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Friendly Fires: Friendly Fires

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Die drei Briten von Friendly Fires verdienen den Hype der letzten Monate etwas mehr als die White Lines. Das erste Album nach drei EPs wartet nicht nur mit zwei großartigen Disco-Hits – Paris und Jump in the Pool – auf, sondern überzeugt auch als Longplayer mit einer fast klassischen Mischung aus elektronischen und «echten» Instrumenten. Das erinnert an zahlreiche Vorbilder, nicht zuletzt an schaumgebremste ChkChkChk, an Late of the pier, natürlich LCD Soundsystem oder etwas rockigere Hot Chip, ist aber so liebevoll und energetisch umgesetzt, dass sich hier alle Vergleiche schnell in der Partylaune vergessen. Einer Band, die sich angeblich bei Section 25 ihren Namen geklaut hat, kann man sowieso nichts haben. Die Tracks sind, hört man mit Kopfhörern tiefer hinein, so nervös überproduziert als kämen sie von TV on the Radio, aus lauten Boxen bleibt ein so treibender Groove, dass sie trotzdem treibend und tanzbar sind. Songs wie In the Hospital zeigen eine klare Prince-Affinität und lehren Franz Ferdinand zugleich, wie ein NeoDisco-Groove richtig entspannt geht. Nahezu jeder Track des Albums ist auf Tanzbarkeit TÜV-geprüft und zeigt zugleich eine musikalische Bandbreite, da blitzt mal ein stumpfer Larry-Mullen-Bass auf, mal ein bretternder Gary-Glitter-Shuffle, aber stets eingebettet in einen komplexen und doch fast steril sauber produzierten eigenen Sound, über den Ed MacFarlane mal in in britischer kühler splendid isolation seine Texte legt, mal fast im hysterischen Falsetto zur Sache geht (On Board). Friendly Fires schnüren einen knochentrockenen Smasher an den anderen und dürften live für reichlich Freude sorgen, der gesamte Erstling ist auf gut Laune getrimmt, gerade so, als wollte die Band allein mit ihrem Album einen ganzen Abend Indiedisco bestreiten. Jeder Track ist tanzbar, jeder Track zitiert clever Einflüsse von Techno bis Soul bis Electro, ist abwechslungsreich und trotzdem mit fast monomanischer Energie auf die Beine gezielt – so sehr, dass es faktisch keinen Anspieltipp geben kann, jeder Song hat Singlequalität. Das gibt dem Album absurderweise fast eine ermüdende Qualität, eine Art Best-Of-Malaise – jeder der 11 Songs hat perfekte Hooklines, ist gnadenlos auf Hochglanz poliert, funky, stylish, fast zu makellos. So viel Perfektion geht oft auf Kosten echter Emotion und wer Tiefgang und Introspektion sucht, ist hier sicher grundverkehrt – Friendly Fires ist nicht die Morning-After-Platte, sondern Musik für 5 a.m., für zuviel Alkohol und verklebte Shirts. Und in dieser Rubrik gehört die Platte zu den smartesten Produktionen der letzten Monate.

31. März 2009 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

White Lies: To lose my Life…

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Bei den White Lies aus London ist nicht nur das Cover dezent im 80er-Jahre-Stil gehalten – auch die Musik erinnert stark an die Eighties und selbst die Videos wirken wie aus den Frühzeiten von U2. Der leicht an Franz Ferdinand erinnernde Titeltrack To Lose My Life wartet insofern nicht umsonst mit dem dekade-typischen 4/4-Drums mit dem primitiven aus drei Snareschlägen bestehenden Fill am Patternende auf und auch der Gesang wälzt sich unverschämt im vokaldehnenden Pathos von Bands wie Tears for Fears oder der späten Ultravox. Die White Lies stehen insofern auf dem gleichen Kriegsschauplatz wiezahlreiche andere Bands - A Place to Hide klingt nicht ohne grund wie etwas poppigere Editors oder nicht ganz so exaltierte Killers – aber Harry McVeighs mitunter an Dredg erinnernder Gesang hat genug eigene Nuancen, um das Album über die reine Retrosound-Karikatur (an die die Synths nun tatsächlich ständig heranreichen) hinaus zu tragen, auch wenn ein Track wie E.S.T. schon geradezu dreist Joy Division und Tears for Fears fusioniert. Wahrlich neues haben die White Lies tatsächlich nicht zu sagen, bewegen sich im sicheren Hafen zwischen Pathos Rock und recht chartstauglichem Indie, wo Bands wie die spürbar trockeneren Interpol oder die Jesus-and-Mary-Chain-lärmenderen Glasvegas (deren producer auch To Lose My Life mitproduzierte) auch ihre Boote am Kai haben. Es ist mitunter die Kopie der Kopie, von Ian Curtis zu Paul Banks zu Harry McVeigh -  die Leistung von White Lies ist dabei ein unverschämter symphonischer Cinemascope-Pop-Breitband-Bigband-Sound, der sich scheinbar keine Sekunde dafür schämt, hochgradig emotional und uncool daherzukommen. Wobei das bei einem 4-Minuten-Miniepos wie das nur zu treffend betitelte Nothing to Give durchaus auch mal anstrengend sein kann, wenn der Gesang ohne greifbare Songstruktur durch Synthesizerwolken hindurch auf- und abmoduliert wie ein verrückt gewordener Pitchbender. Die White Lies sind eine Sounds-like-XXX… Band, über die man wenig schreiben kann ohne Bezugnahme auf andere Musiker, sie haben selbst wenig Neues zu sagen und sind in keiner Hinsicht eine «wichtige» Band, sondern wahrscheinlich eine Eintagsfliege, es sei denn die Band kann ihr Gespür für großartige Hooklines und klare Refrains am Tipping Point von Radiokompatibilität und Dark Disco ausbauen und aus dem reinen 80s-Pastiche befreien. Man muss sich förmlich zwingen, die sch anbietenden Referenzen und Vergleiche aus dem Kopf zu kriegen, um Songs wie Farewell to the Fairground genießen zu können. Nostalgia ist gut für ein Album, für eine Post-Hype-Karriere werden die White Lies nicht darauf aufbauen können.

30. März 2009 08:04 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Lykke Li: Youth Novels

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Immer noch bei den Alben aus 2008, gotta be faster… Das Debutalbum der Schwedin Lykke Li ist völlig zu Recht einer der großen Erfolge des letzten Jahres geworden, und nicht ganz ohne Grund ist sie auch auf dem neuen Royksopp-Album vertreten, neben den beiden anderen Star-Vokalistinnen Robyn und Karin Dreijer Andersson. Li fällt in das inzwischen unübersichtlich groß gewordene Feld von etwas ätherischem NuFolk-Sängerinnen, die mit simplen akustischen und elektronischen Sounds und einen oft eher fragilen Gesang auffallen. Früher waren Sängerinnen wie Stine Nordenham fast die Ausnahme, heute kannst du jede Woche drei Alben dieser Sorte kaufen. Youth Novels gehört in dieser Sparte aber zum einen Dank der spannenden Produktion (Peter von Peter Björn & John), zum anderen weil die Musik sich zwar sicher in der von Feist&Co (ein Vergleich, der sich aufdrängt, wenn man einen Track Let it Fall nennt…) geprägten Ecke verorten lässt, aber durchaus ordentlich eigenständig ist. Die Tracks des Albums sind hoch unterschiedlich, vom zirpendblubbernden Melodies&Desires zum stampfenden I’m Good I’m Gone, aber dennoch im Arrangement ausreichend gestrafft, um aus einem Guß zu wirken. Li Lykke Timotej Zachrisson hat diese typische unschuldige, helle skandinavische Gesangsstimme, der man sich schwer entziehen kann, egal ob sie nun von Anna Ternheim oder Kristín Anna Valtysdóttir kommt – was einerseits Falle ist, weil es einige Tracks eben doch sehr verwechselbar mit anderen Acts macht, zum anderen aber auch das Album zusammenhält, während die Musik sich im Hintergrund an Ballade (Tonight, My Love), dezentem Dancefloor (Complaint Department, Breaking it up) oder Folkblueselementen (Window Blues) versucht. Obwohl die Platte generell schon sehr eindeutig in die melancholische Richtung geht und obwohl sie sehr eindeutig an andere Sängerinnen erinnert – intensivst etwa auch an die schwedische Kollegin Sarah Assbring von El Perro des Mar – ist sie ausdrucksstark und experimentell genug, um nicht berechenbar oder langweilig oder völlig introspektiv im Sumpf der Bauchnabelbetrachtung unterzugehen und vielseitiger als manche andere Sängerinnen ähnlicher Bauart. Lykke Li fehlt zwar die Laszivität von Robyn oder die psychotische Energie einer Karin Dreijer Andersson, ihre eher niedliche Kleinmädchenstimme ist weniger markant, weniger individuell, so dass der Hype um Youth Novels nicht völlig gerechtfertigt ist – aber es ist allemal ein Album, dass seinen Preis wert ist, zumal die Deluxe Version drei Remixe mit in den Ring wirft.

29. März 2009 08:47 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Blasen

28. März 2009 14:43 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Licht

12:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Slumdog Millionaire

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In Deutschland läuft Danny Boyles Indien-Epos Slumdog Millionaire mit dem Bleigewicht eines achtfachen Oskar-Gewinns in den Taschen an. Das bringt sicher Publikum in die Kinos, schraubt aber vielleicht die Erwartungen an den Film zu hoch. Während er sich in den Vereinigten Staaten vom kleinen Arthouse-Film zum Megaerfolg hochschrauben, seine eigene Märchengeschichte schreiben konnte, läuft er hier bereits als der Film der Saison an. Und diesem Anspruch wird Boyle nicht ganz gerecht.

Der auf Vikas Swarups Buch Q&A basierende Film ist zunächst ein gelungenes Trojanisches Pferd, das dem westlichen Publikum einen Film mit unbekannten indischen Darstellern mithilfe des globalen Phänomens Who wants to be a millionaire? unterschiebt. Die Gameshow – und der Film macht sich zunutze, wie absolut gleich diese Franchise weltweit gehabt wird, wie sie über kulturelle und nationale Grenzen hinweggeht und eine klare Bild/Tonwelt vorschreibt, Farben, Abläufe – ist für diesen Film, was McDonalds vielleicht für einen Indientouristen sein mag: Einerseits Störfaktor, seltsamer Bruch in der exotischen Fremde, andererseits ein Stück Vertrautheit, mit sicheren klaren Abläufen – der vertraute rote Faden, an dem Boyle sein Publikum in seinen wilden Mix aus indischer Realität und Bollywood-Kitsch hineinlockt. Zugleich hat die Show selbst in der dramaturgisch nicht aufgepeppten Variante ja bereits einen gewissen Spannungsbogen, so kann sich der Regisseur auf die Dramatik der Gameshow verlassen, um sein Publikum zu fesseln. Nicht, dass dieser Kunstgriff aufdringlich oder völlig nötig wäre, aber es ist bewundernswert clever, und auch subtextuell sinnvoll, ist doch das Millionärsspiel das zum Showkonzept geronnene Märchengefühl – der Traum vom schnellen Geld und kurzem Ruhm, ohne viel Anstrengung, nur weil man ein paar multiple choice Fragen richtig wusste, der Lottogewinn – und damit die perfekte Folie nicht nur für die märchenhafte Geschichte der beiden ungleichen Brüder Jamal und Salim, sondern auch für die Entwicklung von Indien in den letzten Dekaden, ein Land, das sich ja selbst vom Slumkind zum Millionär wandelt. Die Show bringt insofern nicht nur dem Publikum einen vom Fernsehen vertrauten Rahmen und einen noch deutlicheren Kontrast zwischen westlicher  und indischer Kultur (und dem Clash bzw der Fusion dieser beiden), sondern ist zugleich Motiv, Symbol für die auf drei Ebenen zugleich verlaufende Erzählung.

Was heavy-handed klingt, ist im Film aber tatsächlich mit bewundernswerter Leichtigkeit zusammengeführt, mit der von Boyle gewohnten sicheren Präzision in Sachen Bildästhetik, Tempo und Humor. Der gesamte Film ist in kräftigen Blau- und Gelbtönen gehalten, Verbeugung vor der farbenfrohen, optimistischen Ästhetik indischen Kinos, vor der Farbmagie Indiens, aber zugleich auch der richtige Touch Surrealität und nicht zuletzt eine visuelle Ankopplung an die gelbblaugrellen Farben von Wer wird Millionär?  Die Geschichte Jamals wird in einer doppelten Rückblende erzählt, eine fast leichtfüßig hingeworfene Schikane, die Boyle ermöglicht, von Anfang an in situ zu gehen, Show (live im Studio, aber immer wieder auch auf Fernsehbildschirmen), das Verhör des dem Betrugs verdächtigten Jamal, der für einen Chai-Wallah (Teebringer) auffallend viele Antworten parat hatte, und die verschiedenen Zeitebenen der Vergangenheit souverän und energetisch zu verknüpfen, die ganze Lebensgeschichte von Jamal und Salim komplett auf das Finale zuzuspitzen. Jamals Vergangenheit wird zunächst anhand der Fragen im Verhör entblättert – die stets schicksalshaft zu zentralen Momenten in seinem Leben zu passen scheinen, zum Tod seiner Mutter bei einer antimuslimischen Hinduattacke etwa oder seiner Zeit in einer organisierten Kinderbettelbande. Jamal und Salim schlagen sich durch – und der Film wird in Indien wegen der harten Darstellung der Slums stark kritisiert – und Boyle versteht es, einen perfekten Mix aus der zynischen Härte seiner Trainspotting-Bildsprache mit einer kindlichen Alles-wird-gut-Erzählung zu koppeln, die bei aller Realität stets den polychromen Farbstich eines Märchens hat.

Zu diesem Fairy-Tale-for-Grownups-Konzept gehört natürlich auch die vom ersten Moment als übernatürlich definierte Liebe zwischen Jamal und Latika, die von der Kinderfreundschaft über alle Unbill hinweg zum großen Happy End führt, was dem Film endgültig und auch mit offensichtlicher Wonne in den Kitsch führt. Das Ende, das immer noch nicht 100% Bollywood sein will, aber doch eine breitbackig grinsende, liebevolle und doch britisch-ironische Verbeugung vor dem Megakitsch des indischen Kinos darstellt, ist ein im halbwegs ernst zu nehmenden westlichen Film fast undenkbar gewordene Verquickung: Jamal kriegt das Geld UND das Mädchen. Dass Boyle dafür in einem seit Gattaca etwas abgegriffenen Gegenschnitt den Untergang von Jamals Bruder Salim setzt, der sich in dem Moment, da Jamal den Jackpot knackt und 20 Millionen gewinnt, in einer Badewanne voller Geld das Leben nimmt, scheint dieses Happy End seltsamerweise nicht zu trüben. Dabei ist es durchaus so, dass Salims Gesichte der dunkle Zwilling, der gebrochene Spiegel von Jamals Lebenslauf ist. Wo Jamal seinen kleinen Teenager-Verbrechen abschwört und sich als Chai-Wallah ehrlich durchschlägt, bleibt Salim auf der dunklen Seite, wird zum Killer und zur rechten Hand des Kriminellen Javed, vergewaltgt und foltert Latika, bis er am Ende ein Einsehen hat, Latike die Flucht aus dem goldenen Käfig ermöglicht und sich das Leben nimmt. An dem pathosdicken, der Tragödie entlehnten Bruderzwist zwischen dem ehrlichen Jamal, der später durch Glück und Schicksal ehrlich zu Reichtum findet und dem verbrecherischen Salim, der sich hat verbiegen lassen und seine Ideale aufgegeben hat, um zu Geld zu kommen, und der dafür am Ende den ultimativen Preis zu zahlen hat, exerziert Boyle natürlich Indiens Meta-Story, die Geschichte eines Landes zwischen Callcenter und Atombombenfanatismus, mafiösem Turbokapitalismus und überschäumender Lebensfreude. Die wunderbare Leistung des Films liegt also weniger in der (denkbar platten) Grundgeschichte, sondern in der Art, wie Boyle daraus nahtlos einen kompakten und dennoch komplexen Film macht, der eine Neugier und eine Beschäftigung mit Indien verrät und die Faszination des Regisseurs für die Energie dieses Landes. Zugleich bringt Slumdog Millionaire einen Indian Chic in westliche Kinos, einen weiteren Mosaikstein in dem schon seit einiger Zeit laufenden Prozess, über Film und Werbung neue mediale, globalisierte Schönheitsbilder zu etablieren. Das Freida Pinto ursprünglich Model und nicht Schauspielerin ist, aber sofort von Woody Allen – der ja bekanntlich ein Gespür für weibliche Ikonen besitzt – für einen Film verpflichtet wurde, ist dabei kein reiner Zufall, sondern Teil einer sich scheinbar von selbst verrückenden globalen Ästhetik, die sich abwendet von der rein angloamerikanischen Ästhetik und öffnet für einen seltsamen Mash-Up dieser Ästhetik, gefiltert und remixed durch ihre fern- und nahöstliche Reflektion. Bei aller Kritik aus Indien selbst, ist Slumdog Millionaire insofern Prälude, vielleicht sogar schon Hymne der neuen, globalisierten Welt, in der wir indischen oder südafrikanischen Stars ebenso zujubeln wie früher Hollywood-Größen, in der Filme weltweit entstehen können, aber einer weltweit verständlichen Ästhetik folgen, einer Art zurückgespiegelter und angereicherter Fassung eben der vertrauten Hollywood-Ästhetik, wo der andere Oscar-Favorit Benjamin Button (der rein sachlich betrachtet die Oscars deutlich eher verdient hätte) eher der Abgesang auf das amerikanische Jahrhundert ist.

Insofern ist Slumdog Millionaire ein großartiger Film, ein Aufbruchsfilm, der nur leider unter einer vielleicht zu eindimensionalen Love-conquers-all-Geschichte leidet, die Boyles dynamischen, stilsicheren und vielschichtigen Umgang nicht genug Futter bietet. Slumdog ist brillantes Augenfutter, umwerfendes Entertainment und hat durchaus Tiefgang – aber wer hier die Sorte Film erwartet, die eigentlich acht Oscars verdient hätte, wird vielleicht von der Story ein wenig enttäuscht sein… denn unterm Strich ist Slumdog nicht viel mehr als eine unglaublich gut gemachte romantische Komödie.

10:19 Uhr. Kategorie Film. Tag . 3 Antworten.

Sunny Emma

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27. März 2009 22:06 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . 2 Antworten.

Hasen2

07:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Hasen

07:51 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Zu Verschenken 20: Sushi 6

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So, nach der Zeitkapsel-Pause wieder ein Giveaway. Diesmal das ADC-Nachwuchsarbeiten-Buch Sushi, sechste Ausgabe mit dem sehr christlichen Cover :-D.

Da wir derzeit wirklich wunderbar busy sind, kann es etwas mit dem Buchversand dauern. Macht euch keine Sorgen, die Sachen kommen aber – ich muss ja meine Regale leer kriegen.

Der Deal: Wer mir bis Montag  das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

07:15 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

Mitmachen bei der Zeitkapsel

Wir sitzen gerade an einem Saisonheft für ein Theater, das als Jahresthema Zeit hat. Unsere Idee ist, jenseits der natürlich als Pflicht laufenden Stück- und Serviceinformationen sowie Darstellerphotos auf den verbleibenden freien Seiten den Betrachtern eine Art Zeitkapsel, eine MagicBox der Erinnerungen und Gefühlsauslöser, zu präsentieren. Zwischen den Stücken gibt es mal eine Einzelseite, mal Doppelseiten Platz für freie Sachen.

Unsere Idee ist, hier mit Memorabilia, Texten, Fundstücken, Anregungen, Triggern zu arbeiten. Illustrationen, Photos, Malerei, Objets Trouvée, Collage. Mal simpel, mal wild.
Und der Clou ist: Wir wollen euch, Blogleser und Freunde, Designer, Photographen, Künstler aber eben auch alle anderen um Beiträge bitten, die für sie mit Zeit/Erinnerung zu tun haben.

Schickt uns Zeug: alte oder neue Photos, fertiges Artwork, Kindheitsphotos (nicht nur von euch, sondern aus der Zeit), Zeichnungen. Schickt uns fertige oder halbfertige Sachen, nicht verwendete Designs, Skizzen, Kritzeleien,alte Notizbücher, Gedichte oder Aphorismen, packt uns Kindheitsspielzeug von alte Briefe, die erste Cassette, ein altes Telespiel usw in einen Karton, eine rote Naht auf Papier, Chinatrash, was auch immer – wovon IHR glaubt, dass es euch inspiriert oder an etwas wichtiges erinnert, mit dem Thema Zeit, Leben, Erinnerung zusammenhängt.

Wenn das Objekte und Ideen aus eurem Zeitgefühl, eurer Erinnerung sind, so glauben wir, dass solche Versatzstücke im Betrachter wiederum Inspirationen auslösen/triggern – ein Joystick einer alten Atarikonsole oder ein He-Man die Erinnerung an das erste eigene Spielzeug, gekoppelt mit einer Frage, wann man eigentlich zuletzt einfach gespielt hat.

Wir wollen dem Leser sozusagen einen  Ideenkalender, der den eigenen Alltag inspiriert, hinterfragt.

Mailt uns Artwork – gerne auch halbfertig, oder nur ein Satz, der schön auf ein Blatt gekritzelt ist. Schickt uns per Post Gegenstände und Objekte. Gebt uns Material, das wir scannen, remixen, neu zusammensetzen. Ob fertiges Bild, komplexe Montage oder nur ein schnell hingerotzter Satz- wir freuen uns auf alles. Echte, per Post geschickte Dinge sind mir etwas lieber, haptischer – aber ich freue mich auch auf Scans und Photos, die aber etwa A4 bei 300 dpi sein sollten.

Ich kann natürlich nicht dafür garantieren, was und wer es ins fertige Heft schafft – aber wer drin ist oder Teil einer Montage wird, kriegt einen Credit von mir im Impressum und dazu gratis ein legendäres Etch-a-Sketch-Poster per Post :-D.

Alle realen Gegenstände, die wir nicht behalten können, werden von uns natürlich zurückgeschickt! Einfach dabeischreiben.

Das ist kein Crowdsourcing und nicht der Versuch, billig an Artwork zu kommen, sondern in sehr kurzer Zeit an eine möglichst große Sammlung eklektischer, inspirierender, alltäglicher, magischer Bilder, Eindrücke, Typo, Skizzen, Krakeleien und Gegenstände zu kommen, die wir in das Heft kondensieren (wollen). Von euch hängt ab, ob das Theater diese Idee mag :-D. Es ist der Versuch kollektiver Arbeit an einer Zeitkapsel – das kann man nicht als ein Mensch, das wird zu einseitig. Wir werden hoffentlich vom Theater auch Sachen kriegen, aber ich liebe die Idee, dass mir Freunde, Bekannte und Unbekannte Sachen schicken, Überraschungen, die uns inspirieren und dann das Heft und die Leser hoffentlich auch.

Und es muss schnell gehen. Packt JETZT. Findet altes Artwork, kritzelt einen Spruch auf ein altes Blatt, dass wir copyrightfrei verwenden dürfen von euch, oder packt uns jetzt ein Paket. Nicht lange überlegen, einfach dabeisein.

Die ganzen Sachen werden dann hier photographiert und finden irgendwie ihren Weg ins ich freue mich wirklich auf Dinge, die eine seltsame Schwebung haben, die ihr selbst wichtig für euch findet und teilen wollt, die kitschig oder poetisch sind, künstlerisch oder Profan – packt und ohne lange Nachzudenken einen Karton voller Zeitsplitter. Je mehr das ganze am Ende ein kleines bisschen wie ein Projekt, wie Konzeptkunst ist, umso besser :-D.

Ich und wir alle hier freuen uns total darauf, von euch bis zum Wochenende oder Montag hoffentlich eine Flut von Ideen, Gegenständen, Materialien zu kriegen. Fragt Freunde, sammelt, geht auf Jagd. Und bringt Beute :-D.

Die Sachen zeigen wir dann nach und nach hier im Blog, Ehrensache. 

Wir sind gespannt und aufgeregt und freuen uns.

per Mail:
schellnack@nodesign.com

per Post
:
nodesign
Mintropstraße 61
45239 Essen

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18. März 2009 14:14 Uhr. Kategorie Arbeit, Stuff. Tag , . 8 Antworten.

Der Vorleser

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Die Faszination Buch lässt sich offenbar im Film schlecht einfangen – das beginnt schon mit einem Kinoplakat, das aus rein grafischen Gründen das Cover eines Buches auch noch einmal auf die Rückseite retuschieren muss, obwohl kein Buch der Welt von vorn und hinten gleich aussieht – es ist fast so, als sei dieses nicht verstehen von zwei Dimensionen, von Vorderseiten und Rückseiten, für das Kino, wo es immer nur eine Frontseite geben kann, unverständlich, überfordernd. Stephen Daldry macht aus Bernhard Schlinks ruhigem Bestseller einen Film, der die Magie des gedruckten Wortes, die ein zentrales Motiv ist, nicht widerspiegeln kann. Als starbesetztes Hollywood-Opus überrascht Der Vorleser seltsamerweise vor allem dann, wenn er nichts will -  in den eher handlungsfreien Passagen mit stimmungsvollen Bildern, mit dem Ausdruck im Gesicht einer Gefängsniswärterin oder einer Angeklagten vor Gericht, mit einem gut gewählten Ort oder einer fast unbewussten Geste. Es gibt in diesen Randzonen des Films, in den Atempause sozusagen, seltene Momente von Kargheit und pathosfreier Größe, die um so bedauerlicher machen, dass jenseits dieser Momente ein fast bleierner Film entstanden ist, der dem subtilen doppelten Tabubruch nicht gerecht wird. Im Vorleser geht es zum einen um die Balance zwischen Kindesmißbrauch und Liebe – immerhin ist Michael 15 als er von Hanna doch recht eindeutig verführt wird, und spiegelbildlich um die Frage persönlicher Verantwortung im Holocaust. Das eine bespiegelt das andere und zeigt Hanna Schmitz als Opfer ihrer Verhältnisse, analphabetisch, ungebildet, obrigkeitsängstig und trotzdem – paradoxerweise – auch frei von vielen erlernten Regeln des gesellschaftlichen Kodex. Hanna ist sozusagen auch Analphabetin, wenn es darum geht, was moralisch falsch oder richtig ist, sie folgt ihren Instinkten, ihren Trieben, sei es Sex oder das Überleben, Lust oder Aggression. Sie ist hart gegen sich, hart gegen Michael, eine seltsame Einzelkämpferin inmitten einer sozialen Umwelt. Erst die Literatur, zunächst vorgelesen und später im Gefängnis im Selbststudium, ermöglicht ihr die Reflexion moralischer Vorstellungen und eine Neueinordnung ihrer Schuld in einen überindividuellen Kontext – was dann, gepaart mit der Unmöglichkeit ihrer Beziehung zu Michael als inzwischen alte Frau und der Aussichtslosigkeit einer Reintegration in die Gesellschaft zum Freitod führt.

Das subtile Täter/Opferspiel auf mehreren Ebenen ist im Buch schon oft so schwerhändig gelöst, dass es nicht umsonst als berechenbar interpretationsfähiger Abiturstoff möglich ist, im Film aber endgültig eine mitunter schwer zu ertragende Übung. Es mag an der Synchronisation liegen, dass die Dialoge wie Bowlingkugeln hilflos herumirren, ganze Szenen wahrscheinlich ohne Ton besser wären, weil das, was gesagt wird, nicht sagenswert erscheint, nur Worte, die ein Vakuum füllen. Wenn Daldry so die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Tochter Berg zum Ausdruck bringen will, ist ihm das mit unfreiwillig komischer Präzision gelungen. Die Moralfrage, die Bruno Ganz (der absurderweise gerade eben frisch in Der Untergang ja selbst Adolf Hitler war, was diese Besetzung irgendwie zumindest irritierend macht) knopfäugig-routiniert herunterbrettert als griechischer Chor des Films, der in Vorlesungen die Metaebene praktischer- und eben langweiligerweise gleich mitliefert, wird auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herabgebrochen, das komplexe Einzelschicksal zur Geschichte einer Frau, die im KZ arbeitet, weil sie sich schämt, nicht lesen zu können – und diese Scham ist so groß, dass sie die Liebe ihres Lebens vertreibt und lebenslänglich ins Gefängnis geht. Aha. Nicht lesen zu können ist also schlimmer als ein paar Hundert Juden auf dem Gewissen zu haben. Im Buch funktioniert das in einer seltsam gebrochenen Balance zumindest partiell – die Amoral, mit der Hanna ihre Beziehung zu Michael betreibt, ihre Tierhaftigkeit erlaubt uns zu glauben, dass sie unfähig ist, Schwäche zu zeigen. Nur, dass dies im Film keine Sekunde glaubhaft wird. Die kämpferische Kate Winslett gibt eine Hanna, der wir trotz aller tiefsinniger Blicke diese Gebrochenheit einfach nicht abnehmen.

Daldry, der so darauf versessen ist, einen amerikanischen Film zu drehen (aus diesem so deutschen Thema), dass er zwei Deutsche in der minutiös nachgebauten 50er-Jahre-Deutschland absurderweise englische Bücher lesen lässt, verfällt in den Gestus einer reinen Nacherzählung, die dennoch den Punkt des Buches verpasst und sich anfühlt wie ein schlecht zusammengekürzter ZDF-Weihnachtsvierteiler (mit eben genau der Steifheit, die solche Produktionen haben). Krampfend verdichtet sich Der Vorleser zu einer pseudoemotionalen Schmonzette, die bestenfalls Menschen rührt, die auch Vier Minuten für tiefschürfend hielten. Das Ergebnis ist ein unglaublich kalkulierter Film, der keine Sekunde echt oder authentisch ist, dessen Gefühle wie aus einer Drehbuchmaschine herausgespuckt und am Reißbrett konstruiert wirken, der weder dem NS-Themenkomplex noch dem Vergewaltigungsthema und der Frage, inwieweit Michael selbst ein Opfer ist, gerecht wird. Am Schluss wirkt der Film zudem – wahrscheinlich unfreiwillig, weil überfordert von Zwischentönen oder Subtilität – latent antisemitisch. Die aufgrund ihrer Unbildung und Dummheit sozusagen stellvertretend für die Deutschen unschuldige KZ-Aufseherin wird zum Opfer und erhängt sich in ihrer Zelle, während wir die Tochter einer Überlebenden, Ilana Mather,  in New York als snobistische, im edlen Apartement lebende Autorin erleben, die das Leiden ihrer Elterngeneration zu Geld gemacht hat.  Schlimmer noch, wird der Holocaust so zur Folie für eine verschwiemelte Liebesgeschichte, zum Backgroundnoise, zum erzählerischen Standardrepertoire, zum Ausstattungsgenre.

Der größte Lapsus des Films aber, unweigerlich, ist, dass er nicht an die Kraft des geschriebenen Wortes glaubt. Wie auch? Ein Buch kann das ohne weiteres vermitteln – aber ein Film? Daldry liefert uns eine seltsam an Milk erinnernde Sequenz, in der Michael Cassetten für Hanna aufnimmt, die Literatur eher zum nervigen Hintergrundlärm erklärt, zu einer Flut und Textur aus Wortfetzen ohne Sinn und Kraft, die auf den Betrachter niederprasseln. Da ist keine Magie, weil der Film nicht an die Magie des Wortes glaubt, sondern an die des Bildes – weswegen passenderweise Der Vorleser auch dann am besten funktioniert, wenn nicht gesprochen wird. Bücher sind aus Sicht des Kinos bestenfalls Vorlagen durch Film zu Bildern aufgewertet werden – und das es in Wirklichkeit genau sogar nicht ist, kommt Kino nicht in den Sinn. Die magnetische Wirkung, die Befreiung, die Ermutigung zur Selbstverbesserung, der ganze Reichtum, der in Literatur steckt und den Hanna, die einfache dumme Hanna, die gern mehr sein möchte, die mehr sein könnte und schließlich auch mehr ist, so magnetisch findet – den versteht der Film sozusagen schon systemisch einfach nicht. Er spricht eine andere Sprache, kann andere Dinge – und so bleibt eins der zentralen Elemente der Erzählung im Film verborgen, unverständlich, Lost in Translation. In einem Buch können wir glauben, dass die Unfähigkeit zu Lesen die größte Strafe ist, als Lesender schluckst du das – in einem Film, in einem per se analphabetischen Medium, begegnen wir der gleichen These unweigerlich mit Unglauben und Skepsis. So wird Der Vorleser zu einem seltsam fehlgeborenen Wesen, dass eher unfreiwillig belustigt, wo es anrühren will, behäbig und grobschlächtig wirkt, wo es moralisch zwiespältig und doppelbödig werden soll. Wie der inhaltlich so andere Watchmen-Film beweist Der Vorleser nur, dass Kino an Literatur scheitert – und sei es nur ein etwas komplexeres Comic oder ein Buch auf Abiklausur-Niveau – wenn diese nicht in sich der Logik des Filmmediums per se bewegt (Handlung, etwas Dialog, Bildbeschreibung), sondern einen eben literarischen Stil hat (wenig Handlung, Introspektion, Metaphorik, Allegorien usw). Unfreiwillig lenkt Der Vorleser als Film also vielleicht zu der Frage, die das Buch direkter stellt: Was mach der Analphabetismus aus dem Menschen? Hanna Schmitz wird durch ihre Abnabelung von der Welt der Literatur zum Tier erniedrigt, zum moralfreien Wesen, zum Kaspar Hauser des Holocaust. Die Verfilmung nun erweist sich als Medium für Nichtleser – ein Film über Analphabetismus für Analphabeten, der zugleich die Frage aufstellt, was aus einer Gesellschaft wird, die immer weniger liest, immer mehr schaut, immer weniger reflektiert, immer mehr konsumiert. Welche Verarmung diese Entwicklung darstellt – und das ist ganz sicher nicht die Absicht dieses Filmes – macht kaum ein Film klarer als ausgerechnet Der Vorleser, ein Film, in dem es ums Lesen geht und der das Lesen nicht verstanden hat.

11:00 Uhr. Kategorie Film. Tag . 12 Antworten.

Zu Verschenken 19: Die Photos

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Lars

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Anja

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Daniel

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Jann

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Jo

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Peymaneh

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Raffael

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Stephan

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Tidde

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Tobalo

Ist ja ein irrsinniger Input diesmal. So viel gute Sachen dabei. Ich geb die Bücher mal an Daniel, obwohl sehr schwere Wahl und ihr sicher alle andere Favoriten haben werdet :-D.

13. März 2009 10:43 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 7 Antworten.

Zu Verschenken 19: Novum

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Diesmal drei auf einen Streich, drei schmale Bändchen aus der Novum-Praxis-Reihe rund um die Basics von Layout und Corporate Design.

Der Deal: Wer mir bis morgen  das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst. Keine Specials diesmal, einfach schöne Bilder ;-D.

11. März 2009 10:01 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 18: Die Photos

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Kathrin

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Stephan

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Tidde

Das muss aber schwer gewesen sein :-D. Wo ich mit grandiosen Dave-McKean-Montagen in Flut gerechnet habe, kommen drei Bilder – und zumindest bei Tidde weiß ich ja, dass es älter ist (sieht man ja auch an meinen Haaren bzw. lack of hair).

Das Buch geht an Kathrin. Viel Spaß damit.

09:56 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 3 Antworten.

Martina Topley Bird: Quixotic & The Blue God

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Martina Topley Bird kennt man vor allem als Ex-Partnerin von Tricky, die mit ihrer immer einen Hauch müde-lasziver Stimme seinen schleppenden Beats  den rettenden Touch Sex-Appeal verliehen hat. Inzwischen von Tricky getrennt, geht MTB seit 1998 eigene Wege und hat 2003 ihr Solo-Debüt Quixotic veröffentlicht, auf dem u.a. noch ein Duet mit Tricky zu hören ist, der die Platte auch mitproduziert hat und Martina damals beispielsweise auf seinem Back-to-Mine-Album promotete. The Blue God ist nach fast fünf Jahren Pause ihr zweites Album. Eigentlich wollte ich nur kurz das neue Album vorstellen, aber nach mehrfachem Hören wird dann doch klar, dass ich eigentlich mehr zu der alten Scheibe zu sagen hätte, und meine Kritik an The Blue God mehr Sinn macht, wenn man auch über Quixotic redet. Denn Quixotic ist leider das bessere der beide Alben, abwechslungsreich, tief, wunderbar produziert, vom Nina-Simone-artigen Intro über die eher straighten Pop-Nummern über Balladen bis zu Tracks, die in ihrem düsteren Glamour zurückerinnern an Massive Attack. Es gab keinen Zweifel, dass Quixotic als Portfolio-Album gedacht war und die Bandbreite von Topley Bird zeigen sollte,ganz bewusst die verschiedenen Facetten präsentieren wollte, und dabei zugleich eine Ahnung gibt von einer Musikerin, die nach einer Richtung sucht und genau in diesem Moment des Umherschauens und Suchens nach dem eigenen Stil eben am Interessantesten ist. Quixotic ist vom Cover bis zum letzten Song eine ungemein professionelle, aber eben doch trotz einiger sehr bewusst rock-poppig gemachter Songs eine glaubhafte Platte, die wie eine Brücke zwischen ihrer Vergangenheit (Songs wie Lyla klingen noch extrem nach Tricky) mit einer offenen Zukunft. Das Album ist fast sang- und klanglos als kommerzieller Fehlschlag untergegangen.

Fast fünf Jahre später erscheint jetzt mit The Blue God das zweite Album, produziert von DJ Danger Mouse, der spätestens seit Gnarls Barkley und seiner Kooperation mit Beck selbst ein Superstar ist. Martina Topley Bird zeigt sich hier verändert, die Suche nach einem eigenen Stil scheint zumindest vorübergehend zu einem zeitlosen Folkpop geführt zu haben, zu erdiger wirkenden Sounds, der weniger überproduziert klingt als Quixotic, mehr nach echter Band. Relativ schlichte Arrangements um Gitarre, Bass, Drums (und Drummachines) dominieren die Songs, auch wenn der Opener Phoenix und Something to Say noch in eine andere Richtung deutet. April Grove und DaDaDaDa erinnern fast an die ganz frühen Cardigans, Baby Blue klingt nach den Fifties und Sixties, Valentine hat einen schleppenden Südstaaten-Blues. Alles sehr poliert produziert, für die Musik oft vielleicht sogar einen Hauch zu klar, aber nie so kantenlos, dass es seelenlos wird. The Blue God wirkt auf den ersten Blick deutlich konsistenter als Quixotic und präsentiert MTB als Singer-Songwriterin alter Schule, und genau hier liegt das Problem – die Platte klingt ein wenig wie Hunderte von anderen Alben von vergleichbaren Sängerinnen, die zur Gitarre oder schmaler Poprock-Besetzung in kleinen Clubs singen. Der Sprung von MTB zu Heather Nova, so erschreckend das klingen mag, ist nicht mehr sehr weit, ausgehend von dem Podest, das The Blue God darstellt. Es ist vielleicht bezeichnend, dass einer der besten Tracks des Albums, Yesterday, den größten Rückbezug zu den experimentelleren Songs von Quixotic darstellt, mit einem Minimum an Gesang und einer deutlich elektronischeren, verspielten Produktion, die zeigt, was The Blue God hätte sein können. Dem Rest des Albums, so sauber es produziert ist, fehlt oft ein Hauch von Besonderheit – die meisten Stücke wirken irgendwie schon einmal gehört, seltsam übervertraut, zu sehr nach Radiokompatibilität, nach Singleauskopplung, nach Mainstream. So gelingt MTB zwar glaubhaft, aus der flachen atonalen depressiven Triphop-Klangwelt von Tricky zu entfliehen und ihren eigenen Sound zu entwickeln, und das Ergebnis ist eine Showcase-Platte, die nach wie vor die vielen spannenden Seiten dieser Sängerin zeigt – und eben auch eine fröhlichere Upbeat-Seite, die fast naive Songs absolut charmant herausperlt. Aber gegenüber Quixotic wirkt The Blue God zugleich auch oft seltsam glatt, flach, etwas kantenlos, Sonntagmorgenmusik, zu nah dran an Natalie Imbruglia und Co, was der unglaublichen Stimme von MTB nicht wirklich gut steht, ihre seltsame Mischung aus kindlicher Unschuld und Nightclub-Abgebrühtheit ist hier einfach in ein zu glatt kalkuliertes, zu freundliches Korsett eingebettet. So seltsam es klingt, ist das zweite Album ein Rückschritt gegenüber dem ersten. The Blue God ist – für sich selbst genommen – ein wunderbares Album, mit einem seltsamen Mix aus Elektronik, Rock, Soul und Folk, der sicher auch auf der Bühne hervorragend funktioniert. Aber schon das Coverartwork macht klar, wo es hier hingeht – MTB als Popdiva, schillernd und sexy… und das ist ein weiter Schritt weg von der Frau, die verloren, barfüssig vor einem Nicht-Ort steht, den Kopf gesenkt, ikonisch.

Vielleicht ist es nur die frühe Prägung durch die Kollaboration mit Tricky, die diesen Sound für mich so unpassend macht. Quixotic ist das seltsamerweise durchwachsenere, Album, das ungeschliffenere, offenere, mit mehr Höhen und Tiefen durchsetzte Experiment – und insofern in vieler Hinsicht einfach mitreißendere Ergebnis. So oder so, nach fast fünf Jahren Pause ist man einfach absolut dankbar für jedes Lebenszeichen von Martina Topley Bird – und hofft auf das dritte Album.

10. März 2009 09:09 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 18: Photoshop Wow!

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Der Klassiker der Bildbearbeitungs Tutorial-Bücher in der Ausgabe zu PS6. Nicht ganz neu, aber nach wie vor voller sehr brauchbarer Tricks.

Der Deal: Wer mir bis morgen  das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.
Achtung: Natürlich passend zum Thema die Photos diesmal als Photoshop-Montagen, tobt euch aus. Ich sehe schon Tiddes Polygonlassocowboymonster vor mir.:-D

9. März 2009 12:37 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

Zu Verschenken 17: Die Photos

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Julia

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Philipp

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Tidde

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Tobalo

Fast schade, dass für so ein Klassebuch so wenig ankam.Obwohl ich Julias Bild sehr mag und Tiddes natürlich schon aus gelebter Erfahrung liebe – geht das Buch glaub ich zu recht an Philipp. Sehr schön!

12:30 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 10 Antworten.

Front 242: Geography

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Geography ist das erste und vielleicht beste, konsequenteste Album der belgischen Legende. 1982 veröffentlicht, wirkt das Album in seiner remasterten Fassung heute frischer und zeitloser als viele Tracks, die die zunehmend mit Samplern operierende EBM-Combo in den späten 80er und frühen 90er produzierte. Aus heutiger Sicht losgelöst aus dem etwas peinlich-pseudoschock- Parafaschismus-Auftritt der Band und aus dem engen New-Wave/Electronic-Body-Music-Korsett, bleibt ein erfrischend cleaner und experimenteller Analogsound. Im 4- oder 8-Spurverfahren aufgenommen, mit dem warmen Rauschen alter Synthesizer und Drummaschinen, liefert Geography keine Songstrukturen oder Musik im herkömmlichen Sinne, sondern man darf eher zuhören, wie die Band versucht, aus den Geräten Töne und Rhythmenzu melken, in oft skizzenhaft kurzen Homerecording-Tracks, die fast vorbildhaft für eine ganze Generation von Laptronica-Musik stehen und zugleich, vielleicht unbewusst, an die frühen elektronischen Klangexperimente der 60er anschließen. Die minimalistischen, oft nur aus wenigen Pattern bestehenden Songs fangen die Kälte der 80er Jahre und den grauen, industriellen Anti-Charme von Brüssel ein, die klirrende und surrende Ästhetik einer neuen Dekade, die die  Do-It-Yourself-Attitüde des Punk formal auf elektronische Musik übertrug und diese eben so weit weg verschleppte von den sphärisch-verkopften Klassik-Ansätzen etwa eines Klaus Schulze wie die Sex Pistols den Gitarrenakkord von Pink Floyd entführten. In einem Atemzug mit Cabaret Voltaire, DA, Fad Gadget und anderen frühen Phänomenen dieser Musikrichtung zu nennen – die die Mitglieder von Front 242 mit zahlreichen Nebenprodukten selbst fleissig stärkten – wurden Front zum Vorbild einer echten Flut von Bands aus Brüssel, die alle recht ähnlich klangen und den zunächst radikalen Terror-Elektronik-Sound der Szene zunehmend verwässerten, bis auch Front mehr nach Party-Techno als nach etwas grundsätzlich neuem klang. Geography ragt aus dem sehr durchwachsenen Oevre von Front 242, aber auch aus der Flut mediokrer Wave-Songs als ein kompromissloses, zeitloses Frühwerk heraus, dass sichkeinen Hauch um Eingängigkeit, Komposition, Arrangement oder andere Pop-Parameter kümmert (was die meisten anderen NW-Tracks durchaus tun), sondern auf eigenen Pfaden wandert, fast so, als würde man den Musikern beim Kennenlernen ihrer Billig-Synthesizer zuhören, in ihrem Skizzenbuch blättern. Es ist bezeichnend, dass Front mit besserem Equipment und Erfolg eher langweiliger als spannender wurden und Geography rückblickend das einzige Album war, das (vielleicht zufällig) eine wirkliche Tiefe hat. Es wirkt improvisiert und primitiv-ungehobelt, als ginge es nur darum, einen Dschungel an kalt-elektronischen Klängen und billigen Echoeffekten zu durchwandern, ohne wirkliches Ziel, verloren in den halligen, stählernen Kavernen der Musik der Frühachtziger. Der dazu passende, fast eingeborenenhaft ungeschliffen gegrunzte Gesang, selbst mehr Instrument als wirklich tragendes Element der Komposition, wie ein Nachgedanke wirkend, verortet Geography und die frühen Front als eine Art elektronischer Zwilling der Einstürzenden Neubauten als Suchende nach einer neuen Form von Musik, die einem neuen technischen Zeitalter, dem PostHippie-Leben, den aufkommenden digitalen Technologien, dem plötzlichen Futureshock (Tofflers Buch erschien zwar in den 70ern, aber nicht umsonst kam der Begriff erst mit Herbie Hancock 1983 wirklich im Mainstream an, wurde aus Tofflers Prophezeiungen zumindest teilweise gefühlte Wahrheit) den passenden Soundtrack verpassen wollten. Geography nimmt die Welt klickender Personal Computer und surrender Faxe, pfeifender Bildschirme und klirrender Lautsprecher vorweg, eine dystopische hässliche Neonfassade, die in ihrer Verkürzung und Reduktion so gar nicht zu der bekifften Weichspül-Ausschweifung der 70er passen sollte und so gar nicht zu der folgenden Neue-Deutsche-Welle-Happiness und dem ABC/Duran-Duran/Paul Young-Popsound, der heute anscheinend für viele den Inbegriff der achtziger Jahre darstellt. Geography war, und ist überraschenderweise immer noch ein Stück Musik gewordene Kunst, ein echtes Album zur Zeit.

08:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Watchmen

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Alan Moore verbreitet in Interviews gerne, dass Terry Gilliam (Brazil, 12 Monkeys), als er  plante, eventuell Moores zwölfteiliges Comic Watchmen zu verfilmen, ihn fragte, wie man das Buch denn wohl am besten verfilmen solle. Alan Moore will daraufhin geantwortet haben, dass man es am besten ganz einfach lassen sollte. Was Gilliam dann wohl tatsächlich auch tat. Es war wohl leider trotzdem absehbar, dass die Warner Brothers irgendwann irgendwie irgendwen daran setzen, eines der erfolgreichsten Comics aller Zeiten auf die Leinwand zu bringen, insbesondere nach dem Erfolg von Chris Nolans neuen Batman-Filmen.

Dass Moore fast stereotyp und äußerst vehement gegen Verfilmungen seiner Vorlagen ist – und sogar darauf besteht, dass sein Name nicht im Vorspann genannt wird, so dass bei Watchmen nur Zeichner Dave Gibbons erscheint – liegt darin begründet, dass Hollywood bisher jeden Versuch völlig verhunzt hat. League of Extraordinary Gentlemen, From Hell und selbst der nur sehr vage auf Moore-Ideen basierende Hellblazer waren Vollkatastrophen, die daran scheitern, dass sie sich unglaublich von der literarischen Vorlage entfernen. Zack Snyder, der nach dem Erfolg seiner Comic-Verfilmung von 300, nun Watchmen verfilmt hat, nahm diese Ablehnung offenbar als Ansporn, sich wie ein Blutegel an die 12 Originalhefte der Vorlage zu kleben und so getreu wie nur eben möglich nachzufilmen. Kein Wunder, dass Dave Gibbons den Film promoted – niemals zuvor hat ein Zeichner sein Artwork so 1:1 in einem Film umgesetzt gesehen, mit der möglichen Ausnahme von Sin City.

Auf der Haben-Seite ist ihm dadurch oberflächlich die bisher treueste Werkadaption einer Comic-Vorlage überhaupt gelungen. Der Film scheint förmlich das Comic als Storyboard zu nutzen, auf den ersten Blick springen die Szenen förmlich von der gedruckten Seite. Während die Kostüme zwar eher von X-Men und Batman inspiriert scheinen als von den tatsächlichen Kostümen im Comic und insofern etwas mehr den Erwartungen des Kinopublikums angepasst sind, ist insbesondere die Figur Rorschach so glaubhaft umgesetzt worden, wie es wohl überhaupt möglich ist, der Comedian ist ebenfalls gelungen, und Dr. Manhattan leidet sicher unter nach wie vor etwas schwachem CGI,ist aber alles in allem auch nah an der Vorlage. Auch die Kostüme der Minutemen – wie überhaupt die ganzen Flashbacks in die 40s und 60s, ins Golden und Silver Age – sind gut, mitunter sogar besser als die aktuellen Kostüme, weil sie ganz einfach eher den Eindruck erwecken, dass hier normale Menschen sich einfach als Helden verkleiden. Bei Nite Owl und Ozymandias allerdings offenbart sich ein Kernproblem des Films – die Kostüme sind nicht nur eindeutig eher für das Kino gemacht, sie sind vor allem deutlich heroischer als die in der Vorlage. Dan hat seinen Wohlstandsbauch eben auch im Kostüm – und das gehört zu den Größen der Vorlage, die konsequent zeigt, dass hier keine Helden, sondern vor allem Menschen agieren. In der Verfilmung fällt Snyder in die typische Nietzsche-Falle: Wenn der Supermensch erscheint, ist der Mensch eben abgesagt. So wird aus seiner Version von Watchmen etwas sehr ähnliches wie bereits – abstruserweise besser – in die Incredibles erzählt: Eine Geschichte von Vertreibung/Verdrängung und Rückkehr der Superhelden,eine Geschichte von Superego und Id, und ganz nebenbei die Botschaft, das Gummianzüge und Flammenwerfer besser als Viagra sind. Die Figuren in Watchmen haben breitere Schultern, längere Beine, bessere Kostüme als die, die uns Dave Gibbons Mitte der 80er präsentierte. Und das zeigt bereits auf der visuellen Ebene, dass Snyder seine Vorlage nur bestenfalls oberflächlich verstanden haben kann. Denn es ist wichtig für die Geschichte, dass die Kostüme nicht zu perfekt sind, dass der Mensch auch verkleidet sichbar bleibt. Das wird auch in den Kampfszenen des Films immer wieder klar, die kaum mehr liefern als Matrix, X-Men und andere vergleichbare Filme, hier sogar zum Teil direkt zitieren (die herausgeschlagenen Mauerwerk-Details sind 1:1 aus Matrix I übernommen). Snyder macht den seltsamen und unfreiwillig komischen Spagat, ein Comic, dass sich bewusst gegen die Genreklischees wendete, an die Comic-Kino-Klischees anzupassen, um bloß einen Kassenknüller zu haben. Das kann nicht gutgehen.

Die Probleme mit diesem Film sind schier endlos. Eine der Grundsäulen des Buches wirkt heute einfach weitestgehend irrelevant: Die damalige Angst vor einem nuklearen Krieg war so greifbar, dass die extremen Maßnahmen von Ozymandias tatsächlich gerechtfertigt schienen, das Zerschlagen des Gordischen Knotens die einzige Chance war. Aus heutiger Sicht ist die Kriegsparanoia der 80er jedoch kaum noch nachvollziehbar (ohne, dass sich die tatsächliche Gefahr gelegt hätte, nur werden heute halt andere Angstthemen sozial hochgekocht, wie etwa Terror oder Finanzkrisen), und wirkt als Folie für die Handlung eher dürftig. Millionen von Menschen sterben, um eine Kriegsgefahr zu verhindern, von der wir wissen, dass es sie nie wirklich gab? 1985 erschien Watchmen inmitten dieser globalen Panik, also glaubhaft eingebettet – eine akute soziale Angst wiederspiegelnd – aber aus heutiger Sicht wirkt das als Motivation reichlich schwach.

Dazu passt, dass Snyder sich bemüht, die 80er filmgerecht wiederauferstehen zu lassen, einen Periodefilm dreht. Sein Dan Dreiberg sieht aus wie eine Mischung aus Chevy Chase und Clark Kent, bis herunter zu den technischen Geräten wirkt alles, wie aus Superman I und II gegriffen – das Problem ist nur, dass im Comic, dass Gibbons eben in den 80ern zeichnete, die damalige Zeit leicht in die Zukunft weitergedacht war, unter dem Aspekt, dass die Existenz eines Wesens wir Dr. Manhattan die Gesellschaft grundlegend ändern würde. Elektoautos, gefilterte Zigaretten und zahlreiche Details an der Kleidung wirkten penibel aus den 80ern leicht in die Zukunft transportiert. Diese Idee geht im Film fast gänzlich verloren, ihm fehlt der Mut zum Retrofuturismus.

Die beiden wirklich großen Probleme der Watchmen-Verfilmung sind Zeit und Tiefe. Man kann die komplexe, wie ein Uhrwerk auf mehreren Ebene ineinandergreifende Parabel, die von meist neun Panels pro Seite gnadenlos streng vorangetrieben wird, und dabei ja durchaus reichlich textlastig ist, einfach nicht in 160 Minuten wiedergeben, basta. Zumal Moores Beschreibung allein der ersten Seite in seinem Skript für Gibbons über einige A4-Blätter hinweggezogen ist (abgedruckt in der Absolute Edition des Comics), hinter dem gedruckten Werk also eine gut durchdachte Konstruktion von Wirklichkeit steckt. Vor allem dann nicht, wenn man sich an Kampf- und Sexszenen publikumswirksam, aber eben leider unnötig lange aufhält. Wichtige Details, Motive und Themen, aber auch ganze Handlungsstränge gehen so unter, bis die Motivation der meisten Protagonisten kaum noch oder nur noch schablonenhaft verständlich ist – hierunter leidet am stärksten wahrscheinlich Ozymandias, der auf eine Art Mischung aus David Bowie und Steve Jobs reduziert bleibt und dessen komplexe Backstory nahezu völlig verschwunden ist. Das sorgt für absurde Szenen, wenn Oz etwa am Ende des Films vor seinem aus zahllosen Bildschirmen bestehenden Mediencenter sitzt, das im Comic eine wichtige Bedeutung für die Figur hat, im Film aber nicht erklärt wird und wie ein Überbleibsel aus einem schlechten Bond-Film wirkt, reine Dekoration, so wie auch Weidt selbst nur noch reine Deko, reiner McGuffin ist, keine dreidimensionale Figur mehr. Wo Moore im Comic von Anfang an eine Saat säht, die konsequent durch das gesamte Buch hindurch aufgeht und am Ende nachvollziehbar und glaubhaft zum Crescendo führt, muss Snyder immer wieder einen Deus Ex Machina hervorzaubern, weil er kleine, aber in der Vorlage gesammelt dann doch stimmige und elementare Details, fast Texturen, immer wieder weglässt. Alles, was Tonus und Stimmung und Tiefe und Dreidimensionalität des Comic ausmacht und ihn zu recht zu einer Art Citizen Kane des Genres erhob, fehlt dem Film komplett. Die gleich mehrfache symbolische Bedeutung der Piratengeschichte – weg. Ozymandias Motivation und Background – weg. Die Bedeutung des Nostalgia-Parfums und Ozymandias Metakommentar zu Fernsehen, Werbung und Kommerz in Kriegszeiten – weg. Jon Ostermans Nachdenken über Relativität, Einstein, die Bombe, Zeit und Raum – verkrüppelt.  Die Beziehung zwischen Bernard und Bernie – weg. Die Subgeschichte um den Psychologen Malcolm Long und seine Frau Gloria, die daran verzweifelt, wie Rorschachs Erzählungen ihren Mann vergiften (eine Subhandlung, die der Figur von Rorschach eine weit über alle Punisher-Stereotypen hinausreichende Kraft verleiht) – weg. Hollis Mason – fast weg. Die Backgroundstory der Minutemen – auf Schlaglichter reduziert, womit zum einen die historische Textur des Watchmen-Universums fehlt, zum anderen aber eben auch Moores Metakommentar zu Silver/Golden/Bronze Age, denn Watchmen ist ja immer auch ein Comic über Comics gewesen. Was bleibt, sind Eindrücke und Gesichter beim (an sich schon problematischen) Untergang von New York, die mehr wie ein kurzes Winken zu den Fanboys wirken (Hey, seht ihr, Bernie und Bernhard SIND doch im Film), die im Filmkontext aber völlig egal sind, weil die Figuren nie eingeführt oder erklärt wurden, nie real sind. Nahezu alles, selbst die sexuellen Abschweifungen von Hooded Justice – die seinem Konflikt mit dem Comedian mehr Tiefe geben – bleibt bestenfalls angerissen. Nun ist es in Watchmen aber leider so, dass die Details alles sind, und der eigentliche Plot nur Rahmenhandlung für die Vielzahl von Handlungsfäden bietet, die Moore virtuos damit verknüpft.  Natürlich mag man jetzt hoffen, das möge auf der DVD besser werden – wenn um Weihnachten die Ultimate Edition des Films erscheint. Aber warum dann überhaupt noch einen Kinofilm machen, wenn man sowieso nur noch eine verkrüppelte Version auf die Leinwand bringt, warum nicht gleich Direct-to-DVD? Und selbst die DVD-Fassung dürfte die Breite der Vorlage nicht erfassen. Es reicht nicht, einen Film Panel für Panel an der Vorlage zu orientieren – wie es Watchmen am Anfang tatsächlich tut, die erste Hälfte des Filmes ist dadurch immerhin etwas besser als die zweite -  man muss den Stoff auch verstehen. Und dann würde man sich auch nicht in der Lage sehen, die Freighter-Story aus der Handlung zu nehmen, da sie integral für das Verständnis der Handlungen von Adrian ist – und zugleich das im Buch selbst gar nicht mehr explizit behandelte unweigerliche Fehlschlagen von Veidts Aktion präkogniziert. Hätte man – mit der gleichen Detailliebe wie der Film – vielleicht eine 12-teilige HBO-Serie gemacht, jedes der zwölf Hefte etwa 60 bis 90 Minuten als abgeschlossene Folge, im Stile von TrueBlood oder Lost, so wäre mit Sicherheit jedes Detail abgedeckt gewesen, mehr Räsonanz erreicht worden, zumal es leichter scheint, ein Serienmedium in ein anderes Serienmedium zu übersetzen und TV-Serien inzwischen häufig mehr erzählerische Strahlkraft aufweisen als Kinofilme. Aber in einer Geschichte, in der jedes noch so kleine Detail eine Bedeutung gewinnt, Echo hat, hermeneutische Kraft aufweist, darf und kann man einfach nichts mehr herausstreichen, ohne zugleich die gesamte Erzählung in Frage zu stellen.

Neben der nicht erfassten Breite von Watchmen, zeitlichen Gründen geschuldet, ergründet der Film auch an keiner Stelle die emotionale und symbolische Tiefe der Vorlage. Nicht nur, weil man das metafiktionale Konstrukt, das Moore und Gibbons aus gefälschten Büchern, Zeitungsschnipseln, Andeutungen, winzigen Details im Background, so glaubhaft konstruieren, kaum in ein fluides Medium wie den Film bringen kann, wo man mal nicht eben in Kapitel 7 zu Kapitel 3 zurückzugehen in der Lage ist, um einen latenten Zusammenhang zu begreifen, sondern einfach, ganz einfach, weil der Film die Vorlage nicht versteht. Snyder verfilmt von den vielen Ebenen des Comics nur eine einzige – die platte, banale Handlung. Und die dann auch noch vereinfacht. Die Metaphorik, die Symbolik, die verschiedenen Metaebenen werden einfach über Bord geworfen – vielleicht, weil sie einfach nicht vom Regisseur wahrgenommen wurden. Worum es dem Comic geht, bleibt dem Film verschlossen. Vielleicht auch, weil er sich nicht in der gleichen Tradition – und insofern auch vor allem brechend mit dieser Tradition – bewegt wie der Comic, der wie ein Wendepunkt in der Geschichte des Genres steht und ein völlig neues Denken über die Möglichkeiten serieller Erzählung eröffnete, sozusagen Will Eisner und Stan Lee versöhnte. Vor allem aber wahrscheinlich, weil der Film dumm ist. Er kann die Intelligenz des Comics nicht annähernd erfassen, Moores Spiel mit Stereotypen und den Bruch damit – und landet damit, full circle, wieder genau bei den Klischees, postmodern gewandelt, die Moore einst mit Watchmen dekonstruierte. Rorschach im Film ist ein cooler Psycho/Punisher-Typus mit harten Sprüchen und cooler Action. Der Rorschach im Comic ist das oberflächlich vielleicht auch, aber Moore breitet darunter einen wahren Teppich widersprüchlicher tragischer Gefühle aus und konstruiert im Rahmen der Dekonstruktion des coolen Actionhelden einen gebrochenen, wahrhaft tragischen Helden, einen unsympathischen, kranken, antiliberalen, rechtsradikalen Typus, ein Stück fleischgewordener Ayn Rand, eine Hommage an Steve Ditko, wobei Rorschach am Ende aber doch der einzig aufrechte Fels in der Brandung ist, Hoffnung und Untergang zugleich, dessen Konsequenz ihm zum Verhängnis wird, und man doch Respekt empfindet. Die metaphysische Tragik von Dr. Manhattan, für den alles JETZT ist, für den die gesamte Handlung, ihre Konsequenzen und Ursachen, ihre Folgen weit über das Ende des Comics hinaus, immer schon transparent sind, der orientierungslos und entfremdet ist, wird auf eine alberne Pseudogott-wird-durch-Freundin-an-seine-Menschlichkeit-erinnert-Platitüde reduziert. Zu keinem Zeitpunkt erweckt Zack Snyder den Eindruck, oder gar das Vertrauen, Alan Moores Geschichte auch nur näherungsweise verstanden zu haben. Stattdessen dreht er eine stumpfe Kinderfassung der Geschichte.

Und nur so ist zu erklären, dass ihm das Original-Ende, in dem Veidt New York von einem gefälschten Alien-Monster aus einer anderen Dimension vernichten lässt, nicht einleucht und er statt dessen absurderweise Dr. Manhattan als Doomsday Weapon nutzt. Ausgerechnet. Zum einen macht er damit Dr. Manhattan – Jon Osterman – zu einem Idioten, den Adrian Veidt einfach so täuschen kann. Das ist aber faktisch undenkbar, den Jon ist im Buch eine Gottesallegorie. Zwar ist Jon ab einem bestimmten Punkt der Geschichte nicht sicher über die unmittelbare Zukunft, aber vorweg wäre es Veidt faktisch immer unmöglich gewesen, ihn zu täuschen, da Osterman jederzeit in der Gegenwart auch die Zukunft sieht. Auch, warum die Menschheit sich nun gegen Osterman vereinen soll – warum nicht sogar eindeutig die Vernichtung zahlreicher Städte durch eine auf ihn zurückzuführende Energiesignatur erst recht zum Krieg führt (immerhin ist Dr. Manhattan in den Augen der Welt ja eine Art amerikanischer Waffe), leuchtet nicht ein – zumal Osterman sich ja gerade eben erst medial auf den Mond zurückgezogen hatte. Eine externe Bedrohung, die eben Lovecraftsche Alienfigur aus einer anderen Dimension, funktioniert hingegen absolut, gerade im Comic. Es ist die Magie des Comics, der Zenith einer durch und durch real gehaltenen Geschichte, dass die Auflösung, die Zerschlagung des Gordischen Knotens (der ja im Film ohnehin nie erwähnt wird) nur in einer komplett unglaubbaren,eben comic-haften SF-Idee liegt, die durch und durch albern und surreal wirkt… und eben dadurch ihre Macht erhält. Zum einen zeigt dieser Einfall diese gewisse kindliche Naivität/Genialität von Adrian auf, diese sachte Balance einer Vernunft, die zu Wahn geworden ist, der konsequent eben wieder vernünftig wirkt in einer verrückten Welt. Veidt wird schon vorher als eine Mischung aus Kind und Genie gezeigt – die Actionfiguren, die er unlizensiert von den Watchmen produziert, sind schon diese prekäre Balance aus handfestem Kommerz und kindlicher Träumerei, auch seine Fasznation mit Aleander dem Großen und den Pharaonen, aber auch Details wie die von ihm herausgebrachten Parfüms zeigen diese seltsame Mischung. Veidt, der klügste Mensch der Welt, ist zugleich ein autistischer Savant, der als einziger begreift – und deshalb ist der Comedian ja so verzweifelt – dass nur der ultimative Streich, die gigantische, unfassbare Lüge, der größtmögliche Gag funktionieren wird. Und das ist nicht ungreifbare blaue Energie, das ist eben nun mal ein albernes, furchtbares Tentakelmonster, das aus dem jenseits kommt und eine ganze Stadt in einer Welle von zerstörerischer Todesagonie vernichtet.  Es ist eben diese Cthullu-Figur, diese Urangst, die die Menschen vereinen kann – gegen einen NEUEN externen Bedroher, der wichtiger ist als weltliche Dinge. Hier bricht die reale Logik zusammen, und Veidts Lösung ist, mit Comic-Buch-Monstern gegen reale Probleme vorzugehen. Das ist eine brillante Coda in Watchmen, eine phantastische Auflösung, dass in die Realität, die Moore aus dem Phantastischen Genre der Superhelden melkt, wieder das Phantastische (als produzierte Illusion) einbrechen muss, um die Welt zu retten.  Und genau das trifft auf die Filmfassung nicht mehr zu – Dr. Manhattan ist ja schon seit Jahren in der Welt. Die Filmlösung wirkt mehr wie ein Tschernobyl, eine vorhersehbare Katastrophe und sollte eher mehr Konflikte bewirken als diese beseitigen. Nur die (alp)traumhafte Lösung des Comics, mit ihrer surrealistischen Katharsis-Note, kann überhaupt wirken und einen Paradigmenwechsel bringen – zumal im Comic ganz deutlich gemacht wird, dass es nicht nur das Tentakel-Alien an sich ist, das die Wende bringt, sondern auch eine psychoaktive Mischung aus Bildern, Texten, Musik, die mit dem Tod des Tieres in die Gehirne der Überlebenden, fast weltweit, gesendet wird, um eine tiefe Angst und Abneigung gegen diese fiktionale Spezies auszulösen. Dabei ist es für die Einwebung der Piratengeschichte  Tales of the Black Freighter in den Comic, für die Textur der ganzen Symphonie-Komposition von Watchmen eben auch wichtig, dass eben der Autor dieser Geschichte, der mehrfach in Zeitungsausrissen usw. erwähnt wird, für Adrian Veidt auf einer Insel mit anderen Kreativen an genau dieser Psychobombe arbeitet. Das Tentakel-Alien ist narrativ, aber auch eben auch strukturell unbedingt wichtig für die Geschichte, auch als Symbol, und es zu ersetzen, weil es für ein Kinopublikum nicht funktioniert, zeigt, wie wenig Snyder und Warner die Geschichte verstanden haben und bei der Effektoberfläche der Geschichte haften geblieben sind.

Schlussendlich war Watchmen ein Comic, das experimentell war, literarisch, mit Themen und Symbolen und Doppelbödigkeiten durchsetzt und vor allem als Superhelden-Comicbuch mit allen Aspekten des eigenen Genres spielte, bis hin zur Produktion monatlicher Hefte. Dass das Kapitel Fearful Symmetry etwa tatsächlich, wenn man die Rückenstichheftung entfernt und die ausgeschossenen Doppel-Seiten betrachtet, wie ein Rorschachtest  spiegelbildlich aufgebaut ist, visuell, aber eben auch erzählerisch eine Spiegelung gibt, ist nur eines der vielenvielen  Details, die dieses Comic auch beim zehnten oder zwanzigsten Lesen noch frisch und reich wirken lassen.  Das Genre lässt sich problemlos in eine Zeit VOR und NACH Watchmen unterteilen, und im Grunde hat kaum ein Comic bisher die Dichte von Watchmen übertreffen können (mit der möglichen Ausnahme von Promethea, einer anderen, allerdings weniger erfolgreichen Serie von Alan Moore). Der Film hat zu keiner Sekunde diesen Aspekt, dieses Feeling eines Gamechangers, ihm fehlt die revolutionäre, subversive Energie, eine Lust am Spiel mit Symbolik und metafiktionalen Inhalten, eine tiefe Einsicht in die erzählerischen Fugen des eigenen Genres (und das wäre in diesem Fall Film), gepaart mit der kreativen Befähigung, diese Fugen auseinandernehmen und neu zusammenzusetzen. Fight Club kommt dieser Energie näher als Watchmen.  Der Film ist eher das, was die Comic-Branche selbst in den 90ern mit den grim’n'gritty-Comics als Reaktion auf Watchmen und Dark Knight Returns produzierte – kommerzieller Müll, der nur die Superhelden-sind-Schizo-Oberflächeneffekte imitiert, ohne verstanden zu haben, was die tieferen Schichten beider Werke auszeichnet.

Nichts an diesem Film ist neu, mutig, experimentell oder gar klug oder auch nur zumindest visuell überraschend – nicht einmal in dem Maße, in dem etwa ein Film wie The Matrix das Kinogenre zumindest leicht verändert hat. Watchmen ist ein routiniert-mutlos und langweilig abgefilmtes Comicbook, und beweist nur einmal mehr, wie schwer gute literarische Adaptionen auf die Leinwand zu bringen sind, wenn der Regisseur eigentlich nichts eigenes zu sagen hat. Insofern ist Watchmen wie jeder beliebige Harry-Potter-Film, nur noch viel schlimmer. Aus einer Vorlage, die das eigene Genre reflektiert, bricht und final revolutioniert, ist ein mäßig langweiliger Popcornfilm geworden, mit den üblichen Bullet-Time-Prügeleien, den immer gleichen Gummikostümen, mit einer denkbar öden Sexszene, einer unsagbar lahmen Auflösung, mit aufgesetztem Pathos und mäßigen Trickeffekten. Man mag Snyder dafür applaudieren, dass er wirklich bemüht war, den Comic Bild für Bild nachzufilmen – aber gut gemeint ist lange noch nicht gut gemacht. In einer perversen Volte ist Watchmen als Film genau das geworden, wogegen Moore und Gibbons mit Watchmen als Comic angegangen sind – dummer, platter Unterhaltungstrash für den kleinsten gemeinsamen Nenner, den nur diejenigen gut finden können, die das Comic nicht oder zu wenig gelesen haben.  Dass es durchaus auch anders geht – auch mit Kürzungen, auch mit Eingriffen, auch mit kleinen Fehlern – zeigt A Scanner Darkly, der Dicks an sich unverfilmbares Buch zumindest mit einer eigenen Aggressivität und Stilistik einfängt, beileibe nicht perfekt, aber zumindest im Ansatz ehrlich und souverän – und insofern überzeugender als Watchmen.

Insofern ist Watchmen, als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, eben nur ein weiterer Film, der aufzeigt, dass gerade Genreliteratur schlecht zu übersetzen ist, das Bücher als Bücher, Comics als Comics und Filme als Filme anzulegen sind, wenn sie wirklich Kraft haben sollen. Hollywood liefert zu viele Adaptionen und zu wenig eigene, starke, direkt auf die Stärken von Film zugeschnittene Original-Drehbücher. Anstelle einer Verfilmung von Watchmen bräuchten wir einen Film, der das, was Watchmen für das Comic-Genre geliefert hat, auf das Kino-Actiongenre überträgt. Und von nichts ist Zack Snyders Film so weit entfernt wie von dieser Vorstellung eines genretranszendierenden, kraftvollen, klugen und unvergesslichen Films.

8. März 2009 15:17 Uhr. Kategorie Film. Tag . 7 Antworten.

Der Knochenmann

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Wolfgang Murnbergers Knochenmann ist der dritte Film in der auf den Romanen von Wolfgang Haas basierenden Simon-Brenner-Reihe.  Das Drehbuch weicht deutlich vom Roman ab, ist aber von Haas – und Hauptdarsteller Hader – selbst verfasst, so dass man hier wohl tatsächlich von einer adaptierenden Absicht sprechen darf, die dem Film auch insgesamt schlüssig und schnell macht und den Zuschauer zusammen mit dem Ex-Polizisten und glücklosen Privatdetektiv sofort ins Geschehen wirft. Brenner, als Repo-Man wider Willen damit beschäftigt, Autos aus unbezahlten Leasingverträgen für  seinem Freund, Möchtegern-Womanizer und (inzwischen) Arbeitgeber Berti zurückzuführen. Der berühmte letzte Job führt ihn ins Grenzgebiet zur Slovakei, wo er den gelben Beetle von einem Herrn Horvarth zurückführen soll, der aber nicht auffindbar ist und ominös verschwunden scheint. Brenner gerät unversehens in einen absurden Erpressungsfall, zahlreiche Morde, verliebt sich, lernt Schlittschuhfahren, isst Menschenfleisch, hat Sex, verliert einen Finger und muss lernen, dass das Landleben nix für ihn ist.

Haas, Murnberger und Hader schleppen einen typisch verknautschen österreichischen down-on-his-luck-Marlowe-Typus aus dem staubigen Los Angeles in die Kitschidylle der österreichischen Berge, wo sich schell herausstellt, dass von Idylle keine Rede sein kann. Schon die weitwinkeligen, immer leicht schrägen Kameraeinstellungen, die grässliche Landdisko, der Porsche des Juniorchefs vom Gasthof Löschenkohl, wo Brenner unterkommt, und natürlich der ungut jede Nacht durchhämmernde Knochenzermahler in der Fleischerei im Keller vom Löschenkohl machen klar, dass hier der bizarre Kleingangster-Flair von Joel und Ethan Coem und die Groteske von Kottan ermittelt zusammenkommen. Die durchaus nicht dumm gestrickte Ganoverei um Löschenkoh-Senior ist trotz der vielen Nebenfiguren gut durchdringbare und läuft auf soliden Schienen auf ihre surreale Climax zu, ein grandioses Kostümfest mit Opus- und Spider-Murphy-Gang-Klassiker, garniert mit ausblutenden Hasen und Menschen. Murnberger garniert den bitterschwarzen Kriminalfall mit derben Zoten, lässigem Österreicher Schmäh («Geh Scheißen!») und einer zarten Love-Amongst-the-Ruinied-Romanze, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und für Brenner in bester Donald-Duck-Manier nur in einer weiteren süßsauren Halb-Niederlage endet. Zugleich, und das ist Leistung des Films, ist «Der Knochenmann» eine Charakterstudie, die Josef Bierbiechler abgibt, mit weichen Untertönen und mit starrer Miene. In vielerlei Hinsicht ist sein Totmacher die liebevollste, sanfteste Figur des Films, mit den besten Absichten, nur zu immer abscheulicheren Taten gezwungen, die mit der Konsequenz von Dominosteinen fallen, und sein Gesicht immer stumpfer, leerer wird. Wo seine Gegenspieler aus Bratislava oft nur Karikatur sind, gefährliche Testosteron-Narren, ist Löschenkohl Senior eine virile Bedrohung, eine greifbare Gefahr, weil er aus Liebe handelt, und (natürlich) tragisch daran scheitert. In einem Film, der souverän und entspannt abstruse Komik, unterschwellige Brutalität und wunderbare Charaktermomente nebeneinander zu stellen vermag, der aus einem vorhersehbaren und in jedem anderen Film wahrscheinlich endlos platten Transsexuellen-Plotmoment eine zugleich bizarr-witzige und doch wirklich rührende Wendung zu melken versteht, kann keiner mit seiner Liebe und des anderen Gleichgültigkeit und Angst so richtig umgehen, trotz zahlreicher fast sanfter Momente, die aber seltene Ausnahmen in einem Meer fehlschlagender Kommunikationen sind. So wie eine Reihe von Mißverständnissen zu mehreren Morden führt, sind es eben auch kleine Mißverständnisse, Ängste, die Beziehungen unmöglich machen – es ist kein Zufall, dass Bierbichler die von Madita gespielte slovakische Prositutierte und ihr Auto mit einem fast koitalen Akt in den gefrorenen See schiebt, kein Zufall, dass sich der Sextourismus-Puff ebenso wie der Maskenball ebenso wie der Sex zwischen Brenner und seiner Birgit stets um die Dysfunktion von Liebe und Sexualität drehen. Wie das Löschenkohl-Monstrum mischen auch Haas und Murnberger die verschiedensten Elemente und Genrezutaten durch den Mixer, Horror, Krimi, Heimatfilm, Romanze, Drama, Groteske und die Mixtur führt zu einem Ergebnis, dass auf jeden Fall absolut unbedingt sehenswert ist, weil hinter der Kulisse des Alpenhorrors ein sehr relevanter Film über die Liebe in all ihren Facetten und Unmöglichkeiten lauert.

7. März 2009 18:34 Uhr. Kategorie Film. Tag , . Keine Antwort.

ZU VERSCHENKEN 17: SELECTED VIEWS

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Uuuund der nächste Giveaway – der sechste Band der SelectedViews-Photographenpräsentation. Ein sehr netter und sehenswerter Bilderstrom in einem kleinen, dicken Hardcover.

Der Deal: Wer mir bis morgen  das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.
Achtung: Halb passend zum Thema die Photos diesmal als DUO, also zwei Bilder, die irgendwie zusammen etwas ergeben, nebeneinander. Bitte als EINE Datei :-D.  Viel Spaß bim Puzzlen

5. März 2009 14:25 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Giveaway16: Die Photos

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Daniel

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Daniela

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Hugo

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Julia

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Kirsten

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Marc

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Tidde

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Tobalo

Und so toll ich die alle finde – Marcs Kodakphoto ist kein Polaroid aber trotzdem brillant – hat Daniela aber sowas von das Buch gewonnen :-D. Schicke ich das schon nach Berlin? 

 

10:17 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 6 Antworten.

Pictopia

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Im Berliner Haus der Kulturen der Welt läuft vom 19.03. bis 03.05.2009  die Veranstaltung Pictopia – Festival Neuer Figurenwelten, die Ausstellungen, Filme, ein Symposium und eine Konferenz vereint.

Pictopia dreht sich rund um die simplen, auf das Wesentliche von Menschen und Gesichtern vereinfachten Figuren der Piktogramme mit ihren so einfachen aber dennoch quasi lebendigen, oft emotional sogar tiefer als photorealistisch gezeichneten Wesen widerhallenden Zügen, um Character Design also, das  aus den Quellen von Pop, Folklore, Markendesign und natürlich Comic seine visuelle Sprache immer wieder remixt, emotional und über alle kulturelle Grenzen hinweg, mit dem scheinbaren Versprechen einer sprachlosen, kulturübergreifenden globalisieren Kommunikation. Wer kennt solche Figuren nicht, als Street Art, in Comics, im Film, in Büchern, bei Straßenparaden und in endlosen Merchandiseartikeln à la HelloKitty?  Pictopia – veranstaltet von Pictoplasma und dem Haus – versammelt Künstler, Designer und natürlich Besucher, um sich diesem spezifischen Thema an der Schnittstelle von Soziologie, Comickultur und natürlich Design zu widmen.

Das absolut knapp gehaltene Thema  – das auf den ersten Blick so gar keine Konferenz herzugeben scheint, auf den zweiten Blick aber eine wahre Galaxie an popmedialen Phänomenen abdeckt, und zumindest mit einem Zeh im Thema der Wellness-Kultur der ewigen Kindlichkeit und Niedlichkeit steckt – dürfte ein sehr umfassendes und spannendes Eintauchen in den Kosmos figürlicher Reduktion erlauben. Abgerundet durch Jugendprogramme, einen Galerie/Projektraumrundgang in Berlin, Filme und Performances, dürfte Pictopia für alle Illustratoren, Comic-Fans, Brandingspezialisten und Interessierte ein Augenschmaus werden.

09:52 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Madita: Too

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Edita Malovčić (alias Madita) zweites Album – etwas wortspielig too betitelt und mit einem wahrscheinlich sogar wirklich zufällig brutal an Santogold erinnerndem Cover – ist nicht so weit entfernt von ihrem Debut, wie der eigene Pressetext vermuten lies. Wieder von ihrem Freund dZihan smooth produziert, bietet das Album einen gelungenen soften Blend aus Elektronik, Songwriting und Jazzeinflüssen, perfekte Popmusik, die einen Hauch breiter angelegt ist als auf dem Erstling, mich insgesamt aber leider weniger begeistert – man kann eben nur einmal vom ersten Eindruck im Sturm erobert werden, wie es Ceylon es geschafft hat :-D. Too ist eine meisterhaft glatte Produktion, deren synthetischer Funkjazzsoul ohne die sich biegende, schnurrende, windende, wunderbar nöhlende Stimme von Madita vielleicht ehrlich gesagt ein wenig zu kantenlos wirken würde, etwas zu gewollt durch die Genre geht. Noch am ehesten bei Monotony vom ersten Album ankoppelnd, greift too mal eben hier einen Tango oder etwas Bigbandflair ab (Deep Down, Too und You),liefert die unvermeidliche Ballade (Karma, A Walk), stampfend straighte Nummern (Because, Better Brother), oder schrappt auch mal nur knapp an Sophie Ellis Baxtor-Niveau-Konsensdancefloor vorbei (Five). Ganz offensichtlich als Showcase für die Sängerin und ihre tatsächlich vielen Facetten angelegt, fehlt dem Album so das Verspielte, Offene des Debuts. Die Platte wirkt deutlich kalkulierter,deutlich versessener darauf, Madita ins Radio und auf die großen Bühnen zu kriegen und als Diva zu positionieren. Man sieht sie förmlich mit Bläsern und Streichern auf großer Bühne stehen, zumal das Album insgesamt deutlich stärker in die jazzige Ecke driftet als der Vorläufer.  Live dürfte die Sache übrigens wahrscheinlich deutlich mehr Groove und Swing haben als auf der Platte – und die groovt schon erdammt ordentlich, bremst sich aber ab und an durch die zu saubere Produktion, die wenig Raum für Solisten lässt, selbst aus. Madita, nicht umsonst auch Schauspielerin, probiert mit kindlichem Charme die verschiedensten Kostüe an, scheint sich aber im schimmernden Paillettenkleid am wohlsten zu fühlen. Vlado Dzihan sorgt als detailversessener Couturier für einen atemberaubend perfekten Sitz dieses Kleides, jeder Track hat das Zeug zur Auskopplung und überschreitet zugleich Genregrenzen, ohne jemals nicht purer, klarer Pop zu sein.

Dennoch, vielleicht ist too mir zu ambitioniert, nicht so wundervoll relaxt wie Madita, zu konzentriert darauf, Madita (verdient) zum Superstar zu machen, es wirkt etwas besessen, wenn das zweite Album wie ein best aus zehn Jahren Schaffensperiode klingt. Das ganze Ding ist zu bemüht, zu konsens, zu glatt, zu sehr ohne Widersprüche, Kanten. Gerettet, geadelt durch die grandiose Stimmarbeit von Madita – die nun allerdings leider eben keine Jazzdiva ist, sondern eher eine exzellente Popsängerin irgendwo in dem ja nicht kleinen Feld zwischen Björk, Roisin Murphy, Emiliana Torrini und Nelly Furtado -, versucht das Album lobenswerterweise, die Sängerin nicht als normales Pop-Produkt zu verpacken und macht dann paradoxerweise eben genau das – too schrappt verdächtig an Kuschelmusik für die Über-Vierzigjährigen, kommt mit zuviel Schlagobers daher. Einerseits hat sich Madita so vom radiokompatiblen Sound etwas freigeschwommen, einerseits ist es eine makellose, wunderbar selbstverliebte, grandios eingespielte Produktion. Andererseits fehlt ein wenig von der Unschuld des Debuts, von der Offenheit, von der katzenhaften Verspieltheit, vom greifbaren Spaß – too klingt deutlich mehr nach harter Arbeit hinter den chilligen Tracks. Wer das erste Album mag, wird den Nachfolger auf jeden Fall auch lieben und hoffen, dass Madita auf ihrem dritten Album mit etwas weniger Erfolgsdruck wieder mit mehr Freude am Experiment andere Facetten an sich selbst entdeckt und tiefer in ihrem musikalischen Kleiderschrank wühlt.

3. März 2009 10:18 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

LICHT

09:09 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Ei Ei Ei

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Auf Seite 53 der aktuellen PAGE 4/09 entdecke ich endlich die lang angekündigte Schrift, die unsere Praktikantin Bianca Berning an der FH Krefeld im Typo-Projekt bei Ursel Schiemann gemacht hat – der eiernde Rasterfont ist nur eins der spannender Ergebnisse aus Ursels Arbeit mit ihren StudentInnen, die vorher nie eine Schrift entwickelt hatten. Gute Sache – und schön, dass die Page einem Studentenprojekt 6 Seiten Raum gibt.

2. März 2009 18:50 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 3 Antworten.

Zu Verschenken 16: Simon Puschmann Kodaroids

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In dem kleinen, aber unglaublich kinderbuchschön produzierten Büchlein zeigt der Hamburger Photograph Simon Puschmann einige ausgewählte Photos von Kodak-Abzügen.

Der Deal: Wer mir bis morgen  das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.
Achtung: Halb passend zum Thema sollten die Photos diesmal im Polaroid-Stil (richtig echt oder zur Not auch nachträglicher Fake) sein.

12:51 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

Licht

09:34 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Michael Chabon: The Final Solution

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Nach dem furiosen Yiddish Policemen’s Union zeigt Chabon hier eine andere Seite seiner Kreativität – er erspinnt einen letzten Fall für den misanthrophen und in Sussex zurückgezogen lebenden, fast vergessenen Sherlock Holmes, der durch einen grauen Papagei, der mysteriöse Nummern rezitiert und schon bald zum Fokus eines Mordfalls wird, aus dem Ruhestand gelockt wird. Obwohl Chabon dabei keineswegs nahtlos in die Haut von Sir Arthur Conan Doyle schlüpft, merkt man dem Buch doch die tiefe Versunkenheit in den Holmes-Kanon an, die Detailfreude, und die Tatsache, das Holmes (vielleicht aus Copyrightgründen) nicht einmal beim Namen genannt wird, ändert wenig daran, dass Chabons Pastiche (die schon vom Namen an The Final Problem erinnert und von kleinen Illustrationen abgerundet ist) ein Vergnügen ist, das zugleich moderne Sensibilität hat und doch an die Abenteuer des «echten» Holmes anzuschließen vermag.

Das dünne Buch hat knapp den Umfang einer Novella oder längeren Kurzgeschichte, die Handlung rund um das Birdnapping ist kaum minder durchschaubar und selbst die Auflösung der Ziffernketten, die der Papagei endlos herabbetet, bereits im Titel in schönster Doppeldeutigkeit vorweggenommen, ist angesichts des Zeitraums, in dem der Roman spielt, absehbar. Dennoch geht Chabon deutlich verschlüsselter, und insofern vielleicht respektvoller mit Holmes um als vielleicht Laurie King (The Beekeepers Apprentice), und strikt zugleich elegant die die meisten seiner Bücher durchziehendes Themengebiete ein – Vater/Sohn-Beziehungen und die jüdische Geschichte, verkörpert durch den stummen jüdischen Jungen Linus, dem der Vogel (Bruno) gehört. Chabon lässt den altersschwachen Holmes mustergültig zu einem letzten Bravourritt aus dem Ruhestand, weniger um den Mordfall zu lösen, sondern eher, um sein Versprechen zu halten, dem Jungen seinen Vogel zurückzubringen. Alt, aber mit der vertrauten Arroganz gegenüber der Polizei, körperlich gebrechlich, aber mental immer noch einen Schritt voraus, führt uns Holmes durch das Buch, bis Chabon mit einem verwirrenden und zugleich bestechenden Kunstgriff ein Kapitel aus der Sicht des entführten Vogels erzählt – nur eines der vielen Details, das gewährleistet, dass der Autor niemals zu einer Doyle-Kopie wird, durch das schnell klar wird, dass es hier nicht um eine reine weitere Holmes-Pastiche geht, sondern die Figur nur ein Mittel zum Zweck ist, um eine tiefer mitschwingende Miniatur-Fabel über das menschliche Elend zu ermöglichen.

Wie schon bei The Yiddish Policemen’s Union nutzt (und sprengt) Chabon Genrekonventionen, vertieft sich sinnierend in Bienenkolonien, taucht in die Untiefen des Ehelebens ein, stellt das kleine Verbrechen in den größeren Kontext einer grandios absurd anmutenden Spionagegeschichte, eines ausgebombten Londons und zugleich vor die Folie der größeren Verbrechen in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs. Es ist ein Buch, dass bei aller Kürze voller verfolgenswerter Symbole und Motive ist, ein eigenes kleines Detektivwerk, in das Chabon immer wieder Hinweise und Andeutungen versteckt, selten ganz Klartext schreibt, sich stilistisch in die mäandernden Satzstrukturen des 19. Jahrhunderts zurückzieht und doch ganz seinem Stil treu bleibt. Ihm gelingt so nicht nur ein der trauriges, tiefgründiges Postscriptum zu Doyles Werk, sondern auch ein verspielter, ironischer und melancholischer Rückblick auf das Detektivgenre an sich, das heute längst in der ermüdenden Flut uneleganterer Thriller versunken ist. The Final Solution ist ein brillantes und zutiefst kluges Spiegelkabinett, das auf knapp 130 Seiten mehr Tiefgang erreicht als andere Bücher mit dem dreifachen Umgang jemals erträumen können.

1. März 2009 20:22 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Santogold

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Santi White alias Santogold, die sich inzwischen aus rechtlichen Gründen Santigold nennt, hat mit ihrem 2008er Debut einenmehr als beachtlichen Erstling hingelegt, der mit L.E.S. Artistes,  ja bereits einen ordentlichen Dancefloor-Opener hinlegt, aber bei näherem Hinhören in so viele verschiedene Richtungen geht, als ginge es darum, einen Preis für erfolgreiches Genre-Jumping zu kassieren. Santi klingt mal nach M.I.A. (Creator), mal deutlich straighter und rockiger (You’ll find a way, Say Aha) und mal fast nach den softeren, poppigeren Pixies (Lights Out, I’m a Lady) – und immer wieder mischt sich aktueller Electrosound mit 80s-Anklängen (Die Vocals bei My Superman klingen schon sehr nach Siouxie Sioux) Ob Strategie zur breitest möglichen Zielgruppenansprache (something for everybody) oder tatsächlich weit gefächerte Interessen – die meisten Tracks überzeugen gerade wegen der Sprunghaftigkeit, Santogold klingt nach Jukebox, was meist eher nach hinten losgeht und zur Beliebigkeit mutiert, hier aber zu 90% tatsächlich gelingt. Selbst seltsam dubbige Nummern wie Unstoppable gelingen dank einer kruden Mischung aus kantigen 80er-Analogsynthklängen und Dancehall/HipHop-Anklängen, die von einem MTV aus 2015 zu uns gebeamt zu werden scheinen. Unter der Führung von Spank Rock wird Shove It schließlich tatsächlich zu einem seltsam postmodernen Reggae-Zitat, während Anne an Mid-80s-New-Wave-Pop erinnert. In all dem Tanzen zwischen den Genregrenzen vermisst man vielleicht einen Song, der einem ehrlich zu Herzen gehen will, der eine Stellung beziehen will, ist aber zugleich zu geflasht von der Fingerfertigkeit, in der Santi White und ihre Produzentenarmada ein wirklich postmodernes Pop-Album abgeliefert haben. Was in schwächeren Händen zu einem flauen Showcase der Vielseitigkeit degeneriert wäre, beweist sich als extrem liebevoll und doch aufrichtig-roh produziertes Mixtape, das aus jeder Stilrichtung das beste herausprügelt und Santi als MC brillieren lässt. Santis bizarrer Mix aus HipHop, Dub und NewWave-Soundelementen zeigt, dass sich aus dem offenen Mix von Genres immer noch spannende Musik melken lässt – spannender oft als der innerhalb der oft wie Käseglocken über den jeweiligen Scenes liegenden Genreregeln selbst. Wie andere Acts auch ist hier der museale Fetisch der Popkultur greifbar, in dem historische Musikbewegungen wie Austellungs(versatz)stücke beliebig kombinierbar sind, ohne Rücksicht auf Entwicklung und Geschichte dieser Genre – aber die Rotzigkeit, mit der Santogold als gewollt urban klingender Melting Pot des Eklektizismus fungiert, dich durch den frühen Abend durch die Nacht bis zumnächsten Morgen bringen kann, ist glaubhaft und gibt die Hoffnung dass ein zweites Album klarer zeigen wird, wohin die Sängerin sich entwickeln kann, ob die sie nur ein Zitatenschatz bleibt, oder wirklich neues zu sagen hat.

18:38 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.


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