffnung, dass es jetzt aber bitte endlich «greift»), dürfte sich gegen einen von Anfang bis Implementierung spielerischen, gemeinsamen Umgang mit der Firmenidentität austauschen lassen, der der gähnenden Langeweile völlig austauschbarer Baukastenlooks im CD-Bereich ein Ende setzt.

Das narrative Design ist open-ended, lebendig, eher eine endlos formbare Skulptur als ein finites «Werk», eher eine Umgebung, ein «Space» als ein spezifischer Ort oder Punkt. Es will nicht mehr verkaufen oder erklären oder dich in diese oder jene Richtung schieben, es will dich in erster Linie erst einmal einbinden, aktivieren, unterhalten, verwirren oder begeistern, einverleiben. Es wird die Grenze zwischen Druck, Print, Lokal und Mobil, Öffentlichkeit und Privatem auflösen. Der Designer als «Fictionaut» taucht ein, tauscht sich aus, taucht auf und hat Stories im Netz. Neben Vektorkurvenziehen und Pixelschubsen gilt es also kulturelles Wissen, Lesen, Hermeneutik, Soziologie, Gruppenpsychologie in den Designbegriff einzubringen – letzthin die Fähigkeit, Spannungsbögen zu erzeugen, Metakontinuität zu wahren, Kohäsion über verschiedenste Plattformen, Cliffhanger zu inszenieren, Handlungen und Identitäten zu entwickeln.

Im Webdesign wird sich diese Tendenz fortschreiben. Mach man sich nichts vor – «Design» im Webbereich ist nicht, eine bunte Site aus Baukastenmodulen in Joomla zusammen zu puzzeln. Design im Webbereich ist, Facebook geschaffen zu haben oder Twitter. Also eine Idee zu haben – und deren diverse Technologien überspannende konkrete Ausformung – und die Gestalt dieser Idee über die Zeit hinweg auszubauen. So wie die erste Staffel einer Serie dabei vielleicht etwas schlechter ist als die zweite (und die siebte vielleicht schlechter als die erste), so ist auch Webdesign heute ein langfristiger Prozess, der ideal transparent und echtzeitig verläuft und auf Input von Usern dynamisch reagiert. Anregungen, Ideen, Bugs – schon heute ist auch eine herkömmliche Site nicht mehr ohne eine Art öffentlichen Betatest denkbar… der Relaunch vom Fontblog hat das exemplarisch gezeigt und dabei vorgemacht, wie so etwas simples wie ein Blog zur Kommunikation von Machern und Nutzern werden kann, zu einer gemeinsamen Untersuchung der Geschichte um die es sich hier eigentlich dreht. Analog zeigt eben die Vernetzung eines simplen Haushaltsgegenstandes wie einer Waage mit einem Webspace und mobilen Applikationen mit Einbindung von Online-Community sozusagen in embryonaler Form, wie aus dem einfachen Akt der Gewichtsermittlung so etwas wie eine gemeinsame Story werden kann. Denkt man sich diese Vernetzung weiter, wird deutlich, wie ganzheitlich Designprozesse in Zukunft in das Leben hineinspielen, welche gegenseitige Einflussnahme hier möglich wird und wie zentral es ist, hier Vertrauen und Transparenz durch Glaubwürdigkeit zu schaffen. Die Äthergesellschaft ist eine Tauschgesellschaft von sozialen Akten, deren Regeln noch ungeschrieben sind, aber es zeichnet sich jetzt schon ab, dass «Echtheit» und Vertrauenswürdigkeit von Marken an Wichtigkeit für die Bereitschaft der User, Informationen zu teilen, immer wichtiger werden. Und für dieses Vertrauen müssen die Marken erst einmal selbst «sharen».

Es ist nach wie vor wahnsinnig schwer bis unmöglich, Auftraggeber von dieser Form fiktionalen Designs zu überzeugen. Die Aufgabe einer hierarchischen Kommunikation mit klaren Zielvorgaben, das einfach Machen um des Machen willens, das oft Afunktionale ist Marketingprofis nur schwer zu erklären. Meine alte These, dass Erfolg in der Werbung bedeutet, möglichst fast keinerlei klare Konsumanreize mehr in den Auftritt zu nehmen, auf Zielgruppenaffinität und Handlungsanweisungen zu verzichten, sondern nur «zu sein» (Zen-Design, wenn man so will), einfach als Unternehmen zu atmen, auf der anderen Seite aber den Konsum, so er denn freiwillig erfolgen will, so angenehm und wunderbar und einfach wie überhaupt eben möglich zu machen, ist heute so akut wie in den letzten Dekaden nicht mehr.

Mit der Auflösung der World Wide Web zu einem Äther-Internet, mit dem Nachlassen der Relevanz von Fernsehen, Radio und Print als zentralen Informationsmedien sterben die Strukturen einer reinen Sender-Empfänger-Kommunikation langsam aber sicher ab. Jede neue mediale Iteration hat schnellere Feedback-Zyklen möglich gemacht, bis wir bereits mit dem Web in einer Fast-Echtzeit-Reaktanz angekommen sind. Das «Internet der Dinge» wird die Gesellschaft tiefer spalten als jeder andere Sprung zuvor – in Mitmacher und Verweigerer, in Datenpreisgeber und Intimsphärenschützer, in Stoiker und Springer. Und weil alte Medien nicht sterben, wird es weiterhin Printanzeigen und Bücher geben, Plakate (wenn auch als animierte Displays), und natürlich auch Websites, die statisch sind, die nicht wachsen oder mutieren – und die vor allem alles immer schon besser wissen als ihre Besucher. Ob sie dem Modell eines Bundesbahn-Fahrplans oder dem eines TV-Senders folgen, solche Sites dürften und dürfen auch gerne aussterben. Emergieren und entfalten mögen sich hoffentlich Modelle, die zum Mitmachen, Mitspielen, Miterzählen einladen – Designs, die ein Lagerfeuer im Wald anzünden und auf Gäste warten und bei denen der glaubhafte Spaß an der eigenen Sache greifbar wird.

Eintauchen, auftauchen, Beute mitbringen, zubereiten und dann teilen – das jahrhundertealte Prinzip aller guten Geschichtenerzähler wird in Zukunft die Designwelt bestimmen. Weg vom Oberflächenaffekt, dem Crack-Hit der Designszene, dem schnellen BlingBling, aber auch weg von der kurzatmig schubsenden Manipulation (aber nicht von der Lüge, so sorry – alle guten Stories sind natürlich nicht ganz ehrlich), hin zu einer modernen Form kollektiver Narrationskultur, die wir im Äther gemeinsam formen, verformen und weiterspinnen, reflektieren und permanent modellieren.

Die Zukunft könnte also hoffentlich kaum spannender werden…

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Nachbemerkung: Die Vorsicht-Glas-Texte sind tatsächlich nur lautes Nachdenken über Design und die eigene Arbeit und die Zukunft… meist in einem Rutsch geschrieben und entsprechend ausufernd, ungeordnet, unstrukturiert. Sie sind nicht mit einem echten Essay zu verwechseln, auch wenn es so niedergeschrieben verdächtig danach aussieht – insofern denkt euch am besten ein Gespräch in einer verrauchten Kneipe morgens um sechs als Umfeld, dann stimmt der Ton schon eher. Sie sollen nicht belehren oder besser wissen, auch wenn es manchmal so klingen mag. Und morgen kann ich vehement das Gegenteil behaupten.

09:44 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , . Keine Antwort.

DMIG 5 ist da – Ordnung

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Die fünfte Ausgabe des Design-Made-In-Germany-Online-Magazins ist … online. Zum Thema Ordnung diesmal, und eins der Magazine, dass nicht nur zeigt, wie simples und doch schönes Design online auch ganz cool funktioniert, sondern das mit gut vernetzten Texten und Interviews von Ausgabe zu Ausgabe spannender wird. Ich frag mich langsam, wie Nadine und Patrick das eigentlich noch managen, scheint aber ausgezeichnet zu funktionieren, denn die DMIG wird langsam aber sicher deutlich lesenswerter als so manches bezahlte Magazin… und als Gratismagazin mit wirklich minimalster Werbung ist das Ding einfach ein rundherum ein Geschenk und als PDF natürlich auch ideal fürs Lesen unterwegs. . Das tolle Stadtmusikanten-Motiv gibt es auch als A2-Poster, könnt ihr direkt im Magazin bestellen.

09:03 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Eine Antwort.

Goldfrapp: Head First

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Alison Goldfrapp und Will Gregory sind auch so ein Duo, das mit dem Untergang von TripHop die Orientierung verloren hat. Während Felt Mountain eine durchaus spannende Ergänzung der Trip-Hop-Schwergewichte wie Lamb, Tricky, Portishead oder Massive Attack bot, ist im Grunde ab Black Cherry spürbar, dass Goldfrapp eine Art innerer Kompass fehlt. Zwischen strenger Maschinenmusik, leichtem Kylie-Pop und fast akustischen Anklängen suchen die beiden nach einer Art Identität und das vielleicht beste, was man über Goldfrapp sagen kann, ist dass sie Mut zum Experiment und damit auch zum Fehlschlag haben. Richtig überzeugen konnte mich nach Felt Mountain kein Album mehr – anstelle des Experimentes sehe ich hier eher die Suche nach einer Nische, die sowohl kommerziell als auch bei den Kritikern funktioniert, und die die Band einfach nicht findet. zwischen Dancefloorpop und Couchlounge-Soundtrack fehlt mir die DNA der Musik – unvorstellbar bei einer so kleinen Besetzung eigentlich -, die Wurzel von der ausgehend die Reise ihre Orientierung hat. Radiohead und viele andere Bands beweisen, dass man sich extrem verändern kann – hin zu extremen Soundexperienten und auch wieder zurück zu den Anfängen kommend. Bei Goldfrapp wirkt diese Suche allerdings eher wie ein zielloses Umherirren, das immer einen Hauch zu nah an bestehenden Trends ist, immer einen Hauch zu sehr hinterherhechelt, um wirklich authentisch zu wirken – man wird das Gefühl nicht los, Alison und Will würden einfach nur auf Züge aufspringen, deren Rücklichter man bereits vom Bahnhof aus sehen kann.

Headfirst ist dabei leider keine Ausnahme, sondern der bisher aggressiveste Vertreter dieses Trendhopping. Goldfrapp springen hier recht gnadenlos auf den 80s-Trend auf, den Little Boots oder La Roux bereits vorher als Wiedergänger von Olivia Newton-John und anderen Achtziger-Sirenen ausgeschlachtet hatten. Vom kitschigen Look des Covers bis zu den sülzigen Synthie-Flächen, Faltermeyer-esquen Drums und den naiven Gesangslines, ergehen sich Goldfrapp hier in einem Zitatepop, der zwar angenehm vorbeiplätschert, wenn man das Album so hört, von dem aber kein einziger Track bemerkenswert ist – selbst die bei Moroder abgekupferte Single Rocket perlt so sanft und kantenlos-androgyn aus den Boxen, dass man den Track unmittelbar nach dem Hören vergessen hat. Musik, die bestenfalls zur Begleitung eines Sidney-Rome-Aerobic-Videos geeignet wäre und die keine Sekunde mehr leistet, als bestehende 80s-Klischees naiv aufzuarbeiten, bestenfalls bei dem Schlußtrack Voicething passiert für einige Minuten etwas, was dem Album kurz vor dem Ende einige Minuten Spannung gibt, immer noch süßlich-klebrig bleibt, aber wenigstens nicht mehr völlig gnadenlos auf die Charts zugerichtet ist. Hier ist wenigstens ein Track, den man hassen oder lieben kann, der aber zumindest einen Hauch von Nicht-Glattheit aufweist – egal, ob man ihn als gelungenes Experiment à la Depeche-Mode-B-Sides der frühen 80er mag oder als faules Enya-Derivat abordnet.

Head First ist für sich genommen ein frühlingshaft-sommerliches Gute-Laune-Album, leider ohne jede Art von Song, der wirklich bei dir bleibt, die Songs flutschen förmlich durchs Gehirn, Goldfrapp schaffen hier nicht einen Klassiker. Die Frage ist aber: Wenn eine Band jeden Trend mitzunehmen versucht, was bleibt am Ende die von dieser Band, außer einer Art eine Geldmaschine, mit der die Protagonisten ihr Einkommen zu sichern versuchen? Die Ironie an der Sache ist, dass Goldfrapp deutlich länger dabei ist und musikalisch deutlich mehr zu sagen hätte als die Lily Allens dieser Welt, und umso weniger leuchtet ein, warum sie ein Album produzieren, dass wie der meiste Neo-Abba-Zitatepop-Trash der letzten Jahre klingt, zumal doch spätestens seit Madonnas Ausflügen in diese Gefilde klar sein dürfte, dass hier künstlerisch nichts mehr abzugrasen ist. Wenn eine Band, die seit einer Dekade am Markt ist, auf dem neuesten Album weniger zu sagen hat als ein ja ebenfalls seichter Fempop-Newcomer wie Robyn, ist das schon etwas traurig.

6. September 2010 11:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Black Rebel Motorcycle Club: Beat the Devil’s Tattoo

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Hinter grandios verrocktem Artwork verbirgt sich ein weiteres grandios verrocktes Album der kalifornischen Combo, das dem gegenwärtigen Swampgarage-Trend, der für BRMC ja beileibe kein Trend ist und niemals war, perfekt Tribut zollt. Tight und sparsam produziert, brillieren Hayes und Been mit ihrer neuen Drummerin Leah Shapiro in Songs, die mal an dozilere Jesus and The Mary Chain, mal an eine düstere Version von The Verve erinnern, und die nicht selten in den Refrains am Mainstream kratzen (Bad Blood). Vom nasal hingerotzen Folk-Opener Beat the Devils Tattoo, der mit einem Jack-White-Stampf-Beat überzeugt bis zum Schlußtrack Anabell Lee, einer verdrogten Pianonummer, die die perfekte Coda für dieses Album abgibt – BRMC zeigen sich vielseitig wie selten, fächern in ihrem ja relativ engem Genre ein Maximum an Möglichkeiten auf. BRMC gehörten mit zu den Bands, die Ende der 90er dem Biker-Neo-Bluesrock fröhnten, Indieeinflüsse und Südstaaten-Hitze zusammenmixten zu einer bei allen Referenzen immer eigenständigen Mischung – und Tattoo bringt sie, modern gewandelt, zu diesen Anfängen zurück, ist ein straightes, dreckiges Rockalbum mit Gitarre, Bass, Drums und Gesang, ohne verkopfte Spielerei, mit simplen Riffs und geraden Beats. Straighter als der Stomper Conscience Killer geht es kaum. Und ganz klar: Dieses Album hat nichts neues zu bieten, nichts neues zu sagen, es ist so retro und abgespeckt wie das Cover vermuten lässt, ein Album ganz in schwarzgrau, mit all den Schattierungen, die hierbei möglich sind. Mal folkiger, mal tief in 90s neopsychedelischen Sounds à la Verve oder The Ride, immer mit meterweit entferntem Gesang, ist Tattoo ein Album als Pose, als inszenierte Coolness, alte Männer in Leder, die sich an ihren Instrumenten festhalten und im Drogenrausch auf der Bühne ihr Ding tun – reinster RocknRoll also. Das diese Coolness mitunter etwas aufgesetzt wirkt und die fast chartstauglicheren Songs den dreckigeren Nummern wie Evol oder das John-Lennon-filtered-through-Jimi-Hendrix-Stück War Machine, bei denen die Band aufblüht, irgendwie die Glaubhaftigkeit nehmen, trüben den Gesamteindruck irgendwie, machen Tattoo mitunter auch zu einem Nummernkabinett, mit dem die Band nach den Instrumental-Experimenten des letzten Albums anscheinend zeigen will, was sie (noch) kann, eine Art eigenes Best-of-Album mit neuen Tracks. So als wäre die Band von selbst oder durch die Plattenfirma auf die Idee gekommen, kommerziell einfach wieder funktionieren zu müssen, liefern BRMC hier eine schillernde Landschaft verschiedenster Sounds an, vom schnörkellosen Upbeat-Rock bis zu grandiosen Noisenummern, immer herzzerreissend direkt, immer mit der bloßen Faust aufs Fleisch.

10:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Becher

07:49 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Wel Come

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5. September 2010 16:43 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Flare

3. September 2010 21:19 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

A

2. September 2010 14:11 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

E

03:13 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Analogue Thinking

Auch wenn ich zum Mindmapping inzwischen Omnigraffle auf dem iPad verwende – obwohl das Programm nach wie vor recht buggy ist und wichtige Features fehlen -, ist es doch immer wieder überraschend, wie gut es funktioniert, mit mehreren Leuten einfach mit Zetteln auf einer großen Wand zu arbeiten. Was zu Recht zum etwas belächelten Workshop-Klischee geworden ist, die Arbeit mit Post-Its, funktioniert nach wie vor ausgezeichnet, wenn man eine Story zu entwickeln versucht. Ich kenne nach wie vor kein digitales Mittel, dass so quick and dirty, intuitiv und schnell ist wie die gelben Zettelchen, Ausdrucke, Transparentpapier und und und. Vielleicht, weil man schneller schreiben kann, einfacher verwirft, oder weil die größere Fläche und das haptische Manipulieren das Gehirn eben doch mehr anregen als Vektorboxen schieben, weil das tatsächliche Malen auch für einen Selbst die Visualisierung und Klärung von Gedanken erleichtert, die Ordnung und Inspiration schafft… – es geht wenig über das Malen und Kleben an einer großen Wand, wo man aus Alternativen und Möglichkeite und vielen What-Ifs eben doch schnell ein If-Then konzentrieren kann. Danach geht digital fast alles schneller und besser – festhalten, in Form klopfen, Mindmapping, Projektplanung und und und… aber bisher habe ich (und als bekennender Digitalfreak kann ich fast nur sagen: leider) immer noch keine Software gefunden, die Stift und Papier völlig ersetzt.

01:08 Uhr. Kategorie Leben. Tag , , , . 2 Antworten.


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