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Lucky Ducky

31. August 2010 23:10 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Licht

28. August 2010 14:43 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Chew!

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10:25 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Stuttgart 21

hd schellnack

Durch die Pressekonferenz am Montag zu Stuttgart 21 – dem von Christoph Ingenhoven (und ursprünglich Frei Otto mit-) entworfenen neuen Stuttgarter unterirdischen Bahnhof, dessen Bauarbeiten Anfang August begannen – und die zum Teil ja heftigen öffentlichen Reaktionen darauf, kommt mir in den Sinn, wie schwer es heute für Architekten und Designer ist, das Neue und vor allem das Nicht-Mittelmäßige, das Nicht-Gewohnte zu kommunizieren. Manche Kommentare zum Bahnhof – bei denen man oft das Gefühl nicht los wird, als würden hier recht viele Dinge, politischer Filz, DB-Geschäftemachereien und eben ein neues Gebäude, das mit all dem letzten Endes nicht ursächlich verbunden ist, sondern nur zum Symbol der Aufregung hochgejazzt wird – machen deutlich, wie sich viele Menschen im Vertrauten und im Bekannten eingerichtet haben. Alles, was diese Tapetenhaftigkeit verändert, wird in Zeiten, in denen ohnehin alles im Flux ist, umso vehementer (und verständlicherweise) angegriffen, oft in einer verwirrenden pseudoökologisch-neokonservativen Haltungsmixtur, in der sich eine greifbare Modernisierungsangst artikuliert.

Ob Elbphilharmonie oder Stuttgart – natürlich ist es falsch, wenn Architekturprojekte zu Bereicherungsmaschinerien für Privatiers und Finanziers, aber auch Baufirmen oder Politikern mutieren… aber dieser Prozess, das inzwischen nahezu jede öffentliche Vergabe einem Labyrinth gleicht, in dem am Ende eben doch egoistische Interessen obsiegen, kennen wir auch vom Autobahnausbau – aber wir würden wegen der Privatisierung von Teilstrecken oder endlosen Baustellen nun doch wohl nicht die Autobahnen als solche in Frage stellen (obwohl das mehr Sinn macht, als einen modernen Bahnhof zu verhindern, finde ich).

Ich war letztens selbst im schönen Stuttgart und konnte sehen, dass der Stadtkern durch die Idee eines unterirdischen, infrastrukturell nahezu unsichtbaren Bahnhof, der urbanen Freiraum schenkt, nur gewinnen kann. Man mag argumentieren, dass diese in ihrer Mitte hochgradig zugebaute Stadt dadurch auch nicht mehr zu retten ist, aber jedes bisschen zählt. Man hat in Essen beim Abriss am Limbecker Platz gut gesehen, wie wunderbar ein großer Freiraum sein kann, eine Lunge, ein Park, ein Ausblick ohne Hochhäuser – bis dann ein großes Shoppingcenter den freien Ausblick nahm und damit erst (unfreiwillig) umso deutlicher machte, wie wichtig ungestörter, ruhiger Blick für eine Großstadt eben ist.

Insofern wirkt es etwas verstörend, wenn eine Mixtur aus «Unser-Dorf-soll-schöner-bleiben»-Haltung und einem etwas falsch verstanden konservativen Ökologismus nun in einer grundlegend anti-modernen Haltung schockgefroren verharrt, wo wir eine Art Zweite/Dritte Moderne nicht nur dringend brauchen, sondern in neuer, weniger dogmatischer Form, doch längst auch ansatzweise deutlich erahnen können. Es wirkt schon verfehlt, wenn ein Architekt, der fast als Pionier einer offenen, sachlichen und zugleich eben doch deutlich am Menschen orientierten Architektur ausgerechnet von den Grünen angegriffen wird, die in der Rolle der reinen Bestandswahrer auch generell eher falsch wirken und mit einer Verhinderungsmentalität auch auf die sinnvollere Mit-Gestaltungsoption verzichten, S21 betont noch mehr zu einem «grüneren», also zukunftstechnologischeren Projekt zu machen.

Wir kennen das selbst als Designer – die Mühsal der Veränderung. Was immer du machst, wenn es einen wirklichen grundlegenden Wandel nicht nur oberflächlich sondern im Denken und Handeln bewirkt, wenn es ungewohnt oder etwas «anders» ist, kannst du darauf wetten, es werden sich Bestandswahrer melden, die ihre Formulare im «gewohnten» Look haben wollen und den (oft auch sehr verständlichen) «Das-war-doch-immer-so-warum-ist-das-jetzt-anders»-Chor anstimmen. Der Clou ist freilich, dass man genau weiß, in zwei Jahren beschweren sich eben die gleichen Leute, wenn das dann erneut «vertraute» neuere Design weiterentwickelt und verändert wird. Es gibt einfach Menschen, denen jede Veränderung, jeder Fortschritt, jede Unsicherheit Angst macht, denen die Mehrarbeit, sich auf neue Prozesse… selbst wenn diese, einmal verarbeitet, unweigerlich vorteilhafter sein mögen… einzulassen, nicht vermittelbar scheint. :-D Erik Spiekermann hat hieran einmal begründet, dass sich das Mittelmaß deshalb so oft durchsetzt (und nicht das «Gute»), weil es am wenigsten begründet werden muss, am leichtesten verstanden wird, weil die Nomenklatura am wenigsten für «schwierige» Ideen kämpfen muss, weil man nichts hat, woran man sich reiben kann. Aber: «Nur wo die Dinge sich reiben, entsteht Glanz» (dank an Karin Schmidt-Friderichs ;-D).

Nun geht es mir weniger um die Frage, ob S21 ein gelungener Entwurf ist – ich persönlich finde, allein die Tatsache, dass so viele Menschen einen doch inzwischen recht alten, durch zig Kompromisse und bürokratische Mühlen gegangenen Ansatz immer noch als «futuristisch» bezeichnen, spricht hier fast für sich, ebenso wie mich eine Architektur anspricht, die uneitel genug ist, sich nahezu unsichtbar zu machen und unter der Erde zu verstecken. Würden wir von Koolhaas, Hadid, Foster oder Libeskind diese Art von Zurückhaltung erwarten dürfen, deren Ästhetik sich fast nur noch technologisch-teleologisch artikuliert, in Form von Lichtaugen, deren Form der Funktionalität folgt, an deren klarer Gestalt sich Designer wie Aicher oder Rams kaum würden reiben können. Obwohl ich die Elbphilharmonie von HdM als «Signature Architecture» durchaus auch sehr mag – das Gebäude ist visuelle aber sicher etwas eitler als S21 -, geht es darum, dass wir Projekte wie Stuttgart oder Hamburg brauchen. Trotz absurder Mehrkosten (die es einzudämmen und zu kontrollieren gilt), trotz aller stets auch richtigen Bedenken. Wir brauchen eine Kultur der Zukunft in unserer Architektur, unserer Technologie, unserem Design – eine Idee von einem «Morgen», auf das unsere Architekten hinbauen, auf die wir Designer zugestalten – in Form von Produkten und Bauten, die die Zukunft vorwegträumen, die eine Fuller-esque Entschlossenheit zum Anderen haben. Das Wichtige an S21 ist nicht ein Lichtschacht oder die Frage, ob man einen alten Bahnhof abreisst oder nicht – sondern der futuristische Gestus, der Mut, nicht eine U-Bahn, sondern einen ganzen Bahnhof unter die Erde zu verlegen, eine komplexe, unsichtbare Maschinerie unter die Stadt zu legen in einem technologischen Zauberstreich der Bevölkerung einen Open Space zurückzugeben, einen Ort zum Flanieren oder Entspannen, und zugleich eine fast magische Aufwertung von Technik zu ermöglichen, die im Endeffekt elegant und leicht zu verschwinden scheint. Aus den ehemaligen Kathedralen der Moderne sind inzwischen Schmuddelorte geworden, Supermärkte mit Gleisanschluss. Und wenn auch S21 auf Dauer sicher eben doch auch wie jeder Bahnhof ganz banal ein Ort für Bäckereien und Drogeriemärkte, Dönerstände und Pissoirs sein dürfte – wer mag bei den Renderings und Zeichnungen aus dem Büro Ingenhoven nicht von einer Zukunft träumen, in der wir umweltfreundlich mit blitzschnellen Zügen sauber und effizient von einem unterirdischen Terminal zum nächsten sausen, ohne die Welt darüber mit Gleisen zu vernarben?

Tatsache ist, wir brauchen solche Objekte des Träumens, die uns ermöglichen, Reisen und Verkehr anders zu denken, die eine an Stanley Kubrick gemahnende Ästhetik in die Profanität des ICE-Alltags suggerieren. Ein Projekt wie S21 – mit allen Fehlern und allen Kompromissen – ist das Versprechen einer Zukunft, in der Bahnfahren sexy ist. Und ebenso wie wir Bike-Designer brauchen, die das Fahrrad zum «coolen» Objekt machen, zum dem Auto vorzuziehenden, besseren Fortbewegungsmittel, so brauchen wir eben auch Architekten, die unterirdische Zukunftswelten denken, in denen Reisen zu einer futuristischen Vision wird. Auch wenn der reale Bahnhof unweigerlich dieser Vision nie gerecht werden kann.

Es ist an dieser Stelle nicht meine Aufgabe, über die komplexe und widersprüchliche Sinn- oder Sinnlosigkeit einer Untertunnelung zu sinnieren, das Thema finde ich auch denkbar langweilig, zumal es die Architektur nicht tangiert. Wer glaubt, ein Architekt könne solche Entscheidungen maßgeblich beeinflussen, sollte überlegen, warum das Büro Ingenhoven seit ewiger Zeit um diesen Bahnhof kämpft – ein Architekt hat denkbar wenig Einfluss auf Entscheidungen eines Bahn- oder Landeschefs. Auch als Designer habe ich bestenfalls indirekt Einfluss auf die Wege, die ein von uns betrautes Unternehmen geht – man kann zureden und einflüstern, inspirieren und anregen, aber man hat keine Macht, man ist ja Dienstleister.

Die Angst, die man haben muss, ist, dass die Kommunen unter der Negativ-PR, wie wir sie in Hamburg und Stuttgart gerade erleben, unter dem Hype von Bürgerbefragungen und Protesten und Pressespektakel in Zukunft falsch reagieren. Richtig wäre, ganzheitlicher und transparenter zu planen und Verfilzungen und Geschäftemacherei zu unterbinden. Falsch wäre, in einer Art Schreckstarre gegenüber der Öffentlichkeit zu verharren und auf stadtplanerischen Mut zu pfeifen. Denn eins muss klar sein: Am Anfang sind meist immer alle dagegen. Es gibt einen Impuls bei den meisten Menschen, der das Neue ablehnt – selbst dann, wenn das «Alte» offenbar kaum noch richtig funktioniert, umso mehr, wenn es noch passabel zu laufen scheint – und lieber in gewohnten Bahnen bleiben möchte.

Wir leben, vereinfacht gesagt, in anti-idealistischen, anti-utopistischen Zeiten. Das ist, gegenüber den Zwanziger Jahren, ein großer Verlust. Man mag sagen, dass aus den großen Utopien jener Zeit die Monster von Stalinismus und Faschismus geboren wurden, aber schaut man sich den Beginn des letzten Jahrhunderts an, ist man verblüfft über die künstlerische und soziale, literarische und musikalische Energie, die sich an der Gegenwart (auf)reibt, die in die wildesten Richtungen gegen die Wirklichkeit fabuliert und weit entfernt ist von dem traurigen Realpolitik-Umgang, den Kultur heute mit der Gesellschaft pflegt. Wir sind eine Welt, in der das kleine Zahnrad wichtiger scheint als der große Wurf, in der das Wort Reform leider einen schlechten Beigeschmack bekommen hat, in der schon die Idee einer anderen Gesellschafts- oder Wirtschaftsorganisation selbst angesichts massiver Wirtschaftskrisen unvorstellbar scheint.

Stuttgart ist das Opfer schlechter Planung und schlechter Öffentlichkeitsarbeit, einer antibürgerlichen Politik, die dafür jetzt wahrscheinlich zurecht das Echo bekommt. Es ist verständlich, den sichtbaren Ausfluss dieser Politik – den Bahnhof – zum Prügelknaben zu machen, aber es ist auch falsch. Die Reaktion der Politik wird sein, weiter business as usual zu machen, weiter hinter verschlossenen Türen zu dealen – aber in Zukunft auf städtebaulichen Mut zu verzichten und auch architektonisch im Kleinklein zu bleiben. Es wird immer und ausnahmslos schwer sein, die Öffentlichkeit von Gebäudeentwürfen à la Morphosis und Sauerbruch Hutton zu überzeugen, so wie es nicht einfach war, die sperrige Ästhetik des Eisenmann-Mahnmal zu kommunizieren. Halbwegs mutige Architektur ist nichts für den kleinsten gemeinsamen Nenner, sie begeistert erst mit etwas Abstand und muss überzeugen dürfen, braucht Zeit. Selbst vernünftige, zukunftsweisende, wenig symbolische Architektur wie die eines Christoph Ingenhoven, der ja eher dazu tendiert, seine Gebäude fast unsichtbar in die Natur einzubetten, sind noch anders genug – futuristisch genug -, um diese Zeit zu brauchen.

Es ist insofern der öffentliche Protest, der selbst wieder unweigerlich den Weg des kleinsten geringen Nenners gehen muss und vereinfacht, der die bestehenden Strukturen nicht hinterfragt, sondern eher verfestigt, Fronten verhärtet, Kommunikation ausbremst. Die eventuelle Verfilzung von Politik und Wirtschaft wird eher nach Wegen suchen, noch verborgener, noch sicherer im Untergrund zu werkeln, ohne negative öffentliche Meinungsäußerungen zu provozieren, bestenfalls werden PR-Profis versuchen, in Zukunft Großprojekte vorzukommunzieren und die Citoyens zu «steuern». So verständlich und richtig der Protest der Bürgerschaft gegen eine Politik ist, die scheinbar entfesselt operiert und dafür selbst infrastrukturellen Unsinn in Kauf nimmt, so falsch ist der Komplettprotest. Wichtiger und zentraler wäre, die aktiven Bürger mehr in die Politik zu bringen, stärker zu involvieren und zu gestaltenden Kräften der Stadt zu machen – sprich, ein anderes Denken über Politik einzufordern anstatt einen Kopfbahnhof. Aber vielleicht ist es einfach einfacher, gegen etwas zu sein, als für etwas. Gegen braucht noch keine Antworten, keine Utopien, keine Ziele, für ist schon deutlich schwieriger. Zentral aber wäre, dass sich Bürger, Politiker, Unternehmen und auch Architekten an einen Tisch setzen und über die Städte, das Zusammenleben von morgen nachdenken. Während der jetzige Protest den Status-Quo zementieren will, nur gegen den Wandel an sich zu sein scheint, wäre es doch deutlich spannender, offene Netzwerke zu spannen, in denen der Jetzt-Zustand hinterfragt, durch das Säurebad der Zukunft gejagt und mit Mut und Energie an der Urbanität von morgen gewerkelt wird. Stuttgart könnte dafür ein guter Einstieg sein, Hamburg ebenso. Wichtig ist, den berechtigten Unmut der Bürger zu etwas Positivem zu formen und die Protestler zu fordern, mehr als nur ein «Nein» zu liefern, sondern eine positive, langfristige, zukunftsgerichtete Energie zu stiften, die uns endlich aus dem postmodernen Permafrost befreit.

Bild: Ingenhoven Architects.

27. August 2010 10:06 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 17 Antworten.

CCTV

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26. August 2010 18:50 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Holz

17:32 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

XX

14. August 2010 20:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Red

16:38 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

Puppe

12. August 2010 15:06 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Tisch

11. August 2010 21:31 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Sonne

18:13 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Friedhof

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09:22 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 2 Antworten.

Bitte hier

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10. August 2010 17:48 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Circus

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09:26 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 2 Antworten.

Lou Rhodes: One Good Thing

hd schellnack

Back to the Basics – Lou Rhodes inzwischen drittes Soloalbum fühlt sich in vielerlei Hinsicht wie eine Rückkehr an. Nicht nur zu Andy Barlow, ihrem alten Lamb-Partner, der hier nahezu unsichtbar als Co-Produzent mitwirkt, sondern auch zu dem reduzierten Klang ihres ersten Albums, zu einer fast völlig von Gitarre und Stimme getragenen Produktion, die nur durch dezente Streicher gesättigt ist. Rhodes entwickelt in der essentiellen Reduktion eine melancholische Kraft, die auch die sehr persönlichen Texte widerspiegeln, die sich mit Abschied, Tod, Einsamkeit und anderen, für Rhodes fast ungewöhnlich dunklen Themen auseinandersetzen, die weniger esoterisch, weniger lyrisch wirken als sonst, sondern direkter, weniger durchdacht – auch wenn Rhodes eben nicht Rhodes wäre, wenn nicht Optimismus und eine fast etwas naiv wirkende Selbsthilfe-Ebene in die Texte einfließen würde. Das war schon bei Lamb so (Bonfire, Little Things) und ist auch hier so (One Good Thing…) und schafft auch ein gesundes Gegengewicht, verleiht dem Album ein Gefühl davon, dass Rhodes hier in der Musik und den Texten ihre eigenen Probleme in den Griff zu kriegen versucht. Musikalisch ist das Erblühen von «Bloom», das mitunter ja fast wieder nach einer Band zu klingen versuchte, wieder einer reinen Singer-Songwriter-Einsamkeit gewichen. Das ist teilweise natürlich grandios, weil Rhodes hier fast eine an Joni Mitchell erinnernde Intensität erreicht, eine Nahaufnahme von Stimme und Seele, die persönlicher und minimalistischer nur denkbar wäre, wenn auch noch die gelegentliche minimalistischen Pulsbeats und Streicher verschwinden würde, die ein bisschen kammermusikalische Ummalung und Tiefe geben. Dieser Fokus auf Rhodes gibt dem Album eine Nacktheit, eine Intensität, die auch in Zeiten von flutartig erscheinenden Neo-Folk-Album selten ist. Die sogar etwas zu viel ist, mitunter. Man spürt, dass Rhodes jeder Abstand zu sich selbst, jede Selbstironie, abhand gekommen ist – One Good Thing nimmt sich selbst einen Hauch zu ernst, und muss leider ohne die musikalischen Kontrapunkte auskommen, die Lamb immer so einzigartig gemacht hat – wo Rhodes tiefe Ernsthaftigkeit und Über-Selbstreflexion auf Barlows humorige Klangkonstruktionen und überbordende Kreativität und Lebensfreude prallten. Rhodes überzeugt als Solo-Künstlerin absolut, aber mit dem dritten Album wird klar, dass ihre weitere Karriere Gefahr läuft, in der ehrlichen Einfachheit zu stagnieren. Was insofern schade wäre, als dass Rhodes als Komponistin und Instrumentalistin einen sehr beschränkten Horizont hat, den sie abwandert. Ihre Songs, selbst ihre Zupftechnik, das klingt alles sehr gleich und kann schon über ein Album kaum Spannung aufbauen, geschweige denn über drei. Und so klingt ein Lied ziemlich wie das andere, tatsächlich so gleich, dass man das Album stundenlang auf Repeat hören kann, ohne überhaupt zu bemerken, dass es sich wiederholt, weil man ohnehin einen durchgehenden Klangteppich sehr gleich strukturierter Songs hört, die sich in Textur und Stimmung kaum ändern. Und auch als Vokalistin hat es sich Rhodes in einer bestimmten Art von Stimmlage und Phrasierung bequem gemacht, diesem halsig hingehauchten Timbre und der immer gleichen Art, Strophen zu setzen. Und dieser Baukasten, so grandios er sein mag, endet immer in der gleichen Architektur, man mag das Stil nennen und mögen, man mag das auf Dauer aber auch so empfinden, dass man keine neuen Songs braucht, die unverwechselbar wie die vor drei Jahren klingen. Rhodes schreibt ein musikalisches Tagebuch – und vielleicht lenkt die kompositorische Iteration immer gleicher Harmonien und Läufe ja auch den Blick mehr auf die Texte -, aber dafür wieder fehlt es den Texten an der letzten inneren Tragik, der Größe, der Würde, die ich dann erwarte, wenn sie nicht mehr Beiwerk sind, sondern nackt im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Lou Rhodes ist eine grandiose Künstlerin, One Good Thing ein absolut kaufenswertes Album, und sie heute mit dem Ausnahmeprojekt Lamb zu vergleichen wäre sicher unfair. Aber es fällt auf, wie sehr Lamb von Neuerfindung, von innerer Unruhe, von der kreativen Spannung zwischen zwei Protagonisten gelebt hat, wie sehr Reibung, Eitelkeiten, Streit und Harmonie, Wechsel und individuelle Suchprozesse, die nicht zusammenzukommen scheinen, am Ende eben ein mehr als überzeugendes Gesamtbild ergeben, eine Gestalt, die eine einzelne Person nicht produzieren kann. Es ist die Krankheit zahlloser Soloalben von Künstlern, die entnervt den ständigen Abstimmungsprozessen und Reibungen ihrer Bands zu entkommen versuchen, um dann am Ende, bei sich selbst angekommen und auf sich selbst zurückgeworfen, irgendwie langweilig zu sein, ohne dass man genau festnageln könnte, was wie wo warum eigentlich fehlt, zumal es so homöopathisch wenig ist. Aber es fehlt eben etwas.

08:54 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 4 Antworten.

Ordnung…

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… so aufgeräumt ist es ja zugegeben selten bei diesem Blick von meinem Schreibtisch. Dieses SonntagmorgenumNeun-Photo ist für die nächste Webausgabe des DesignmadeinGermany-Magazins, das bald erscheint und wieder eine (diesmal sogar fast kurze) Glosse enthält, die ich gerade freigegeben hab. Irre, was Nadine und Patrick auf die Beine stellen, bin sehr gespannt auf die vierte Ausgabe, die dritte war mehr als lesenswert und das Heft wird mit jedem neuen Nummer immer besser.

9. August 2010 15:55 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 9 Antworten.

Vulgär

«Vulgär ist eine Nachrichtensendung, die alle Probleme, auch solche, die strukturelle oder systemische Ursachen haben, personalisiert. Ein Sachproblem darf nicht Sachproblem bleiben, sondern muss Personalproblem werden: Das ist vulgär.»

Jens Jessen in der Zeit 31

14:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Blumen

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13:36 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Such beautiful spam…

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Gerade kam eine phantastische Spam, die mich zu einer Phishing-Site locken soll. Normalerweise unerwähnenswert, hätten die Leute nicht für das deutsche Unternehmen Postbank ein so wunderbar schlechtes Englisch gewählt, das man fast an Everything Is Illuminated denken muss :-D. Dass die Mail nicht nach Postbank aussieht, keine Umlaute liefert und ganz offensichtlich eine Massen-Rundmail ist, all das ist da fast nur noch ein Detail. Fällt eigentlich jemand wirklich auf solche Sachen rein?

Überprüfen Sie diese E-Mail-Adresse. Ihr Konto wurde deaktiviert und aus unserer Registrierungsdatenbank gel?scht werden Datenbank von ca. 90 Tagen. Diese Verz?gerung ist notwendig, um den Benutzern aus entmutigen Beteiligung an betr?gerische Aktivit?ten. Zur Erf?llung Bedingungen vereinbart, bei der Postbank, pers?nlichen Informationen f?r die Nutzer registrieren, um Postbank-Konto wird von der Postbank Konto werden bei gehalten mindestens 3 Jahre nach dem Anmeldedatum. Wenn Sie nicht angefordert haben, diese Aktion bitte www.Postbank.de und Ihr Konto aktivieren. Vielen Dank f?r die Rettung mit der Postbank. ———————————————————————————– ——————————————- Learn more Postbank ьber andere Angebote heute das Beste aus Ihrem Geld zu machen. Erfahren Sie mehr ьber Postbank-Konten, die Beziehung helfen Ihnen dabei, den Willen Sie wollen das Leben.

11:49 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Gorillaz: Plastic Beach

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Es ist nach wie vor verblüffend, wie Damon Albarn dem traurigen Schicksal des Solo-Künstlers, der aus der Supergroup hervorgeht, bisher entkommt. Ob The Good, the Bad & the Queen, ob ein vergleichsweise gelungenes Blur-Reunion-Konzert oder die Monkey-Oper, der Mann entkommt der Ennui des Superstars ohne Ziel durch sehr verschiedene Projekte und das weitgehend frei von schrecklichen Fehltritten. Und hat, ganz nebenbei, mit Gorillaz die vielleicht erste wirklich erfolgreiche «virtuelle» Band gegründet, die es ihm erlaubt, hinter eine Art Kabuki-Maske abzutauchen, in Form von Jamie Hewletts grandiosen Comicfiguren, die zugleich als Band funktionieren und das ganze System modernen Popbusiness zugleich persiflieren, kommentieren, trotz allem Charterfolgs als Anti-Band, als Statement gegen die Industrie nutzbar sind, zumal Albarn und Hewlett risikofrei an den Figuren die Höhen und Tiefen von Pop- und Rockkarrieren exemplarisch aufarbeiten können. Die Gorillaz ergeben so ein seltsames Vexierbild, eine Unschärfe, die sie vergleichsweise unangreifbar macht – und das darf man sich für einen in die Jahre gekommenen Popmusiker wahrscheinlich als unfassbare künstlerische Befreiung vorstellen, wenn nicht sogar als den ultimativen Luxus, Und so zeigt das dritte Studioalbum von Albarn und Hewlett eine neue Metamorphose der Band, die keine ist: Ein seltsames Crossover über Kontinente und Musikgrenzen hinweg, eine Fusion von Rock, Dance, Hiphop, R’n'B, Weltmusik und sogar Klassikelementen, die sicher nicht ganz neu ist, aber selten so entspannt und cineastisch aufgezogen wurde. Durch Drogenneben und Wellen hinweg fliegen wir in Orchestral Intro auf die aus Müll konstruierte Plastikinsel der Band zu, um in einer Art zweiter Einleitung von einem relaxten, vielleicht zu relaxten Bademeister namens Snoop Dogg am Strand begrüßt zu werden, während White Flag arabische Orchestersounds und Oriental Beats mit HipHop-Riffs der britischen Rapper Bashy und Kano vermengt. Auf Teufel komm raus shanghaien die Gorillaz die Genres, verschleppen sie in düstere Gewölbe und zwingen sie, unaussprechliche Zwittergeburten hervorzubringen auf ihrer Insel des Dr. Moreau. Jeder Track ist dabei so überraschend und neuartig wie zugleich in seiner zurückgelehnten Nonchalance und makellosen Produktion auch etwas langweilig, etwas zu verquartzt. Man hört förmlich das Gekicher spielfreudiger Kinder am Mischpult, wenn im Gorilla-Labor Zutaten, die sich so gar nicht vertragen und hochexplosiv aufeinander reagieren könnten, maßvoll verrührt oder brutal geschüttelt werden. Sirrende Casio-Billigsynthsounds, feiste West-Coast-Drumbeats, Kinderchöre und Grime, Indievocals von unter anderem Mark. E. Smith (Glitter Freeze, eben mit passendem, wenn auch total abstrahierten Gary-Glitter-Groove) und große Soul-Vokalisten wie Bobby Womack (Stylo).

Wäre Plastic Beach ein Cocktail – und der Name würde ja durchaus passen -, würde er nach everythingeverythingeverything schmecken und dich nach drei Minuten so derart betrunken machen, dass du so abgehalftert entspannt auf dem Hocker sitzt, wie die Musik des Albums es erfordert, gegen das noch die exaltiertesten Rap-Alben bieder wirken. Einer «echten» Band könnte man auch eine Art Beliebigkeit vorwerfen, wenn so scheinbar wahllos ins Plattenregal der eigenen Vorlieben gegriffen wird, wenn so offensichtlich der eigenen Coolness gehuldigt wird – bei einer fiktionalen Band ist diese surreale Mischung aus Präzision und Ungreifbarkeit, dieser Mix aus Fata Morgana und wärmegeleiteter Präzisionsrakete, als Idee goldrichtig, dieses Amalgam aus Allem.

Plastic Beach fährt mehr Gäste auf als ein Massive-Attack-Album und gerät so zu einer Art Anthologie, zu einem collageartigen Kommentar, aus Vogelperspektive, zur Musik, zu ihrer Geschichte, und zum Stand der Dinge, abgerundet und eingerahmt von oft fast ans fahrtstuhlmuzakartig grenzende Halbinstrumentals oder Songs, die von Albarn selbst getragen sind. Immer wenn du denkst, du hast dieses Album verstanden, kommt eine neue Wendung um die Ecke, die nicht immer Sinn macht, nicht immer 100% überzeugt, aber immer da ist und stupsnasig danach verlangt, ernst genommen zu werden – und die Sounds, die Drums, die kleinen Details sind so gekonnt, so pokerface-trocken auf den Tisch geknallt, dass du nie die Chance bekommst, der Stupsnase eins draufzugeben, weil sie wirklich ernst genommen werden muss. Plastic Beach macht den großen Bogen von The Fall zu M.I.A., von den Clash zu Mos Def, von 3/4 zu Balkanbeat, von 80s Cheapsynths zu knochentrockenen Kopfnicker-Bässen, es ist alles da, es ist alles an der richtigen Stelle, es ist fast wie ein geschlossenes, wasserdichtes Objekt ohne Nähte, ohne sichtbare Kanten, ohne Schweißstellen. Und als solches ist es Designer-Pop, eben einen Hauch zu selbstreferentiell, zu smart, zu gewollt, zu gekonnt, zu gepost, zu sehr drauf bedacht, an der Bar eine gute Figur abzugeben und den Blick viel zu oft im Spiegel. Plastic Beach ist ein Album, das cool sein will und natürlich genau deshalb vielleicht nicht cool ist. Aber selbst dieses Posertum, selbst die zu gewollte Coolness, den eben wieder uncoolen Snoop Dog and Mikro zu holen, ergibt ein so vielschichtiges Spiegelkabinett, dass alles rund wirkt und funktioniert auf einem Album, das sich Recycling und Konsumerismus zum Thema gemacht hat und dich immer wieder vor die Spiegelwände laufen lässt, aus denen es konstruiert ist, die einerseits glatt und makellos wirken, und trotzdem böse Wahrheiten zu verkünden behaupten.

Albarn bringt uns aus dem Bergwerk der Popgeschichte ein Album, das in seiner Kompatkheit und Ausgeufertheit an die großen Beatles-Alben heranlangt, das welt- und weitläufig ist, widersprüchlich und eindeutig, große Geste und feinste Details vereint, das zugleich maßloser postmoderner Popkitsch und überzeugendes, ganz großes Meisterwerk sein kann.

8. August 2010 18:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Bahn

08:48 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Blume

7. August 2010 20:01 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Spiegel

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08:28 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Alleinerziehende Mütter verboten

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6. August 2010 19:10 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Eine Antwort.

CCTV

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17:27 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Das Geld liegt auf der Straße…

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5. August 2010 19:40 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

And the Cloud goes wild…

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Die neue mobileme-Kalender-Beta zeigt sehr deutlich, wie ernst es Apple mit Cloud-Applikationen ist. Nicht nur die letzten Stellenanzeigen, das fast clandestin verwirklichte Musikstreaming via iDisk und andere Details deuten darauf hin, dass die Firma, die derzeit neben Google vielleicht die meiste Power hat, webbasierte Applikationen durchzudrücken, den Blick klar nach vorn richtet. Der meCal ist die erste Webapp, die die Desktop-Version ebenso wie die schwächelnden iPhone/iPad-Versionen deutlich übertrifft. Es gibt einige sehr klare Mängel bei den Einstellungen, da ist eine «echte» lokale Software immer noch weit voraus, aber das User-Interface macht einfach Spaß. Man mag durchaus kritisieren, dass Apple aus irgendeinem Grunde das simple, schöne verlässt und hier anfängt, «echte» Medien zu simulieren – wie bei den liebevollen, vielleicht aber etwas sinnfreien Details wie abgerissenen Kalenderkanten oder Wire-O-Bindung. Aber abgesehen davon macht die Webapp mehr Spaß als die Desktopversion und ist in den Details durchaus Nutzerfreundlicher, etwa in der Monatsnavigation oder bei der viel besseren Nutzung der bisher recht sinnlosen Tages-Darstellung. Im Bereich «Woche» nehmen sich die beiden Versionen wenig, aber «Tag» ist eindeutig besser als in OS X selbst gelöst. Ganz zu schweigen davon, dass die Online-Version nicht nur den Look der iPad-version absolut übernimmt, diesen aber endlich auch sinnvoll macht, indem man Einträge per Drag’n'Drop verschieben kann, neue Einträge mit einem Doppelklick anlegen kann und so weiter. Was nicht geht ist Verdopplung eines Termins via Alt+Ziehen, und natürlich gibt es keine rechte Maustastenfunktionalität – aber für eine reine Internetanwendung lässt der neue Kalender, ebenso wie das bearbeitete Mailmodul, andere Webapplikationen, oft sogar solche aus Flash-Basis, etwas alt aussehen. Bleibt zu hoffen, dass Apple überhaupt noch Lust hat, die iOS und OS X Applikationen anzugleichen und nicht in Zukunft nur noch auf die Wolke im Web setzt. Denn bisher ist vor allem in Europa die grenzüberschreitende schnelle Internetanbindung beileibe noch nicht so, dass ich mit einem mobilen Client nur noch online arbeiten wollen würde. Und auf dem Desktop fühlt sich «echte» Software immer noch besser und schneller an. Dennoch beweist Apple hier beeindruckend, dass auch ohne Flash/AIR (wo ja zB nike+ schön zeigt, wie so etwas aussehen kann) produktive (und attraktive) Softwarelösungen online möglich sind, die ohne echtes Betriebssystem im Hintergrund funktionieren. Bis wir wirklich alle nur noch «in the cloud» arbeiten dürften es noch einige Jahre sein, aber hier beginnt das erste Mal – viel mehr als etwa bei Acrobat.com oder iwork.com – das Gefühl, die Vorstellung von Applikationen, die keinen Rechner mehr brauchen, sondern universell auf jedem Client laufen können, weil sie vollständig online gehostet sind, seien in greifbare Nähe gerutscht.

11:10 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 3 Antworten.

Die Sterne: 24/7

hd schellnack

Aus der Ferne des nachtschwarzen Covers blinkt dir unscharf wie Neonreklame der Bandname entgegen, aus etwas wie einer Neonskyline oder dem trüben LED-Licht eines Mischpultes. Es scheint, als wollte das Cover die Unschärfe der Band vorwegnehmen, ebenso wie das zackige 24/7-rundumdieUhr-versprechen der Dienstleistungsgesellschaft, deren Muzakbeats die Sterne sich hier aneignen. Nach vier Jahren Pause ist vom Livesound der Band zwischen Deutschrock und -funkindiesouldpsychedelia wenig geblieben, die Songs sind (wie bei so vielen Bands in letzter Zeit) elektronisch, klingen nach Laptop und klingen oft so, als hätten Leute Sounds ausgesucht aus zu großem Angebot mit zu wenig Sicherheit, welche Klänge denn nun wirklich «Disco» sind und welche nur zweitklassig. Trotz der nicht immer ganz treffsicheren Soundauswahl gelingt das seltsame kulturelle Crossover zwischen Hamburger Schule und Dancefloor überraschend gut. Zwar sind die Tracks nie wirklich discotauglich, zu glatt und zu brav und eben doch zu songorientiert, aber als Erweiterung des Sterne-Klangkosmos ist 24/7 überaus gelungen.

Denn das Durchfeiern, die Lichter, die Drogen, der Noise, die Stroboskopen, die postindustrielle Servicegesellschaft, zuviel Fernsehen und Computer, Tag und Nacht ohne Übergang, das Treiben im Alltag sind ein thematische Fäden, die das Netz des Albums aufspannen. «Ich geh in die Disco, ich will da wohnen», singt Spilker in Wohin zur Hölle mit den Depressionen, dem Song mit dem dezenten The-Clash-Drumfill. Und so wie hier ist 24/7 beileibe kein Album für die dezente Andeutung oder ein mühevolles Aufarbeiten von kryptischen Textbotschaften. In-your-face wie immer haut der Frontmann Texte raus, die das Lebensgefühl der digitalen Boheme beschreiben, das Teilsein und das Wüten gegen die Verwertungsmaschine, die Müdigkeit, die kleine Flucht, den eigenen Hedonismus und die Orientierungslosigkeit in der ganzen Feierei. Die Texte können smart sein, ohne peinlich zu werden, aber sind auch weitab der Lyrikbemühungen, die viele andere deutsche Bands angestrengt versuchen. Die Sterne können (und wollen wahrscheinlich) das Niveau der Texte der Goldenen Zitronen nie ganz erreichen, aber die Fusion von nichtsagend-elektrischgroovender Musik, die oft viel zu softneosoulig aus den Boxen quillt, und Spilkers widerborstigen Texten, macht durchweg Spaß, schafft eine doppelbödige breitgrinsende Boshaftigkeit zwischen der Zuckerwatteverpackung und dem Giftkern darin. Da die Sterne immer mit ihrer Musik experimentiert haben und nie durchweg «die» Gitarrenband waren, ist der Wechsel von Gitarren zu Filtern und Oszillatoren glaubhaft und auch wenn das Ergebnis keinen Höhepunkt elektronischer Musik darstellt, ist es ein durchweg gutes Album im Katalog dieser Band, mit an sich sehr typischen und wiedererkennbarem Songwriting (die Bassläufe der Sterne waren doch immer schon discotauglich, oder?), dass sozusagen nur ein anderes Finish bekommen hat, funky und glitzernd, und eben am Ende durchaus auch oft ein klassisches Sterne-Album (Wie ein Schwein, Himmel).

Der Trick des Albums aber ist, einen fast beiläufigen Sound zu entwickeln, wie gemacht für die gebückte Attitude, die Spilker in Convenience Shop aufgreift, Musik von einer verlogenen Sanftheit und Freundlichkeit, mit breiten Flächen und sphärischen Appregiators und entspannten Bässen, die wie gemacht scheint für die Fahrstühle der Gesellschaft, über die die Texte sich mokieren und als deren Opfer/Täter sich Spilker zugleich erkennt. Es ist eine seltsame, bewundernswerte Fusion von Klang und Text zu einem Ganzen, die über die Frage, ob die Musik «gut» ist, hinausgeht, der lapidar dahinfließende Elektrofunk ist vor allem unglaublich angemessen. «Blasse Gesichter, sie können nicht tanzen, sie müssen den ganzen Tag funktionieren…» und dazu dieser Angestelltendiscofunk – das ist (ob beabsichtigt oder nicht) ein Klanggewand als ironischer Kommentar zu den Texten. So entfaltet sich 24/7 zu einem überzeugenden Gesamtkonzept, zu einem Hörspiel. Dass es vielleicht eitel ist, wie sich Frank Spilker in seiner Discokugel am Ende immer nur selbst spiegelt, dass die Texte mitunter den gleichen Nährwert haben wie Hipster-Großstadtblogs, dass sie oft unentschieden zwischen selbstverliebter Affirmation und Rebellenpose irrlichtern – alles wahr, alles egal, alles eben richtig so.

4. August 2010 14:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Kino

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10:47 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 3 Antworten.

Sympathieträger

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So schön kann selbstgemachte Werbung sein.

3. August 2010 15:27 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . Keine Antwort.

Band of Skulls: Baby Darling Doll Face Honey

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I blame it on Jack White – es gibt inzwischen ungezählte Bands, die sich in einer Art rauchig-erdiger Dschungel-Rock mit minimaler Instrumentierung versuchen und den Sound der White Stripes nachahmen oder weiterentwickeln, nicht immer treffsicher (und ungeachtet der Tatsache, dass White’s Projekte fast ausnahmslos auch nur bestehende Quellen zitieren oder ummontieren). Die Band of Skulls aus London – ein übersichtliches klassisches Rocktrio bestehend aus Russell Marsden, Matt Hayward und Emma Richardson – versuchen sich ebenfalls an diesen Garage-70s-Neo-Bluesrock, der für eine britische Band fast unverschämt amerikanisch angehaucht klingt und auf dem Album sehr viel psychedelischer geraten kann als bei der Erfolgssingle I know What I am. Light of the Morning macht schnell klar, dass es auch hier weniger die instrumentale Virtuosität ist, die im Vordergrund steht, sondern die Energie, der Lärm, der cannabisschwangere Sound, die schleppenden Grooves. Und so klingen Skulls wie eine aufgeräumtere Fassung der Dead Weather, die mit Bass, Gitarre, Drums und zwei Vocals (meist Marsden, zu dessen bissigen Halsgesang Emma Richardson einen weicheren Gegenpart bildet) einen Hit nach dem anderen abfeuert. Death by Diamonds and Pearls und Fires sind auskopplungsreife Nummern, aggressiv, hochtourig schleppend, sauber rockende Kopfnicker-Songs. Dass es auch anders geht, zeigt Honest, eine softere Folknummer, die zwar auch einen Südstaaten-Touch hat, aber in eine ganz andere Richtung geht, nicht nur, weil Richardson hier dominiert und die Melodik insofern eine andere ist. Patterns und Bomb kehren zu dem Vierviertel-Stampfrock zurück, durch den immer mal wieder gern ein Hauch Altrock à la AC/DC oder Led Zeppelin oder Beats à la Queens of the Stone-Ages-Beats durchblitzen. Die Melange, die die Band of Skulls auf ihrem Debut anbietet ist so vielseitig wie man sich eine Rockessenz nur wünschen kann, energetisch und dreckig produziert und tatsächlich fast ohne Durchhänger – was heute bei diesem Sound eben die Ausnahme ist – und ohne immer wieder gleich zu klingen. Aus der kleinen Bandbesetzung, dem limitierten spielerischen Können und der stilistischen Richtung melken die Skulls eine überraschende Vielfalt und eine dynamische Klangtextur, die mehrfaches Hören des Albums belohnt. Die Tracks schwingen sich achterbahnfahrend zu enormen Höhen auf, um im nächsten Moment sensibel in die Tiefe zu rauschen und sanfte Swamp-Gitarrensoli abzuliefern, immer eingebettet in ein fast improvisiert wirkendes Exoskelett, das auch bei ausufernden Gitarrensoli (Blood) flexibel und federnd den Hörer mitnimmt und nie langweilig wird, weil Bass und Schlagzeug wunderbar nuanciert und kontrolliert funktionieren. Das Ergebnis ist ein grandioses Rock-Debut, das nicht nur neben den White Stripes bestehen kann, sondern diese mitunter fast alt aussehen lässt, weil die Musik weniger kopflastig ist, sondern den Hörer in ein grandioses opernhaftes und doch ultratightes Rock’n'Roll-Vakuum prügelt, in dem man sich schnell verlieren kann und in dem Überraschungen dennoch immer auf der Reise möglich sind (wie der Drumcomputer bei Stun Me All Wonderful, das straight aus dem Abspann eines ungedrehten Tarantino-Films zu kommen scheint.) So unwahrscheinlich es ist, die Fusion von britischem Indiefeeling und US-Garagebluesrock, die mutige und gekonnte Blutgrätsche über einen wahren Ozean stilistischer Feinheiten, ohne dabei auch nur ansatzweise den eigentlichen Kern des eigenen Sounds zu verraten, gelingt dem Trio so leicht und elegant, dass es beängstigend wirkt. Wer nach dem Hype um I know What I am ein Album mit ein zwei Wall-of-Sound-Hits und Füllmaterial befürchtet hat, darf umdenken: Die Band of Skulls sind (hoffentlich) keine Eintagsfliege.

10:57 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Hund

2. August 2010 22:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

MicMacs

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Stolze sechs Jahre sind nach Jeunets letztem Film Un long dimanche de fiançailles vergangen, der in den Kritiken relativ floppte, obwohl der Film an sich nach Le Fabuleux destin d’Amélie Poulain an sich durchaus ambitioniert und gekonnt in eine neue Richtung weisend war. Sechs Jahre, von denen man annehmen kann, dass Jeunet Abstand zu der Schublade, in die er sich selbst mit Amélie gepackt hat, suchte. Umso verwunderlicher ist, dass das Marketing für Micmacs à tire-larigot so überdeutlich auf Jeunets Hits Delicatessen und eben Amélie verweist. Umso verwunderlicher auch, dass der Film dann auch tatsächlich weitestgehend wie ein Crossover aus eben diesen beiden Filmen wirkt – ungewöhnlich für Jeunet, der bisher mit jedem Film seinen Stil adaptiert oder weiterentwickelt hat, wenn auch seine Ticks stets deutlich erkennbar blieben.

MicMacs fängt vielversprechend an, mit einer rasanten Einführung des von Dany Boon wunderbar chaplinesk gespielten Basil, der früh seinen Vater an eine Tretmine und den eigenen Verstand an eine fehlgeleitete Kugel in seinem Hirn verliert, mit wunderbaren Filmzitaten (u.a. The Long Sleep, mit Bogart und Bacall, aus dem auch einiges des Scores von MicMacs stammt), und einem grandiosen Retro-Vorspann, der einen Film voller Filmzitate, Metaanspielungen und einem FIlmfreak als Helden verspricht, ein Versprechen, dass Jeunet auch in einer weiteren großartigen Stummfilm-Zitat, das 1: 1 aus einem Chaplin-Film hätte stammen können, unterstreicht… um es dann niemals einzulösen.

Denn für Jeunet-Verhältnisse bleibt die weitere Handlung des Films geradezu erschreckend eindimensional. Nahezu jeder Jeunet-Film, selbst Alien 4, hat eine vergleichsweise komplexe und vielschichtige Struktur, die neben Jeunets aufwendigen optischen Spielereien für eine inhaltliche Dimension sorgt. Amélie ist eben deshalb kein kitschiger Zuckerguss-Film, weil zig Nebenstränge und skurrile Figuren die eigentliche Haupthandlung beleben und ergänzen und der Film wie ein sorgsam gewebtes Netz funktioniert. Bei MicMacs fehlt davon jede Spur, der Film hat die narrative Komplexität von 102 Dalmatians. Überhaupt fühlt sich er Plot an, als habe Jeunet zu viele Disney-Filme gesehen, für einen bekennenden Hollywood-Kostverächter, hat sich hier erschreckend die naive Offensichtliche-Helden-bekämpfen-einen-offensichtlichen-Oberbösewicht-Struktur eingeschlichen, mit der Disney sonst Kinderfilme macht. Will man dieses Gefühl auf den Punkt bringen, ist man am besten damit bedient, zu sagen, dass sich MicMacs anfühlt wie eine skurrile Fusion aus Pippi in Taka-Tuka-Land und Balduin, der Trockenschwimmer. Dieses Gefühl wird MicMacs ästhetisch nicht gerecht, aber die Handlung ist wirklich so, dass man sich nach dem Kinobesuch via Google zu versichern versucht, da nicht gerade versehentlich einen Kinderfilm gesehen zu haben. Basil lernt eine auf einem Müllhaufen wohnende Bande verschrobener (und jeweils mit einem besonderen Talent ausgestatteter) Außenseiter kennen, die so 1:1 aus einem ambitionierten Kinderbuch à la Lemony Snicket entsprungen sein könnten, so sehr, dass ich überrascht war, zu erfahren, dass es sich bei den MicMacs nicht um eine bestehende Buchserie handelt, die Jeunet verfilmt hat – alles hier fühlt sich nach dem Grundbaustein für eine dauerhafte Serie für junge Leser an. Da kann jemand wunderbarste mechanische Geräte basteln, oder unglaublich rechnen, oder ist unverwundbar, oder ein gewiefter Abzocker, oder ein Meister des Wortes… und so weiter. Und ohne weitere Komplikationen machen sich Basil und sein Team an eine widerstandsfrei wie ein Uhrwerk ablaufende Racheaktion, die die beiden Waffenhersteller Fenouillet und Marconi gegeneinander ausspielt und hinterher zum Geständnis trickst. Zwar spielt Nicolas Marié am Anfang einen wunderbaren hypermodernen eiskalten Workaholic als Gegensatz zu dem eher aus der alten Schule kommenden Waffenhersteller André Dussolier, aber zunehmend werden auch diese beiden Figuren zu flachen Karikaturen, wenn etwa Fenouillet die Körperteile berühmter Menschen sammelt oder Marconi comicartige Wutanfälle bekommt, die mehr und mehr eben doch an de Funès erinnern. Ebenso wie Boons an sich mitunter grandiose Improvisationen oft drohen, den Film zu kippen, ist auch hier einfach zu dick aufgetragen, zu simplizistisch gearbeitet. Die Balance zum «Märchen für Erwachsene», die Jeunet stets sucht, dreht sich hier ins comichaft-überzeichnete und entwickelt sich ins Schlimmste zu einem Film, der bestenfalls noch Kindergemüter anspricht, die sich an komplett linearen Handlungen, ungebrochenen Helden, absehbaren Wendungen und Romanzen, und Helden, denen alles, aber auch alles völlig ohne Widerstand gelingt, erfreuen. Selbst die finale Falle für die beiden Schurken ist vorhersehbar und zudem aus zig anderen Filmen bekannt und bestenfalls Kids bis 12, die Youtube noch cool finden, zu verkaufen. Als Erwachsener vermisst man Widerhaken in der Handlung, die Chance, sich mit unseren Helden zu identifizieren, doppelte Böden, Nebenhandlungen, Komplikationen, selbst in Jeunets Werk eine Art von Authentizität. Die erreicht man aber nicht dadurch, in einem Photo des Waffenhändlers förmlich aufdringlich Präsident Sarkozy hinein zu retuschieren – das ist keine Gesellschaftskritik, sondern Plattitüde. Und, schlimmer noch, man erwartet, dass der Film seine eigenen Versprechen hält. Wenn Basil ein Filmfreak ist und der Film mit klaren Filmzitaten anfängt – warum ist diese Ebene dann im weiteren Verlauf völlig aufgeben (außer als Grundmotiv für Basils Wunsch nach Gerechtigkeit). Die Fähigkeiten der Micmacs spielen teilweise kaum eine Rolle – die Mechanismen von Petit Pierre etwa sind reiner Eigenzweck und werden in dieser Tim-Burtonesken Komplexität nie in der eigentlichen Handlung genutzt. Und so weiter. Der Film wird seinem eigenen Potential nie voll gerecht.

Und Potential ist reichlich da. Jeunet packt um die naive Handlung eine bilderbuchartige, wunderbar detaillierte und verspielte Bildwelt, die zwar auch oft etwas sinnfrei wirkt, aber dennoch Spaß macht. Jedes Bild, jede Montage, jeder Effekt zeigt Jeunets Fingerspitzengefühl und poetisches Handwerk, es wimmelt von ironischen Referenzen und fast scheint es, als würden Jeunet und Boon sich einen Wettstreit liefern, wer in Micmacs am auffälligsten brilliert. Wobei «auffällig» nicht immer bedeutet, dass es dem Film als Ganzem hilft, wenn «zu viel» zum Grundcredo mutiert. So wimmelt es in Micmacs von grandiosen Insidergags, von visuellen Ideen, die begeistern, Paris ist (mal wieder) touristisch und cineastisch herausragend als Textur genutzt, die Details sind kurzum berauschend – sie kommen nur nie wirklich zusammen bzw. scheinen keinem Ziel zu dienen. So bleibt beim Betrachten der Eindruck, einer gigantomanischem, auch leicht onanistischem Trockenübung zuzusehen, in der «Style» völlig über «Content» gewonnen hat. Wenn Boon etwas plötzlich ein seltsames Sprachkauderwelsch ablässt, ist das ohne Frage komisch, aber es hat in der Handlung als solche keine Konsequenzen, seine Blackouts sind nie wirklich dramaturgisch wichtig, weil der Film einfach ruhig vor sich hinplätschert. Alles ist Beilage, nichts ist Hauptgericht, die (wunderbare) Dekoration hat keinen Zweck mehr, ist nur noch Mittel. Selten gab es einen Film, in dem die Selbstreferenz so zentral war – selbst in Le Fabuleux destin d’Amélie Poulain hatten Jeunets verspielt-skurrile Einfälle einen narrativen Zweck und passten nahtlos zur Geschichte, zu den Figuren und waren ein filmisches Mittel, eine Art Shortcut, um Zugang zur Gedankenwelt der Protagonisten zu gewähren. Hier gibt es diesen Zugang nicht mehr – die Micmacs-Bande ist skurril, um skurril zu sein, sie gewinnt keinen Tiefgang durch Jeunets visuelle Handschrift, die hier – durchaus meisterhaft aber eben nur für sich – in die Luft zu schreiben scheint. Zu keinem Moment kann man sich mit den Figuren identifizieren oder mit Ihnen mitfiebern, hat Angst um Sie oder drückt Ihnen die Daumen – sie bleiben Ameisen, die zielstrebig durch ein sorgsam gebautes, aber vertrautes Labyrinth-Terrain geführt werden, dessen Ziel nie in Frage steht. Nichts an diesem Film kann überraschen oder verblüffen, und so bleibt Jeunets Magie hier erschreckend oberflächlich.

So ist Micmacs à tire-larigot seltsamerweise ein wunderbarer Film, mit grandiosen Momenten und einer phantastischen Detailliebe, der am Ende einen seltsamen Nachgeschmack hinterlässt. In der Geschichte der Micmacs ist so viel Potential, so viel Phantasie, die im Vorbeirauschen brachliegend bleibt, die visuellen Gags hätten ein deutlich besseres Drehbuch verdient, die Figuren mehr Raum, die Metaphorik eine stringente Richtung. Ähnlich, wie der permanente Pseudo-HDR-Look der Bilder, die irgendwann zu intensiv, zu bunt, zu künstlich, zu inszeniert, zu gewollt wirkt, leidet der Film auch insgesamt unter einem wohl gut gemeinten «zu viel» und ist beileibe nicht der kleine Film, den Jeunet angeblich wollte, sondern die vielleicht oberflächlichste Materialschlacht, die der Regisseur bis dato abgeliefert hat.

13:14 Uhr. Kategorie Film. Tag . Eine Antwort.

Licht

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12:15 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Shout Out Louds: Work

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Drei Jahre nach dem letzten Album und bei Universal untergekommen, legen die Schweden um Adam Olenius mit Work hinter einem denkbar nichtssagenden Cover ein neues Album vor – und auch wenn der Gesang immer noch ein wenig nach Robert Smith klingt, ist von dem leichten Feeling, einen Cure-Nachbau zu hören, nahezu nichts mehr da. Der Opener 1999 legt Wert auf einen geraden Schlagzeug-Bass-Beat, wenig Frickelei und macht klar, dass das Cure-Plagiat von Out Ill Will hier scheinbar überwunden ist, und Fall Hard klingt fast nach einer ganz anderen Band, mit softerem Gesang, der immer noch typisch ist, aber eine eigenere Linie hat, getragen von einem Groove, der eher an modernen Britpop erinnert als an Robert Smith. Und so zeigt fast jeder Track eine andere Facette der Band, mal klar und reduziert, mal poppig, mal erdig, aber immer relativ straight im sauberen Bandsound, aber ohne Glockenspiel und die kindliche Naivität, die so «typisch» schwedisch ist, das Hopsalaspringdochauchinsgras-Feeling ist komplett verschwunden. Geblieben ist ein sehr trocken produziertes, sattes, von den Beats her mitunter an Joy Division erinnerndes Album, das aber nie melancholisch oder düster klingt, sondern immer optimistisch und geradeaus, bei aller mitschwingender Melancholie im Gesang – sauberer Gitarrenpop eben, der unweigerlich auch etwas vorbeifließendes hat, austauschbarer geworden ist als die beiden Vorgänger. Olenius klingt vielseitiger – mal maskulin-dunkel, mal die Smithsche Nöhlstimme, mal fast im Kopfstimmenbereich – und zugleich kontrollierter als zuvor, und man ist beim Hören nie ganz sicher, ob hier die Plattenfirma die Ecken und Kanten einfach weggebügelt hat, oder ob die Band einfach gereift ist und keine Lust hatte, in einer Nische zu verenden. Und so zitieren sie links und recht frei Schnauze Pop- und Indie-Vorbilder und bauen überraschend einfache, straighte kurze Songs, die schlanker und direkter klingen als der mitunter produzierte Vorläufer. Es mag seltsam klingen, aber anstelle der schwedische Destillats einer britischen Soundwelt, liefert Works einen amerikanischeren, rockigeren Sound, in dem die alten Stilelemente der Shout Out Louds bestenfalls noch aufblitzen, dominiert von einer fast Proberaum-artigen Livequalität, die mitunter (Too Late Too Slow) auch mal gehörig langweilen kann. Work ist ein seltsames Album, das einerseits so klingt, als habe die Band endlich einen relativ eigenen Sound gefunden, und zugleich so, als habe sie ihn schon wieder verloren und versuche unbedingt, kommerzieller zu klingen, reifer, besser weghörbar. Du bist nie ganz sicher, ob die Band einfach aus dem Emulieren anderer Bands zu einem originäreren, eigeneren Klang gefunden hat – oder ob sie einfach nur versucht, Hits zu produzieren, straighte saubere Beats mit anstreckenden Hooks und eingängigen Refrains. In dieser seltsamen Schwebe ist das Album einerseits mitunter freudlos, weil es an Kanten und Sprüngen fehlt, andererseits klang die Band selten zuvor so «bei sich». Es ist so, als würde aus einem begabten Nachwuchsschauspieler mit einem mal ein «Profi», der routiniert seine Register zieht und seine Tricks anwendet, um im Betrachter Emotionen zu wecken – irgendetwas ist handwerklich besser geworden, das meiste funktioniert besser… aber es ist eben auch etwas dabei verloren gegangen, eine Unsicherheit, Spontaneität, sympathische Unerklärlichkeit, die mit einem Mal verschwunden ist und du erkennst erst durch dieses Verschwinden, wie wichtig genau diese Qualität, die dich vielleicht vorher immer etwas gestört hat, eigentlich doch war.

1. August 2010 14:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.


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