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Ananas

30. April 2010 21:45 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Schon niedlich

hd schellnack

Heute kamen über den von design3000 betreuten Koziol-Shop unsere neuen Aroma-Tassen. Und in der Lieferung dann dieser Zettel. Das ist dann ja schon echt sympathisch.

29. April 2010 17:08 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.

Flash Gordon and the Apple of Doom

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Ich wüßte zu gern, was Adobe Steve Jobs getan hat, dass er jetzt auch noch – offenbar nervös werdend angesichts der lauter werdenden Kritik an Apples Umgang mit Flash auf dem iPhone/iPad und anscheinend auch im Angesicht des neuen Flash 10.1-Betas – sogar einen offenen Brief schreibt, um Adobes Online-Technologie zu attackieren.

Jobs Kritik an Flash:

1) Offenheit. Jobs kritisiert, das Flash ein geschlossenes System ist. Was natürlich nicht stimmt – es gibt zig Tools, mit denen sich Flash-Content erzeugen lässt. Während ich selbst auch denke, Adobe hätte gut daran getan, die Software in ein OpenSource-Projekt umzuwandeln und selbst eben nur die besten Editor-Tools anzubieten, wirkt diese Kritik etwas bizarr von einer Firma, von deren iPods man Musik kaum jemals wieder runterkriegt (außer mit speziellen Softwares) und deren iPhone man förmlich knacken muss, um seine Funktionalität voll ausreizen zu können. Niemand darf sich weniger über «closed systems» beschweren als Apple, die eines der wasserdichtesten Systeme schlechthin anbieten mit iTunes und iPhone/iPad. Sein Argument, dass alles, was mit dem Web zu tun habe, «offen» sein solle, ist fast unwirklich bei der Firma, die den Weg dafür ebnet, an sich unbezahlte Web-Inhalte auf der iPhone-Plattform zu kommerzialisieren.

2) H.264 ist doch super. Anstatt Flash-Video könnte man doch auch prima das von Apple preferierte H.264-Codec benutzen. Mit der gleichen Logik kann das iPad/iPhone Formate wie AVI nicht, die ja auch kaum benutzt werden. Die Tatsache, dass die Anbieter unter dem Druck von Apple tatsächlich auf H.264 umstellen, ist eigentlich eher das unglaubliche. Wie kann man einerseits ein «offenes Web» fordern und andererseits vorschreiben, welche Codecs denn «die richtigen» sind.

3) Sicherheit/Batterie/Leistung. Hierzu müsste man sich Flash 10.1 genauer ansehen, für den alten Player trifft das absolut zu – aber anstatt zu nörgeln, sollte man nicht einfach mit Adobe zusammenarbeiten um Flash für die iPhone-Plattform funktional aufzustellen? Keine Frage, Adobe hat seit einiger Zeit auf OS X Performanceprobleme und kommt mit Apples Sprung auf 64 bit nicht mit, wechselt erst jetzt mit CS5 auf Cocoa und so weiter. Dieser Punkt ist bisher absolut richtig – sinnvoll wäre aber, Adobe ins Boot zu holen und zu unterstützen, vielleicht sogar zu motivieren, die Flash-Technologie zu öffnen. Wenn es nur um mangelnde Sicherheit und Leistung geht, sollte Apple sich mal ein paar eigene Angebote (*hust* Mobile.me *hust*) ansehen und im eigenen Stall mit dem Flammenwerfer kehren.

4) No Touching please. Ist seit Flash 10.1 eigentlich auch kein Thema mehr, da 10.1 multitouchfähig ist, wie viele Demo-Videos bewiesen haben. Und nebenbei, für Websites wäre das ja egal – ist keineswegs so, dass HTML für Touch ausgelegt wäre. Was sich per Maus bedienen lässt, lässt sich auch Finger bedienen, oder? Ich befürchte fast eher, dass reine Flash-Sites in der speziellen Art, wie Safari das Web abbildet, nicht sauber funktionieren würden (Zoom auf Textbreite usw) – aber das wäre ein sekundäres Problem, das man mit Adobe sicher lösen könnte. Wenn man nur wollte.

Was Jobs unterschlägt ist, das Flash qua Action-Script deutlich mehr ist als ein Animations- oder Video-Abspieltool (ich hab nie ganz verstanden, wieso sich FLV so durchgesetzt hat, kein sonderlich gutes Format), sondern eine hochkomplexe Umgebung, in der sich immersive und vom Absender grundlegend kontrollierbare Sites und Anwendungen erstellen lassen, die mit HTML so nicht näherungsweise zu verwirklichen sind. Welche Möglichkeiten Flash – voll ausgereizt – auf einem mobilen Device bieten würde, ist gänzlich offen, aber durchaus extrem vielversprechend. Aus Designersicht ist Flash so viel mächtiger als HTML, dass es fast unwirklich ist. Und ja, es gibt 90% miese Flash-Sites – aber ist das bei HTML nicht ganz genau so?

Auf der anderen Seite darf Adobe sich zu Recht Sorgen machen. Was Apple zurücklässt, hat schlechte Zukunftschancen. Dass der erste «neue» iMac keine Floppy mehr bot, führte zu einem Aufschrei, vor einigen Tagen hat Sony endgültig die Produktion eingestellt. Der CD und DVD dürften ähnliche Effekte bevorstehen. Auch bei Firewire und USB hat Apple Deutungsmacht. Bei HDMI/MiniDP wird man abwarten müssen, da steht Apples «No» einer massiven Front von Anbietern im Unterhaltungsbereich gegenüber. Für Adobe wird in Zukunft entscheidend sein, ob andere Anbieter Flash massiv unterstützen. Wenn Android – sicher in Zukunft die große Alternative zu OSX – Flash unterstützt und die Ergebnisse gut sind, kann Adobe mit der in der CD5-Suite extrem verankerten und leichten Erstellung interaktiver Inhalte sicherlich punkten. Apple dominiert mit dem iPhone und dem iPad derzeit den mobilen Markt wie selten ein Anbieter zuvor – aber das Beispiel Nokia sollte deutlich machen, wie schnell solche Vormachtsstellungen vorbei sein können. Und Google ist kein Leichtgewicht, im Gegenteil, ein Pad von Google dürfte eine große Alternative für viele User sein – gerade Windows-User -, die vielleicht keine Lust haben, ein Pad nur benutzen zu können, wenn sie gleichzeitig auch einen PC haben müssen, um es überhaupt erst einmal in Betrieb nehmen zu können. Ein völlig autarkes Gerät, das mit dem ersten Einschalten funktioniert, leicht zu bedienen ist und dem großen (aber unattraktiven) Angebot von Google eine ansehnliche Form verleiht, könnte Apples Arroganz schnell ein Ende bereiten.

Steve Jobs hat sich die Zeit genommen, einer Firma, die ihm in einem entscheidenden Moment seiner Karriere nicht geholfen hat, in die Seite zu treten. Mag sein, dass dahinter ein größerer Plan steckt – etwa, Adobe aufzukaufen -, mag sein, dass er Flash nur einfach wirklich nicht mag oder versteht. Mag sein, dass Jobs in Flash nur zu Recht ein Konkurrenzangebot zu Inhalten aus dem eigenen iTunes-Store sieht. Sicher aber ist, dass es schlechtes Karma ist, so zuzutreten und einer anderen Firma so offensichtlich und so rücksichtslos den Fuß auf die Gurgel zu stellen, vor allem angesichts der enorm wachsenden Frustration bei Adobe. Das ist einfach schlechtes Karma – Apple sollte sich im Moment des Erfolges großzügiger und offener zeigen und mit Adobe kooperieren. Zumindest aber sollte die Firma erwachsen genug sein, um die Käufer entscheiden zu lassen, ob man ein Plug-In laufen lässt oder nicht – es wäre ein einfacher Klick in den Systemeinstellungen des iPhone (FLASH OFF/ON), wie man ihn bei Bluetooth usw. ja auch hat. Denn Bluetooth ist auch eine Batteriefresser… aber ich kann es abschalten, wenn ich es nicht brauche und aktivieren, wenn es gebraucht wird. So wie es sein sollte. Bei OS X kann ich via Click to Flash ja auch entscheiden, wann ich auf Flash verzichten will und wann nicht. Das wäre mit Flash 10.1 und dem iPhone sicherlich auch zu realisieren. Alle logischen Argumente gegen Flash werden in dem Moment sinnlos, wo Jobs nicht argumentiert und mir als Nutzer die Entscheidungsfreiheit gibt, sondern dogmatisch eine existierende Webtechnologie mit 95% Verbreitung einfach kategorisch ausschließt. Für Entwickler und Programmierer ist Apple in den letzten Monat eine rätselhafte, frustrierende, bevormundende Erfahrung gewesen… hier wäre der richtige Zeitpunkt, sich zu öffnen, bevor es zu spät ist.

15:58 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . 5 Antworten.

Tori Amos: Abnormally Attracted to Sin

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Während Tori Amos aktuelles Album Midwinter Graces (ebenso wie das Winter-Album von Sting) nahezu unhörbar ist, war ihr voriges, immerhin zehntes Studioalbum eine kleine Oase nach einer Phase musikalischer Stagnation. Wie die Vorgänger auch dies ein konzeptionelles Album (wie der Titel nahelegt halt zum Thema Sünde und ergänzt durch Kurzfilme – einfach nur eine gute Platte machen ist anscheinend zu wenig), liefert Amos wieder so viele Songs ab – 18 an der Zahl (17 ohne den Bonus Track) -, dass man sich unweigerlich fragt, ob weniger nicht einfach mehr wäre. Lieber vier gute Songs als 18 halbgare Nummern. Was auch kompositorisch gilt – wo Tori früher nur mit Stimme und Gesang allein überzeugen konnte (wie etwa bei Cloud on my Tongue), wird heute mit Kanonen auf die Spatzen geschossen was das Zeug hält. Immerhin bietet Abnormally Attracted to Sin eine – angekündigte – Neuerung: Tori hat sich vom Klavier ab- und dem Synthesizer zugewandt. Und so beginnt das Album mit einem elektronischen Drumbeat und wummerndem Bass, nur minimal mit Pianoakkorden verziert. Auch wenn Sie dieses Experiment nicht sauber durchhält – Welcome to England und Strong Black Vine sind bereits wieder bandorientierter – so klingt das Album im Ergebnis doch etwas frischer, etwas neuer als die letzten Tori-Platten. Poppiger, unbeschwerter, in mancher Hinsicht ein Schritt vor/zurück zum ersten Album. Während etwa aber The Beekeper ein so kantenloses Album war, dass man es sich kaum anhören konnte, zeigt Amos auf Sin ein breiteres Repertoire, das Album wirkt wie ein Verharren zwischen der «alten» Tori Amos (durchaus großartig auf Mary Jane) und einer neuen Inkarnation. Das Ergebnis ist ein hochgradig durchwachsenes Album, das einige tatsächlich spannende Songs liefert, wie etwa den lasziven Titeltrack – und andererseits auch viele viele Nummern, die man am besten sofort vergessen möchte. Es scheint, als wolle Amos hier alle Facetten ihres Songwritings vorzeigen – die Klaviernummer, den Popsong, die Synthesizer-Schiene und so weiter – und wahrend solche Mätzchen vielleicht noch halbwegs zu dem MPD-Experiment von The Doll Posse passen mochten, wirkt es hier einfach nur unentschieden, gerade bei einer Persönlichkeit, die so sehr «Künstlerin» sein möchte, tut dieser Bauchladen-Ansatz für jeden etwas passendes dabei haben zu wollen, eher weh. Was für Robbie Williams funktionieren mag, geht bei Tori Amos eben empfindlich nach hinten los. Wenn es düsterer und intensiver wird, wie etwa bei Lady in Blue, kann Amos durchaus noch überzeugen, aber nach dem eher amorphen Vorgänger zeigt dieses Album eine Musikerin auf der Suche nach sich selbst – bleibt zu hoffen, dass sie sich bald wieder findet. Denn tatsächlich finden sich in der quantitativen Masse von Abnormally Attracted to Sin auch einige wirkliche Perlen, mit Songwriting, das so gut, wenn nicht besser ist als Tori in ihrer besten Phase – aber diese guten Nummern gehen in der schieren Masse von Durchschnitt einfach unter. Ein Album mit nur acht Tracks, die aber durchgehend besser gewesen wären, hätte bei mir einen besseren Gesamteindruck hinterlassen.

28. April 2010 09:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

TickTock

Beste Küchenuhr ever.

26. April 2010 22:33 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Vertrau auf die Zukunft

Dank an Danny!

20:22 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

iCork

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18:52 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.

Straße

18:32 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Vorsicht Glas 2: Psychologie

Vorsicht Glas ist eine Kolumne von mir bei Design Made in Germany. Die Texte sind meist etwas ausufernde und mäandernde Stream-of-Consciousness geschrieben, Momentaufnahmen eines eigenen Spekulierens und Nachdenkens über Design, über die eigene Arbeit, über unser Arbeitsfeld. Auch wenn sie manchmal so klingen, weil in einem Satz rausgeschrieben und dann eben mit Wucht, wissen die Texte nichts besser, prophezeien nicht wirklich etwas ernsthaft, haben keinen mahnenden Zeigefinger und morgen kann ich alles schon wieder ganz anders sehen – es ist einfach lautes Nachdenken, die Sorte Gerede, die du nachts in verrauchten Räumen hörst. Die Texte erscheinen immer erst bei DMIG und dann erst hier, als Archiv. Da ich gerade am dritten Text sitze (und dabei Patrics Geduld wahnsinnig strapaziere), hier der zweite fürs digitale Gedächtnis:

Neuromarketing

Die Tatsache, dass Design viel mit Psychologie zu tun hat, liegt zunächst auf der Hand. Wer für komplexe Blackbox-Systeme Interfaces gestaltet – ob Straßenschild, Computerbetriebssystem oder Corporate Design – muss sich mit Wahrnehmungspsychologie, Aufmerksamkeitssteuerung, Chancen von Perzeption und Feedback auseinandersetzen, um nicht in Schönheit zu sterben. Gutes Design ist, wenn es funktioniert.

Trotzdem ist Design selbstverständlich keine echte empirische Wissenschaft – einen allzu ernst gemeinten Bogen von Psychologie oder gar Psychoanalyse zum Corporate Design zu schlagen, wäre wahrscheinlich eine Frechheit. Schon bei der berühmten Farbpsychologie merkt man schnell, wie subjektiv die meisten Aussagen oft sind und wie wenig die Ausbildung Designer heute darauf vorbereitet, die neuronale Wirkung gestalterischer Faktoren zu untersuchen. CD ist aber durchaus ein wichtiger Faktor in der Gestationsphase und der späteren Ausdifferenzierung von Unternehmen, und zumindest im küchenpsychologischen Sinne agiert ein gutes Designbüro hier stets auch in einem unternehmensberaterischen Kontext und kann von der angewandten Psychologie entsprechend viel lernen. Nun bedienen wir Designer uns noch selten neurologischen Erkenntnissen und entscheiden graphische Lösungen immer noch intuitiv-ästhetisch, weniger nach dem neusten Stand der Hirnforschung – was sich in den nächsten Jahren vielleicht zunehmend ändern wird. Die Werbebranche beginnt – sich der Orwellschen Implikationen wohl nur halb bewusst – Erfolg und Misserfolg eines Motivs in Zeiten immer kleinerer Aufmerksamkeitschancen nicht nur von Umfragen, sondern eben auch vom Dopamin-/Serotoninspiegel einer Testgruppe abhängig zu machen, um den Kunden zu überzeugen, dass sein Etat gut angelegt ist. Nimmt man eine gute Portion Marketing-Augenwischerei beiseite, bleibt die neurologische Untermauerung von Werbung im Kern vor allem eine Art Hightech-Bebilderung einer alten Erkenntnis: Design wirkt. Gutes Design – von der Schriftwahl bis zur Kampagnen-Visualisierung – schafft Narrationen, die Identifikation stiften sollen. Und wie jedes Buch, jeder Film, jeder gute Song wirkt Design insofern auch unbewusst, im subjektiven Trübwasser von Geschmack, Mode, Erinnerung, Inszenierung. Design ist insofern auch ein ganzheitlicher Prozess, eine zum Kunden (oder zu einem Produkt) passende Geschichte zu erfinden – und diese muss unweigerlich einen psychologischen Aspekt haben.

Story

Neben den zahlreichen visuellen Entscheidungen, die ein Designer trifft – Papier, Veredelung, Farben, Typographie, Proportionen usw. – und die nach wie vor den Mittelpunkt der meisten Studiumsangebote ausmachen, sind wir vor allem im besten Sinne «Storytellers». Die schönste Gestaltung wirkt seelenlos, wenn sie keine Erzählung bieten kann. Unter diesem Aspekt sind Firmen, die sich online preiswert nur ein Logo entwerfen lassen, so schlecht beraten. Sie haben dann am Ende mehr oder minder ein Bildchen – aber wozu? Wo ist die Geschichte? Erst durch einen in aller Regel langjährigen und gemeinsamen Prozess – der oberflächlich betrachtet nicht ganz weit weg ist von einer Art Therapie – erfinden Klient und Designer gemeinsam diese Geschichte, die Identität eines Unternehmens, das an sich ja oft in dieser Hinsicht vorher ein «blank» ist. So wie ein Schauspieler sich nur auf der Leinwand, in seiner Arbeit, erfinden kann – durch die richtigen Rollen – so kann ein Unternehmen nur durch eine konsequente Identität in seiner Außenkommunikation zu einer Geschichte werden, die der Kunde erkennt, mag und deren Fortsetzung er hören will. Weshalb wir ungern von «Branding» reden – das klingt verdächtig schnell und mechanisch, Stempel drauf und fertig, nächste Kuh bitte. Passender ist eher im Kontext einer «Story» zu denken, die langfristig läuft, die atmet und die insgesamt eine Marke erzählt. Und das ist ein im höchsten Maße alltagspsychologischer Prozess, der eine Brücke spannt zwischen dem an sich ja nüchternen Unternehmensziel, Profit zu machen, und den Wünschen der Endkunden, die sich in eine Marke verlieben dürfen wollen.

Gute Werbung und erfolgreiche Design-Ansätze erzählen dabei natürlich keine neuen Geschichten – es ist ein seltsamer Irrglaube, dass gutes Design stets «neu» sein müsse – sondern die richtigen Geschichten, die passenden, die angemessenen. Dabei stellt sich zum einen die Frage, welche Story die Kunden unserer Klienten eventuell hören wollen, denn obwohl die Zielgruppe zur allzu Heiligen Kuh des Marketing geworden ist, sollte man sein Publikum ja nun wirklich aus den Augen verlieren. Zum anderen ist aber die Frage, welchen Film wir als Drehbuchautoren für genau diesen Schauspieler schreiben können. Aus Woody Allen einen Action-Helden machen zu wollen, funktioniert eben nicht. Andererseits war es für Arnold Schwarzeneggers Karriere vielleicht ja essentiell, sich selbst in Komödien parodieren zu können, in seiner Story mehr Facetten als nur den Conan/Terminator-Typus zu entdecken, aus dem rituellen Stereotyp herauszubrechen. Es geht also eben doch um die Anwendung von Entwicklungs- vor allem aber sozialpsychologischen Erkenntnissen im Alltag. Was auch Verantwortung bedeutet, ganz banal weil hier die Chance zu Manipulation und Missbrauch liegt. Wie jeder Autor können wir Designer unsere Kraft der Verführung ehrlich einsetzen und mit besten Absichten handeln – oder wir können lügen und verführen. Da ein Designer allen Vorurteilen zum Trotz mit seiner Arbeit mehr tut als nur mehr oder minder hübsche oder hässliche Schilder und Papiere zu entwerfen, sollte es zur Ausbildung gehören, ein gewisses Maß an Verantwortung für das eigene Tun zu entwickeln. Wie PR-Spezialisten, wie Massenmedien-Autoren, wie eben auch auf der individuellen Ebene die Psychologen, sind wir in einem größeren oder kleineren Ausschnitt der Wirklichkeit daran beteiligt, Meinungen zu bilden, zu (ver)formen, und zu hinterfragen. Für uns gilt insofern der hippokratische Eid, keinen Schaden anzurichten.

Therapie

Womit wir bei einer zweiten Ebene von Design sind. Denn es geht nicht nur darum, eine Geschichte psychologisch gut aufzubereiten und die narrativen Tricks des Unterbewussten zu kennen, Spannung oder Humor, Pathos oder Leidenschaft heraufzubeschwören – es geht auch um die Arbeit an der Substanz, um «Therapie».

Das klingt hochgestochen. Um deshalb gleich die Luft herauszulassen: Designer sind keine klinischen Psychologen, auch wenn viele Design-Firmen ihre Leistung gerne nach mehr klingen lassen möchten und sich selbst fast tiefenpsychologische Kompetenz zusprechen. Kaum ein Designer hat Psychologie studiert und angelesenes Wissen gilt nicht, ein NLP-Buch ersetzt keine Praxiserfahrung. Selbst als Ex-Psychologiestudent würde ich mir niemals anmaßen, ernsthaft einen Kunden oder eine Firma zu «therapieren», das ist auch nicht der Job eines Designers. Dennoch gab es einen Grund, warum ich von der unternehmensberaterischen Laufbahn zum Design gewechselt bin: Design ist angewandte Organisationspsychologie, es wirkt nicht nur als Marketing-Instrument nach außen, sondern kann mittelfristig auch ganz entscheidende Inneneffekte haben, weil wir als Designer Identität und Kommunikation eines Unternehmens prägen – also auch die Motivation der Mitarbeiter, die Führungspsychologie, die Kultur und den Habitus des Ganzen. Wir erreichen das durch die Kumulation oft fast beiläufig wirkender Prozesse – durch die Wahl von Worten und Bildern, über die eine Firma mit Kunden und Mitarbeitern kommuniziert und in denen sie sich selbst definiert. Corporate Design ist für uns deshalb nie ein Prozess, der – was überraschend viele Auftraggeber glauben – aus dem Erstellen einer Wort-/Bildmarke, einer Website und eines Haufen Papiers besteht, sondern wirklich erfolgreich immer nur als enge Zusammenarbeit in der alltäglichen Anwendung denkbar ist, idealerweise also weit über das hinausgeht, was die eigentliche klassische Grafik-Designer-Tätigkeit ist. Aus meiner Sicht liegt hier ein entscheidender Unterschied zwischen dem Grafik-Design alter Prägung und einem Kommunikations-Design, das sich bis heute immer noch sehr gut aus den Ideen und Ansätzen eines Otl Aicher füttern kann und eben die «Lebensprozesse» eines Unternehmens abbildet… und formt. Es ist ein kleinteiliger und langsamer Ansatz, in der viele kleine Texte, viele Bilder, viele Medien irgendwann eine «Gestalt» bilden, eine ganzheitliche Idee, die deutlich mehr als die Summe ihrer einzelnen Elemente darstellt. Die wahre Tätigkeit von Design ist der Versuch, dieses Puzzle zusammen mit dem Klienten – und seinen Mitarbeitern und Kunden – dynamisch zusammenzusetzen.

Gespräch

Überraschenderweise ist gerade dieser Aspekt der Design-Tätigkeit zunehmend schwerer geworden. In einer Zeit von Pitches und von einem zutiefst asymmetrisch gewordenen Verhältnis zwischen Auftraggeber (was schon ganz anders klingt als Klient) und Dienstleister (was schon ganz anders klingt als Berater), in einer Zeit, in der Auftraggeber nur schwer verstehen, dass Design auch Analyse und Zeit zum Nachdenken braucht – und man in 14 Tagen einfach nicht immer eine wirklich gute Lösung entwickeln kann, zumal nicht einseitig in Vorausleistung und ohne jeden Dialog –, in einer Zeit, in der sich die meisten Entscheider darauf versteifen, selbst keine Zeit mehr zu haben, und schon gar nicht für solche Nebensachen wie den gesamten Auftritt und die Kommunikation ihres Unternehmens, ist es schwieriger geworden, einfach ins Gespräch zu kommen. Es ist ein wenig so, als würde ein Klient zum Psychotherapeuten sagen, er solle die Diagnose und Therapie bitte alleine leisten, ohne Anwesenheit des Klienten, und das bitte bis nächsten Dienstag. Was wir für ein Arzt/Patient-Verhältnis bizarr klingt – ebenso wie die Idee, dass ein Patient dem Chirurgen ins Messer greift und die Klinge selbst führt («Ein bisschen mehr rechts oben, danke!») – ist im Verhältnis von Design-Erzeuger zu Design-Abnehmer oft normal geworden.

Als ich mich vor knapp zehn Jahren beim Bochumer Schauspielhaus bewarb, saß ich mit Kaffee und Arbeitsproben mit zwei Leuten auf dem Boden und wir haben uns entspannt unterhalten. Heute wäre in der gleichen Situation eine Beamer-Präsentation, angespannte Nerven, Leistungsdruck und Fütter-mich-Haltung sowie Ermüdungserscheinungen nach zig Präsentationen beim Auftragvergeber, kein Mit- sondern eher ein Gegeneinander. Faktisch so, als würde ein Patient erst einmal zehn Therapeuten showtanzen lassen, bevor er den Mut fasst, sich doch einem davon tatsächlich anzuvertrauen («Ihr Kollege meint, ich sei manisch-depressiv, was haben Sie denn so zu bieten?»). Keine Situation, in der du als Büro noch kontroverse Meinungen vertreten kannst und mit unangenehmen Wahrheiten auftrittst, so nötig das an sich vielleicht wäre, sondern eher eine, in der man von vorneherein defensiv auftritt. Die Idee, sich mit einer Deutschland-sucht-den-Superstar-Casting-Methode den passenden Partner zu suchen, wie in einer Art bizarrem Speed Dating, ist nach wie vor erschreckend. Weniger für uns Designer, wo es eher zu Routine- und Abschleifungsprozessen führen dürfte, sondern aus meiner Sicht primär für den Kunden selbst, der sich so unbewusst, aber quasi systematisch um die Chance eines auf Augenhöhe operierenden externen Partners/Beraters beraubt und Design auf ein «Erledigen» begrenzt. Das mag ein Spiegelbild genereller gesellschaftlicher Zerfallsprozesse sein, ein Analog zur Bindungsangst, das Supermarkt-Syndrom, bloß nichts in den Einkaufswagen zu legen, es könnte ja noch ein besseres Angebot kurz vor der Kasse kommen, Zapping nicht als TV-Konsum, sondern als Lebensparadigma. Schade ist es aber allemal, denn ganz unabhängig von der strukturellen Größe sowohl des Kundenunternehmens als auch des Designbüros – am Ende hängt der Erfolg davon ab, dass eine recht kleine Gruppe von Menschen gemeinsam Innovation und Erfolg will, Veränderung will, eine gemeinsame glaubhafte Gestalt der zukünftigen Form der Unternehmung entwickelt. Und dieser Prozess braucht eben hierarchiefreie, lebendige Kommunikation.

Denn ein Aspekt von Design ist sicher, dass nahezu jedes Unternehmen seine eigenen Komplexe hat – die einen mögen sich notorisch überschätzen, andere haben Minderwertigkeitskomplexe (und man mag argumentieren, dass auch die Größenwahnsinnigen ja nur ihre Komplexe hyperkompensieren). Ein großer Bestandteil der Arbeit ist, die Stimmungslage einer Unternehmung zu sondieren, indem man herumgeht und Meinungen einfängt, Workshops macht oder besser Einzelgespräche, ideal [h1] an der Kaffeemaschine auf dem Flur. Embedded Analysis. Die Ticks und Neurosen des Unternehmens einfangen, das Innenbild verstehen, einfach neugierig sein. Sich fragen, warum etwa ein internationales Untenehmen mit einer überschaubaren Führungsmannschaft von nur fünf Menschen es schafft, dass diese fünf Leute nie persönlich miteinander ins Gespräch kommen, obwohl sie auf der gleichen Etage sitzen. Überlegen, wie man einen Design-Prozess anschieben kann, der das ändert. Wie das Produkt am Ende aussieht, wird dabei fast zweitrangig, zentrales Moment des Designprozesses wird die Änderung der Unternehmenskommunikation an sich, das Entstehen neuer Ideen durch ad-hoc-Gespräche, das Öffnen längst verstopfter Adern, die Motivation, der Erfolg.

Viel davon ist Reden. Reden, überzeugen, immer wieder gegen die intrinsische Müdigkeit von Unternehmen – «So sind wir halt, das kann man nicht ändern» – ankämpfen. Viel davon ist Schamanismus, der Versuch dem Unternehmen eine Art Leben, eine Aura einzuhauchen, ohne dass man diesen Versuch wirklich bis ins Letzte methodisch festlegen könnte (oder sollte). Viel davon ist Liebe – man kann nur gut für ein Unternehmen arbeiten, das man auch mag, an das man glaubt. Und viel davon ist tatsächlich ein psychologischer Ansatz, der Symptome sucht, in Gesprächen analysiert, der Ticks und Neurosen ortet und dann nach einer geeigneten Therapieform sucht. Und die ist nicht eine geprägte und vergoldete Visitenkarte oder ein Geschäftsbericht mit der zigsten lustigen Variation eines Tortendiagramms, sondern eine langfristige Erzählung. Man redet in der Branche gern von «Markenarchitektur» – aber auch das suggeriert einen schnellen und dann abgeschlossenen Prozess. Entwurf, Richtfest, Einweihung, Einzug und Tschüss. Die Verantwortung ist aber idealerweise eine ganz andere, langfristigere, bei der die Designer eben im Zweifelsfall auch das Facility Management machen. Wenn man schon mit den Vergleich mit der Architektur sucht, dann vielleicht eher im städtebaulichen Bereich, wo schon längere Planungszeiträume, Anwohner sowie demographische und finanzielle Veränderungen dafür sorgen, dass das Drehbuch weniger festgeschrieben ist. Die Geschichte einer Marke ist ein lebendiger Prozess über Generationen (und insofern auch über mehrere Designer-Generationen hinweg), eine Art interaktive Erzählung, in der der Autor immer wieder durch Einflüsse von außen vor neue Herausforderungen gestellt wird, weil seine Charaktere und Situationen sich ganz anders entwickeln als vielleicht geplant – Corporate Design ist langsamer, fraktaler und vor allem holographischer als Architektur es jemals sein könnte.

Projektion

Im Idealfall schaffen wir dann als Designer eine Art Rolle, eine Maske, die glaubhaft auf unseren «Darsteller» abgestimmt ist. Es ist nicht das oft zu schlechte Eigenbild des Auftraggeber, aber es ist auch nicht das häufig zu optimistische «So will ich sein»-Bild, diese zumeist nur aus Klischees bestehende Briefing-Projektion, die selbst das naivste Publikum nicht schlucken würde. Ich werde oft bei Sitzungen seltsam angesehen, wenn ich Sätze sage wie «Meine Vorstellung von Ihrer Firma ist…», woher nehme ich die Frechheit, eine Vorstellung einer Firma zu haben, die ich erst seit wenigen Wochen kenne, wenn mein Gegenüber doch schon seit Jahren dort ist? Zumal mein Bild dann vielleicht auch noch von dem abweicht, was der Auftraggeber mühsam in geführten Mitarbeiter-Workshops erarbeitet hat.

Aber natürlich ist das die Chance, sogar das Privileg von Design: Von außen kommen, neugierig sein, basierend auf dem Rohmaterial eine neue, bessere Geschichte erfinden und diese dann gemeinsam ausfeilen. Die Neugier des Außenseiters ermöglicht überhaupt erst die Innovation und den Enthusiasmus, der noch nicht vom Mehltau innerer Strukturprozesse überzogen ist, nicht die Hornhaut von zig Fehlschlägen hat, nicht dieses «Been there, done that…»-Syndrom. Aus diesem Enthusiasmus heraus erwächst eine Story, eine Rolle, in die – mit etwas Zeit und Glück – der Kunde dann tatsächlich hineinwachsen kann. Und sich im Idealfall aus seiner Blockade befreit («Das geht nicht, weil…») und sich wieder entfalten kann.

Und ja, da sind wir beim billigsten Dale-Carnegie-Ansatz von der Macht des positiven Denkens, aber die Praxis gibt dem Ansatz absolut recht: Eine Firma, die sich besser kommuniziert, wird auch besser, das tatsächliche Gesicht kann in die projizierte Maske erfolgreich hineinwachsen. Mitarbeiter, Prozesse, Service und langfristig sogar Produktqualität können einem glaubhaften (d.h. nicht lügenden) Design nach und nach gerecht werden, die Minderwertigkeitskomplexe und Neurosen verschwinden. Aus dem Entlein ist so natürlich kein Schwan geworden, aber eben die bestmögliche Ente. Die Leistung des Designers ist es, den Partner (als abstraktes organisatorisches Konstrukt, aber eben auch die tatsächlichen Entscheider als Personen) zu dieser Projektion eines positiven Bildes zu befähigen, zu enthemmen, zu beflügeln. Es ist die Arbeit von Propheten. Ein positives Zukunftsbild, eine angewandte Science Fiction zu entwickeln, zu dem der im Alltagsgeschäft gefesselte Kunde oft gar keine Zeit mehr hat – und dann die Überzeugungsarbeit zu leisten, die für die selbsterfüllende Prophezeiung nötig ist.

Um dieser Kärrnerarbeit gerecht zu werden, bräuchte es eigentlich eine solide psychologische Vorbereitung im Studium. Wobei natürlich die berechtigte Frage ist, was ein Studium – zudem als Bachelor – denn eigentlich noch alles leisten soll. Auf den Umgang mit spezifischer Software vorbereiten, ästhetisches Fingerspitzengefühl, Handwerk, Innovationshunger, Kulturgeschichte, crossmediales Denken vermitteln und dazu auch noch Betriebswirtschaft und Psychologie trainieren? In einer Zukunft, in der die unreflektierte, rein subjektiv ästhetische Gestaltung wahrscheinlich eher den Amateuren und Hobby-Crowdsourcern überlassen sein wird, in der begründbares, strategisches Design also an Bedeutung gewinnen wird, kann es aber leider gar keine andere Wahl geben. Noch ist es branchenüblich, bei der «Autorenschaft» im Kommunikations-Design an eine visuelle Strategie zu denken, die dem Designer alleinige Obhutschaft über das Aussehen seines Werkes verleiht – aber in Zukunft wird es eben auch darum gehen, als Teil eines «Autorenkollektivs» jenseits der reinen visuellen Oberfläche aktiv zu sein und langfristig an der psychologischen Gestalt eines Klienten mitzuwirken. Wer Kommunikation dann ganzheitlich gestalten will, wird also neben Saville, Brody und HardWerken wahrscheinlich eben auch Adler, Reich, die Perls, vielleicht auch Watzlawik, Mead, Luhmann, Parsons und andere im Regal stehen haben. Und sich nicht ganz zu unrecht als eine Art Kommunikations-Therapeut verstehen.

15:15 Uhr. Kategorie Design. Tag . 2 Antworten.

Florence and the Machine: Lungs

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Allmählich wird schmerzhaft deutlich, dass ich mit den Alben hier schwer der Zeit hinterher hänge und aufholen muss, und dass obwohl ich nicht-aktuelle Alben schon alle weglasse. Seufz. Lungs jedenfalls ist von Mitte des letzten Jahres und gehört zu den großen Entdeckungen von 2009, wurde im Grunde schon vor dem Release (wie in den UK üblich) mit einem Wahnsinns-Hype bedeckt. Und wird den Vorschusslorbeeren mehr als gerecht. Das ungeschliffene Kiss with a Fist war die erfolgreiche Auskopplung, aber der Rest des Albums wirkt deutlich weniger White-Stripes-inspiriert, vielschichtiger, abwechslungsreicher, eine Mischung aus Kate Bush, Toyah Wilcox der frühen Siouxie und Joanna Newsom, gekreuzt mit wilden Drumbeats und einer mal märchenhaften, mal treibenden flirrenden Südstaaten-Surrealität, die unmittelbar aus der Welt von Stephen King Büchern oder True Blood zu kommen scheint und meilenweit entfernt ist von den Retroelektrosounds, mit denen uns die meisten britischen Sängerinnen dieser Tage kommen, ganz im Gegenteil – obwohl alle Tracks von Florence Welchs nasalem Gesang eindeutig zusammengehalten sind, ist die musikalische Bandbreite durchaus greifbar. So ist Cosmic Love eine wuchtige, etwas an Hounds of Love erinnernde, Orgie aus Harfentönen und Voodoodrums (die auf Blinding und zahlreichen anderen Tracks ebenfalls dominant sind), während My Boy builds Coffins, Rabbit Heart oder auch die etwas aus dem Albumrahmen fallende Coverversion von You got the Love eher herkömmlicher sauberer Pop ist, und etwa der Drumming Song eine Fusion beider Richtungen aufzeigt. Wenn es so etwas wie GarageFolkSoul gibt, liefert Florence hier genau dieses Feeling ab – jeder Track wirkt irgendwie dreckig und ein bisschen punky, ist aber zugleich in einer an das Goth-Genre erinnernden Geste operettenhaft überinszeniert, so dass man unwillkürlich auch an den frühen Marc Almond und seine Mambas denken muss. Böse gesagt ist Lungs der Versuch, aus der undurchdringlichen Skurrilität von Newsoms Ys ein Pop-Album zu melken – weniger böse ist, dass dieser Ansatz absolut gelingt. Lungs ist durch den stets etwas gleichförmigen und zu oft exaltierten Gesang (mitunter kennt Welch nur zwei Ausdrucksweisen: Laut und Lauter) mitunter etwas anstrengend, aber insgesamt ist versinkt man nach einer Weile in der hypnotischen, sirenenhaften Intensität der Stimme, der Texte und der Musik, die zusammen eine düstere Oper ergeben, deren Intensität nicht einmal durch die oft greifbare Überproduktion gemildert wird (das Intro von Girl with One Eye und viele der Demos der Deluxe-Version machen deutlich, dass Florence Gesang auch mit weniger opulenter Produktion strahlen kann). Lungs ist ambitioniert, fast angestrengt überambitioniert, und während der Hörens ist die spannendste Frage oft die, wie gut Florence Welch erst sein könnte, wenn sie sich einmal entspannen würde.

07:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

The Beauty of Pulp

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Unvorstellbar, wie schön manche alte Comic-Cover sind, hier die erste Ausgabe von Doctor Solar, mit einem Cover des SF-Illustrators Richard Powers. Die Story im inneren ist nicht viel mehr als die für die Ära typische Ummünzung einer latenten Angst vor der Atomenergie, aber das Cover nimmt eine Energie und Ästhetik voraus, die erst Dekaden später von Bill Sienkiewicz oder Dave McKean in den mainstream zurückgebracht wurde. Cover wie diese wären heute undenkbar – leider.

25. April 2010 15:40 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Philip Glass: Symphony No 7 «Toltec»

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Wenn es so etwas gibt wie den David Byrne der Klassik, dann ist es sicher Philip Glass. Hoch erfolgreich in der Grauzone zwischen Kommerz und ernster Musik unterwegs, macht er eine Art Indiepop-Klassik, die Versatzstücke moderner E-Musik mit einer auch für eher gelegentliche Klassikhörer zugänglichen Harmonik, angereichert mit fast typischen Motiven, Mustern und Gesten, die seinen Kompositionen stets fast so etwas wie einen «Markencharakter» verleihen.

Wie Byrne widmet sich Glass hier der «Weltmusik» und nimmt sich auf Toltec der mittelamerikanischen Kultur in der Zeit um etwa 1000 nach Christus an, unterteilt in drei Sätze, in deren Mittelpunkt die heilige Dreifaltigkeit der toltekischen Wirrarika steht. Aber ehrlich gesagt – ebenfalls wie oft bei David Byrne -, man hört es nicht wirklich heraus, Glass könnte mir die Komposition ebenso gut als Mediation über die Wüste oder Eskimos verkaufen, und nicht ohne Grund ist der dritte Satz insofern vielleicht schlichtweg eine Zweitverwertung bereits bestehenden Materials. Das erste Movement – The Corn – ist eine typische auf- und absteigende Bewegung, mit der epischen Breit, in der Glass sich in seinen orchestralen Arbeiten oft gefällt, ist hierfür ein drastisches Beispiel, bei dem eher lautmalerisch die Bewegung von Wind im Kornfeld spürbar wird. Erst im zweiten Satz The Hikuri wird – aber eben durchaus auch auf eine für Glass typische repetitive Art – so etwas wie ein fast klischeehaftes «Native»-Gesang-Muster spürbar, eine dunkle, bedrohliche Stimmung, deren Gesangsparts aber ebenso gut aus einer Filmmusik-Umdichtung von Orffs Carmina Burana stammen könnten. The Blue Deer, die dritte Bewegung, ist deutlich ruhiger angelegt und arbeitet sich zu einem von Streichern und Bläsern dominierten, für Glass-Verhältnisse etwas stupiden Crescendo empor, um dann sanft auszuklingen.

Dem Bruckner-Orchester Linz unter der Führung des Routiniers Russell-Davies gelingt eine präzise, wenn auch vielleicht nicht ausreichend chirurgische und harte, Interpretation in dieser Live-Aufnahme. Vielleicht hätte der Komposition eine aggressivere Interpretation gut getan, jedenfalls ist das Ergebnis eine geschliffene, epische, hypnotische Einspielung, die sich wieder einmal erfolgreich in einem seltsamen Limbo zwischen «echter» Klassik (was immer das heißen mag) und einer Art Filmscore-Ästhetik bewegt, die Sorte Einspielung bei der der Kopf hier und da ob gewisser Beliebigkeiten und Berechenbarkeiten eher kritisch reagiert, der Fuß aber trotzdem mitzuckt, Ich persönlich bin ein großer Freund der Art, wie sich bei Glass fast elektronisch-minimalistische Strukturen und Formen finden, am deutlichsten in seinen reinen Orgelwerken greifbar, die aber auch in den etwas suppigeren Orchester/Chor-Variationen seiner stets gleichen Arpreggiator-Bewegungen rhythmisch einfach Spaß machen. Umso mehr ärgert es bei The Blue Deer, dass sich Glass auf einen sehr simplistischen Grundrhythmus verlässt, der weder dem ruhigen Charakter des Stückes gerecht wird, noch eine klare Bewegung suggeriert, sondern nach einer Weile eher einfach anstrengt (also nicht anstrengend ist, was gut wäre, sondern ganz banal anstrengt).

Alles in allem sind die kurzen 30 Minuten von Toltec wegen des ersten und zweiten Satzes durchaus einen Kauf wert – sie liefern genau das, was man von Glass erwarten darf und man ist fast eher subkutan enttäuscht, wie glatt Glass diese Erwartungen einfach erfüllt, man würde sich hier vielleicht mehr Mut zu einer Tangente in seiner Evolution wünschen, die über eine Weichspülerversion dessen, was er mit Einstein on the Beach eigentlich bereits spannender abgeliefert hat, hinausgeht, aber natürlich liefert auch Toltec eine wenn auch sanfte Weiterentwicklung von Philip Glass’ tonaler Sprache. Wer Glass mag, wird hier insofern bestens bedient, aber wie bei David Byrne wird man den Beigeschmack nicht los, dass früher eben doch alles irgendwie besser war…

23. April 2010 09:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Next Level in der Tagesschau

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Bei der NextLevel-Conference in Köln gab es echte Aufbruchsstimmung, von den unvermeidbaren technischen Pannen beim Debut bis hin zum Gefühl – selbst als Nicht-Gamer gesprochen – hier einem längst überfälligen Brückenschlag beizuwohnen, von SciFi- und Ars-Electronica-Pionier Herbert W. Frankes mutig gegen den Wind auf dem Dach ankämpfender großartiger Keynote bis hin zu der atemberaubenden multimedialen Tanzperformance von Fabien Prioville, die relativ normal begann, sich aber zu phantastischen Momenten hochschwang. Wie wichtig diese Landungsbrücken zwischen der geschlossenen Nerd-Culture der Programmierer und Gamer hin zur ebenfalls oft abgeschotteten Kunst- und Kulturszene, zeigt das überragende Medieninteresse an der Sache, die den Event nicht nur bei EinsLive positionierte, sondern auch in die Tagesschau (ab etwa 11:15) brachte – durchaus nicht alltäglich für eine Kulturkonferenz und absolut verdient. Glückwunsch an Can, Martin, Sebastian, Nina und all den anderen Machern hinter dieser Konferenz und an das NRW Kultursekretariat, das hier erfolgreich zeigt, dass Kultur eben nicht nur an etablierten Theatern und Opernhäusern stattfindet…

22. April 2010 14:16 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 5 Antworten.

Hertie

19. April 2010 05:23 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Pudelparadies

05:16 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Fenster

16. April 2010 08:27 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Roter Faden Taschenbegleiter

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Begleitet von einem sehr lieben Brief, einigen Postkarten und einem Extra-Büchlein kommt mein Taschenbegleiter von Roter Faden hier an. Die individuell auf der Homepage «konfigurierbaren» Ledermappen im Format A6 bis A sind aus einem Diplom von Beate Mangrig hervorgegangene, wunderschöne und liebevoll gefertigte Begleiter, die man von ganz schlicht bis grellbunt zusammenklicken und mit zahlreichen Features versehen kann. So kann der bei mir graue Filz innen auch bunt sein, oder Leder – und die Außenseite kann auch statt aus weichem Leder aus toughem Tanzboden gefertigt sein. Die Anzahl der Innentaschen oder der Klammern ist ebenfalls modifizierbar.

Der Clou der Taschenbegleiter sind die Metallklammern, mit deren Hilfe Magazine, Bücher, Notizen und auch von Roter Faden selbst gelieferte Notizhefte und Kalender eingeklemmt werden können. Dadurch durchaus reisefertig festgehalten, kann man trotzdem schnell Inhalte wechseln, Seiten umblättern und hat zugleich ein praktisches Lesezeichen, was beim Kalender oder Notizen tatsächlich eine große Hilfe ist. Die Klammern selbst wirken etwas wackelig, sind es aber nicht, sie müssen nur flexibel sein, um verschiedenste Inhalte aufnehmen zu können – einziges Manko ist, dass das Metall der Klammern sich gern in das Papier der eingeklammerten Hefte bohrt, wenn man nicht acht gibt – mein Kalender hat schon einige Löcher, es mag aber an mir liegen :-D. Insgesamt macht der Taschenbegleiter einen robusten Eindruck, ist aber anders als etwa Moleskine oder viele andere Produkte vor allem flexibel aus weichem Leder und Filz gemacht, also nicht steif, sondern eher wie ein dickes Heft. In den weichen inneren Filz kann man Taschen verschiedener Größe integrieren lassen, und ich hoffe zumindest, dass ich in den A4-Überformat-Taschenbegleiter (aufgeklappt etwa so groß wie ein A4+Wacom Intuos) in die hintere große Tasche auch ein iPad kriegen dürfte während vorne Notizblöcke und andere Kleinigkeiten reinpassen.

Dabei ist der Taschenbegleiter nicht nur ein smarter Organizer, der beliebige Inhalte fassen kann, sondern Beate Mangrig bietet auch noch elegant gestaltete Zusätze an, die daraus eine Art Moleskine-auf-Stereoiden machen. Ein ausgezeichnet gestalteter, fadengenähter Kalender 2010, schöne Notizhefte auf Naturpapier sowie kleine Büchlein oder Klarsichtfolien bieten jedem Kunden die Möglichkeit, seinen ganz eigenen Organizer zu strukturieren. Inwieweit man dies gegen die Flut der digitalen und sinnvollen Organisationstools noch nutzen kann/mag, muss jeder entscheiden, aber es ist an sich großartig, einen so gut gestalteten Wochenkalender immer vor Augen zu haben, ohne zu iCal switchen zu müssen. Alle Details der Drucksachen sind liebevoll und inspirierend gemacht, gut gestaltet, ohne jemals aufdringlich zu sein, alles wirkt selbstverständlich, funktional, natürlich und und sind den geringen Preis 100% wert. Also: Bestellen und genießen.

Mehr Bilder nach dem Break…

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15. April 2010 10:55 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . 5 Antworten.

Schauspielhaus Bochum: Leonce und Lena

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Als vor einigen Jahren die große Debatte über Regietheater in Deutschland lief, wurde Elmar Goerdens Bochumer Haus als Hort eines «respektvollen» Umgangs mit Theaterstoffen und -vorlagen gefeiert. Dieses Lob der Biederkeit war damals schon nicht ganz zutreffend, aber es scheint, als wolle Goerden dieses ja eher schmerzhaft zweischneidige Lob in seiner letzten Saison endgültig widerlegen. Tatsächlich fühlt sich Leonce und Lena , inszeniert von der ebenso jungen wie weit gereisten und erfahrenen Regisseurin Anna Bergmann, an, als sei Weber bereits angekommen, es erinnert vielleicht nicht zufällig stark an David Böschs Woyzeck-Remix aus Essen. Wo Bösch allerdings Büchners Moritat in einen postapokalyptischen Horrorthriller zu verwandeln vorzog, zieht Bergmann ein anderes Register und verpflanzt Büchners gallende Satire über das kleinstaatlerisch-feudale Deutschland seiner Zeit in die Jetztzeit. Der beliebte, aber nicht immer gute Kunstgriff, den Bergmann auch nur halbherzig durchzieht, besteht darin, aus dem König Peter von Popo und seinem Sohn Leonce sowie aus der Prinzessin Lena von Pipi Marketing-Label, Modekunstfiguren zu machen, das ganze zumindest ansatzweise in die Welt des modernen Kapitalismus zu verschieben, auch wenn dieser im dritten Akt unverhofft trotzdem plötzlich als Hofstaat auftritt. So wie Büchner ein faules, nichtsnutziges und parasitäres Feudalsystem skizziert, das von innerer Leere, Langeweile und Dummheit ebenso geprägt ist wie von Sadismus untereinander und gegen die Bauernschaft und Angestellten, gelingt Bergmann in Streiflichtern der Entwurf einer ganz anderen Postapokalypse – der Stillstand der Zeit in einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft, die aus dem melancholischen Prinzen frappierend gelungen einen Kurt-Cobain-Emo macht, der selbstmitleidig in seiner Designerloft zur seiner Gitarre singt und sich nach der perfekt aussehenden, perfekt dummen Frau verzehrt. Im ersten Akt lassen Matthias Werners Bühnenbild und das wuchtige Sounddesign von Heiko Schnurpel eine dekadente Everybody-fucks-everybody-Dekadenz entstehen, die ebenso gut aus Brett Easton Ellis Less than Zero entsprungen sein könnten, nur bemüht, den eigenen Selbstekel und den Horror Vacuii zu betäuben.

Wie in der Vorlage entflieht Leonce (Ronny Miersch) gemeinsam mit dem Hallodri Valerio (Sebastian Kuschmann) der drohenden «Fusion» der beiden Marken Leonce und Lena qua Hochzeit, nur statt nach Italien verfrachtet Bergmann die beiden ins kalte Eis, wo sie nicht nur Lena (bis zur Unkenntlichkeit umgestylt: Sina Kießling) und ihre überaus maskuline Gouvernante (Michael Lippold) mit Schlittschuhen über das (echte) Eis schlittern und fallen, sondern auch ein großartig sinnfreier Eskimo einen Iglu baut, in dem es im weiteren Verlauf der Handlung noch etwas zur Sache geht und der – Natural Born Killers zitierend – schlagartig auch als Schamane funktioniert. Das die ganze Inszenierung durchziehende Transgender-Thema findet hier auch in einem fast wörtlichen Billy-Wilder-Zitat (Jerry und Osgood aus Manche mögen’s heiß) einen Niederschlag, das Bergmanns Methode der postmodernen Entleihung deutlich macht – aus Büchners Originaltext werden ebenso die Rosinen genommen wie aus Filmen, Popkultur, Magazinen, Pornographie, Popmusik, Architektur, Politik. Das Ergebnis ist ein mitunter alberner, mitunter wunderbarer Mix aus Elementen, die zwar nicht immer so auf der Höhe sind wie Büchners rasiermesserscharfe Wortspiele, die aber gemeinsam in der Juxtaposition ein neues Bild ergeben. Leonce und Lena wird hier von der derben Comédie Humaine zur hysterischen hypergrellen Farce, die umso besser funktioniert je sinnloser und bedrogter die Protagonisten erscheinen, weil hinter ihrer Abgebrühtheit, dem romantischen Selbstmitleid und der Sinnlosigkeit des Daseins ein seltsam erfolgreiches Update von Büchners kleinem Stück entsteht, das den Ideen des jungen Autors weitgehend gerecht wird, zugleich bricht und kommentiert und poliert – und somit seltsame Parallelen zeigt zwischen den Jahrhunderten. Bergmann seziert smart die philosophischen und historischen Bezüge, ohne das Stück dabei tumb zu machen, und bereichert es mit neuem Interpretationsfutter, und plötzlich sieht ein eher historisch zu deutender Text über kleinstversprengte absolutistische Hofstaaten hochmodern aus. Nicht nur, weil Bergmann die beim Autor bezeichnet blasse und nichtssagende Lena, die eigentlich nur Rezipient und Sichwortgeber für Leonces endlose Monologe zu sein scheint, deutlich ausbaut und selbstbewusster macht. Nicht nur, weil das Stück Büchners frivole Anspielungen großartig zu kaltem, gefühllosen Sex überspitzt. Nicht nur, weil die meisten modernen Gags zwar nicht an Büchners Text herankommen, diesen aber bestens erden und rahmen. Sondern vor allem, weil deutlich wird, wie grundlegend die Zivilisationskrankheit, die Georg Büchner beschäftigte ist, wie sie mit den Jahrhunderten bestenfalls endomorpher geworden ist.

Fett, im doppelten Wortsinne, ist auch die Bühnenpräsentation. Wo Goerden am Anfang seiner Spielzeit durch den Lagerbrand bedingt eher karge Bühnen präsentieren musste, ist Leonce und Lena für ein relativ kleines Schauspielhaus eine Wundertüte dessen, was auf der Bühne derzeit geht. Matthias Werner und die Kostümdesignerin Claudia González Espíndola erschaffen mit Bergmann und dem Ensemble eine Bilderflut, deren sarkastische wie romantische Note ein Film so direkt kaum erreichen kann. Es ist die Stärke von Theater, nicht real, sondern hyperreal zu sein – und so auch hier. Ob die kleine Drehbühne mit wenigen Handgriffen vom Versammlungsraum zur Yuppieluft mutiert, oder ob mit echtem Eis eine kreisförmige Schlittschuhfläche entsteht, ob silberne Vorhangstreifen wie gigantische Alupapier-Fetzen ein minimalistisches und zugleich doch gefährlich glitzerndes Bühnenbild ergeben, ob es minutenlang zu schneien scheint oder Ballons fliegen, ob die beiden Hauptdarsteller in riesigen Plastikbällen umeinander kreisen, ob es ohrenbetäubende Musik gibt oder einen ironischen Werbeclip für L&L – Leonce und Lena ist ein Sturm von großen Bildern, Tönen, Farben und Eindrücken, die in ihrer Leibhaftigkeit Theater so eindrucksvoll und einzigartig machen, weil der Zuschauer in der unperfekten, CGI-freien Theaterwelt die Arbeit der «Suspension of Disbelief» noch selbst leisten muss, was die Effekte und Kunstgriffe tatsächlich erst wirksam macht. Nur, was nicht perfekt ist, wird glaubhaft.

Dabei sind die Effekte nur selten als reine Aufmerksamkeitshascherei oder Spielerei zu entlarven – die Idee, die beiden nur schwer zueinander findenden Liebenden in Plastikbälle zu stecken, wo sie sich zwar sehen und hören, aber nie wirklich berühren können, gefangen in ihren eignen sozialen Cocoonings wie in riesigen rollenden Kondomen, schnatternd aber eben doch wortlos, ist so treffend wie visuell poetisch – und es spricht für das Fingerspitzengefühl aller Beteiligten, dass solche Szenen nicht ins Kitschige driften, ebenso wie der Slapstick nie bodenlos albern wird. Die einzelnen Teile, die so gar nicht passen wollen, kommen gut zusammen. Auch dass Bergmann und ihre Crew das Happy End in die Ästhetik von Parfüm- und Schmuckwerbung packen, mit der Musik und der Bildsprache des modernen Kitsches spielen, ist großartig: Bergmann gibt uns das glückliche Ende, das wir wollen, aber sie gibt es uns vergiftet, verlogen – und der Clip, von dem man sich als Zuschauer denkbar betrogen fühlt, weil er die Liebe von Leonce und Lena für Produktwerbung platt verzuckert, wird so nicht nur zum Seitenhieb gegen die glatte und insofern falsche Werbeästhetik, sondern auch zum Metakommentar zu Theater-versus-Film, zu Dreidimensionalität versus Plattheit im Wortsinne. Die Bochumer Fassung von Leonce und Lena schafft so den schwierigen Salto zwischen publikumswirksamer Inszenierung mit allen Mätzchen, die man im Stadttheater heute so braucht – und einer vor allem im ersten Akt kalten nihilistischen Analyse der übersatten, dekadenten, weichen Mischung aus Selbstzufriedenheit und Selbsthass, die nicht mehr den Feudalherrschern vorenthalten bleibt, sondern die uns alle langsam aber sicher umfasst, weil wir ja alle der grundlegenden Langeweile unserer Selbst gerade angesichts der vielseitigen Zerstreuungen nicht entkommen können.

Grandios ist, dass Bergmann das nicht als borniert verkopftes Smartass-Theater präsentiert, sondern vergleichsweise leichtfüßig und zugänglich. Ihre Inszenierung beweist, dass urbane Theater nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen (obwohl Büchner natürlich auch nicht gerade Avantgarde ist, im Gegenteil), und mit immer mehr Boulevard ankommen müssen, sondern eher versuchen können, komplexe Ideen und widersprüchliche Deutungsideen sexy zu verpacken. Das gelingt nicht immer, ist auch nur eine dünne Klinge, auf der man hier erfolgreich balancieren kann und schnell ist man zu clever oder zu plump – aber Bergmann gelingt der Hochseilakt zwischen Showtheater und Substanz verblüffend gut.

14. April 2010 00:43 Uhr. Kategorie Live. Tag . Keine Antwort.

Labyrinth

12. April 2010 19:17 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Leuchter

11. April 2010 00:20 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Szimpla Dupla

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Ob es nun szimpla dupla heißt oder .simpla..dupla, ganz egal – die kleine aber feine Ausstellung im Künstlerhaus in Dortmund hatte es in sich und war zur Eröffnung ausgezeichnet besucht, unter den routinierten Beats von Annika Jannsen und Seán Nagel kam gute Partystimmung auf. Hannes Woidich, Willi Otremba und Szolga Hajnal haben aus Budapest und Pécs neun Installationen mitgebracht, die bereits vor dem offiziellen Start von Scene Ungarn zeigen, wie nah die osteuropäische Kunstszene im Grunde Arbeiten ist, die wir auch aus Deutschland kennen, meist sehr multimedial, modern, abstrakt, eher tastend als didaktisch, und wie so oft bei moderner Kunst auch etwas unwirklich. Ich war überrascht, dass mir Hajnalka Tarr, deren Arbeiten ich bereits kannte und sehr mag, in diesem Kontext sogar noch am wenigsten gefiel, obwohl sie quasi als einzige etwas «klassisch» arbeitete. Einen großartigen Opener gab die Installation von Szövetség’39 ab, eine große «Lichtorgel» mit batteriebetriebenen LEDs, die bereits zum Start der Ausstellung ausfielen und so im Verlauf von szimpla dupla zufallsbasiert immer neue, sich selbst zerstörenede Pattern entwickeln. Ein weiteres Highlight war eine andere Lichtinstallation von Csenge Kolozsvári, abgehängte selbstgebaute Lampen, die bei Berühung durch in das mattierte Aluminium eingefräste Schlitze erleuchten und einen jeweils anderen Ton abgeben. Leider ging die sehr stimmungsvolle Installation etwas unter, sie hätte vielleicht einen eigenen, vielleicht auch dunklen Raum gebraucht, um ihr Flair so richtig zu entfalten – aber auch so macht es Spaß, Kunst anzupacken und mit ihr spielen zu können. Inspirierend war Anna Baróthys dreidimensionale Skulptur, die sich aus einer aufgezeichneten Tanzperformance ergab – was bei Gehry ein Haus würde, ist hier eine wirklich schöne Skulptur geworden, deren Idee faszinierend ist. Marianna Szabó hat geisterhafte Mumien aus einzelnen teilweise gehärteten Fäden nach Dortmund gebracht, die wie Schlafende oder Tote im Künstlerhaus liegen. Ádám Kokeschs «Sensoren»-Installation fand ich persönlich weniger gelungen, wiewohl ich die einzelnen Sensoren sehr niedlich fand, hat sich die Idee als Ganzes nicht erschlossen und wirkte artifiziell. Barbara Follárd hatte eine Videoinstallation dabei, und ich bin ganz individuell an dem Punkt, wo ich geloopte Videos einfach nicht mehr sehen mag, es liegt an mir – Videoart muss einfach einen Schritt weiterkommen und interaktiver werden im Zeitalter von Youtube. Umso schöner dann die Primitivität, Ehrlichkeit und der schiere Arbeits- und Spaßfaktor von István Csákánys Rauminstallation, die ein massives Holzgebirge ins Künstlerhaus stemmte, über das jeder Besucher klettern musste, um die Ausstellung weiter sehen zu können. Abgesehen von meinem Respekt vor der reinen Bauleistung mit Säge und Akkuschrauber, vor der wackelig wirkenden, aber wunderbar massiven Konstruktion, vor der fraktalen Optik von so viel Baumarkt-Holz, war diese Kunst wunderbar ins echte Leben integriert, lud zum Draufsitzen ein (und ächzte ziemlich unter den fast zwölf Leuten, die zwischenzeitlich auf dem Holzberg saßen) und wurde auch ein wenig zur Hürde für das weniger junge Publikum, das trotzdem mit reichlich Humor auf das Holzhindernis kraxelte.

Die Ausstellung im Künstlerhaus läuft noch bis 30. Mai. Ein paar Bilder nach dem Break…

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10. April 2010 10:22 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Pleased to meet’cha

9. April 2010 18:47 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Steve is relaxed

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Steve Jobs hat die Aura des uneitlen Guy Next Door wie kein Zweiter perfektioniert. Wer sonst als einer der größten Medienmogule der Neuzeit darf sich mit Alter-Mann-Geste die Brille in die Haare schieben und kurzsichtig auf das offenbar zu kleine Display des iphone blicken?

13:58 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

Bittebittebitte

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Herzzerreißender Zettelfund im Wald…

12:13 Uhr. Kategorie Leben. Tag . 3 Antworten.

Schwarz ist das neue Schwarz

Aber war es jemals wirklich out?

10:13 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

Max fragt 05

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Max Frisch, Fragebogen.

09:56 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Eine Antwort.

Jetzt anmelden für Next Level

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Am 20 und 21. April steigt in Köln in der AbenteurhalleKalk das Event für alle Leute, die sich mit Games, Graphics, Design und Musik beschäftigen. Die Next-Level-Conference erklärt, warum Game-Design längst zu einer Schnittstelle von Kunst, Kultur und Kommerz geworden ist, bietet reichlich Werkschau, Panels zu allen wichtigen Themen, ordentlich Party, eine Tanzperformance und mit Herbert W. Franke als Keynote-Speaker einen Futuristen alter Garde, der den Besuch hoffentlich schon ganz allein rechtfertigt.

Hier mehr Infos. Hier Fan werden. Und dann hier anmelden.

8. April 2010 13:10 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 5 Antworten.

Orakel

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12:25 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

OS4 – wirklich die Zukunft?

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Eins kann man sagen: Apple arbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk. Pünktlich nach einem Jahr wird das neue Betriebssystem des iPhone vorgestellt, im Sommer dürfte dann die Hardware dazu folgen und das Update erscheinen, mehr oder minder auch ein Jahr nach dem iPhone 3Gs. Große Überraschungen dürfte es heute abend nicht geben – das längst überfällige Multitasking, kleine OS-Kosmetik, vielleicht ein Happen mehr Bluetooth, iAd finde ich persönlich eher einen Schritt in die falsche Richtung… und Benutzer von jailbroken iphones werden wieder den Kopf schütteln, warum wie «normalen» User sich diese Politik bieten lassen, wenn die entfesselten Versionen des iPhone mit dem Cydia-Store längst deutlich mehr Funktionalität bieten.

Es wird in letzter Zeit recht erkennbar, dass Apple sich wie Quark und Adobe derzeit verrennt. Davon können auch explodierende Aktienkurse und Umsatzzahlen nicht ablenken. Apple entwickelt mit dem iPad und dem iPhone ein geschlossenes System, das sogar mit sich selbst zunehmend inkompatibel wird und das den User gängelt und einengt – und das hat noch keiner Firma langfristig gutgetan. Bluray, HDMI an den Desktopgeräten und Laptops wegzulassen sind solche Entscheidungen, aber auch und drastischer die operative Entfernung aller Flash-Inhalte aus dem Web via iPhone/Pad oder die restriktive AppStore-Politik, die zum Beispiel alternative Videoplayer wie VLC untersagt. Was fürs iPhone gerade eben noch akzeptabel war, auf dem iPad aber gar nicht mehr. Ich denke, die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Leute das iPad jailbreaken, dürfte groß sein, denn auf dieser Plattform sind die Handschellen, die Apple den Usern verpasst, wahrscheinlich deutlich stärker spürbar. Allein das Sync via iTunes klingt sinnlos, es gibt keinen Finder, es braucht dringend eine Möglichkeit, AVI und MPG usw abzuspielen… da dürfte sehr schnell sehr viel passieren, es sei denn Apple reagiert und öffnet sich den Wünschen der User.

Tatsache ist ja, dass es in Cydia mit Lockinfo einen Startbildschirm gibt, auf den reguläre User schon eine Weile warten, Multitasking ist längst gegeben, einfach An- und Abschalten von BT ebenfalls. Die Hacker, mit anderen Worten, und die Bastler, sind weiter als Apple selbst. Solche Inkongruenz geht eine Weile gut, zumal Apple ja alles tut, um den Jailbreak kompliziert zu machen und der Apple-User als solcher ja nicht unbedingt der Hacker-Typus ist. Aber langfristig, je mehr das iPhone zum Alltagsgegenstand wird, werden die Benutzer mehr wollen als was Apple ihnen tröpfchenweise einmal im Jahr anbietet. Der große Vorteil der Windows-Plattform ist lange Zeit der modulare, relativ offene Charakter gewesen – Windows an sich war Dreck, aber man konnte es recht gut modifizieren. Apple hingegen setzt auf eine Strategie, die ein extrem unkompliziertes aber dafür auch völlig unmodifizierbares Blackbox-System anbietet, das inzwischen weniger und weniger am Verbraucher orientiert ist sondern an anderen Interessen von Apple, an Kooperationen, am iTunes-Absatz, an persönlichen Animositäten mit anderen Firmen. Solche aus der Arroganz des Erfolgs geborenen Monopolstrategien gehen nur solange gut, wie keinerlei Konkurrenz in Sicht ist – und man hat gesehen, wie es Quark erging, als InDesign aufkam, und man sieht, wie es derzeit Adobe ergeht, die ähnlich erstarrt sind wie Quark vor ihnen.

Denn es wimmelt ja rund um das iPhone von Dingen, die die meisten normalen User irgendwann nicht mehr mitmachen dürften. Warum kann ich mit dem iPhone/Pad keine Flash-Websites besuchen, aber auch kein WMV, AVI, MPG usw. abspielen? Warum passt der VGA-iPad-Adapter nicht an das iPhone? Warum kann ich mit dem iPad nicht via iPhone online gehen? Warum kann ich Tracks auf dem iPhone nicht mit jedem beliebigen iTunes abspielen? Warum synct iTunes Playlisten auf verschiedenen Geräten nicht via WLAN und 3G? Und so weiter – die Liste ist lang.

Wenn wir heute Abend also einen «Blick in die Zukunft des iPhone OS» werfen, ist paradoxerweise das Gegenteil der Fall. Apple wird noch mehr aus einer Hand anzubieten versuchen und eine Monopolkonfiguration als Anbieter von Hardware, Software und Mediencontent aus einer Hand anstreben – jetzt auch noch als Werbeplattform mit iAd. Die Zukunft des iPhone wird aber sein, dass sich mehr und mehr Entwickler von den absurden Vorgaben im AppStore abwenden und auf eine offene Plattform setzen, sei es ein jailbroken OS, sei es Android. Die meisten Windows-User haben von den Vorteilen des geschlossenen Apple-Systems ohnehin wenig (wie viel weniger Spaß macht das iPhone schon ohne mobile.me, oder ohne zwei drei andere Macs, mit denen es kommunizieren kann? Im Grunde nimmt das iPhone ja das Internet der Dinge vorweg) und werden irgendwann entweder ganz die Plattform wechseln oder nach Lösungen suchen, um ihre avi-Filmchen auch mobil sehen zu können, ohne sie alle nach h.264 konvertieren zu müssen.

Tatsächlich hat mit Einführung des iPad ein Countdown begonnen, ein Shift gegen Apple – die Firma bedient langsam aber sicher nicht mehr einen kleinen Pool von Nerds, sondern eine große Massenzielgruppe, wenn auch (noch) im Highend-Segment. Kein BMW-Fahrer würde es sich bieten lassen, wenn in seinem 5er NUR das BMW-Navigationssystem laufen dürfe und ein TomTom-System einfach verboten wäre. Kein Bulthaup-Küchen-Nutzer würde sich von Bulthaup vorschreiben lassen, welche Messer er benutzen darf, oder welche Gewürze und Nudeln. Auch Fair-Play-Töpfe, die als einzige auf einem Siemens-Herd funktionieren, während alle anderen Töpfe leider nicht angenommen werden und die Herdplatten kalt bleiben, wären undenkbar, ebenso die Idee, dass ein Siemens-Mitarbeiter zu dir nach Hause kommt und deine Mikrowelle demontiert, weil sie leider die Funktionalität des Backofen «doppelt». Aber genau so funktioniert die derzeitige Apple-Politik.

Mit «Zukunft» hat das wenig zu tun. Ganz im Gegenteil, es ist Oligarchentum der übelsten Schule, und damit eher die Vergangenheit. Bleibt zu hoffen, dass Apple möglichst bald die Strategie ändert und sich offenere Strukturen verleiht, raus aus der paranoiden, altrussischen Verbohrtheit kommt und dem Nutzer mehr Macht gibt. Ansonsten kann es mit der Firma schneller vorbei sein, als man heute glauben mag. Es wäre ja schon einmal fast in den 90ern passiert.

08:17 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 8 Antworten.

Danny Goldberg: Bumping into Geniuses

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Wenn Danny Goldberg von der Musikbranche schreibt, schaut man einem Insider über die Schulter, der weiß, wovon er redet, immerhin hat Goldberg unter anderem für Led Zeppelin, Springsteen und Nirvana gearbeitet. Sei es als Talentmanager, PR-Profi, Plattenlabelchef, Journalist oder Filmemacher, Goldberg sollte aus dem Rocknroll-Geschäft einiges zu berichten haben. Das tut er in Bumping into Geniuses leider aber kaum. Bei Led Zep und Nirvana kann man einen schleierhaften Blick auf die Tragödien und Zickenkriege hinter der Rockfassade erhaschen, ansonsten bleibt Goldberg allzu oft in einer Art biographischer Selbstvermarktung haften, die das Buch seitenweise einfach langweilig macht. Dabei kommt Goldberg durchweg als ein nice guy rüber, der so bescheiden und sympathisch, wie er sich hier schreibt, angesichts seiner Karriere wohl kaum sein kann, und Bumping ist durchweg eine leichte, unterhaltsame Lesekost, in die der ehemalige Billboard-Autor gekonnt eigene Spannungsbögen einzubauen vermag. Fast unbemerkt bildet er über seine eigene Karriere die Entwicklung der Rockmusik zu einer stärker und stärker von PR und Marketing gesteuerten Finanzmaschine um, bei der es allen Beteiligten, Labels, Presse und eben vor allem auch den Künstlern selbst primär um Erfolg und Anerkennung geht und wie selbst große Acts sich verbiegen, um radiotauglich zu werden oder die Presse glücklich zu machen. Goldberg gelingt das Kunststück, die zynische Verwertungsstrategie der Branche irgendwie spielerisch und leicht aussehen zu lassen, selbst wenn er dabei etwas unbeholfen auf die Leichen am Straßenrand aufmerksam macht – die massiven internen Streitereien bei LedZep oder Cobains Selbstmord etwa, die auf die Schattenseite eines Business, das auf hohem Leistungsdruck und einer fast perfiden Mischung aus Selbstausbeutung, Individualität, Kreativitätsdruck und brutalen Anpassungsmechanismen basiert. Es ist wunderbar böse, wenn Goldberg ganz nett und locker darüber schreibt, dass sich selbst ein «integerer» Musiker wie Springsteen von einem Album zum anderen balladiger entwickelt, um mehr Airplay zu bekommen. Insofern mutiert Goldbergs Blick auf die Rockmusik-Industrie zu einem vielleicht unfreiwilligen Blick unter die Motorhaube einer Branche, die sich rebellisch und cool gibt, aber alles andere ist und die in weiten Bereichen nicht weniger als menschenverachtend tickt.

Wer eine «früher war alles besser»-Denke im Bezug auf die Rockmusik pflegt, wird hier brutal eines besseren belehrt, wenn Goldberg seinen an großen Namen reichen Zug durch die Rockgeschichte macht und von Dylan bis Warren Zevon die permanente Produkterneuerung, die ständige individuelle Suche nach einer Aussage, in einen trockenen Kontext von Public Relations, Presse und Geld rückt. Wer sich auch nur oberflächlich mit modernem Musikbusiness auskennt, weiß, dass hier von Glamour wenig die Rede sein kann und es ein durchaus verdammt trauriger Job sein kann, vor allem, wenn man nicht Stadien füllt, sondern irgendwo im Mittelmaß herumkrebst. Man kann hier sehr schnell sehr viel Geld machen, aber auch sehr schnell sehr hart untergehen. Goldberg berichtet von diesen Prozessen als Insider mit einer Art amerikanischer Fröhlichkeit, die oft im krassen, mitunter bizarren Gegensatz zu dem steht, worüber er da eigentlich schreibt, und diese Schere macht das Buch an sich interessant, der unsichtbare Subtext, das ungesagte, die Abgründe unter Goldbergs fröhlichen Berichten. Sichtbar wird eine Welt, wo sich selbst kleinste Acts dem Gesetz des kleinsten gemeinsamen Nenners unterordnen und selbst die großen Stars gehetzt und unglücklich wirken. In der sehr oberflächlichen und oft gehetzt wirkenden Selbsterzählung seiner Karriere, in der Goldberg die großen Stars wie Staffagen auftreten lässt, wird – sicher ungewollt – deutlich, wie sehr die Musikindustrie eben tatsächlich eine Industrie ist, die mit einer hochvolatilen Ware handelt, die die Egos der Stars übertrieben pflegen muss, und die zugleich aber auch absolut oberflächlich, gnadenlos brutal und zynisch werden kann, weil sie weiß, das in der Verwertungskette immer ein anderer Anwärter steht, der nur darauf wartet, die Maschine zu füttern. Es ist fast ein Wunder – und dieses Wunder bekommt das Buch nur ansatzweise zu greifen – das immer wieder trotzdem Produkte entstehen, die über Dekaden hinweg zahllose Musikfans berühren.

6. April 2010 12:20 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Klassische Wort-Bild-Schere

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5. April 2010 19:31 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.

Lucky Strike goes Web 2.0

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Während ich auch als Nichtraucher die meisten Sachen mag, die sich Lucky Strike mit Limited Editions und anderen Verpackungsgags einfallen lassen, finde ich die 3D-Fassung des Logos ziemlich unharmonisch und hoffe, dass diese Web-2.0-Verlauf-Optik nicht von Dauer ist. Less is more. Bei Zigaretten sowieso :-D

19:21 Uhr. Kategorie Design. Tag . 4 Antworten.

Zeche Bochum Kaki King live

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Ganz ehrlich: Dieses Konzert hätte das zehnfache an Publikum verdient. Ich gebe zu, obwohl ich sogar einen Track von ihr auf einem Cure-Tributealbum hatte (der zwar schön ist, aber kaum zeigt, was sie tatsächlich kann) ich habe Kaki King bisher auch nicht gekannt, bei PlanB auf EinsLive entdeckt, ein Album gekauft und sofort den gesamten Back-Katalog. Katherine Elisabeth King ist nichts anderes als großartig, jedes Album ein spürbarer Evolutionsschritt. Und in der Zeche Bochum spielt sie vor gefühlten 100 Leuten. Auch kein Wunder, wenn der Gig nur übersparsam angekündigt wird, Das spricht für schlechtes Marketing der Plattenfirma, leider. Denn neben etwas fetterer Backline und besseren Sound wären hier einfach 900 Leute mehr perfekt gewesen. Denn musikalisch bieten King und ihre zwei Mitstreiter, Jordan Perlson am Schlagzeug und Dan Brantigan an EVI und Trompete, allerfeinste Qualität. Jeder der drei Musiker ist alleine einen Konzertbesuch wert, und da Perlson und Brantigan genügend Raum bekommen, um zu zeigen, was sie können, verlieren sie sich nie im Schatten der Über-Gitarristin King. Programmatisch fällt beim Konzert die Entwicklung vom Akustikgitarren-Wunderkind zur Indie-Songwriterin live durch einen harten Bruch auf, bei dem die Band von der Bühne verschwindet und King absolut surreale Dinge mit ihren Saiten veranstaltet, die den wahrscheinlich im Publikum anwesenden Gitarrenfreaks die Tränen in die Augen treiben dürften, etwa bei Playing Pink With Noise mit einem unglaublichen Mix aus Obertönen, perkussiven Sounds, und einer Zupfarbeit die beim Hören auf einem Album schon beängstigend ist, live gesehen aber einfach atemberaubend wirkt, ebenso wie ihre Arbeit an der Steelguitar. Bei der einzigen Zugabe zeigt King dann auch nochmal zusammen mit einem Loop-Sampler, dass sie eigentlich auch gut alleine 120 Minuten unterhaltsam sein könnte, springt mittendrin, während die Loops noch laufen, von der Bühne, hüpft durchs spärliche aber dafür ehrlich begeisterte Publikum und konstruiert Schicht um Schicht einen ganzen Song. Umso feiner, dass die Band mit ihrer Fingerfertigkeit mithalten kann und gerade den Songs von den letzten Alben den perfekten Schliff gibt. Es fehlt im Fundament etwas an Bass, obwohl Brantigan berauschend zeigt, wie gut sich ein Saiteninstrument mit einem digitalen Blasinstrument ersetzen lässt, obwohl der Drummer sogar bei einem Song via Pads den Bass mitspielt – aber irgendwie merkt man ab und zu, dass es in den tiefen Frequenzen an Energie fehlt, zumal ein Basser Brantigan mehr Raum geben würde, frei in den hohen Lagen zu spielen, wo er absolut brilliert, wenn er die Chance bekommt, seine Synth-Solos zeigen den erfahrenen Jazzer als gleichauf mit der Gitarrengöttin King, und wenn er zur realen Trompete greift, geht die Sonne auf. Perlson spielt ein hochdramatisches Schlagzeug, das trotz der relativ schlechten Raumakustik des recht leeren Saales begeistern kann – von leisesten Zwischentönen bis zum ganz großen Kino liefert er dynamische Bandbreite, rhythmische Eleganz und bewahrt bei aller Energie, die er an dem Silver-Sparkle-artigen Yamaha-Kit entfaltet stets eine nerdige Ruhe und Eleganz, die er nicht einmal verliert, wenn er sich in dubbigen, an Stewart Copeland erinnernden Reggae-Grooves oder psychedelischen Monstersoli verliert. Mitunter spielen die Drums ein wenig zu wirsch für die Songs, so dass die ohnehin fragile Bandkonstruktion noch dünner wirkt, aber alles in allem hält Perlson mit solider Fußarbeit die musikalischen Netze, die Brantigan und King in die Luft wirbeln, phantastisch geerdet.

Wie auf dem Junior-Album wirkt der Gesang etwas zu verhallt, zu weit weg, aber das passt vielleicht ideal zu einer Person, die auf der Bühne davon erzählt, dass sie sich nicht traut, auf eine eMail von Melissa auf der Maur zu antworten und die auch ansonsten so wirkt, als würden sie die üblichen Popstar-Klischees eher langweilen… auch wenn der pinke WahWah auf der Bühne ein phantastischer Hello-Kitty-Moment ist, wenn King in einer Art und Weise auf ihrem Effektgeräten herumstampft, dass es mich im besten Sinne an Ute Rettler (unsere alte Gitarristin bei These Foolish Things) erinnert. Gerade die Junior-Tracks zeigen das Potential von King nicht nur als Instrumentalistin der Extraklasse, sondern auch als Songwriterin und Sängerin, die hier ganz wunderbar irgendwo zwischen Lush und Shoegaze-Sounds luftwandelt und schnelle, aber perfekt entspannte Songs präsentiert. Man kann nur hoffen, dass King und ihre Band in anderen Locations ihrer recht umfassenden Tour entweder kleinere Bühnen oder deutlich mehr Publikum haben – idealerweise letzteres, verdient wäre es allemal.

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10:00 Uhr. Kategorie Live. Tag . 2 Antworten.

Design hinter Gittern

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Brett Yasko: Shiv

Not macht erfinderisch – nirgendwo sieht man das deutlicher als an den Werkzeugen, die sich Inhaftierte aus den einfachsten Mitteln zusammenbasteln, in primitiven und doch drastischen Designs, die in Cargokult-artiger Re-Interpretation des Erinnerten aus den harmlosesten Alltagsgegenständen Waffen, Verstecke, Radios, Tarnungen zu emulieren versuchen, die am Ende so naiv wie bedrohlich, anrührend wie lachhaft sind. Das Prisonphotography-Blog listet eine ganze Reihe interessanter Expeditionen in diese Alternativwelt hinter Gittern auf, die meist betont sachlich an die Thematik herangehen und vom primitiven Herd und Essgeschirr bis zu bizarren Waffen zeigen, wie sehr Gefängnis für den Einzelnen einen Rückfall in das Werkzeug-DIY der Steinzeit bedeutet.

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Simon Menner: Objects

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Toño Vega Macotela: A man not escaped

via Design-Observer

08:40 Uhr. Kategorie Design. Tag . 2 Antworten.

Der Spiegel und das iPad

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Wer bei Spiegel Online über das iPad liest, wundert sich, denn es wimmelt dort nur so von Superlativen, die Apples neuem Gadget eine fast atemlos orgiastische Liebeserklärung hinlegen, die so gar nicht zu früheren eher Apple-kritischen Artikeln des Hamburger Blattes, das ja eher für seinen unbestechlichen Journalismus bekannt sein möchte, klingen.

Einige Beispiele:
besser, schöner, atemberaubender
nach wenigen Minuten will man ohne es nicht mehr leben  
Nirwana
Wunderapparat
auf Anhieb eine Revolution, eine Zeitenwende
sanfte, matt-metallene Rückfläche
Eleganz der schwarzen Hardware
großzügige Layout
enorm viel schneller
Websites öffnen sich in Sekunden
nach zwölf Stunden gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Batterie verbraucht
rasante Prozessor-Geschwindigkeit
phantastische High-Resolution-Display
Bildqualität, an die kein iPhone, kein MacBook und auch kein großer Mac herankommt
spektakulärste iPad-App ist iBooks
strahlender, heller, realer
Fotos erscheinen auf dem iPad so klar und plastisch wie rückbeleuchtete Dias
Das iPad könnte nun seine neue Hoffnung sein

Auch wenn es hier und da leicht kritische Untertöne gibt – jeweils sofort korrigiert durch einen rosigen Blick in die Zukunft -, liest der Artikel sich alles in allem so, als habe ihn ein Apple-Marketing-Team persönlich zusammengeschrieben. Selbst dezidierte Apple-Nerd-Sites wie Engadget oder TUAW kriegen das mit mehr Distanz und Fingerspitzengefühl hin und können dem iPad deutlich kritischer und differenzierter begegnen als ausgerechnet der Spiegel und lassen es zum Beispiel im Vergleich mit dem Kindle nicht ungeschoren oder geben sich wenigstens die Mühe, technische Daten – die Apple selbst nicht liefert – herauszufinden. Und im Gegensatz zum Spiegel weisen die meisten Sites darauf hin, dass das 4:3-Display des iPad eben alles andere als ideal für Filme ist, und wo der Spiegel die Gewissheit hernimmt, dass ein HD-Film auf einem 1024×768-Display besser wirken will als auf, sagen wir, einem 27″-iMac-Display, ist mir ein Rätsel. Bei aller allgemeinen Begeisterung über das neue Spielzeug, gibt es reichlich kritische Kommentare zu dem Fehlen von Flash, Multitasking und Kamera, zu der Unhandlichkeit des Geräts beim Schreiben, zum Gewicht, zu mangelnden Output-Optionen, zu der Tatsache, dass Apple jede Menge Adapter überteuert einzeln verkauft und so weiter… Wie kommt es also, dass ausgerechnet der Spiegel so hüperhüper ist?

Und dann schaut man auf die deutsche Apple.de-Site und findet dort die Antwort: auf dem iPad direkt auf der Hersteller-Site ist als ein premium-Inhalt der iPad eben Spiegel Online gefeatured, denn der Spiegel ist in Deutschland ein essentieller Mediapartner von Apple, verkauft seine App auf der iPhone/iPad-Plattform und hofft, hier einen Contentvertrieb für seine diversen Inhalte gefunden zu haben. Im Grunde ist dieser Kniff von Apple genial – wie sollen WallStreetJournal, NYT, Spiegel, Bild usw. diesem Produkt noch kritisch gegenüberstehen, wenn der Hersteller zugleich ein absolut essentieller Vertriebspartner geworden ist, mit dem man eine strategische Partnerschaft eingegangen ist und der es wie kein zweiter versteht, Partner gegeneinander auszuspielen? Wen wundert es da noch, dass das Time-Magazine Jobs gleich auf das Cover holt und dem iPad nicht nur einen weiten Bereich des Heftes widmet, sondern auch noch Apple per se feiert?

Keine Frage, Apple hat es binnen einer Dekade geschafft, vom fast untergegangenen Unternehmen zur globalen Megabrand zu werden und ist gerade im Begriff, die allgemeine Vorstellung von Computernutzung neu zu definieren – aber gerade große Marken wie Nike, McDonalds, Google oder eben Apple brauchen einen ebenso kritischen Journalismus, der die Markenpolitik beobachtet, korrigiert und erdet. Die gar nicht mehr so leise Arroganz von Apple im Verhältnis zu BluRay, HDMI, Adobe, Google oder Amazon ist in den letzten beiden Jahren, oft zum Nachteil der Benutzer, sehr deutlich geworden, und wenn die Marke derzeit eins gar nicht braucht, dann Ticker-Tape-Paraden und teenagerhaftes Jubelgekreische, sondern einen kritischen Blick auf die oft solipsistische Firmenpolitik, auf die bei aller großartigen Innovation oft leidende Qualität im Detail, auf die monopolistischen Strategien der Marke. Anders gesagt: Das Jubeln darf den Apple-Fans überlassen werden, die Presse sollte kritische Distanz wahren. Denn wenn es anfängt, umgekehrt zu werden, muss Apple sich eigentlich eher Sorgen machen.

4. April 2010 14:09 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 3 Antworten.

Müll

3. April 2010 20:04 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Krasser Trick

Punkt Zwei beachten…
via Stef.

12:10 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 3 Antworten.

Sky

2. April 2010 22:43 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Max fragt 04

Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, daß es nie dazu gekommen ist?

Max Frisch, Fragebogen.

17:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 2 Antworten.

Schöner werben

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16:51 Uhr. Kategorie Leben. Tag . Keine Antwort.

Endlich

15:24 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Eine Antwort.

Katia Labèque: Shape of my Heart

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Nahezu zeitgleich mit der Satie-Sammlung veröffentlicht die eine Hälfte des Labèque-Duos ein Solo-Album, das einen bemerkenswert anderen Charakter aufweist. Katia Labèque präsentiert die Pianistin Seite an Seite mit Stars wie Sting, Chick Koreau oder Herbie Hancock, wobei die beiden Songs mit Sting sicher den Umsatz ankurbeln dürften, aber eindeutig zu den schwächsten Tracks der Einspielung gehören. Shape of my Heart verträgt sich ganz gut mit einer Pianofassung, und zeigt gegenüber der Fassung von Ten Summoners Tales einen gereifteren und direkteren Gesang, wobei Sting einfach zu oft zu stark versucht, besonders «klassisch» und somit leider vor allem besonders theatralisch zu singen, was seine ansonsten großartige Stimme einfach nicht wirklich hergibt und was letzten Endes entsprechend leider nur etwas affektiert wirkt, wo es doch persönlich und intim klingen sollte. Labèques flirrendes Klavierspiel kann von der Profanität der Komposition, die sie hier interpretiert kaum ablenken, die Harmonien sind für ein klassisches Instrument selbst in einem sehr gebrochenen und freien Arrangement zu naheliegend, zu simpel, zu schmierig. Stings Vampirmoritat Moon over Bourbon Street ist noch schlechter geraten und ertrinkt fast in Selbstwichtigkeit, nimmt sich viel zu ernst. Umso wohltuender fällt der Rest des Albums aus, wo Labèque entspannt mit Korea und Hancock herumjazzt, wobei der Hörer eine schöne Gratwanderung zwischen Katias präzisem Spiel und dem deutlich freieren Stil der beiden Jazzgiganten genießen darf, vor allem bei der zur Zeitlupe gefrorenen Fassung von My Funny Valentine. Zwei klassische Stücke von Chopin und Satie machen das Album als eine Art Trojanisches Pferd erkennbar, einen Anthologie, auf der Labèque mit Pop-Crossover anlockt, um dann den Hörer mit verschiedensten Seiten ihrer Arbeit zu konfrontieren – unter anderem auch mit einer Einspielung ihrer eigenen Band, die eine erst gegen Ende wirklich wiedererkennbare Fassung des Tracks Exit Music von Radiohead abliefert. Weitere Coverversionen, unter anderem von John Lennon, und weitere Kooperationen, unter anderem mit David Chalmin und Gonsalo Rubalcaba, runden das Album zu einer eklektizistischen Sammlung ab, die man einerseits sicher zurecht als kühl kalkulierte Marketing-Crossover-Strategie betrachten darf, die hier konsequent neben ihrem Klassik-Publikum auch ein Jazz- und Pop-Publikum abgreifen will, die andererseits aber in ihrer genresprengenden Vielseitigkeit und im Mut zur Interpretation auch zeigt, dass Klassik sich ebenso wie Jazz oder HipHop für Einflüsse öffnen kann und nicht unter einer historisierend-sterilen Käseglocke stattfinden muss, sondern ruhig auch mal andere Luft schnuppern und sich verjüngen kann. Womit Shape of my Heart – sicher auch ganz im Sinne der Labelchefin Katia Labéque – vielleicht eben als eine Art Einstiegsdroge betrachtet werden darf.

14:36 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Big Bubbles No Troubles

1. April 2010 21:27 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Frohe Ostern vom Sombrerobunny

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Bevor jetzt alle in die Ostertage gehen, noch frohe Ostern mit einem Bild vom Schokoladen-Häslein, das uns Julia heute neben Prinzessin-Lillifee-Muffins an ihrem letzten (leider!!!) Tag mitgebracht hat. So habt ihr alle was davon! Danke, Jules!

15:52 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Eine Antwort.

Warten auf die Tram

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Von Hanno Bennert kommt endlich die Tramway heraus, anscheinend jetzt unter dem griffigeren Namen Tram, und das bei Chester Jenkins exzellentem Fontlabel Village. Ich bin gespannt und freu mich drauf – sieht nach einer schönen, klaren Schrift aus, die Hanno hoffentlich mit einigen tollen OTF-Features versehen hat.

14:27 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Eins

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12:12 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag . Keine Antwort.

TextP bei YouTube

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Während die meisten Aprilscherze ja eher witzlos sind, ist dieser grandios: Bei Youtube kann man sich als neue Auflösung neben 360p und 480p jetzt auch TEXTp ansehen und jeden Video als ASCII-Kunstwerk bewundern. So schön kann virales Marketing sein. Vielen Dank an Stefan für den Tipp.

11:35 Uhr. Kategorie Design, Online. Tag . Keine Antwort.

Max fragt 03

Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden,oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.

Max Frisch, Fragebogen.

11:07 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Katie & Marielle Labèque: Erik Satie

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Die Labèque-Schwestern sind keineswegs die jungen Nachwuchstalente, nach denen sie auf diesem Cover aussehen, sondern eines der arriviertesten Klavierduos, das man sich denken kann, mit einem armlangen Back-Katalog, prominenten Kooperationen, zahlreichen Orchestergastspielen und so weiter. Die Geschwister, die ihr eigenes Plattenlabel betreiben, um sich von der kommerziellen Marketingstrategie der meisten Plattenfirmen zu befreien, haben jetzt ein Doppelalbum herausgebracht, auf dem sie getrennt und zusammen Satie interpretieren. Was nebenbei gesagt gerade in der vorliegenden Stückauswahl auch bei Sony und Konsorten möglich gewesen wäre, wenn auch vielleicht nicht in diesem manischen Umfang. Die Schwestern nähern sich Saties oft seltsamen Dialogen mit dem Interpreten seiner Komposition, die oft voller kruder Anweisungen sind, zunächst getrennt, um dann zu den vierhändigen Duetts wieder zusammenzufinden. In ihrer Auseinandersetzung mit Satie entfalten die Schwestern einen ganzen Gefühlskosmos, mal träumerisch-süßlich, mal klar und architektonisch, mal wütend und stürmisch – aber immer ein wenig privat und leise, intim, tastend. Die an sich technisch ja meist eher wenig anspruchsvollen Stücke wirken in der etwas kammerigen Aufnahme oft zu muffig und undramatisch, andererseits past dieses Flair natürlich ideal zu Saties kargen Kompositionen, dieses durchaus passende Homerecording-Flair hat ja nicht zuletzt auch Gonzales gut re-interpretiert – die Musik gehört eben nicht in den Konzertsaal, sondern akustisch ins Wohnzimmer, nicht auf den großen Flügel (wiewohl dieses Album auf Steinway eingespielt ist), sondern verträgt durchaus auch den bescheideren Klang eines ganz normalen Klaviers. Bei Sports et divertissements: La Pieuvre zeigt Marielle Labèque, dass Satie alles andere als der Weichspüler-Hintergrund-Komponist ist, als der der Pentatonik-Vorreiter heute leider immer gilt, sondern dass er durchaus sperrige Skizzen und Klangfragmente liefert, die ausgerechnet die als «träumerischer» geltende Marielle zu einer surrealen Farce dekonstruiert, Gerade die Tatsache, dass die Labèques auch unbekanntere Kompositionen in ihre Aufnahme integrieren, macht das Album so reizvoll – nicht nur, weil die Schwestern sich einige lyrische Freiheiten bei der Interpretation der Stücke nehmen (die diese ja durchaus zulassen), sondern auch, weil sie zugleich den verschiedenen Schaffensperioden von Satie gerecht werden und den Cafépianisten-Stil ebenso charmant abliefern wie die ironischen, suchenden Stücke und die neoklassizistischen Strömungen. Alles in allem ist das Album so charmant, eigen, persönlich und auch etwas anders, wie das Cover nahelegt – ein seltsamer, umfassender Monolith, der sich beim tatsächlichen Hören aber katzenhaft klein machen kann und ganz verspielt, anschmiegsam und eigenwillig-kratzbürstig zugleich sein kann.

10:55 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.


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