HD Schellnack /// Kontakt Twitter iPhoto pointandshoot Typographie Alternative Pop Licht nodesign Aktionen Zitat Natur Photographie Denken Fail ScienceFiction Apple Studium Belletristik Comics Dayshot Vernacular Scratchbook Werbung Fragen Winter Software Medien Fun Retro Gesellschaft Farbe Print Electronic Magazine iOS Zukunft Web Drama Frühling Jazz Sommer Kitsch Kunst Sachbuch Hardware Fantasy Klassik Herbst Thriller Emma

Max fragt 07

Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?

Max Frisch, Fragebogen.

31. Juli 2010 16:02 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Bleu: Strong Relation

hd schellnack

Eine interessante Instrumentenkombination vereint das Trio Lorenz Raab, Ali Angerer und Rainer Deixler,die ihren Sound auf Drums, Percussion, eletrischer Dulcimer, Tuba und Flügelhorn aufbauen und damit weit entfernt sind von der klassischen Triobesetzung im Jazz. Experimentell wie die Besetzung ist auch der Sound der österreichischen Band, die einen souveränen Brückenschlag zwischen avantgardistischeren Jazz-Tönen und einer sehr weichen, fast popaffinen Entspanntheit schlägt. Die Dulcimer sorgt für osteuropäische Klangspektren und und spannende Sequenzen, die Tuba ersetzt auf den ersten Blick den gewöhnlichen Bass, wirkt aber durch ihre fast subkutan andersartigen Klanqualitäten für einen willkommenen Bruch in der Struktur, die Drums sind feinfühlig und modern-reduziert bis an die Grenze einer Art menschlicher Drummachine – und der junge Ausnahmetrompeter Lorenz Raab kann sich auf diesem Gerüst auf Trompete und Flügelhorn entfalten, dass Nils Petter Molvaer große Augen machen dürfte. Spielfreudig gehen die drei Herren in der Bandbreite von «fast schon zu esoterisch» bis «anstrengend» alle Nuancen ihrer Möglichkeiten durch und langweilen dabei keine Sekunde. Raab ist vielleicht einen Hauch zu überpräsent, ab einem gewissen Punkt ist das freie Solo eines Flügelhorns an sich nicht mehr spannend, egal wie gut es gespielt ist, da wäre weniger etwas mehr. Die Abfolge des introspektiven Inside Her Belly und Uhudler, einer kakophonisch anmutenden Klangmontage von Drums und Tuba, die fast widerwillig zu einem Song heranzuwachsen scheint, macht die Bandbreite von Bleu greifbar, die mühelose Juxtaposition verschiedener Stile, die Neugier, mit der die Musiker sich entdecken. Strong Relation ist eine musikalische Reise durch eine Landschaft, die mal meditativ stimmt, mal zum Tanzen einlädt, mal dramatisch winderzerzaust ist, aber nie ungastlich wirkt, auch nie in allzu ECM-iger Introspektion versinkt. Ungewöhnlich instrumentiert, mit einem grandiosen Gespür für Groove und Timing, zeigen sich Bleu auch auf dem dritten Album mit dem Mut, immer haarscharf am allzu mainstreamigen vorbeizuschrammen und kratzbürstig zu bleiben. Es ist ein seltsamer, vielleicht sogar etwas österreichischer Gestus zwischen intellektueller Zu-Ernsthaftigkeit, einem Touch Größenwahn und reichlich interpretatorischem Humor, der sich hier manifestiert – und das Ergebnis ist eines der wenigen Jazzalben, dass nicht mehr oder minder vorbeiperlt, sondern das immer wieder «Hier! Hinhören!» zu rufen scheint und Aufmerksamkeit verlangt. Und dann vor allem auch verdient.

10:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Sonne

17:30 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Anna Gourari: The Mazurka Diaries

hd schellnack

Die Mazurken des polnischen Komponisten Frédéric Chopin sind elegant gewandelte Weiterentwicklungen der ursprünglichen slawischen Tanzmusik, vertrackte Klavierarrangements, die die formalen Grenzen der Mazurka überspringen und einen wahren Kanon von Stimmungen und Gefühlen entspinnen und aus dem rhythmischen Element des Tanzes eine mal pfauenhafte, mal stierkämpferartig stolze Bewegung destillieren, aber auch zerbrechlich und sanft wirken können. Anna Gourari hat sich, nachdem sie von Universal zu Edel gewechselt hat, für ihr aktuelles Album 29 von Chopins Mazurken vorgenommen, die sie mit enormer Sanftheit, für eine moderne Pianistin fast «retro», fast einen Hauch zu soft vorträgt. Für eine so junge Klavierspielerin ist es überraschend, wie altersweise Gouraris Spiel klingt, wie «klassisch» ihr Sound ist. Sie scheint nicht auf technische Klarheit und Brillanz hinweisen zu wollen, scheint nicht gegen die romantische Aders des Materials mit mathematisch präzisem Anschlag anzugehen, sondern versinkt – mitunter auch ein wenig zu sehr – in der Samtigkeit der Vorlage, in melancholischen Klängen, die wie aus alten Aufnahmen, nur im saubereren Klang, herüberwegen. Unfreiwillig erinnert hier einiges an Horowitz in den Sechzigern, aber moderner, gefühlvoller, femininer, rauchig-schattiger, schlichter, erdiger, einfach weniger eitel, frei von Angebereien bei komplexen Läufen und Trillern, bis Chopin fast die lässige Skizzenhaftigkeit eines Satie annimmt, um im nächsten Moment rasiermesserscharfe Akkorde zu setzen, die jeden Anflug von beflissener Gemütlichkeit vertreiben. Die feinsten Dynamiknuancen holt Gourari aus ihrem Flügel, und schafft das seltsame Kunststück, den überzitierten Chopin einerseits frisch, andererseits zeitlos klingen zu lassen, widerstandslos fluide, lyrisch und mit einem Anhauch von tänzerisch-schwermütigem Gestus, der sich scheinbar mühelos in ihr Spiel einschummelt und das dramatische, erzählerische Element der Kompositionen stummfilmartig entfaltet, so dass man verstehen kann, warum Gourari in den Mazurken eine Art musikalisches Tagebuch des Komponisten entdeckte. Man mag den russisch-mystizistischen Anhauch der Spielart von Gourari mögen oder nicht und sich hier vielleicht einen moderneren, schärferen Ansatz oder mehr Leichtigkeit wünschen – als persönliche Auseinandersetzung mit Chopins Werk, als seltsam traurige Fusion russischer und polnischer Seele, überzeugt The Mazurka Diary aber auf jeden Fall.

16:50 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Inception

hd schellnack

Achtung Spoiler!

Inception ist eine Art reverser Rififi-Film, ein «Heist»-Movie, bei dem nichts gestohlen, sondern etwas gegeben wird – und zwar eine Idee, ein Gedanke. Dominic Cobb ist normalerweise ein Dieb, der als Industriespion in den Träumen anderer Menschen unterwegs ist, um ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Um in die USA zu seinen Kindern zurückkehren zu können, muss er aber diesmal dem Konkurrenten seines Auftraggebers die Vision einpflanzen, das geerbte väterliche Unternehmen zu zerschlagen – eine Aufgabe, die eigentlich als unmöglich gilt. Gemeinsam mit einem Team von Spezialisten macht sich Cobb an seine Mission Impossible

Life is but a dream…
Christopher Nolan zeigt von der ersten Sekunde des Films seine typische Handschrift, beginnt in situ auf einer anderen Zeit- und Wirklichkeitsebene – faktisch den Beginn des dritten Akts vorwegnehmens – und bereitet den Zuschauer damit bereits darauf vor, dass in diesem Film, ähnlich wie aber zugleich völlig anders als in Memento, tiefere Motivationen und Handlungselemente erst nach und nach verraten werden, der Regisseur also mit gezinkten Karten spielt, was nur zu der surrealen Qualität des Films beiträgt. Wie bereits bei The Prestige geht es auch hier um Spiegelungen, Täuschungen, doppelte Böden – hier aber viel überzeugender, vielschichtiger und durchdachter als jemals zuvor in einem Chris-Nolan-Film. Der Film greift zu einem der simplesten Science-Fiction-Kniffe, einem kleinen Twist, der die ansonsten unverändert als unsere erkennbare Welt entscheidend verändert – in diesem Fall die Erfindung einer Technik des gemeinsamen Träumens, bei der mehrere Menschen sediert luzide träumen und dabei eine gewisse Kontrolle über die Traumwelt erhalten. Klingt ein wenig nach The Matrix von den Wachowski-Brüdern und sieht an manchen Stellen durchaus auch so aus, ist aber ein kleineres, bescheideneres Konzept als das World-Building in The Matrix. Aber wie bei Matrix schimmern hier Untertöne von Philip K. Dick durch – denn wenn man bis zu vier oder fünf Schichten Traumwelten inklusive Rückblenden und Täuschungen durchdringen muss, ist die Frage nach dem «Was ist real?» eine der entscheidenden im Film. So entscheidend, dass an dieser Frage die gesamte Wahrnehmung des Films entlamng in zwei Richtungen gehen kann, eine affirmative und eine bitterböse. Nolan zitiert nicht nur Eschers berühmte paradoxe Treppen in den Bauten der Traumwelt mehrere Mal, er hat auch seinen Film selbst zu einem Escheresken geschlossenen Enigma verwandelt, eine vertrackte chinesische Box von Hinweise und Andeutungen, Doppelbödigkeiten und Interpretationsöffnungen.

Film als Traummaschine
Es ist verständlich, das Nolan hier auf das IMAX-Format und vor allem 3D verzichtet hat, um einen möglichst «klassischen», sich real anfühlenden Film zu machen. Paradoxerweise funktioniert der zweidimensionale, herkömmliche Film besser als Illusionsmaschine, weil die Phantasie des Zuschauers nicht durch die räumliche Perfektion und Realitätsanmaßung des 3D-Formates völlig ausgeschaltet wird. Wir bleiben in der Lage, unsere eigene Tiefe in die flachen Bilder hineinzuprojizieren, offene Stellen zu füllen, eigene Verbindungen zu finden, das Format Film nicht zuletzt als «gemacht», als Illusion an sich, zu erkennen. Nur in einem solchen Konstrukt – in der Erkenntnis nämlich, dass im Grunde JEDER Film ein «geteilter Wachtraum» ist – gelingt es Nolan, uns zunehmend die Realität der Films in Frage stellen zu lassen, Zweifel zu sähen. In jedem Film ist «Wirklichkeit« natürlich nur eine Illusion. Schauspieler schlüpfen in Rollen, täuschen auf Kommando falsche Gefühle vor, scheinbar prachtvolle Bauten bestehen aus Pappmaché (bzw. heute meist animierten Pixeln), alles an der Realität ist von einem Ausstatter sorgsam zusammengestellt und «designed», nichts ist echt und vernacular. Das Appartement mit den Photos am Kühlschrank und den liebevollen Details ist nicht seit Jahren bewohnt, sondern gekonnt so fein granuliert ausgestattet, um dem Charakter eines Films oder einer Serie «Textur» zu geben, Tiefe, Dimension – aber es bleibt natürlich eine Lüge. Und so hat Nolan klug erkannt, dass Filme selbst unweigerlich die surreale Qualität des Traums haben. Nur im Film können wir fliegen oder die Erde vom Mond aus sehen, Cowboys sein oder Aliens, in fremde Leben schlüpfen, sterben und wiedergeboren werden. Nur im Film wacht man im unrichtigen/richtigen Moment auf, um ein Happy End oder einen Schockmoment zu setzen. Nur im Film sind Gefühle so seltsam hypertroph, von Musik und Farben wie rauschhaft aufgeputscht, so surreal wie in der Traumwelt. Und nicht zuletzt gibt es im Film immer wieder diese seltsamen Brüche in der gefälschten Wirklichkeit, die Goofs und Anschlussfehler, Gläser, die halbleer und plötzlich wieder dreiviertelvoll sind, Anzüge, die sich binnen Sekunden auf- und zuknöpfen, falsche Schatten, seltsame Schnitte – all diese Brüche in der Architektur der Traummaschine Film, die die konstruierte Wirklichkeit so viel fragiler und unechter erscheinen lassen als «unsere echte Welt», die uns paranoid bemerken lassen, dass wir belogen werden, wenn der römische Legionär in der dritten Reihe eine Armbanduhr trägt.

Im Spiegelkabinett der Realität
Perfektionistisch wendet Nolan diese fehlerhafte Funktion von Film als Traumanalogie gegen sich selbst, um die «Realität», von der aus Dominic Cobb und sein Team operieren, zunehmend in Frage zu stellen. Zwar werden wir durch Cobbs «Totem» – ein kleiner persönlicher Gegenstand, den man nur selbst kennt und anhand dessen man überprüfen kann, ob man in einem Traum oder der Wirklichkeit ist, in Cobbs Fall der Kreisel seiner verschwundenen Freundin, der im Traum endlos weiterdreht, in der echten Realität aber umkippt – vergewissert, dass wir in der realen Welt sind, aber zugleich hat diese Realität seltsame Eigenschaften. Die aber ebenso gut auch einfach die «fehlerhafte» Realität eines normalen Films und Drehbuchs sein können und sich nicht viel von der Traumhaftigkeit etwa eines durchschnittlichen James-Bond-Films unterscheiden, wenn Cobb etwa ohne sinnvollen Anlass gejagt und angegriffen wird oder wenn die Schauplätze ohne Zeitverlust und ohne Reise rasant wechseln und wir übergangslos von Japan zu Afrika wechseln. Die Sets sind makellos durchgestylt, Anzüge, Möbel, Fahrzeuge, alles perfekt von einem Art Director zusammengestellt, stets untermalt von Hans Zimmers hyperdramatischen Arrangements. So wie Ariadne uns in einer grandiosen Szene zeigt, wie sie ihre Welt baut und verändert, zu einer endlosen Spiegelung-in-der-Spiegelung-Fata-Morgana verwandeln kann, ist auch die gesamte Filmwelt nur ein Konstrukt, das willkürlich ist, nur den Gesetzen des Architekten – also Nolan – gehorcht.

Die Konstruktionselemente eines durchschnittlichen Films werden so in Nolans Händen, je tiefer wir in den Film eintauchen und je mehr wir das Zwiebelschichtenmodell von Wirklichkeit als Abfolge immer tieferer Traumebenen verstehen, in denen Dominic Cobb wie ein getriebener Mann umherirrt, zu einer Waffe gegen die Realitätsvorvermutung des Kinos. Was auf der einen Wahrnehmungsebene ein relativ normaler, wenn auch smarter, Actionthriller mit sauberem Happy End ist, kann genauso deutlich komplexer gedacht sein, wenn man nur will. Und diese Frage hängt seltsamerweise von einem Kinderspielzeug ab, das selbst zu einem Symbol für Hypnose und traumhafte Schwerelosigkeit geworden ist – dem Kreisel.

Das Totem
im ersten Akt des Films erklärt Cobbs Assistent Arthur der neuen «Traumarchitektin» Ariadne (ein vielleicht etwas übersmarter Name in einem FIlm voller zu anspielungsreicher Namen wenn man an aber von Ellen Page toll gespielt – man muss aber bedenken, dass, wenn alle Figuren aus Cobbs Unterbewusstsein kämen, die Namen natürlich doppeldeutig sein dürfen, weil jede Figur auch eine Funktion hat und zugleich ein hermeneutisches Echo darstellt, jede Traumfigur ist ein Symbol) die Funktion des Totems als Gradmesser der Realität. Arthur selbst benutzt einen gezinkten Würfel, Ariadne später eine selbstgebaute Schachfigur – anhand der spezifischen Eigenschaften des «Totems» lässt sich individuell die Frage beantworten, ob man im Traum eines anderen ist, da der andere das Totem nicht 1:1 nachbauen kann, weil er diese Eigenschaften nicht kennen kann. Arthurs Würfel wird immer, weil gezinkt, auf eine spezielle Zahl fallen – die aber niemand außer ihm kennt. Entscheidend dabei ist, dass niemand anderes dieses Totem kennen und berühren darf, weil es ansonsten nicht mehr nur dem Inhaber vertraut ist. Cobbs Totem ist nicht sein eigenes – es ist das Totem seiner Ex-Frau. Cobb und seine Frau «Mal» (auch ein zu vielsagender Name für Cobbs Gegenspielerin) haben sich in früheren Traumexperimenten in immer tiefere Traumschichten hervorgearbeitet, bis sie in einer Art zeitlosem Limbo ankamen, wo sie gemeinsam alt wurden. (Dass sie gemeinsam gealtert sind in dieser Traumwelt enthüllt Nolan erst gegen Ende des Films und macht uns damit klar, dass auch die Rückblenden, die wir von Cobb sehen, nie wirklich ehrlich oder echt sind, sondern wir auch noch belogen werden, weil Cobb sich selbst belügt). Um aus dieser Traumwelt zurückzukehren, pflanzt Cobb seiner Frau, die von der Echtheit der Welt überzeugt ist, als «Inception» den Zweifel an der Realität des Traums ein, indem er ihr eigenes Totem – den Kreisel – in dem Safe, wo Mal ihn symbolisch eingesperrt hat (und somit ihre Zweifel verdrängt), zum Drehen bringt… in der Traumwelt dreht sich der Kreisel ohne Widerstand, ohne Ende. Mal und Cobb entfliehen dieser Traumschicht durch Selbstmord, lassen sich von einem Zug überfahren (wiederkehrendes Symbol, der Zug, den Cobb wiederholt als Schuldmotiv verwendet und sich sozusagen selbst mit einem Zug attackiert), um in der «Realität» zu erwachen. Der einmal in Mal eingepflanzte Zweifel an der Echtheit dieser Welt nagt aber weiter an Mal, die sich schließlich mit einem weiteren Selbstmord aus dieser Welt zu flüchten versucht und Cobb überzeugen will, mit ihr zu springen. Cobb ist überzeugt, dass Mal durch diesen Suizid wieder im Limbo gelandet ist und plant, sie zu befreien – tatsächlich ist der gesamte Plot von Inception sein Versuch, zu Mal in die tiefste Traumschicht zu gelangen. Seit ihrem Selbstmord verwendet Cobb Mals Totem als «Realitätstest».

Nur: Es ist nicht sein Totem. Nolan betont immer wieder, wie wichtig das Selbstgemachte und Geheime an einem Totem ist. Inwieweit Cobb oder jemand anderes insofern in der Lage wäre, den Kreisel auch in einem Traum zum kippen zu bringen, ist nicht sicher. Die Tatsache, dass der Kreisel in der «Realität» kippt heißt nichts weiter, als dass Cobb selbst überzeugt ist, in der Realität zu sein. Angenommen, Mal hätte Recht gehabt und die Welt, in die sie mit Cobb aus dem Limbo zurückkehrt, ist nicht die echte Welt, sondern nur eine weitere, tiefere oder höhere, Traumschicht – wir würden uns als Zuschauer im gesamten Film in Cobbs Kopf befinden. Da uns Nolan keinerlei eigenes Totem gibt, nichts, woran wir als Zuschauer die Realität des Gesehenen beurteilen können, keinen Special Effect, der die Traumsequenzen von der Wirklichkeit unterscheidet, ist von Anfang an unklar, wo wir eigentlich sind. Wir beginnen mit einer Traumsequenz in der Zukunft, die in eine Traumsequenz führt, die zu einer weiteren Traumsequenz darüber führt – und von dort vermeintlich in die Realität. Was aber, wenn die «Realität» auch nur Cobbs Traum ist? Die Oberflächlichkeit der ihn umgebenden Charaktere – die nur seine Projektionen wären – die Rolle von Ariadne, die ihn fast therapeutisch durch die Traumwelt führt, die surrealen Handlungs- und Szenenwechsel, der alberne McGuffin im Plot mit Robert Fischer Jr und der Firmenauflösung… alles nur Traumhandlung. Und in seinen Träumen versucht sich Cobb, selbst zu heilen, seinen Weg zu finden, eine Entscheidung zu treffen. Dass er am Ende des Films in diese geträumte Realität zurückkehrt, und sich sein Happy End formt, die gleiche Entscheidung trifft, die Mal im Limbo traf, sein Totem ein letztes Mal dreht und dann ignoriert, um zu seinen Kindern zu gehen – die in all der Zeit kein Jahr gealtert zu sein scheinen, sogar noch die gleiche Kleidung tragen – ist nur seine Abfindung damit, dass er nicht mehr in die Realität zurückkehren kann (wie immer die aussehen mag). Mit seinem Abschied von Mal verdrängt Cobb die letzten Zweifel, den letzten Warner, der ihm die Unechtheit seines Daseins mahnend zuruft – und baut sich schließlich seine eigene hermetische Welt. Dass das Happyend so scheinbar reibungslos und schnell am Ende kommt, liegt daran, dass Cobb immer schon alle Fäden der Handlung in der Hand hatte – alle Konflikte, aller Verfolgungen sind Kräfte seines Bewusstseins, die gegeneinander kämpfen, ihn tiefer in den Traum oder in die Realität ziehen wollen. Nolan lässt am Ende offen, ob der Totem sich weiterdreht oder umkippen wird – und zu Recht, denn diese Frage ist bestenfalls noch für den Zuschauer interessant, Cobb selbst hat sich entschieden, in seiner Traumwelt zu bleiben. Dass der Kreisel sich eventuell weiterdreht – dass Dominic Cobb ihn überhaupt benutzt – sagt uns nur, dass er diesmal luzide weiß, dass er in einer Traumwelt ist. Ob der Kreisel steht oder fällt, ist seine (vielleicht unbewusste) Entscheidung. Zugleich kann man argumentieren, dass vielleicht der Kreisel gar nicht Cobbs echtes Totem ist, sondern sein Ehering (was dann eben doch ein Happy End bedeuten würde)… Nolan lässt das alles bewusst offen für Deutungen. Vielleicht trägt er den Ring am Ende aber auch deshalb nicht, weil er mit Mal abgeschlossen hat, nicht im gemeinsamen Limbo ist, sondern in seiner eigenen Traumwelt, die er als solche und als «seine» finale Realität akzeptiert? Katharsis nicht als Aufstieg in den Wachzustand, sondern als entspanntes Absinken in die Traumunwirklichkeit, als sanft seufzendes Einsinken in die Filmsurrealität. Dass der «Kick» des Aufwachens von dem Lied «Je ne regrette rien» («Ich bedaure nichts»), also einer retrospektiven Hinnahme des Geschehenen, einer melancholischen Akzeptanz, begleitet wird, ist so ironisch wie symbolisch.

Und dann wachten wir auf…
In The Matrix liefern uns die Wachowski-Brüder am Ende die klassische Märchen-Variante, unsere Helden erwachen aus dem bösen Alptraum und beginnen die Rebellion gegen einen scheinbar erkennbaren Gegner, in A Scanner Darkly entkommt Bob Arctor seinem drogeninduziertem Realitätsverlust in eine stumpfe Apathie des Hirnschadens. Selbst diese einfachen Lösungen gibt es bei Inception nicht mehr. Es gibt nicht einmal einen Gegner. Inception ist der Kampf eines Mannes gegen sich selbst, gegen Schuldgefühle und innere Emigration, gegen Verlust und Trauer – letzten Endes aber ein Kampf ohne Entkommen. Cobb kann sich am Ende nur damit abfinden, in einer positiveren Traumwelt zu leben, in einem selbstgeschaffenen noch tieferen Limbo, die sich nur unwesentlich von der Welt unterscheidet,die er zusammen mit Mal geschaffen hat – und sich nur dadurch unterscheidet, dass Cobb wie Mal zuvor verdrängt hat, dass er diese Welt erschaffen hat. Zugleich ist diese Interpretation nur eine von mehreren möglichen – es lässt sich genauso gut annehmen, dass die Realität wirklich die Realität ist oder etwa, dass wir im ersten Akt noch die «reale» Wirklichkeit erleben, am Ende aber erst in einer weiteren, tieferen Traumschicht sind… die Möglichkeiten, den von Nolan gelegten Fährten zu legen, sind fast unendlich. Und warum auch nicht? Es ist nur konsequent, dass ein Film über Träume uns zu Traumdeutern macht, die in jedem Symbol, in jeder Verzweigung, ein zu lösendes Mysterium entdecken, Indizien sammeln, zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Das macht den Film so überlegen unangreifbar – jedes Loch in der Handlung kann ja Absicht sein – und zugleich zu einem wahren Metafilm, einem Diskurs über die fehlerhafte, surreale, traumwandlerische Qualität nahezu jeden Films, jeder Fiktion. Es ist bewundernswert, dass Nolan einen so exzellent produzierten Film hingelegt hat, der einerseits strikt nach Hollywoods Regeln spielt und einen reißerischen, absolut spannenden Blockbuster mit üblicher Kinohandlung und -logik abgeliefert hat – und darunter einen subtextreichen Film mit Widerspüchen, Paradoxien, Haken und Ösen, Doppelbödigkeiten, eine Echokammer von Unsicherheiten, die immer flirrender werden, je näher man hinschaut, je mehr man drüber nachdenkt. Ein Film, der zugleich Bond-Blockbuster und Lynch-esques psychologisches Puzzlespiel ist, in dem die Teile nie ganz zusammenpassen und immer wieder neue Möglichkeiten eines fertigen Bildes entstehen. Ein Film, der zwei komplett unterschiedliche Zielgruppen bestens bedient, ein Auteur-Film, der kein Kassengift ist, eine persönliche Vision, die Mission-Impossible-Actionkino mit Nouvelle Vague vermählt. Ob am Ende die Realität mit einem Happy End obsiegt oder ob Cobb endgültig in der tiefsten Tiefe seines persönlichen Limbos verloren ist und jeglichen Realitätsbezug verloren hat – anything goes. Selten war Kino so lustvoll postmodern.

Do Electric Sheep dream of Androids?
Es ist kein Zufall, dass Cobbs Team nahezu typisch die Kernfunktionen bei Dreharbeiten abdeckt. Drehbuchautor, Setdesigner, Locationscout, Makeup, Techniker, Schauspieler – die allegorischen Verbindungen zwischen Filmdreh und bewußtem, tagwachem Träumen sind deutlich. Auch, dass die Traumwelten typische Hollywood-Thematiken besetzen und Fischer wie einen Protagonisten durch diese hetzen – die typischen Vater/Sohn-Problematik (die hier zugleich symbolisch ist für Cobbs tatsächliche Versöhnung mit dem Verlust von Mal), Verfolgungsjagden à la Roger-Moore-Bond – passt zu der Idee, dass Nolan hier die Filmmaschinerie, die sonst unsere Träume ersetzt und diese formt, nutzt, um die Verhältnisse zwischen echten und fiktionalen Traumwelten umzukehren. Alles ist künstlich, aber wir glauben daran, alles ist nur symbolisch, ohne dass wir das von den Symbolen bezeichnete völlig durchschauen oder begreifen können, also müssen wir die Lücken und Löcher mit unseren Ideen und Phantasien füllen. Nolan nutzt den Film selbst als «Inception», als Stiftung einer viralen Idee über die «Realität» von Filmwelten – und ihm gelingt das Kunststück, dass wir mit dem Angehen des Lichts nicht «aufwachen», sondern einen Nachgeschmack dieser Idee mit in die echte Welt hinübernehmen und die Wachtraum-Qualität von nahezu jedem Film, die Zweidimensionalität, Produktionsdetails, Schnitte und zahllose andere Bedingungen der Filmproduktion unweigerlich ergeben. So wird Inception zu einer schillernd-holographischen Meditation über unseren eigenen Wunsch, der Realität zu entkommen, durch Träume, durch das Eintauchen in die Traumwelten anderer Menschen per Buch, FIlm, Musik, Theater – zu einem Film, der nicht intelligent ist, obwohl er sich einer Blockbuster-Ästhetik bedient, sondern der seine Geschichte einzig und allein in dieser Manier erzählen konnte, der die großen perfektionistischen Bilder der Traummaschine dekonstruiert und neu zusammensetzt, bis wir uns fragen, was wir eigentlich selbst wählen würden: Sedierung oder Wachzustand, Traum oder Realität?

11:55 Uhr. Kategorie Film. Tag , . 11 Antworten.

Peter Gabriel: Scratch my back

hd schellnack

Es sind die kleinen Unterschiede. Während Sting sich derzeit selbst ein orchestrales Monumental-Denkmal setzt und dabei alte, bessere Tage aufzukochen versucht und sein «Standing» als ernsthafter Musiker nun mit dem dritten eher klassischen Album in Reihe vergeblich zu unterstreichen versucht, verbeugt sich der Großmeister Peter Gabriel mit einem wunderbar zurückhalten Album vor großen Zeitgenossen und vielversprechendem Nachwuchs. Wie angenehm, das eigene Werk nicht in Sülze zu verpacken, sondern großen Helden wie Neil Young, David Bowie, Lou Reed aber auch vergleichsweise «alternative» Acts wie Radiohead, Arcade Fire, Regina Spector, de Magnetic Fields oder Elbow einen neuen, ungewohnten Rahmen zu geben. Dass Gabriel dabei nicht auf die mit klassischen Instrumenten stets drohend Zuckerguß-Suppe setzt, nicht auf die große Geste, sondern auf einen fast minimalistischen Klangkontext, weist ihn erneut als geschmacks- und treffsicher aus, meilenweit entfernt von den ergrauten Alterswerk-Klassikkitsch-Kooperationen anderer Rockmusiker. So ruhig und kontemplativ wie das Cover-Motiv ist auch das Cover-Album geworden, minimalistisch instrumentiert, auf die unverwechselbare sonore Stimme des britischen Ausnahmemusikers setzend.

Und es wäre natürlich auch kein echtes Peter-Gabriel-Projekt, wenn es nicht auch auf seinem (nur) achten Studioalbum nicht eine Art Konzept gäbe – hier ist es eine Art Song-Austausch, die in die reale Welt übergetauschte Welt von Musik-Torrents, bei dem die von Gabriel gecoverten Künstler sich wiederum Songs von ihm vornehmen sollen, die dann auf einem späteren Album erscheinen sollen. Die Idee des Zwillingsalbums ist zumindest bei dem ersten der beiden Brüder ausgenommen gut gelungen – die von John Metcalfe (Durutti Column, was vielleicht den Indie-Einschlag der Auswahl erklärt) arrangierte und von Bob Ezrin im legendären Air Lyndhurst Studio produzierte Einspielung zeigt, dass es sich immer noch lohnt, auf ein neues Album von Gabriel zu warten. Keine Spur von der komplexen Überproduktion, mit der er bei Up brillierte, sondern eher die karg-wilde Innerlichkeit, die 2002 vielleicht «The Drop» bereits vorwegnahm.

Der Kunstgriff von Scratch my back ist, dass das Album zugleich enormen Pathos, enorme Ruhe hat – und doch zugleich eine fast nicht bündelbare Energie, einen ständig aufziehenden, aber nie ausbrechenden Sturm, das Gefühl selbst in den ruhigsten Tönen, dass unter der stillen Wasseroberfläche wilde Strömungen fließen, die alles andere als harmlos sind. The Boy in the Bubble, im Original ein fröhlich wippender Gumboot-inspirierte-Song, kriegt hier die düster leuchtende Atmosphäre, die der Song seit jeher verdient und die dem Text eine ganz andere Dimension entlockt (wie übrigens auch bei Heroes – es ist interessant, wie die ausgebremste, depressive Stimmung den Kontext eines Textes völlig verändern, kippen kann und dem positivsten Text eine bittere Ironie entlockt). My Body is a Cage von dem Neon-Bible-Album von Arcade Fire ist schon im Original ein staubiger Gospel, hier aber eine theatralische Inszenierung, eine Reise in die Tiefe des seelischen Marianengrabens, wenn Gabriel etwa in der Mitte seiner Fassung alle Sicherungen herausdreht und ein Orchester entfesselt, dass an A Day in the Life von den Beatles erinnert, eine sich emporschraubende Kakophonie, die schließlich in schwärzester Stille mündet. Manche Tracke, wie Listening Wind von den Talking Heads, bleiben nahezu erkennbar, andere, wie Street Spirit, sind eigentlich im Original schon bedächtig und ruhig, werden in Gabriels Version aber durch scheinbar minimale Eingriffe völlig verändert. Gabriel covert nicht, er macht sich Lieder zu eigen, er dekonstruiert, remontiert, ändert Logiken und Harmonien, bis am Ende Fassungen entstehen, die originär Peter Gabriel sein könnten, denen man ihren Ursprung kaum mehr anerkennt. Gabriel gelingt ein bewundernswertes Mimikri, das nicht das Subjekt verwandelt, sondern die Umwelt – er taucht in die Musik an und anstatt sich selbst zu verwandeln, verwandelt er das Ursprungsmaterial so grundsätzlich wie es selten bei Coverversionen vorzufinden ist – und bleibt dabei doch stets respektvoll auf Distanz, interessiert, ironisch, ganz dabei und doch bei sich.

Es ist fast undenkbar, dass endlich ein Popmusiker die Brücke zur Klassik schlägt und dabei all die Geschmacklosigkeiten, die Klischees, die Übertreibungen, beiseite lässt und sich mit seiner Stimme souverän in das Orchester einfügt, ohne sich jemals dominieren zu lassen. Scratch My Back zeigt Gabriel immer noch als Innovator, immer noch als Perfektionist, der vom elektronischen Progpopper zum grandiosen Altmeister jenseits aller Kategorien gewachsen ist, zu einem der eigensten und eigenartigsten Musiker, die wir haben und der sich selten so von seiner introspektiven und dunklen Seite zeigt wie hier. Es ist eine weite Reise von den wirschen Cabaret-Klängen von Excuse me, den Numanesquen Klängen von Games Without Frontiers oder dem affirmativen Pop von Sledgehammer zu der kraftvollen dunklen Energie, die dieses Album mit fast jedem Track ausstrahlt. Wo andere Musiker nach 40jähriger Karriere in Selbstzitat und Unbedeutsamkeit verfallen und sich mit Alben abgeben, die nur noch als Ausrede für die nächste Stadiontour dienen (bestenfalls), liefert der große englische Exzentriker hier einen Meilenstein ab, der eine neue Ader seiner Musik so pur wie selten zuvor bloßlegt und preisgibt.

29. Juli 2010 17:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Miike Snow: Miike Snow

hd schellnack

Die drei Mitglieder der schwedisch-amerikanischen Band Miike Snow haben eine bunte Pop-Laufbahn hinter sich, die man dem Debutalbum des Trios deutlich anhört, immerhin sind Christian Karlsson und Pontus Winnberg Top-Produzenten, die unter anderem Britney Spears mit Toxic den einzig erträglichen Song überhaupt beschert haben. Und obwohl das Album spürbar gekonnt-kalkuliertes Hitmaterial birgt, wirkt es weniger berechnend, als man befürchten mag. Zwar sind Animal und Black&Blue sicher zu Recht Hitmaterial, aber selbst diese beiden Songs haben keine übermäßige Kylie-Minogue-Glattheit, sondern gefallen durch kleine Brechnungen, stolpernde Beats oder schwirrende Appregiatorläufe und fast naives Schlagzeug, so souverän an der Grenze zwischen Popmusik und Alternative, dass man nie ganz weiß, ob es kühle Berechnung oder Zufall ist, weil die Tracks zugleich unsicher und suchend wirken in ihren Arrangements, melodisch aber todsicher suchtgefährdende Hooks liefern. Über dem gesamten Album liegt eine entwaffnende Naivität, die dem Debut ein schwereloses Sommerflair verleihen, hinter der Unschuldsvermutung schlummert aber eine Produktion, dies es faustdick hinter den Ohren hat, etwa wenn ein treibender Analogbass in Plastic Jungle Gary-Glitter-Grooves zitiert, um im nächsten Moment in Filterorgien zu glitchen. So gelingt es Miike Snow, Leichtigkeit mit einer gewissen vertrackten Schwermut zu fusionieren und ebenso mühelos verschiedenste Einflüsse von Disco über Reggae bis Britpop in ein homogenes Klanggewand zu kleiden. Was etwas unter dieser Vielfalt leidet, ist die Klarheit der Gefühle – die Platte ist gut zu hören, wunderbar ehrlich produziert, berührt aber nur selten wirklich den Hörer, mit der möglichen Ausnahme von Sans Solei, vielleicht auch, weil einfach alles einen Hauch zu mühelos, zu gekonnt, zu smart ist und uns am Ende vielleicht eher die kargen, armseligeren Tracks ans Herz wachsen. Als Beispiel dafür, wie vielseitig und lebendig tanzbarer Pop auch in Zeiten von Lady Gaga noch sein kann, ist Miike Snow aber so oder so ein Beispiel, dass Hoffnung macht.

13:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Zwerge

zwerge.jpg

28. Juli 2010 10:25 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Keep it together!

Keepittogether_01.jpg Keepittogether_02.jpg

27. Juli 2010 10:28 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

The XX: XX

hd schellnack

Immer noch fünf Monate hinterher, beängstigend. Und ich lass schon alle Platten vor 2009, die man so zwischendurch kauft, weg. Niemals darf ich durchrechnen, wieviel Geld ich eigentlich so bei iTunes lasse – das Model fair bepreister, leicht verfügbarer und halbwegs DRM-freier Musik zum legalen Download funktioniert bei mir jedenfalls bestens :-D. (Kleiner Hinweis an Apple: Gäbe es bei iBooks auch US-Bücher würde das bei mir auch mit dem Bücherkauf klappen).

Jedenfalls, the XX – in den fünf Monaten seit Veröffentlichung des Debuts ist die Band so erfolgreich geworden, dass ihr fast beim Wiederhören mit Vorsicht begegnen möchte (so wie es auch bei The National oder Bonaparte usw der Fall ist – Hype ist nicht immer gut für eine Band). Aber in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall, bei erneutem Hören entdeckt man eher Details, die den ersten Eindruck einer sehr angenehmen Popband, die ein wenig wie Jack und Megan White auf Tranquilizern klingt, widerlegen und vertiefen. Von kleinen, wahrscheinlich ja gar nicht geplanten Spliff-Reminiszenzen bei VCR bis zu Romy Madley Crofts Gesang, der in seiner ans hörspielartige grenzenden Laszivität à la Hope Sandoval die Grenzen dessen, was man noch guten Herzens Gesang nennen mag, abtastet – das Album schält sich aus den Superlativen der Kritiken heraus und kann auf eigenen Beinen gehen. Gerade, vielleicht, weil die Musik so gar nichts besonderes ist, sondern von einer einnehmenden Schlichtheit und Naivität ist, weder kompositorisch noch spielerisch jemals überzeugen kann. Das Phantastische an The XX ist, wie schlecht sie eigentlich sind, wie simpel die echolastigen Gitarrenmelodien gestrickt sind, die über herzergreifend schlecht klingende, Casio-esque Drumbeats gelegt sind. Und trotzdem kommt das alles enorm gut zusammen, so wie dreckiges Wasser und ein dreckiger Schwamm Schweben möglich ist. Es ist die Naivität, die Frische, die Einfachheit, die der Musik von The XX eine authentische, auch leicht zu durchdringende Transparenz verleiht – die Songs sind wie Tweets, kurz und unkompliziert und insofern auch (zu?) leicht wegkonsumiertbar. Dazu passt, dass The XX reichlich Re-Tweeten und in der Musik deutliche Heroes-Zitate und weniger deutliche andere Rock-Standards auftauchen – das aber das aufs nötigste reduzierte Exoskelett gibt den vertrauten Melodien eine neue Verletzlichkeit und nervöse Dünnhäutigkeit, die selbst abgegriffene Riffs plötzlich wieder berührbar macht. Mag sein, dass der sparsame Sound gut zur Zeit passt und deshalb eine Renaissance hat – aber XX gewinnt selbst im dürrsten Gewand den Songs des Albums einen seltsam Schimmer ab, einen modernen Soul. Vielleicht kann gerade im Asketischen viel Vielzahl von Einflüssen aus 80s Pop, Indie, Folk, R&B umso besser scheinen, vielleicht ist es auch der seltsam unpassende Clash von Crofts Stimme und Oliver Sims Duett-Gesang, der ein wenig an Ballad of the Broken Sea von Isobell Campbell und Mark Lanegan erinnert… aneinanderreibend, laid-back. fast uninteressiert-gelangweilt und doch völlig da, völlig rund, ohne sichtbare Nähte oder Konstruktionslinien. Alles unnötige ist weggeschliffen, übrig bleibt ein Minimalkonsens davon, was Indiepop sein kann, so klar und einfach und zeitlos wie vielleicht das erste Cure-Album und ebenso naiv-charmant-durchtrieben.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren mag an XX, dann ist es die Zukunft. Dies ist ein so ausgereiftes und rundes Album, man fürchtet sich schon jetzt vor dem Nachfolger. Die Bass-Gitarre-Drumcomputer-Reduktion lässt sich nicht endlos fortführen und eigentlich mit diesem Album bereits ausgereizt und perfekt abgeschlossen. Die chamante Unfertigkeit kauft man einem zweiten Album auch nicht mehr so ohne weiteres ab – und nicht zuletzt wird das Plattenlabel schlimmstenfalls nach dem Erfolg des Erstlings mehr Produktion, mehr Hits, mehr von allem eben haben wollen. XX macht eigentlich nur eine Sache – und die so phantastisch – dass man sich unwillkürlich fragt, was schlimmer ist: Ein Album, das noch einmal genauso wird, oder eins, das völlig anders klingt…

09:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Licht!

hd schellnacklichtimauto.JPG

Leider sieht man es auf dem Photo nicht so gut, ich hatte nur das iPhone dabei – aber auf dem Post-it, der da am Armaturenbrett klebt steht «Licht!». Und da frag ich mich sofort, was das bedeutet, welche Geschichte dahinter steckt. Vielleicht auch nur, weil es so schön an die kleinen Alzheimer-Zettelchen in Sunshine Cleaning erinnert… und weil die Vorstellung eines Demenzkranken am Steuer eines Fahrzeugs so surreal wäre. Aber die Ausstattung des Wagens sieht zu jung aus – und niemand würde seine demenzerkrankte Oma ja wirklich Auto fahren lassen und ihr nur entspannt einen «Licht anmachen!» Zettel ans Dashboard kleben. Aber was bedeutet es dann?

26. Juli 2010 11:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 6 Antworten.

Bill Murray vs Ghandi

«Äh warte… wer ist Bill Murray?»
«Das ist so, als würdest du fragen: Wer ist Ghandi?»
«…wer ist Ghandi?»
Zombieland

08:47 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Keine Antwort.

Tod und Spektakel

hd schellnack

Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben, weil es in den Medien, Blogs, auf Twitter und Facebook ja genug Meinungen und genug Anklagen gibt. Jenseits von der reinen Schuldfrage, die sich jetzt wahrscheinlich zu einem Kampf zwischen Veranstaltern/Stadt einerseits und Angehörigen der 19 Opfern andererseits entwickeln wird, wenn es um die Frage gibt, ob die Vorbereitung ungenügend war oder individuelles Fehlverhalten vorlag, haben mich ein paar Sachen angesprungen:

Die Abnutzung von «Trauer»
Es ist verblüffend, in welchem Maße eine medial, in Presse und Medien vielfach gespiegelte Anteilnahme öffentlicher Personen sich zumindest für mich persönlich abnutzt. Abgesehen davon, dass man vielleicht unterscheiden muss zwischen dem empathischen allgemeinen Schock über die Un- und Todesfälle auf der Loveparade und der persönlichen, unmittelbaren also eben echten Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist, muß man nicht sonderlich zynisch sein, um in den öffentlichen formelhaften Trauerbekundungen vieler Politiker – allen voran der neue Bundespräsident, der hier zumindest unbewußt eine Profilierungsoption zu sehen scheint – einen Hautgout zu finden, weil sie nur die falschen, weil endlos abgegriffene Worte, finden. Die Art und Weise, wie Politiker und Medienfiguren heute zunehmend öffentlich auftreten – stets unangreifbar vorbereitet, geschliffen, gefasst, immer bereit, nie zu sehr bei sich selbst, immer in der Rolle – scheint deplaciert, wenn es doch gerade darum ginge, die Maske abzulegen und Mensch zu sein, nicht Funktion. Dass dies kaum noch gelingt (auch weil jeder Fehlgriff authentischer Trauerbekundung medial und vom politischen Gegner ausgeschlachtet wird und es insofern sicherer ist, die professionelle Hülle gar nicht mehr zu verlassen) und eben auch «Trauer» und «Betroffenheit» in der Öffentlichkeit zu einer Art Kabuki geworden sind, ist die Tragödie in der Tragödie.

Schleichendes Gift vs Schockzustand
Tucholsky wird das Zitat über den Krieg zugesprochen, nach dem der Tod eines Menschen eine Katastrophe sei – Hunderttausend Tote aber, das ist eine Statistik. Auf erschreckende Weise belegt die Duisburger Loveparade diesen resignierten Satz. Die 19 Todesopfer von gestern sind ganz sicher unfassbar… aber sie nehmen sich bescheiden aus gegen die 4152 Menschen, die 2009 auf Deutschlands Straßen im Verkehr ums Leben kamen (und diese Zahl ist ein historischer Tiefstand). Der plötzlich eintretende, unfallartige, unerwartete Tod betrifft und stärker als das schleichende, uhrwerkartige Risiko, das wir eingehen, wenn wir eine Autobahnauffahrt herabfahren. Das ist so schrecklich wie verständlich, der unsichtbare tröpfelnde Tot von fast 5000 Einzelnen bleibt unsichtbarer, 19 Opfer in einem medialen Spektakel sind präsenter. Und dennoch, ohne miteinander aufrechnen zu wollen, was nicht aufgerechnet werden kann: Wer jetzt (als nicht unmittelbar Betroffener) im gehobenen Stammtisch-Reflex nach Verantwortlichen und Konsequenzen ruft, sollte vielleicht zumindest kurz innehalten, darüber nachdenken, dass eben auch Verkehrsopfer Eltern, Kinder, Geschwister oder Geliebte sind und genau so wichtig, nur dass die Zahl der Toten hier über zweihundertmal größer ist. Der Tod einer überschaubaren Zahl von Menschen im Brennglas mag dramatischer erscheinen, aber diese Dramatik – und Dramaturgie – des Todes darf nicht davon ablenken, dass es einen noch viel größeren Wahnwitz gibt als den eines überfüllten Partyevents mit eventuell mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nur weil etwas medial fokussiert ist und etwas anderes eben nicht, wird das im Schatten liegende nicht weniger real und prekär als das, worauf die Scheinwerfer gerichtet sind.

Schuld
Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren. Und vorgewarnt, gewiss, hat immer irgendwie irgendwer irgendwo – das ist die Norm. Auch vor 9/11 und Katrina wurde selbstverständlich gewarnt. Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… schließlich wird auch Wochentakt das Weltende prophezeit und zwar seit Jahrhunderten. Warnungen zu ignorieren, ob im Nachhinein zurecht oder nicht, ist Grundlage jeden Handelns. Tatsache ist aber, dass Schuld ein quasi «antropomorphisches» Konzept ist, wir projizieren auf ein komplexes Feld von Zusammenhängen, die chaotisch zusammenwirken, nachträglich ein Antlitz, eine menschliche Logik, eine nur scheinbar rationale Ordnung von Ursachen und Wirkungen, die am Ende dann den Strohmann des «Verantwortlichen» ergeben. Den gibt es aber meist nicht wirklich.
Im konkreten Fall scheint es ein Gemisch vieler Faktoren zu geben. Ein Veranstalter/Sponsor, der nach einer ausgefallenen Veranstaltung unbedingt 2010 «seinen» Event haben als Werbefaktor wollte, eine Stadt, die sich bitte nicht die gleiche Blöße geben wollte wie das als Spielverderber angegriffene Bochum zuvor, ein Bundesland, das in Rahmen von Ruhr2010 fast atemlos von einem Event zum anderen hastet und dieses eben auch unbedingt in der Rekordschau dabeihaben wollte, Medien, die eben auch noch einen Riesenevent als Partner begleiten/hochjazzen wollten, eine naiv-überforderte Behördenschaft mit blindem Optimismus gegenüber der Handhabbarkeit von Besucherzahlen und Menschenmenge, mit der Duisburg realiter wohl eher unerfahren sein dürfte – und nicht zuletzt auch die Besucher selbst, deren persönlicher Rausch-Hedonismus im Aggregat der Masse unvermittelt schnell den Charakter zum unkontrollierbaren Moloch wechseln kann, wo jeder potentiell Täter und Opfer zugleich ist, ohne dies wirklich zu wollen.

Dennoch suchen wir jetzt den einen Spieler, der am Ende in der Public Relation die meisten Fehler macht und medial so schlecht dasteht, dass er den Schwarzen Peter in den Händen behalten wird und den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen auf sich zieht. Die Stadt und der Veranstalter haben bei der gerade gelaufenen Pressekonferenz bereits so viele Fehler gemacht, dass jeder PR-Berater verzweifeln dürfte, ehrliche und überzeugende Krisenkommunikation sieht anders aus. So oder so bringt ein «Schuldiger» aber niemanden zurück ins Leben… und die Suche nach einzelnen «verantwortlichen» Individuen verschleiert nur das systemische Problem der Großveranstaltungen.

Spektakel
Ein Event, das an seiner eigenen Größe spürbar zusammenbricht, ist geradezu sinnbildlich für unser Zeitalter des «Zuviel». Wir leben in einer Gesellschatft, in der «Feiern» immer mehr zu einem Massenphänomen wird, das Bedürfnis, große Gefühle in der großen Masse zu teilen, ist enorm. Millionen von Besuchern – das sind Zahlen, die nicht nur Veranstalter wollen, um Umsatz und Sponsoring/Werbeeinnahmen zu realisieren, das sind vor allem die Zahlen, die die Medien anlocken und Berichterstattung, Platz in den Zeitungen, Zeit in Radio und TV, bringen, das vielleicht höchste aller Güter – Aufmerksamkeit – generieren. Und so wird heute ein Massenspektakel an das andere gereiht, der nächste, noch extremere Kick liegt immer um die nächste Ecke. Allein im Ruhrgebiet waren da binnen einer Woche die A-40-Still-Leben-Aktion mit bis zu drei Millionen Besuchern, Bochum Total mit (an drei Tagen) einer Million und jetzt Duisburg mit – je nach Quelle – 150.000 bis 1,5 Millionen Besuchern. Abgesehen von der Frage, wie eine relativ kleine und nicht finanzstarke Stadt wie Duisburg logistisch eigentlich binnen sieben Tagen zwei solche Massenveranstaltungen erfolgreich managen wollte, wird hier deutlich, dass unsere Sucht nach Spektakel, nach Hyperventilation im Massenrausch, wie jede Sucht auch ihren Preis hat.
Es wäre vielleicht klug – auch wenn diese Hoffnung sich wahrscheinlich als zu optimistisch herausstellen wird – wenn man Duisburg als Anlass nimmt, über Megaevents und ihren Sinn als Ganzes nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei diesen Riesenstrukturen etwas schiefgeht, ist fest mit eingebaut und enorm hoch, zumal Herdentrieb, Alkohol und andere Faktoren die Besuchermasse zusätzlich unberechenbar macht. Es ist eher Glück, wenn bei WM-Halbfinalen, gesperrten Autobahnen oder gigantischen Konzerten nicht mehr passiert – aber Glück ist wie Seife, jedesmal, wenn du es benutzt, wird es etwas weniger.
Ob Architektur, Kunst, Kultur oder Alltag – ein Ausstieg aus dem pornographischen, nach immer mehr Steigerung und Eskalation fordernden System des Spektakels tut not. Das große Event, dass den Einzelnen in die Passivität zwingt, zum Vieh macht, das den Dialog und das wahre Austauschen unmöglich macht und nur das besoffene (in jedem Sinne des Wortes) kybernetischer Aufgehen in der Masse, im Sportpalast-Mob der Neuzeit, ermöglicht, in dem es nur noch um Konsumieren und Ausscheiden zu gehen scheint, um eine tröstende Form von Anonymität in den Schlangen vor Bierwagen und Chemotoiletten, um diese seltsame Vereinzeltheit in der Masse. Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass Fußball auch mit 10 Leuten ansehbar ist, dass kleine Konzerte schöner klingen als Sportstadien-Gigs, dass weniger mehr ist. In Duisburg entpuppt sich auch das Scheitern einer hedonistischen Überflussgesellschaft, wie falsch die «großen» Events sind. Lieber in die kleinen Clubs, die versteckten Ausstellungen statt die gehypte Eröffnung, die Tante-Emma-Läden statt der Einkaufszentren gehen. Wenn es einen Schuldigen gibt an den Todesfällen gestern, dann ist es ein System von überproportioniertem Junk, der Partizipation unmöglich macht und der entleerten Langeweile des täglichen Arbeitenmüssens (oder schlimmer, des nicht Arbeitendürfens) nur immer extremere Stimulationen und Eskapismen entgegensetzt. Und ein System, das bei alledem, in dieser ständigen Beschleunigung, der immer härteren Fahrweise, permanent die perfekte Funktion vorgaukelt, dessen Risiken aber unabwägbar sind.

Spektakel im Spiegelkabinett
Die Bank gewinnt immer – und die Bank sind in unserer Zeit die Medien. Die großen Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen sind längst als mediale Partner Teil des Systems, das immer bombastischere Zerstreuungsangebote produziert. Sie erreichen hier ihre (jeweiligen) Zielgruppen sowie relativ hohe Auflagen oder Einschaltquoten, eine symbiotische Fusion von Eigenwerbung und Programmfüllung. Ob Kölner Karneval oder Loveparade ist dabei fast egal, dabeisein ist alles. Und wie beim Autorennsport geht bei alldem für die Medien nicht nur um den Sport an sich, sondern auch um das Warten auf das Event im Event – den Moment, in dem ein Formel-I-Wagen aus der Spur reißt, sich überschlägt, Flammen schlägt und es um Leben oder Tod des Fahrers geht. So wie auch ein terroristischer Akt erst zu einem solchen in der medialen Echokammer wird, entsteht auch hier die soziale «Tragödie» aus den individuellen Schicksalen erst durch das immer wieder neue Spiegeln in den Medien, die in immer neuer Iteration die kaum vorhandenen Informationen melken. Augenzeugenberichte, Tweets, Interviews – selten dürfen Medien sich so relevant und «echtzeitig» fühlen wie in der Katastrophe, wenn sie den Hunger nach den letzten Informationen kaum noch schnell genug stillen können, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Auf seltsame, vielleicht unvermeidbare Art werden die Medien so selbst noch in der einfühlsamsten und reflektiertesten Art de Berichterstattung unweigerlich zu Voyeuren/ Vampiren/Profiteuren. Und umgekehrt entsteht erst durch diese geballte Aufmerksamkeit überhaupt erst der «Event», über den weiter zu berichten es sich lohnt, als eine Art kurzlebiges mediales Perpetuum mobile. So selegieren die Medien, was uns berührt und zu Trauer veranlasst, weil sie diese 19 Verstorbenen unter das Brennglas ihrer Aufmerksamkeit ziehen, und zugleich vielleicht andere Tragödien anderenorts ausblenden. Erst die Medien machen die persönliche Tragödie zur «Tragödie» auf der gesellschaftlichen Bühne, erst sie schaffen aus den Fakten eine Narration mit Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Erst ihre Aufmerksamkeit erzeugt unsere Aufmerksamkeit. Diese Multiplikation mag unbewusst und unabwendbar sein, den Gesetzen des medialen Marktes gehorchen, wirklich gut ist sie beileibe nicht immer. Ob Kachelmann, Bundespräsidentenwahl, Schweinegrippe oder Loveparade – es geht in unseren Medien immer und fast nur noch um den sich selbst fütternden Hype, das Junkfood in der Informationswelt. Was übrigens mit dem Internet eher schlimmer geworden ist, selbst dort, wo Auflagen/Einschaltquoten bzw. Clickrates eigentlich so gar keine Bedeutung mehr haben. Das Ergebnis ist eine mitunter hysterische Hyperfokussierung, eine Echokammer von Empörung und Entrüstung, die das ursprüngliche Quentchen an Information per Hyperlink-Loops verstärkt und verstärkt, bis das Echo wichtiger ist als das Signal.

Am Rande
— Man lernt: Zahlen sind flexibel. Wenn man es als Veranstalter für die Medien und Sponsoring/Werbepartner braucht, kommen zu einer Loveparade eben gern 1,5 Millionen Besucher – jetzt, wo es eher darum geht, eben zu kommunizieren, dass es keine Überfüllung des Loveparade-Areale gegeben hat, spricht man von einem Bruchteil dieser Besucherzahl. Wäre gestern keine Katastrophe passiert, hätte man die Zahl freilich hochgerechnet. Und das beste: Scheinbar weiß es tatsächlich niemand genau – was zugleich auch Angaben über Besucherzahlen in Vorjahren oder bei anderen Massenevents denkbar unglaubwürdig erscheinen lässt. Frei nach dem vermeintlichem Churchill-Bonmot: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

— Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?

— Natürlich stellt Rainer Schaller als Personalunion von Veranstalter und Hauptsponsor die Loveparade ein, sie war eine reine Werbeveranstaltung für sein Unternehmen McFit und der positive Imagetransfer für den Körperkultdiscounter dürfte sich wohl vorerst erledigt haben. Und natürlich ist die Loveparade, wie sie hier stattfand, nicht näherungsweise zu verwechseln mit dem tatsächlichen Berliner Rave-Festival, sondern eine seicht-vulgäre Freiluft-Massenparty mit Klingelkirmestechnomusik für die breite Masse, eine feiste und fratzenhafte Parodie dessen, worum es am Anfang mal ging. Berechenbar wie leicht vulgär ist dabei Matthias Roeinghs (Dr. Mottes) Seitenhieb auf Schaller, der ihm ja «seine» Loveparade komplett abgekauft hat.

— Am Ende, jenseits aller Medien, aller Tweets, aller surrealen Pressekonferenzen, der sirrenden Schuldzuweisungen und den Gründen sind 19 Leute tot, das ist keine «Katastrophe» und keine «Tragödie», wie die Medien es gern formelhaft bezeichnen (siehe oben… und ich ja auch, denn natürlich ist es eben doch eine Tragödie), das sind vor allem 19 ganz individuelle unfassbare Verluste, in Familien, unter Freunden. Das kann man medial nicht aufbereiten und die Trauer der Angehörigen nicht nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, die eigenen Freunde oder Geschwister verloren zu haben, dieses erstickende Gefühl, dass dein Sohn oder deine Tochter nur mal eben weggehen, um etwas in der Sonne zu feiern und nicht mehr, nie mehr, zurückkommen werden. Man kann sich vorstellen, wie es sein muss, wenn ein Lebenspartner sich in der Masse verirrt und du bleibst alleine überlebend zurück, von einer Minute zur nächsten mit deinen ganzen Lebensplänen allein. Oder vielleicht kann man sich das eben auch nicht vorstellen. Dieses Loch kannst du nicht in Worte fassen und die Vorstellung, die man sich selbst davon macht, wird der sprachlosen echten, greifbaren Wirklichkeit wahrscheinlich nicht näherungsweise gerecht.

25. Juli 2010 14:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 62 Antworten.

Amplitube

hd schellnack

Amplitube von ik multimedia ist eine Art Gitarren-Komplettlösung für iPhone und iPad. Ähnlich wie das AmpKit von Peavey liefert Amplitube ein Emulation verschiedener Verstärker, die mit verschiedenen Boxencombos gefahren und sogar mit zwei verschiedenen Mikrophontypen abgenommen werden, sowie die Kombination von bis zu vier Fußpedalen aus insgesamt 11 Effekten von Verzerrung bis Delay (mit optionalem Beat-Sync). Die fünf Amps decken das übliche Spektrum von Fender über Marshall bis Mesa ab und die Simulation ist überraschend gut gelungen – der Federhall des Fender klingt fast genauso miserabel-legendär wie im Original. Die Stompboxes sind berühmten Vorbildern nachempfunden, der Overdrive ist etwa eindeutig von Ibanez, ansprechend im Retrolook gestaltet und klingen ohne Amp fast besser und sauberer als mit Verstärker-Emulation dahinter. Zusätzlich bietet Amplitube einen Tuner, ein Metronom, die Möglichkeit, zu bestehenden Songs zu spielen und Presets ohne Ende, um eigene Effektkombinationen zu speichern. Um den Gitarrensound ins iPhone oder Pad zu kriegen, braucht man das iRig, das das Signal des Kopfhörerausgangs/Mikroeingangs splittet und ein verstärktest Gitarrensignal einspeist, während aus dem Ausgang sauberst der digital bearbeitet Gitarrensound kommt. Das iRig schlägt mit 30 Euro zu Buche, die vollausgestatteten Apps mit jeweils etwa 16 Euro, leider ist Amplitube keine Universal App, so dass für Pad und Phone jeweils bezahlt werden muss. Man kann auf dem Pad aber auch die iPhone-Version laufen lassen, der Sound und die Anzahl von Effekten/Amps ist absolut identisch, nur der Bildschirm wirkt aufgeräumter und man kann schneller gleichzeitig auf alle Fußpedale und den Amp zugreifen.

Puristen werden Amplitube fürs iPhone genauso hassen wie alle anderen digitalen Emulationen analoger Effektgeräte – und sicherlich zu Recht. Auf der Plus-Seite ist es phantastisch, einfach die Gibson an sein Telefon zu hängen und losspielen zu können, sich dabei frei bewegen zu können, oder im Bett zu liegen, ohne an ein großes Effektgerät-Bodenpedalset gebunden zu sein. Das freie Herumspielen mit Amps, Sounds, Effekten ist völlig intuitiv und bedarf keinerlei Einarbeitung, so dass man unmittelbar loslegen und Spaß haben kann, der – etwa bei dem über die Neigung des Phones gesteuerten Wahwah – auch schnell aufkommt.

Getrübt wird der Eindruck von dem aus meiner Sicht mitunter – verglichen mit meinem Zoom-GFX8-Bodenpedal (das zugegebenerweise auch einen Tick teurer ist) – ziemlich muffeligen Gesamtklang, der weder in Bass noch Höhen so richtig überzeugen kann. Ohne die Amp-Simulation wird es deutlich besser, auch das Rauschen reduziert sich etwas. So seltsam es klingt, einen Hauch weniger Authentizität hätte ich mir hier optional gewünscht. Während der mittenlastige Gitarrensound im Mix oder in einer Bühnensituation sicherlich goldrichtig ist und gerade bei den vielen Rock- und Metalamps starke Bässe und Höhen eher deplaciert wären, wäre es unter Kopfhörern sicherlich auch schön gewesen, einen möglichst breiten, fetten Sound zu haben, der weniger «live» klingt und mehr Druck hat.

Womit wir beim zweiten, vielleicht subjektiven Problem sind. Unter Kopfhörern fällt extrem auf, wie monophon die Effekte sind. Es gibt ein winziges bisschen Raum-Ambience, aber das wars. Chorus, Flanger, Delay – alles Mono. Was ebenfalls natürlich im Kontext einer Bandeinspielung sehr richtig ist – Gitarre ist ja nun mal eher ein Mono-Instrument – aber beim Üben oder Komponieren schnell eher den Spaß verdirbt, weil eine einzelne Gitarre einfach sehr viel schöner, weicher, spannender klingt, wenn man mit Stereochorus und einem Cross-Delay spannende Raumeffekte hinkriegt und alles einfach etwas satter, dreidimensionaler klingt. So wie Nanostudio selbst aus an sich recht mageren Analog- oder FM-Synthsounds mit etwas X-Delay und spannenden Flanger/Chorus-Effekten verblüffende Lebendigkeit erzeugt, könnte Amplitube mit an sich wenig Aufwand (sowohl iPhone als auch Pad sind absolut in der Lage, prozessorseitig auch aufwendige Stereoeffekte ohne Latenzprobleme abzuliefern) hier nochmal richtig an Spaßfaktor und Nutzwert gewinnen. So wie es jetzt ist, wird der etwas flache und «enge» Sound nach einer Weile etwas langweilig und man greift doch wieder zum Zoom, weil die Bedienung zwar viel komplizierter und spaßfreier ist, die Sounds am Ende aber räumlich viel überzeugender und satter wirken. Und das müsste nicht sein – das iPad dürfte mehr Prozessorleistung haben als das GFX-8, vom iPhone 4 ganz zu schweigen (das ja noch einmal mehr Arbeitsspeicher mitbringt).

Ebenso wünschenswert wären vielleicht komplexere Effekte, wie sauberes Pitchshifting, Ringmodulation, ein eigener und besserer Hall, Harmonizer und unbedingt ein guter Compressor, der hier leider komplett fehlt – es gibt nur ein recht maues Noise Gate. Der Ansatz, sich nur auf monophone Stompboxes zu beschränken und sozusagen absolut «retro» zu sein, macht bei einer 1.0-Version Sinn, aber auf Dauer wäre es phantastisch, mehr der Möglichkeiten der Desktop-Fassung von Amplitube3 auch mobil zu erleben. Es müssen gar nicht so viele Amps und Effekte sein, aber der Schritt von reiner Stompbox zu Studioeffekten wäre grandios. Niemand kann erwarten, dass man die Power der Desktop-Version für 15 Euro mobil liefert, aber ein satterer Stereosound wäre wirklich deutlich befriedigender.

Und wenn wir bei Wünschen sind, wäre entweder ein einfaches Phrase-Sampling zum «Einfrieren» von Gitarrenläufen, zu denen man dann live weiterspielen kann, grandios. Noch besser wäre sogar eine einfache 4-Spur-Aufnahmemöglichkeit, wie sie andere Apps ja bereits preiswert (aber eben separat) anbieten, um sozusagen live ein kleines Gitarrenensemble aufzubauen. Für schnelle Notizen und etwas Spaß unterwegs wäre das natürlich großartig.

Kurzum, Amplitube ist ein grandioser Schritt in die richtige Richtung und vor allem auf dem iPhone ein Riesenspaß – ein solches Fußpedalarsenal in der Hosentasche zu haben ist die 15 Euro immer und unbedingt wert -, hat aber noch ein riesiges Potential, ausgebaut zu werden. Mit Blick auf die Power des großen Amplitube3-Bruders darf man hoffen, dass IK Multimedia nach und nach mehr Möglichkeiten nachliefert (z.B. als In-App-Kauf) und aus Amplitube ein echtes Arbeitstier macht. Aber selbst die 1.0er Version macht deutlich, dass hier das musikalische Gegenstück zur Hipstamatic-Kamera an Potential und Erweiterungsmöglichkeiten schlummert. Man darf gespannt sein, ob am Ende Ampkit von Peavey oder Amplitube das Rennen machen und sich fragen, warum Roland/Boss diese Chance offenbar komplett verschlafen…

23. Juli 2010 10:00 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Nanostudio ist da

hd schellnack hd schellnack

Die erste digitale Musikstation fürs iPhone (leider nichts für das iPad) ist da. Nanostudio kombiniert vier extrem editierbare polyphone Synths, eine Drummachine, einen Sequenzer, eine Mixing-Einheit, Effekte zu einer Art abgespeckten Cubase/Logic, komplett mit Patternediting und Pianoroll, mehreren Bus-Effektsektionen, Delay, Flanger, Chorus, Distortion, Touchpads für Cutoffs und LFO und und und zu einer kompakten Package, mit der man aus meiner Sicht erstmals halbwegs realistisch und ohne esoterische Interface-Tricksereien arbeiten kann. Die 128 Werksounds machen bereits klar, dass der Synth sehr mächtig ist für ein Telefon, die Editiermöglichkeiten wollen schier gar nicht abreißen, man wünscht sich im Grunde nur noch eine gute externe Tastatur (wie das Akai 25 oder ION, nur mit mehr Tasten und kleiner). Selbst Akais bereits sehr vielversprechende Synthstation sieht gegen Nanostudio mehr als alt aus, aus den vier Eden-Synths, die von analogen Sounds über FM-Synthese bis hin zu durch Filter geprügelte Samples eigentlich alles zulassen, was man sich wünschen kann und sehr umfangreiche Hüllkurven-Soundmodifikationen zulassen und obendrein auch noch einzeln komplett eigene und sehr gute Effekte zulassen. Die Drumsektion ermöglicht eigene Samples und auch hier einfaches Editieren der Sounds, sowie drei Bus-Effekte, die einzelnen Pads einfach zugeordnet werden können. Pragmatisch sehr gut bedienbar, ist das Nanostudio deutlich mehr als nur eine einfach «Scribble»-Möglichkeit für musikalische Ideen, sondern eingeschränkt tatsächlich in der Lage, ganze Songs abzuliefern. Die Einschränkungen sind dabei gegenüber der erdrückenden Optionenvielfalt von Programmen wie Logic fast wohltuend – es ist fast wie einfaches Vierspurrecording mit einer Drummachine und ein paar einfachen Synths, mit denen man schnell und dreckig seine Songs machen kann. Das die App dabei durchaus sehr komplexe Ergebnisse zulässt und man spielerisch und einfach an ganz eigene Sounds kommt, Nanostudio zum Experimentieren also förmlich einlädt, ist ein Bonus. Da es Nanostudio im Betastadium auch als Mac/Win-Desktop-Applikation gibt und Nanosync einen Austausch von Samples und Mixdowns gibt, kommen wir spürbar Schritt für Schritt der Phase näher, wo Apples Mobilgeräte echte Musikoptionen werden. Was noch fehlt ist eine Art MIDI, eine Zusammenkopplung mehrere Apps im Multitasking, ein Dateistandard für Austausch und Weitereditierung mit Desktop-Apps und so weiter. Aber es scheint fast nur noch eine Zeitfrage zu sein, bis es Ableton, Reason, Garageband und Co auch für iPhone oder besser iPad geben wird. Bis dahin ist Nanostudio für 12 Euro aber mehr als eine gute Möglichkeit, unterwegs etwas Musik zu produzieren – die Musikapps verlassen hier erstmals absolut greifbar das «Spielzeug»-Flair. Der einzig offene Wunsch ist eigentlich, dass Blipinteractive das Ganze möglichst schnell fürs iPad umstrukturieren, damit man mehr Tastatur hat und in dem etwas frickeligen Sequencer-Editiorfenster besser arbeiten kann. Ansonsten eine reife Leistung, die wieder zeigt, dass am iPhone weniger das Gerät an sich entscheidend ist, sondern die Kreativität der App-Entwickler.

22. Juli 2010 10:59 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Bitte keine Werbung

keinewerbung.jpg

Reklameverzicht in bester Reklameschrift. Schön.

19. Juli 2010 14:15 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . 4 Antworten.

The Beauty of Crashing Displays

hd schellnack hd schellnack

Auf dem Weg vom gedruckten Plakat zum lebendigen Display in der Öffentlichkeit, ist es immer wieder herzergreifend zu sehen, dass Print einfach nicht abstürzen kann, während uns die digitale Welt immer wieder Displays beschert, die einen Absturz erleben und uns die Systeme hinter der Werbefassade zeigen – in diesem Fall Windows.

11:49 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

The Phenomenal Handclap Band

hd schellnack

Das New Yorker Künstlerkollektiv um die DJs Daniel Collás und Sean Marquand scheint dem bizarren Zweck zu dienen, die Plattensammlung der beiden Köpfe dreidimensional dund live in den Raum zu stellen. Vom krautrockigen Intro The Journey to Serra da Estrela bis zum psychedelischen Bonus Track Pretty Mask, liefert Handclap einen basslastigen Acid Funk Trip durch die 60s-80s, mal akustischer, mal elektrischer, mal wabernd-verkifft, mal kopfnickend-opulent bis an die Phillysound-Grenze, um dann plötzlich in die flirrenden Klänge und geraden 4/4s früher Disconummern einzusteigen. Der Revival-Sound ist dabei solide gespielt und abwechslungsreich genug, um ordentlich Spaß zu machen – ohne jeweils an die verschiedenen Vorbilder heranzukommen – nur leider macht der uninspirierte Gesang, der in keinem Song wirklich jemals «Soul» besitzt, das Ganze meist kaputt.

Drastisch wird dies deutlich bei der vorab veröffentlichten Single 15 to 20, gesungen von Lady Tigra, die der ansonsten durchaus ähnlich gestrickten Nummer schlagartig eine ganz andere Aura verleiht und den Track deutlich an frühe Blondie-Songs ankoppelt mit ihrem hypnotisch wiederholten Phrasen. Die Vocals bringen den Song zum Strahlen, während beim nachfolgenden Song der Gesang die musikalisch weder bessere noch schlechtere Komposition zerstört, die nöhlend-langweilig hinsurrende einschläfert statt einpeitscht. Bizarrerweise entwickelt so eine an sich schöne beginnende Hommage wie You’ll Disappear eine fast schwebende Qualität, weil auf dem ansonsten eher straighten Song ein androgyner Sirenengesang fast eher ein Air-Feeling verbreitet und alsbald auch Langeweile aufkommt. Die meisten Tracks brechen etwa ab der Mitte zusammen, weil ein Basslauf und Drums und eine gute Gitarrenhook eben noch keinen ganzen Song machen. So ist es hauptsächlich eine gewisse Gleichförmigkeit (im Soul nicht ungewöhnlich) der Songs untereinander aber auch in sich selbst, hauptsächlich aber der lahme Gesang, der das Album, das an sich sehr viel Spaß machen könnte, in der B-Note auf die hinteren Ränge stellt. Das Delfonics-oldschoolige Baby ist einen Hauch besser, leidet aber auch an der gleichen Malaise – zu langweilig, zu wenig überzeugende Vocals.

Das Debut der New Yorker Soundmaschine ist durchaus mehr als hörenswert und live dürfte die achtköpfige Besetzung sicher Spaß auf die Bühne bringen, tanzbar ist die Musik allemal, und vielleicht sollte man es auch gar nicht höher hängen… schade ist nur wirklich, dass der schlafzimmrig-uninspirierte Gesang den Fun-Factor spürbar nach unten drückt.

07:48 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Drive by Shooting auf der A40

hd schellnack

Was passt besser zur A40-Still-Leben-Aktion als im Vorbeigehen, also «Drive-by» aus der Hüfte, Photos zu machen? Nachdem ich gesehen habe, wieviele der Besucher dort relativ aufwendig und ernsthaft photographierten, fand ich es besser, einfach die Kamera am Arm baumeln zu lassen, ab und zu ungezielt zu drücken und zu sehen, was passiert. Insgesamt ist es verblüffend, wie begeistert die Menschen die Begehbarmachung einer Autobahn aufgenommen haben – gerade so, als sei ein Ausnahmezustand über einen ansonsten unpassierbaren Todesstreifen, eine Art Niemandsland, für wenige Stunden aufgehoben, bevor er sich wieder in eine Tabuzone zurückverwandelt. sicherlich eine logistische Ausnahmeleistung.

hd schellnack

(weiterlesen …)

18. Juli 2010 17:47 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 3 Antworten.

Schauraum 4

hd schellnack

Gestern war ich kurz auf der Diplomschau der FH Dortmund. Leider ohne so richtig Zeit, mich in die Sachen zu vertiefen – was bei 80 gezeigten Abschlussarbeiten (Diplom und Bachelor) auch völlig unmöglich war, zumal die Komplexität der Abschlüsse teilweise enorm ist. In die harte Kreativität eines halben oder ganzen Jahres, die sich in multimedialen Installationen, dicken Büchern, vertiefenswerten Photos und Illustrationen niederschlägt, kann man nicht in einer Viertelstunde, einer halben Stunde eintauchen. Und – schrecklicherweise – auf Erklärungen des Absolventen und hermeneutische Hilfestellung durch den Dschungel der Referenzen jeder einzelnen Arbeit hat man bei 80 Studenten eigentlich auch keine Lust. Und so führen Abschluß-Zeigungen heute eine seltsame Krux des Designs vor, indem sie einerseits zeigen, wie wenig der Arbeiten sozial sind, sofort verständlich, einfach, klar zugänglich und wie viele an der Grenze der Kunst laborieren, für die gute Note noch mehr beeindrucken müssen, spektakulärer, andersartiger sein wollen, und wie das in der Masse dann oft langweilend und verkopft wirken kann (in der Masse – die einzelne Arbeit für sich ist meist toll). Design wird so selbstreferentiell – und wenn man sich die Plakate ansieht, die in und an der Uni hängen, wird schnell deutlich, dass die Designer nur noch dann zeigen können, was sie wollen, wenn sie für sich selbst und Gleichgesinnte arbeiten, weil nur diese ihren Stil noch begreifen… und das ist eine bedrohliche Tendenz. Andererseits wird schon in diesem Mikrokosmos klar, dass wir eine gesunde Grenze in der Ausbildung überschritten haben – es gibt schon hier zu viele Arbeiten, um sie erfassen, gewichten, vergleichen, kennenlernen zu mögen. Wenn wir über die Übersättigung des Designmarktes sprechen, hier wird sie greifbar, hier greift sie sogar tatsächlich an – die Flut guten Designs wird geballt zur Attacke, der man am Ende durchaus auch entkommen möchte, aus dem Vakuum gutgestalteter Egozentrik zurück in die Welt häßlicher Plakate und Flyer, die aber wenigstens aus realem Auftrag kommen.

Wie gesagt, die einzelnen Arbeiten sind oft gut und sehr gut – würde man nur die besten zehn Arbeiten sehen, man wäre wahrscheinlich begeistert -, und wie im Vorjahr zeigt sich eine zwar sehr durchwachsene Qualität, die aber am oberen Ende, sofern sie nicht endlos Mario Lombardo kopiert, viel viel besser ist als die FH noch vor fünf Jahren war und die ein unglaubliches Potential zeigt. Es ist die schiere Masse, die dich erdrückt – das Zuviel an Bildern, Büchern, Gewolltem und Gutgemeinten. Und natürlich die Frage, was diese 80 (!!!) Absolventen eigentlich am Kreativmarkt machen werden. Laß es nur 30 oder 40 Designer sein, oder 20 Photographen… wo kommen die Aufträge dafür her? Und das ist nur eine FH, während drumherum in Essen, Wuppertal, Krefeld, Münster, Düsseldorf, Bielefeld etc. in ganz NRW mit der Umsetzung von Bologna und dem hohen Aufnahmedruck des Landes (der mit der ansonsten etwas populistisch-kurzsichtigen Abschaffung von Studiengebühren vielleicht wieder zurückgeht) ganz ähnliche Zahlen emergieren. Dass Designer ein neues Lumpenproletariat werden, Freelancer und Büros in einen selbstzerfleischenden Wettbewerb geschleudert sind, wird beim Gang durch die so herrlich bürokratischen und zugleich verrockten Gänge von Dortmund absolut greifbar – es ist, als würdest du als Auftraggeber plötzlich einen Pitch mit 50 Büros haben. Mein Mitleid gilt den Dozenten, die sich durch diese Flut voranschwimmen müssen und anders als die Kollegen in Jura und BWL nicht ein Fach haben, in dem klare Tests, hartes Absägen und nücherne Wissensorientiertheit als Werkzeuge zur Benotung zur Verfügung stehen, sondern eigentlich der individuelle Diskurs, die kleine Gruppe, das persönliche Vermitteln von Handwerk und Vision und einer ganz erschreckend vielseitigen Kulturleistung im Vordergrund stehen müssen.

In Wuppertal ließ Andreas Uebele, selbst Professor in Düsseldorf, keinen Zweifel daran aufkommen, dass seiner Meinung nach zu viele (und zum Teil wohl auch nicht immer die bestqualifizierten) Studenten Design studieren und es ging ein Raunen durch den Raum einer Fachhochschule, deren Designbereich gerade geschlossen wird. Aber generell hat er unbedingt recht… nicht einmal nur, weil am Ende zu viele Leute mit zu leicht verdienten 1,3er BAs durch den Markt gehen, sondern vor allem, weil niemand sich die Mühe macht, den Studenten zu erklären, dass sie in eine möglicherweise prekäre Berufssituation hineinstudieren. Es ist stets die Krux des scheinbar im späteren Leben Erfolg versprechenden Studiums, dass es durch die eigene Beliebtheit dann irgendwann so überlaufen ist, dass der versprochene Erfolg für viele Studenten ausbleiben wird. Dieses universale Glücksversprechen eines verworrenen und weichgespülten Bildungssystems, in dem der Staat allen Eltern das perfekte Glück für ihre Kinder versprechen will – möglichst jeder kann Abitur machen, möglichst jeder kann studieren, möglichst jeder kann Kanzler werden – ist an sich wunderbar, nur leider ist es nicht gerecht, weil es immer schon gelogen war. Es gibt in jeder Branche Effekte von Mangel und Überflutung, von Angebot und Nachfrage… und wenn das Bildungssystem nicht sorgfältig auf solche Tendenzen reagiert, wenn es so gar kein Konzept dahinter gibt, was wer wie wo studiert oder studieren kann, wenn anything goes die Maxime ist und wenn Unterschiede im Können durch eine zunehmend egalitäre Notenvergabe ausgeschliffen werden, dann greifen eben andere Mechanismen, die leider viel härter sind, später im Leben kommen und die in ihrer Gnadenlosigkeit viel ungerechter sind als eine frühe pädagogisch ernsthafte Härte. Nur kann dem Staat es dann eben etwas egal sein, denn den Rest regelt der böse Arbeitsmarkt, und für den kannst du als Politiker nichts, du kannst die Opfer dann mit Sozialleistungen abfedern – und die sind dann perfiderweise im Haushalt höher, viel höher, als die Bildungsausgaben. Nur – sinnvoller wäre es eben anders herum.

Und so gehst du in Dortmund an teilweise ausgezeichneten Arbeiten vorbei, bist traurig, in der Flut keine Zeit für das Einzelne zu haben, durch die Masse innerlich unruhig zu werden und nur kursorisch hier zu blättern und dort zu schauen, weil es so ist, als würden in einem Plattenladen fünfzig Alben gleichzeitig laufen. Das Zuviel, an dem die Gesellschaft ja insgesamt leidet, wird hier erstickend deutlich. Und wo es einerseits enorm Freude bereitet und Stolz macht, dass so viele junge Menschen so kreativ auf die Reise gehen, sich entdecken und testen und finden, wo es toll ist, wie jeder individuell sein Ding macht… so zynisch wird man in der Gesamtschau, wenn man sich betrachtet, wie in der Design-, Photo-, Architektur- und Filmbranche gerade Aufträge vergeben werden und wie schon die bestehende Struktur kaum noch ernsthaft aufrechterhalten werden kann. Und gerade da wirst du traurig, wegen des Missverhältnises zwischen den guten Arbeiten und den tollen Leuten hier, die mit Herzblut und Energie bei der Sache sind, und der harten Realität, die diese Leute zwingt, sich härter und schneller zu prostituieren oder unter Wert zu verkaufen, als gesund ist. Ich jedenfalls drücke den Absolventen, die hier teilweise großartige Arbeiten gezeigt habe, beide Daumen…

So, genug geredet, her mit ein paar lose geschossenen Eindrücken:

hd schellnack
(weiterlesen …)

09:12 Uhr. Kategorie Design. Tag . 6 Antworten.

Abfall

abfall.jpg

17. Juli 2010 20:15 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Licht

  licht4.jpg

16. Juli 2010 17:15 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Massive Attack: Heligoland

hd schellnack

Massive Attack ist die Sorte Band, die sich von einer losen Gruppe Kumpel, die nur Spaß haben wollen und über ein paar Lieblingstracks singen (oder singen lassen) zu einer einer todernsten Sache gemausert hat, die im Zweifelsfall auch nur mal nur noch von einem Teil des Kollektivs produziert wird. Die Distanz zwischen dem ursprünglichen musikalischen Können und dem Anspruch an jedes neues Album der Band könnte kaum größer sein. Kein Wunder also, wenn bei Heligoland , dem fünften offiziellen Studioalbum der TripHop-Mitbegründer aus Bristol stolze sieben Jahre gebraucht hat und einerseits nach dem vorhergehenden Fast-DelNaja-Soloalbum auch Daddy G (Grant Marshall) wieder an Bord holt, andererseits die vielleicht umfassendste Kollaboration ist, die die an Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern ja nicht wirklich sparsame Band jemals abgeliefert hat. Die Liste der Gastmusiker und -vokalisten ist so lang wie beeindrucken, mit TripHop-Größen wie der Ex-Tricky-Sängerin Martina-Topley-Bird, dem regelmäßigen Massive-Gast Horace Andy, aber auch illustren anderen Namen wie Damon Albarn (Blur, Gorillaz), Ryuichi Sakamoto (als Remixer), Guy Garvey (Elbow) und Tunde Adebimpe (TV on the Radio), die anscheinend nur eine kleine Auswahl aus den Superstars sind, die sich bei DelNaja die Klinke in die Tür gaben in den vergangenen Jahren.

Das Ergebnis ist ein Album, das einerseits poppiger und offener klingt als das extrem düstere und introspektive 100th Window, das aber keinen Deut weniger intensiv oder grandios produziert ist. Tracks wie Babel, von Topley-Bird gewohnt lasziv hingeworfen, oder Paradise Circus, mit Hope Sandoval an den Vocals (fast ebenso sleepy wie MTB, aber etwas souliger), gehören mit zum besten, was Massive Attack abgeliefert haben, groovend, druckvoll, meisterhaft auf den Punkt – eine seltsame Fusion aus den düsteren Soundbänken der letzten beiden Alben und einem offeneren elektronischeren Sound der ersten beiden Alben. Tanzbarer, soweit man dieses Wort bei Massive in den Mund nehmen mag. Beileibe keine Musik für den fröhlichen Morgen, aber auch nicht mehr der suizidal langsam feindselig treibende Basswummer von Mezzanine und Window. Die Platte ist souliger, beschwingter, bissiger. und dabei so abgefedert, dass man sich fragt, wieso das alles so lange gebraucht hat. Nichts wirkt verkopft oder überproduziert, die Tracks haben mitunter eine skizzenhafte Leichtigkeit, die täuschen mag und Ergebnis harter Arbeit ist, aber denen man die sieben vergangenen Jahre (wenn man Danny the Dog nicht mitzählt) kaum anmerkt, und die den alten tanzbaren Groove von DaddyG mit der Indie-Düsternis von 3D koppelt. Das wie eine postnukleare Polka daherschleppende Splitting the Atom erinnert fast an Karmakoma und die ganz ganz frühen Massive, während Flat of the Blade eine psychedelisch schwirrende Nummer von solcher Traurigkeit ist, dass es dir das Herz zerfetzt.

Dabei ist Heligoland beileibe kein «leichtes» Album, sondern ein in intensivsten Bässen und schleppenden Beats, seltsamen Halleffekten und elektronischen Blubbern und Bleepen grandios tiefes Album, gegen das etwa Blue Lines seltsam naiv und unschuldig wirkt und Protection zu übertrieben und theatralisch gegenüber dem unglaublich auf den Punkt gebrachten, routinierten, abgeklärten Heligoland. Das Album hat einen Hauch von Spätwerk, musikalisch einerseits reicher als je zuvor (wie die orchestrale Einlade bei Girl I Love You belegt), andererseits laid back und im besten Sinne des Wortes cool. Die Band muss sich niemandem mehr beweisen und hat sich offenbar mit Freunden einfach ein Album geschenkt, dass die besten Aspekte aller bisherigen Arbeiten fusioniert und dadurch ein neues Level erreicht. Kaum eine Band im Bereich der elektronischen Musik hat die Tiefe, Flexibilität, Ausdrucksbreite und Bedeutung von Massive Attack erreicht, und das nach über 20 Jahren Bandgeschichte absolut zu Recht – so wie Radiohead sich von der Gitarrencombo zu einem ganz anderen Biest entwickelt haben, ist auch aus der der lockeren Groovecombo längst eine Art Konzeptprojekt geworden, das frei von jedem Anspruch, noch den Zeitgeist prägen zu müssen, zum ganz großen Headtrips in der Lage ist.

14:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Moon

hd schellnack

Achtung Spoiler!

Moon ist eindeutig ein Rockstar-Film mit David Bowies Sohn Duncan Jones als Autor/Regisseur und Trudie Styler, Stings Ehefrau, als Produzenten. «Rock» nicht nur im Sinne von einer kontrollierten Energie und Wut, sondern auch im Sinne einer Sehnsucht nach der Vergangenheit, nach Einfachheit. Moon ist ein ausgesprochen handgemachter, ehrlicher Film, der ohne Scheu vor ZItaten und Anspielungen eine ganze Schatzkiste von SF-Filmen der 70er und frühen 80er Jahre zitiert, bevor Star Wars das Genre vergiftet hat. Die 2001-Referenzen sind fast allzu offensichtlich und tatsächlich reines Stilmittel (etwa so, als würde man in einem Gitarrensolo einen Jimi-Hendrix-Wahwah nutzen oder so wie Jack White sich auf Sea of Cowards mehrfach bei Deep Purple bedient), aber auch andere Filme wie Soylent Green, Operation Ganymed, Andromeda Strain, Solaris, Westworld, Outland, Alien, Silent Running, Space:1999 und so weiter (plus sicherlich Gattaca), kommen in der einen oder anderen Form vor – teilweise als direkte Anführung, teilweise, indem sich Jones einer fast vergessenen Ästhetik bedient, die weggeht von Ritterspielen im Weltall und zurückfindet zu der stillen Ästhetik gealterter Computer, pragmatischer Wandverkleidungen und glaubhafter Technologie. Was man als Appropriation abtun könnte, als reine Homage, ist aber eher die Wiederentdeckung eines Genres, das so rein und klar selbst in Sunshine nicht wiederauferstanden war, und das hier vor allem nicht an der ästhetischen Oberfläche des Kubrick-Zitatenstadls bleibt, sondern um eine großartige Story gewickelt ist, die in sich das 2001-Zitat braucht, um den Betrachter in die Irre zu führen. Denn mit 2001 hat Moon so gar nichts gemeinsam.

Preiswert in nur 33 Tagen produziert, auf digitale Effekte weitgehend verzichtend, mit einem grandiosen, sublim einfachen und wunderschönen Score von Ex-Pop-will-eat-itself-Frontmann Clint Mansell (der übrigens auch Requiem for a Dream vertonte), ist Moon vor allem ein Meisterwerk der Reduktion, schmal und schlank wie ein Western, ein Kammerspiel unter den SF-Filmen (wo 2001 eher große Oper war), ein stiller Film, nicht nur, weil es eigentlich nur einen einzigen Darsteller gibt, begleitet von Kevin Spaceys Stimme als Roboter Gerty. Rockwell, der in Iron Man 2 in neurotischem Overacting eher nervte, ist hier auch voller Ticks und Eigenarten, die aber im Verlauf der Films zunehmend Sinn machen, wachsen, dir ans Herz wachsen. Rockwell gelingt das Kunststück, die klassischen Zwillingsszenen, die stets so artifiziell und nervig sind, wunderbar abzufedern und aus der Ruckartigkeit, der leicht unwirklichen Zeitversetzung der Doppelbelichtung, einen Schwebezustand zu melken, von emotionalen Übersprüngen und Pausen, der ebenso irritierend wie perfekt zur Story passend wirkt.

Die Geschichte als solche wirkt wie ein uneheliches Kind von Stanislaw Lem und Philip K. Dick – die Geschichte eines Helium3-Minenarbeiters Sam Bell, auf der Dunklen Seite des Mondes, der kurz vor seiner Rückkehr zur Erde nach Ablauf seines Drei-Jahres-Vertrages bei einem Unfall ohnmächtig wird und kurz darauf in der Krankenstation seiner Basis wiedererwacht. Sam erwischt seinen Serviceroboter Gerty bei einer seltsamen Live-Schaltung zur Erde – obwohl die Sendemasten angeblich seit Jahren defekt sind und nur aufgezeichnete Videobotschaften möglich sein sollen – und reagiert entsprechend seinem aggressiven Naturell bockig, als er die Station nicht verlassen darf, um einen defekten Helium-Harvester zu überprüfen. Als er sich herausschleicht, entdeckt er bei dem Harvester ein Mondmobil, in dem er selbst ohnmächtig liegt. Sam bringt sein Double in die Station, wo sich zwischen den beiden Sams ein wunderbar trocken geliefertes Kammerspiel um Identität entfaltet, bis den beiden klar wird, das nicht einer von ihnen das Original und der andere der Klon ist, sondern beide unecht. Sam-1 schafft es, dem Störsignal seiner Arbeitgeber zu entkommen und zur Erde zu videophonieren und entdeckt, dass viel mehr Zeit als nur drei Jahre vergangen ist, dass der echte Sam Bell bei seiner Tochter lebt, dass Bells Frau verstorben ist und dass Lunar Industries anscheinend seit langer Zeit immer wieder neue Klone aktiviert, die in ihrer Lebensdauer von drei Jahren zunehmend krank werden, bis sie «nach Hause geschickt» und in der Kapsel, die sie angeblich zur Erde zurückträgt, vernichtet werden. Während sich das Reparaturschiff Eliza, dass die beiden Klone sicher umbringen würde, dem Mond nähert, planen die beiden Sams ihr Entkommen. Es gehört fast zu den Minuspunkten des Films, zu einer Abweichung von den düsteren Dystopien der 70s, dass der jüngere Sam tatsächlich mit einer Helium-Transportkapsel entkommen kann und zur Erde gelangt, wo er versucht, Lunar Industries bloßzustellen. Jones leistet sich aber den Luxus, im vermeintlichem Happy-End einen Gifttropfen einzurühren: Sam-2 wird in einem Voice-Over einer Talkshow am Ende als Spinner bezeichnet, der eingesperrt gehört. Kann sich Erde wirklich leisten, ein System, das 70% des globalen Stromverbrauchs sichert, zu opfern, nur weil dort oben eine Art serieller Genozid an künstlichen Menschen stattfindet? Wahrscheinlich nicht. Insofern darf man getrost fragen, ob Lunar Industries wirklich «big bad business» ist oder aus der eigenen Sicht sogar human handelt, indem es einen Menschen zweiter Klasse an diesem unmenschlichen Ort bei diesem hohen Mortalitätsrisiko arbeiten lässt, während der echte Sam Bell bei seiner Familie bleibt und nur ein paar gezüchtete Zellen von ihm auf der Dark Side of the Moon leben, leiden und sterben. Wer – außer Gerty – kann schon wissen, was im Kopf eines Klons vor sich geht?

Es sind diese moralischen Nuancen, die den Film bemerkenswert machen. Ist es nicht eigentlich humaner, geklonte Fließbandmenschen im Kontext einer aufwendig fabrizierten Lüge zu verheizen, um den Energiehunger der Welt zu sättigen, als echte Menschen dort oben drei Jahre in der absoluten Isolation langsam wahnsinnig werden zu lassen? Ist das so anders als das Argument, Tiere dürften in pharmakologischen Experimenten umgebracht werden, damit Menschen keine Nebenwirkungen bestimmter Make-Ups oder Medikamente erfahren? Sind die drei Sams – und die zahllosen anderen im unteren Bereich der Station – denn wirklich Menschen? Es ist Rockwells Leistung, solchen moralischen Fragen durch schieres. drastisches körperliches Leid einerseits als Sam-1 und durch stille, entschlossene, fast teenagerhafte Wut andererseits als Sam-2 eine Antwort zu geben: «We’re not programs, Gerty, we’re people». Denn für den Roboter Gerty, der den beiden Sams stillschweigend hilft und zu einer Gegenfigur zum sinistren HAL mutiert, tatsächlich durch eine Art animiertes Smiley-Gesicht Gefühle kommunizieren kann, sind die Klone genau das: Teil einer Routine. Sie wachen auf, sie essen, sie schlafen, sie machen ihren Job, sie werden verbrannt, sie wachen auf, wash-rinse-repeat, seit mindestens 15 Jahren. Und so steckt hinter Gertys scheinbarer Hilfestellung – die glaubhaft wirkt, der Roboter ist immerhin auf das seelische Wohlbefinden von Sam programmiert – auch der Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität, zum Kreislauf der Funktionalität. Gerty hilft Sam auch, um diesen Faktor der Unsicherheit, des Chaos aus der Programmroutine zu verbannen. Dass der Roboter sich am Ende rebooten lässt, um «zu vergessen», ist auch der Wunsch, zur Normalität zurückzukehren, diesen «Glitch» zu verbannen, den Virus des falschprogrammierten, amoklaufenden Sams zu verdrängen, den Spiegel mit Sams aufgemalten Gesichtern zum x-ten Mal auszuwischen, damit der nächste Sam Tag um Tag seine Stimmung darauf malen kann. Es ist das Kunststück von Moon, uns vergessen zu lassen, dass wir über 99% des Films keine wirklichen Menschen sehen, sondern nur mechanische und biologische Maschinen. Sam-2 flieht nur deshalb, weil es Teil seines biologischen Patterns ist, unangepasst zu sein, rebellisch, der angry young man als Generationenkonflikt-Gegenentwurf zu dem müden Sam-1, der vor der Kamera in fast an David Cronenberg erinnernder Brutalität zerfällt und in seiner dreckigen Unterwäsche durch den Großteil des Films schlurft wie ein alter Mann in seinen versifften Windeln.

Die Nüchternheit, mit der die wenigen «echten» Menschen die Klone behandeln, zeigt, dass die Nutzung künstlicher Menschen als Humankapital keine Ausnahme zu sein scheint. Einweg-Menschen, die man gebraucht und wegwirft wie Taschentücher oder Feuerzeuge, der Traum des neoliberalen Arbeitsmarktes, und die nach ihrer Ablaufzeit in alter Frische aus der Kühlbox springen und nahtlos weiterarbeiten, ohne Pause, ohne Fragen. Und ob sie für sich leiden oder nicht, ob sie still wahnsinnig werden, wen mag das auf der Erde scheren? So wird Moon in aller Stille und Beiläufigkeit zu einer Meditation über die Art und Weise, wie wir auf der «entfernten Erde» uns herzlich wenig scheren, unter welchen Bedingungen unsere Energie, unser Essen, unsere Alltagsprodukte entstehen, solange es halbwegs still und leise passiert und nicht irgendwelche Handykonzern-Mitarbeiter gehäuft von den Dächern springen. Moon ist die Auseinandersetzung mit dem Dickschen kleinen Malocher, dem street-level-guy, der nichts besonderes ist und nichts besonderes kann, und der uns als Rad in der Maschine entgegen springt, um das Versagen der Maschine zu verdeutlichen. Das endlos in Reihe multiplizierte kurze Leiden und Sterben der Sam Bells zeigt, das es keine «sichere und saubere» Energie gibt, nicht einmal, wenn sie vom Mond kommt, es zeigt, dass jeder Luxus einen Preis hat, egal wie klein und still und weit entfernt er sein mag. Von hier ist es freilich nur ein kleiner Sprung zu den unendlichen gesellschaftlichen Leiden, die wir uns selbst, vor allem aber anderen für Öl und Benzin zumuten. Angesichts der Tatsache, dass wir für das schwarze Gold ganze Kriege führen, was sind da ein paar Wesen aus dem Labor? Die Jones ja nicht ohne Grund in ein Setting einbaut, dass den Seriencharakter von moderner Produktion betont – es gibt nahezu alles mehrfach in diesem Film, Harvester, Mondmobile, Uniformen, die Wichtigkeit von Redundanz ist immer unterstrichen -, auch wenn er uns permanent die Einwegschachteln von Sams Essen zeigt, die später fatale Ähnlichkeit mit den Schlafkammern der Klone aufweisen, die eben auch aus der Einwegbox kommen. Aufreißen, aufbrauchen, wegwerfen, aufreißen…

Obwohl Duncan seine Vorbilder nahezu dreist zitiert – inklusive der psychedelischen Sequenz aus 2001, die überdeutlich bei Sams eintreten in die Erdatmosphäre aufgegriffen wird -, und man insofern im übertragenen Sinne hier Hendrix Gitarre, hier Lords Orgel, dort Bonhams Schlagzeug hört, ist Moon tatsächlich ein Gegenentwurf zu 2001. Wo Kubrick auf den Bombast, die Orgie von Bildern und Eindrücken, auf ein hypertrophes und durchaus auch schwurbeliges Feuerwerk von ganz gegensätzlichen Impulsen setzt, ist Moon ein ungeheuer disziplinierter Film, der tatsächlich mehr von der Trucker-Crew-Bodenständigkeit von Outlaw oder Alien hat. Wo 2001 perfektionistisch ist, leistet sich Duncans B-Movie zahlreiche Fehler und Unsauberheiten, die aber nur zu perfekt zur Atmosphäre des Films passen. Wo Kubrick große Oper will, spielt Jones fast ein Solo im Wohnzimmer – und gerade diese Reduktion, diese aufrichtige Ehrlichkeit macht Moon nur noch bemerkenswerter und verleiht dem Film eine ungeheure Poesie. Nicht nur in der stillen und beklemmenden Atmosphäre des Mondes, die so farblos und trist ist wie Sams Leben, sondern auch in den kleinen Details, die Sams Existenz glaubhaft und dreidimensional machen – zahllose Post-Its, skurrile Hobbys, Fellwürfel im Mondmobil. Jones trifft so die alte Thematik «Die Einsamkeit des Astronauten» in kürzester Zeit auf ins Zentrum – und umgeht doch diesen klischeebeladenen Plot, indem er aufzeigt, wie unmenschlich die «humane» Lösung dieser Problematik ist. Anstatt einen Menschen allein auf dem Mond auszusetzen nimmt man eine Menschmaschine – wie dumm nur, dass der künstliche Mensch keinen Hauch weniger liebt, fühlt und leidet als der echte. Jones nimmt vertraute Klischées des SF-Genres – wie etwa die Replikanten-Kunstmenschen aus Blade Runner – und wendet sie gegen sich selbst. Wo die Klone sonst immer die bösen sind, die getrost sterben oder getötet werden dürfen, gilt hier unser Mitleid, unsere Anthropomorphisierung, dem gezüchteten Wesen, das Jones uns grandios metaphorisch vorwegnimmt, in Form von geschnitzen Holzfiguren und in Form von Bonsaipflänzchen, die Sam als Hobby betreibt, die aber nicht weniger kultiviert und «fake» sind als er selbst. So wie die Streichholzstadt von künstlichen Menschen bewohnt ist, ist auch die Mondbasis nur eine imaginary city, in der keine echte Menschenseele haust.

Es ist seit jeher ein Topoi von SF, sich mit anderen Genres zu vermählen, oder unter dem Deckmantel der Zukunftsprojektion andere Themen abzuhandeln. So ist Alien im Kern ein Horrorfilm (man mag auch argumentieren, ein Western), Westworld ist ein Western, Outlaw ist ein Crime Noir, Blade Runner ist ein Polizeithriller, Soylent Green ein Weltuntergangsfilm und so weiter. Moon nun scheint auf den ersten Blick an kein zweites Genre anzudocken, unter der Oberfläche ahnt man aber, dass Jones zwar einerseits zur puren SF der 60er und 70er zurückkehrt, die Science Fiction um sich selbst ist, zum anderen aber fusioniert er dies mit der theatralischen Form des Kammerspiels, der Ein-Mann-Nummer, im Film, wenn man so will, mit einer an Ingmar Bergmann erinnernden Innerlichkeit, einer psychologischen Betrachtung der Charaktere, die hier selten so klar gespalten waren in den wilden jungen Mann und sein lebensmüdes älteres Pendant. Das der Film streckenweise langsam, handlungsfrei scheint, dass Höhepunkte und Enthüllungen fast beiläufig passieren, dass Jones stets mehr andeutet als verrät, dass Details und Symbole so wichtig sind – all das wird den normalen SF-Zuschauer vielleicht abschrecken, aber es verleiht Moon seine traumhafte, schlafwandelnde Qualität, die nicht nur perfekt zur Metapher des Mondes an sich passt, und auch zur kargen schwerelosen, tödlichen Atmosphäre dieses Trabanten, sondern auch zu dem stillen psychologischen Drama, der Dekonstruktion zweier «Menschen» und ihrer Illusionen, die Rockwell meisterhaft an der Realität zersplittern lässt, in einer oskarreifen Darstellerleistung. Die besondere Qualität ist, dass der Film dabei niemals psychologisch oder aufgesetzt wirkt, sondern sich fast beiläufig gestaltet, novellistisch arbeitet.

Unter dem stumpfen Lack der Science-Fiction-Geschichte geht es also darum, was uns gute SF immer liefert – die Extrapolation der Gegenwart, der Blick auf das Heute durch den Zerrspiegel von Morgen, die soziale und psychologische Volte gegen den Trend des bestehenden. Das Jones den Kunstgriff macht, uns in einer Art Doppelbespiegelung die Zukunft so zu zeigen, wie wir sie uns vor drei Dekaden vorgestellt haben – und damit unglaublich im Heute anzukommen, in einer Welt verfallender Technologie, mit alten Tastaturen, staubigen Panels und einer Alltagspatina, die so glaubhaft macht, dass das 2030 dieses Mondbergwerkes, in dem die Harvester langsam wie Schafe ihre Runden auf der Mondoberfläche drehen, zeitlos ist, schon 1970 errichtet wurde und seit endloser, undenkbarer Zeit wie ein Perpetuum Mobile vor sich hin tickt, dass Bell seit Unzeiten Gefangener dieses Kreislaufes ist, in einer verfallenden, alternden Station, in der Ergonomie keine Rolle spielt, weil sie nicht von Menschen bevölkert ist – was man nur merkt, wenn man sieht, wieviel eleganter und glatter und moderner die Wohnung auf der Erde im Vergleich wirkt, als Bell mit seiner Tochter spricht. Und das, bizarrerweise, weil die Wohnung unserem heutigen «Stil» entspricht, die Mondbasis aber eine Paleo-Zukunfts-Ästhetik aus den 80ern aufweist.

So dezent, so understated, sind viele Dinge im Film, der voller Liebe und Nuanciertheit ist, ein verkopftes und doch hochspannendes Stück gefilmtes Rock-Konzeptalbum, in dem nahezu kein Detail verschenkt zu sein scheint und in dem mehrfach wieder und wieder nichts so ist, wie es scheint, in dem die Pausen und das Nichtgesagte wichtiger sind als das, was wir zu sehen glauben – und der in seiner trügerisch einfachen Geschichte mehr Ironie und Doppelbödigkeit enthält als man zunächst sehen möchte… ebenso eine optische Täuschung wie die Moiré-Ringe auf dem Plakat. Je länger du hinsiehst, um so mehr wirst du darin auch entdecken.

09:38 Uhr. Kategorie Film. Tag . 3 Antworten.

Licht

  licht03.jpg

10. Juli 2010 02:28 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Aufzug

auszug.jpg

02:12 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

41

41.jpg

9. Juli 2010 10:30 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Eine Antwort.

Tisch

tisch.jpg

10:26 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Strandgut

strandgut.jpg

09:33 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Rex

rex.jpg

8. Juli 2010 15:25 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Spinne

  spinne.jpg

(gar nicht von mir, hat Beate gesehen und gemacht)

14:55 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Rost

redrust.jpg

7. Juli 2010 16:34 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Schauraum 4

hd schellnack

Die über 90 Dortmunder Abschlussarbeiten aus Fotodesign, Grafikdesign, Objekt- und Raumdesign sowie Film zeigt die FH Dortmund vom 16. – 18. Juli 2010 in der vierten Schauraum-Ausstellung. Weitere Infos gibt es hier, einen kleinen Trailer als Vorgeschmack hier.

13:24 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Auf einen Blick…

warnhinweise.jpg

Wenn bei Warnhinweisen eins wichtig ist, dann Übersichtlichkeit ;-)

11:34 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

Pat Metheny: Orchestrion

hd schellnack

Seit Mike Oldfields Tubular Bells ist klar, dass der eigentliche Traum jedes Musiker die eigene technologische Vervielfältigung ist. Was Oldfield mit Mehrspur-Dubbing-Technik als Pionier erreichte, oder James Thirlwell auf seinen manischen Foetus-Alben mit Synclavier und anderen Sampling-Techniken, bringt Pat Metheny jetzt in eine ganz andere Richtung, die fast Steampunk-Format hat. Orchestrion klingt nach allem anderen als einem Solo-Album, ist aber präzise das. Was im Hintergrund wie ein perfekt swingendes, sanft zusammenspeilendes Ensemble klingt, das in makellosen Grooves um die Gitarre des Meisters swingt, ist in Wirklichkeit ein Sammelsurium von antiquiert wirkenden Pumpen, Schlächen, Seilzügen, Motoren und anderen pneumatischen und mechanischen Vorrichtungen, die die diversen Instrumente bedienen. Wie ein altes Pianola hat sich Metheny ein Kunstspiel-Orchester geschaffen, eine automatisierte Band, die, wie er selbst sagt, den Begriff des «Solo-Albums» in eine ganz andere Dimension katapultiert. Die Idee der im 18. Jahrhundert aufkommenden künstlichen Orchester hat Metheny mit High-Tech-Mitteln weitergedacht zu einer Lösung, die nicht nur atemberaubend aussieht, sondern auch so klingt. Wer etwa bei Expansion hört, wie da Vibraphon und Percussion sich in Clustern und Soli austauschen, der kann kaum glauben, dass hier ein Automat spielen soll.

Die herkömmliche Logik einer Ensemble-Jazzplatte ist, dass die meist überragenden Musiker eines Quartetts, Quintetts, Sextetts und so weiter sich in ihrer Virtuosität in der Improvisation gegenseitig anspornen. Metheny belegt hier das Gegenteil, bei ihm wird das Studio selbst zum Mit-Musiker und in der mechanischen Reproduktion seiner Arrangements spiegelt sich kein kongenialer Partner, sondern nur die Multiplikation von Metheny selbst. Es ist – übertragen -, als würde ein einziger Schauspieler geklont alle Rollen in Warten auf Godot selbst spielen… und als würde die Sache nicht das erwartbare Fiasko ergeben, sondern in einer furios meisterhafte Performance münden. Metheny, dem elektrischen Experiment immer zugeneigt, hat ja auch konsequent mit Loops und Synth-Sounds gearbeitet und macht hier eine seltsame Abduktion, die den Charme antiquierter Spieluhren mit dem SF-Touch von Künstlicher Intelligenz vermählt. Die Vielzahl der seltsamen Erfindungen, die Metheny um sich versammelt, und für die er maßgeschneidert komponierte, ist im Booklet auf einigen der Photos zu erkennen und berauschend in seiner «analogen» Ästhetik, eine grandiose Verschmelzung von High- und LowTech.

Die daraus entstehende Maschinenmusik brilliert in teilweise so filigranen, feinen Strukturen, kann aber auch mit mathematischer Präzision unmenschlich saubere Läufe und Figuren hervorbringen, die nur der virtuoseste Musiker in dieser Makellosigkeit reproduzieren könnte. Das Roboterorchester ist freilich nicht so inspiriert wie vielleicht von Menschenhand gespielte Instrumente, und sicher würde dieses Album mit der Metheny-Group nicht schlechter, vielleicht sogar besser klingen, aber die Dynamik und Präzision und … Beschwingtheit, mit der hier Pumpen und Seile die diversen Instrumente bedienen, ist auch jenseits des schieren Jahrmarkt-Experimentes atemberaubend. Selbst wenn man nicht weiß, WIE diese Musik entstanden ist, kann man sich dem Bann der federleichten, komplexen und langen Kompositionen nur schwer entziehen, die vielleicht entgegen der a-sozialen Entstehung unglaublich offen, fröhlich, entfesselt und kommunikativ klingen. Der Battle der Talente fehlt dem Ganzen und so wird die Selbstbespiegelung von Pat Metheny zu einem seltsamen Erlebnis, in dem die Mannschaft der Star ist, und zwar im doppelten Wortsinne, weil der Star eben auch die Mannschaft ist in diesem Fall. In diesem Universum ist jeder Stern Metheny selbst, und während Oldfield noch geradezu vorführte, wie viele Instrumente er beherrscht, mit endlosen Solostimmen, scheint Metheny das eher verbergen zu wollen und präsentiert ein geschlossenes Ganzes, das selten eitel auf die eigenen Möglichkeiten hinweist. Es ist fast atemberaubend, wie Metheny als Schaltmoment in diesem Maschinenpark frei und lebendig improvisiert und in den komplexen, abwechslungsreichen Kompositionen immer seinen Weg findet, ein Give-and-take der Musiker mit dem Solisten simuliert.

Es ist ein egozentrisches Album, ein seltsames Experiment, ein Abenteuer, ein Kinderspielplatz, auf dem es zwitschert und zirpt, wo Flaschen wie von Zauberhand Melodien spielen und inmitten dieses Maschinenparks sitzt fast verloren der Peter Pan, aus dessen Hand dieses Roboterorchester Leben schöpft. Orchestrion ist insofern ein Zeugnis des eigenen Spieltriebs, auch des eigenen Genies, soviel Eitelkeit darf sein, ein Spiegelzimmer, in dem sich Metheny grandios und überzeugend selbst multipliziert, und das bei aller Eitelkeit, die ein solches Projekt auch haben darf und muss, vor allem neugierig und forschend scheint, Werk eines Musikers, der sich nach all den Jahren und Erfolgen immer noch austoben und entdecken möchte, der Virtuose ist und von dieser Virtuosität auch etwas gelangweilt nach neuen Möglichkeiten sucht, nach der Wand, an der er vielleicht auch endlich aufklatscht und scheitert. Nur dieses Album ist sicher nicht die Wand, an der Metheny zerschellt – im Gegenteil. Der Vergleich mit einer «echten» Band gilt nicht, in dieser Konstellation hat Metheny reichlich eingespielt, warum noch eins mehr machen – und als Experiment, musikalisch wie mechanisch, ist Orchestrion schlichtweg atemberaubend. Ein viriles, vor Leben strotzendes Album eingespielt von Computern und Maschinen und einer menschlichen Spinne im Zentrum ihres Netzes, die all diese federleichte melodische kompakte Musik in harter Kleinarbeit geschrieben, arrangiert, programmiert hat, ohne dass man der Musik die Anstrengung jemals anmerken würde. Die höchste Kunst eines Zauberers ist, das Leichte schwer und das Schwere leicht wirken zu lassen – und diesen Kunstgriff meistert Metheny hier ohne jeden Makel, ganz bei sich, ganz nach sich selbst klingend. Reiner und zugleich vielseitiger kann man es sich kaum vorstellen.

10:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

CS5 Erste Eindrücke

hd schellnack

Installation
Die Installation fühlt sich nach wie vor ausgesprochen seltsam an. Man startet die DMG, klickt auf das CS5-Icon, ein neues Ordner-Fenster mit «Install» öffnet sich und erst nach klicken hierauf geht es wirklich einigermaßen los. Ich kann verstehen, dass Adobe auf der Windows wie auf der Mac-Plattform ein ähnliches Benutzungserlebnis herbeiführen will, aber der Preis dafür ist, dass es sich auf beiden Plattformen nicht «nativ» anfühlt. Man klickt auf OS X mehrfache Subroutinen, bevor die Installation überhaupt startet, das systemübliche drag’n'drop-Installieren gibt es nicht. Statt dessen setzt Adobe auf eine eigene Installationsroutine, im Adobe-Air-üblichen Look, in dunkelgrau und blau gehalten, die nicht nur bizarr lange dauert, sondern dem Nutzer das Gefühl gibt, sein Betriebssystem komplett verlassen zu haben. Abgesehen davon, dass solche eigenen UIs eine Menge Arbeit darstellen und extrem anfällig für Veränderungen sind, während Standardroutinen einfach immer up-to-date aussehen, weil sie an das jeweilige UI des Betriebssystems andocken können, frage ich mich, wieso Adobe als fast letzte Firma der Welt auf einer eigenen Sub-Oberfläche besteht, anstatt auf GUI-Standards aufzusetzen. In Sachen Usability ist das ein Flop.

Photoshop
Was lange, lange, lange währt, wird endlich wahr. Während das deutlich preiswerte und nicht so viel leistungsschwächere Tool Pixelmator bereits seit langem 64bit bedient und dabei unglaublich schnell ist und sehr große Dateien verdauen kann, hat es bei Adobe halt etwas länger gedauert, die 4-GB-Grenze zu sprengen.
Photoshop fühlt sich in 64bit greifbar schneller und reaktiver an und kann endlich seinen großen Speicherhunger besser bedienen. In Zeiten, wo die meisten Rechner für Bildbearbeitung 8-32 GB RAM haben, ist das auch mehr als überfällig.

Vielleicht fühlt es sich aber auch nur schneller an, weil noch keine Plug-Ins (außer Exposure 3 von Alien Skin und Adjust 4 von Topazlab) unter 64bit laufen, alle anderen Plugs lassen sich nur nutzen, wenn man im 32bit-Modus startet. Das ist irgendwie ärgerlich und man sollte einen Weg gefunden haben, um Plugs als 32-bit-Subapplikation laufen zu lassen. Also laufen derzeit zwei Photoshop-Versionen auf meinem Rechner.

Die neuen Tools wie Formgitter und inhaltssensitives Füllen sehen auf den ersten Blick vielversprechend aus – aber auch hier wird nur die Praxis zeigen, was sie taugen.
Das inhaltssensitive Füllen scheint nach einigem Probieren eher Matsch und Chaos als brauchbare Ergebnisse zu bringen… man hat ein Objekt meist schneller weggestempelt als es hiermit zu entfernen. In einigen kritischen Stellen vorsichtig angewandt, waren die Ergebnisse aber brauchbar. Der Puppet Warp wirkt hochkomplex und keineswegs mit «Verflüssigen» zu verwecheln, weil hier nach «physiologischen» Regeln ein ganzes freigestelltes Objekt modifiziert werden kann. Ob das für andere Dinge als Arm/Bein-Verschiebungen und einfachste Animationen sinnvoll ist… abwarten.

Die verbesserte Kantenbearbeitung einer Auswahl ist beeindruckend. Ich glaube nach wie vor, dass sich im Grunde mit pixelbasierten Methoden kaum wirklich gute Freistellergebnisse erzielen lassen – am saubersten wirkt irgendwie immer noch das Pfadwerkzeug –, ist hier mit sehr einfachen Schritten gerade bei Haaren tatsächlich ein beeindruckendes Ergebnis zu erzielen, das sogar teilweise Farben aus dem Hintergrund entnehmen kann. Ein schlechtes Photo kann man so auch nicht retten, aber ein sauber photographiertes Objekt mit Flusen oder Haaren, die sich für «hartes» Freistellen nicht eignen, hat hier vielleicht eine Chance.

Die Objektivkorrektur muss ich mir noch in Ruhe ansehen – ich mache das meist direkt in Lightroom oder idealerweise in LensDoc. Inwieweit Photoshop hier leistungsstark ist und ob es genügend (passende) Objektive sowohl für die Canon5DII (was vielversprechend aussieht) als auch für die S90 (leider bisher nichts) gibt.

HDR machte bei den ersten Versuchen sowohl mit einzelnen Bilder und Fake-HDR-Toning als auch mit Serienaufnahmen keinen sonderlich guten Eindruck, da habe ich bessere Tools gesehen. Allerdings ist der Workflow von Bridge/Lightroom zu Photoshop geradezu genial einfach, vom RAW zum HDR ist ein Kinderspiel. Verwirrend ist, dass die HDR-Preview mit dem fertigen Ergebnis nicht unbedingt viel gemein hat. Bei den ersten Versuchen wirken Farben im Ergebnis zu satt, der ohnehin übertriebene HDR-Look einfach zu übermächtig. Mit etwas Feintuning lässt sich das hoffentlich besser verwenden.

Auch mit dieser Version führt das Photoshop-Team vorsichtige UI-Änderungen ein, etwa ein neues Zoom-Verhalten, das zunächst ungewohnt, nach einiger Einarbeitung aber extrem nützlich ist. Ähnlich wie das Pixelraster oder Preview-Effekt beim Stempel lassen sich alle diese Änderungen aber auch wieder deaktivieren. Wenn Adobe PS noch einige ästhetische Einstellmöglichkeiten verpassen würde (wie bei Lightroom oder bei Bridge), wäre PS wahrscheinlich eines der vielseitigsten Programme am Markt, das der Nutzer sich völlig an seine eigenen Bedürfnisse und Arbeitsprozesse anpassen kann, inklusive der Möglichkeit, komplett eigene Funktionspaletten zu erstellen.

Die in Extended deutlich gewachsenen 3D-Features habe ich noch nicht ausprobiert… ich habe aber bisher auch noch niemals in PS «dreidimensional» gearbeitet, da gibt es im Zweifelsfall bessere Werkzeuge.

Keine Frage – aus dem CS5-Paket hat sich bei Photoshop am meisten getan. Wie bei fast allen neuen Features einer Software, die so lange am Markt ist, darf man sich fragen: Braucht man das? Und die Frage kann sich nur jeder selbst beantworten. Die Schwäche von PS ist sicher derzeit, dass es mehr und mehr versucht, die eierlegende Wollmilchsau zu sein, während andere Programme in 3D, HDR, RAW-Processing einfach als Spezialisten deutlich besser dastehen.

Außerdem wird klar, dass das Interface etwa gegen das von Lightroom einfach altbacken und überarbeitungsbedürftig ist. Photoshop trägt den Ballast von zwei Dekaden im Gewand und das merkt man an allen Ecken und Enden, zumal die PS-Gemeinde Adobe jedes mal lyncht, wenn selbst völlig veraltete Routinen endlich mal abgeschaltet werden.

Indesign
Rein optisch ist in Indesign ebenfalls wenig passiert. Aber tatsächlich sind es diese kleinen UI-Änderungen, die das Upgrade sinnvoll machen. So ist es beispielsweise jetzt direkt über die Menüleiste möglich, Farben für Flächen und Konturen zu ändern (womit wir bei gefühlten zehn verschiedenen Methoden sind, dies zu tun), und die Software merkt automatisch, ob man einen Text markiert hat oder eine Fläche. Zwei Zeilen Text einfärben geht so viermal so schnell wie bisher. Die überarbeitete Ebenenpalette ist auf den ersten Blick verwirrender als bisher – obwohl durch Illustrator grundsätzlich ja vertraut – aber auch deutlich leistungsfähiger. Die neue schnellere Auswahl von Rahmeninhalten wird nach etwas Umgewöhnung ein echter Bonus sein.

Der PDF-Export im Hintergrund ist auch so eine Sache, die schon längst fällig war, immerhin kann Word schon seit fast zehn Jahren im Hintergrund drucken. UI-technisch ist das extrem schlecht gelöst, weil man zunächst denkt, gar keine visuelle Kontrolle mehr über den Export-Fortschriftt zu haben, bis man entdeckt, dass es unter Fenster > Hilfsprogramme > Hintergrundaufgaben eine Palette gibt, in der, wenn man sie nur breit genug aufzieht, ein Export-Balken erscheint. Den aber hätte man ganz charmant auch in der Fußleiste des Programmfensters unterbringen können. So fühlt es sich etwas unelegant an – was schade ist, weil das Feature an sich sehr gelungen ist, man kann endlich auch während langer Dokument-Exporte schon weiter arbeiten und sogar den nächsten PDF-Export starten. Es mag spät kommen, aber es kommt and god bless.

Die Modifikation von Seitengrößen in Indesign ist an sich keine Innovation, dtp tools hatten hier mit Page Control bereits seit CS3 gezeigt, wie einfach und effektiv das geht (wie sie auch seit langem zeigen, dass eine Photoshop-artige «History»-Palette mit Snapshots usw. funktioniert). Jetzt geht es endlich auch ohne Plug-Ins und es läuft anscheinend solide genug. Etwas ärgerlich finde ich, dass man direkt aus der Seitenpalette heraus nicht frei Seitengrößen ändern kann, sondern dort nur definierte Größen (auch selbstdefinierte) nutzen darf.

Die Mini-Bridge bringt eine aus Fotostation bei mir sehr beliebte Funktionalität nahtlos in die CS-Suite und dies sehr komfortabel: Über ein kleines Menüfenster kann man sich die Bilder eines Ordners in den verschiedensten Formen anzeigen lassen, ohne aus der Applikation zu Bridge o.ä. switchen zu müssen. Nicht so übersichtlich wie Bridge, nicht so komfortabel wie Fotostation (das aber gegen Bridge generell zusehends abstinkt), aber eine willkommenere Erweiterung von Bridge und bei bestimmten Projekten sicher extrem hilfreich.

Die neuen Auswahltools finde ich ad hoc erst einmal verwirrend. Was bei den ersten Tests ganz prima war, wird beim Arbeiten in komplexen Layouts sehr schnell auch sehr nervig, weil man nie ganz weiß, ob man nun den Rahmen schiebt oder doch schon aus Versehen wieder ins Innere des Rahmens gerutscht ist und nun den Content herausschiebt. Wahrscheinlich Übungssache. Aber manchmal wünscht man sich dann doch wieder die alte Schwarzer Zeiger/Weißer Zeiger-Lösung zurück.

Die Möglichkeit, Text über Spalten hinweg zu setzen, ist so simpel wie überfällig und wird Magazinmacher und Broschürenlayouter mit vielen Zwischentiteln maßlos beglücken.

Die neuen Multimedia-Funktionen… da muss man sehen, was die Zukunft bringt. Adobe bereitet sich hier auf etwas vor – den Sprung zum animierten ePrint –, was leider auf einem der wichtigsten Trägermedien dieses Sprungs (iOS) mangels Flash-Support nicht funktioniert. Wenn Adobe nicht einen Trick findet, um in PDF völlig ohne jede Notwendigkeit eines Players Flash einzubetten (und sofern Apple dann nicht auch noch PDF ausgrenzt), ist die ganze Flash-Integration in CS5 eher für die Katz und Adobe setzt aufs falsche Pferd. Ansonsten wirkt es auf den ersten Blick seltsam, direkt in Indesign einfache Animationen usw zu machen und diese direkt nach SWF/HTML zu exportieren. Dürfte aber erleichtern, einfach schnell und integriert mit einem Werkzeug, die Interaktivität eines groben Website-Scribbles zu zeigen. Wobei ich die weniger und weniger in Indesign mache. Wobei man sehen muss, wie das Zusammenspiel mit Dreamweaver und eventuell auch mit Catalyst ist – es reicht ja, wenn man einen soliden und anschaulichen Dummy hinkriegt.

Was mir immer noch fehlt ist eine effektive, InCopy-lose Kooperation an einem Dokument im Team, aber auch Editierbarkeit per Browser durch den Kunden (einschränkbar), eine bessere Lösung für «formlosen» also fluiden/dynamischen Content, eine effektive und solide Datenbank-Lösung, die an MySQL andocken kann, aber auch an Excel uswpp (und zwar komfortabel, die meisten Plug-Ins sind hier ein Alptraum). Also Dinge, die das Publishing team- und kundenfreundlicher sowie webkompatibler machen. Und eine ganze Menge Details, von simplen Sachen wie einer glyphen/kontextsensitiven Unterstreichung, bessere Trennung, besseres Ligaturhandling und und und… all sowas steht auch noch auf der Wunschliste. Indesign entwickelt sich in eine neue Richtung, und die alte Richtung… das banale gute alte Printdesign… ist nicht einmal ansatzweise perfektioniert.

Bridge
Der Bildbrowser, früher ein wahrer Alptraum, mausert sich zu einem mehr als alltagstauglichen Tool, das zusätzliche Werkzeuge wie etwa FotoStation eigentlich für die meisten Designer überflüssig macht. Neue Export-Funktionen, die MIni-Bridge, ein spürbar aufgeputschtes Tempo, der nach wie vor unschlagbar modulare Arbeitsbereich und viele andere Detailverbesserungen haben Bridge vom Ärgernis zum Rundum-Werkzeug gemacht, das zwar immer noch fast allergisch langsam auf EPS reagiert (eigentlich ja ein Adobe-Hausformat, mit dem FotoStation sehr viel besser zurechtkommt), ansonsten aber fast unersetzbar geworden ist. Ich würde mir fast wünschen, Bridge und Lightroom (und evtl. Photoshop) würden verschmelzen.

Illustrator
Ich arbeite selten mit Illustrator, vielleicht weil ich Freehand-User war und mit Illustrator nie war wurde. Bis heute finde ich, dass Illustrator einfach nahtlos in Indesign eingebaut sein sollte und fertig, und ich denke, irgendwann wird Adobe das auch so handhaben. Man muss aber klar sagen, dass Illustrator sich mit CS4 und 5 gemacht hat – der ehemaligen Schnecke ist ein passables Arbeitstempo beigebracht, es gibt endlich unterschiedliche Seitengrößen (wenn auch seltsam gelöst), Farben und Pinsel sind etwas freundlicher und vielseitiger gelöst, man kann endlich in Perspektive zeichnen, und es gibt einfachere Tools zum Editieren von Beziers. Anders gesagt: Illustrator ist da angekommen, wo FH und selbst CorelDraw schon vor Jahren waren. Aber das durchaus in einer eleganten und überzeugenden Art. So sehr, dass man fast Lust hat, sich endlich mal mehr mit Illustrator zu beschäftigen.

Soweit der erste Eindruck. Flash/Dreamweaver und Co.sind nicht so meine Werkzeuge, auch wenn sie natürlich installiert sind – aber ich konzeptioniere Websites, Programmieren ist nicht mein Bereich, das können andere deutlich besser. Marian klang recht begeistert von Flash, Catalyst klingt grundsätzlich nach dem Flash-für-Non-Action-Script-Menschen, das ich seit Jahren von Adobe sehen möchte (also müsste ich es ja mal antesten), und Dreamweaver ist eh nicht mein Ding, aber wenn es jetzt CSS besser unterstützt, kann man es ja noch mal ansehen. Ich hätte immer noch gern ein Programm, das so intuitiv wie iWeb oder Indesign ist, aber deutlich mehr Power hat und dem Programmierer danach nicht wieder bei 0 anfangen ließe. Aber ich denke, die Zukunft ist fast eher, Sites direkt programmierend zu entwerfen, das wird ja dank neuer CSS-Features immer naheliegender, direkt vom Wireframing ins Coding zu gehen.

CS-Review klingt nach einer guten Idee, die sich hier leider aus verschiedensten Patchwork-Flicken zusammensetzt (Adobe.com, Browser-Lab), die alle etwas unreif aus dem Adobe-Labor zu torkeln scheinen und auch nicht einwandfrei laufen (CSReview hat bisher bei mit Indesign bei jedem Start der Funktion zum Absturz gebracht). Der cloudbasierte Austausch mit Kunden ist ein hoch wünschenswertes Projekt, auch wenn PDF dazu ein gruseliger Zwischenschritt ist. Ich will meine Indesign hochladen und der Kunde soll in von mir definierten Umfang Text- und vielleicht auch einfache Bildmodifikationen machen können. Dazu wäre eine Web-to-Print-Anbindung sinnvoll (Formulare und Textanbindung, die Datenbankbasiert in Layouts mündet). Gibt es alles einzeln, aber Adobe vertut hier die Chance, eine Art MobileMe für Designer – einfach zu bedienen, funktional, beim Kunden akzeptabel – zu etablieren. Und bitte gratis. Für CSReview noch einmal Geld nehmen zu wollen, wahrscheinlich 200 bis 300 Euro im Jahr, ist übrigens leider bizarr. Laßt das lieber den Bonus sein, der zum legalen Kauf motiviert, statt hier nochmals zuzuschlagen. Es nervt ohnehin, dass man immer und immer wieder für getrennte Cloud-Services einzeln Jahresgebühren zahlt (MobileMe, Evernote, Dropbox…)

Insgesamt fällt auf, das Adobe es immer noch nicht geschafft hat, den einzelnen CS-Komponenten ein gemeinsames Antlitz zu geben, geschweige denn hinter den Kulissen für Ordnung zu sorgen. Wo selbst billigste Softwares sich sauber in OS X installieren, veranstaltet Adobe in der Library ein kaum noch nachzuvollziehendes Chaos an Ordnern und Subordnern ohne jede Logik und Vernunft. Tastaturbefehle, Aktionen und andere Individualisierungen werden nicht von vorherigen Fassungen zu CS5 übernommen (nicht einmal als Option), nach der Installation beginnt eine wahre Orgie an Einstellungen, die man vornehmen muss, wie es bei keinem anderen Programm auf dem Mac der Fall ist. Die gleiche Funktion ist in jeder CS-Tochter irgendwie leicht anders gelöst, Tastaturkürzel sind ungleich, man hat nie das Gefühl in einer Software zu sein, sondern statt dessen werden mit Rücksicht auf User, die seit 1985 dabei sind, die ältesten Standards weitergepflegt, anstatt einen neuen, gemeinsamen Standard zu pflegen. Das Ergebnis ist, das ich eine Sache, die ich in Indesign mit verbundenen Augen tue, in Illustrator nur nach Konsultation der Hilfe-Funktion und Google sauber geschafft bekomme – bei zwei so fast deckungsgleichen Applikationen ein Horror. Dass Photoshop eine History hat, Indesign aber nicht, dass die Ebenenpalette in AI und ID jetzt zwar weitestgehend ähnlich, aber dafür völlig anders als in PS ist, ist doch undenkbar (übrigens fühlt sich auch die Tatsache, dass bei PS auf einer Ebene immer nur ein Objekt sein kann, auch antiquiert an, es wäre revolutionär, wenn ich mit Pixeln so arbeiten könnte wie in AI mit Objekten – mehrere pro Ebene, mehrere Ebenen, völlig frei, ein Ende der 700-Ebenen-PSDs). Adobe braucht dringend ein Großreinemachen in Sachen Interface-Design, Useability und Nutzerfreundlichkeit.

Das Fazit ist eigentlich, dass CS5 ein herausragendes Upgrade wäre, läge der Preis nicht bei um 1000, sondern bei 200 bis 300 Euro. So aber hat man das Gefühl, für eine Menge Bugfixes, für ein immer noch unausgegorenes UI und für kleine, eigentlich eher hinter der Kommastelle liegende Verbesserungen sowie ein paar mehr oder weniger nützliche Features doch arg zur Kasse gebeten zu werden. In dieser Sicht – wieder einmal – fühlt sich Adobe alt an. Es ist eine der letzten wirklich teuren Softwares, eines der letzten Mega-Pakete, der Download ist teurer als die DVD-Box, das Interface ist (immer noch) aufs gruseligste ins Deutsche übersetzt (diesmal so buggy, dass IndesignShortcut-Sets aus CS4 teilweise in der deutschen Version von CS5 nicht laufen, weil Tastenbezeichnungen MIT übersetzt wurden (Strg wurde zu Befehl, z.B.). Adobe fühlt sich an wie ein Dinosaurier – und man wird das Gefühl nicht los, ein Befreiungsschlag täte der Firma gut. Indesign konnte sich gegen Quark so gut behaupten, weil Adobe seinerzeit die Idee Layoutsoftware gegenüber Pagemaker komplett neu gedacht und das alte Programm (weitestgehend) eingestellt hat. Das gleiche täte den Photowerkzeugen und vor allem auch den Web-Tools von Adobe sehr sehr gut. Man sollte überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, einige der Programme zu kombinieren oder sogar so modular zu werden, dass man sie ALLE wirklich zu einer Suite macht… der Anwender würde dann in nur noch einer Oberfläche arbeiten, ganz unabhängig zunächst von der Frage, ob er Print oder Web macht, und Bildbearbeitung, RAW-Workflow, Beziérkurven, aber auch Animation und Programmierung würden modular in objektbezogen zugeladen. Die modulare Struktur würde den Code einfach halten, das Programm trotz enormen Umfangs schmal… und im Grunde könnte man sogar das Vertriebsmodell revolutionieren, weil man sozusagen «In App» dazukaufen kann, was man braucht. Wichtiger aber: Von der ersten Konzeption bis zur Programmierung einer Site, vom ersten RAW bis zur druckreifen PDF alles unter einem Dach. Das wäre dann auch eine Suite, die den Namen verdient und auch den horrenden Preis von 3000 Euro für die DesignPremium-Version (immerhin teurer als ein durchschnittlicher iMac und nicht viel billiger als ein MacPro) rechtfertigen.

So, wie es derzeit ist, kann ich jeden verstehen, der nur noch jede zweite Version upgraded, weil die Sprünge einfach zu marginal ausfallen – und damit bedroht Adobe sich eigentlich selbst. Die Zeit wäre nach dem desaströsen Chaos, das die Fusion mit Macromedia bis heute bewirkt, reif für einen kompletten «Relaunch» des Creative Suite zu einem besseren, moderneren Produkt. So gut die Suite – die ja mehr eine «Anthology» ist, eine lose Zusammenstückelung von Software-Komponenten, die kaum wirklich miteinander verbunden sind – heute ist, die Herausforderung für die Zukunft ist nicht, noch einen Photoshop-Trick mehr zu erfinden und als das neue Schwarz anzupreisen, der Trick ist, eine integrativere und mächtigere und zugleich einfachere Gesamtlösung für das Design für morgen anzubieten, das nicht mehr ganz Print, aber eben auch nicht mehr ganz Web sein wird. Und mit der Gestalten dann auch in Zukunft eben noch einmal einen Tick mehr Spaß macht…

6. Juli 2010 20:53 Uhr. Kategorie Technik. Tag . 3 Antworten.

Licht

neonlicht.jpg

14:54 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Waiting…

waiting.jpg

5. Juli 2010 14:02 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Mehr Zeit

4. Juli 2010 22:47 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Hair

22:47 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 5 Antworten.

Wasserbüffel

3. Juli 2010 21:56 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . Keine Antwort.

Wasser

19:30 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Hot Chip: One Life Stand

hd schellnack

Ähnlich wie bei anderen Hipster-Bands, die die Grenze zwischen Popironie und Ernsthaftigkeit, Zitat und Innovation längst im Kunstnebel haben verschwinden lassen, bleibt es schwierig, ein Album von Hot Chip noch neutral zu betrachten, ohne die Verweise und Andeutungen, die Alexis Taylor und seine Mitstreiter konzeptionell in jedes neue Produkt einfließen lassen, im Kopf zu haben.

Der Schlafzimmerproduktions-Zitatepop auf One Life Stand ist diesmal aber so aufdringlich wie der wortspielerische Titel und das passend dazu verhältnismäßig überdeutlich «it’s deconstructivism, dumbass!»-Coverartwork, das an die bedeutungsschwangeren Covergestaltungen von Storm Thorgerson ebenso erinnert wie an Peter Savilles elegant-künstlerische Reduktion bei New Order. Überhaupt: New Order. One Life Stand, so leid es mir tut, klingt verdammt nach den schlechteren New-Order-Einspielungen, Technique etwa, und ist nach dem wunderbar vielseitig-entspannten Made in the Dark ist das zuwenig. War der Vorgänger an der Schnittstelle zwischen zu glattem Pop und wunderbarem Eigenbrötlertum und verschrobenem Elektrokraut, hat sich das neue Album sehr eindeutig für den Pop entschieden. Der Zitatenstadl macht nicht einmal vor Autotune-Cher-Gesangseffekten halt, die Beats sind tanzbarer, die Breaks seltener. Die Lieder wirken kantenloser – und sind zum Teil dennoch nicht wirklich einprägsam. Große Popmusik, auch wenn sie qua Definition ja immer affirmativ zu sein hat, kann trotzdem kaleidoskopisch, vielschichtig oder auch karg und hart sein. Dieser Pop aber irrt zwischen den 80er und 90er Sounds von verschiedensten Bands, du erkennst hier einen Depeche-Sound, dort einen Heaven-17-Gesangsfetzen, plötzlich ein Splitter von Donna Sommer und Giorgio Moroder… dennoch wirkt alles sehr viel mehr aus einem Guss als bisher (und das ist nicht wirklich als Kompliment gemeint), denn die glattgestrichene Oberfläche lässt auch eine bei Hot Chip bisher ungewohnte Langeweile aufkommen. Der Gesang ist zu androgyn, zu gelangweilt, die Synth-Sounds zu stupide und vertraut, selbst die Lyrics wirken plötzlich chartstauglich hausfrauenkompatibel. Das exzentrische, überspannte Element der Komposition und Produktion scheint verschwunden – ein Song wie Brothers ist etwa nur noch einschläfernd. In der Synthiesoulmusic-Wüste dürfen auch Balladen mit vollem Kitsch-Faktor inzwischen ihren Platz haben (Slush).

Trotz einiger ja durchaus versöhnlich dahinperlender Tracks wie Thieves in the Night oder Take It In… es fehlt der Platte an Ehrlichkeit, an Verletzlichkeit, in ihrem Schutzmantel aus Ironie und perfekter Produktion ist sie langweilig, sogar langweiliger als die Pet Shop Boys. Es mag Leute geben, die diese Art von sicherer und zugleich vermeintlich «cooler» Musik mögen, die Art wie jede tatsächliche Stellungnahme vermieden ist, wie alles sandgestrahlt glatt und amtlich ist – aber für eine Band ist diese Form von selbstreferentieller Sicherheit ein denkbar schlechter Ausgangspunkt, denn sie schläfert ein, Band wie Zuhörer.

14:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Elmore Leonard: Road Dogs

hd schellnack

Another year, another Elmore Leonard novel. Leonards lebenslanger Output, die Konsistenz seiner Arbeit, die Art, wie er seine lakonischen Geschichten mit den Jahren mehr und mehr zur perfekten Form raffiniert hat, ist schlichtweg atemberaubend. Leonard mag oberflächlich betrachtet immer noch im Crime-Genre arbeiten, aber wie viele andere Autoren (derzeit etwa Richard Price mit Lush Life) seitdem Chandler und Hammett das Genre vom Whodunnit emanzipiert haben, ist der «Fall», von dem man bei Road Dogs kaum noch sprechen mag, nur ein literarisches Werkzeug, ein Katalysator, um die Atome und Moleküle der Charaktere und Handlungen anzuregen, ins Vibrieren zu bringen, bis es zischt und explodiert.

Während Up in Honey’s Room mit seiner Over-the-Top-Nazi-Persiflage ein eher schwächeres Buch in Leonard’s Oeuvre war, zeigt Road Dogs den inzwischen 85-jährigen Autoren in einer Form und Potenz, die es mühelos mit seinen Büchern aus den 70ern aufnehmen kann. Wie bei ihm üblich, greift er auf bereits etablierte Figuren zurück und bringt den Gentleman-Bankräuber Jack Foley (aus Out of Sight), den aus La Brava bekannten Gangster Cundo Rey und das durchtriebene Medium Dawn Navarro, die als Nebenfigur bereits in Riding the Rap erschien, zusammen. Wie ein guter Jazzmusiker gewinnt Leonard dabei diesen Figuren neue Töne, neue Facetten ab und es ist ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er seinen Schöpfungen neue Wendungen geht, ohne dabei jemals wie ein «Serienautor» zu wirken, der Jahr um Jahr den gleichen Protagonisten fortsetzt. Statt dessen tanzt Leonard mit Leichtigkeit und Virtuosität durch den reichen Garten seines eigenen Schaffens, pflückt drei Figuren und setzt sie in ein neues Beet und scheint selbst abzuwarten, was aus dieser Kombination wachsen könnte. Das Trio wird von Cundos schwulen Buchhalter Little Jimmy und seinem Chauffeur Zorro, Nazi-Skins, dem jugendlichen Kleingangster Tico, einem FBI-Agenten, der Foley verfolgt und zugleich ein Buch über ihn schreiben will (wiederkehrendes Thema bei Leonard) und einer Schauspielerin vervollständigt… und diese Vielfalt an Figuren bedient Elmore lässig, fast lasziv, wie ein schriftstellerisches Gegenstück zu David Bowie, der in seiner Altmeister-Phase ja auch dem Selbstzitat nicht abgeneigt ist und aus der Bandbreite seines bisherigen Schaffens ein Best-of melken kann, ohne dabei stumpf oder lustlos zu wirken. Die Figuren schillern, selbst wenn sie nur kurz skizziert sind, wie wunderbare Pustefix-Blasen – und gerade weil Leonard so schlank schreibt, alles unwichtige wegläßt, werden die Charaktere umso spannender, ihr In-sich-zuückgezogenes macht sie umso attraktiver.

Dabei passiert in Road Dogs, wenn man so will, fast gar nichts. Es gibt eine entspannt dahertrudelnde Handlung, vom ersten Kennenlernen Cundos und Foleys im Gefängnis und dem Entstehen einer vorsichtigen Männerfreundschaft und Kriminellen über allerlei Betrügereien und einige Morde, die so breezy und selbstverständlich ist, dass man erst nach Beenden des Buches bemerkt, wie viel eigentlich tatsächlich an Plot und Entwicklung in Road Dogs steckt. Ähnlich wie bei Hempel oder Carver, in deren matt/karg/trägen Gesellschaftsskizzen die Miniatur zum Ganzen wird und nur durch wiederholtes Wenden und Drehen das Hologramm der tatsächlichen Handlung sichtbar wird, entpuppen sich Leonards Bücher zunehmend als meisterhaft aus dem Handgelenk geschleuderte Bleistift-Scribbles, deren enorme Virilität in der Pose der eigenen Lässigkeit versteckt ist, bis man sich ein Detail hier oder eine Feinheit dort ansieht. Leonard, der auf fast jedwede Beschreibungsorgien verzichtet, wie man sie von anderen Autoren kennt, der fast nie den Leser mit langen Expositionen in die Köpfe der Figuren blicken lässt, kann seine Figuren in kurzen Dialogen auf den Punkt bringen. Die Architektur seiner Figuren ist karg, minimalistisch und so beiläufig, dass man stets wieder erschrickt, wenn aus der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der seine Protagonisten Mord und Diebstahl planen, brutale Gewalt explodiert.

Und so entpuppen sich Leonards Bücher auch hier wieder als soziologische Experimente, diesmal als Miniatur des multikulturellen und scheinbar relaxten Venice Beach, wo Hollywoodambitionen, Grifter, Homeboys und all die anderen Spielformen der amerikanischen Westküstenkultur wie unter einem Brennglas zusammengefasst sind, und in Elmores erfahrenen Fingern mit großer Präzision, mit unerhörtem Ohr für Slangs und winzigste Details, die einer Figur wie aus dem Nichts einen Background, ein virtuelles Leben anziehen, auf dem hier sehr kleinen Spielfeld unweigerlich aufeinander zu marschieren, langsam aber mit der unweigerlichen Gewissheit eines griechischen Dramas, bis die Kamera ihren Blick zurückzieht und wir sehen, wer stirbt und wer vom Schlachtfeld humpelt. Man merkt Leonard jederzeit an, dass der Western, der Showdown, die Zeitlupe, das dekonstruktive Strecken der gesamten Handlung auf einen einzelnen, fast unsichtbar schnellen Moment hin, ihn als Autor prägt. Die Beiläufigkeit, in der die entscheidenden Momente dann stattfinden, die unverkrampfte Selbstverständlichkeit des Tötens, ist das beängstigende an seinen Figuren, deren Taten stets so absolut zwingend nachvollziehbar wie außerirdisch fremd zugleich wirken. Und so sinniert Leonard über Lust, Gier, Liebe, Angst, Treue, Freundschaft anhand der Entscheidungsbäume seiner Figuren, die so widersprüchlich und authentisch wirken, eben weil die Handlung sich den Luxus leistet, nicht nach einem glatten Krimi-Schema abzuspulen, sondern stockt, stottert, Haken wirft… und sich so den Glücksfall erlaubt, im Nicht-Richtigen, im Mangel an glatter Perfektion, in den Ritzen und Pausen und verutscht sitzenden Versatzstücken, überhaupt erst die Chance zu etwas wirklich Überraschenden und Großen zu erreichen.

Road Dogs ist, wenn man so will, ein Kammerspiel, das anfangs keine Orientierung zu haben scheint, sich ausprobiert, als würde der Autor selbst mit kindlicher Freude zusehen, was passiert, wenn er nur bestimmte Konstellationen erzeugt und zusieht, wie sich seine Figuren in der Petrischale des Romans aus ihrer eigenen Logik und der Beziehung zueinander her entwickeln werden – ein Ansatz, der auch davon lebt, dass Elmore eine Neutralität (oder sagen wir eine für alle Figuren gleichförmige Zuneigung) seinen Protagonisten gegenüber wahrt, zumal hier niemand eine weiße Weste trägt und die vielleicht noch «sauberste» Figur (Foley, dem man anmerkt, dass Leonard ihn sehr eindeutig mit George Clooneys Interpretation dieser Rolle im Kopf fortgeschrieben hat) immerhin 127 Banküberfälle hinter sich hat. Elmore Leonard schreibt diese Art von Buch – wie ein Maler in immer und immer wieder ähnlicher Konstellation, immer auf der Suche nach dem endgültigen Ergebnis – nun seit Dekaden, und statt sich zu wiederholen oder berechenbar zu werden, sitzt hier jeder Satz, jede noch so fein hingeworfene Beschreibung, jede Absurdität und Abschweifung wie ein Faustschlag auf Fleisch und Knochen… und das alles mit einer an Eastwoods Steingesicht erinnernden Coolness, wie ein großer alter Magier, der uns vergessen lässt, wie unsagbar schwer es doch eigentlich sein muss, so makellos entspannt zu wirken.

2. Juli 2010 13:31 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Amazon und die Lebensmittel…

biozitrone.jpg

So ein bisschen üben müssen wir da aber noch, hm?

1. Juli 2010 12:16 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.


Creative Commons Licence