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Verkaufsförderung

hd schellnack

Einfach köstliche Farben.

30. November 2008 11:35 Uhr. Kategorie Stuff. 5 Antworten.

Pluto

The obscure unease that Pluto has always inspired, a dog owned by a mouse, daily confronted with the mutational horror of Goofy. An invisible gas clouds his toughts, exhaust from a bus parked with its engine running in the middle of his brain.

Michael Chabon, The Yiddish Policemen’s Union.

28. November 2008 12:41 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

Mumbai

Ist man seltsam, wenn man das Gefühl hat, die Realität fühlt sich zunehmend wie ein Buch von JG Ballard an?

12:02 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.

Spektakel

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Etwas still im Blog dieser Tage, weil ich selbst zum einen gerade außerhalb des Studios im Auftrag des Herrn arbeite und zum anderen am Mittwoch nach Stuttgart fahre, um bei dieser kleinen und aufregenden Veranstaltung zu sein: «Spektakel» ist eine Veranstaltung, die sich die Studenten der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste von Studiengebühr-Resten selbst geschenkt haben. Und anstatt dass zu tun, was man vielleicht erwarten würde, wenn Studenten selbst ein Event planen – Stefan Sagmeister, David Carson  oder Chip Kidd einzuladen :-D (der aber ohnehin schon in Stuttgart war) – haben Sie Namen zusammengestellt, die vielleicht auf den ersten Blick nicht die üblichen Bekannten sind, aber mich zumindest umso mehr gespannt machen. Die Auswahl der Gäste ist so neu wie spannend und passt insofern bestens zum Thema des Ganzen.

Jonathan Puckey /Conditional Design
Jonathan ist einer der neuen Generation von Designern, der zugleich Gestalter und Programmierer ist und den Computer als Designmedium über die Grenzen von Print und Litho hinausbewegt. Die meisten von euch werden sein Tool Scriptographer kennen.

Daniel van der Velden / Metahaven
Daniel war letztens in der Form mit seinem großartigen Design-Blast-Vortrag aus Karlsruhe vertreten. Nicht nur ein perfekter Branding-Profi, sondern auch ein leidenschaftlicher und provozierender Theoretiker, auf dessen Vortrag ich mich sehr freue.

Prof. Dr. Ingrid Loschek / Modetheorie
Ingrid oschek hat ein analytisches, umfassedes lebendiges Wissen über die Vergangenheit, Gegenwart und eben auch Zukunft der Mode un ihrer Ethnologie, einen schnellen, kritischen Geist und einen Lebenslauf und Output, der mehr als beeindruckend wird. Da ich interdisziplinäre Vorträge fast immer mehr mag als die aus unserem eigenen Kommunikationsdesign-Quartier wird dieser hier sicher großartig. Denn das Grafikdesign, leider, folgt der Mode – oder ist in der International-Dekade ab den 90ern Element von Mode geworden.

Prof. Dr. Thomas Friedrich /Designtheorie
Thomas Friedrich darf man getrost als Designphilosoph bezeichnen. Gewappnet mit Philosophie und Politik arbeitete er erst an der Bauhaus Dessau, inzwischen in Mannheim als Professor Designtheorie. Er ubliziert Bücher und Magazine rund um die Designtheorie und seine weite, interdisziplinäre Sicht auf die Thematik dürfte der Veranstaltung auf jeden Fall inhaltliche Tiefe verleihen.

Ben Wilson / Industrial Design
Ben ist das Last-Second-Wunder von Designspektakeln, ein Londoner Industriedesigner, der für nahezu alle großen Brands gearbeitet hat, aber immer auch wieder kleine handgefertigte Weirdness anbietet, die mit einem Bein in der Kunst steht. Bekannt geworden mit seinen ausgefallenen Fahrrad-Designs, baut Wilson auch abstruse Instantmöbel und bringt so Ökologie, Zukunftsvisionen und einen sehr sehr sehr britischen Humor unter eine Kappe.

Eins der Highlights des Symposiums wird die Trendmaschine, förmlich ein Graben in der Veranstaltung, eine interaktive, lebendige Idee, in der die Besucher selbst aktiv die Trends von morgen «basteln» können und dabei live in die Veranstaltung übertragen werden. Die Trendmaschine ist sozusagen die Fusion der unterschiedlichen Studentenideen zwischen Designworkshop und Vortragsreihe und greifbarer Output der feuerwerkenden Crew hinter Designspektakel. Das ganz nebenbei anscheinend in Echtzeit auch eine Publikation entstehen soll und wahrscheinlich noch etliche andere geplante und ungeplante Überraschungen kommen, passt perfekt zum Thema Neu, denn wo Neues entsteht, weiß man nie, was als nächstes passiert.

Mit dem gleichen Mut haben die Studenten mich als Moderator ausgesucht, obwohl doch jeder weiß, dass meine Moderationen länger sind als die dann folgenden Vorträge :-D. Obwohl ich völlig übernächtigt nach Stuttgart fahren dürfte, straight aus einem wunderbaren, aufregenden aber auch im Endpsurt sicher mörderisch anstrengenden  Job, freue ich mich total, Gast bei der Sache sein zu dürfen – das ist immer eine gute Sache, man ist sozusagen gezwungen, zu Events, die man sonst aus Zeitgründen nicht schaffen würde hinzufahren und der Gewinn dabei, den man aus Vorträgen und Eindrücken mitnimmt, ist natürlich unbezahlbar. Vor allem studentenorganisierte Veranstaltungen sind immer wieder Kick-Ass-Fun.

Da mein neues MBP zwar da, aber noch nicht installiert ist, weiß ich nicht, ob es vor Ort mit dem Bloggen klappt – ich hoffe aber, spätestens hinterher ein paar Photos zeigen zu können.

Spektakel findet an der Staatlichen Akademie in Stuttgart statt, im Foyer, der Ausstellungshalle und dem Mehrzwecksaal II, am 27.11.08, ab 9:30 und der Eintritt ist frei.

24. November 2008 12:08 Uhr. Kategorie Design. 5 Antworten.

Michael Crichton: State of Fear

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Eins der vielen Bücher aus meinem viel zu dicken Muss-noch-gelesen-werde-Stapel, den ich noch habe. Ich habe State of Fear wegen der nahezu vernichtenden Kritiken zu diesem Ökothriller des kürzlich erst verstorbenen Michael Crichton lange vor mir hergeschoben und habe nach dem absolut enttäuschendem Next eigentlich nur mit State angefangen, weil es so ein schönes leichtes Gegengewicht zu einem anderen Buch, das ich gerade lese, zu sein schien. Umso erstaunter war ich, dass State of Fear im Rahmen dessen, was Michael Crichton kann, ein relativ gutes Buch ist.

Wie immer verkoppelt Crichton ein aktuelles Tabloid-Thema mit einer mehr oder minder Hollywood-tauglichen Thriller-Handlung, in der der Anwalt Peter Evans gemeinsam mit dem Agenten John Kenner versucht, eine Reihe von Umweltdesastern zu verhindern, mit der eine Öko-Lobbygruppe namens ELF versucht, Medienaufmerksamkeit, Einfluss und Geld zu bekommen. Zusammen mit Kenners Assistent Sanjong und Sarah Jones (einem der beiden weiblichen stereotypen «potential romantic interest» im Buch) reist Evans durch die halbe Welt, um mehrere dieser künstlichen Naturkatastrophen zu sabotieren. Der Plot ist zwar nicht klüger als ein Roland-Emmerich-Filmund liest sich streckenweise eben tatsächlich wie ein Exposé für einen Techno-Eco-Blockbuster, ist aber an sich spannend genug, um durch die über 700 Seiten des Buches zu kommen.

Tatsächlich spannender ist das Crichton – in einer Direktheit, die er ansonsten eher selten aufweist – das Buch eigentlich nur als Trägerrakete für seine «Botschaft» gebraucht. Kenner, der offensichtlich Chrichtons Alter Ego im Buch ist, hält seitenweise Vorträge über wissenschaftlich-sachlich falsche emotionale Vorstellungen von Peter Evans (der ganz offensichtlich das Alter Ego des Lesers selbst ist, ein gutmütiger, aber fehlgeleiteter Typ, der mehr und mehr die Wahrheit von Kenners Aussagen anerkennt). Crichton nutzt hier nicht das Skalpell, sondern den ganz groben Hammer, um seine Message zu kommunzieren, und mehrere Figuren einsetzt, um im Grunde ein umfassendes Seminar über Umwelt, Mensch, Politik, Medien und Angst zu geben. Dieses Seminar – unabhängig von der Frage, ob Crichton Recht hat oder nicht – ist so spannend erzählt und rhetorisch simpel aber smart aufgebaut, dass die Handlung mitunter eher störend wirkt. Wie sehr Crichton selbst von der Flut seiner Entrüstung mitgerissen wird, merkt man der Story immer wieder an, deren Anfang völlig anders aufgebaut ist – mit einem an einen Bericht gemahnenden Vorwort, fast angerissen wirkendem Foreshadowing, Figuren, die eingeführt werden und später kaum mehr auftauchen, wirkt der Einstieg fast fragmentarisch, während das Ende als straighter, auf eine handvoll Figuren konzentrierter, linearer Actionreisser daherkommt. Die 007-artige Verschwörungstheorie  im Buch lenkt insofern – ebenso wie die oft klischeehaft platte Schreibweise – von dem ab, was Crichton eigentlich sagen will. Und das brennt ihm so auf den Lippen, dass er am Ende der eigentlichen Handlung noch einmal einen Appendix anbietet, in dem er expressis verbis (als würde er der eigenen Erzählung nicht recht trauen) seine eigene Meinung kundtut, dazu ein weiteres Nachwort mit einem Vergleich zwischen der Global-Warming-Theorie und Eugenik-Theorie der 20er Jahren, und einer umfassend kommentierten Literaturliste.

Gerade die immer wieder in Büchern von Michael Crichton auftauchende Literaturliste lässt seine Bücher ein wenig wirken als wäre der Autor ein Halblaie, der sich manisch in sein jeweiliges Thema einliest und aus diesem Semi-Knowhow dann ein Buch heißnadelt, das Ganze wirkt also stets auch etwas streberhaft. Zugleich sind seine Bücher auf eine Peter-Moosleitner-esque Art ja eben auch immer ein niedrigschwelliger Einstieg in ein Thema und genau das macht sicher den Reiz von Crichtons Büchern aus, die ansonsten schriftstellerisch keine Perlen und aufgrund einer oft zu präsenten Dosis Gung-Ho-Wirtschaftsamerikanismus, Machismo und Xenophobie nur schwer verdaulich sind. Im besten Sinne sind Michael Crichtons Bücher aber Einladungen, sich intensiver auf eine Thematik, die ihn als Autor fasziniert, einzulassen, sei es Nanotechnologie, Gentechnik, die japanische Ökonomie oder hier Klimaforschung und Umweltbewegung – und stets gelingt es ihm, diese Themen so reisserisch aufzumachen, dass man tatsächlich verführt wird, tiefer einzutauchen, und das ist per se keine zu verachtende Leistung.

Nun wurde Crichtons Grundthese in State of Fear über die Nichtnachweisbarkeit globaler Erderwärmung nach der Buchveröffentlichung massiv kritisiert, was aus meiner Sicht die eigentliche Botschaft des Buches über die semi-hysterische Emotionalisierung eines per se wissenschaftlichen Themas ohne klare Erkenntnisse eher unterstreicht. Ich bin mir zum einen gar nicht so sicher, dass Crichton hier pauschal jede Theorie von zivilisatorisch verursachten Naturphänomenen pauschal bestreitet, ganz im Gegenteil – die Reduktion auf ein Anti-Gloibal-Warming-Buch ist eher polemisch. Sein Buch wird in den Rezensionen von den beiden Seiten dieses Konfliktes um Pro/Contra Erderwärmung missverstanden und missbraucht. Ich bin als Laie beileibe nicht bewandert genug, zu beurteilen, ob und inwieweit Crichtons Argumente und Fakten stichhaltig sind, obschon sie zumindest plausibel vorgetragen sind (aber gut – überzeugende Rhetorik ist die eigentliche Kunst des Romanciers, das sollte also nichts heißen). Spannender ist der unterliegende verlaufende Themenkomplex, nämlich die Verwebung von Wissenschaft und soziopolitischen Zielen. Crichton doziert in State of Fear, dass die Co-Dependenz von Politik, Interessengruppen, Wissenschaft und Medien inzwischen so weit fortgeschritten ist, dass es keine «neutrale» Wissenschaft mehr geben kann, weil Geld und Eitelkeit inzwischen längst eine tragende Rolle bei der aus dem Elfenbeinturm entflohenen Wissenschaft spielen, die so von den verschiedensten Interessengruppen eingespannt werden kann. Dass die ehemaligen Industriegegner längst selbst zu einer einflussreichen Wirtschaft geworden sind, die sich durch Spenden und Beiträge finanziert und dass hier inzwischen ähnliche Machtstrukturen und -interessen regieren wie in der klassischen Produktionswirtschaft, steht außer Frage, genügend Spendengeld-Skandale belegen das. So unwahrscheinlich es ist, dass Öko-Krieger morgen versuchen, Eisberge freizusprengen, um von einer Klimawandel-Panik zu profitieren, so erstaunlich ist eben doch, dass Al Gores eher rührseliger Film Eine unbequeme Wahrheit einen so erfolgreichen Wechsel in der Politik und öffentlichen Meinung herbeigeführt hat. Crichton – nicht minder emotional – zeigt die Mechanismen und Interessen hinter der Klimapolitik auf, deutet auf die Profiteure in Medien, Politik und Lobbyismus, die von nationalen Angstzuständen über Terror oder Ökokatastrophen existieren. Interessant daran ist weniger die Frage, ob es nun eine CO2-Katastrophe gibt oder nicht als vielmehr, dass State of Fear offenlegt, wie wenig man als Laie de facto über dieses Thema weiß und wieviel man einfach glaubt, wie umstritten die Fakten sind und wie klar und schnell sich die medial aufgeschreckte Öffentlichkeit – und in Folge die Politik – auf pseudowissenschaftliche Panikmache einlässt. Es geht um Fördermittel,  Schlagzeilen, Wählerstimmen, Spenden… genau die richtige Mischung, um einen packenden Thriller zu produzieren, in der Realität aber eine eher erschreckende Kombination.

So ist ein eigentliches Highlight des Buches der Appendix, in dem Crichton die Eugenik-Faszination der zwanziger Jahre und die Angst vor einer Schäwchung des genetischen Potentials und einer Degeneration der Menschheit, der sich sogar die prominentesten Politiker und Wissenschaftler (u.a. Alexander Graham Bell) der USA anschlossen, bevor die Idee einer Begünstigung genetisch gesunder Fortpflanzung im Nationalsozialismus konsequent zu Ende gedacht zum Holocaust führte und man rasch Distanz zu Francis Galtons Ideen suchte. Michael Crichton greift auch mit diesem Vergleich zwischen Genozid und Klimawandelpolitik zum ganz groben Besteck der Polemik – man spürt allein an dieser Analogie die vehemente Emotionalität des Autor, der doch eigentlich der  Neutralität das Wort führen will. Aber es bleibt die Tatsache, dass Eugenik als seriöse Wissenschaft betrachtet wurde und die aus heutiger Sicht bestenfalls krude Vorstellung von minderwertigen Rassen im wahrsten Sinne des Wortes todernst genommen wurde – in den USA und vielen europäischen Ländern wurde bis in die siebziger Jahre hinein bei Kranken und Behinderten eine Zwangssterilisation durchgeführt. Was wir heute als inhuman, dumm und schlichtweg fehlgeleitet betrachten würden, war in seiner Blütezeit ebenso «wissenschaftliches» Mantra wie heute andere Ideen aus dem Bereich der Genetik oder eben die Annahme, dass eine simple Reduzierung von CO2-Emissionen schon irgendwie einen positiven Effekt auf das Klima haben würde. Ob Crichton Recht hat oder nicht ist fast zweitrangig vor dem Hintergrund, dass es unweigerlich richtig ist, solche axiomatischen, an Hysterie grenzenden ppulärwissenschaftlichen Dogmen in Frage zu stellen und die Luft aus dem Ballon zu lassen.

State of Fear sind ex post zahlreiche sachliche Fehler nachgewiesen worden, die das Buch diskreditieren sollen. Dass Crichton nicht alle Fakten hat, nicht alle Fakten richtig darstellt und man hier eben einen reisserisch aufgemachten Thriller vor sich hat, kein Fachbuch zur Klimadiskussion, sollte jedem Leser dabei doch von vornherein klar sein. Denn paradoxerweise profitiert ja ausgerechnet Crichton von dem Phänomen, dass er selbst anzuprangern vorgibt – er setzt (wie immer) auf  Science-Themen mit Boulevard-Potential, strickt ein wenig dünne Fiction dazu und fertig ist ein Bestseller. Das Glashaus ist nicht unbedingt die ideale Position, um mit Steinen zu werfen – und Crichtons Buch hätte sicher von einer ausgewogeneren thematischen Darstellung mehr profitiert als von 800 Seiten kaum verhüllter Tirade und einem fadenscheinigen Plot, in dem absolute Laien zu Weltenrettern mutieren. Aber trotz aller Schwächen, die erzählerisch wie auch von der Intention des Autoren her immer wieder aufkommen, ist State of Fear ein durchaus fesselndes Buch, ein klassischer Pageturner zwischen Wissenschaftskritik und Popcornkino, bei dem man jederzeit weiß, dass man eigentlich Zweifel an der Ideologie und dem handwerklichen Können des Autors hat, aber Gott – man will ja doch wissen, wie es weitergeht.

Den größten Spaß an dem Buch hat mir persönlich gemacht, dass Crichton die Cojones hat, gegen den derzeit gesellschaftlich kleinsten gemeinsamen Nenner für «richtig» zu stürmen. Gegen Hybrid-Autos, gegen Windräder, gegen Solardächer, gegen Anti-CO2.  In den 80er jahren noch verlacht, ist die These der Erderwärmung heute so dominant geworden, dass sie an sich näherliegende Umweltthemen an die Wand drückt. Verseuchte Flüsse, Entgasungen aus Kinderspielzeug, Müllberge und viele andere Bereiche werden vernachlässigt – vielleicht gerade, weil man hier tatsächlich etwas bewirken könnte, weniger bloße Symbolpolitik gefragt wäre -  während die CO2-Reduktion zu einem inzwischen fast ermüdenden Mantra wird, das jede dritte Automobilhersteller-Anzeige schmückt, was wirklich nur die härtesten Zyniker als Fortschritt bezeichnen können, ebenso wie die Tatsache, dass wie zufällig nun ausgerechnet die Atomlobby auf den «grünen» Zug aufgesprungen ist und sich als «saubere» Alternativenergie vermarkten will. Kein Zweifel, es gibt gute Gründe, von fossilen Brennstoffen wegzukommen und sich auf eine energiesparende Lebensweise einzustellen – aber diese Gründe haben relativ wenig mit dem Ozonloch per se zu tun, gegen das die in Kyoto et al geplanten Maßnahmen ohnehin kaum etwas bewirken dürften.  Umweltschutz darf nicht auf ein Thema verengt werden. Dazu kommt die in State of Fear ebenfalls gestellte Frage, inwieweit wir mit Wandel – natürlichem wie den durch Menschenhand verursachten (und insofern eben wieder auch natürlichen, wir Menschen sind Teil des globalen Ökosystems, im guten wie im schlechten) – werden leben lernen müssen. Crichton belegt in mehreren Beispielen, dass Natur einem stetigen Wandel unterlegen ist und die Idee eines linearen Managements gegenüber dieser multikausalen Systemumgebung absurd erscheint – die Welt lässt sich nicht kontrollieren und steuern (hier greift er spürbar auf seine Chaostheorie-Thesen aus Jurassic Park zurück: Natur ist Natur, man sollte sie nicht verniedlichen wollen.) Das ist kein Grund, fatalistisch nichts tun zu wollen – aber es ist auch eine Warnung vor der menschlichen Hybris, sich zum Retter der Welt aufschwingen zu wollen… im Zweifelsfall richten wir dabei guten Willens mehr Schaden an, weil wir nicht wirklich verstehen, was wir tun, in ein ultrakomplexes System eingreifen, dessen Vernetzung wir kaum durchschauen.

Alles in allem, in der Suche nach den Fakten hinter Crichtons Behauptungen, in der Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Behauptungen, regt State of Fear trotz der eher platten Geschichte zum Nachdenken über ein Thema an, das längst zum Hintergrundrauschen geworden ist und dass man – nun da selbst die Kanzlerin einer CDU-geführten Regierung zur scheinbaren Umweltaktivistin mutiert – als Meme-Overkill und Marketingmüll abgelegt hat. Das ist für einen simplen Paperback-Thriller keine schlechte Leistung… und auch wenn Michael Crichton sicherlich nicht als einer der geschliffensten Autoren in die Geschichte eingehen wird, gab es kaum jemanden, der wie er massenkompatibel komplexe wissenschaftliche Themen auf Blockbuster-Niveau herunterbrechen konnte. State of Fear ist allein aus diesem Grund überraschend lesenswert.

19. November 2008 09:17 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.

How To Burn Completely

I got some bad news for you, sunshine... Es reicht meist ein Blick in die Branchenmagazine, um zu wissen, ob es einer Branche gut oder schlecht geht. Schau in die Page und du weißt, dass es dem Grafik-Design derzeit gar nicht gut geht. Neben dem spärlichen Stellenmarkt findet man da vor allem eine Anleitung, wie man ideal als Freelancer oder kleine Design-Agentur um Kunden buhlt, mit welchen Tricks man gegen die großen Agenturen eventuell noch überleben kann, dass man Netzwerke braucht, keine Freundschaften, dass alles Ökonomie ist. 

Trübe Aussichten, wenn man Design studiert, oder? Nach einem Studium von dem nach der BA/MA-Trennung selbst die meisten Dozenten kaum noch ernsthaft behaupten, dass es qualitativ prima sei, geht es nahtlos in ein un- oder unterbezahltes Praktikum und dann raus in eine Arbeitswelt, in der einerseits immer mehr von deiner Art unterwegs sind – und oft auch noch alle gleich denken,alle gleich aussehen, alle gleich gut sind – zum anderen die Kunden immer mehr selbst können, oder die Druckereien gleich Design mit anbieten oder jeder dritte Hartz-IV-Umschüler auf einmal Web-Designer wird. Design, das weißt du selbst, ist längst nicht mehr so schmusig wie zu Otl Aichers oder Willy Fleckhaus Zeiten, wo auf einen guten Gestalter ungezählte Anfragen kamen und jemand wie Aicher allen Ernstes eine ganze Olympiade betreuen durfte. Das macht heute ein Global Player wie Wolf Olins mit 180 Angestellten in London und New York. Heute ist die Situation eher umgekehrt. An manchen FHs kommen 100 Bewerber auf einen Studienplatz – und das nimmt eigentlich ganz schön die Relation von Designern zu Kunden vorweg, die Designer umfliegen potentielle Auftraggeber wie Motten das Licht. Das verbiegt, das drückt Preise, das macht aus dem ehemaligen Spielplatz Design zunehmend ein hartes, durch und  durch professionalisiertes Business.

Beschissene Aussicht, oder? Das darfst du durchaus als Chance begreifen. Zum einen natürlich, indem du dich weniger um Kerning und Trapping kümmerst und mehr um dein XING-Netzwerk, die richtigen Leute kennen lernst, die Kunst der Self-Promotion meisterst. Wen du kennst wird wichtiger als was du kannst. Dieses Spiel kann man durchaus mit Freude betreiben und die Selbstvermarktung sollte deshalb eigentlich längst auf jeden Lehrplan gehören. Klar, es gibt die Sorte still im Kämmerlein werkelnder Introvertierter, aber deren Zeit läuft ab. Die Designbranche bricht aus ihrem Kokon und muss lernen, mit der Welt zu kommunizieren. Also raus aus dem Sandkasten und mit den anderen Kindern zusammen spielen.

Auf der anderen Seite sollte die Tatsache, dass du als Designer inzwischen da angekommen bist, wo die Geisteswissenschaftler und Künstler seit Dekaden sind – dem Studium in die  potentielle Arbeitslosigkeit – doch auch ungemein befreiend sein. Während in anderen Fächern wie BWL stramm durchgezogen wird und es vom ersten Semestern an quasi-neurotisch nur um die Karrierechancen geht, nicht um den Spaß am Studium, nicht um Selbstverwirklichung, ist Gestaltung im weitesten Sinne jetzt zunehmend auch die Sorte Studium, in der DU im Mittelpunkt stehst, nicht dein späterer Arbeitgeber. Dein persönliches Glück und Wollen, nicht das Geld – als Designer, so leid mir das tut, verdient man eh nicht allzuviel Geld. Wer Sicherheit und Verdienst will, sollte lieber über eine Beamtenkarriere nachdenken. Noch dazu ist der Design-Job unbequem. Irgendeiner weiß es immer besser, irgendeiner beurteilt dich immer – dein Prof, die Kollegen im Team, irgendeine Jury, die Frau des Kunden, die da auch noch eine Idee hatte. Keiner redet einem Elektriker ins Handwerk, als Designer ist das Alltag. Die Kunden zwingen dich zu kruden Kompromissen, die Peers zerfleischen dich dafür. Es gibt gemütlichere Jobs, wirklich. Landschaftsgärtner zum Beispiel. Sonne, frische Luft und wirklich selten Klienten, die meinen, sie kennen sich besser mit Schattenrasen aus als du. 

Die Frage ist also: Warum studierst du eigentlich ausgerechnet Design? Wie viel bedeutet dir die Sache? Würdest du es studieren, wenn es Geld kostet? Würdest du auch Design studieren, wenn du todsicher im späteren Leben als Taxifahrer dein Geld verdienen müsstest? Die Chancen, keinen oder einen zweitklassigen Job zu kriegen, steigen jedes Jahr. Wer will sich durch ein Studium quälen, das zu diesem Ziel führt.  Das Studium sollte für dich also einen intrinsischen Wert haben, unmittelbar glücklich machen. Du studierst nicht für deine Eltern oder deine Kinder, sondern für dich selbst. Nicht für morgen, für jetzt.

Die Frage ist also: Was bringt dir das, was du machst. Genau jetzt? Fühlt es sich gut an? Ist es wie Schule, nur mehr von dem immer gleichen Zeug, oder fühlt es sich an, als würde jemand deinen Kopf in Brand stecken? Kriegst du den Kopf verdreht, den Horizont erweitert, wie sich das gehört? Lernst du das Leben kennen? Entwickelst du dich? Du solltest nicht weniger von deinem Studium erwarten als dass es dich komplett verändert, mit Feuerzeugbenzin übergießt und anzündet, dich in Verzweiflung und Euphorie stürzt, die ganze Achterbahn. Wenn das nicht ist, wenn du dich durchbeißen musst, steig  an der nächsten Ecke aus, in einen anderen Bus. Als Designer verkaufst du später nicht, dass du in Photoshop pixeln kannst oder in Illustrator Pfade baust – du verkaufst deine Euphorie. Deine Energie, deinen Glauben, deine Leidenschaft. Du bist wie ein Musiker, wie ein Autor, wie ein Künstler – dein Erfolg liegt in dir selbst, in dem, was du zu geben hast. Niemand fängt an, Gitarre in einer Band zu spielen, weil er an die Rente denkt, oder?

Damit ändert sich, was du von deinen Dozenten, deiner Schule willst. Und vor allem ändert sich damit, was du von dir selbst verlangen solltest. Mach keine halben Sachen, mach keine «Hausaufgaben». Vergiss Scheine, vergiss Noten und mach dich auf die Suche nach den Sachen, die dich in Brand stecken. Vergiss die Trennung von Studium und dem «eigentlichen» Leben. Glaubst du, Jimi Hendrix oder Duchamp haben von 9–5 gearbeitet und dann vorm Fernseher gehangen? Sein und Machen ist eins. Das Studium ist nur Teil deines Weges und du solltest so viel daraus ziehen, wie du nur kannst. So, als würdest du in einem Freizeitpark mit voller Wucht jede Achterbahn antesten, jede Wildwasserbahn mitnehmen. Mach Dozenten zu Mentoren und werde vom Student zum Agenten, zum Abenteurer. Entdecke Design als Ausdrucksform, als Selbstverwirklichung… nicht als Job. In Wirklichkeit geht es in Design nicht darum, irgendwann mal Werbung für Zigaretten oder Burgerketten zu machen, sondern darum, dich selbst mitzuteilen, wenn du etwas zu sagen hast – und im Studium kannst du entdecken, OB du etwas zu sagen hast. Und wie du es am besten phrasierst. Design ist mehr als Werbung und mehr als Styling, mehr als Verpackung – Design ist Songwriting, Revolution, Science Fiction.

Das Studium wird damit zum Abenteuerspielplatz, auf dem du herausfindest, ob du zur Selbstentzündung in der Lage bist. Deine Dozenten sollen dich begeistern, aber noch mehr solltest du SIE anstecken, mitreißen, umwerfen. Wenn du nur Aufgaben gut machst, von denen du «begeistert» wirst, stehen dir triste Berufsjahre voraus. Der Trick ist in Wirklichkeit, so lange in die Tristesse der Wirklichkeit zu boxen, bis sie großartig wird. Nicht die Aufgabe, eine Lampe zu designen, muss den Designer begeistern, der Designer muss mit Begeisterung eine Lampe machen. Und die kommt von innen, die kommt aus dir selbst. You gotta kick the darkness till it bleeds daylight. Dich selbst zu begeistern und diese Faszination weiterzugeben wie eine Fackel, das ist dein Job – ein Leben lang. Menschen ergreifen, berühren begeistern, wütend, traurig, lustig machen.

Und es könnte nichts besseres geben, trust me.

veröffentlicht in der Botenstoff 02

18. November 2008 16:49 Uhr. Kategorie Design. 8 Antworten.

Typodarium 2009

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Für alle, die noch ein typographisches Weihnachtsgeschenk suchen, haben Lars Harmsen und Rabban Ruddigkeit dem eigentlichen Gipfel der Geschmacklosigkeit, den Abreisskalender, erklommen und etwas für Schriftenfreaks vom Berg mit ins Tal geschleppt: Das Typodarium 2009 bringt für jeden Tag eine neue Schriftinspiration, von normalen Satzschriften bis hin zu abgefahrenen Displayschriften, alles komplett mit Informationen und Bezugsquelle der Schrift. Auf 365 tagen kann man eine Menge Schrift unterbringen und vertreten sind 50 Schriftenmacher und -vertreiber:  2Rebels, Avoid Red Arrows, bp Foundry, Caketype, Canada Type,
Cape Arcona, Christian Schwartz, Coma AG, Cubanica, ds Type, Dutch Design, Dutchfonts, eps51, Fontbureau, Fontfarm, Fontfont,
Fountain, Hubert Jocham, Hula+Hula, Kenn Munk, Lazydogs, Lieberungewoehnlich, Lion&Bee, Magma Brand Design / VolcanoType,
Mark Simonson, Martina Hartmann, p22, Parachute, Peter Brugger, Pfadfinderei, Primetype, Smeltery, Sparkytype, Subtitude,
Subcommunication, Typecuts, Type Off, Type Together, Typetype, Typonauten, Typotheque, Underware, urw++, Verena Gerlach, Xplicit, Yanone.

Mit 16,80 Euro noch genau in der Preisliga für Weihnachten…

12:22 Uhr. Kategorie Design. 5 Antworten.

Kekse

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17. November 2008 23:30 Uhr. Kategorie Leben. Eine Antwort.

Design ist keine Lösung

Es ist beinahe ein Axiom unter Designern, unter Lehrenden und unter Studenten, dass Design darin bestünde, Lösungen für Probleme zu entwickeln. Ohne Briefing, so das Dogma, gibt es kein Design. Hakt man im Gespräch genauer nach, wird schnell unklar, was für Probleme hier eigentlich gemeint sind – und worin die «Lösung» besteht. Selbst im weitesten Sinne gefasst, hat Design (und schon gar nicht Kommunikationsdesign) Krieg, Hunger, Gewalt oder Umweltprobleme «gelöst», im Gegenteil. Es kommen mehr Beispiele in den Sinn, in denen gerade das Grafik Design sich nur zu leicht in den Dienst totalitärer Systeme einspannen ließ oder bis heute blendend als kriegerisches Propagandawerkzeug fungiert. Dazu kommt, dass qua Design Konsumartikel verkauft werden, die oft eher Teil des Problems als der Lösung sind. Mehr verkaufte Hamburger und Autos retten die Welt sicher nicht. Unser Handwerk, im Camouflage der Werbung, füttert den immer neuen Hunger nach Produkten, die als Glückssurrogat den horror vacui des modernen Daseins füllen sollen, und doch nie satt machen. Design ist hier das Styling-Feigenblatt eines Müll produzierenden Überschuss-Systems, das selbst Teil und zugleich Motor globaler ökonomischer und ökologischer Probleme ist. Je länger man hinschaut, um so weniger ist angewandtes Design ein Lösungsmechanismus, sondern eher Steigbügelhalter der Problememacher.

«Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt», lautet Marcel Duchamps berühmter Spruch, der Probleme als unsinnige geistige Erfindungen erkannte. Was wir als Probleme bezeichnen, sind polymorphe Lebensprozesse einer Spezies und ihrer Systeme, die man sicher begrenzt steuern und beeinflussen, aber kaum als «Probleme» dauerhaft beseitigen kann. Jede so genannte Lösung birgt zugleich in sich ein neues, anderes Problem – die Vorstellung, dass es eine Art »Endlösung» geben kann, die alle menschlichen Probleme löst, verrät wie kryptofaschistoid diese Denkrichtung faktisch ist. Der mechanistische Denkansatz, dass Design praktische Lösungen zu produzieren habe, ist Nonsens. Die wirklichen Fortschritte (die in sich jeweils, wie gesagt, neues Problempotential bergen) kommen stets aus der Technologie, von Ingenieuren, Biologen, Mediziner, Programmieren, aber nicht von Stylisten, so dass der Versuch, Design zum Fortschrittsmotor zu deklarieren, eher anmaßend wirkt. Designer haben den Stuhl, das Auto oder die Schrift nicht erfunden – sie modulieren nur die Ästhetik des Umgangs mit diesen Erfindungen. Wir sind keine Macher, wir sind Former.

Designer sollten also aufhören, sich zu mehr oder etwas anderem machen zu wollen als sie eigentlich sind. Wir sind keine Anthropologen, Psychologen, Nuklearforscher oder Kybernetiker. Wir forschen nicht, wir spielen. Würde sich ein Autor, ein Musiker, ein Regisseur als Problemlöser verstehen? Diese irrige Selbst-Definition schränkt die Designer in ihrem wahren Potential ein, sie führt uns zunehmend in die Stagnation, die Sackgasse. Design erfüllt sicherlich eine Aufgabe, egal ob bloße Umsatzsteigerung bei kommerziellen Design oder frei selbstgestellte Thematik im konzeptionellen Bereich – aber das ist etwas weit anderes und deutlich freieres als das Beseitigen von Problemen.

Design ist in erster Linie die Erzeugung von Interfaces, von Übersetzungen, von Kommunikationsversuchen. Typographie ist ein Interface für Schrift – Schrift ist ein Interface für Phoneme – Phoneme für Sprache – Sprache für Denken – Denken für Realität. Design schafft also ein engagierendes mediales Anlog von Realität. Das Screendesign eines Betriebsystems gibt der menschenfremd binären Sprache eines Computers ein analoge, für uns User nachvollziehbares Gesicht. Ein Corporate Design gibt einem amorphen Luhmannschen System einer Unternehmung, die aus Geldströmen und Geschäftsprozessen besteht, ein greifbares, den Mitarbeitern und Kunden verständliches Bild. Ob Ikone zum Programmstart oder Logo zum Konsumimpuls – Design gives shape to Black Boxes, wie Norbert Bolz sagt. Design steuert User beim Navigieren auf Oberflächen, es kann sie effizient dirigieren, aber auch elegant verwirren, es kann ebenso laut wie leise, brutal wie sanft sein, es kann träumen und Gefühle wecken. Design kann persönliche Selbstfindung sein, wie ein Gedicht, wie ein Song sein, aber auch eine klare soziale Botschaft haben. Design kann technophile Science Fiction sein oder kritische Revolution, es kann im Gewand des puren Stylings Produkte verkaufen oder anarchisch zur Systemveränderung aufputschen. Unsere Werkzeuge sind so einfach und zugleich vielfältig wie die Musiknote, wie das Wort. Wie für Autoren und Komponisten steht Designern also ein unendliches Feld von Möglichkeiten zur Verfügung, eigenen Ausdruck und gesellschaftliche Ideen, die verschiedensten Ideen, Eindrücke und Ziele in einem ästhetisch überzeugenden Gebilde zu kommunizieren. Designer können – wie Musiker, wie Autoren –, billigen Mainstream-Pop für schnelles Geld ebenso produzieren wie komplexe, undurchdringliche E-Musik für eine atomare Zielgruppe, können Groschenromane schreiben oder den nächsten «Zauberberg». Entsprechend geht es nicht um Lösungen, sondern um Leidenschaften, Mut, Abenteuerlust, ebenso wie um Virtuosität mit dem eigenen Instrument, um Spaß an dem Dialog mit dem Publikum, um die Balance von Unterhaltung und Irritation, um kritische Auseinandersetzung mit dem Jetzt und dem Empfänger, dem Publikum, dem «User».

Erst, wenn sich Typographie und Design aus dem reduktionistischen, engstirnigen Korsett von Ursache und Wirkung befreien und aus diesem Kokon herausschlüpfen, wird sich herausstellen, welches interdisziplinäre und gesellschaftliche Potential überhaupt in unserem Bereich liegt. Wie in anderen kreativen Kulturbereichen wird man Tools entwickeln müssen, um Arbeiten kritisch zu analysieren und zu entwickeln, eine Semantik der Beurteilung von Design erarbeiten, wie wir sie bei Film, Musik, Buch, Kunst oder Theater wie selbstverständlich seit langem verwenden, während wir Designarbeiten fast wortlos gegenüberstehen, und diese öffentlich schon gar nicht kritisch gewürdigt und diskutiert werden. Design kann und muss raus aus dem selbstgewählten Exil zwischen stumpfer Dienstleistung einerseits und pseudo-künstlerischem Diffusat andererseits. Denn es kann Stellung beziehen, kann Herzen berühren, kann Köpfe entfachen. 

Und dann, aber erst dann, könnte Design vielleicht auch tatsächlich Probleme lösen.

erschienen in der Reflektor 1

14:15 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

Booklove

Ich habe es recht selten, dass ich noch während des Lesens  eine fast kindhafte Freude und Begeisterung für ein Buch habe, weil nicht nur jeder einzelne Satz, jedes Kapitel und die Charaktere sondern auch die Grundidee dich mit einem anschwellenden Respekt vor der Phantasie, dem Detailreichttum und der Liebe eines Autors entfachen. The Yiddish Policeman’s Union ist so ein Buch. Was sich auf dem Buchrücken noch als  als unlesbarer Plot anhört, entpuppt sich mehr und mehr als eines der atmosphärischsten, dichtesten und besten Was-wäre-wenn-Bücher, eine liebevolle Betrachtung jüdischen Lebens, eine wunderbare Verneigung vor Dashiell Hammett. Großartig. Ich hätte gedacht, Michael Chabon kriegt Kavalier&Clay nicht überboten, aber Policeman’s Union übertrifft es mit Leichtigkeit. Die Sorte Buch, die du zugleich verschlingen und in Zeitlupe lesen möchtest.

13:46 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

Format

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Die Format ist das Magazin der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Im Sommersemester hauptsächlich von Studenten des zweiten Semesters erstellt. Wie der Name nahelegt, ist das Magazin sichtbar von Ulmer Einflüssen geprägt, sauber, aufgeräumt, formatiert eben. Kühl, gut lesbar, klar, für junge Studenten eigentlich fast verwirrend unexperimentell, ruhig und professionell – man will fast sagen altersweise. Ein simples, aber solide bespieltes Raster und nur wenige Patzer (stumpfe Einzüge, unsexy Trennungen, ungewollte Trennstriche im Text, typographische Detailfehler wie «20 Prozent», unruhiger Flattersatz, keine Caps und OSF (die die Akkurat aber auch nicht hergäbe… interessant übrigens, dass hier neben der Reflektor schon das zweite Magazin mit dieser Schrift kommt.)

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Die Format ist nahe dran an der ursprünglichen ersten Botenstoff, in Feeling (wenn auch reduzierter), aber auch in Inhalt. Interviews, kurze redaktionelle Essays wie die VVV-Software-Vorstellung, Arbeiten aus dem universitären Bereich, eine Standortbestimmung der Gmünder Gestaltungsphilosophie, die nicht ganz ohne saubere Selbstironie bleibt. Die Hochschule, die sich hier präsentiert, macht sich Gedanken über Design, verortet sich modern an den eigenen Mythos anknüpfend und sucht nach einer neuen Interpretation der Moderne eines Otl Aicher, und überzeugt mit guten Arbeiten.

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Schon die typographischen Plakate aus dem ersten Semester, wenn auch eher Ideen aus den 60s reproduzierend, sprechen eine klare Sprache, die sich in den Bachelor und Diplomarbeiten einen klaren eigenen Charakter dazu erarbeitet und die über die vielen verschiedenen Bereiche – Interface, Produkt, Grafik -  doch eine verbindende «Cleanliness» aufweisen, die die Arbeiten stets ehrlich und auf der Höhe der Zeit wirken lassen. Wilde Experimente sucht man hier vergeblich, die gezeigten Abschlussarbeiten wirken perfekt an der Realität orientiert und fast erschreckend ausgereift. Was keine Kritik ist – ich finde mehr als gut, wenn Hochschulen sich aus ihrer Geschichte heraus eine klare eigene Note geben und diese als Leuchtturm nutzen. Es macht Sinn, wenn ei eine oder andere Hochschule verballert-experimentelles Design sucht, die andere einen pragmatischen, klassischen Designweg geht und in den Vordergrund stellt, kluge, minimalistische und durchdachte Oberflächen zu gestalten.

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Die Format ist an vielen stellen spürbar mit geringem Budget gemacht, kleine Auflage, schlichtes (aber irrsinnig professionelles Design, ich kenne Studenten, die im Diplom nicht so gezielt und beherrscht in den Instrumentenkasten des Designs greifen wie das Team um Jonas, Heuer, Domic Specht, asaad El Salawi und Mareike Graf. Weitab von Selbstdarstellung, weitab von Laut ist dieses Heft ein funktionales, klares Ding, in seiner Schlichtheit so schön wie das Neutral-Diplombuch von Kai Bernau, mit der schwarzweißen Eleganz einer Braun-Hifianlage. Bis auf die Wahl der Rockwell und das ja eben bewusst (aber nicht sehr gelungen) aus dem Rahmen fallende Mittelkapitel :-D ist das Heft ein Musterbeispiel sparsamer Typographie, wunderbar effektiver Bildanordnung und eines klaren, aber dennoch sehr lebendigen Rasters, das zwar auch kleinere fehler aufweist – aber wenn das hier die Erstausgabe ist, habe ich beileibe schon schlechtere Sachen gesehen. Von der Absicht und dem Layout her ist die Format ein wunderbar entspanntes, extrem vorzeigbares Projekt und wenn es wirklich nur von den Studenten selbst initiiert ist, und ohne große professorale Betreuung, schaue ich mehr als gerne über die kleinen Kratzer im Lack hinweg, die die Sache ja letzten Endes vielleicht auch davor bewahren, allzu perfekt zu sein und noch Raum für Verbesserungen und Wachstum lassen. Wenn es eine gute Sache gibt, dann Studenten, die einfach losgehen und selbst etwas auf die Beine stellen – und in diesem Fall sogar nicht einmal für onanistische Designorgien, sondern um ein überraschend offenes, kommunikatives und gekonntest Magazin auf die Beine zu stellen, dass eine saubere Visitenkarte für Christa Salerno und ihre Hochschule ist. wenn in der zweiten Ausgabe die kleinen typographischen Unsauberheiten ausgemerzt sind und vielleicht mehr Budget für besseres Papier und aufwändigeren Druck da ist, um so besser, meist ist der Sprung einer Erstausgabe und der zweiten Nummer beeindruckend. Ich freu mich jedenfalls drauf…

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14. November 2008 16:16 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

Tezuga Manga Mutations

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PinkTentacle zeigt einige Motive aus der Tezuka Gene – Light in the Darkness Ausstellung in Shibuya, in der 35 japanische Designer und Illustratoren den 80. Geburtstag von Osamu Tezuka mit Re-Interpretationen seiner Figuren feiern.

13. November 2008 22:11 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

Slanted 06: Signs, Symbols, Ornaments

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Obwohl oder vielleicht gerade weil seit Alfred Loos’ «Ornament und Verbrechen»  das Überflüssig-Dekorative im modernen Design einen schweren Stand hat, ist in den letzten Jahren das Pendel massiv zurück geschwungen. In schönster postmoderner Nichtigkeit kann Design sich heute stilistisch-oberflächlich ebenso beim kargen International Style bedienen, aber auch in üppiger retrofloraler oder scifitechnoider Ornamentik schwelgen. Everything goes und selten bedeutet es noch etwas. Die Zeit, wo man sich zwischen Minimalismus und Memphis die Köpfe heiß reden konnte, ist im Säurebad des omnivoren softwarebasierten Designs irgendwie zersetzt worden. Das antidekorative Mantra von Loos – so richtig es in der Zeit war und so richtig es vielleicht auch heute noch sein mag – oder auch, viel plausibler argumentiert, einem Otl Aicher wird dem Drang nach mehr persönlichen Ausdruck im Design vielleicht nicht gerecht, vielleicht wirken  möglichst verschachtelt gebaute Bilder auch einfach eher beeindruckend als minimalistische Lösungen – wie dem auch sei, es schadet nicht, sich dem Thema Ornament, das im englischsprachigen Raum längst gut im Diskurs ist  (vgl Alice Twemlow, The Decriminalization of Ornament), auch in Deutschland mehr zu widmen.

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Und das tut die sechste Ausgabe des derzeit vielleicht emotionalsten typographischen Magazins in aller gebührenden Unruhe. Die sechste Slanted bleibt ihrem etwas irrlichternden, aber immer erfrischend vielseitigen Mix-and-Match-Konzept treu, das auf eine höchstmögliche Bandbreite an individuellen Beiträgen setzt. Dieses recht ungefilterte Verfahren gibt dem Magazin mitunter etwas von der Sturm-und-Drang-Naivität einer Schülerzeitung, sorgt aber eben für eine Nahbarkeit, ein Echtzeit-Feeling, das tatsächlich dem ursprünglichen Blog-Feeling von Slanted.de sehr nahe kommt – das Magazin scheint wie eine Website nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern auf der Reise, unterwegs, schnell zu sein, Momentaufnahmen zu liefern – und das ist auch gut so. Denn durch dieses Flair bekommt die Slanted eine Einzigartigkeit, besetzt eine Nische, die die anderen Designmagazine derzeit nicht füllen. Sie ist ein bisschen trashiger, ein bisschen mehr Patchwork und eben darum hoch lesenswert, zumal die Sprunghaftigkeit des Magazins die das Hypertext-Feeling eines etwas treibenden Surfens im Netz gut zu Papier bringt. Die Interviews und gezeigten Arbeiten widmen sich der Creme der Gestalterszene ebenso wie Newcomern, ohne sich dabei immer sklavisch an das Heftthema zu halten, was den Inhalten durchweg gut tut. Musikrezensionen, Buch-, Magazin- und Font-Tipps aus der Slanted-Website und jede Menge liebevolle Details runden das Heft ab, das bei allem Über-Zäune-bicken doch immer wieder zum Kernthema Schrift und Schriftschaffen zurückkehrt.

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Das Ergebnis ist ein impulsives und in dieser stürmischen Art unweigerlich inspirierendes Heft, das sich wohltuend oft einen Scheiß um Hübsch oder Hässlich schert, sondern ganz auf Direktheit setzt. Es gibt immer etwas zu sehen, zu entdecken, anzulesen, irgendwas, was dich zum lachen bringt oder verwundert. Diese Vielfalt ist angesichts des relativ kleinen Teams um Julia Rausch umso verblüffender und schöner.

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Schöner ist ohnehin das richtige Stichwort – nachdem Lars Harmsen mit den ersten Slanted in Kooperation mt Océ einen Marketing-Hattrick hinlegte und die Slanted komplett digital druckte, wird sie jetzt doch in «echtem» Offset gedruckt, man merkt den Unterschied eigentlich auf den ersten Blick kaum, aber das etwas schönere Schwarz veredelt das größtenteils ja einfarbig produzierte Heft unbedingt und nun kommen auch die feinsten der haarfeinen Artwork-Linien, die Marian Bantjes’ Interview begleiten kompromisslos zur Geltung. Die Aufwertung passt zu dem Plan, die Slanted demnächst häufiger, regelmäßig quartalsweise und dann auch konsequenterweise gleich im (superpreiswerten) ABO zu produzieren. Es gibt eigentlich kein (deutsches) Magazin, dass sich so exklusiv dem Gestalten von und mit Schrift widmet und zugleich diesem nur scheinbar engem Themenbereich so viel schillernde, punkige Lebhaftigkeit abgewinnt, die wunderbar im Kontrast steht zu der grauen Bleisatz-Ernsthaftigkeit, die typographische Magazine oft anspringt. Wer Spaß an Schrift hat, kommt an der Slanted also eigentlich gar nicht vorbei.

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15:58 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

REFLEKTOR 1

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Reflektor 1 ist das Annual des Fachbereichs Design der FH Dortmund.  Unter der Betreuung von Xuyen Dam hat ein gleich neunköpfiges Team (mit dabei, reiner Zufall, die auch als Schatzsucher talentierten Tim und Fabian) eine unglaublich geschliffene, professionelle Publikation produziert, die vom ersten Moment an hochwertig wirkt: Hardcover,partieller Glanzlack auf dem Cover, beigelegte DVD, drei Papiersorten, geschmackvolle Typographie (wobei die an sich schöne Akkurat von Lineto derzeit vielleicht etwas overused ist). Wo die Botenstoff auf kreatives Chaos und intuitives Design setzt, hat die Reflektor ein sauberes Rasterdesign, ein tightes typographisches System und eine kühle Klarheit, die sofort an die Aufgeräumtheit vieler Annuals erinnert, in denen eben auch viel heterogenes Material wertig präsentiert werden muss und Orientierung und Logik im Vordergrund stehen. Dazwischen lässt sich das Reflektor-Team aber viel Raum für andere Haptiken, andere Emotionalitäten, wie etwa im Essayteil, wo Heike Sperlings Artikel über Ouvertüren ganz wunderbar zeigt, wie man sparsam und doch lebendig zugleich nur mit Schrift arbeiten kann, ohne Lesbarkeit zu opfern. Das raster wird hier kreativ genutzt, um den langen Text zu gliedern und zugleich den deutschen vom englischen Text abzugrenzen. Das es zudem noch auf chamoisfarbenem Papier gedruckt ist, also Buchsatz emuliert, macht den Spaß nur größer.

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Alles an der Reflektor 1 wirkt wasserdicht, beneidenswert professionell, eine absolut hochwertige Publikation, die in jeder hinsicht rund ist. Was die an sich schon feine SeiteEins noch an Makel hatte, ist komplett ausgemerzt – die Arbeit ist so slick, dass es im Grunde schon seltsam wirkt, hier noch Studentenarbeit drin zu erwarten. Selbst der Blocksatz ist okay – und auch wenn ich bei Schriften immer Minuskelziffern eher bevorzuge, ist es ebenfalls eigentlich korrekt, bei der Grotesk darauf zu verzichten (bei der Minion gibt es aber eigentlich absolut keine Ausrede, die kann und muß OSF haben :-D).

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Neben einem beeindruckenden Rückblick auf Veranstaltungen des abgelaufenen Jahres, bei dem schnell klar wird, welche Professoren und welche Studenten sich besonders für die FHDO engagieren, gibt es eine Flut von studentischen Arbeiten, die sehr akkurat ausgesucht sind, die Worst Cases, die man gerne mal bei Diplomshows auch in Dortmund sieht, umfahren und zeigen größtenteils sehenswerte Sachen, wobei im Kontext eines solchen Buches unweigerlich die photographischen Arbeiten am besten wirken weil Design-im-Buch irgendwie nicht so richtig wirken kann wie ein einfaches planes Bild, das geringere Komplexität in der Dechiffrierung verlangt. Die Designarbeiten decken ein weites Spektrum ab, bewegen sich aber doch recht stark im pragmatischen Bereich. Wenn man weiß, dass in Dortmund durchaus auch verballertes Design entsteht, fragt man sich etwas, warum man davon nicht etwas mehr sieht – die meisten Designarbeiten wirken sehr markttauglich und so professionell, dass ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wo zur Hölle diese Arbeiten bei den Diplomshows waren. Die Photographie-Abteilung ist in Dortmund nicht ohne Grund von sehr gutem Ruf und die gezeigten Arbeiten unterstreichen diesen Anspruch – es gibt hier, wie immer bei Photo, ein stärkeres magich/magichnicht-Gefälle als bei Design, aber ich persönlich mag eine Menge der Studentenarbeiten hier. Durch die Bank, ob architektonisch, illustrativ oder Photo und Grafik Design – die FH Dortmund zeigt sich in Reflektor in jeder Hinsicht absolut auf der Höhe der Zeit.

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Wenn man die FH kennt, ist das fast ein Risiko. Die Diplome werden dem hier gezeigten Niveau mitunter wirklich nicht gerecht und das Gebäude an sich ist sicher auch ein Letdown, wenn man das hyperschicke Buch zuvor gesehen hat. Und das ist durchaus absolut als Kompliment gemeint. Die Mannschaft um Xuyen Dam holt aus den Möglichkeiten der FH Dortmund nahezu unmögliches heraus, filtert die Arbeiten, schafft Kontext und schafft – und das ist die Aufgabe von Design – mit einem einzigen Schlag ein positives, sauberes, attraktives Image. Reflektor ist anders als die Botenstoff nicht das kreative Experiment, sondern das professionelle Marketingtool. Das sind verschiedene Ansätze und es ist großartig, wenn FHs in NRW sich so verschieden positionieren und den Studenten so mehr Auswahl geben. Als Marketingwerkzeug ist die Reflektor everything you can wish for, jeder Dekan darf dieses Ding stolzgeschwellter Brust auf den Tisch legen, das Annual ist die perfekte Visitenkarte und zeigt sauber den Weg der FH Dortmund nach vorn auf. Als Buch an sich ist Reflektor 1 eine saubere, saubere, saubere Leistung, auf die das gesamte Team kollektiv absolut stolz sein kann. Intern wird man sicher viel gestritten haben und wissen, wo noch Fehlerchen und Kompromisse stecken, von außen betrachtet ist Reflektor eine der saubersten Jahrbuch-Publikationen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe, und ich bin sicher es wird AN SICH den ein oder anderen Design-Preis gewinnen können. Die Reflektor ist eine Kampfansage, eine Richtungsbestimmung, eine Steilvorlage. Wenn die FH Dortmund sich diesen Standard zu Herzen nimmt, in der Förderung der Studenten, in der Qualität von Arbeiten und Veranstaltungen, dann können sich andere Unis in NRW warm anziehen. Die Reflektor tut das, was gutes Design kann: Sie entwirft eine Maske, die vielleicht einen Tick besser ist as die Wirklichkeit, in der Hoffnung, die Wirklichkeit wächst in diese Maske hinein,passt sich dem Idealbild näher an. Das ist das höchste Ziel von Design und Werbung – das beworbene Objekt AN SICH zu verändernd, Wandel zu bewirken und diesem Wandel eine Landkarte, eine Passform zu verleihen. Das ist genau der Grund, aus dem ich Design so liebe – make things better – und die Reflektor erfüllt all das perfekt. Um die Wahrheit zu sagen bin ich etwas traurig, dass ich genau diese Art Publikation an der Ruhrakademie nie habe durchsetzen können – so muss Werbung für eine Design-FH aussehen :-D.

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Last not least gibt es einen Text von Kurt Weidemann bei den Essays, der absolut liebens- und lesenswert ist. Weidemann ist, kein Geheimnis, mir auf der Typo in diesem Jahr etwas mit seinen Ausfällen unangenehm aufgefallen, aber dieser Text macht alles wieder gut, jeder Designer sollte dieses beneidenswert kurze Stück Text gelesen haben. Allein diese knappe A4-Seite Text ist das ganze Buch wert – und glaubt mir, die 178 Seiten drum herum sind kein Stück schlechter. Das Buch kostet knapp 30 Euro und ihr könnt es hier bestellen.

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Die offizielle Release-Party beginnt am 12.11. um 18:00 im Gebäude der FH-Dortmund am Max-Ophüls-Platz 2, 44139 Dortmund.

12. November 2008 12:32 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

Botenstoff II: Mittelmässigkeit

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Das vom FB Design der Hochschule Niederrhein in Krefeld stammende Botenstoff-Magazin hat sich von der ersten, aus Nora Gummert-Hausers versierter Hand kommender Ausgabe, zur zweiten, von Erik Schmid betreuten Ausgabe, spürbar gewandelt und es ist eine Freude zu sehen, wie dieses Format den Vorlieben und Neigungen der betreuenden Professoren zu folgen vermag. War Noras Heft eine klare, moderne, inhaltlich auf an der Hochschule entstehende Arbeiten und Ideen zugeschnittene, klare Editorial-Lösung, so präsentiert sich Eriks zweite Ausgabe als smartes Anti-Design, als dramaturgisches Design, dass in nahezu jeder Hinsicht, mit Ausnahme des Namens, völlig anders ist. Ich mag sowas – sich jedes Jahr neu erfinden ist gut für ein Magazin, das so kleinen Umlauf hat und insofern nicht am Tankstellen-Magazinrack wiedererkannt werden muss  – und es gibt den Studenten und Dozenten mehr Freiraum, sich zu erfinden, wenn auch vielleicht auf Kosten einer klaren Linie. Es hat etwas herrlich postmodernes, wenn ein bestehendes Konzept immer und immer wieder, kaum etabliert, schon wieder abgebaut wird, es hat was von unserer Zeit – tribalistischer Zeltenbau statt Beton. Was die Botenstoff II schon aus der Box heraus etwas gegen das deutsche Schuhkarton-Grau angehen lässt, das auf dem Pappcover zelebriert wird.

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Die Botenstoff II ist Gegendesign, so Anti-Style, dass es natürlich längst auch schon wieder ein Style geworden ist und so hört man gestalterisch hier und da Echos von Meiré, Lombardo und auch Hickmann durch, nicht die schlechtesten Vorlagen. Giuseppe Vitucci, der  durchaus elegante und visuell beeindruckende Lösungen entwickeln kann, hat sich hier gezielt auf ein (durchaus noch lautstarkes) Minimum zurückgefahren, in diese so schwere Balance von Design, das nicht mehr nach Design aussehen mag, sondern roh und gestaltet wirken will, vernacular. Dazu gehört die Wahl auf Tims un Helvetica als Typographie, hinreißende Sperrmüllphotos, leicht trübe Farben, die nach altem Küchenanstrich aussehen. Manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus und will dann doch zuviel, aber in der Balance zwischen wieviel-ist-zuviel und wieviel-ist-zuwenig, die bei so Spex-angehauchten Designs die prekäre Frage ist, kann man sich unendlich leicht auch mal verhauen und zum einen ist für einen Studenten die Trefferquote schlichtweg beeindruckend, zum anderen sollte man sich bei so einem Magazin im Zweifelsfall auch mal in Richtung Exzess verlaufen dürfen, hauptsache, man hat auch beim Bauen der Seiten selbst Spaß – und der ist greifbar.

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Das Ergebnis erinnert mich angenehm an ein Theatersaisonheft, so wie ich es mir gern vorstellen würde, allein schon dadurch, dass es keinerlei Stückankündigung enthält. Auch die Hochschule an sich findet seltsam wenig statt, fast ein Gegenmodell zum FH-zentrischen ersten Ausgabe, sondern die zweite Botenstoff folgt – als wäre es die BrandEins auf harten Drogen – dem thematischen roten Faden, geht auf Bildseiten wie auf Texten wunderbar mäandernd auf eine Reise durch das Thema Mitte.  Und so entstehen schöne Seiten wie die Kompromiss-Doppelseite, wo das Wort (leider gekippt) mit einem wunderbaren Zufallsfund-Photo gekoppelt ist, auf dem ein Mann mit eingezogenem Kopf am Strand entlanggeht.

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Die Botenstoff ist geprägt davon, dass Erik weniger ein Pixelbieger und mehr ein Denker ist – sie ist lesenswert und textlastig, eher Der Freund als Bravo,  sie will weniger zeigen, mehr erklären, sie will Diskurs, keine Bilderflut. Ein wenig geht dabei unter, dass man durchaus auch mehr auf der Bildebene hätte Diskurs leisten können – anstelle der gefundenen Bilder eben Photoessays oder Arbeiten rund um die Themenspektren Mitte, Mittelmaß, Grau, Durchschnitt, Vielleicht. Da ist vielleicht, nur vielleicht, ein Hauch zu viel in die eine Richtung gegangen,die Chance vertan, zu zeigen, dass auch grafisches Design argumentativ, aggressiv, meinungstark sein kann, wie viele Designer, nennen wir nur Jonathan Barnbrook, seit Jahrzehnten vorleben. Die wunderbar abstruse Paternoster-Strecke von Anja Itter zeigt, wie das hätte aussehen können – wenn so eine Mischung sicher auch ein doppelt so dickes Heft gefordert hätte, denn die Texte und die Trennseiten von Guiseppe sind nichts, worauf man verzichten könnte. Trotzdem stehen Design und Text etwas nebeneinander, das Design reagiert auf die Texte so gut es kann und es kann gut, aber eine noch stärkere, Bruce Mau’sch Fusion, wäre toll gewesen, was aber schon unglaublich ünne Luft der Kritik ist bei einem Heft, das sich immer wieder geschickt jeder Kritik entzieht und trotzdem niemals kantenlos bleibt. Die mitunter miese Typographie ist sicher so gewollt, der beängstigende Blocksatz, das fehlen jeglicher Finesse passt ins Thema und bietet einen seltsamen Gegensatz zur ersten Botenstoff, die typographisch feinstgeschliffen daherkam. Seltsam, einerseits souverän, andererseits schade, ist der Verzicht auf alle Werbung – ich fand nicht so schlecht, dass man es geschafft hatte, große Partner für die Finanzierung zu kriegen – auf der anderen Seite würden sie in diesem, weniger «magazinig» angelegten Magazin vielleicht auch stören.

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Die Botenstoff II ist ein Essay, ein Themenheft, ein wunderschön hässliches Entlein, eine Inszenierung, die viel zu kurz aber wunderschön am Punkt vorbeiwandernd auf den Punkt kommt. es ist kein perfektes Heft, es hat eine Menge Pickel im Gesicht und die Schneidezähne haben ne unschöne Lücke, aber das macht es so charmant – und so perfekt als Heft einer Designer-Hochschule. In den besten Momenten gelingt dem Team von Botenstoff eine lakonische Hände-in-die-Hosentaschen-Rotzigkeit, die nach durchgemachten Nächten und zu viel Kaffee schmeckt. Es ist nicht Sorte Heft, mit dem eine FH angibt und nicht die Sorte Heft, die man als Anguck-Buch ins Regal schickt. Aber die Sorte Heft, die nach einer Woche zerlesen und mit Eselsohren neben dem Bett liegen kann – und das ist das höchste Lob für ein Design-Mag. Nicht gucken, lesen.

Am 12.11. ab 19.00 ist in Krefeld die Releaseparty. Mehr Infos hier. 

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11. November 2008 13:57 Uhr. Kategorie Design. 3 Antworten.

Waltz With Bashir

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Waltz with Bashir ist die Sorte Film, in die man – aufgrund des extremen Hypes in den Feuilletons – eigentlich kaum gehen würde und ich bin dankbar, mit Björn doch im charmanten  Bambi in Düsseldorf Ari Folmans Zeichentrick-Dokumentarfilm gesehen zu haben. Denn Bashir wird den Vorschußlorbeeren gerecht, was heutezutage ja eher die Ausnahme im Kino ist. Mit seinem dritten Film wird Folman offiziell autobiographisch und begibt sich in der Filmhandlung selbst auf die Suche nach seiner verlorenen Erinnerung zum Libanon-Krieg in den achtziger Jahren. Nachdem Folman den Nahostkonflikt bereits für mehrere TV-Dokumentationen aufgearbeitet hat, ein vielleicht kluger Kunstgriff, denn der persönliche Zugang über seine Erinnerungen – und die seiner Kameraden im Libanon-Krieg – erlaubt eine ganz individuelle und damit relativ unangreifbare Erzählposition, die sich wenig um historische Korrektheit kümmern muss, ganz im Gegenteil die Verdrängung und das Vergessen sogar zum MacGuffin der Geschichte macht. Denn der virtuelle Folman des Films versucht nach einem seltsamen Alptraum über das Massaker von Sabra und Schatila in Beirut, die Lücken in seinem Gedächtnis zu füllen und reist herum, spricht mit anderen israelischen Soldaten, um seinen Einsatz dort zu rekonstruieren.

Waltz with Bashir ist ein Low-Budget-Film, der zunächst auf Video gedrehtes Material in Flash, klassischer Animation und etwas 3D nachbaut. Visuell ist das Material oft nicht einheitlich, die Stilistiken der Darstellung wechseln hin und wieder zwischen dem eher einfach und klar gehaltenen, comicartigen Stil der Interviews und deutlich atmosphärischeren Bildern – wie etwa dem Schwenk durch den Wald von Holland zurück nach Isreal, oder Aufnahmen im Krieg selbst, die deutlich aufwendiger wirken. Das der Film direkt rein technisch mit einer der erzählerisch schönsten, zeichnerisch aber schwächsten Sequenzen anfängt – den durch die Stadt hastenden Hunden im Traum des Soldaten Boaz, dessen Aufgabe im Feld darin bestand, streunende Hunde zu erschießen, die ihn nun im Traum wild heimsuchen -, macht vorweg klar, dass es hier weniger um einen aufwendig produzierten, visuell beeindruckenden Film à la Pixar geht,  sondern vielmehr darum, dass die Animation die preisgünstige, aber ästhetisch passende Variante zu einer normalen Filmproduktion ist. Der stark an Persepolis erinnernde Ansatz – erzählerisch wie stilistisch – deutet darauf hin, dass es hier ein ganz neues Genre semi-dokumentarischer, biographischer Filme geben könnte, langfristig vielleicht auch mehr rein fiktionale Filme; A Scanner Darkly macht drastisch klar, wie gut Animationsfilme auch für Erwachsene funktionieren können. Vor allem, wenn die heutigen Erwachsenen sozusagen mit Zeichentrick und 3D-Ästhetik groß geworden sind und die Erzählstrukturen und -werkzeuge dieses Mediums verinnerlicht haben.

Denn Waltz with Bashir holt ein Maximumaus den vermeintlichen Schwächen des mit einer sehr kleinen Mannschaft realisierten Garagen-Zeichentrick-Looks heraus.Die verschiedenen Bildästhetiken vermitteln die Härte des Krieges für die jungen Soldaten ebenso wie die Magie mancher Momente, der Zeichentrick-Trick erlaubt nahtlos surreale Momente, Traum und Realität verschmelzen miteinander, wie es im Realfilm nur mit Hollywood-Budgets und CGI denkbar wäre. Zugleich vermittelt die oft bedächtige Geschwindigkeit der Animation in den Bewegungen von Figuren und Ereignissen ohnehin – vielleicht unabsichtlich – eine traumhaft-bedächtige, mesmerisierende Qualität, die perfekt zum Inhalt des Films passt. Und schließlich ermöglicht der ästhetische Bruch mit der Realwelt auch eine vielleicht nötige Distanz zum Geschehen in Beirut am 16.-18. September 1982, an dessen Grauen sich Folman fast sanft herantastet, indem er im Verlauf des Filmes immer wieder dosiert den Horror des Krieges, aber auch des Landurlaubs zeigt. Die Entmenschlichung im Einsatz, die Entfremdung im Alltag – die klassischen Kriegsthemen halt seit Im Westen nichts Neues. Der ästhetische Bruch erlaubt ein neues Herantasten an ein ja stets akutes Thema, das in seiner klassischen Präsentation als abgegriffen empfunden wird – wie viele Antikriegsfilme kann man selbst beim besten Willen sehen? -, das heißt, der Kunstgriff im Design, das Spektakuläre, das ästhetisch Innovative, ermöglicht paradoxerweise vorübergehend einen inhaltlichen Zurückgriff auf Ideen, die im Realfilm niemanden mehr berühren würden, weil wir zu abgestumpft sind. Die Leistung von Waltz with Bashir – unter anderem – ist also auch, uns über den kindlichen Umweg des Zeichentrickfilm eine Unschuld zurückzuverleihen, um uns diese dann Stück für Stück wieder zu rauben. Wo wir gegen Elendsbilder dank der täglichen Nachrichtenflut immun geworden sind, macht die abstraktere Ebene der Animation wieder offener, verwundbarer, sie umgeht unsere Dämme. Wenn Folman am Ende des Films, im Nachspiel des Massakers an über 3000 Zivilisten durch die christliche Phalange in zwei Flüchtlingslager der bombadierten und eingekesselten Stadt Beirut, in den letzten Minuten des Films zu historischem, eigentlich vertrautem Videomaterial wechselt, ist unser Blick so plötzlich neu und und wieder aufnahmebereit, der Film längst durch unseren postmodernen, krisen- und kriegsfesten Zynismus hindurchgeschlüpft und die (vergleichsweise harmlosen) Bilder können mit der ihnen eigentlich innewohnenden Kraft wirken. Wir sind inzwischen so gewohnt an fast tägliche Schreckensmeldungen, dass uns Genozid wie etwa in Somalia in den 90ern, fast unberührt lässt. Waltz with Bashir bringt dich zurück zu der Unschuld der frühen achtziger Jahre, als der Libanon-Krieg die ganze Welt entsetzte und niemanden wirklich kaltließ. Das es narrativ zudem ein befriedigendes Ende ist, weil Folmans Figur hier «in die echte Welt geht», also sein Gedächtnis voll wiedergefunden hat, aus seiner Verdrängung herauskommt, ist umso schöner gelöst – der für einige Verleiher sicher problematische Switch zu echten Gräuelbildern ist im Sinne der Geschichte unverzichtbar und das Ende der Reise des Filmcharakters Ari Folman, der gefunden hat, was er suchte, auch wenn er darüber vielleicht gar nicht so glücklich sein mag. Die Traumbilder, die seine Verdrängung ihm vorgaukelte – Lichtfeuerwerk, während die Soldaten fast benebelt im Wasser schlummern – ist der Wirklichkeit sicher vorzuziehen, dass Folman selbst Leuchtraketen in die Nacht schoss, von den die Flüchtlingslager umringenden Dächern, damit die Phalange ihrem blutigen Rachefeldzug nachgehen konnten.

Historisch ist ein solcher Film, zumal von einem israelischen Autor, Produzenten und Regisseurs, immer so eine Sache, aber Folman umgeht die Kritik entspannt mit dem Verweis auf den sehr biographischen Zugang. Inwieweit Scharon die Massaker wissend zugelassen hat, bleibt also offen – vielleicht zu Recht bei einer 25 Jahre alten Geschichte, und Scharon ist nicht der Kern. Es ist ein therapeutischer Film, in dem nicht ohne Grund zwei Psychologen auftreten, in der Folman seine eigene Auseinandersetzung mit einem schwarzen Loch in seinem Gedächtnis natürlich gleichzeitig zum Aufruf an sein Land macht, bitte ebenfalls die Vergangenheit nicht zu vergessen. Waltz with Bashir ist insofern trotz der individuellen Note ein klar anprangender Film – unumgänglich vielleicht -, der aber versteht, seine harten und schockierenden Momente mit Catch-22-artiger Absurdität zu kontern. Und der damit (vielleicht unfreiwillig) an die neuere, kaum weniger grausam-absurde Geschichte des anscheinend ewigen Israel-Palästina-Konfliktes zu erinnern vermag, an aus dem Nichts hochgezogene 720 km lange Trennungszäune, an im Cabrio durch zerbombte Städte tourende Neureiche, an den gleichen Glaubenskrieger Ariel Scharon, der die Massaker mitzuverantworten hatte und der in der Post-9/11-Phase-Premier von Israel war und den Konflikt mit Arafat auf den Leichen ungezählter Zivilisten bis zum bitteren Ende ausfechten wollte. Waltz with Bashir ist insofern vielleicht deshalb so erfolgreich, weil er auf kluge und fesselnde Art eine Vergangenheit aufarbeitet, die sehr verdächtig nach unserer Gegenwart aussieht.

10. November 2008 12:01 Uhr. Kategorie Film. 5 Antworten.

Handy 2012

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Laut Engadget stellt sich SonyEricsson so das Handy vor, mit dem wir in vier Jahren arbeiten. Viele der hier angedeuteten Entwicklungen sind bereits erahnbar – wie etwa 10MP-Kameras in Handys. Hier bestätigt sich meine Idee, dass der Desktop-Rechner zumindest für den Home-Bereich so tot ist wie das Kabelelefon auf dem Bänkchen im Flur, mit dem auch mal der Nachbar im Haus telefoniert hat. Die Mobiles von morgen sind vollwertige Rechner, die Bildschirme, Beamer, Hifi-Anlagen usw ansteuern werden können. Auffällig fehlend finde ich Lösungsansätze für Eingabegeräte. Extrem spannend finde ich andererseits über 100 MBps Internetanbindung wireless – dagegen sieht 3G sehr alt aus. Wenn dann bitte nur die Kosten simmen und man vielleicht einmal über zumindest europaweite roaming-freie Lösungen nachdenken mag. In Ländern wie Amerika oder Japan weitgehend egal, in Europa aber zunehmend das wichtigste Thema, finde ich. Roaming-Gebühren sind etwa so abstrus und kontra-intuitiv wie Zollgebühren beim Versand aus der Schweiz :-D.

7. November 2008 14:16 Uhr. Kategorie Technik. Eine Antwort.

James Bond: Ein Quantum Trost

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Das wirklich schlechteste an dem zweiten Bondfilm seit dem Relaunch ist der deutsche Titel, der zwar sehr genau auf den Spuren des englischen Filmtitels wandelt, aber trotzdem irgendwie nicht sonderlich smart klingen will. Das «Quantum» muss wohl hinein, da Bonds böse Gegenspieler-Organisation so heißt (Q – war das nicht sonst Bonds Leib- und Magen-Ingenieur?), aber es will einfach keinen sonderlich griffigen Filmnamen abgeben. Alles andere an diesem Film ist – für das, was es eben ist – ziemlich gelungen. Ich war angesichts der extrem negativen Reviews aus den USA vorweg mit einigen Bedenken in den Film gegangen, auch wenn ich kein sonderlicher Bond-Fan bin, weil mir die Richtung des Restarts mit Daniel Craig eigentlich sehr zusagte und ich einen Rückfall in die Pierce-Brosnan-Ästhetik recht gruselig gefunden hätte.

Aber schon die Titelsequenz acht klar, wo die Reise hingeht. Sie stellt einen Bruch mit den klassischen Bond-Openern dar und geht zugleich zurück an die Wurzeln des Mythos. Das kraftvoll pulsierenden Another Way to Die von Jack White und Alicia Keys zeigt genau die Balance zwischen Mainstream und Indie-Appeal, die der gesamte Film sucht. Vielleicht der beste Titeltrack eines Bond-Films seit Dekaden, zeigt die Fusion von Alternative-White-Stripes-Feeling und Alicia Keys Mainstream-Soul, zwischen minimalen Drumbox-Sounds und großem Bläsersatz – und diese Fusion durchzieht nicht nur den ganzen Film, sondern auch die Titelsequenz, die die Ästhetik der alten Bondgirl-Opener hypermodern reinszeniert. Während der Opener von Casino Royale eine absolute Nullnummer war, überzeugt diese voll und ganz – und der FIlm kann sich so sogar den nostalgischen Luxus leisten, als Abspann den alten Gunbarrell-Opener anzuhängen. Dieses moderne Aufgreifen klassische Bond-Themen (nachdem Casino die meisten dieser klassischen Ansätze recht gnadenlos überbord warf) ist das große Thema des Films, der immer wieder visuell klassische Bond-Filme zitiert.

Tatsächlich ist der Film des in der Schweiz geborenen Marc Forster jeden Moment näher an der klassischen Bond-Ästhetik als Casino Royale, und zugleich doch hochmodern, in dem Versuch von moderneren (und offensichtlichen) Bond-Kopien wir etwa Jason Bourne zu lernen – von einer Schweizer Ruhe ist hier nichts zu finden, vielmehr wirkt es als habe der Regisseur, der sonst eher für Offbeat-Filme wie Stranger than Fiction, Finding Neverland oder Drachenläufer verantwortlich zeichnete, sich hier vorgenommen, den quintessentiellen Actionfilm überhaupt zu machen. Mit Erfolg – ich habe selten so viele Verfolgungsjagden so wohlchoreographiert in solcher Dichte und Vielfalt gesehen. Ob Auto, Wasser oder Luft, über Dächern oder im Straßendschungel, vielleicht weil der nach einer Kurzgeschichte von Ian Fleming benannte (aber inhaltlich absolut gar nicht darauf basierende)  Plot einfach mehr als genug Luft für solche visuellen Leckereien zulässt. Denn die Handlung, dass muss man leider sagen, ist ganz und gar klassischer Bond. Klarer Bösewicht als Teil einer geheimnisvollen Organisation, internationale Verwicklungen, diffuse Politik, Weltbeherrschungspläne, Bond und M im Zwist, Minimum zwei gut aussehende Damen an Bonds Seite, Martini (in Variation), Smoking, Aston Martin. Einzig die High-Tech-Spielzeuge von Q fehlen, Bond muss mit einem eher an 24 erinnernden High-Tech-Handy auskommen, explodierende Armbanduhren gibt es diesmal (gottseidank) nicht.

Forster legt sehr viel Wert darauf, den Film visuell zu einem Brückenschlag zwischen dem 60s/70s Bond und heutiger Ästhetik zu machen. Das blaugraue ultramoderne London-Flair trifft auf ein farbiges, grobkörniges Südamerika, das geradezu direkt aus einem Connery-Bond zu kommen scheint. Die Verfolgungsjagd in den Bergen mit der DC-3-Propellermaschine ist völlig zeitlos und erinnert vielleicht nicht ganz zufällig auch an North by Northwest. Die wunderbar inszeniere Szene während der Bregenzer Tosca-Aufführung ist als Kontrapunkt bemerkenswert, mit schnellen Zwischenschnitten und einer fast offscreen stattfindenden Kampfszene, die immer wieder mit dem Bühnengeschehen kontrapunktiert ist – so wie die Tosca hier selbst modern reinterpretiert ist, möchte man meinen, so will Forster auch den Bond-Mythos modernisieren. Nicht zulezt spiegelt der Tosca-Plot auch wunderbar die Handlung des Filmes wieder. Es schwirrt nur so von Querverweisen, Zitaten, Doppelbödigkeiten und Andeutungen in diesem Film.

Obwohl er in Interviews bekundet, ins Innere von James Bond reisen zu wollen, wirkt Craigs Bond stoischer, kälter, fast psychotischer als jeder andere Darsteller zuvor. Das wettergegerbte Gesicht, die eiskalten Augen, die Narben am Körper – nichts an diesem James Bond ist mehr Gentleman, alles ist ruppige Killermaschine. Es ist Craigs besondere Leistung, diesem Ansatz zugleich die nötige Härte und körperliche Brutalität mitzugeben, andererseits in diese Fassade gerade genug Risse einzufügen, um den leidenden Menschen dahinter, der nach und nach alles verliert, was ihm wichtig ist, sichtbar zu machen und Bond am Ende des Films durchaus, fast unmerkbar in all dem Action-Getöse, durchaus zu einer Katharsis, zum Ende einer Reise oder zumindest zu einer wichtigen Station gebracht zu haben. Obwohl Forster kürzerer Film weniger Zeit für Introspektion lässt, nutzt der Film die wenigen ruhigen Minuten effizient, um der Blockbuster-Geschichte vielleicht sogar einen Hauch mehr Tragik abzugewinnen als dem Debut von Craig. Dass mit der Figur der Camille dabei eine weibliche Nebenrolle sozusagen vorlebt, dass eine erfolgreiche persönliche Vendetta nicht nur, wie Bond sagt, den Toten völlig egal ist, sondern vor allem auch den Lebenden sehr wenig Genugtuung bringt und nur Orientierungslosigkeit, wenn das große Ziel erledigt ist, bleibt, hilft, die Prozesse hinter Craigs hypermaskulin-rigidem Mienenspiel zu externalisieren.  Und dennoch bleibt der Bond, der schließlich am Filmende in die Kälte geht, der Pflicht vor Rache gewählt hat, der unnahbarste, der mörderischste von allen bisherigen 007. Weniger Mensch als vielmehr Naturgewalt. Umso schöner, dass andererseits Judi Denchs Charakter M mit dem zweiten Film erneut an Gewicht und Realität gewinnt, nicht ohne Hintergedanken beim Abschminken gezeigt wird, emotionaler Anker des Films, Konstante für den Zuschauer in dem Strudel der Handlung. Als Bond insinuiert, das M «wohl gerne» seine Mutter wäre, ist er der Wahrheit näher als er denkt – tatsächlich schlüpft Dench mühelos zwischen den Rollen der eiskalten Geheimdienstchefin und einer wärmeren Figur hin und her. Wie bei Craig selbst merkt man, wie sehr ein formalistischer Mainstreamthriller mit hochrangiger Besetzung  quasi automatisch an Format gewinnt. Die Darsteller gewinnen den Figuren Zwischentöne ab, die bei schlechteren Schauspielern einfach ungenutzt bleiben würden – und von diesen kleinen Momenten lebt der gesamte Film. Selbst Olga Kurylenko, eher als halbnackter Körper aus B-Actionfilmen wie Hitman bekannt, gelingen solche Nuancen, was angesichts der klischeebeladenen Rolle, die sie zu geben hat, nicht einfach sein dürfte. Optisch setzt sie die Rolle eher dunkelhaariger, schmaler, meist angezogener, eher wenig typischer Bond-Girls fort. Craigs Bond ist kein Womanizer mehr, Frauen sind nur Mittel zum Zweck, Sex eine Waffe.

Es ist Marc Forsters Leistung, selbst analog zu den Darstellern als Regisseur ähnliche schmale Nischen im Gerüst der 007-Mythos zu nutzen, um seine eigene Note zu setzen, geschickt Metamotive in den Film zu setzen – so werden die vier Elemente, Luft, Wasser, Erde und Feuer geschickt zu Schauplätzen genutzt, werden politisch-ökonomische Kommentare über die Bedeutung von (noch) Gold und (bald) Wasser als wichtigstem Rohstoff vor Gold (schöne Goldfinger-Hommage mit dem Tod von Strawberry Fields, die leider aber um des netten Effektes willen eine etwas sinnfreie, abrupt unterbrochene Rolle im Film spielt und zu früh und absolut unlogisch umgebracht wird). Überzeugend auch, wie das jeweilige Lokalkolorit des extrem global spielenden Films eingefangen wird, von der Dekadenz in Bregenz zum Alltagsflair in Chile. Ebenso gelingt ihm – fast zu gut – der Anschluss an das etwas konfuse Ende des ersten Craig-007, was leider dazu führt, das man als Betrachter mit einer Flut von dort eingeführten Figuren konfrontiert ist, deren Rolle man kaum durchschaut. Der Plot – an die Festnahme von Le Chriffre am Ende von Casino Royale anknüpfend – nimmt mitunter seltsame und auf den ersten Blick nicht sonderlich logische Wendungen, und am Ende wird man das Gefühl nicht los, der Beginn und das Ende des Films haben nur vage miteinander zu tun. Vielleicht der Preis, den man mit vier Drehbuchautoren zahlt, vielleicht aber auch Absicht, um die Geschichte um die Quantum-Organisation und Le Chiffre fortsetzen zu können. Obwohl Forsters hyperdichte Narration gut funktioniert angesichts nur 106 Minuten Länge, wären ein paar Minuten mehr sicher nicht verkehrt gewesen, um den Plot klarer zu machen und Nebenfiguren wie Fields oder Leitner oder auch Mathis mehr Raum zu geben. Das Seltsame an diesem Film ist, dass er narrativ fast keinerlei  Substanz aufzuweisen vermag, visuell und im Sinne von postmodernen Selbstzitaten, also auf der artifiziellen ästhetischen Ebene unglaublich überzeugt. Wäre der Plot so tiefgründig wie Forsters Inszenierung schillernd ist, wäre dies ohne Frage einer der besten Bonds aller Zeiten. Aber so ist es viel überzeugendes Spektakel, das leider eigentlich ohne entsprechende Füllung bleibt. Perfektes Design mit magerem Content.

Insgesamt gelingt Quantum of Solace der Brückenschlag zwischen dem allen 007-Klischees sprengenden Ikonoklasmus von Casino Royale und dem Ken-Adams-Retro-Flair, das zum Bond-Mythos gehört. Die eigentlich unmögliche Leistung ist, stilistisch zurückzugehen zum Connery-Bond (wenn auch minus Connerys Smartness und Ironie) und zugleich nach vorne zu preschen. Die Settings, die Storyelemente, und ganz massiv das Kostümdesign (Tom Ford!!!!) und Setdesign sind auf hochaktuelle Art und Weise dem Modernismus der Sixties verpflichtet, so sehr, dass man teilweise das Gefühl nicht ganz loswird, einen ALTEN Bond-Film aus einer Parallelwirklichkeit zu sehen, in dem Steve McQueens taffer Bruder den 007 mimt. Zugleich zeigen viele Designelemente der oft architektonisch atemberaubend gewählten Sets (wie das tatsächlich reale EOS-Hotel am Ende des Films) einen fast futuristisch kühlen, hypermodernen Touch, der verblüffend gut zum Retro-Modernismus passt, zumal Forster es sauber nach Locations und Akten getrennt hält. Das Ergebnis ist ein seltsamer Salto Mortale zwischen den Genres und Zeiten, ein im wahrsten Sinne zeitloser Film, neben dem alle Bond-Filme seit Connery nahezu albern wirken. Craigs 007 ist aus dem Limbo der Selbst-Persiflage entkommen, todernst, eingebunden in ein ästhetisches Gesamtkonzept, der eigenen Historie bewusst, aber im modernen Adrenalin-Kino angekommen. Keine schlechte Leistung für eine 40 Jahre alte Franchise. Bond-Puristen müssen Craigs Version des 007 eigentlich hassen, denn die hier gezeigte Figur hat mit dem James Bond der letzten zwei Dekaden kaum noch Gemeinsamkeiten – Gott sei Dank.

6. November 2008 18:18 Uhr. Kategorie Film. 5 Antworten.

R.I.P. Michael Crichton

Es ist etwas surreal, im Buch eines Autors zu lesen und genau in dem Moment von seinem Tod im Radio zu hören.

10:30 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

Sebastian: Remixes

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Die Hochzeit des französischen Edbanger-Elektrogeknarrze ist ja mittlerweile abgeebbt, aber diese Collection mit einigen Indietronic-Remixen des französischen DJ Sebastian Akchoté ist mehr als gelungener Anlass, ein paar Tracks endlich in bester Qualität auf der Platte zu haben. Und SebastiAN zeigt mustergültig, wie ElektroIndie gehen muss: Da wird gehackt und gesliced, die 1 nach Belieben verschoben, verzergelte Bässe durch die Boxen geprügelt, ultrahohe Noisefiepser losgelassen und von den Originalsongs im Idealfall nur noch Schnipsel übrig gelassen. Das alles im brutal stampfenden, martialischen Beat, der eine eingebaute Brutalität und Selbstvergessenheit mit sich bringt und neben dem nahezu alles andere auf dem Dancefloor blass aussieht. Nahtlos an den brutalen Front-242-Beats aus Brüssel anknüpfend, aber den Härtegrad spielerisch weiter nach oben drehend, bleibt sich SebastiAN im Querschnitt seiner Remixe überraschend bis hin zu einzelnen Sounds treu, die er in seiner bekannten Cut-Up-Technique zerfetzt, zerschneidet und neu zusammenpastet, dass Burroughs seine helle Freude dran hätte. Wenn ein Sound die Möglichkeiten des Laptop-Remixes auf die Spitze treibt, die reine Freude am Effekt, am schieren Sound, am Filtern, am Timeslice und am Glitch, dann das hier. Atmosphärisch nach wie vor die perfekte Endzeitmusik, ein düsterer Terminator-Soundtrack wildgewordener Maschinenparks, in denen Menschenstimmen nur noch als hilfloses Flirren vorkommen, Die hier versammelten Remixe sind ein durchaus erträglicher Ersatz für mehr eigene Kompositionen, die man bei einem DJ vielleicht gar nicht so erwarten darf, und vor allem erspart Akchoté uns die eher übelgrottigen Stuff wie etwa sein Killing In The Name of  für Rage Against The Machine – die hier versammelten Arbeiten sind größtenteils spannend und nicht schon durchgehend in der Studentendisko angekommen.

F.M. Einheit hat zum Sound der frühen Einstürzenden Neubauten erklärt, der scheppernde Industrial der Band sei die Musik zur Zeit,  es mache  keinen Sinn mehr, Ende des 20.Jahrhunderts auf den Fellen toter Tiere zu trommeln, sondern vielmehr müssten Industrieabfälle, Autowracks, Alltagsgegenstände für einen modernen Tribalismus-Sound sorgen. Schon damals war das nicht ganz richtig, denn das zeitalter der Industrie ging auch in den 80ern bereits greifbar dem Ende entgegen, und die Neubauten haben quasi  auf die Leiche eingetrommelt, den Stahl geprügelt, der in Duisburg allmählich nicht mehr hergestellt wurde. Konsequenter fortgesetzt – und paradoxerweise primitiver, weil man für das Trommeln auf Autodächern mehr Equipment braucht als für das reine Samplen von Klangschnipseln – haben das immer Acts wie die frühen Test Dept., Mark Stewart oder auch Adrian Sherwood, die fast nur noch mit Hilfe der immer preiswerteren Sampling- und MIDItechnik das taten, was Steve Reich noch aufwendig mit Bandmaschinen und Orchestern erreichte – eine technologische Dekonstruktion von Worten, Klängen, Geräuschen, die die Grenze zwischen Noise und Musik aufhob. Wo die Neubauten noch das Industriezeitalter (und dessen Untergang) zelebrierten, waren diese Acts mit ihren Samplern und Synthesizern längst in der Postmoderne angekommen, wo jedes Geräuch zuMelodie und jede Melodie zu Krach gemacht werden konnte, Musik nur noch Knetmasse war. Sherwoods Remixe für Depeche Mode brachten dieses Flair in den Mainstream- Rekonstruktionen, in denen die Originalmusik, auf denen Sherwoods Tracks basierten, kaum wiederzufinden war, abgesehen von einigen wenigen leuchtturmähnlichen Klängen, die eine Brücke zum ursprünglichen Material bauten. Und mit welcher Freude Sherwood Dave Gahan zum stammelnden Chor umgeschnipselt haben muss.

Die Ed Rec-Crew steht in gewisser Weise als Epigone dieser frühen Musikatomisierer da. Heute sind es nicht mehr Akai-Sampler und Fairlights, auf denen die Sounds noch etwas simpel geschreddert, detuned und gestackt werden können, sondern ganz einfache Laptops und preiswerte Software. Der Sound von Justice, Setaban Akchoté et al ist der ultimative Laptronica-Pop. Ob man auf einem Laptop Pixel verzerrt, Vektoren verknotet oder eben Klänge glitcht – völlig egal, der Prozessor ist der ultimative Gleichmacher. Und so entstehen hier auf den nächtlichen Schreibtischen nicht nur völlig irreale Bilderwelten, sondern auch Möbeldesign, Filme und eben Musik. Die Denkweise von längst im Mainstream angekommenen Kreativen wie Gehry und den Bouroullecs kommt auf diesem Wege natürlich unweigerlich irgendwann auch in der Musik zur Anwendung – und das Ergebnis ist eine stachelige, organische, hyperkomplexe bildhafte Klangskulptur, die nur rein zufällig auch extrem tanzbar ist, in allererster Linie aber ein schillerndes, metallisch glitzerndes Kunstwerk, das auch über eine nicht zu verachtende Eitelkeit verfügt. Hier zeigt jemand, wie er sein Werkzeug im Griff hat – nicht viel anders als die Metal-Gitarristen der 90er, die permanent  Tempo und  Virtuosität ihres Können unter Beweis stellen mussten. Und so ist der französische Klangsturm vielleicht die einzige akte Musik zur Zeit, inmitten von Revivals und Rückbesinnungen, eine dekadente Klangfrivolität, die völlig im digitalen Zeitalter angekommen ist und die kulturell vielleicht wichtigste Metapher seit den 80ern – den Remix – in die vorläufige Reinform bringt, und dabei Elemente aus Metal, Pop, House, Industrial und Dub nahtlos fusioniert. Es ist die perfekte Popmusik eines globalen, etwas selbstverliebten Hipsterism, mehr Pose als Inhalt, Designmusik – und insofern der legitime Nachfolger von NewWave und Techno als Ausdruck eines Lebensgefühls. Pop war immer schon mehr Image als Content, und insofern ist die Musik der EdRec-Crew der perfekte, glitternde Pop des 21. Jahrhunderts. Es verblüfft fast, dass diese Musik aus einer Alten Stadt wie Paris kommt, nicht irgendwo aus den neuen Metropolen wie Shanghai. SebastiANs Remix-CD zeigt den derzeitigen Apex einer Kultur, die sich von dem eigentlichen, handgemachten Lied über drei Dekaden zu einer maschinell zerlegbaren Musik entwickelt hat, von den primitiven analogen Remix-Ansätzen der frühen 80er bis zu den volldigitalen Noisescapes von heute, in denen die Plug-Ins der Software halbautomatisch für den richtigen angefrästen Sound sorgen, so wie die Photoshop-Plug-Ins für zerrauschte, versuppte Holga-Imitatbilder sorgen. Das diese Art von Musik zunehmend auch spielerisch auf dem iPhone zu generieren ist, zeigt einen wichtigen kulturellen Shift in der Musikproduktion – Musik machen, Musik auflegen, Musik erfahren hat die Ernsthaftigkeit verloren, Musik ist Spiel geworden. Guitar Hero ist da nur ein Symptom, Beatmaker fürs iPhone ein anderes. Musik ist vom kulturellen Ausdrucksmedium zum Digital Toy geworden – nicht durchgehend, vielleicht (kein Trend ohne Gegentrend), aber als solches sicher im Mainstream angekommen. Jeder wird ein Kreativer. Und Sebastian zeigt, inwieweit der Laptop-DJ inzwischen nicht nur den normalen DJ, sondern eben auch den herkömmlichen Musiker abgelöst hat. Wenn man neben der Justice-CD ein Album im Sinne von Musik als Zeitsymptom im Schrank stehen haben sollte, dann sicher diese.

5. November 2008 18:41 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

13 And God / Lali Puna / Ms John Soda

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Diese drei Projekte von The Notwist sind – im besten Sinne – ähnlich genug, um gemeinsam abgefrühstückt zu werden, denn obwohl sie alle eine deutliche Variation des Klangkonzeptes von Acher und Gretschmann darstellen, liegen sie doch in ähnlichen Quadranten. Bei Lali Puna kommt Markus Achers Lebensgefährtin Valerie Trebeljahr dazu, komplettiert von Drummer Christoph Brandner (der seinerseits mit Acher bei  Tied & Tickled spielt und mit Gretschmann bei Console)  und Keyboarder Florian Zimmer bzw Chritian Heiß. Der Sound ist der melancholische Elektropop, den man von den späten Notwist kennt, bis hin zu Harmoniefolgen und den Drumsounds. Angenehm weiche Klangwolken, die duftig durch den Äther gehen und eine momentane ungeheure Schönheit entfalten, aber unmöglich im Kopf zu behalten sind – Lieder, die bezaubern und sofort vergehen. Es ist ein Homerecording-Post-Trio-Hop, hypnotisch und oft träge mäandernd und ein klein bisschen astauschbar. Auf dem neueren Album Faking the Book wird der sanfte, sorgsam produzierte Klangmix etwas ent-weichspülert und druckvoller gemacht, mit knackigeren Gitarren angereichert, aber  von dem «Weilheim-Sound» entfernt sich hier wirklich nichts. Was keineswegs schlecht ist – dieser smoothe Indietronic-Sound, der auf dem dritten Longplayer weniger nach im Schlafzimmer produziert klingt, und internationaler sein will, ist ja nicht zuletzt gerade wegen seinem Mangel an Hooklines, Ecken und Kanten so immer-wieder-hörbar. Scary World Theory ist weniger straight gemacht, während Faking the Books schon eindeutiger mit Blick auf Livekonzerte und  Eingängigkeit getrimmt ist. Wie warmer Kakao, Kopfhörermusik für den Herbst, mit diesen unglaublichen, schwerelosen ineinandergepuzzelten Harmonien, die man an anything Notwist eben so liebt, Lieder ohne Anfang und Ende, und Trebeljahrs fast geflüsterte Gesangslines unterscheiden sich kaum von den wortkargen hingehauchten Texten von Markus Acher.

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Ms. John Soda ist das Projekt von Micha Acher mit Stefanie Böhm, die mit Notes and the Like 2006 ihr zweites Album nach dem Megaerfolg No P. oder D. produzierten. Die zweite Scheibe klingt tatsächlich paradoer mehr nach Weilheim als die erste Scheibe, indem es sich vom ursprünglichen Rezept entfernt, kammermusikalischer, kleiner wird – und damit eben The Devil You + Me vorwegnimmt. Der Gesang hat mehr Bandbreite, mehr Ausdrucksmöglichkeiten als bei Lali Puna, die Musik ist experimenteller, breiter angelegt, ohne sich ganz vom Stammbaum der Achers zu entfernen. Das Ergebnis ist perfekter Pop, der immer wieder mit seltsamen Störmomenten aufwartet, wenn etwa Flippergeräusche durch Scan The Ways rumpeln. tatsächlich nimmt die Evolution der Cover sehr gut vorweg, was musikalisch passiert: Auf No P. oder D. sind die beiden Protagonisten noch als Spielzeugroboter unterwegs – und so ist auch die Musik, verspielt, knarzend, mit sichtbaren Plastiknähten und knirschenden gelenken, etwas unbeholfen aber eben deshalb so liebenswert. Auf dem Cover von Notes and The Like wirken die Maschinen, in denen die beiden Macher sich präsentieren moderner, stylig-kugelige 70s-Klappkalender, das ganze nicht mehr so unschuldig wie vorher, eher rund und glatt und chromig, vielleicht sogar einen Hauch zu perfekt, zu designed, zu sehr für die Chill-Out-Lounge gemacht – aber deshalb nicht weniger wunderschön gelungen.

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13 & God ist ein seltsames Crossover von The Notwist und der US-HipHopper Themselves, und das vielleicht ambitionierteste Baby in dieser Runde, weil die Mellow-Track-Weichheit der Musik einen seltsamen, unpassenden Kontrast zu den nasalen Raps und kopfstimmigen Choräle von Adam Drucker und Jeff Logan, kontrapunktiert von Achers selbstvergessenen Einlagen. Vieles hier klingt weniger ausgefeilt produziert als bei den Notwistern sonst üblich, Men of Station etwa hat gerade von Drumgerüst her mehr den Charakter einer Skizze. Ghostwork ist eine herausragend abgedrehte Nummer, die daran erinnert, das The Notwist trotz der letzten drei Alben und einem sehr glatt gewordenen Grundsound die Lust am Experiment nicht verloren haben – das Ergebnis ist ein seltsamer softer, breakbeatjazziger Teppich für Sprechgesang von beiden Seiten des Globus. 13 & God ist insofern vielleicht spannender als The Devi, You+Me geworden ist, einfach weil die Band relaxter heranzugehen scheint, einfach auch mal das Scheitern noch für machbar zu halten scheint. Nicht jeder Track hier will ein Publikum überzeugen, die Songs dürfen such mal im Nichts versanden oder durchhängen und gerade durch diese Session-artige Coolness gewinnt das Album Dimension. Manche Tracks klingen als hätte Tricky den weichen, grundoptimistischen Sound der Weilheimer durch die Mangel gedreht, ohne ihn wirklich jemals düster zu kriegen – aber ein paar Flecken bleiben, seltsam gebrochene, unberechenbare Schatten auf der psychedelisch grünen Wiese der Notwist-Klangwelt. Von den hie vorgestellten Alben ist 13&God  sicher die am wenigsten zum einfachen Weghören und Kopfhörerträumen geeignete Platte und vielleicht am ehesten die, deren seltsam psychedelischen Untertönen dich langfristiger und auch öfter mal wieder zum Hinhören zwingen als der doch berechenbare Candy-Cream-Sound von Ms. John Soda oder Lali Puna.

3. November 2008 01:43 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

MGMT: Oracular Spectacular

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MGMT – oder eigentlich «The Management» – haben mit ihrem zweiten Album unfraglich den Durchbruch geschafft. Der leicht psychedelisch angehauchte elektronische Prog-Pop der New Yorker Ben Goldwasser and Andrew VanWyngarden schillert pinkflirrend in Gaydisco-Synthsounds, ohne je wirklich billig zu wirken. Hinter der Glamfassade wabern aus hellen Synth-Hooklines tieferere Gewässer hervor, die dem Sound eine längere Haltbarkeitsdauer verleihen dürften als man beim ersten Hören erwartet. Die Tracks spielen mit Popzitaten, sowohl harmonisch als auch in der Instrumentierung, und immer wieder schweben Bowie, Kate Bush, Wire, Ween, die Beatles und Fetzen von 80s-RetroDisco durch den Raum, wenn die beiden Psychedelic-Freaks ihre Plattensammlung durchgehen und die verschiedensten Stile durch die Drogenküche schieben. Und wer hätte gedacht, dass dabei radiotaugliche Hits wie Time to Pretend, Electric Feel und – allen vorweg in solider 80er-Camouflage – Kids herauskommen würden? Die zweite Hälfte des Albums – obwohl  weitgehend im gleichen seltsamen Mix von 70s-Feeling und 80s-Synthsounds  gehalten – ist die weniger einprägsame, aber langfristig lohnendere Abteilung der CD. 4th Dimensional Transition ist neben Of Moons, Birds & Monsters der vielleicht ausuferndste und beste Track der CD (was einiges heißt), gefolgt von der Neofolk-Persiflage Pieces of What. Man wird das Gefühl nicht los, das Goldwasser und VanWyngarden einfach nur spielen wollen, hier mal zupfen, dort mal drücken, sich fast selbstverliebt in Soundeffekten ausprobieren und das Ergebnis ist eine seltsam moderne Psychedelia-Mischung, die manchmal an Neu! erinnert, manchmal an die Flaming Lips oder Grandaddy – und auf seltsame Art und Weise am allermeisten an Brian De Palmas wunderbares Musical Phantom of the Paradise. Oracular Spectacular ist auf seltsame Art und Weise eine unwirkliche Platte, Pop im besten Sinne, eitel und flirrend und masturbatorisch, eine Fata Morgana aus Klang und Rebellionsposen-Image… und dabei die ganze Zeit selbstreferentiell, ironisch, postmodern, und auch einfach mal albern. MGMT wirken zunächst leichtgewichtig, wenig ernstzunehmend, und erst mit zunehmenden Hören des Albums wird dir klar, wie viele Schichten in der Produktion, den Zitaten und den Details der Platte stecken – absolut liebevoll gemacht.

2. November 2008 12:27 Uhr. Kategorie Musik. Eine Antwort.

Peter O’Donnell: Modesty Blaise – I, Lucifer

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Modesty Blaise ist die Ikone der weiblichen harten Frauen, und ihr Schöpfer Peter O’Donnell hat ihr in den liberalen Sechziger und Siebziger Jahren eine ganze Serie von Büchern gewidmet, die ich deutlich befriedigender finde als den Zeitungsstrip, auf dem die Figur basiert. Modesty Blaise ist als namenloses Kind in Griechenland gefunden worden, und hat in ihrer harten Jugend eine weltweite Verbrecherbande, The Network, aufgebaut, bevor sie sich mit ihrem platonischen Partner-in-Crime Willie Garvin zur Ruhe gesetzt hat, um nur ab und an aus privaten Gründen oder für den britischen Secret Service einen Job zu erledigen. O’Donnell verleiht seiner Figur genau den richtigen Mix aus Exotik, Sexappeal und harter Action, um einen weiblichen Gegenpart zum damals hocherfolgreichen Womanizer James Bond zu generieren. Modesty Blaises häufiger Partnerwechsel und ihr lässiger Umgang mit Männern machen sie zu einer starken, selbstbewussten Frau, der sich harte Männer wie Willie Garvin oder ihre Ex-Partner aus dem Verbrechensnetzwerk freiwillig und respektvoll unterordnen. Insofern ist Blaise ein Vorläufer der damals undenkbaren, heute zum Standard gewordenen starken Frauen in Filmen und Büchern – und O’Donnells Pulp-Abenteuer aus den Sixties wirken insofern auch heute noch akzeptabler als Ian Flemings Werke. Ganz klar bleiben natürlich auch hier die starken Frauen durch die Augen eines männlichen Autors gesehen und insofern eine Wunschprojektion, was durch das Alter des Materials, das lange vor unserer neokeuschen Polical Correctness entstand, nur unterstrichen wird. Wo heute Daniel Craig für das weibliche Publikum das Hemd ausziehen muss, bleibt Modesty Blaise eben doch Projektionsfläche der sexuellen Befreiungswelle der sechziger Jahre – aber es ist eben doch greifbar, dass dieses Buch Ergebnis einer historischen Zeit ist, in der Frauen in Politik und Wirtschaft ernstzunehmende Partner wurden, und zugleich der Terror auch ein weibliches Antzlitz tragen konnte. O’Donnel schafft vor dieser historischen Folie eine Figur, als deren Epigone sich viele heutige medialer Frauenfiguren entpuppen – emotional, authentisch, hart in der Sache, aber trotzdem nicht so gefühlsarm wie viele männliche Buch- und Kinofiguren. Was überrascht, wenn man bedenkt, das die Comic Strips und Bücher wirklich reiner Exploitation-Pulp sind. Und so verwundert es nicht, das Quantin Tarantino seit Jahren Interesse an einem Modesty Blaise verkündet – obwohl er eigentlich mit The Bride  seine eigene starke Frauenfigur geschaffen hat – und Neil Gaiman basierend auf I, Lucifer ein Drehbuch verfasst hat.

I, Lucifer ist der dritte Band der umfangreichen Romanserie und bringt Modesty, Willie und Steve Collier, Modestys Lover, der sich mit Präkognition befasst, in Konflikt mit einer internationale Erpresserbande. Mit Hilfe eines jungen Mannes, der sich für den leibhaftigen Satan hält, aber die bemerkenswerte Gabe hat, den natürlichen Tod von Menschen treffsicher vorherzusagen, erpressen die Gangster Politiker und Millionäre. Die Lösegeldübergabe findet so mysteriös statt, dass niemand den Spuren der Band folgen kann. Und wenn Lucifer sich einmal irrt – und die Opfer, die sich zu zahlen weigern doch überleben anstatt eines natürlichen Todes zu sterben – wird eben etwas nachgeholfen.

Der banale Plot wird von O’Donnell mit liebevollen Details ausgeschmückt, die die Sehnsucht verraten, mehr als nur ein Pulp-Autor sein zu wollen. Sein Werk wirkt oft fast drogenumnebelt, bizarr – Delphne, die Lösegelder transportieren, ein Jugendlicher, der sich für Satan hält, ein in die Jahre gekommenes Gangsterpärchen, das die Bande mit obszönen Puppenspielen unterhält, und mittendrin Modesty und Willie, die in diese, Strudel wirrem 60s-Irrsinn zu Bestehen versuchen. Das Buch hat aus heutiger Sicht eigentlich relativ wenig Handlung, die der Autor recht straightforward herab erzählt und die durchaus ihre Längen hat, obwohl O’Donnell den Plot mit netten Exkursionen füllt und gerade zu Beginn ein gutes Momentum entwickelt. Der Spannungsbogen verflacht im weiteren Verlauf des Buches, ohne jemals wirklich langweilig zu werden, aber man merkt dem Material schon an, dass es aus einer Zeit kam, in der Action deutlich biederer gestrickt war als heutezutage. Umso interessanter wäre es eigentlich, zu sehen, wie ein anderer Autor aus heutiger Mentalität – und vor dem Hintergrund, dass starke Frauenrollen Standard geworden sind – mit Modesty umgehen würde.

1. November 2008 18:41 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.


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