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SHOPPING CENTER KING

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Ich denke, Shopping Center King wäre nicht in den deutschen Kinos gelandet, wenn Observe and Report – so der deutlich schönere Originaltitel – nicht marketingseits an die simple Komödie Shopping Center Cop andocken könnte. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum der Trailer so tut, als sei Observe eine normale Komödie… was dem Film Unrecht tut.

Denn obwohl Jody Hills Farce streckenweise brüllkomisch ist – ich selbst hätte den gesamten Trailer nur auf Basis der wunderbaren FUCKYOU-Scene gemacht – ist der Film beileibe nicht harmlos. Allein schon, weil Hill bei keiner seiner Figuren Sympathie aufkommen lässt. Seth Rogen brilliert als der bipolare Mall-Sicherheitsangestellte Roggie Barnhardt, der zunehmend jede Kontrolle über sich verliert. Anna Faris white-trashige Brandi ist jenseits der Karikatur mit ihren aufgespritzten Lippen und Brüsten, der Quieckstimme und dem zweistelligen IQ, und der von Ray Liotta narbengesichtig-müde gegebene Detective Harrison ist zwar einerseits Stimme der Vernunft und des eigenen Verzweifelns an Ronnies Größenwahn, aber irgendwie selbst eben auch ein Arschloch. Identifizieren magst du dich hier mit niemanden. Roggie geht nicht einmal als Anti-Held durch, er ist einfach ein durch und durch übergeschnappter Loser, der jeden Anflug von Sympathie zu seiner Situation sofort vernichtet. Ab der ersten Sekunde ist die Antipathie zum Protagonisten im Raum, selbst DeNiro in Taxi Driver war dagegen charmant. Hölle, selbst Nicholson in The Shining war gegen Seth Rogen hier ein Nice Guy. Dass Jody Hill dabei scheinbar ganze Passagen aus Taxi Driver übernimmt und 180° dreht, zu einer geschmacklosen überspitzten Perfidie bringt, macht die erste Hälfte des Films so brillant. Jede einzelne Figur – mit Ausnahme von Collette Wolfs Figur Nell, die mit gebrochenem Bein an einem Coffee-Tresen sitzt -  ist entweder dumm oder böse oder idealerweise beides, und der Film lässt keine Geschmacklosigkeit aus, um dies zu beweisen… bis hin zum Apex des Films, dem Moment, in dem Roggie am Ziel seiner Träume ist und mit Brandy vögelt – die allerdings bewusstlos in ihrem eigenen Erbrochenen halbschläft, während er irgendwo zwischen Erbärmlichkeit und Vergewaltigung auf ihr herumschubbert.

Diese negative Energie aufrechtzuerhalten schafft Observe and Report als Film, der eigentlich auf einem einzigen Gag basiert, eben leider nicht – der zweite Akt des Films verliert sich in unnötigen Nebenhandlungen, die zwar lustig anzusehen sind, aber den Film seltsam albern machen und ihm etwas seiner Entschiedenheit nehmen, um dann relativ unerwartet in eine Art psychotische Episode umzukippen, in der Roggie plötzlich in einer surrealen Sequenz zum Helden des Films mutiert  – absolut realistisch abgefilmt, ohne jeden Bruch in der Wahrnehmung, nur dezent gekontert durch den  (stets exzellenten) Soundtrack, der keinen Zweifel am Geisteszustand unseres Anti-Antihelden lässt.

Observe and Report ist ein Film mit vielen Schwächen, beileibe kein wirklich guter Film – es gibt bessere kleine böse Offbeat-Filme (Very Bad Things zum Beispiel), und das vor allem, weil Hill die Chance vertut, böser zu sein, klarer in die Psyche von Roggie einzutauchen, weniger oberflächlich zu bleiben. Es ist eine seltsame, eben prekäre Balance, die der Film zu halten versucht, zwischen Abstrusität und Tragik, zwischen Ekel und Mitleid, zwischen Comedy und Indie, und das alles bei voller Geschwindigkeit und das gelingt Hill beileibe nicht immer, geschweige denn immer elegant. Insofern lebt der Film von grandiosen Passagen, von einem seltsamen Wes-Anderson-on-LSD-Feeling, was über müde Kompromisse und ein vielleicht zu lasches Ende hinwegtrösten kann. Vielleicht ist das Ende aber auch gerade so perfekt, unerwartet, unabsehbar, eine überzogene Abrechnung mit Hollywood-Happy-End-Strategien, mit Männerträumen, mit unseren eigenen Erwartungen an Film, die Hill keine Sekunde zu erfüllen bereit scheint, außer unter dem Vorzeichen des Wahnsinns.  Seltsamerweise ist Observe so am Ende kein wirklich komischer Film, aber auch kein wirklich dunkler oder ernster Film, sondern ein Zwitter, der vielleicht keinen wirklich glücklich macht… aber vielleicht eben deshalb allein schon schön sein kann. Ein Film zwischen allen Stühlen, der es niemanden gerecht machen will oder kann. Und zugleich IST der Film sehr komisch und sehr düster und einzigartig.

Die seltsame, tatsächliche Archillesferse des Films aber entblösst sich seltsamerweise im Rückblick wahrscheinlich direkt zu Beginn. Hill folgt während des Vorspanns mit voyeuristischer Kamera den (echten oder gespielten) Einkäufern im Shopping-Center mit der Kamera, bleibt eine Sekunde zu lang am Hintern eines Mädchens kleben, in deren Hosentasche sich die Hand ihres Freundes schlängelt, lugt zwischen Warenüberfluss den Leuten ins Gesicht, zeigt müde Rentner auf der Bank in der Kunstwelt der Mall. Der Vorspann ist so kraftvoll, so gelungen in seiner (pseudo)dokumentarischen Kraft, dass der Rest des Films dagegen überinszeniert und etwas ermüdend wirkt, zu laut, zu grell ausgeleuchtet, zu gewollt. Diese Clairvoyance der ersten Minten des Films erreicht Hill zu keinem Moment mehr, diese stille klare Größe geht im Gewummer der Eskalationsstrategie seines Plots unter – und doch zeigt der Vorspann besser als der Rest des Films den Abgrund, die Langeweile, die Nichtigkeit von Junk Spaces, diesen Anti-Orten, diesen Mikrokosmen, an denen keine Zeit vergeht, in denen für die Angestellten wie für die Stammkunden das Leben in winzigen, zugleich zeitlupenartig ausgedehnten Miniaturdramen aus Träumen, Hoffnungen und Enttäuschungen verpufft, wie erbärmlich diese Kokons eigentlich sind. Allein für den Vorspann also – und natürlich für die Fuckyou-Nofuckyou-Nofuckyou-Szene – lohnt sich unbedingt ein Ansehen dieser seltsamen Nicht-Komödie.

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MICHAEL JACKSON

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Über das Leben und Werk von Michael Jackson dürfte in nächster Zeit viel geschrieben werden. Den Absturz, das Scheitern am eigenen Mythos, seine Vorläuferrolle für die vielen modernen Celebritys, die weniger für ihr Werk berühmt sind als vielmehr für ein öffentlich geführtes Leben mit allen Höhen und Tiefen, wie etwa Britney Spears oder Amy Winehouse. Dass Jackson als Musiker nicht viel mehr als vielleicht zwei wichtige Alben beigesteuert hat und im Grunde weit entfernt ist, der King of Pop zu sein, als der er hochgejazzt wird, dass andere Musiker die Popwelt viel mehr verändert haben, wird dabei vielleicht in Vergessenheit geraten. Jackson war kein Erneuerer, keiner, der die Popwelt verändert hätte. Wenn, dann ist seine Handschrift viel mehr spürbar in der Art, wie Pop als Gesamtprodukt – also jenseits der reinen Musik – funktioniert. Neben Madonna, die vielleicht wie keine Zweite Image, Mode und Popmusik fusionierte, ist Jackson derjenige, der den Cult of Personality in nach Elvis und den Beatles lange vergessenen Art zurückbrachte. Videos, Kleidung, Photos, Musik – alles hochsynthetisch, alles unauthentisch, alles Inszenierung, alles Fetisch.

Jackson ist dabei weiter gegangen als jeder andere in seinem Bereich, und hat Grenzen verschoben. Die Idee, dass ein Popstar «echt» oder authentisch sein könnte, ist Post-Jackson für das Publikum nicht mehr vorstellbar. Das Spiel mit dem Unechten, mit dem Fake, ist Teil der Pop-Erfahrung geworden. Wie jeder Begründer ist Jackson längst von seinen Epigonen überflügelt worden – man nehme die extreme Imagewechhsel von eben Madonna oder auch Christina Aguilera, die in immer kürzeren Abständen, erst pro Album, dann bald pro Single, ihre Identität wechseln. Extreme Makeover ist dann nicht ohne Grund ein Ding, das von den Stars zu den Fans quasi durch Osmose herandringt, bis die Idee, dass die eigene Identität formbar ist, in den Alltag aufgegangen ist. Bodystyling und auch die Vorstellung, psychisch optimiert zu sein, sein zu müssen, ist längst bei Schülern der Sekundarstufe Eins angekommen – und viel davon verdanken wir Jackson, Madonna et al… und natürlich MTV als Transmissionsriemen, als Vorläufer von MySpace und YouTube. MTV war Michael Jackson und Michael Jackson war MTV. Und ohne beide gäbe es keinen David Carson, nebenbei.

Entsprechend wird Jackson in Zukunft vielleicht weniger als Popmusiker gefeiert (der Ruhm sollte eherdem großartigen Quincy Jones gelten, der Thriller so perfekt produzierte), sondern vielmehr als erster Bodymorpher. Krude und natürlich primitiv, fast cargo-cult-artig, hat Jackson seinen Körper umgebaut, gebleicht, verjüngt, androgynisiert. Er hat sich verspoilert und umlackiert wie Autostyler ihren Wagen pimpen. In die Geschichte wird er eingehen als einer der ersten, die ihren Körper auf extremste Weise als nicht biologisch gegeben hingenommen haben, sondern massiv in die genetische Vorgabe hereingepfuscht hat. Wir leben in einer Zeit, in der künstliche Fingernägel, Haarextensions und vergrößerte Brüste, laserentfernte Haare oder implantierte Haare (je nach Körperstelle), gestraffte Lider und gelaserte Netzhäute nichts ungewöhnliches mehr sind und auch finanziell von der Hollywood-Elite längst beim Straßenpreis angekommen sind. Dieser Trend wird sich fortsetzen – auch auch wenn Jackson sozusagen der Worst Case der Beauty-OP ist, bleibt er eben doch der Wegbereiter, der Astronaut, der an den Outer Limits des Machbaren seinen eigenen Körper modifizierte und einen hohen Preis dafür zahlte, ein Märtyrer – und zugleich der Hofnarr – des konsumatorischen Schönheitswahns unserer Gesellschaft, die langsam, unwahrnehmbar und gleichsam unaufhaltbar in den genetischen Perfektionswahm taumelt, der in Gattaca noch Science Fiction und unter Hitler noch Wahnvorstellung war und der nun mit Germany’s Next Topmodel in der flimmernden Langeweile deutscher Wohnzimmer angekommen ist.

Jackson ist Speerträger einer Gesellschaft, die ihre Eitelkeit in Zukunft schon pränatal wird befriedigen können, die nach körperlicher Perfektion, ewiger Gesundheit und Schönheit hechelt, bei der wir in Zukunft nicht schaudern werden, über biokybernetische Implantate und genetische Enhancements nachzudenken. Jackson, einfach gesagt, war unser Junge aus der Zukunft, was bei Bowie nur Inszenierung war – der Mann der vom Himmel fiel, der Starman, der Ziggy Stardust – hat in Jackson reale Form angenommen. Was für Bowie nur Gedankenspiel war, ist bei Jackson zum Leben geronnen, aus dem er schlußendlich nicht entkommen konnte. Jackson ist The Shape of Things to Come, ein Gesandter aus einer Zeit, in welcher der eigene Körper nur noch weiche, formbare Masse ist, ein Designobjekt – und ist zur tragik-komischen Figur geronnen, weil er diese Idee mit den primitiven Mitteln unserer Zeit, der Schönheitschirurgie der 80s und 90s eben, umgesetzt hat. Dass seine Nachfolger bereits weniger als Freaks gelten und wir die enormen Körperveränderungenvon Aguilera und Co kaum noch als anormal wahrnehmen zeigt, dass Jacksons Rolle als Experimentierfeld, als extremverspoilerter Mensch, den Weg bereitet hat für den eben weniger wahrnehmbaren Wandel einer hedonistischen Gesellschaft, in der am Ende nach Mode, nach Wohnung, nach Konsumartikeln eben nur noch der eigene Körper als finaler Designgegenstand bleibt.Bodybuilding, Schönheits-OP, Tattoo, Piercing – am Ende wird der Körper vom unbeeinflussbaren, biologisch gegebenen Ding im nie gekannten Ausmaß zur Rohmasse von Identitätsschaffung, von Egobranding. Jackson ist lediglich der Störfall, der ein System überhaupt erst sichtbar macht – an Jackson offenbart sich also die Tendenz der westlichen Gesellschaft zum Körperfetisch, zur Oberflächlichkeit, zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein, am Ende zur Fälschung, zum Aufbau eines künstlichen Alter Ego. Eine gelungene Schönheits-OP ist dabei nicht systemisch nicht anders zu sehen als Jacksons Frankenstein-Antlitz. Identität wird transitorisch, was früher nur Transsexuellen vorbehalten war, wird zum Massenphänomen: Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken und diesen durch Operationen zum «richtigen» zu morphen.

Jackson ist insofern – wie in Deutschland vor Jahren Hildegard Knef – nur grausam überspitzte Verkörperung eines sozialen Trends, der an ihm überhaupt erst so deutlich sichtbar wurde, an die Oberfläche kam und zugleich durch seine Rolle als Pop-Ikone auch ein Wegbereiter dieses Trends.

Und Billie Jean ist natürlich auch ein sehr sehr netter Song :-D.

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KUNSTCLUSTER + SCHÖPFUNG + LANGER TISCH = DABEISEIN!

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Nachdem bereits letzte Woche die sehr gelungene Clownfisch-Release-Party in der alten ELBA-Fabrik in Wuppertal gestiegen ist, bei der neben der schönen Ausstellung der Blanko-Ausgaben und anderer Arbeiten, einem wunderbaren dritten Magazin auch eine rappelvolle Party mit zwei Dancefloors und einem monströsen D’n'B-Livedrumset begeisterte, geht es diese Woche weiter mit dem Kunstcluster, der von Thilo Küpper von den Arrenbergschen Höfen organisierten über mehrere Stockwerke laufenden Kunstausstellung in der rohen Atmosphäre der historischen Fabrikhalle. Die Ausstellung läuft bereits seit dem 23, aber merkenswert sind vor allem die Tage, in denen Wuppertals Langer Tisch mit Kunstcluster und Schöpfung kollidiert, also richtig was los ist. Am 27.Juni gibt es deshalb nicht nur zwei laufende, große Ausstellungen (Kunstcluster und Schöpfung), einen durch die halbe Stadt ziehenden Kulturevent mit erwarteten 600.000 Besuchern, sondern auch einen Design- und Modemarkt zwischen U-Club und Robert-Daum-Platz, abends mit Tanztheater, Tango und Reaggae-Soundsystem. Klingt nach einem guten Samstag.

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DESIGN MADE IN GERMANY MAGAZIN 01

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Das von Patric Marc Sommer und Nadine Roßa produzierte Design Made in Germany Magazin ist in der ersten Ausgabe als PDF erschienen. DMIG stellt eine Reihe spannender Projekte und Agenturen vor, wobei der Clou ist,d ass jeder Artikel nicht von der DMIG-Crew und nicht von dem Interviewpartner, sondern von einem anderen Designer/Grafiker gestaltet wird. So hat Katharina aus unserem Team etwa den Erik-Spiekermann-Artikel gestaltet (wofür Erik uns wahrscheinlich die Ohren langziehen wird) und das eMail-Interview mit mir zum letzten Saisonheft des Theater Bielefeld hat Kai Scholz gestaltet. Highlight des Heftes ist das Intro, in dem Patrick sein Heft mit 25 Statements namhafter Kollegen zum Thema «Was ist typisch deutsches Design?»einleitet, begleitet von schön sparsamen Illustrationen von Martina Wember.

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RÖYKSOPP: JUNIOR

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Svein Berge und Torbjørn Brundtland sind im Pop angekommen, endgültig. Ihr drittes Studio-Albumknüpft an den Welterfolg von What Else is There an und lässt frühere Downbeat-Eskapaden, vertrackte Beats und verträumte Synths hinter sich. Hört man Meldody A.M., gibt bestenfalls Poor Leno eine vage Ahnung auf den hyperpolierten Sound von Röyksopp 2008, einem Mainstream-Album, auf das die Pet Shop Boys stolz gewesen wären und das Air hoffentlich nie in dieser Klarheit produzieren. Junior ist – durchaus im besten Sinne -  ein smartes, gut produziertes, flirrend-glitzerndes Discokugel-Monster, bei dem Berge und Brundtland sich von den angesagtesten Stimmen der Branche – Robyn, Lykke Li und Karin Dreijer-Andersson – unterstützen lassen und zugleich mit Anneli Drecker wahrscheinlich eine neue Stimme weltweit bekannt machen dürften. Es ist ein Album voller potentieller Auskopplungen, voller Hits, die nur auf Remixing warten, mit deutlich mehr Upbeat als jemals zuvor. Tracks wie Tricky Tricky klingen so gar nicht mehr nach den «alten» Röyksopp – aber durchaus nicht zum Nachteil der Band. Es ist selten, dass eine Combo so erfolgreich aus der alten Wäsche tritt und sich komplett neu erfindet, und dennoch irgendwie bei sich bleibt. Die Entwicklung auf Junior ist nur folgerichtung und durchaus passend zu dem, was nach The Understanding für die Band passiert: Raus aus dem Wohnzimmer, rauf auf die Bühne, rein in die Dancehalls. Röyksopp schütteln den Märchenstaub ab und werden von der introvertieren Frickelband zum schnellen skandinavischen Pop-Export, gnadenlos auf  weltweiten kommerziellen Erfolg programmiert. Dass die Musik dabei oft so zusammengeholpert wirkt wie das Albumcover, dass in all dem Geblubber und Geblase oft keine wirkliche Musik entsteht, sondern nur eine Melange dessen, was halt gerade in den Discos funktioniert, dass kantenloser Kommerz keine langfristige Zukunftsoption ist, dass Tracks wie You don’t have a Clue schon mehr als jenseits der Schmerzgrenze liegen, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Junior ist ein perfektes Popalbum, aufgeblasen, bombastisch, massenkompatibel, zu eilig für ruhige Momente wie etwa Silvercruiser.Vielleicht spiegelt dieses Album einfach also nur den Umbruch im Leben von Musikern wieder, die plötzlich zu lange in zu lauten Discos rumhängen, feststellen, dass ihre Tracks live nicht so recht funktionieren und mehr Pep brauchen, die zu lange in Tourbussen rumsitzen und zwischen Langeweile und Hyperaktivität gefangen sind, denen allees zu glitzy, zu oberflächlich und zu aufgesetzt erscheint. Denn genauso ist Junior, ein Album wie ein Kommentar zum Leben als Popstar – grell und unecht und immer mit einem feinen Drogennebel überzogen, gezeichnet von Klängen, die aufblitzen wie Fische unter Wasser und schon wieder wegtauchen, von unterbewussten Bässen,von flirrenden Pads, von sirrenden Melodien, und eben auch von so viel Hall, der alles auf Distanz hält und weichspült. Es ist ein Album aus dem Nebel, aus dem Rausch, aus der Tiefe. Es ist das Torkeln nachts um halb fünf durch neonbeleuchtete Straßen. Junior ist zugleich das nahtlosperfekte Massenwarenregalprodukt für die Massen und der Meta-Kommentar zu eben diesem Dasein als Produkt in der Popindustrie. Die in der oft in Richtung Kylie/Madonna abdriftenden Discopopsuppe aufblitzenden kleinen Geniegriffe legen nahe, dass die durch und durch synthetische Popblase, die das Duo aufspannt, einen ironischen Unterboden haben könnte, dass Pop hier zum Selbstzitat wird und sich so entlarven will, dass man eben absichtlich ein Album produziert hat, mit dem man ich als Produzenten der nächsten Madonna-CD empfiehlt. Röyksopp nehmen hier ihren Weichspülersound, dessen Kantenlosigkeit sich schon immer für Werbefilmchen empfahl und treiben das Spiel auf die Spitze – entweder um endgültig zum Kommerzakt aufzusteigen, oder als Form von satirischer Sebstbespiegelung. Für eine Antwort auf diese Frage, die man sich zwischen Faszination und Sorge stellt, wird man wohl das nächste Album abwarten müssen.

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ROYAL CONCERTGEBOUW ORCHESTRA: MAHLER SYMPHONY NO.5

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Das RCO in Amsterdam gilt als eines der besten Orchester der Welt und verfolgt bereits seit langer Zeit die aus meiner Sicht goldrichtige Strategie, zentrale Livekonzerte direkt mitzuschneiden und auf einem eigenen Plattenlabel professionell zu vertreiben, darunter auch diese Aufnahme aus Mariss Jansons Mahler-Rundreise. Die schwierige fünfte Symphonie, die laut Mahler «niemand richtig capiert», die aber vor allem mit ihren komplexen Stimmen die Orchestermusiker und mit ihren rhythmische Wechsel schließlich auch den Dirigenten vor eine wahre Herausforderung stellt, wird in dieser hochwertigen Aufnahme zum Genuß.

So modern wie das Artwork – und der gesamte aktuelle Auftritt – des RCO-Albums, so auf der Höhe der Zeit ist auch die Interpretation von Mahlers Fünfter hier, deren extreme Gegensätze und Dissonanzen Jansons zulässt. 1904 in Köln uraufgeführt, wirkt Mahlers Komposition mit ihren scharfkantigen (Aus-)Brüchen und plötzlichen Scharfkantigkeiten immer wie ein Wolf im Schafspelz – was streckenweise wie gefällige «Klassik» wirken mag, nimmt vieles der späteren Avantgarde, der neuen E-Musik vorweg, stets brodelt das große Gefühl und eine unglaubliche Spannung unter selbst den sanftesten Streichern, die unvermutet in brütendes Schweigen wegbrechen oder zu wütenden Klangfontänen eruptieren. Wie Mahler folklore- und marschmusikartige Elemente einwebt, seinen Trauermarsch in den düstersten Tönen entfaltet, um dann wahrhaft stürmisch bewegt in den zweiten Satz zu wechseln, fängt das RCO mit makelloser Präzision ein, niemals krachledern in den lauten Passagen, niemals zu weich oder kitschig, so wie viele andere Orchester versuchen, Mahler zu bändigen. Jansons versteht die harmonischen Spannungen, die tonale und rhythmische Verfugung des Stückes, mit der Mahler nicht nur Inspirationen aus den verschiedensten Quellen saugt – hört man hier und da auch Schönberg und Berg ebenso wie Bach und Wiener Schule durchblitzen? – sondern zugleich auch an den Käfigstäben der Vorstellung von Orchestermusik seiner Zeit rüttelte, um vierzig Jahre zu früh war. Insofern lässt er auch unter weicheren Passagen Vorahnungen, Disharmonien, Färbungen zu, die mitreißend sind und in dieser herausragenden Klangqualität selten auf CD zu hören sind – die Aufnahme dringt mitunter förmlich in das Orchester ein, ohne jemals das Live-Gefühl zu verlieren oder (wie manche Studioaufnahmen) steril zu wirken.

Immer wieder innehaltend, samtig, rauh, chaotisch, einscheichelnd, zögernd, stürmisch geprägt von Zweifeln, Wut, Ängsten und dann am Ende eben doch Hoffnung und Kampfeswillen, scheint das Stück sich vorzutasten, fragmentarisch und doch überwältigend ganzheitlich zu sein, eine fast erzählerische Komposition, die nur zu gut zu Mahlers biographischer Situation Anfang des 20. Jahrhunderts passt, aber auch seine Beschäftigung mit der christlichen Wiederauferstehungsidee zu umfassen scheint, ebenso wie den Willen zu klanglichen Experimenten, zum Crossover verschiedenster Einflüsse zwischen Tradition und Moderne, Volksmusik und Opernhaus, zum Verstehen von Klassik als Extremsport, als Ausdruckskunst, nicht als reine Unterhaltungsmusik. Wie ein Spiegel bietet sich die Fünfte deshalb für die verschiedensten Interpretationen an, ist ein Stück zum Vertiefung und zum Mitfühlen, ein Tableau der Gefühle, eine ganze Semantik möglicher Interpretationen und musikalisch-biographischer Allusionen, insofern natürlich ein Paradies für die musikalische Dramaturgie…  und diese Einspielung ist da keine Ausnahme.

Modern und zeitlos, präzise, aber nicht blutleer, bringt das RCO einen musikalischen Film ins Rollen, einen überreichen Kanon an Bildern und Ideen, einen Strom von Eindrücken, die kaum greifbar sind, weil schon die nächste Assoziation auf den Hörer herabprasselt. Das Concertgebouw Orchster ist mit Mahler historisch immer wieder eng verwebt, und diese Live-Aufnahme wird dieser Intimität mehr als gerecht.

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U2: NO LINE ON THE HORIZON / LIVE FROM PARIS

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U2 sind eine der wenigen Bands, die seit der Gründung 1976, in unveränderter Besetzung, mit relativ gleichem Sound und mit seit langer Zeit sehr durchgehendem Erfolg dabei sind, vielleicht der letzte echte Dinosaurier der Spätsiebziger, sicher der allerletzte, der noch Stadions füllt. Ein solcher Status ist für eine Band ein tödlicher Cocktail, Experimente werden von den Oldschool-Fans abgelehnt, aber U2s Klangwelt lädt auch nicht zu Stillstand ein, die Songs sind kompositorisch einfach zu selbstähnlich. So ist es kein Wunder, dass U2 in den achtziger und neunziger Jahren ihren Sound mit Hilfe von Produzenten wie Brian Eno und Daniel Lanois konsequent ausgebaut haben, mal vorsichtig nach Peter-Gabriel-Elementen griffen, mal nach Gospelsounds, mal nach Bombast, mal nach Elektronik, um schließlich mit dem Passenger-Projekt an dem Punkt angelangt zu sein, wo die Band selbst glaube, so anders zu klingen, dass ein Album nicht mehr unter dem eigenen Bandnamen erscheinen kann. So weit gerannt, wie sie nur konnten, stand U2 seitdem seltsam im Limbo und bereits das letzte Album, das vor bereits vier Jahren erschienene How to dismantle an Atomic Bomb, klang insofern ein wenig so, als hätten sich Bono, Edge, Larry und Adam eingeschlossen und alte Platten gehört, klang etwas nostalgisch.

Fünf Jahre später zeigt sich U2 auf No Line on the Horizon als Band im Limbo. Wie David Bowie hat sie die experimentelle Phase abgeschlossen und begnügt sich nun damit, zu existieren. Man ist versucht zu raten, wie welcher Song in das Tourneeprogramm der Band zwischen alte Songs passen wird, die Tracks sind alle sehr stadion-tauglich, und verzweifelt dabei, weil jedes Lied vage nach einem alten U2-Song zu klingen scheint. No Line on the Horizon ist ein Best-of-Album mit neuen Songs, die oft gefährlich an eigenen Coverversionen entlang schliddern, was zum einen irgendwie schön nostalgisch ist, man ist sofort in den Tracks drin, weil sie wenig mehr tun, als Erinnerungen an andere Nummern auszulösen, aber zum anderen natürlich irgendwie wenig. Das Album ist makellos produziert, vielleicht ein wenig zu makellos für die Musik, die U2 eigentlich machen. Viele Tracks erinnern vage an Joshua-Tree/Rattle&Hum-Zeiten. Wo Atomic Bomb eher auf Boy und War zurückgriff, wird jetzt die epische Phase der Band aufgewärmt, das Lanois-Feeling in Moment of Surrender ist so stark, dass man sogar fast glaubt, eine vergessene B-Seite zu hören. Der Unterschied ist, dass Bono heute betont auf mitsingbare (mitgröhlbare) Refrains achtet, die – wie bei Unknown Caller – eher anstrengend sind, die Chorus-Lines wirken wie vorprogrammiert, wie überhaupt dem Album irgendwie ein greifbares Herz fehlt. No Line ist ein perfektes Popalbum, das aber seltsam unehrlich, wenig intim und aufrichtig wirkt, keinen Raum für Fehler hat, in jeder Hinsicht auf Nummer Sicher geht und insofern eigentlich gar nicht existieren müsste. Es ist, als schreibe ein berühmter Autor auf Autopilot ein neues Buch, das nur aus Versatzstücken alter Romane besteht, alten Dialogzeilen, alten Plotwendungen und dem stets gleichen Denouement. Anders gesagt: No Line on the Horizon wird mit jedem erneuten Hören einen Tick langweiliger.

U2 sind also auch nach fünf Jahren Pause immer noch da – vielleicht  nur verständlicherweise  – wo andere Megabrand-Bands wie die Stones oder Depeche Mode seit langem sind: Musik ist Arbeit und Plattform für andere Dinge. Neue Alben sind – absurderweise gerade bei Bands, die die finanzielle Sicherheit hätten, mit jedem Album mutiger zu werden – nur Schaltmomente der eigenen Verwertungskette von Album, Promo, Tour, Sponsoren, Nachverwertung. Entsprechend wir, wie bei allen großen Marken, wie bei BMW aber auch bei McDonalds, das Produkt nur noch minimal variiert, gerade genug für ein wenig Aufmerksamkeit, aber im Kern ist kein Raum mehr für Innovation. Musik als Produkt ist Musik in Bernstein gegossen.

Auffallend und gravierend wird der Unterschied erst, wenn man sich alte U2-Songs anhört, wie etwa das exklusiv bei iTunes erhältliche Live from-Paris, 2008 erschienen, auf dem das legendäre Konzert von U2 im Hippodrome de Vincennes 1987 festgehalten ist. Was auf No Line Selbstimitat ist, ist hier noch unverfälschtes Original. 1987 war ein zentrales Jahr für U2, der Umbruch von dem härteren Sound alter Songs, die Fortsetzung der neuen Richtung von Unforgettable Fire, der große Durchbruch mit Where the Streets have no Name und With or Withour You, der Wechsel vom Indieact zur Megaband. An genau diesem Bruchpunkt festgehalten, mit den Klassikern im Gepäck, die man noch von von Under a Blood Red Sky live kennt, aber eben auch mit den fragileren neuen Nummern, wirken U2 professionell und bühnenerfahren und dennoch aufgekratzt, von dem eigenen Erfolg berauscht. Die Band bereist die Welt und erlebt viele der auf Rattle and Hum festgehaltenen großen Momente, verändert sich, bereist Amerika mit 110 Gigs, treten mit Sinatra auf, werden groß. Mitten drin die Europatour, tagelang ausverkaufte Hallen, Arenen, eine Band, die routiniert, aber noch nicht stumpf ist.

Es ist immer unfair, ein U2-Livealbum mit einem Studioalbum zu vergleichen, die Band ist live unendlich energetischer als im Studio, aber dennoch macht der direkte Vergleich unschön deutlich, wie sehr in den letzten zwei Dekaden die Luft aus der Band verschwunden ist. Trotz der massiven Tour wirkt die Band kein bisschen müde, eher aufgekratzt und wuchtet ein im Rückblick nur als wirkliches Best-of zu bezeichnendes Konzert heraus, in dem aber (vielleicht weil der Backkatalog noch nicht so erdrückend groß ist wie heute) noch Raum ist für kleine ruhige Momente wie MLK oder October, für plötzliche Coverversionen und für eine energiegeladene Version von Exit, für Lieder jenseits der reinen Hitlisten also. Noch weit entfernt vom Selbstzitat präsentieren U2 mit den einfachen Mitteln ihrer drei Musiker und ihrer begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten eine Klangwelt, die ehrlich und frisch wirkt, und Bono als Frontmann ist noch weit weit entfernt von der Parodie, wirkt in seinem Pathos noch glaubhafter, nicht ganz albern. U2 ist noch nicht völlig zum Bestandteil in einer Kette von perfekten Midiclocks geworden, die allabendlich für verlässliche Shows sorgen, die Durchhänger ebenso ausschließen wie Höheflüge, sondern einfach die Animatronics, wie ein Musical halbautomatischer Puppen immer und immer wieder funktionieren. Wo die Band heute externen Stimulus braucht – exotische Aufnahmeorte, Experimente mit Rick Rubin, um am Ende doch nach Dublin/London und zu Brian Eno und Daniel Lanois zurückzufinden – ist sie auf Live from Paris noch vor Energie berstend auf der Bühne, hellwach. es gibt wenig erschreckenderes, als die beiden Alben relativ direkt nacheinander zuhören, No Line wirkt wie ein schwaches Echo, wie alte Kicker, die nochmal auf den Platz gehen, um ein legendäres Match nachzuspielen, aber einfach nicht mehr so schnell, nicht mehr so strahlend sind wie früher.

Man kann einer Band nicht vorwerfen, wenn sie «ihren» Sound gefunden hat und dabei bleibt, oder wenn sie Musik nicht mehr aus Leidenschaft betreibt, sondern weil das eben irgendwie das ist, was man tut, was man ist. Bands wie die Beatles oder Police haben den Absprung geschafft, bevor sie in diesen Kreislauf gekommen sind, die länger überlebenden Formationen haben diesen Luxus einfach nicht. Und U2 sind sicher noch um einiges besser gealtert als etwa andere Acts der gleichen Altersklasse, wie die Simple Minds, Cure oder Depeche Mode. Aber ein etwas schaler Nachgeschmack bleibt bei dem neuen Album, weil eine Band, die sich lange Jahre von Album zu Album weiter entwickelt hat, auf einmal so zufrieden mit dem eigenen Sound ist., dass sie stehenbleibt. No Line on the Horizon bedeutet eben vielleicht für U2 auch, dass es nichts mehr zu entdecken, nichts mehr zu erobern gibt, dass es keine Zukunft mehr gibt.

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I LIVE

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ARCOR

Wenn ich derzeit übrigens recht wenig blogge, dann neben einem etwas arg knappen Pitch-Termin primär deshalb, dass Arcor seit Donnerstag mittag nicht in der Lage ist, unseren Internetzugang wieder ins Laufen zu bringen. Trotz mehrerer Anrufe bei der Störungsstelle, wo man mal mehr mal weniger freundlich, mal mehr mal weniger kompetent aufgehoben ist, ist das tatsächliche Problem bis jetzt weder identifiziert noch behoben. Für einen Kommunikationsanbieter ist das schon eine ziemliche Schlappe – ein Ausfall von inzwischen deutlich über 10% eines Monats. Relativ entsetzlich ist dabei, dass man den immer wechelnden Hotlinemitarbeitern den Fall jedesmal von vorn schildern muss – gibt es keine interne Dokumentation – dass Hotlinemitarbeiter 3 dir sagt, dass 2 die versprochenen Maßnahmen gar nicht eingeleitet hat und dass man ja auch absolut verstehen kann, dass einem von zig Callcenterangestellten die relative Dringlichkeit des Kundenproblemes oder gar der Verlust des Kunden für Arcor relativ egal sein kann und darf. Ganz abstrakt muss man aber auf beraterischer Ebene sagen, dass Arcor zwar wirklich Punkte kriegt, weil nach dem Kampf mit dem Voicemailsystem wirklich relativ schnell meist relativ freundliche Ansprechpartner vorhanden sind (viel besser als noch vor einigen Jahren), diese Simulation von Hilfe aber natürlich nur ein Placebo bleibt, wenn die faktischen Probleme nicht behoben werden und keine vernünftigen Feedbackprozesse eingeleitet werden, die mich über den Bearbeitungsstatus up to date halten. Arcor ist da keineswegs besser oder schlechter als andere große Firmen – Adobe wäre ein Beispiel – die keinen vernünftigen Weg finden, mit den vielschichtigen Problemen der Nutzer ihrer Produkte fertig zu werden. Oft hat man das Gefühl, der Partner am anderen Ende schaut in die gleiche Knowledge-Base, die man online auch einsehen könnte. Ich erinnere mich an einen großen Hersteller, dessen Hotline mir bei einem Scanner-Problem empfahl, doch mal das Kabel zu wechseln. Möglicherweise ein guter Rat für Tante Liese – die diesen Scanner nur leider nie gekauft hätte -, aber bevor ich zum Hörer greife, habe ich die einfachen Lösungen meist durchgestellt und bräuchte eigentlich echten Support, nicht die Level-1-Firewall, die der normale Hotline-Telefonsupport ja meist darstellt, ein Schutzwall, der die wirklichen Techniker vor den Kunden schützt. Ähnlich bei Arcor: Wenn ich euch anrufe, habe ich Reset, Kabelaustausch und andere Sachen doch schon probiert, let’s go.Ich will hier keineswegs einseitig auf Arcor schimpfen, sondern vielmehr einen wichtigen Aspekt aufzeichnen: Größe bringt Hilfesysteme zum Kollaps. Arcor hat das vor einigen Jahren massiv erfahren, als der Telefonmarkt geöffnet wurde und die Technik, aber auch die Manpower absolut nicht mit den Anfragen hinterherkamen – und auch heute scheint es ein Defizit in der kompetenten Problembearbeitung zu geben. Auf der anderen Seite habe ich bei einem relativ kleinen Hardwarehersteller wie Quato binnen weniger Minuten einen Fachmann am Apparat, der schnell, kompetent und entscheidungsbefugt die Probleme löst und sei es, indem er einen Austausch anschiebt. Größe bringt also nicht nur Synergie-, sondern vor allem auch Dissolutionseffekte, Probleme bei der Organisation interner Abläufe, aber vor allem auch in der Kundenkommunikation. Zu einem guten Auftritt gehört aber nicht nur die schicke Broschüre und gute Homepage, sondern auch eine gute «Beschwerdestelle» für einen Konzern. Heißt für Arcor beispielsweise, dass ich nach der Hotlinenummer nicht suchen muss. Heißt, dass man leichter zwischen Level-1-Problemen (Ähm, hier blinkt mein Router, was mach ich) und Level-2-Problemen hochschalten kann, indem man weiterleitet (Geht bei Adobe, aber nur sehr schwierig, sobald du aber auf dem höheren Level BIST, wird das Problem effizient gelöst, vorher bist du im Hotline-Limbo). Heißt, dass es neben Webformularen und Telefon/Fax auch andere Wege geben muss (Chats zum Beispiel, langfristig videobasiert). Ein Konzern wie Arcor muss das von mir nicht hören, ich bin sicher, in diesem Bereich investieren alle großen Anbieter – aber als Endkunde kann ich derzeit nur sagen: «It sucks!» Und ich bin nicht nur frustriert, weil mein Problem nicht gelöst wird, sondern auch durch die Art, WIE es nicht gelöst wird. An ersterem kann man als Firma nicht immer etwas ändern, am zweiten Punkt aber schon. Kommunikation ist formbar.Denn was Arcor nicht sieht ist, dass ich, wenn das Problem bis dahin nicht beseitigt wird, ich wahrscheinlich Dienstag ind en sauren Apfel beisse und zum T-Punkt marschiere, wohl wissend, dass ein Providerwechsel Wochen dauern kann und ein unschöner Prozess ist, in der Hoffnung, dass die Telekom ihre Sache inzwischen besser zusammen hat. Was wahrscheinlich aus den gleichen Gründen eine leere Hoffnung ist, der T-Com-Service genießt ja auch einen legendär schwierigen Ruf, aber als Consumer hast du ja nur noch die Wahl, von einem Anbieter zum anderen zu springen, weil sie rein strukturell nicht mehr auf dich reagieren können.

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FONTSHOP NEWS…

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FlexOT von dem stets famosen Paul van der Laan, leider nicht als Pro.

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P22 Brass ScriptPro von Michael Clark und Richard Kegler.

Zwei Fonts, die mir in der neuen Fontshop-News aufgefallen sind, bestätigen zwei aktuelle Trends, finde ich. Zum einen eine Rückkehr – sofern man bei einer 10 Jahre alten Schrift davon sprechen kann, aber es geht ja darum, dass sie jetzt angeboten wird – zu einer fast Gill-Sans/Frutiger-artigen eleganten serifenlosen Ästhetik, die ein wenig von dem Pattern der bisherigen Helvetica/Din-Rips einerseits und der ja fast zahllose Thesis-Derivate andererseits abweicht und eine andere Art von Retro-Ästhetik (nichts anderes ist Helvetica/Akzidenz/Univers ja auch, ein International-Style-Retroismus) einbringt, die weicher, mehr 70s ist. Das vorletzte Heft von Raffinerie für das Schauspiel Zürich ging in diese Richtung, viele andere Sachen auch. Läutet für Akzidenz etwa doch die Glocke? Schwer zu glauben, so beliebt wie der Font und seine vielen Brüder bei gerade jungen Designern sind, zumal Helvetica ja irgendwie zu allem gleich gut passt/nicht passt.

Zum anderen die Rückkehr von Scriptfonts, die weniger eine simple Handschrift emulieren, als start zurückgreifen zu den geschwungenen Nachkriegsformen, Reklamemalerei, Retroanklängen aus den USA. Die Mister K von FSI, obwohl ästhetisch sicher etwas anders, natürlicher gehalten, ist auch so ein Beispiel für neue Scriptfonts, die die Features von OpenType ausgiebig nutzen, um mit alternativen Glyphen und intelligenten Ligaturen ein möglichst natürlich wirkende Faux-Kalligraphie anzubieten für all die Designer, die keinen Ed Benguiat in sich schlummern haben («If you need a script typeface, why don’t you draw it yourself? You’re designers, right?»).

Beides, ganz unabhängig von einander, Trends zu einem wärmeren Retrofeeling, das erschreckend gut zu dem erhöhten Wellness-Kuschelbedürfnis einer Krisenwirtschaftsgesellschaft passen würde.

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KEILHUND

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ZU VERSCHENKEN 25: TYPO_DESIGN

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Ob Type-Design nun wirklich ein Insider-Buch ist, müsst ihr für euch selbst entdecken. Jedenfalls gilt wie immer: Wer mir bis Mittwoch das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt das Buch.

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GHOST OF TOM JOAD: MATTERHORN

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Das zweite Album zeigt Ghost of Tom Joad deutlich gereift, weniger punky, näher bei Indie und sogar mitunter sehr radiotauglich. Was dem einen der Ausverkauf nach dem Ostkreuz-Album sein mag, ist für mich ein fast überraschender Sprung zu einer der besten deutschen Bands zur Zeit. Abwechslungsreich, aber immer mit klarem eigenen Sound, mit markanten, aber niemals nervendem Gesang, fühlen die Herren aus Münster sich mitunter an wie die ganz frühen (sprich guten) Bloc Party, kraftvoll bis in die Backen, aber zugleich filiran und spielerisch absolut Herr der Lage, niemals Opfer der eigenen Musik. Der zweite Track The Body of Lord Francis Douglas lässt keine Fragen offen, dass diese Combo den Internationalen Durchbruch absolut verdient hätte. Die Strophen wirken oft tighter und atmosphärischer als die Refrains, die mitunter den Druck rausnehmen (statt hochzuputschen), aber fuck it, bei Strophen wie diesen ist das okay. A Place where you belong zeigt mit einem brutalen Bass-Synth und abgehackt zackigen New-Wave-Gitarren eine so wuchtige Strophenarbeit, da kommst du als Refrain eben schlecht mit. The Waves Call your Name ist der nächste unglaublich kraftvoll, von Henrik Roger, Jens Mehring und Christoph Scheider förmlich durch die Wand geprügelte Song, vielleicht die beste Nummer unter einem Album, dass eigentlich nur gute Tracks unter einem fast konzeptalbumartigen Dach versammelt und zeigt, wie elegant und wütend zugleich Post-Punk sein kann. Mit der klassischen Drums/Gitarre/Bass-Besetzung ist es schwer, über die lange Strecke eines Albums zu fesseln, aber Ghost of Tom Joad schaffen diesen Trek mit wenigen Durchhängern bravourös, man würde sich von Bands wie Death Cab for Cutie, Placebo oder Jimmy Eat World (die  immer mal wieder durchblitzen) Alben wünschen, die so frisch sind. This Bed is a fortress zeigt einen seltsam gebrochenen Police-Flair, nicht nur im Titel, und ist doch ganz im Stil dieses neuen Tom-Joad-Sounds, bei dem man fast bei jedem zweiten Track zuerst checkt, ob das noch die gleiche Besetzung wie auf dem Debüt ist und sich dann vorstellt, wie der  A&R beim Hören der ersten Demos durch sein Büro getanzt haben muss… fast jede Nummer hier ist auskoppelbar, nicht schlecht für eine erst 2006 gegründete Band. Es mag sicherlich zu Hauf Kritik wegen Ausverkauf, verlorener Toughness und der etwas britisch-emohaften Musik des zweiten Albums geben, dem sich Anschmiegen an internationale Vorbilder (ganz zu schweigen von Muff Potter (deren Gitarrist ja nicht ohne Grund für dieses Album als Produzent zeichnet) oder Gods of Blitz usw.). Kann ich alles sehr gut verstehen, auch wenn ich mich frage, wie man sich bitte «deutschen» Indie vorzustellen hat – die Musik kommt aus den UK und wird auch immer danach klingen, und das ist auch okay so. Nur kann man ein Album wie Ostkreuz nicht endlos selbstkopieren, und Matterhorn ist kaum weniger getrieben, kaum weniger bissig als Ostkreuz, im Gegenteil, entgegen der Ausverkauf-Kritik finde ich es härter, weniger naiv, dunkler als den Erstling und insofern um einiges ernsthafter. Trio-Rock ist immer ein sehr sehr enges musikalisches Genre und nicht jede Band hat einen Andy Summers oder Stewart Copelandan Bord, und so ist es eher erfreulich, wenn hier ein sehr auf straighte Bauchmusik programmierte Band es schafft, sich treu zu bleiben und dennoch klar neue Akzente in die Musik zu bringen. Der Größenwahn scheint ja eingebaut: Nachdem man sich im ersten Albumtitel direkt an dem Hammersmith-Album einer anderen namhaften Triocombo vergreift, ist es nun der Aufstieg zu unbezwingbaren Bergen. So viel Pioniergeist macht Spaß. Aber: Viel weiter in Richtung Pop darf man vielleicht eben nicht gehen, bevor man irgendwann klingt wie Fury In The Slaughterhouse Light, Kap Farvel, der Schlusstrack, kippelt da für einige Sekunden in diese Richtung, bevor er von Red-Sparrows-artigem Krach gerettet wird. Es gibt ein paar Tracks, die etwas wie Füller wirken (Back to School), andere überraschen mit zusätzlichen Keyboards und mehr Experiment (Hibernation is over), aber kein Track kann verschleiern, dass Ghost of Toam Joad sich in Komposition und Arrangement auf trotz aller Lust am Spiel immer noch sehr engem Terrain bewegen – die meisten Refrains klingen etwas gleich. Der Trick zum dritten Album dürfte also vielleicht sein, weniger an der Produktion zu spielen als vielmehr an den individuellen grundsätzlichen Ausdrucksmöglichkeiten als Musiker. Wenn der Sprung zwischen zweiten und dritten Album so positiv ausfallen würde wie zwischen Matterhorn und No Sleep until Ostkreuz, darf man sich jetzt schon freuen. Ghost of Tom Joad machen nichts wirklich Neues, nichts wirklich Einzigartiges und Niedagewesenes… aber was sie machen, nämlich einfach soliden zeitlosen Mosh-Uptempo-Rock, das machen sie verdammt gut. Mehr muss doch nicht.

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WENDY AND LISA: WHITE FLAGS OF WINTER CHIMNEYS

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Wer hätte das gedacht? Fast eine Dekade nach dem letztenAlbum von Wendy Melvoin und Lisa Coleman erscheint mit White Flags of Winter Chimneys ein neues Lebenszeichen, das fast nahtlos an Girld Bros anschließt. Die beiden Musikerinnen, die meiner Meinung nach zutiefst verantwortlich für den frühen, weniger funklastigen und experimentelleren Sound von Prince bis circa Cherry Moon waren, sind inzwischen hauptsächlich als Soundtrack-Produzentinnen tätig (u.a. Heroes Season 1), und das hört man dem neuen Album wohltuend an. Die Tracks sind balladenlastig, langsam, dicht, malerisch und ähnlich buntverschwommen wie das Coverartwork suggeriert. Sweet Suite etwa ist in jeder Hinsicht cinematographisch, ein fast 9 Minuten langer musikalischer Film, der sich mit düsteren Akkorden und typischen Lisa-Harmoniefolgen, die an Tracks von Eroica  erinnern als idealer Schlusspunkt des Albums anbietet, zumal er die Motive des ersten Tracks Balloon 1:1 aufgreift und einfach nur aus dem eher upliftig spirit des Openers eine Art Nocturne gewinnt. Insgesamt bleibt das Album ruhig, mature, selbst ein scheinbar schnellere Track wie Invisible bleibt unaufgeregtes Singer/Songwriter-Handwerk. Schillernd und zugleich zurückhaltend produziert ist White Flags kein aufregendes oder neues Album, sondern eher eine Art distillierter Essenz der Arbeit von Melvoin und Coleman, kleine psychedelische Aquarelle, die die gewohnte dichte Gitarren und Keyboardarbeit der beiden mit dicht verwobenen Gesangsstrukturen und nahtloser Produktion verbindet. Das Duo hat nach der Trennung inzwischen scheinbar zu neuen festen Beziehungen gefunden und präsentiert sich gefestigt, musikalisch wie persönlich, mit diesem Album als eine Größe in der Popwelt. Die Songs navigieren feingliedrig zwischen Melodrama, Psychedelia, Rock und Pop, sind nie einfach eingängig und wirken eher erst nach mehrfachem Hören, wirkentrotz mitunter bombastischer Produktion immer fast ätherisch und selbst eher flache Rocknummern wie Salt&Cherries (MC5) zeigt, was dieses Album ausmacht: Es ist eine Quintessenz durch die Karriere von Wendy und Lisa, fasst den typischen Sound des Duos griffig zusammen und entwickelt ihn aber zugleich weiter, obwohl jeder Track zurückgreift auf die kompositorische Erfahrung von zwei Dekaden,klingen die Lieder selten altbacken – und das, obwohl sie keineswegs modern sein wollen. Zusammen betrachtet ist das Album in dem leichten Oszillieren, dem Up und Down der Songs, wunderbar zusammengestellt, ein sehr tightes, geschlossenes Werk, das dem Werkkatalog der beidem Musikerinnen nicht viel überraschend Neues hinzufügt, die aber zehn Jahre nach dem letzten semi-offiziellen Album gleichzeitig gewachsen und in sich ruhend zeigt. Was will man mehr? Vielleicht ein paar Prince-Alben, die diese Qualität hätten.

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BANANE

Tolles Zitat vom Thomas gerade in der eMail:

das is doch wieder so einen typische bananenagentur.
dicke beule in der bux aber keiner merkt, das es nur ne banane ist.

Perfekt.

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