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Lights

28. Februar 2010 22:57 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . 4 Antworten.

Audrey Niffenegger: Her Fearful Symmetry

hd schellnack

Nach dem Erfolg von The Time-Travellers Wife (gutes Buch, böser Film) liegt auf Audrey Niffeneggers zweitem Roman sicherlich nicht nur seitens des höchstbietenden Verlags eine hohe Erwartungshaltung. Ähnlich vielschichtig wie der der in der deutschen Übersetzung leider völlig beiseite gelassene Original-Titel ist die Handlung, die auf den ersten Blick deutlich linearer und einfacher wirkt als die von Time-Travellers Wife – und tatsächlich versucht sich Niffenegger hier nicht an einem großen Opus durch mehrere Jahrzehnte, sondern erzählt eine bemerkenswert kleine Geschichte, die sich im Groben auf zwei miteinander vernetzte Handlungsstränge verlässt. Da ist zum einen die Nebengeschichte um Martin und Marijke Wells, in der der Zwangsneurotiker und Kreuzworträtselautor Martin, der seine Wohnung kaum verlassen kann, seltsame Ticks aufweist und nahezu lebensunfähig erscheint, von seiner Frau verlassen wird und im Laufe des Romans versucht, diese zurückzugewinnen. Und da ist Robert Fanshawe, der ein Buch über Highgate Cemetery zu schreiben versucht und dort als Touristenführer arbeitet. Seine Liebhaberin Elspeth Noblin, mit deren Krebstod das Buch eröffnet, überlässt ihre Wohnung den beiden Zwillingstöchtern ihrer eigenen Zwillingsschwester Edwina, die ein Jahr in London leben müssen, ohne ihre Eltern in die Wohnung zu lassen, um das Erbe antreten zu können. Was sich anhört wie ein schlechter Boulevardroman mit doppelten Zwillingen – und was mitunter auch vor allen in der Auflösung hart an der Grenze zur Verwechslungskomödie liegt -, entwickelt sich passend zur Friedhofsstimmung schleichend zum Geisterroman à la Peter Straub. Elspeths Geist, in ihrer Wohnung zunächst hilflos gefangen, erlebt den Einzug der exzentrischen Zwillinge Julia und Valentina mit, entwickelt zunehmend die Fähigkeit, wie ein Poltergeist mit der echten Welt in Kontakt zu treten und schmiedet schließlich mit Robert und den Zwillingen einen Plan, zurück ins Leben zu kommen.

Vieles an dem Buch ist irritierend – ganz abgesehen von den Steven-Spielberg-Anklängen und der pseudobarocken Stimmung, die das Buch durchzieht, verlässt sich Niffenegger oft auf völlig unrealistische Wendungen und Entwicklungen, die ihren oft kapitelweise brachliegenden Handlungsfluss dann wieder abrupt in Bewegung setzen. Die Beziehung von Julia und Valentina, bereits zu Beginn unrealistisch konstruiert, wird im Verlauf des Buches so zugespitzt, dass der gesunde Menschenverstand beim Lesen des Buches einfach mal draußen bleiben darf, ähnliches gilt für Roberts Verhalten, dessen Romanze mit Valentina bestenfalls wirsch hingeschrieben wirkt. Und dennoch ist das Buch gerade wegen dieser Fehler charmant, es folgt einer traumhaften Unlogik, in der die Charakter wie von unsichtbaren Fäden entlang einem klassischen Gothik-Plot entlanggetrieben werden, mit allen kleinen Tragödien, die dazugehören. Robert neigt von Anfang an dazu, ein ausufernder Mensch zu sein, dessen Friedhof-Buch über 1000 Seiten lang wird, weil er sich in den Leben der Toten immer tiefer verstrickt, deren Biographien zu fesselnd findet, um auch nur eine auszulassen oder zu kürzen – da ist es doch nicht abwegig, dass dieser Mann sich auch in die jüngere Version seiner toten Liebhaberin verguckt und selbst dann nicht zurückschreckt, als Elspeth und Valentina Pläne schmieden, Valentinas Tod vorzutäuschen. In klassischer, aber sehr kammerspielartig auf nahezu ein Zimmer reduzierter Form, Horrormanier eskaliert Niffenegger die Handlung und je mehr Elspeth ihren geisterhaften Zustand kontrollieren und auf ihre Umwelt einwirken kann, umso mehr wird deutlich, dass dieses Buch kein allzugutes Ende nehmen dürfte.

Audrey Niffenegger gelingt es, mit Charakteren zu hantieren, die im Großen und Ganzen durchweg unsympathisch sind. Julia und Valentina wirken so farblos wie ihre stets weiße Kleidung, Robert ist für eine gewisse Zeit lang ein alter Lüstling, und Elspeth, die stets als unsichtbare Entität im Kern der Handlung steht, ist manipulativ und im weiteren Verlauf des Buches auf eine egoistische Art durchaus auch als böse zu bezeichnen. Einzig Martin, der OCD-Kandidat aus dem oberen Stockwerk, kommt berechenbar paradoxerweise als einzig halbwegs vernünftige Figur über – tatsächlich wird er umso «normaler», je mehr den anderen Figuren die Normalität entgleitet. Martin, dessen Geschichte Niffenegger so lakonisch wie anrührend erzählt, ist sicher ein Highlight des Romans, auch wenn er gegen Ende unter die Räder des langsam losratternden Geisterzuges gerät und das Denouement  seiner ganz eigenen Befreiungsgeschichte überhastet und leider auch etwas berechenbar wirkt, wenn er als Kontrapunkt zum Niedergang der anderen Protagonisten in ein vages Happy End fährt. Robert und Elspeths Geschichte, obwohl beide bekommen, was sie sich am Anfang des Romans zu wünschen glauben, verläuft weniger positiv – die Beziehung der reinkarnierten Elspeth-in-Valentina ist für Robert nicht zu ertragen. Fast symbolisch befreit er sich mit der Fertigstellung seines Buches aus dem Dschungel der Leben der Verstorbenen und verlässt Elspeth.

In traumartiger Logik führt Niffenegger durch die eben komplett unlogische Handlung, die sich so absurd wie zwingend entfaltet, die durch massives Foreshadowing auch eine fast neurotische Zwangsläufigkeit erhält, die Anklänge von Kafka und Konsorten enthält. Niffenegger spielt nicht gegen die Klischees des Geistergenres an, sondern macht sich die rigide Moral der Geschichten zunutze, um eine moderne Variante zu stricken, die ihre Nähe zu Geschichten wie The Monkey’s Paw von William Jacobs kaum verbergen will. Die viktorianische Moral blitzt an allen Ecken und Enden des Buches hindurch – mit wenigen Ausnahmen werden fast alle Figuren zu Opfern ihres eigenen Wunschstrebens – und oft liest sich Fearful wie eine durchaus gelungene Variante des magischen Realismus à la Jonathan Carroll, allerdings auf kleiner Bühne gespielt, wo Carroll (leider) inzwischen oft zu theatralisch wird. Denn Niffeneggers Buch lebt nicht von der abstrusen und à priori stets berechenbaren Geschichte, sondern wie bereits ihr Debut von guter Beobachtungsgabe, interessanten Charakteren und der Fähigkeit, das Unmögliche nahezu lapidar und damit greifbar zu Papier zu bringen. Obwohl der Roman durchweg einen leicht surrealen Diane-Arbus-Touch hat, samt einem Friedhof voller Geister, Zwillingen mit gespiegelten Organen, einer abstrus Shakespeare-esque anmutenden Eifersuchts- und Verwechslungsgeschichte, und obwohl es Niffenegger am Ende mit Valentinas Geist auf dem Friedhof leider übertreibt und in Harry-Potter-Gefilde abdriftet, schafft die Autorin es meist, im Orginaltext zumindest, ihre Charakter in all der unglaubwürdigen und abstrusen Geschichte glaubhaft und authentisch wirken zu lassen. Martin dient dabei sicher als Anker in die Realität – obwohl er dieser am meisten entrückt ist -, aber auch Robert und seine Kollegen wirken sympathisch und «echt» und führen uns so etwas lakonisch durch die Gallerie der Seltsamheiten, die sich im Verlauf des Buches eröffnet. Was schon beim Timetraveller den Kitsch und die Unglaubwürdigkeit in Zaum hielt – und insofern im Film, der alle sympathischen Details medial verwischen muss, weil er nicht die Zeit und Weite eines Buches hat – funktioniert auch hier, und man mag Niffenegger wünschen, dass eher ein David Lynch dieses Buch verfilmt.

Als solches ist Her Fearful Symmetry eine Fata Morgana, ein Buch, das so tut, als sei es eine (durchaus mitunter schlechte) Geistergeschichte, das aber realiter eine (durchaus mitunter gute) schwarze Moralgeschichte ist, die sich um Verlust und Liebe dreht und diese Zustände durch ihre surreale Überspitzung zu beleuchten versucht. Fast en passant, verborgen in der Geistergeschichte an der Oberfläche, entspinnt Niffenegger so eine multifacettierte Geschichte um Befreiung und Individualität – nicht nur in den Konflikten der Zwillingszwillinge Elspeth und Edwina/Julia und Valentina, sondern auch in Robert – der nicht nur seinem Mammutprojekt, sondern auch der Trauer und der vergorenen Liebe zu Elspeth entkommen muss – und in Martin, der sich schlichtweg von sich selbst und seiner Wohnung befreit und sich dabei ebenso selbst betrügt (Vitaminpillen…) wie alle anderen Protagonisten auch… nur mit mehr Erfolg, vielleicht, weil seine Ziele reiner sind. Alle Figuren sind von Trauer, Schuld, Wut oder anderen Gefühlen gefangen… und selbst wenn es auf tragische Art und Weise passiert, sie alle versuchen sich zu befreien. Die Frage ist eben nur, ob «frei» auch immer «glücklich bedeutet».

27. Februar 2010 10:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Porcupine Tree: The Incident

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Nachdem das letzte Porcupine-Tree-Album insgesamt eher enttäuschend war, ist The Incident umso besser. Natürlich bleiben Wilson und seine Premiummusiker ihrem seit Mitte der Dekade gefundenen härterem Sound treu, mischen diesen hier aber mit mehr psychedelischen Sounds, ohne dabei gleich so weich zu werden wie auf Fear of a blank Planet. Eher an Deadwing und In Absentia anschließend, brilliert das Album mit kurzen Notizen unter zwei Minuten einerseits, ausgedehnten Tracks bis zu 11 Minuten andererseits, und ebenso seltsam mutet die Porcupine-typische Balance zwischen Metal-Sounds und einem nur noch latent als Pink-Floyd-inspiriert erkennbaren Psychedelia-Flair. Eingängig sind die Tracks längst nicht mehr und die Leichtigkeit, den Pop, von Lightbulb Sun oder Stupid Dream, sucht man hier meist vergebens, auch wenn Wilson diesmal wieder die Akustikgitarren (Great Expectations) auspackt und generell etwas leichter, unbeschwerter klingt als auf den letzten beiden Alben. Man wird das Gefühl nicht los, dass es bei Porcupine Tree mehr und mehr um die Suche nach dem perfekten Song geht, weswegen viele Tracks auf verschiedenen Alben auch zunehmend ähnlicher werden, Wilson feilt im Detail, die Zeit der großen Umbrüche im Sound der Band – meist bedingt durch Umbesetzungen – scheint vorerst vorbei. Wobei dieser Eindruck nicht zuletzt am Drumming von Gavin Harrison liegt, der die Band inzwischen wie kein zweiter dominiert und dessen monströse, fein ziselierte, vertrackte und dennoch extrem druckvolle Schlagzeugarbeit jedem Song einen klaren Stempel aufdrückt. Sperrig und faszinierend wie die Drums ist das ganze Album, musikalisch eine seltsame Melange – für die Meshuggah-Fans sicherlich zu soft, für die Floydianer dürften die brutalen Metal-Brocken vielleicht zu anstrengend sein… aber unter den Musik-Edelnerds dürfte Porcupine reichlich Fans finden, kaum eine Band reizt die Möglichkeiten des Rockspektrums so signifikant aus und brilliert dabei musikalisch zugleich instrumental so. Dass Porcupine dabei nie so anstrengend ist wie etwa Mars Volta oder andere, extremere Metal/Prog-Rock-Combos, mag man kritisch oder wohlwollend betrachten – aber es bleibt klar, dass Wilson die brettharten Sounds (Circle of Manias)mit chirurgischer Präzision ansetzt, um ein bestimmtes Gefühl in einem Song zu erzeugen, um zwischen dem einsamen Pathos seiner Strophen und dem wütenden Stampfen von Refrains und ellenlangen brachialen Instrumentals ein Gefälle zu erzeugen. Die Bandbreite wird deutlich im Bruch zwischen dem recht geraden Drawing the Line und dem bitterschwarzen Titeltrack The Incident, der mehr nach Elektronik und Industrial klingt und erst spät zu einer Porcupine-Nummer wird, streckenweise sogar nach einem Update der ganz alten Wilson-Solosongs klingt, wie übrigens auch die minimalistische Skizze The Yellow Windows of the Evening Train.

Wie hoch der Output von Wilson ist, machen die 1:50-kurzen Notizen klar, die an sich wie ausgereifte Songs klingen, keineswegs wie Sprengsel, sondern wie Outtakes aus Stücken, wie problemlos hätten länger sein können. Solche Ideen derart rauszuschleudern ist ein Luxus, den sich kaum ein Songwriter nach so vielen Jahren leistet, und es passt gut zu dem generellen Mega-Veröffentlichungsdrang von Wilson, der sich anscheinend vor Einfällen nicht retten kann und insofern nicht geizen muss. Auf der anderen Seite ist Time Flies mit 11 Minuten offensichtlich für die Live-Bühne geschrieben, ein groovend-hypnotischer Fluss von wie Zugräder vorbeiratternden Staccato-Gitarren, ein Song, der immer in Bewegung ist und doch stillzustehen scheint.

Etwas angepappt wirken hingegen die letzten fünf Songs des Albums, die seltsam harmlos-fröhlich klingen und eher nach Resten eines älteren Albums. An sich genommen absolut großartige Tracks, wirken Sie nach der Power der vorhergegangenen Songs seltsam anämisch, wie benommen, verkatert – und dass, obwohl Bonnie The Cat eine wirklich durchaus grandiose Nummer ist. Es spricht für The Incident, dass Songs, die auf einem früheren Porcupine-Album Highlights gewesen wären, hier fast untergehen. Black Dahlia macht deutlich, wie sehr Wilson sich gewandelt hat in den letzten Jahren. Mit Ausnahme von Bonnie wirkt das Ende des Albums wie ein Morning-After, wie der vernebelte Restrausch nach einer ordentlich durchgemachten Nacht.

Die Special Edition wartet zudem mit zwei Live-Tracks auf, Way Out of Here und What Happens Next? Beide klingen absolut famos, nach wenigen Sekunden vergisst man, dass die Band hier eigentlich live zu hören ist,Harrison dreht noch einen Tick mehr auf als üblich und gerät bei Way Out of Here förmlich außer Kontrolle, während What Happens Next eine der fast üblichen Studien in synkopischen Riffs ist, mit einem grandiosen Solo im letzten Drittel.

The Incident zeigt Porcupine auf der Höhe Ihres Schaffens, ein düsteres, bewegendes, unglaulich gekonntes Album, das nie so smart oder geleckt wird, dass es nicht mehr berührend wäre. Die Perfektion der Band ist fast beängstigend und pusht Wilsons an sich etwas begrenztes Songwriting auf ein beängstigendes Niveau. Im Grunde ist The Incident wie die TV-Serie Lost – vertrackt, böse, düster, spirituell, oft unzugänglich und sperrig, manchmal albern, manchmal grenzüberschreitend, ein bisschen selbstverliebt, ein bisschen zu lang, übervoll mit Ideen und Anspielungen und vor allem derzeit absolut konkurrenzlos. Porcupine Tree sind längst aus allen Genreschubladen heraus und ein Genre für sich geworden, an dem andere sich messen können.

26. Februar 2010 08:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Green K

24. Februar 2010 08:24 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Imogen Heap: Ellipse

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Auf ihrem dritten Album erfindet sich Imogen Heap auch nach fast vier Jahren ohne Album sicherlich nicht neu, Laptop-tronica, Vokalschichttorte und diese seltsame, Mischung aus Saccharinsüße und Uhrwerk, die immer an Pee Wee Hermans Frühstücksmaschine erinnert, nicht zuletzt, weil durch Heaps musikalische Mechanismen auch immer ein Hauch Danny Elfman schimmert. Die komplexen Computerbeats und Over-Autotuned-Vocals können kaum verbergen, dass hinter der hochglänzend polierten und absolut grandios produzierten Fassade im Grunde eine fast folkige Singer-Songwriterin alter Schule lauert, die einen ganz eigenen Mix aus Sprechgesang und Chorarbeit etabliert hat. So ätherisch und surreal und zugleich irgendwie sympathisch wie das Coverbild ist tatsächlich die ganze Platte, die voller eleganter leichter Sounds und ansteckender Ideen steckt. Die emotionale Intensität und Klarheit von Hide&Seek sucht man hier vergebens (auch wenn der Anfang von Wait it Out den großen Hit vom Speak for Yourself-Album zitiert) , aber für Überraschungen wie das minimalistische Instrumental «The Fire»ist man dafür um so dankbarer. Ellipse ist eine Platte, die ein wenig nach Mainstream klingt, und voller potentieller Radio-Hits steckt (wie etwa Canvas, Tidal oder Trains) diesem aber irgendwie zugleich auch misstraut und fern sein möchte, und so selbst die geradlinigen Songs mit Breaks, perkussiven Zaubereien und ungewöhnlichen Gesangsriff vollsteckt, bis sie zu kleinen Schmuckstücken werden – einzige Ausnahme ist Swoon, der fast irritierend straight ist. Songs wie Half Life (ein bißchen Tori Amos gefällig?) oder Little Bird sind auf eine sperrige Art ruhiger, weniger verspielt,  2-1 tänzelt in Richtung Massive Attack/Björk. Das Ergebnis ist eine abwechslungsreiche, aber doch homogene Produktion, die sich manchmal nicht richtig entscheiden kann, ob sie die weichgespülte Starbucks-Schiene fahren will oder eben doch eher kantig und karg sein möchte. Die inhärente Komplexität bewahrt Ellipse vor Pop-Beliebigkeit, aber gerade die «normaleren» Songs zeigen ansatzweise, wie dünn das Eis ist, auf dem Heap sich bewegt. Mit etwas Pech ist Heap ihr letztes wirklich gutes Album – die Zeit wird zeigen, ob sie langfristig auf faden Retortenpop zurückfallen, oder exzentrisch bleiben wird und ihren eigenen Clockwork-Style weiterentwickelt. Alles in allem ist Ellipse aber ein Album, dass zu den derzeit wirklich besseren Erscheinungen weiblicher Popmusik zählt und ein absolut würdiger Nachfolger zu Speak for yourself.

15. Februar 2010 10:33 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Colors

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14. Februar 2010 21:43 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

Up In The Air

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Jason Reitman hat bereits mit Thank you for Smoking und Juno bewiesen, dass er das seltsame Talente hat, Mainstream-Filme zu machen, die alles andere als Mainstream sind. Auch Up in the Air setzt diese Tradition fort oder setzt ihr vielmehr die Krone auf. Der Plot um den Ryan Bingham, der sein Geld damit verdient, dass er für große Firmen möglichst reibungslos deren Angestellte entlässt, dessen eigentliche Leidenschaft aber das Sammeln von Flugmeilen ist (mit dem großen Ziel, einmal auf 10 Millionen zu kommen), ist grob in drei Akte unterteilt. Akt Eins ist grandios und zeigt Bingham als schnittigen Traum jedes neoliberalen, jede Bewegung taylorisiert, kein Ballast in seinem Leben, Effizienz bis an die Tristesse. In seiner leeren Wohnung in Ohama, die eher wie die Hotelzimmer wirkt, in denen er auch sonst haust, verbringt er gerade einmal 40 «grauenvolle» Tage im Jahr, ansonsten ist er in der Luft, daheim in Airports und Jumbojets, wenn er nicht gerade routiniert Leuten ihre Arbeitslosigkeit als neue Chance verkauft oder Vorträge darüber hält, dass ein Leben ohne Erinnerungen und Beziehungen leichter und besser ist. Man ahnt bereits hier, dass Bingham ein ziemlich armer Tropf ist, der sich nur die passende Lebensphilosophie zu seinem gehetzten Dasein geschmiedet hat, und deutlich wird dies, als im ersten Akt  zwei neue Faktoren sein Leben aus der sorgsam gestalteten Balance bringen. Da ist zum einen Natalie Keener (gruseliges Wortspiel im Nachnamen, nebenbei), die kleine Karrierestreberin, die die Kündigungsgespräche aus der Zentrale per Webcam und computergestützten Gesprächsabläufen optimieren will (und damit Binghams Airport-Leben ruinieren würde, weil er in Zukunft aus einem Callcenter in Nebraska heraus arbeiten würde). Und Alex Goran, im Grunde das weibliche Gegenstück zu Ryan – «Ich bin wie du, nur mit einer Vagina»-, mit der er eine Art Hotelsex-zwischen-den-Terminen-Beziehung anfängt.

Reitman inszeniert den ersten Akt als meisterhaftes Musical aus Gesten, Schnitten und eben Clooney, der die perfekte Balance zwischen Ennui, innerer Leere und Charme wahrt. Er fängt den kalt glitzernden, irgendwie aber stets auch abstoßenden Charme der reibungslosen, auf Durchsatz optimierten Flugpassagierwelt ein, in der Bingham sich als König der Golden Cards wähnt, aber doch nur das am feinsten geschliffene Rad in der Maschine zu sein scheint, der Traumkunde mit dem geringsten Widerstand, ein Kosumjunkie, der alles andere seiner Sucht geopfert hat – der nur eben statt blass und ausgemergelt im feinsten Zwirn herumeilt auf der Suche nach dem nächsten Kick. Clooney schafft es, dass seine Figur neben der nervös-übereifrigen Natalie nahezu sympathisch wirkt, keine leichte Übung, wenn der Protagonist sozusagen beruflich Leute in die Verzweiflung treibt – was Reitman hier übrigens brillant mit echten Arbeitslosen dokumentiert.

Der zweite Akt ist zum Verzweifeln. Scheinbar übergangslos rutscht der Film in gängige Hollywood-Schmonzetten-Klischees vom reichen Businessmann, der den wahren Sinn des Lebens entdeckt in der Liebe und im «einfachen Leben». Ryan und Alex besuchen Ryans Schwestern in Wisconsin, wohnen einer in wunderbar subtiler Heimvideoästhetik eingefangenen Hochzeit bei, besuchen seine alte Schule und es wird nahezu unerträglich deutlich, dass Ryan sich ernsthaft verliebt und sich ändern will. Der stahlgraue Anzug weicht bei beiden einem Casual Look, und auf einem persönlichen Höhepunkt – seinem «Was ist in deinem Rucksack»-Vortrag auf einer namhaften Convention – fehlen Bingham die Worte, weil er anscheinend die Erleuchtung hat, dass sein ganzes Lebensbild eine Selbstlüge ist und nur die wahre Liebe zählt… weswegen er prompt losläuft und zu Alex nach Chicago fliegt.

Der zweite Akt fühlt sich so sehr nach einem durchschnittlichen Meg-Ryan-Film an, dass einem die Luft fehlt. Aufs allerplatteste haut Reitman ein «common people» Klischee nach dem anderen auf die Leinwand, getreu der alten Cracauerschen Kapitalismus-Bemäntelung, dass reiche Leute eigentlich arme Leute sind und die «echt gebliebenen» poor folks das Salz der Erde sind. Es ist so offensichtlich und holzhammerig, dass man fast den Saal verlassen möchte, weil dieser so gut und relativ subtil startende Film derart kollabiert.

Akt Drei dreht aber dem klassischen Hollywood-Drehbuch-Klischee vom geläuterten Bonzen die Nase, den in Chicago lernt Ryan, dass Alex die ganze Zeit eine Familie, Mann und Kinder hatte und ihn nur als Betthaserl missbraucht hat. Dieser feinen Umkehrung der Geschlechterrollen folgt auch der Film – an die Stelle der «Läuterung» unseres Oberkapitalisten folgt dessen Verdamnis, ohne Chance auf Happy End. Auf dem Rückflug erreicht Ryan ein zweites Lebensziel und bekommt als einer von sieben Menschen auf der Erde die American Airline Direkthotline-Karte und ein Gespräch mit dem Chefpiloten der Maschine (wunderbar Cowboy-trocken gespielt von Sam Elliot) – und gemessen an dem Verlust von Alex kann Ryan dem Ganzen natürlich nichts abgewinnen. Zu Hause angekommen unternimmt er den Versuch, sich reinzuwaschen von seinem Lifestyle, indem er symbolisch 100.000 seiner 10.000.000 Flugmeilen an seine Schwester spendet, damit sie einen Honeymoon-Weltreise-Rundflug machen kann – aber auch diese Geste birgt keine Heilung. Wo ein normaler Hollywood-Streifen im dritten Akt den geläuterten Protagonisten in den sicheren Hafen der liebevollen Arme der weiblichen Hauptrolle geleiten würde, erfüllt Reitmann seiner Figur zwar alle ursprünglich zentralen Wünsche vom Anfang des Films – die computergestützten Kündigungsgespräche werden abgeschafft, Bingham kann wieder fliegen -, aber vor der Folie der einmal erkannten inneren Leere seines Daseins, werden sie bedeutungslos. Im übertragenen Sinne hat auch Bingham die Kündigung gekriegt – und sie ist eben keine zweite Chance zur Selbstverwirklichung. Am Ende des Films steht Clooney vor der riesigen Departure-Anzeigetafel im Gewimmel der Flughalle und lässt erstmals seinen Handgepäck-Trolley, den er sonst immer souverän im Griff hat, los, verliert den Halt, und die Kamera zeigt uns am Ende den verzweifelten, leeren Blick eines Mannes ohne Ziele, ohne Orientierung.

Auch Reitman verfällt also auf die «armer reicher Mann»-Geschichte, mit denen so viele Filme die kleinen Ladenmädchen beglücken, aber wenn ich die enttäuschten und verwirrten Gesichter der Damen mittleren Alters in der Reihe hinter uns richtig deute, liefert Up In The Air nicht das Ende, das das normale Publikum erwarten würde – gottseidank. Reitmans Film ist ein wunderbarer Mindfuck, der bis zu einem gewissen Punkt die narrative Struktur einer normalen romatischen Komödie über-imitiert und dann völlig kippen lässt, ein Gag, den man in dieser Härte nicht zu oft bringen kann, der hier aber ideal funktioniert, weil Reitman sozusagen mit allen Mitteln ein Happy Ende suggeriert und es dann umso gewaltsamer vorenthält. Der Unterschied zur Stangenware – neben ästhetischen Details – ist vor allem, dass die Vorstellung von Rettung und «Love Conquers All» nicht mehr gegeben ist. Bingham ist nicht mehr zu retten, sondern wird vielmehr von einer weiblichen Version seinesgleichen, ausgemustert und erniedrigt. (Damit dieser Gag funktioniert, muss man aber leider damit leben, dass die Rolle von Vera Farmiga einen etwas unglaubwürdigen Schwenk von der warmen, positiven Figur im zweiten Akt zu der eher kalten und berechnenden Seitenspringerin in Akt III macht.) Die Tatsache, dass Reitman den Film für eine Zeit wie eine Komödie aussehen lässt, macht die Tragödie um so wirksamer. Reitman lässt die Läuterung seines Helden durch die Liebe zu – der Bindungsmuffel Bingham erkennt durch Alex die Oberflächlichkeit seiner Existenz und wandelt sich ganz im Sinne der üblichen RomCom-Handlung – und nimmt ihm dann die Chance auf Liebe und damit den «neuen» Lebenskern weg… übrig bleibt eine Ruine ohne Beziehung, ohne Kinder, ohne Heim ohne Lebensinhalte (nebenbei Dinge, die Alex alle aufzuweisen hat – Ehe, Kinder, warm anheimelndes Haus… aber auch  Sie scheint all das nicht zu erfüllen, sonst würde sie ja nicht fremdgehen). Lediglich die von Anna Kendrick sauber portraitierte naive Karrierefrau Natalie kommt halbwegs mit einem Blauen Auge aus dem Laufrad.

Up In The Air ist kein großer Film, aber ein wirklich gelungene Satire, der sehr erfolgreich die zu Stereotypen geronnen Erzählstrukturen von Blockbustern nutzt, um mit den Erwartungen seiner Zuschauer zu spielen und Ihnen in einem wunderbaren beiläufigen Handstreich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

12:00 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Die Viechers

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Ich habe ehrlich gesagt gar keine Ahnung, wo ihr Kira Hagebeuckers wunderbare Viechers-Schlüsselanhänger so ohne weiteres kaufen könnt, es gibt noch keinen Online-Shop. Aber in «echt» – ich habe sie ja unter anderem bei Needful Things in der Hebebühne Wuppertal live erlebt – sind sie noch viel viel viel besser. Also: Haltet euch einen Platz an eurem Schlüsselbund frei für diesen Cute Overkill.

11. Februar 2010 20:15 Uhr. Kategorie Leben, Stuff. Tag . Eine Antwort.

Slanted 09: Stencil

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Unter dem schönen blauen Plakat-Cover (das an sich einen Jahreskalender von Alexander Branczyk verbirgt) der neunten Slanted verbirgt sich gleich zum Thema «Stencil» passend ein weißes Cover, in das TYPE und FUCK gestanzt sind, das Heft selbst wird zur Sprühvorlage. Und zeigt so, dass auch in Zeiten, in denen Schrift sich digital immer besser repräsentieren lässt, die gedruckte Vorlage nach wie vor ihren Wert hat – als 160 Seiten starkes, liebevoll gestaltetes Magazin, das die anscheinend immer nicht nicht ausgestorbene Sprühschablonen-Ästhetik der Grunge-Design-Ästhetik auf den Prüfstein hievt und zum Teil herausragende aktuelle Beispiele für diese Art von Typographie findet. Interviews Chip Kidd, John Boardley und Kouga Hirano, Studentenarbeiten und gedruckte Inhalte des Slanted-Blogs runden das Heft ab, das verblüffend beweist, dass es so etwas wie eine Themenzeitschrift für Typographie geben kann, die nicht langweilig wird.

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9. Februar 2010 08:48 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

Das Kabinett des Dr. Parnassus

hd schellnackNachdem ich mich jetzt seit drei Wochen daran versuche, vernünftig über Terry Gilliams neuen Film zu schreiben und an der schieren Tiefe des Films verzweifele, die eigentlich deutlich längeren Text verlangt als (selbst) hier lesbar wäre, um den Andeutungen, Verweisen, Fußnoten und Doppelbödigkeiten gerecht zu werden, mache ich es lieber kurz und dafür solange der Film noch halbwegs in den Kinos läuft…The Imaginarium of Doctor Parnassus, so der deutlich bessere Originaltitel, ist der Film, auf den man als Fan von Gilliam lange hat warten müssen, der Film, in dem die Tricktechnik endlich halbwegs mit der Phantasie des großen Regisseurs mithalten kann und seine Geschichte nicht mehr verkrüppelt wird durch alberne Effekte, wie noch zu Zeiten von Brazil. Wie bei Gilliam üblich, sieht alles nach wie vor ein wenig trashy aus, nicht so glatt wie bei FX-Stangenware à la Potter, aber die Fulminanz seiner Bilder, die auch die Computereffekte an die Grenze des Machbaren treibt, war selten so beeindruckend wie hier. Parnassus ist ein Triumph für Gilliam, ein Film gegen alle Widerstände, der wie kein Gilliam-Film zuvor auch einen Hauch autobiographische Züge in sich trägt – die Geschichte eines alternden Showmans, der in einer immer grauer werdenden Welt zum verdrogten Hippie-Anachronismus wird. Die Quatrobesetzung Ledger/Depp/Law/Farrell funktioniert ausgezeichnet (gerade bei Depp nahezu erschreckend, auch weil Ledger kurz zuvor noch Depp «channeled»), die Geschichte ist eine wilde Achterbahnfahrt durch Mythen und Zitate, der Film in sich so schillernd und phantasmagorisch wie das «Imaginarium» in Parnassus’ Kopf selbst. In einer Zeit, in der Trickeffekte nur dazu dienen, immer dünnere Fantasy-Handlungen zu kaschieren, ist hier erstmals erahnbar, welche narrative Tiefe man mit diesen Mitteln (und phantastischen Darstellern) erreichen kann, wenn man das Spiel beherrscht – von der ersten Sekunde an ist der Film doppelbödig, der Zuschauer unsicher und die Reise spannend, so wolkenhoch, das man nach der viel zu frühen Landung noch Druck auf den Ohren zu haben glaubt. Parnassus ist sicher die Sorte Film, die man zwei-, drei-, viermal sehen kann (vielleicht sogar muss), ohne sich zu langweilen, um dabei immer neue Details und Zusammenhänge zu entdecken. Der Film steckt fast wütend voller wilder Ideen und Konzepte, balanciert meisterhaft, wie Gaiman in seinen besten Momenten,  die normale Welt und das Übernatürliche, und vom Titel bis zur letzten Sekunde ein chaotisch überbrodelnder Schatz für Interpretationen und Deutungen. Es ist selten, dass ein Mainstream-Film heute so voller gezielter Tiefe und hermeneutischer Angebote steckt, ohne sich darin zu verlieren. Plummer und Cole sind umwerfend, Waits erwartungsgemäß grandios, Ledger zeigt erneut, dass wir mit ihm einen doppelbödigen und abgründigen Darsteller verloren haben, der zu einem zweiten Brando hätte werden können. Imaginarium ist Gilliams düster glühendes intensives Meisterwerk, ein Film, der seine anderen Filme zusammenhält, reflektiert, überbietet – es ist fast unverschämt, wie Gilliam im Alter nicht schlechter zu werden scheint, sondern immer besser, immer klarer in seiner Unklarheit wird.

8. Februar 2010 11:13 Uhr. Kategorie Film. Tag . 2 Antworten.

Blumen

7. Februar 2010 17:37 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Der Beginn der Äthergesellschaft

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Schon wieder der iPad, der nicht nur hier, sondern ja auch auf Twitter gerade monothematisch bei mir ist – aber ich stieß heute morgen auf einen Tweet von Erik Spiekermann, der als Reaktion auf die plötzliche Apple-ist-gefährlicher-als-Google-Welle den iPad als eine Art Fernseher bezeichnet, den man zudem ja durchaus nicht kaufen müssen.

Zum einen werden ihn ganz viele Leute nicht kaufen. Apple gewinnt mit iPod, -Phone und eventuell auch dem -Pad an Boden, ist aber immer noch kein Massenprodukt, einfach von der Preisstruktur her. Es wird billigere Pads geben, die die bei Windows und Linux offeneren Vertriebswege anbieten werden und nicht glorifizierte Verkaufsbuden für iTunes sind. Zum anderen ist tatsächlich beachtenswert, mit welcher Verve Jobs – dem man vielleicht zu Recht unterstellt, hier seinen Abgang von öffentlicher Präsentation bei Apple abgeliefert zu haben – derzeit nahezu jeden großen Namen  seiner Branche disst. Microsoft seit eh und je, aber in der Keynote gab es einen unter die Gürtellinie gehenden Vergleich zwischen dem Kindle und dem iPad, der Bezos sicher nicht glücklich gemacht hat, und kurz darauf erklärt Jobs Google als Böse und Adobe als faul, denen der Umgang mit Carbon und vor allem Flash derzeit auch nicht allzusehr gefallen dürfte. Jobs Schläge gegen HDMI und BluRay bei der MacBook-Präsentation noch frisch in Erinnerung, darf man sich fragen, wie ausgeprägt der Größenwahn in Cupertino inzwischen ausgefallen ist oder ob Jobs und Co nur die These des «Viel Feind, viel Ehr» auf die Spitze treiben wollen. Als Consumer will ich möglichst offene und kompatible Systeme, die miteinander auskommen und austauschbar sind – und Apple driftet, bei aller Genialität der Produkte, langsam aber sicher zurück in die Inselmentalität der 90er. Das ist ganz akut aufgrund der schieren Marktmacht sicher gut durchhaltbar, langfristig aber an sich keine für den Kunden akzeptable Lösung, weil sie immer wieder – uns schon seit Einführung des ersten iPod – zu massiven Interessenkonflikten und absichtlich funktionsbeschnittener Hardware führt.

Zentral ist aber, dass Erik dem iPad vielleicht etwas Unrecht tut, wenn er es als eine Art Mini-TV abtut. Tatsächlich ist das Pad bei allen Mängeln und v1.0-Problemen ein Paradigmenwechsel oder vielmehr die konsequente Deklination des stattgefundenen Wechsels mit dem 3G-iphone, der aber mit dem Pad erst richtig greifbar wird. Bereits mit dem 3G iphone ist das Internet von einem Ort, in dem man sich einloggt, zu einem Äther geworden, der einen permanent umgibt. Mit dem iphone, idealerweise (in der Realität scheitert es am crappy UTMS-Netz), ist man immer bereits im Internet und verlässt es nicht mehr. Man ist immer sozusagen mitten IN Googleville. Dieser Wechsel – ebenso wie der zu einer direkten Interaktion via Touchscreen, was in Sachen Interface ebenfalls ein Quantensprung ist, dessen Konsequenzen noch gar nicht zu Ende gedacht sind -, der so klein und bescheiden in Form eines «Telefons» daherkommt, nimmt mit dem iPad auf dem Sofa und Konferenztisch, aber auch auf dem Küchenschrank und im Bett seinen Platz ein. Der Rechner als solcher existiert nicht mehr – als Idee eines Gerätes, das man einschaltet und gezielt benutzt, um damit zu arbeiten oder sich zu unterhalten. Er wird «überschrieben» durch ein Konvergenzmedium, das always on und always there ist. Alles noch sehr eingeschränkt – selbst bei angeblichen 10 Stunden Batterie – aber die Idee ist da: Ein «Computer», der keiner mehr ist, sondern so selbstverständlich wie eine Armbanduhr wird, so selbstverständlich wie eine elektronische Verlängerung der eigenen organischen Wahrnehmung. Das iPad ist die Vorstufe eines «eingebauten» Internets.

Wobei es – und damit wird eine alte Prophezeiung von mir wahr – das Web mit dem iPad in seiner bisherigen Form auch nicht mehr geben wird, oder nicht mehr lang. Aus drei Gründen. a) Erstens werden herkömmliche Homepages an Bedeutung verlieren und funktional ersetzt. Es ist heute eigentlich schon wichtiger, in der Sozialsphäre des Webs präsent zu sein als eine klassische Site zu haben. Facebook, Twitter, Youtube, Myspace, WordPress, Squarespace – das Angebot ist so groß, dass man nicht nur fast kein Webdesign mehr braucht, sondern eigentlich gar keine Homepage mehr. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, zeichnet sich aber ab und wird sich intensivieren, wenn sich die Communties einerseits öffnen, andererseits Massenphänomen werden, ein Netz im Netz. Der geradezu atemberaubende Erfolg von Facebook in den letzten beiden Jahren sollte da für sich sprechen. b) Das Web wird als Konvergenzmedium alle anderen Medien vereinnahmen. TV, Radio, Buch, Theater, Musik – all das wird aus dem Äther kommen. Das Internet wird kein eigenes Medium mehr sein, sondern ein Äther. So wie wir bei Luft auch nicht mehr die molekulare Zusammensetzung hinterfragen, sondern einfach atmen, wird die Trennung im Web von Inhalten, Speichermöglichkeiten, Formaten zunehmend hinfällig werden (aus Usersicht!), es wird einfach nur bedeuten, Information und Medien jederzeit abrufbereit zu haben. c) Wir werden diesen Äther anders wahrnehmen. Das iPad ist der erste Schritt in diese neue Wahrnehmung. Bereits hier und beim iPhone sind die meisten Programme webbasiert und rufen ihren Inhalt quasi verdeckt von Servern ab. Als User aber nimmt man diese Programme – noch durch das mangelnde Multitasking und schlechte Rechenleistung sehr klobig – eher als Sprung zwischen Sendern oder Tätigkeiten wahr, die simultan sein werden, wenn man erst einmal die Power hat alle zentralen Apps gleichzeitig on zu haben. Wir werden also IMMER geocachen, immer Hinweise aus unserer Umwelt kriegen, immer Twittern/Facebooken/Flickrn, und das alles in Echtzeit. (Wenn ich heute höre, dass es Marketingleute gibt, die «Web2.0-Strategien» verkaufen, wird mir seltsam – es wirkt so, als würde jemand eine Strategie zum «Atmen» anbieten und vermarkten. Es gibt kein Web 2.0, es gibt schon gar keine Strategie, es gibt nur den Sprung in eine neue Form, über Kommunikation zu denken, sich loszulassen, sein Leben online abzubilden – und idealerweise non-manipulativ, was all die Strategen gern völlig außer Acht lassen… wer das Web als verlängerte Ladentheke oder interaktivere Visitenkarte begreift, hat’s noch nicht kapiert.)  Wir werden ohne Nachdenken Videoclips schauen, ohne dafür eine App zu starten, warten zu müssen oder ins «Web» zu gehen. Es wird alles einfach aus dem «Äther» eines extrem schnellen kabellosen Funknetzes gezogen werden. Zugleich wird sich die – stetig effektiver werdende – Hardware unseres «Pads» (und das ist hier nur die Metapher für ein Universalgadget, das eine Körper-Web-Schnittstelle darstellt) mit anderer Hardware mehr und mehr verzahnen. Bluetooth, vor allem RFID, und andere kabellose Technologien werden den gesamten Haushalt, unser Auto und natürlich auch den Körper nahtlos verzahnen. Wer jetzt schon sieht, dass eine Fakeware wie SleepCycle ein Verkaufsschlager wird, kan nsich ausmalen, was passiert, wenn iPhone/Pad TATSÄCHLICH physiologische Prozesse abbilden können und sich nachhaltig in unsere Gesundheit einmischen werden. Nike+ und das von Apple vorgestellte Blutdruck-API-Hardwaregerät sind hier nur ein Vorgeschmack. Das iPad ist das Gerät, dass unsere Vorstellung von «Computer» und «Internet» auflöst, zermahlt. Wer jetzt darüber nachdenkt, dass so eine «einfache» Gerätschaft ideal für die Großeltern sei, hat den Clou verstanden – das Pad ist der erste Computer, der relativ leistungsfähig GAR kein Computer mehr ist. Noch ist das Gerät klobig und funktioniert eher wie eine Art Fernbedienung, wo man für jeden «Kanal» (itunes, Facebook, ein Spiel, ein Buch. eine Notiz, ein Film…) einen groben Knopf drücken muss und selbst so ist die schiere Bandbreite der medialen Angebote unfassbar. Der nächste Schritt, nach einer langen Phase der Optimierung, wird sein, auch noch diese Knöpfe wegzulassen, symbiotischer zu werden. Für viele Nutzer, aber sicher für die kommenden Generationen, wird das iPad so selbstverständlich und natürlich sein wie für uns Stift und Papier, und die Frage, was ein «Computer» ist – also das Fremdeln mit der Hardware – wird nicht mehr stattfinden. Jeder iPhone-User wird das bestätigen können, die «Experience» ist ganz anders als die am Rechner, in jeder Hinsicht. Das Pad ist eben genau ein vergrößertes iPhone, aber die zusätzliche Akku/Rechen/Bildschirm-Power dürfte ein Gamechanger sein. For better or worse -  iPhone und -Pad sind einer der drastischsten Paradigmenwechsel seit einigen Dekaden, sicherlich noch so wenig raffiniert wie die erste Lok oder das erste Automobil oder die kruden Flugmaschinen der Wrights. Aber die Idee ist im Raum. Tatsächlich ist der Elefant im Raum so groß, dass Apple ihn nicht wird kontrollieren können. Bereits jetzt werden iPhones gehackt, bereits jetzt lässt sich das sehr gesandboxte OS durch die Nutzung eigener Web-Ressourcen recht weiträumig umfahren. Zugleich ist das iPhone-OS das simpelste Betriebssystem, einfach nur ein minimales Interface für Apps. Es ist fast zu befürchten, dass es so einfach nicht lange bleiben kann – aber bisher ist es an Stabilität kaum zu toppen. Wann habt ihr euer iphone das letzte Mal wirklich AUSGESCHALTET? Das iphone ist der erste Computer, der «always on» und immer dabei ist, aber die kleine Bruttofläche des Bildschirms macht es für viele Dinge unbrauchbar. Ergo das iPad, das auch nur ein Babyschritt zu einer besseren Lösung ist – für Apple aber den langfristigen Abschied vom Desktop-PC einleitet.

Das iPad ist insofern kein glorifizierter Fernseher sondern so eine Art Cargo-Cult-Version der SF-Idee eines symbiotischen Computers, eines wirklich Personal Computers. Womit sich die Kritik, dass das Web – der Äther – zu allwissend, zu intrusiv, zu nah an uns herankommend ist, weitgehend erübrigt. Deine Unterhose weiß auch zu viel über dich – und so intim und privat wie die Unterbekleidung, wie die Luft, die man atmet, wird der «Äther» auch sein. Es wird die komplette Transparenz geben, weswegen wir auch neue Umgangs-Regeln und neue Respektsformen miteinander auch aber auch durch die den Äther vage dominierenden Anbieter untereinander und uns Usern gegenüber werden finden müssen.  Und ja, das klingt natürlich bedrohlich nach Huxley. Und in einer von egoistischen Politikern und Konzernlenkern geführten Welt darf man diese Gefahr nie unterbewerten. Den Prozess aufhalten wird man aber kaum können – hier wären die religiösen Fundamentalisten die letzte Bastion der Antitechnologie – ebenso wenig wie man Feuer oder Rad aus der Weltgeschichte ausradieren hätte können. Die Katze, mit anderen Worten, ist aus dem Sack – und das ehemalige «Internet» wird zum vollwertigen exogenen Körperorgan, zur Sinneswahrnehmung, zum Gedächtniselement, zum Teil unserer gesamten Wahrnehmung von Welt, so wie wir das Lesen über die Jahrhunderte längst als weit über die Informationsaneignung hinausgehendes Paradigma des Denkens, des analytischen Zerlegens und Ordnens von Wirklichkeit, oder auch die Sprache an sich als quasi-fiktionale Brechnung und Greifbarmachung von Welt angenommen haben. Was gerade passiert, mit Ächzen und Gurgeln, ist die Geburt einer neuen Sprache, eines neuen medialen Systems zur Weltaneignung, zum Denken – und der sprunghafte, hypertextuelle Charakter, der so viel kritisiert ist, zeichnet ab, wie sehr wir uns von der Links-Rechts-Oben-Unten-Geradlinigkeit der Gutenberg-Denke verabschieden werden, die ja sogar unsere Wahrnehmung von Zeit und Leben so entscheidend geprägt hat.

Es klingt hochgestochen, weil der iPad natürlich nur ein Symptom ist, wie der VHS-Rekorder oder das Radio oder die Filmkamera nur ein Symptom ist – aber in diesem Jahrhundert beginnt die neue Moderne, die unser gesamtes Denken verändern wird.

4. Februar 2010 08:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 21 Antworten.

Stangen

00:40 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Sitze 2

3. Februar 2010 23:25 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Sitze

23:20 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Zeitpunkt

Immer seltsam, eigene Entwürfe von anderen Leuten remixed zu sehen… Und dann so groß. Gefällt mir hier aber.

23:10 Uhr. Kategorie Leben. Tag . Keine Antwort.

Geheime Gerichte

2. Februar 2010 00:41 Uhr. Kategorie Leben. Tag . Keine Antwort.


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