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Zu Verschenken 10: Tycho’s Nova

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Tycho’s Nova von Graham Wood ist ein von Tomato gestaltetes Softcover-Buch, eine Mischung aus Photos und Worten, ursprünglich als Treatment für einen Film gedacht, und inzwischen vergriffen. Sehr low-budget als normales Paperback realisiert, auf Buchdruckpapier, zeigen Tomato, wie das Low-Budget-Medium Taschenbuch eben auch funktionieren kann.

Der Deal: Ist diesmal etwas anders, weil das Buch so schön Typographie und Bild fusioniert. Wer mir bis Montag mittag das schönste Photo mit Schrift darauf fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt das Buch und trägt nur das Porto selbst.

30. Januar 2009 12:15 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 5 Antworten.

Der seltsame Fall des Benjamin Button

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The curious case of Benjamin Button zeigt einen Regisseur, der sich freischwimmt. Bereits in Zodiac bemühte sich David Fincher, einen möglichst wenig nach seiner üblichen Handschrift aussehenden Film zu produzieren, gerade obwohl er dort zum Genre von Sieben zurückkehrte. Button ist zugleich Gegenentwurf zu Zodiac und konsequente Weiterführung der Entpuppung von Fincher. Wo Zodiac ein zutiefst düsteres, ruhiges Drama ist, dessen Geschichte fast kontemplatv ruhig, in erstickten Bildern erzählt wird, ist Benjamin Button der vielleicht am wenigsten nach David Fincher aussehende Film in seiner Karriere – und lässt dennoch in jeder Sekunde den manischen Bildperfektionisten  durchblitzen. Button, basierend auf F. Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte und von Forrest-Gump-Autor Eric Roth massiv durch die Mangel gedreht und aufgebläht, ist Finchers Pièce de résistance, wiewohl Fight Club sein bester Film ist – es ist der Anti-Fight-Club, wenn auch (etwa in der Szene, in der ein Prediger Benjamin heilt) die zersetzte Ästhetik von Fight Club immer einmal wieder greifbar wird. Fincher, der bisher immer entweder zynisch-morbide Themen anging (Seven, Fight Club, Zodiac, Alien 4) oder relativ straighte Thriller produzierte (Panic Room, The Game) wird hier auf der Basis von Roths sehr an Gump erinnernden Plot zum großen Erzähler – man kann kann fast sagen, Button Button ist Finchers Amélie Poulain, ein Vergleich, den Fincher selbst mit einer erzählerisch massiv bei Jean-Pierre Jeunets 2001er Paris-Epos angelegten Sequenz (dem Taxi, das Daisy anfährt) unterstreicht (wobei Benjamin Button tatsächlich vielleicht sogar noch eher an Un Long Dimanche de Fiancailles erinnert.)  So wie auch Jeunet zuvor eher für eine theatralische Ästhetik des Verfalls stand, und in Amélie seinen großen Mainstream-Film gefunden hat, in dem er sich als Romantiker und großer Märchenautor entpuppte, so hat auch Fincher hier einen Film gefunden, in dem er sich als großer klassischer Erzähler präsentieren kann, den er – wie der blinde Uhrmacher zu Beginn – mit ungeheuerer Meisterhaftigkeit Zahnrad um Zahnrad zusammensetzen darf.

Der kuriose Fall des Benjamin Button, der als Greis zur Welt kommt und rückwärts altert, bis er als Säugling stirbt, ist auf den ersten Blick eine wahre Produktionsorgie. Nicht nur hat Fincher mit Brad Pitt den Superstar schlechthin in der Hauptrolle, sondern auch die digitalen Effekte, die zum einen Buttons absurde Alterung steuern und Pitts Gesicht wahlweise auf Kleinwüchsige retuschieren oder so bereinigen, dass er wieder aussieht wie der Surf-Dude aus Thelma und Louise, zum anderen aber auch die jeweiligen Epochen von den 1920ern bis heute glaubhaft zum Leben erwecken, definieren das Projekt als High-End-Kino von fast drei Stunden Format, alles andere als eine Independent-Produktion. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Fincher vielleicht diesen Mainstream-Epos gemacht hat, um auf der anderen Seite Zodiac machen und finanzieren zu können, beide Filme sind Teil des gleichen Deals mit Warner. Das überraschende ist, mit welcher Energie Fincher sich in den immerhin von dem für eher seichte Middle-of-the-Road-Dramakost bekannten Ron Howard geerbten Film stürzt.

Das Ergebnis ist, unweigerlich, ein Film, der Fincher-Fans verstören muss, etwa so, als würde David Lynch das Remake von Gone With the Wind verfilmen – und dabei keinen Lynch-Film produzieren, sondern tatsächlich dem Stoff gerecht werden und einen Lynch-Film realisieren. Eine Auftragsarbeit also, die tut, was zu tun ist und den Auftrag dennoch transzendiert, ihn sich zu eigen macht und zu etwas neuem formt. Was Fincher hier leistet, ist dem epischen – und mitunter ziemlich tränendrüsenden – Melodrama des Drehbuchs eine passende Bildsprache zu verleihen, detailversessen, filmverliebt, professionell. Das Ergebnis ist ein sich seltsam altmodisch, seltsam europäisch anfühlender Film, der einerseits die Erzählweise des großen Hollywood-Kinos, andererseits die visuelle Mannerismen, die Finchers Oevre prägen, nur eben gewandelt -  aus dem Dunkeln ins Licht. Es gab selten, bei all dem Tod, der Trauer, den Stürmen und den Unglücken, einen optimistischeren Fincher-Film. Die Kunst von Benjamin Button ist, eine zutiefst tragische Geschichte zu erzählen, die fast explodiert vor Melancholie, Verlust… und trotzdem eine große, positive, enorme Druckwelle zu erzeugen. Kino ist nicht rationales, sondern emotionales Erzählen – und die Wucht und Treffsicherheit der Bildgefühle hier ist überwältigend. Zugleich beeindruckt die Vielschichtigkeit an Motiven, die immer wieder im Film auftauchen, wie etwa Stürme und Wetter generell, Zeit, Licht, die Gleichheit von Jugend und Alter, die wunderbare Art wie der Film sich zu einem Loop wandelt. Die Treffsicherheit, mit der Fincher die Saiten unseres Gemütes zupft, wenn am Ende die rückwärts laufende Analoguhr durch eine moderne, magielose Digitaluhr ersetzt wird, Symbol der Profanität einer entzauberten Welt, ist so simpel wie bewundernswert, Fincher arbeitet wie ein Maestro mit perfekt gesetzten visuellen Symbolen und dem emotionalen Impact von solchen Designentscheidungen.

Fincher verliert sich dabei nie in den dicht verwobenen Details seiner Geschichte, oder gar des Bedeutungskosmos dahinter, sondern schafft es, am Ende der 166 Minuten Spielzeit einen epischen Bild-Gobelin produziert zu haben, der im vielerlei Hinsicht an die Bücher von John Irving erinnert, makaber, facettiert, trotz einer wahren Schar von Figuren klar fokussiert, lustig, traurig… es gibt fast keine Saite, an der Fincher nicht zupft bei seinem Trip durch das 20. Jahrhundert, das bei diesem Wandteppich den Faden bildet. Buttons erste Fahrt nach New York, die nächtlichblaue Tanzszene von Daisy, die Marlon-Brando-Pose auf dem Motorrad, der Nouvelle-Vague/Alain-Delon-Look im Pariser Krankenhaus oder auf dem Boot… der Film ist, below the line, eine einzige ausgedehnte Verbeugung vor dem Kino des letzten Jahrhunderts. Nur ein Regisseur etwa kann auf die Idee kommen, dass Erinnerungen aussehen wie kratziger alter Film – als sei unser Denken bereits vom Kino geprägt, spiegelt das Filmmaterial das Feeling der Epoche wider, an die man sich erinnert. Etwas sehr berechenbar als gigantische Rückblende angelegt, in der wiederum zahlreiche andere Rückblenden verschiedenster Figuren eingebettet sind, nimmt Fincher tatsächlich die cinematographische Ästhetik der jeweiligen Dekade auf, nicht nur in Farben und Filmmaterialien, sondern auch in dem Setbau, der Mode, der Körpersprache seiner Akteure – und geht damit viel weiter als Forest Gump, der seine Geschichte viel weniger mit einen Gespür für die Möglichkeiten mit einem (post)modernen Publikum erzählt. Fincher weiß, dass er dem Publikum solche ästhetischen Kunstgriffe nicht nur zutrauen kann, sondern hiermit die emotionale Botschaft des Films sogar auflädt, weil er die jeweilige Epoche mit Hilfe der Bildimpulse, die unser kollektives Film-Gedächtnis mit der jeweiligen Periode verknüpft, emotional effektiver wieder auferstehen lassen kann. So muss er niemals groß erklären, dass wir in den sechziger oder achtziger Jahren sind, und selbst kulturelle Referenzen wie ein Beatles-Song im Fernsehen sind fast überflüssig, weil man durch den Film per se, nicht durch die Erzählung, die Schauspieler, sondern durch Licht, Form, Design und Materialität, bereits verlässlich in einer spezifischen Dekade verortet ist. Die Fähigkeit, Film als Designmoment zu begreifen ist nicht neu bei Fincher – alle seine Arbeiten zeichnen sich hierdurch aus, Ästhetik als Eigenwert zu verstehen -, aber im Kontext eines Mainstreamfilmes ist der Effekt atemberaubend. Eine Geschichte, die in anderen Händen ein haarsträubendes Melodrama geworden wäre, gerät bei Fincher zu einer lustvollen Meditation über Zeit und Sterben, Liebe und Alter, Träume und Verlust, zu einem Film über Ankommen und Loslassen, Erreichen und Weggehen. Benjamin Button ist ganz großes Gefühlskino, inklusive Kloß im Hals im letzten Viertel, hundsgemein mit Pathos angereichert und genau in diesem Genre, genau in diesem an sich unerträglichen Brei von Geigen und Gefühlen, ein ausgezeichnet gemachter, ein grandioser Film. Ein Film, so albern das klingen mag, der völlig schamlos großes Hollywood-Kino sein will, der umarmt, was Fincher sonst vermeidet, der jeden emotionalen Knopf drückt, den man nur drücken kann. genau dafür wird Fincher sicherlich eine Menge Kritik einstecken müssen, für den Mangel an Zynismus, für den ungebremsten Optimismus bei aller Trauer, die den Film durchzieht, für den Hunger nach Leben, auch wenn man siebenmal vom Blitz getroffen wurde. Aber eben diese Eigenschaften machen den Film großartig, zumal in Finchers Schaffen, dessen visuelles Flair und talent für perfektes Detail hier eben in der epischen Breite auch absolut überzeugen kann, einen fast antiquiert breitwandigen, nahezu makellos, zeitlosen Film ergibt. Was bei Forrest Gump eben gerade nicht funktioniert, greift hier atemberaubend – The curious case of Benjamin Button ist definitiv ein Jahrhundertfilm, und das nicht nur, weil er ein Jahrhundert Kino auf drei Stunden kondensiert.

10:12 Uhr. Kategorie Film. Tag . Eine Antwort.

Zu Verschenken 09: Die Photos

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Benjamin

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Christian

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Christoph W

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Clemens

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Daniel

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Friedemann

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Isabelle

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Johanna

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Johannes

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Kathrin

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Kira

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Lars

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Moritz

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Nick

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Peter B

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Peter H

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Reiko

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Simone

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Stefan

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Stephan

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Thierry

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Thorben

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Tobalo

Ordentliche Nachfrage nach dem F-Stop-Büchlein, der Name Sagmeister zieht eben. Ihr seht selbst, die Photos sind toll, Qual der Wahl, aber EWG… und das ist diesmal Clemens, dessen Adresse ich aber noch brauche.

Später gehts weiter… :-D

08:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 4 Antworten.

Tag

29. Januar 2009 19:24 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Parkplatz

14:52 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 3 Antworten.

Der Fremde Sohn

Eins ist ohne Frage: Die Hände von Angelina Jolie haben einen Oscar verdient. Fast animalisch knochig, langgestreckt, auf die pure Askese reduziert, spielt Jolie mit ihren Händen nonverbal vielleicht beeindruckender als sie es bewusst, mit Worten, könnte – jede Geste wird von diesen Händen dramatisch überspitzt, hypertrophiert. Selbst mit den pulsierenden Adern hinter ihren Augenlidern kann Jolie große Gefühle kommunizieren. Nahezu erschreckend dünn geworden, ermöglicht ihr das schiere Melodrama ihres wie ausgemergelt wirkenden Körper seine ansonsten oft zurückhaltende Spielweise, ganz im Gegenteil – in den Momenten, wo die Darstellerin auch noch große Gesten zeigt, überspielt sie ihre Rolle. Die schiere Physis von Angelina Jolie bringt das ganze Elend einer Mutter, der ein fremdes Kind von der Polizei untergeschoben wird, zutage. Hier ist ein weiter Weg von der Power-Figur der Lara Croft und selbst der comichaft überzeichneten coolen Frauenklischee aus Wanted zu der fragilen und trotzdem starken, fast sturen Figur der Christine Collins.

Es ist insofern eine Glanzleistung von Regisseur Clint Eastwood, trotz des Starkults um Pitt und Jolie, der nur allzu leicht eine historische, auf den Tatsachen des Falles der Wineville Chicken Murders basierende Protagonistin hätte überstrahlen können, auf Angelina Jolie zu setzen. Eastwoods Regie und Jolies Underacting verleihen dem Plot des TV- und Comicautors J. Michael Straczynski eine Würde, die in anderen Händen vielleicht schnell verloren gegangen wäre – denn die Handlung an sich würde sich in schlechteren Händen sicher auch gut für einen schlechten TV-Movie eignen. Die Handlung, obwohl eng an den historischen Kontext gebunden, verläuft relativ linear in den klassischen Mutter-verliert-Kind / Serialkiller-Handlungsbahnen. Einzig herausragendes Element ist der Themenkomplex der Polizeiwillkür, der ein wenig an die Idee hinter  Gangs of New York erinnert – das amerikanische Establishment ist aus Verbrecherclans hervorgegangen -, zum anderen stark die Tonalität von James Ellroys Büchern erinnert. Über die teilweise berechenbare Eskalation der Handlung und einige verquaste unlogische Elemente der Handlung kommt man also ohnehin schon nur über das Konstrukt «based on a true story» hinweg, das die arg passenden Zufälle verschleiert – ohne eine kraftvolle Regie allerdings wäre dieser Stoff verloren gewesen. Es fehlt an Subtextualität, es fehlt an Bedeutung, Straczynski erzählt präzise – und mitunter zu lang – seine Geschichte, reiht die Dominosteine auf und lässt sie fallen, aber im Grunde hat man nie das Gefühl, es ginge um mehr, als um das eben offensichtliche. Das ist – verglichen etwa mit Revolutionary Road – für einen Autorenfilm erschreckend wenig, zumal wenn er als Ausstattungsfilm in der Vergangenheit spielt, wo immer die Gefahr droht, das hinter den berauschenden Epochebildern alter Autos und leerer Straßen wenig Inhalt wartet.

Eastwood kontert die allzu leicht digital herbeizitierbare Magie der Vergangenheit geschickt durch crossentwickelte, harte Farben mit Grün- und Blaustich, die sich eher nach den neunziger Jahren als nach den Zwanzigern anfühlen, ein seltsam moderner Anachronismus, weit entfernt von den ausgebluteten Pastellfarben, die man vielleicht erwarten würde. Auch die brutalen Kontraste – gleißendes, grelles Licht im Freien, die harsche Sonne des Wilden Westens, gegenüber den düsteren Innenräumen einer Zeit, in der elektrisches Licht noch nicht so alltäglich und hell war wie heute. Die Ästhetik von The Changeling schafft eine fast übernatürliche Atmosphäre, eine brillante Klarheit, die oft an die Spaghettiwestern erinnert, mit denen Eastwood seine Karriere begann. In dieser Welt ist es Collins/Jolie, die wie ein Cowboy in die fremde Stadt reitet, wie eine Hitchcock-Figur unvermittelt und unverdient in Gefahr gerät, der der Alltag entrissen wird. Je stärker der Widerstand, je unverlässlicher das offizielle Gesetz, dem sich Collins so kafkaesk entgegengestellt sieht, desto kräftiger und entschlossener wird die zierliche Frau, so scheint es.

So ist es vielleicht kein Zufall, dass Eastwood ihr nach dem Aufenthalt im Irrenheim eine Art grünen Charleston-Hut aufsetzt, der nicht mehr weich und wie eine Art mütterlicher Kaffeewärmer aussieht, sondern rigider wirkt, bis über die Augen ragend, ein grüner Sturmtruppen-Helm, unter dem stählern die in der E6-Entwicklung strahlendblauen Augen von Jolie aus dem schwarzen Mascara hervorblitzen. Zusammen mit dem Reverend Gustav Briegleb (etwas lustlos von John Malkovitch gespielt) – dessen Motivation im Film nie ganz klar wird – kämpft sie wie im Stile einer Roaring-Twenties-Jeanne-D’arc einen Krieg gegen die korrupten Polizisten ebenso wie gegen den Serientäter… so suggeriert es zumindest der Zusammenschnitt von Anhörung gegen die Polizeikorruption und Verhandlung gegen Gordon Northcott. Erst in der – etwas zu lang geratenem – Coda der Geschichte vermenschlicht Jolie wieder, geht ins Kino, hat eine andere Frisur, ein Date, ein Leben, eine Karriere. Es scheint, so suggeriert das Drehbuch, als sei sie an der Erfahrung insgesamt gereift und gewachsen. Bad things =  good memories. Und mit ihr, so die Botschaft, heilt auch die korrupte Rechtssprechung in Los Angeles, symbolisch vielleicht die ganze Nation. Ebenso wichtig wie der ausgiebig  zelebrierte Hinrichtungsmythos an Northcott, der ein wenig an die ausgedehnte Todeszehne in Hitchcocks Torn Curtain erinnert, ist die Selbstheilungskraft des Systems, das durch mutige Außenseiter zur Genese gebracht werden kann und insofern in toto funktioniert, auch wenn es sich einmal übermütig vergallopiert.Das grundsätzliche judikative und exekutive System wird aber hier nicht in Frage gestellt, im Gegenteil es repariert sich autonom – durch zwei Bauernopfer, der Film verschweigt die Tatsache, dass beide Polizisten später wieder in den Dienst zurückkehrten. Das lange Ende des Films lässt sich nur so deuten – als Geschichte, die sich weniger um den Slasher-Aspekt des Filmes kümmertals vielmehr um die Frage, inwieweit ein korrumpiertes System Antiviren entwickeln kann. Im System des pathologischen Rechtssystems von Los Angeles wird Christine Collins so zum One-Woman-Antikörper, der ganz im Stile alter Frank-Capra-Filme das gesamte System kurieren kann. Ein Schelm, wer da nicht an Guantanamo Bay denkt – das nur zu deutlich in den Folterszenen der Nervenheilanstalt zitiert wird. Oder ist es nur das Erbe der Bush-Jahre, das man unweigerlich selbst bei historisch inspirierten Filmen an das Amerika der letzten Jahre denken muss? Wie dem auch sei, als Parabel über das amerikanische Rechtsverständnis, den Antagonismus von Individuum und Kollektiv (in dem, ideologisch im Hollywood-Kino gar nicht anders denkbar, immer das Individuum den langfristigen Sieg erringen muß), der eigenen Abkehr von falschen Autoritätsfiguren, funktioniert der Film streckenweise einwandfrei – auch wenn er daran strauchelt, Collins’ Weggefährten allzu positiv darzustellen. Der Reverend Briegleb und der Anwalt (der stets ohnehin präsidial wirkende Goeff Pierson) kriegen keine tieferen, dreidimensionalen Motive verpasst – Selbstdarstellertum, Mediengier, was auch immer -  sondern werden zu positiven Vertretern des Systems gemünzt, das insofern nicht zu verwerfen ist. Es ist dieser Optimismus, der den Film vielleicht schwächt. Changeling versucht nur ansatzweise, die kafkaeske Willkürbeziehung zwischen Staat und Bürger zu portraitieren, und bemüht viel sich zu sehr die vertraute Geschichte von Woman-vs-System  à la Erin Brockovitch noch einmal zu iterieren, und so verpasst Eastwood alles in allem die Chance, einen deutlich düsteren und intensiveren Film zu produzieren und rauscht statt dessen so schnell von Station zu Station der Handlung, dass nur wenig Platz für wirkliche Empathie bleibt, selbst die traumatische Inhaftierung in ein Irrenheim schießt förmlich vorbei, eine Art Einer flog übers Kuckucksnest im Westentaschenformat. So richtig emotional möchte einen, trotz der epischen Länge, trotz de knochigen Hände, trotz der pulsenden Augenlider, dabei nicht immer alles wirklich berühren.  Die Szenen, in denen Eastwood sich Zeit nimmt, funktionieren perfekt – etwa Northcotts Hinrichtung – andere sind handwerklich makellos umgesetzt und arbeiten gegen das allzu Offensichtliche bemüht an, kommen aber selten bei einem echten intensiven Gefühl an.

14:24 Uhr. Kategorie Film. Tag . 3 Antworten.

Zu Verschenken 09: F-Stop

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Ein wunderschönes Stück Design ist dieses winzige, aber umso dickere Klotzbuch, das Stefan Sagmeister für Fontshop gestaltet hat. Im Innenleben finden Sich die Photos der F-Stop-Serie von vielen namhaften Designern und Photographen, die man seinerzeit kaufen konnte. Von allen sechs Seiten zum Roboterkopf mutiert, ist das Buch ein echtes Sammelstück.

Der Deal: Wer mir bis morgen mittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

28. Januar 2009 15:20 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 08: Die Photos

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Kareen

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Alex

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Christoph

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Christian

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Daniel

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Friedemann

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Jakob

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Stephan

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Thorben

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Tobalo

Die Bildauswahl, diesmal zu den Bizarro-Postcards, wird zunehmend Mission Impossible, finde ich. Man sollte fast am Ede ein Booklet aus den Photos machen… ist fast nichts mehr bei, was ich nicht mag. Interessant finde ich auch, wie viel Energie ganz profane Bilder gewinnen, wenn man selbst den Kontext nicht kennt. Aber für irgendwas muss ich mich entscheiden und etwas abstruserweise nehme ich das vielleicht verpeilteste Bild: die Blume vor der Holzwand von Alex. Das Matroschka-Plakat packe ich bei, okay :-D?

27. Januar 2009 12:34 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 9 Antworten.

Zu Verschenken 07: Die Photos

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Holger

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Jan

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Jann

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Tobalo

Ich habe ganz vergessen, die Bilder für das Giveaway 07 zu zeigen. Ich hoffe, das verwirrt jetzt nicht allzu sehr. Anscheinend wollte niemand das Simplify-Your-Life-Buch, die Leser dieses Blogs sind eben alle schon perfectly simple.

Ganz ganz fieser Endspurt zwischen Jann und Holger… aber Jann hat die Nase einen Hauch vorn, obwohl ich die Vögel sehr mag und As-dem-Flugzeug-Fenster-Bilder wirklich en masse eistieren. Trotzdem, der Flügel, das Licht… Win.

26. Januar 2009 14:38 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . 3 Antworten.

Zu Verschenken 08: Bizarro Postcards

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Das siebte Give-Away-Buch ist ein Büchlein aus dem Taschen-Verlag mit Scans surrealer und weirder alter US-Postkarten :-D.

Der Deal: Wer mir bis morgen mittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

14:25 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Polka

25. Januar 2009 17:40 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 4 Antworten.

Wand

24. Januar 2009 12:30 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . 6 Antworten.

Bloc Party: Intimacy

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Es ist und bleibt schwer für die Londoner, wie für so viele Bands, aus dem Schatten ihres Debutalbums Silent Alarm zu treten. Alarm ist die Sorte Album, die bei allen Schwächen, mit einer so präzisen Frischheit und lässigem Abwechslungsreichtum überzeugte, dass man es monatelang durchhören konnte – ähnlich wie zuletzt vielleicht Antidote von The Foals. Das zweite Album, A Weekend in the City, war mit wunderbaren Momenten durchsetzt, aber leider auch mit echten Fehlzündern in der zweiten Hälfte, konnte an den Erstling ebenso wenig anknüpfen wie die neue CD, Intimacy.

Das Album öffnet kraftvoll mit einem bei den Chemical Brothers entliehenen Drumbeat und Bloc-Party-typischen kreischenden Gitarren und dem deutlichen Ansatz, anderen Gesang als den stets etwas gleichen Keke-Sound bieten zu wollen – statt dessen ist es ein seltsamer Multitrack-Rap in einem Song der auf jeden echten Refrain verzichtet und erst im Breakdown abrupt überhaupt erst nach Bloc Party klingt. Ares ist ein vielversprechender Auftakt, hyperproduziert und trotzdem kratzig, hypnotisch und genau die richtige Dosis von anstrengend. Die Auskopplung Mercury, die direkt daran anknüpft, geht in die gleiche Richtung, die Vocals durch Sampling und Pitching gejagt, der Song mehr von Synths und Samples getrieben als von Bandinstrumenten – wie der Opener eine seltsame Tanznummer, die völlig anders klingt als Bloc Party und doch alle besten Eigenschaften des DarkDisco-Sounds der Band in eine Richtung treibt. Wer beim Bass des Refrains von Mercury nicht mitgehen kann, ist wahrscheinlich tot.Der dritte Track macht dann klar, dass Bloc Party etwas unter dem leiden, was ich das U2-Dilemma nennen würde. Man spürt, ein Teil der Band möchte sich experimentell weiterentwickeln, mit den Möglichkeiten des Studios frickeln und spielen und tanzbare Sounds machen, ein anderer Teil der Band möchte dem ursprünglichen Sound treu bleiben und einfach Rockmusik machen, ehrlich bleiben… das Ergebnis ist Halo, eine Nummer die 1:1 so klingt, als wäre sie von einer alten EP der Band, ein wirklich großartiger Track, der nur absolut nichts mit den beiden Songs davor zu tun hat. Das Mix-and-Match-Feeling wird komplettiert durch Biko, den nächsten Song, der eben so klingt, wie Bloc-Party-Balladen so klingen.  Und so geht es durch das gesamte Album weiter: zackige NeoNew-Wave-Songs, sphärisch-frickelige Balladen, tanzbare Electroclash-inspirierte Nummern.

Bloc Party scheinen sich das Konzept von einzelnen MP3-Downloads zu Herzen genommen zu haben und einfach keinen Longplayer mehr produziert zu haben, sondern eine Art Sammelbecken für drei oder vier Aspekte der Bands, die verschiedene Zielgruppen ansprechen oder interne musikalische Bedürfnisse der Musiker befriedigen. Nehmt, was euch gefällt und vergesst den Rest, ist die Message, mehr noch als auf Weekend in the City hat man so großartige Nummern neben absolut vergessenswerten Songs angesammelt. Mit diesem Jukebox-Konzept kann man förmlich greifen, wie die Band sich intern in verschiedene Richtungen entwickelt, bis zu dem Punkt, dass man gerade bei den elektronisch angehauchten Tracks die Vorbilder und Zitate fast greifen kann, als wäre es ein Trip durch die Plattensammlung eines DJ. Anstatt also, wie auf Silent Alarm, die verschiedenen Geschmäcker zusammenzubringen und zu fusionieren, was nun einmal der Sinn einer Band ist, stehen die Neigungen ohne Berühungspunkte nebeneinander und so gibt es eben auch wirklich schwache Füller wie Signs oder Zepherus, die schon von der Instrumentierung her nicht mehr nach einer vierköpfigen Indieband klingen, sondern nach einem Soloprojekt. Songs wie One Month Off oder Trojan Horse stehen etwas in der Mitte, versuchen an den Bloc-Party-Sound anzuknüpfen, wirken aber seltsam überproduziert. Eine seltsame Brücke bildet Better Than Heaven, in der die Richtungen zusammenschmelzen und es einen seltsamen Bruch zwischen Powerballade und einem furiosen Ende gibt, das noch am ehesten nach Bloc Party klingt. Ansonsten haben sich viele der grandiosesten Eigenschaften der Band – die fast strukturlos wirkenden, sich zu Monstern auftürmenden Songs, die wunderbare Tightness der Arrangements, die eigenartigen Drums und die Radiohead-inspirierten Gitarren – nahezu aufgelöst.

Es ist faszinierend, bei wie vielen Bands das Debut zugleich die Essenz der Band einfängt – allen vorweg The Smiths. Auch bei Bloc Party muss man sagen, dass die Band sich mit jedem Album weiter entfernt von ihrem Herzen. Es gibt Bands, wie etwa Radiohead, bei denen solche Sprunghaftigkeit zu großartiger musikalischer Evolution führt, wo eine Band sich binnen einer Handvoll Album  öffentliche neu erfindet, eine Suche auslebt, an der das Publikum teilhaben darf. Es wäre schön, wenn man von Bloc das gleiche sagen dürfte – aber das Gefühl ist eher, einer Band zuzuschauen, die zwischen dem Wunsch nach Radiokompatibilität einerseits, Krachern für das LiveSet andererseits und internen musikalischen Vorlieben aufgerieben wird und zusehend die Konsistenz verliert, drei Bands in einer wird. Dazu kommt eine oberflächliche, zu glatte Produktion, der man anhört, dass die Band wie Kinder erstmals den Computer und Sampler entdeckt und etwas zu wenig abgebrüht und zu wenig vorsichtig an diese Tools herangeht, so dass die Produktion in ihrer teuren, überproduzierten Perfektion eben oft den LoFi-Charme der zitierten Vorbilder verliert – und das Ergebnis ist ein Album, das sicher vier fünf echte Perlen hat, ansonsten aber eher orientierungslos wirkt.

Die Crux ist, das ausgerechnet ein Album mit dem Titel Intimacy alles andere als intim wirkt, sondern nur oberflächlich gemacht scheint, keinerlei ehrliche Haltung mehr hat, sondern eben alles andere bietet als Nähe und Direktheit, sondern verblüffend oft kalte synthetische Pop-Synthezoid-Musik anbietet. Zumindest zu einem Drittel ist das Album auf dem Weg zur Fahrstuhlmusik, zu Musik, die am Rechner für eine bestimmte Zielgruppe gebaut ist. Keineswegs sollte Bloc Party für immer im Käfig der Sounds von Silent Alarm gefangen bleiben, sondern sich ausdehnen und entwickeln und reifen – aber Intimacy ist hierfür kein echter Beleg, es ist mehr eine Art kalorienarmer und kohlensäurefreie Apfel-Zitronen-Birnen-Schorle als ordentlich gemachter Wodka. Während TV on the Radio begnadet zeigen, wohin musikalischer Eklektizismus führen kann, machen Bloc Party die Gegenrechnung auf – die einzelnen Elemente kommen nie zusammen, sondern stehen verwirrt und einsam nebeneinander wie falsche Gäste auf einer miesen Party.

09:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 07: Simplify Your Life

Diesmal kein Designbuch, sondern eines der endlosen Self-Improvement-Ratgeberbücher und zudem eins der in Deutschland am meisten konsumierten. Trotz des Hypes und der vielen Mißverständnisse, die der esoterische Titel nun mal zulässt (erst letzlich belauschte ich in Holland ein Pärchen Deutscher, die nahtlos von Simplify zu Feng-Shui glitschten), ist Simplify your life ein wohltuend sachliches und pragmatisches Buch – zumindest abgesehen vom Ende des Buches -, das tatsächlich lesenswert ist und konkret brauchbare Tipps liefert. Wie alle Ratgeber ist auch dieser mit Vorsicht zu genießen – nichts macht unglücklicher als Glücksversprecher -, aber in der Flut dieser Bücher gefällt Simplify durch Ehrlichkeit und Einfachheit. Den ganzen Hype und die Geldmaschine, die drum herum entstanden ist wie Muscheln sich an einen Fisch andocken, muss man allerdings ignorieren.

Der Deal: Wer mir bis Montag morgen das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

Leider ist das mit dem Porto nicht einfach. Als ich heute die letzten vier Bücher zur Post brachte, wurde klar, dass Bücherversand zwar geht, aber unfrei nicht – unfrei gehen nur Pakete, und da zahlt der Empfänger 12 Euro, das würde die Sache sinnlos machen für euch. Da ich aber auch das Giveaway nicht machen kann, wenn ich am Ende ein paar hundert Euro Porto zahlen muss, müssten wir folgenden Deal machen: Ich maile euch nach dem Versand das Porto und ihr überweist es mir bitte zurück. Sorry, dass es etwas kompliziert ist, vor allem bei diesen kleinen Summen. Bei Porto unter 1 Euro ist der Versand gratis, aber die etwas dickeren Dinge – wie etwa das Baginski-Buch – liegen bei 3,50 Euro, das summiert sich schnell.

23. Januar 2009 16:06 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

ZU VERSCHENKEN 06: DIE PHOTOS

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Alex

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Anja

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Basti

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Benjamin H

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Benjamin K

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Christoph

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Daniel

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Jann

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Markus

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Michael

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Moritz

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Raffael

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Sebastian

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Tobalo

Wunderbar viele Photos diesmal, und dabei zwei von lieben alten Gesichtern – hallo Alex und Raffael. Ich glaube auch, Leute wie Jann oder Tobalo – wenn sie nicht unterwegs sowieso ein Buch einheimsen – kriegen am Ende ein Extrabuch oder sowas, großartiger Input bisher. Ich müsste langsam auch mal anfangen, die Bücher zur Post zu bringen ;-).

Diesmal mache ich eine kleine Änderung, weil ich mich zwar eigentlich entscheiden könnte, aber diesmal nicht will.

Gewonnen hat das Photo, dessen Einreicher-Name bis heute abend um 20:00 am häufigsten von verschiedenen Kommentatoren (also bitte nicht einfach selbst zuspammen) in den Kommentaren dieses Threads genannt wird. Ja, das ist manipulierbar, ich weiß. May the man with the largest circle of friends win.

Und heute nachmittag kommt dann das 7. Give Away.

09:31 Uhr. Kategorie Stuff. 38 Antworten.

TV on the Radio: Dear Science

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Zeit, ein paar Platten abzuarbeiten, bevor ich kaum noch weiß, wie sie klingen. TV on the Radio war nicht ohne Grund eine der angesagtesten Bands 2008 – die US-Alternativeband um Tunde Adebimpe lässt das aktuelle Schaffen von Bloc Party bei aller Mühe der Briten im Vergleich seltsam farblos aussehen. Ein wahres Dschungeldickicht übereinander gelagerter Loops und Sounds gibt einen fast pointillistisch verwirrenden Background, den nur Tundes smoother Gesang zusammenhält. Die Musik zitiert ungeniert bei Britpop (Halfway Home), bei US-Pop und Soul à la dem frühen Prince (Crying), bei Lofi-Electronica, ohne jemals beliebig oder unentschieden zu klingen. TV on the Radio lieben die Verwirrung, das Spiel, das chamäleonartige. Viel heller und niedlicher, sogar eingängiger, als der Vorgänger – und damit musikalisch oft völlig konträr zu den skizzenhaften, oft düsteren Texten – ist Dear Science ein Schritt für die Band, den nicht jeder mögen wird und der nach Ausverkauf riechen könnte, wäre er nicht in wirklichkeit eine großartige Zuwendung zur Popmusik, die Geschichte dieses Genres durchschreitend, vorbei an Bowie und Gabriel, vorbei an Michael Jackson, vorbei an den Smiths und den Beatles, vorbei an Gospel und Jazz und Marching Bands, vorbei Bombast und Pomp und großer Geste, aber auch am Minimalismus und den Klängen der frühen elektronischen Musik, vorbei an zackigen Discobeats, vorbei an Radiohead, vorbei an DnB-Klängen.  Wie Bloc Party auf Intimacy scheint die Band die eigene Plattensammlung durchzugehen, sprunghaft Sounds auszuprobieren, wie kichernde Teeniemädchen, die vorm Spiegel die Klamotten ihrer Mutter anprobieren. Und dabei sexy genug sind, in jedem alten Fummel unverschämt gut dazustehen – ähnlich wie Hot Chip auf Made In The Dark -, weil in dem Oszillieren der Stimmungen und Richtungen stehts das Exoskelett von musikalischer Komplexität und Gesang ohne zu wanken steht, der rote Faden nie ganz im Labyrinth aus dem Blick gerät.

Dear Science ist eine Platte, die wie viele andere aktuelle Veröffentlichungen auf eine Art Postmodernen Collage-Stil setzt, eine Art Appropriation Music, die ihren Sound aus Stilzitaten und Layering von Objets Trouvée zusammensetzt, wie man Pixel in Photoshop arrangieren würde, zu digitalen Kunstwerken aus Samples und Sounds, deren Konsum tatsächlich Konzentration verlangt. Bei vielen Bands gerät diese Art, Musik zu generieren, zur ermüdenden Fingerübung für Musiknerds, TV On The Radio aber machen sich den Mash-Up zueigen und gelangen tatsächlich zu einem eigenen Ergebnis, das eine Standalone-Qualität hat, auch wenn man nicht über Quellen und Zitate nachdenken mag. Vielleicht weil die Juxtaposition der Elemente – die der Bandname ja bereits vorwegnimmt – konsequenter und zugleich leichtfertiger betrieben wird als bei vielen anderen Bands, mit unerhört selbstbewusstem Gestus und zugleich doch suchend, Pop-Musik mit der dreisten Lässigkeit von HipHop, in der düstere Beats und rumpelnde Bass-Synthphrasen auf seltsam unpassenden Lalala-Gesang treffen (DLZ), und in nahezu jedem Song ähniche Sollbruchstellen integriert sind, das Eis nur trügerisch trägt und man immer Gefahr läuft, von der Band unter Wasser getrieben zu werden. Wo der Vorgänger Cookie Mountain eine fast nicht zu stürmende Festung war, ist Dear Science as der Weite gesehen strassbesetztglitzernder Pop, der aber umso psychedelischer und fraktaler wird, je mehr man sich ihm annähert, ohne je die Qualität des Vorläufers zu verlieren. Wo sich andere Band in der Erweiterung ihrer musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten verirren, stecken sich TV on the radio souverän scheinbar nur weitere Pfeile in den Köcher. Das Ergebnis ist lupenreiner ArtPop, den man beim ersten Kontakt liebt und in dem mit jedem weiteren Hören neue Nuancen und Ideen offenbar werden, Musik, die über Kopfhörer also eine ganz andere Welt ergibt als laut aufgedreht nachts über Boxen. Und viel mehr kann man doch kaum erwarten wollen.

09:11 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Licht

22. Januar 2009 23:04 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Decke

22:56 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Heldenbar: Kannibalen

Anselm Weber, keine Frage, macht in Essen so vieles goldrichtig, dass es nur konsequent scheint, ihn nach Bochum zu holen (auch wenn ich persönlich Weber in Essen gehalten und Oberender in Bochum gesehen hätte – zwei gute Leute so nah beieinander, das wäre ideal, fast Berliner Verhältnisse :-D). Wie viele andere Intendanten mixt er gekonnt Etabliertes und Experiment, Feuilleton und Bestseller, Klassiker und Progress, Politisches und Pretiöses, produziert – wie eben Hartmann Anfang 2000 in Bochum oder Khuon in Hamburg – Pop-Theater im allerbesten Sinne, mutiert das Theater zum breitgefächerten Angebot für die verschiedensten Zielgruppen, zu einer Art Senderfamilie von Klassik bis Alternative.

Zu solchen Konzepten, und den Freiraum des subventionierten Theaters nutzend, gehören natürlich Experimente – wie beispielsweise Elmar Goerdens schöne neue Nutzung des Theater Unter Tage als Kristo Sagors Wohn- und Spiellabor Neue Heimat, aber eben auch wie Webers Hoffnungsträger, in dem die Regieassistenten des Grillo in der Heldenbar, wo sonst Lesungen und Parties stattfinden, kleine Stücke inszenieren dürfen.

Vor eher familiären Kreis also präsentiert Christina Pfrötschner drei Männer in einem Boot – allerdings nicht Heinz Erhardt, Hans-Joachim Kulenkampff und Walter Giller, sondern Matthias Eberle, Fritz Fenne und Roland Riebeling, verstärkt von Nicola Mastoberadino. In dem kurzen Stück finden sich die drei Herren auf einer Art Floß wieder, ohne Proviant, und diskutieren bereits in situ ohne lange Umschweife, dass einer der drei sich wohl wird freiwillig den anderen zum Fraß wird vorwerfen müssen. Was sonst tatsächlich im Assessment-Center für angehende Führungskräfte in etwas milderer Form ein Psychotest ist – wer opfert sich, wer setzt sich durch -, gerät zum Duell zwischen Riebeling und Fenne, druck- und humorvoll und angemessen grotesk überzeichnet. Die nicht wirklich theatralische Umgebung und das Minimal-Bühnenbild sowie der schnelle, unverklärte und überzeichnete Handlungsaufbau bedingen, dass die Darsteller sich schlecht verstecken können, unmittelbar vor dem Publikum funktionieren müssen. Schnell entpuppt sich Riebeling als treibende Kraft von Sławomir Mrożeks Farce «Auf hoher See», wenn er nicht nur festlegt, dass einer der Schiffbrüchigen gegessen werden muss, sondern sich auch schnell auf einen Kandidaten festlegt, der vor allem eins nicht: Nicht er selbst. Es geht weniger um die ethischen und moralischen Fragen, als vielmehr um die rhetorischen Kniffe, mit denen die Oberschicht – Riebelings Figur «Der Dicke» entpuppt sich bald als Fürst, entgegen seinen Behauptungen, ein armer Waise zu sein – mit dreisten Lügen und Finessen die Unterschichte «auffrisst», zumal die Demokratie schon bald als untauglich entsorgt wird, nachdem es dem Fürsten selbst an den Kragen gehen könnte. Der Einakter, dem man mitunter die noch nicht post-ideologische Ernsthaftigkeit der Sechziger Jahre anmerkt, auch wenn die Regisseurin den Text spürbar gestrafft hat, überspitzt die Märtyrer-Demagogik dabei so drastisch, dass am Ende nicht nur Fennes Figur, ausgerechnet der Schmächtigste der drei, förmlich froh ist, sich für die Kameraden in den Kochtopf zu werfen, sondern auch das Publikum trotz der etwas schwerfälligen Ideologie des Textes gut unterhalten ist.

«Auf hoher See» ist ein Stück, das man meist an Amateurbühnen zu sehen bekommt, eine vielleicht bewusst bescheidene Materialwahl von Pfrötschner, die hier auf viele Tricks verzichtet, auf die junge Regisseure gerne hereinfallen. Keinerlei Effekte, keine Mätzchen, keine Schwurbeleien – das Stück wird klar und schnell, im besten Sinne klassisch, aufgezogen und die Regie konzentriert sich darauf, den Text zu gliedern, die besten Darsteller zu versammeln und diese ins ideale Licht zu rücken. Keine Spur von Sturm-und-Drang-Allürenoder dramaturgischen Extremen, mit denen andere Neo-Regisseure (und nicht nur die) sich profilieren wollen oder von anderen eventuellen Schwächen abzulenken versuchen, statt dessen der Mut, sehr nacktes und klares Theater – der Location angemessen – machen zu wollen und dem Stück an sich und seinen Absichten gerecht zu werden. Das ist, zumal für ein Nachwuchstalent, inzwischen ungewöhnlicher als man es sich eigentlich wünschen möchte und zeigt die kühle, fast filmerische Handschrift, die keine mehr sein will, die eher dokumentarisch und klar wirkt. Was andere Regisseure erst nach einer ganzen Weile können – ein Stück einfach sauber umsetzen und für sich wirken lassen – gelingt hier ad hoc so gut, dass man sich fast fragt, warum Pfrötschner hier unter dem Artenschutz des Hoffnungsträger-Banners und nicht längst auf einer größeren Bühne präsent ist… und umgekehrt vielleicht, ob sie den kleinen Rahmen der Heldenbar nicht eben doch für mehr Experiment hätte nutzen können. Vielleicht ist der Weg bei der neuen Generation von Regisseuren, erst verlässlich zu zeigen, was man handwerklich kann und sich dann zu entdecken, wenn man etabliert ist :-D.

21. Januar 2009 08:24 Uhr. Kategorie Live. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 06: Ar 100 The Black Book

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Black Book kürt die besten 100 Geschäftsberichte eines jeweiligen Jahres. Neben der etwas spürbaren Werbung in diesem im Stile von TDC- und ADC-Annual aufgemachten Büchlein mit vielen Arbeitsproben gibt es eben auch viele sehenswerte Annual Reports und Designarbeiten.

Der Deal: Wer mir bis morgen nachmittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

06:23 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

Greifer

20. Januar 2009 22:37 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 05: Die Photos

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Benjamin

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Friedemann

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Jann

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Tobalo

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Liz

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Richard

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Thorben

Und hier die Bilder zum Baginski-Giveaway. Schwere Bildauswahl, vor allem, wenn – wie bei Richard – Leute sozusagen erstmals ein Lebenszeichen geben (toll!). Mag Friedemann und Thorben sehr, aber gewonnen hat  Liz, weil das Bild zwar unterbelichtet aber irgendwie wirklich ikonisch ist. Morgen geht es weiter.

13:32 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 3 Antworten.

Treppe

19. Januar 2009 23:19 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Eine Antwort.

Zu Verschenken 05: Wir trinken so viel wir können, den Rest verkaufen wir

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Rainer Baginski ist lesenswert, weil nicht alle Tage ein Adorno-Student und Pardon-Autor unter die Werber gerät und jahrelang erfolgreich in großen Agenturen (u.a. TBWA) arbeitet, bevor er sich wieder dem Schreiben widmet. Sein 2000 erschienenes Buch über Werber und Werbung ist ein smarter, bissiger Einblick in eine seltsame Branche. Warum das Buch einen Fußabdruck hat, weiß ich selbst nicht – es ist aber nicht als Kritik am Inhalt zu deuten.

Der Deal: Wer mir bis morgen nachmittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

18:37 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 04: Die Photos

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Johannes

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Benjamin

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Carsten

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Jann

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Jesus

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Johannes B.

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Lars

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Nina

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Tobalo

Die Photos, die zu den beiden Schönsten-Bücher-Deutschland-Giveaways kamen. Nice stuff. Zur Feier der neuen Kamera und weil das Motiv einfach FTW ist, kriegt Nina die beiden Büchlein :-D. Ihr anderen bleibt mir bitte fleissig bei der Sache, ich liebe die Bilder und es gibt genug für mehr als alle. Gleich gehts weiter.

18:31 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 9 Antworten.

Fahrräder

10:12 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Zeiten Des Aufruhrs (Revolutionary Road)

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Es ist natürlich kein Zufall, dass American-Beauty-Regisseur Sam Mendes die Rolle von April und Frank Wheeler mit dem Kino-Traumpaar Kate Winslet und Leonardo DiCaprio besetzt hat. Die – inzwischen separat zu ernsthaften Darstellern gereiften – Titanic-Stars versprechen die große Liebesgeschichte, die zeitlose Romanze, in pastellfarbene Töne getauchtes Ausstattungskino – und wer nur oberflächlich den Trailer sieht oder den (schon beim Buch) unpassenden deutschen Titel, der aus Richard Yates’ zynischen »Revolutionary Roads» ein eher nach Vom Winde verweht klingendes «Zeiten des Aufruhrs» macht. Kein eingedeutschter Titel könnte irreführender sein, denn um Aufruhr geht es in diesem Film keine Sekunde. Selbst das Plakat wirkt einlullend – auf den ersten Blick. Vielleicht ist es Kalkül des Regisseurs, Publikum anzulocken, das auf die oberflächlichen Ködersignale des großen großen Hollywod-Kitsches mit vorgeplantem Happy End anspringt, Yates Romanvorlage nicht kennt, und sich ahnungslos in Mendes Honigfalle begibt.

Schließlich beginnt der Film ja harmlos genug mit einer großen Romanze – der klassische Blick auf einer Party quer durch den Raum, sie ist fasziniert, er ist mit einem coolen Spruch unterwegs, man tanzt, man verliebt sich. Es ist 1955, die Zeit für große Träume, sie will Schauspielerin werden, er ist Hafenarbeiter ohne Ziele, aber mit Clinton-esquem Charisma. Es entspricht fast der Sehgewohnheiten des Publikums moderner Seifenoper-Liebesgeschichten, dass der Film vor dieser Rückblende mit einer Krise einsetzt, April, die Schauspielerin, vor dem Scherbenhaufen ihrer Schauspielerträume, in einer zweitklassigen Amateurproduktion, ihren Text verhaspelnd, unbegabt, schlecht selbst unter den anderen Laiendarstellern, was ihr selbst wie auch dem Publikum schmerzhaft bewusst ist und in einem wütenden Streit mit Frank endet. In der Logik heutiger Produktionen wird das Paar Kraft der gemeinsamen Liebe diese Krise überwinden und uns Zuschauer zum Happy Ende begleiten, und so schafft es Mendes, glaubhaft zu machen, dass Aprils Entscheidung, aus der Enge des Vorortlebens auszubrechen und nach Paris zu flüchten, die Route zum Glück ist. Ich bin fest überzeugt, im Publikum gibt es eine Vorprogrammierung auf einen guten Ausgang der Geschichte, der selbst noch greift als April ungewollt schwanger wird, der fremdgehende, unsichere Frank zusehends versagt und die Geschichte eskalierend düster wird. Umso kraftvoller, nur denkbar vor dem Hintergrund dieses Bluffs, gelingt die Wende zu dem düsteren, toten Ende, das den grundlegenden Tonus von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, der sich wie Mehltau über die nur oberflächliche Eleganz der 50s legt, besiegelt.

Mendes gelingt es, dem Buch gerecht zu werden und aus dem Klassiker von Yates einen umwerfenden, werksgetreuen und doch aktuellen Film über eine zerbrechende Ehe und den erstickenden American Dream zu produzieren, der sich oft fast zitierend an Vorlagen wie Richard Brooks Fassung von Cat on a hot tin roof orientiert. Mit einer an Pinter gemahnenden Gründlichkeit erfreut er sich zugleich am Bombast der Zeit – den Hüten, den Autos, den Uhren, den Möbeln – und präsentiert nicht hinter, sondern sozusagen vibrierend an gleicher Stelle simultan daneben, flirrend wie bei einem Vexierbild, nicht versteckt, sondern die ganze Zeit präsent, wenn man nur etwas anders aus den Augenwinkeln hinblickt, die ganze Leere, Frustration und Absurdität von individuellen Träumen in einer engen, konformistischen Gesellschaft. Der Clou dabei ist, dass es keineswegs so ist, dass die Wheelers zu größerem berufen sind und von ihrer Umwelt erstickt werden – sie sind, das zeigt die Eröffnungsszene, keineswegs begabter, sie sind, das zeigt Franks Geldgier und Seitensprung, keineswegs moralischer, als ihre spießigen Nachbarn. Sie reden sich nur ein, dass ausgerechnet sie besser seien als die anderen, und scheitern an ihrer eigenen Hybris. Dass auch die anderen Nachbarn – genau wie die Wheelers – große Träume im kleinen Leben haben, zeigt sich an Shed Campbell, der von seiner Ehe und den vier Kindern frustriert die große Liebe in April sucht, und wenig mehr kriegt als kurzen, betrunkenen, miesen Sex und einen lang anhaltenden schlechten Nachgeschmack. Shed, Frank und sogar Howard Givings, der am Ende sein Hörgerät leiser dreht, um das endlose Geplapper seiner Frau nicht mehr ertragen zu müssen, zeigen den inneren Tod der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft, nach außen hin konformistisch, innen ausgebrannt und stumm, zurückgezogen. Am Ende hat der weiche, passive Frank die Karriere, für die er Paris aufgegeben hat und stirbt innerlich. Der einzig freie, der einzig wahre Mensch, ist der geisteskranke John Givings (perfekt: Michael Shannon), der als Stimme des Autors, gleichsam als griechischer Chor als einziger in Suburbia die volle, bittere Wahrheit sagt, wütend und frustriert – und dessen Ausbruch zugleich vielleicht April dazu bringt, ihr Kind befreien zu wollen. Denn während April zunächst an Abtreibung denkt, um die Reise nach Paris, die Beziehung, die Träume zu retten, so ist die Tat am Schluss eher das resignierte Zugeständnis von Hoffnungslosigkeit, die einzig denkbare Flucht – für ihr Kind, aber auch für sie selbst – der Tod.

Winslet und insbesondere DiCaprio schrammen hier oft am Overacting vorbei, zu sehr im theatralischen Bühnenmodus oder in den Rollen von Paul Newman und Liz Taylor, zu laut für die leise Verzweiflung, und vielleicht dadurch doch wieder glaubhaft. In den Streitsequenzen offenbart sich, dass wir alle im Streit Theater spielen – eben theatralisch sind – zu laut, zu schrill, zu aufgesetzt wirken. Hinter DiCaprios aufgesetzt maskulinem Streitgehabe offenbart sich seine Schwäche, seine Eitelkeit, seine tatsächliche Leere. Frank Wheeler ist nicht der kluge Arbeiter, den April in ihm sieht, der sich nur finden und entwickeln muss – er ist kein Talent. Und genau davor hat Frank Angst. Angst, sich beweisen zu müssen und zu versagen. Statt dessen treibt er lieber weiter im vertrauten Wasser, in einem Job, der es ihm ermöglicht, in falscher, gespielter Arroganz auf seine Kollegen herabzublicken und die kleinen Sekretärinnen zu beeindrucken und ins Bett zu kriegen, den Vorgesetzten zu gefallen, die er nicht ausstehen kann. Franks Wutausbrüche sind das maskuline Imponiergehabe eines Verlierers, und so realisiert April nicht aufgrund des Streits an sich, sondern vielmehr des weichen, konturlosen Vakuums hinter Franks smarter Fassade, dass sie sich in ein Trugbild verliebt hat. Heute würde April wahrscheinlich mit beiden Kindern abhauen und in der Großstadt einen Laden für Feng-Shui-Zubehör eröffnen, im Vorstadtmilieu der Fünfziger ist dieser Ausweg undenkbar, April ist gefangen in einer Situation, die von einem Moment zum nächsten ihre bodenlose Hoffnungslosigkeit enthüllt hat.

In einer der besten Sequenzen im Film zeigt Mendes den Morgen nach dem großen Bruch, in ruhig getakteten Bildern des makellosen Magazin-Haushaltes der Wheelers. Das Morgenlicht, die bewegungslosen Bilder, die seelenlose Einrichtung, deren Fünziger-Jahre-Charme nach der Eruption seltsam verlogen und falsch wirkt. Es ist eine großartige Einführung in die Frühstücks-Sequenz, in der April sich als Stepford Wive verkapselt und Frank die perfekte Hausfrau gibt. Ob sie hier wirklich versucht, in der inneren Isolation, auf diesem Wege die Ehe zu retten und zu «funktionieren», daran scheitert und dann die Heim-Abortion durchführt, oder ob sie es von vornherein als eine Art Abschied sieht, nur einmal die brave, angepasste Hausfrau sein, die sich Frank in Wirklichkeit wünscht anstelle der, die sie wirklich ist – diesen Deutungsspielraum lässt Mendes offen, und so viel Ambivalenz muss auch sein dürfen. Die ganze Perversion der Beziehung wird hier leise, deutlicher als in dem Geschrei der Nacht davor, offenbar, die Leere hinter Aprils großen Träumen. Während das Buch aus Franks Perspektive erzählt ist, macht sich der Film unverhohlen Aprils Standpunkt zu eigen (vielleicht nahe liegend, da Winslet mit Mendes verheiratet ist), sympathisiert mit der Tragödie der freien Frau in einer Zeit, als solche Freiheit noch undenkbar war.

In diesem einen Punkt greift Mendes vielleicht zu kurz – durch seine fast makellose, lustvolle Wiederauferstehung der fünfziger Jahre (die er seltsam unpolitisch präsentiert, frei von der ganzen McCarthy-Antikommunismus-Stimmung jener Zeit) verführt er zu der Annahme, dass die zerrütteten Beziehungen, die Tristesse, die kleinen Träume und der Wunsch, ein bürgerliches Leben zu führen, ohne einer von ihnen sein zu müssen, nur auf diese Periode beschränkt seien. Mendes präsentiert April Wheeler als eine Frau von «heute». deren Freiheitswunsch nach Selbstverwirklichung und Ichfindung ganz Kind der Postmoderne zu sein scheint, gefangen in der Nachkriegswelt der Moderne, eine Frau, die ihrer Zeit voraus ist. Besonders deutlich wird dies an ihrem relativ modernen Umgang mit Abtreibung als Chance, ihr eigenes Leben zu steuern, nicht lediglich Muttermaschine zu sein. In einem perfiden Twist fällt Mendes so auf die gleichen Illusionen herein, die Yates zu sezieren versucht – der Regisseur glaubt sich seinen Subjekten und ihrem Umfeld überlegen, befreiter, und kann so dem Zuschauer die gleiche Lüge verkaufen. Wenn der alte Givings am Ende sein Hörgerät herabdreht, entlässt und Mendes in eine Druckkammer zurück in unsere Zeit und wir dürfen uns dem Trug hingeben, dass solche Dramen in die Vergangenheit gehören. In die Zeit von Tennessee Williams, Raymond Carver oder Edward Albee und dessen 1966 mit Richard Burton und Liz Taylor verfilmtes Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Es ist die eigenartige Leistung von Mendes’ Verfilmung, dass sein Film sich «anfühlt» wie die großen bürgerlichen US-Dramenfilme der sechziger Jahre, eine Gattung, die heute fast in Vergessenheit geraten ist oder den Biss verloren hat. Mit diesem Look-and-Feel wirkt Revolutionary Road seltsam anachronistisch, ungewohnt «großes Kino» nach dem eher reality-orientiertem Jarhead, und doch reicht ein Blick auf Mendes deutlich leichteren American Beauty, um zu sehen, dass die grundlegenden Spannungen in der Fassade der Alltagslügen geblieben sind – in vieler Hinsicht bilden beide Filme eine Art Klammer.

«Wir können hier glücklich sein», sagt Frank an einer Stelle zu April. Mendes Film zeigt schonungslos, warum es in der Revolutionary Road kein Glück geben kann.

09:27 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Emma

18. Januar 2009 23:12 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Neal Stephenson/Frederick George: Interface

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Neal Stephenson, vor allem durch seinen Cyberpunk-Klassiker Snow Crash bekannt, hat Interface aus gutem Grund ursprünglich unter dem Pseudonym Stephen Bury  veröffentlicht – gemeinsam mit seinem Onkel J. Frederic George (tatsächlich der Historiker George Jewsbury.. daher rührt das Bury im Pseudonym) geschrieben, ist ein vergleichsweise linearer Thriller, der wenig mit Stephensons oft barock-komplexen und auch etwas hipperen eigenen Werken gemein hat. Der Aufbau folgt der Logik von Crichton- oder King-Büchern (minus dem Horrorelement), führt eine ganze Anzahl von Figuren und narativen Situationen ein, die schließlich zusammen zum Crescendo der Geschichte führen.

Die Geschichte dreht sich um Senator William A. Cozzano, der nach einem Schlaganfall einen hochexperimentellen digitalen Chip eingepflanzt bekommt. Was er nicht weiß: Hinter der Entwicklung des Chips steckt eine mächtige Gruppe von Industrieführern, die mit unfassbarem Aufwand gezielt möglich machen, dass Cozzano diesen Chip erhält, um ihn zum Präsidenten der USA machen zu können. Denn der Chip ermöglicht das Feedback einer 100 Personen umfassenden Panel-Gruppe direkt zurück zu Cozzano. Was immer er im TV sagt und tut, sein Wahlkampfleiter bekommt sofort biometrisch die Reaktion einer ausgewählten Testgruppe und kann seinen Kandidaten live und direkt reagieren lassen. Um diese vergleichsweise einfache Idee entwickeln die beiden Autoren auf über 600 Seiten eine Art Frank-Capra-on-Acid-Plot, eine Mischung aus Terminator und Primary Colors, Machurian Candidate und Demokratiegeschichtsstunde. Der SF-Touch ist sehr gering ausgefallen und eigentlich nur wirklich störend ist hier die Idee von The Network, einer düsteren Unternehmergruppierung, die die Politik der USA zu kontrollieren versucht – ein klares Zugeständnis an den Thriller-Aspekt des Buches und wichtig, um die Story in Gang zu bringen und die Finanzierung plausibel zu machen, aber irgendwie ein wenig zu sehr aus einem schlechten TV-Plot entsprungen. Ähnlich grobmotorisch ist die Figur der Eleanore Richmond, die nur allzu offensichtlich die Verkörperung des American Dream ist – von der Bag Lady zur First Lady. Die Story fühlt sich an wie eine Kinohandlung für einen Sommerblockbuster, in dem auf Hängen und Würgen am Ende noch Action sein muss. Wirklich gut tut das dem Buch meist nicht, das sich durch diverse an den Haaren herbeigezogene Plotwendungen, Abstrusitäten und ein fast schon wieder famos surreal anmutendes Deux-ex-machina-Ende sicherlich eigentlich eher als Buch für Bahnreisen oder Strandurlaube empfiehlt.

Während die Handlung also zwar fesselnd, aber auch erschreckend leichte Kost ist – inklusive einem Attentäter, der Cozzano sehr rabiat zu «befreien» versucht – besticht das Buch nicht nur durch die ausgedehnte Detailbeschreibungen, sondern vor allem durch einen überzeichneten Einblick in die Taktiken von Wahlkämpfern, Pollstern und Spin Doctors. Der wahre Reiz von Interface ist, dass hinter dem Bahnhofsbuchhandlung-Plot eine giftspritzende Satire stattfindet über Zielgruppen, Umfragewerte und Politiker, die von ihren Beratern und Medienprofis ferngesteuert sind. Das die amerikanische, aber auch die deutsche Wirklichkeit da längst soweit ist, beweist nicht zuletzt ein Kanzler, der aus der BILD zu erfahren glaubt, was das Volk denkt. Der Clou des Buches – das Cozzano sich kurz vor der Wahl aus dem Rat Race um die Präsidentschaft nimmt und seinen Ekel über die verzweifelte Stimmenjagd zum Ausdruck bringt… und zwar genau auf Anraten seiner Wahltruppe, die dank ihrer High-Tech-Methoden genau weiß, dass nur so die Wahl zu gewinnen ist – führt wunderbar ins Surreale: Selbst der Rückzug aus der Werbung dient der Werbung.

Unter der eher ein wenig unspektakulären Thriller-Karosse verbergen Stephenson und George also durchaus dem Background beider Autoren zustehenden sozialen Kommentar, der, obwohl 10 Jahre alt, eben auch zur letzten Präsidentschaftswahl allzu gut passte – und der mitunter den wahren Spannungsbogen eines Buches ausmacht, dessen größtes Problem vielleicht ist, das auf dem Klappentext bereits der Clou verraten wird, das Buch aber hunderte von Seiten braucht, um dorthin zu gelangen. Die besten Szenen des Buches widmen sich nicht der neurologischen SF-Schiene oder der Thriller-Handlung, sondern behandeln – verzerrt – die Verzahnung von Marketing und Wahlkampf, die Frage nach Moral in der Politik und inwieweit man in diesem Geschäft noch authentisch sein kann, darf oder sogar muss. Dass am Ende die schwarze Eleanore Richmond als anständigste Figur des Buches durch Eulenspiegele, Zufall und Glück wirklich die Präsidentin wird, ist eine vielleicht zu optimistische Botschaft – so viel Capra-esques Happy End muss wohl sein -, aber die Tatsache, dass die beiden Autoren, um zu diesem Schluss zu kommen, nahezu Kriegsrecht über die USA verhängen müssen, um die Verflechtung von Wirtschaft und Politik zu bereinigen, schafft einen zynischen und ernsten Unterton am Schluss, einen wunderbar mandeligen Zyankalikern in der oft allzu klebrigen Zuckerwatte des Bestseller-Plots.

15:42 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Christoph Ingenhoven bei Arte

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Gestern live im Fernsehen, heute in zwei Teilen bei arte: Das Interview mit dem deutschen Top-Architekten Christoph Ingenhoven, für den wir seit über zehn Jahren on und off arbeiten, 2008 sogar recht intensiv (auch wenn sein neues CD und die Site von KMS stammen). Christoph ist nicht nur einer der Architekten, die sich Sustainability und denkende Architektur schon auf die Flagge schrieben, als es noch nicht Mode war, sondern in Wettbewerben und Premium-Projekten immer wieder jemand, der es mit seinen Architekten schafft, ikonographische, spannende Architektur nicht aus gestaltertischer Eitelkeit, sondern als Notwenigkeit, als Lösung zu erfinden. Ingenhovens Denken über Architektur, sein Arbeitsfieber, sein Perfektionismus und sein Drive sind uns über die Jahre immer wieder eine Inspiraton gewesen. Wir freuen uns wirklich immer, in die Projekte seines über Jahre gewachsenen, hervorragenden Team in Düsseldorf einzutauchen.

Ich hätte mir den Arte-Beitrag vielleicht ein wenig mehr als «echtes» komplettes Feature über das gesamte Büro und den Output von Ingenhoven Architekten gewünscht, aber ein Einblick in Christophs Denken ist so oder so immer sehenswert.

Danke an Ben für den Tipp.

14:35 Uhr. Kategorie Online. Tag . 2 Antworten.

Looking For Something New…

… I always feel a kind of restlessness, always this need for something new, to make something we haven’t seen yet or that you think isn’t there. That’s what keeps it exciting or interesting, or more of a challenge. But it’s also, I think, why so much of the work sort of fails, or, I mean, when you look back over it like this it seems full of mistakes and bad choices and missed opportunities. But you have to thake these risks. Perhaps  it’s unnecessary, I don’t know, but that’s design. Design is a risk you take.
Linda van Deursen/Armand Mevis

17. Januar 2009 20:00 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Grounded

16. Januar 2009 14:13 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 04: Die Schönsten Deutschen Bücher 1996 und 2000

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Diesmal gibt es gleich zwei Bücher zusammen: Die schönsten deutschen Bücher 1996 und 2000, zwei schöne kleine Büchlein mit dem jeweils besten Coverartwork aus dem deutschen Raum der beiden Jahre.

Der Deal: Wer mir bis Montag mittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt die Bücher und trägt nur das Porto selbst.

09:35 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.

Zu Verschenken 03: Die Photos

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Benjamin

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Jakob

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Nochmal Jakob

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Jann

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Phil

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Sylvia

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Nochmal Sylvia

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Stefan

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Tobalo

Hier die Photos zum 3. Giveaway. Wieder sehr unmöglich, sich zu entscheiden. Aber alles in allem – und auch ein bisschen aus Nostalgie und vielleicht eil gestern Oma Esch Geburtstag hatte und es so schön dazu passt – schicke ich die beiden kleinen Büchlein an Sylvia (ich bräuchte aber noch einmal deine Adresse :-D). An alle anderen: Keine Bange, es gibt echt noch mehr als genug Bücher, die weg müssen und ich hoffe, ihr habt noch Geduld, Lust und eine Menge Bilder auf Lager, ich mag sie wirklich alle und freue mich über jedes.

08:28 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 2 Antworten.

Monsterism Island

01:25 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 03: Color

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Und das dritte Giveaway, zwei relativ schmale Bücher mit Farbklaviaturen und Farbguides, die ich verschenke.

Der Deal: Wer mir bis morgen mittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt das Buch und trägt nur das Porto selbst.

14. Januar 2009 15:04 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

Leuchter

05:00 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Zu Verschenken 02: Die Photos

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Markus

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André

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Benjamin

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Bernhard

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Daniel

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Jakob

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Jann

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Klaus

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Lars

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Nina

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Tobalo

Die Photos zum zweiten Zu-verschenken-Buch. Großartige Sachen dabei. Ich finde es echt schwer, mich zu entscheiden und kann nur sagen:Es gibt noch eine ganze Stange netter Büchlein, bleibt dran, und schickt weiter ein. Wichtig ist mir nur, dass die Photos wirklich von euch sind – obwohl man das ja eh nie nachrpfüen könnte.

Unterm Strich mag ich die Oma im letzten Bild einfach so sehr, dass das Buch an Tobalo (Cristóbal Márquez) geht.

Danke fürs Mitmachen, morgen gehts weiter.

13. Januar 2009 17:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 17 Antworten.

Comeback

Maximilian Plettaus Dokumentarfilm von 2007 zeigt den Comeback-Versuch des ehemaligen Supermittelgewicht-Meisters Jürgen Hartenstein. Der Film zeigt in ruhigen, grobkörnigen Low-Budget-Bildern das Leben von «The Rock» Hartenstein, der sich – bewusst oder unbewusst – selbst nach medialen Vorbildern stilisiert. Er lebt in einer kargen Wohnung, die fast uneingerichtet junggesellig wirkt, trainiert am Sandsack auf seinem staubigen Dachboden, joggt durch den Park, besucht seine Großmutter, macht Joga, arbeitet als Türsteher und versucht, von einem Internetcafé aus telefonierend, immer wieder einen Fight in New York aufzutun, um zum Boxen zurückzukommen. Plettau, selbst an der Kamera, mit seinem Cousin als Tonmann, hat in seiner Abschlussarbeit einen stillen, wunderbar zurückhaltenden Film erzeugt, dessen grundsätzliche Sympathie für Hartenstein greifbar, der aber in seinen unkommentierten, langen Einstellungen auch Raum lässt für einen Blick hinter die Selbstinszenierung eines geschundenen Menschen, einen Einblick gibt in eine unbekannte Welt – was die beste Eigenschaft jedes Dokumentarfilms ist.

Es gibt in Stranger Than Fiction von Chuck Palahniuk eine Reportage aus der Welt des Amateurringens, die sich wie eine Fingerübung für Palahniuks Debüt Fight Club liest. Eine Welt, in der die Kämpfer kein Geld verdienen und sich trotzdem das Gesicht zu Brei schlagen und die Knochen brechen lassen, in der sich die Ringer gegenseitig an ihren deformierten Blumenkohlohren erkennen, wie eine geheime Schattenwelt, eine Secret Society, ein geheimer Kreis von Eingeweihten. Nicht anders wirkt die Welt von Hartenstein und seinem Trainer / Freund Markus Kone, der im Laufe des Films versucht, sein eigenes Gym aufzubauen. Es ist eine Welt von Männersymbolik, von Schlagworten wie Kameradschaft und Ehre, von gegeneinanderschlagenden Fäusten, von alten Weggefährten. Eine Welt, die nicht zufällig in ihrem Männergeruch an Soldaten erinnert, Gladiatoren, Samurais. Und Hartenstein, mit seinen kurzgeschorenen Haaren, seiner massigen Figur fühlt sich in dieser Welt sichtbar daheim, man spürt das Exoskelett eines unsichtbaren und alten Ehrenkodex, der ihn zusammenhält, wo andere nach einem solchen Karriereknick, einem solchen beruflichen und privaten Absturz, zusammenbrechen würden. Comeback zeigt ein Leben, das nüchtern betrachtet, eine Ruine ist, wenn die Kamera in Hartensteins kargem Zimmer langsam über Bilder des Boxers mit Axel Schulz oder den Klitschko-Brüdern streicht – die, die es geschafft haben, die oben geblieben sind. Hier ist ein Mann ohne Beziehung, ohne soliden Job, ohne Geld, der mit seiner Großmutter im breitesten pfälzischen Akzent über Buntwäsche diskutiert, der in seinem Dead-End-Job Türen öffnet und schließt. Zusammengehalten, aufrecht gehalten wird Hartenstein vom Mythos des Boxens, des Kämpfens, von dem Rocky-Mythos, den der Film mehrfach zitiert (etwa wenn Hartenstein Treppen hinaufjoggt, oder später in Philadelphia Stallones kleine Fußabdrücke betrachtet oder Passanten, an denen er vorbei läuft, das Rocky-Theme singen) – und der bereits im ersten Moment, wenn The Rock auf dem Dachboden schwitzend und keuchend in den Sandsack prügelt, deutlich wird. Boxen ist legendär, seit Ali, der Ausweg aus dem Ghetto, das DSDS der Jungs, die nicht die Goldkehle, aber eben harte Knöchel haben.

Es ist dieser Kodex, dieser amerikanische Traum vom Aufstieg aus der Gosse, der Jürgen Hartenstein zusammenhält, ihm Richtung und Kraft gibt. Kone und The Rock sind im besten Sinne Träumer, Optimisten, die sich in einer Subkultur bewegen, die bei aller Härte von diesen Träumen zehrt, sie ausnutzt und verkauft. Nirgends ist die Wunschmaschine des Kapitalismus in ihren Versprechen und ihren Abgründen so deutlich abgebildet wie im Sport, wo sich jeder einzelne bis aufs letzte ausbeutet und verkauft, wo es nur ganz unten oder ganz oben gibt, kaum Mittelfeld.


Dass auch der Traum von den USA am Ende leere Verlockung bleibt, zeigen Plettaus Bilder eines winzigen Hostels in New York, eines auf dem Times Square fast rührend verlorenen wirkenden Hartensteins, und des herabgekommenen Box-«Palast» in Philadelphia. In dem schäbigen Brownstone bekommt Hartenstein, dessen ganze Existenz in diesem einen Moment kondensiert, an dem alles hängt, in nur zwei Runden von einem zehn Jahre jüngeren, schlankeren, größeren und völlig entspannten, fast bekifft wirkendem Max Alexander nach allen Regeln der Kunst vermöbelt wird und nach einem ziemlich zweifelhaften Bodengang verliert. Für Alexander nur ein weiterer Sieg, für Hartenstein sichtbar die Niederlage seines Lebens. Umso unfassbarer, dass der Film damit endet, während bereits der Abspann läuft, dass Hartenstein erneut versucht, einen Kampf in den USA zu arrangieren. «Sieg ist eine Kette von Niederlagen» ist ein Motto des Films – und Hartenstein lebt das vor. Man kann nicht, bei aller Klarheit darüber, dass er mediale Klischees nachlebt, umhin, einen Respekt für die innere Würde und Energie von Jürgen Hartenstein zu fühlen, der im Laufe des Films im besten Sinne zu einem gebrochenen Helden wird, den man von ganzem Herzen einen Sieg gewünscht hätte.

Comeback belegt, wie sehr Dokumentarfilme heute in Sachen Humor, Dramaturgie und Wucht längst spannender sind als teure Hollywoodproduktionen. Vielleicht,weil das Klischee, dass nichts spannender ist als das echte Leben, wahr ist, vielleicht weil sie eine willkommene Abwechslung zur Freudschen Illusionsmaschine Hollywood sind und wir uns in den semi-realen Bildern eher wiederentdecken, in Ruhe und jenseits des puren Voyeurismus hinter die Fassade unser eigenen Inszenierungen und Illusionen blicken dürfen. Dass der Film dabei tatsächlich fast der fiktionalen Rocky-Narration folgt, ist dabei kein Zufall, sondern zeigt die enge Verzahnung von medialer Erzählung und echten Biographien, die sich an diesen Angeboten bereitwillig orientieren. Die Erkenntnis, wie erbärmlich vorgelebt und vorgekaut sich unsere Leben gestalten, prädestiniert durch Filme, Musik, Klischee, ist die vielleicht erschreckendste Wahrheit, die Plettaus Film belegt.

15:59 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 02: Also ich glaube Strom ist Gelb

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Geschenkt: aus meinem Bücherregal zu euch. Diesmal Bernd Kreutz Insiderbericht über das Branding von Yello Strom. Lehrreich und spannend wie ein Krimi :-D.

Der Deal: Wer mir bis morgen mittag das schönste Photo fürs Blog per Mail zuschickt, kriegt das Buch und trägt nur das Porto selbst.

12. Januar 2009 14:09 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.

Feld

11. Januar 2009 19:48 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Slavoj Žižek: Violence

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Nacdem Daniel van der Velden mir Žižek empfohlen hatte – von dem ich nur die DVD The Perverts Guide to Cinema kannte – habe ich mir drei Bücher bestellt, bei deren oberflächlichen Durchblättern schon deutlich wird, dass Žižek sich in einem sehr engen theoretischen Gerüst bewegt, eine Art poststrukturalistischer Melange aus Lacans psychoanalytischen Ansätzen, mit Kant, Hegel, Marx und einigen anderen für den soziophilosophischen Bereich, eine Plattform, von der aus er nahezu jedes soziale Phänomen betrachten kann, sei es Popkultur oder der israelisch-palästinensische Konflikt. Geschickterweise fängt das wie ein Musikstück in Sätze unterteilte Buch recht niedrigschwellig an, um sich im Laufe des Buches wie ein derwisch von Thema zu Thema zu hangeln, oft hart an dem Punkt, wo man sich fragt, wie dieses Buch jemals Kohärenz gewinnen soll, und wird dabei zunehmend theoretischer, wenn auch nie so tief wie in For they know what they do. Žižek ist einer der vielen Theoretiker, die sich an Lacan abarbeiten, aber kaum jemand ist so bemüht wie er, ihn nahezu universell anzuwenden, wie eine Art psychoanalytisches Schweizermesser. Dass man hier oft an die renzen des Blödsinns kommt, kennen wir von dem Missbrauch Freudschen Kanons bei der Analyse gesellschaftlicher (und eben nicht individueller) Phänomenologien. Ich bin nicht sicher, ob irgend eine Theorie dieser Nutzung wirklich lückenlos gerecht werden könnte, und so knirscht es auch hier öfters, wenn Žižek zu große assoziative Bogen spannt und die klaffenden Lücken in seiner Argumtentation mit schierer erzählerischer Finesse zuspachtelt.

Die Stärke Žižek ist, dass er kaum je trocken schreibt. Ähnlich wie McLuhan oder Sloterdijk – den Žižek in Violence heftig kritisiert -, vermag Žižek eine lesbare Mischung aus Theorie und Praxis zu präsentieren, und in Violence gelingt ihm dies kunstvoll. Ausgehend von der simplen These, dass es neben der subjektiv wahrnehmbaren Gewalt auch eine strukturelle, objektive Gewalt gibt, die sich in der Ökonomie, Politik,  Sprache, den Normen und Kodierungen gesellschaftlicher Realität niederschlägt. Bereits in dieser Behauptung steckt ein zentrales Leitmotiv des Buchs – nothing is as it seems. Žižek arbeitet fast ausschließlich nach der Methode, kontra-intuitiv davon auszugehen, dass eine allgemein als richtig angenommene These unweigerlich falsch ist und sich dahinter mehr verbirgt. Gewalt ist ergo eben nicht ein Terroranschlag oder Bürgerunruhen, sondern diese bilden nur symptomatischen Charakter für die tatsächliche «normale» Gewalt, vor deren Fond die Symptome sich abzeichnen. Paradoxien dieser Bauart finden sich im gesamten Buch, was durchaus auch den Spaß an Žižek ausmacht – wie ein Detektiv findet er Symptome und Spuren, auf deren Basis er oft gewagt konstruierte Thesen baut, die dem gesunden Menschenverstand einerseits völlig widersprechen, andererseits absolut einleuchtend wirken. Wie in einem Lynch-Film baut Žižek so eine Konter-Realität, und der Gestus des Vorhang-Beiseiteziehens in eine andere, tiefere Realität hinter der Realität, zeichnet seine Arbeit aus. Ob er sich mit der Idee von Nachbarschaft und dem Anderen befasst, mit globalisiertem Kapitalismus oder mit Filmen – stets gewinnt man bei Žižek den Eindruck, einer zweiten, unsichtbaren Schicht gewahr geworden zu sein, die etwas absurd genau das Gegenteil dessen ist, was die erste Schicht zu sein schien. Schon Steve Jobs und Bill Gates als «liberale Kommunisten» zu bezeichnen oder Stalins Umgang mit den russischen Intellektuellen als angemessen zu bezeichnen macht die Taktik hier klar – Žižeks Rhetorik wirbelt dem Leser den vertrauten Boden unter den Füßen weg und macht ihn zum einzig verlässlichen Reiseleiter bei diesem Trip in die Un-Welt. Žižek stellt die unmöglichsten, gewagtesten Thesen auf, die man sich denken kann, um diese dann elegant und plausibel zu untermauern. Oft gerät ihm das in der Jonglage von Realem, Symbolik und Imagination dann zum reinen intellektuellen Kartentrick, zur Masche, zum Show-Off, aber oft fungiert Žižek so zumindest als Agent der Unsicherheit, der die Fugen aus dem Beton ungeschriebener gesellschaftlicher Regeln schlägt und sagt: «Yeah? Really??». as ganze wirkt dadurch sehr politisch unkorrekt, der skandalös, und auch wenn diese Technik nicht immer wirklich treffend funktioniert, so etwa am Ende des Buches, das auf die sich aufdrängende Frage «Was tun gegen Gewalt» ein lakonisches «Nichts» antwortet, wo man als Leser schon sehr vermutet, dass Žižek einfach auch verdammt gerne unberechenbar und anti sein möchte, einfach um unberechenbar und anti zu sein. Dennoch ist die permanente umkehrung des teleologischen Denkens natürlich eine sinnvolle Übung, die symbolische Verfremdung der Welt nutzen, um das Gewohnte und Alltägliche, überhaupt erst wieder denkbar zu machen. In diesem Sinne ist Žižek einer der wenigen Autoren, der klug genug ist, alles in Frage zu stellen, sogar sich selbst, in einer oft seltsamen Mischung aus absoluter Überzeugung und einer subtilen Ironie, die klar macht, dass er jederzeit ebenso vehement und mit eben so fundierten Argumenten auch das absolute Gegenteil verfechten könnte. Der permanente Provokateur und grandiose Erzähler Žižek ist von der neuen Linken  massiv vereinnahmt worden – und eindeutig ist aus seinem Werk, von den Jacobinern über Stalin bis zur Kritik am postideologischen Kapitalismus – eine seltsame Hassliebe zum Kapitalismus zu greifen. Fasziniert vom Erfolg des Systems, und offenbar völlig eingebettet in die ja nun mal kapitalistisch geprägte Kulturwelt des Westens, die er in ungezählten Buch-, Film- und sogar Comiczitaten nutzt, beschreibt Žižek den globalisierten «demokratischen» Kapitalismus als Idee am Ende ihrer Kraft, mit durchschlagender neurotischer Wirkung in die Gesellschaft. Hier zaubert er wenig überraschend Ernesto Laclau aus dem Hut, und ergründet in einem fast gordischen Argumentationsknoten die Zusammenhänge zwischen Partikularforderungen einzelner Gruppen und der Lösung grundlegender Probleme – es ergibt sich hier ein spannender Metabolismus zwischen dem Einzelnen, dem Anderen und der Summe von Gesellschaft, der lesenswert ist. Auch sein fein ziselierter, komplexer Umgang mit Antisemitismus und Holocaust, im höchsten Maße politisch unkorrekt, ist vor dem Hintergrund des aktuellen Konflikts im Gazastreifen, sowie der amerikanischen wie deutschen Reaktionen dazu, sehr apropos.

Žižek ist sicher nicht ohne Grund umstritten. Ich sehe förmlich die Phalanx der Theoretiker, die seine permanenten Witze, Paradoxien und Bezüge auf Popkultur unseriös finden werden – ganz zu schweigen von seiner oft ohne Zweifel wissenschaftlich völlig unseriösen Argumentationstaktik. Žižek ist ein Wüterich, ein Getriebener, der offenbar impulsiv, wie rasend, seine Texte herausrattert, oft ins schwafeln gerät, frei flottierend durch Theorien, Bezüge und Themen tanzt, gerne mal komplett den Faden verliert, um zuletzt über Umwege dann aber doch irgendwie ans Ziel zu kommen. Naheliegend, dass mir dieser Stil aber exzellent gefällt. Žižeks Pop-Psychosoziophilosophie macht Spaß, bei allen offenen Fragen, die seine Texte aufwerfen, als reine intellektuelle Achterbahnfahrt – die aber trotzdem ernsthaft ist. Wie Batmans Joker sind Žižeks Paradoxien mehr als reine Zen-Übungen, nur oberflächlich konisch – hinter seinen Texten steckt gesellschaftlicher Sprengstoff, im besten Sinne – Žižek ist einer der wenigen Autoren, der zwar fest in der westlichen Kultur verankert ist, diese aber trotzdem ganzheitlich in Frage zu stellen wagt. Dass er am Ende des Buches trotz eines Verweises auf Robespierre und Stalin die Antwort schuldig bleibt, wie eine andere gesellschaftliche Realität aussehen könnte, macht Violence nur überzeugender – nicht umsonst spricht Žižek von »six sideways glances» im Untertitel. Manchmal lässt sich etwas eben nur aus den Augenwinkeln richtig betrachten, weil es sich bei geradem Blick aufzulösen scheint.

14:44 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Eine Antwort.

Hund

10. Januar 2009 16:11 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 2 Antworten.

Licht II

01:08 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Zu Verschenken 01: Die Photos

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André

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Jo

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Liz

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Nina

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Peter

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Thierry

Die gefallen mir alle sehr, sehr gut, tausend Dank. Ich habe kurz überlegt, ob wir per Abstimmung entscheiden lassen sollten – aber dann wird Nina immer gewinnen :-D. Ich mag total, dass Liz’ Bilder etwas wie die von Sannah Kvist aussehen und sie oder Peter hatten das Buch fast in der Hand, aber am Ende finde ich die Komposition und den Monthy-Python-Witz in Thierrys Bild extrem gut – Buch Vier geht nach Zürich.

Montag gehts weiter..

9. Januar 2009 14:09 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 5 Antworten.

Licht

01:37 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Blumen

00:58 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Zu Verschenken 01: Das Vierte Buch

Ich entrümpele mein ohnehin überquellendes Design-Bücherregal. Ab heute verschenke ich jeden zweiten Tag ein Buch. Größtenteils Fachlektüre aus dem Typo-Bereich.

Einzige Bedingung: Ihr schickt mir per eMail ein schönes Photo, das ich ins Blog stellen kann. Und natürlich die Adresse, an die wir das Buch verschicken. Wessen Photo ich am schönsten finde, der bekommt das Buch. Falls überhaupt jemand mitmacht.

Den Give-Away-Auftakt macht Das Vierte Buch, eine sehr schöne Publikation der Fachhochschule Wiesbaden, herausgegeben beim Hermann Schmidt Verlag und entsprechend aufwendig produziert, im goldfoliengeprägten Schuber.

8. Januar 2009 18:45 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

Der Trojanische Hase

11:39 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 5 Antworten.

Donald Westlake: What’s So Funny?

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Donald Westlake ist zur Jahreswende verstorben. Insofern dürfte dies das vorletzte Buch in der John-Dortmunder-Reihe sein, das in diesem Jahr erscheinende Get Real das letzte zumindest von Westlake selbst verfasste Werk bleiben. Westlake ist ein extrem fleissiger Autor gewesen, der unter zahlreichen Pseudonymen (Tucker Coe, Allan Marshall, Sheldon Lord, Curt Clark und natürlich Richard Stark) die verschiedensten Genrevariationen geschrieben hat. Während seine vielleicht bekannteste Figur, der grimmige Gangster Parker, einen ernsten, bitteren Außenseiter präsentiert, dessen Diebstähle minutiös geplant sind und der gnadenlos gegen seine Quertreiber vorgeht, ist Westlakes zweitbekannteste Schöpfung, John Dortmunder, sozusagen Parker-als-Verlierer, eine Art ständiger Walter Matthau des Crime-Genre, eine tragischkomische Figur mit hängenden Schultern, schlecht sitzender Kleidung und so viel Pech, dass irgendwann wohl ein ägyptischer Fluch gegen ihn ausgesprochen wurde.  Wie Parker ist Dortmunder ein Dieb, ein Gangster, der mit seiner Gang (die im Gegensatz zu Parkers Partnern eher sympathisch und zuverlässig ist, fast eine Art – allerdings extrem exzentrischer -  Familie) in Manhattan über die Runden zu kommen versucht. Dortmunder ist sesshafter als Parker, in fester Beziehung, seine Freundin May arbeitet als Kassiererin im Supermarkt, mit einer Stammkneipe, dem  Stammhehler Arnie Albright – der working class hero der Gaunerbranche sozusagen, ein proletarischer Gangster, eben Blue Collar Crime statt Crime Noir. Nicht umsonst ist er angeblich tatsächlich nach Dortmunder Actien Brauerei Bier benannt.

Als Gauner steht Dortmunder dabei außerhalb der normalen Gesellschaft, als Arbeitertyp in New York – und vielleicht ist Diebstahl die letzte ehrliche manuelle Arbeit, der man in dieser Stadt nachgehen kann – ist er ein perfekter Beobachter der modernen Gesellschaft, gegen die er sich stoisch abgrenzt. Moderne Zeiten sind Dortmunders Ding nicht, den stets ein Hauch von Resignation angesichts der Absurdität des normalen Lebens umweht. Und kein Wunder, denn obwohl Dortmunder ein absolutes Gauner-Genie, ein Meisterdieb ist, verfolgt ihn das Pech wie ein Kaugummi am Absatz. Egal wie präzise er seine Gaunereien plant, es geht immer und ausnahmslos etwas schief. Kein Wunder also, dass Dortmunder nicht mit schicken Autos herumkurvt, sondern mit dem Bus fährt und immer wieder in Jobs gerät, die im Laufe des Buches zum Fiasko mutieren. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnt der Gauner und Dauerpessimist Dortmunder immer wieder als der einzig vernünftige Mensch präsentiert wird, umgeben von gierigen und abstrusen Figuren, die umso bizarrer werden, je ehrlicher ihr Beruf ist. Dortmunder ist der «Straight Man» in der Komödie, als die Westlake die normale Gesellschaft präsentiert. Dass John und seine Gang also diesmal ein riesiges Schachspiel stehlen müssen, das einst als Geschenk für den russischen Zaren gedacht wurde, von US-Soldaten gestohlen wurde und nun in einem absolut einbruchssicheren Safe im Keller eines Bankhochhauses lagern, ist fast nur nebensächlich – was zählt ist die Menagerie an korrupten Cops, Anwälten, Reichen und Aussteigern, die Westlake vorführt und uns durch Dortmunders naive Abgebrühtheit bestaunen lässt. Der Rest des Buches besticht durch lakonische Dialoge, die gut eingeführten etwas verdrehten Figuren aus Dortmunders Crew und einen kinetischen Plot, der wie von selbst zu Laufen scheint, und für Dortmunders Verhältnisse fast in so etwas wie einem Happy End mündet, mit einem netten Twist, die wissen, was es mit den Little Sisters of Eternal Misery auf sich hat :-D.

Wie jede Serienerzählung ist auch die über zwölf Bücher umfassende Dortmunder-Reihe ein geschlossenes System, das kaum Überraschungen aufweist. Die Dortmunder-Bücher sind in diesem Sinne besonders eng angelegt, mit fast Sitcom-artiger Strenge, gehalten, mit nur minimalsten Variationen in der Form. Insofern liefert What’s so funny? wenig neues. Trotzdem ist es alle Jahre nett gewesen, zu schauen, wie es John und seinem Ragtag-Team so geht und mehr als schade, dass es mit Westlakes Tod keine Fortsetzung der Abenteuer von herrlich uncharmanten Außenseitern wie John Dortmunder oder Parker mehr geben wird.

7. Januar 2009 16:30 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 2 Antworten.

Perfect As Cats: A Tribute To The Cure

Tribute-Alben sind ja immer so eine Sache. Mal sind sie grandios – ich erinnere mich an eine italienische Vinyl mit Joy-Division-Coverversionen, die grandios waren -, mal sind sie wenig mehr als drittklassige Bands, die mit ihren eigenen Songs keinen Erfolg haben und deshalb in einer seltsamen Form von Rache die Songs größerer Künstler foltern.

Perfect as Cats, interessanterweise, ist beides. Mit 20 Tracks ist das Album eine breite Spielwiese, in der verschiedene Alternative-Artists (von denen die meisten eher unbekannt sind, Bat for Lashes und The Dandy Warhols sind die wohl bekanntesten) sich durch die gesamte Schaffensperiode von Robert Smith & Co werkeln. Die Ergebnisse sind dabei, freundlich gesagt, heterogen und wechseln von schlechten Homerecording-Nachahmungen ohne eigenen Mehrwert (The Walk 2 von Geneva Jacuzzi oder auch Six Different Ways von Rainbow Arabia oder auch One Hundred Years von The Holy Kiss) zu grandiosen Re-Interpretationen (10:15 Saturday Night von Aquaserge, The Drowning Man von Caroline Weeks, Love Song von Mariee Sioux). Manche der Bands spielen die Songs relativ straight nach, wie etwa The Muslims, manche arbeiten hart gegen den bekannten Song  an (Hecuba, Indian Jewelry, We Are The World), und in diesem Spannungsfeld von kühner Dekonstruktion und zu devoter Verbeugung  entstehen tatsächlich extrem hörbare Songs. Es gibt Songs, die man besser sofort vergisst, aber im Durchschnitt schaffen die kleinen Indie-Acts es, den allzu vertrauten Classics einer der dienstältesten NewWave-Bands tatsächlich so etwas wie aktuelle Relevanz zu entlocken, die weit über bloße Nostalgie hinausgeht. Gitarren-Noise, Neofolk, Elektrogeschranze und straighte Updates, die zwar unbemerkenswert, aber trotzdem hörbar sind. Manche Songs erreichen nicht die epische Bandbreite der Originale, ganz zu schweigen von Smiths eigenwillig nöhlender Melancholie, aber das Gros der Songs steht deutlich über dem suppigen Approach von Nouvelle Vague, denn bei den guten Tracks hört man das größte Kompliment heraus: Bands, die Tracks nicht nachspielen un als Tribute unsichtbar werden, sondern sich komplett zu eigen machen. Bei keiner Cover-Compilation kann man aber erwarten, dass jeder Song auch gelingt. Die 60:40-Qutoe von Perfect as Cats ist da durchaus schon in Ordnung.

Das Album, dessen Erlöse dem Invisible-Children-Charity-Projekt im Sudan zufließen, gibt es bei Amazon übrigens einen Euro preiswerter als rein digital :-D.

13:28 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Schneemann

6. Januar 2009 14:18 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Keine Antwort.

Schnee

5. Januar 2009 19:33 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Keine Antwort.

Schneebilder Von Kirsten

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Kirsten schickt uns nette Bilder aus dem romantisch verschneiten Leipzig. Merci!!!!

19:05 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . 2 Antworten.

Baum



Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich dieses Wetter liebe…

4. Januar 2009 23:14 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Eine Antwort.

Wald

3. Januar 2009 12:07 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Keine Antwort.


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