HD Schellnack /// Kontakt Twitter iPhoto pointandshoot Typographie Alternative Pop Licht nodesign Aktionen Zitat Natur Photographie Denken Fail ScienceFiction Apple Studium Belletristik Comics Dayshot Vernacular Scratchbook Werbung Fragen Winter Software Medien Fun Retro Gesellschaft Farbe Print Electronic Magazine iOS Zukunft Web Drama Frühling Jazz Sommer Kitsch Kunst Sachbuch Hardware Fantasy Klassik Herbst Thriller Emma

Pumalove

hd schellnack

Wie absurd, dass einem ein Puma-Schuhkarton fast mehr Spaß macht als der Laufschuh darin. Die Package ist schlicht, aber souverän gestaltet – und nahezu jede Seite der Verpackung strotzt vor Witz und Humor, hochsimpel gestaltet, aber grandios gedacht. So toll, so unterhaltsam, so wunderbar spaßig kann Design sein. Etwas rot, etwas weiß, etwas DIN, ganz schlichte Piktogramme im schlichtestdenkbarem Layout ergeben zusammen einfach großartige Gestaltung. Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich zeichnet, aber es ist so humorvoll wie die Arbeiten von karlssonwilker, nur etwas straighter. Hier ist ganz ohne jedes Meckern die Verbeugung vor grandioser Arbeit, die Sorte Job, die man gern selbst gemacht hätte.

hd schellnack
hd schellnack
hd schellnack
hd schellnack

30. Juli 2008 23:06 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 8 Antworten.

/ Soapbox / 01 / Was taugt die Ausbildung?

hd schellnack

Bevor im Blog vor lauter Missions-Eifer das Design untergeht, ein neues Experiment: Die Soapbox.

Ein Design-Gespräch über Fragen, die ich oder ihr vorschlagt (email an schellnack@nodesign.com). Das können generelle Themen sein, oder wir besprechen ein Design, ein Magazin, ein Plakat oder ein Logo ausführlicher – was uns an dem Tag halt gerade durch den Kopf geht und wofür gerade die Zeit ist. Immer am Mittwoch, damit der Freitag für den Fontblogzoff frei bleiben kann :-D. Bin gespannt, ob wir das gemeinsam ans Laufen kriegen. Diskussion, Fragerunde, Streit, Review – alles geht. Gastfragestellungen sind mir mehr als absolut willkommen.

Da es brandneu ist, mache ich den Anfang mit einer Fragestellung zu Thema Ausbildung:

Wie steht es eurer Meinung nach die Ausbildung zum Designer?
Passieren da spannende neue Dinge oder stagniert das, ist BA/MA ein Fortschritt oder ein Rückschritt, was ist entscheidend, um an Jobs zu kommen, sind die Dozenten auf den Wandel in der Branche vorbereitet, sollte man weniger Studenten zulassen, um den überfüllten Markt zu beruhigen, ist das Studium zu lang/zu kurz, wie sähe euer Traumstudium aus, wie wichtig ist Praxiserfahrung und und und…

Alles rund ums Studium also.
Ich hoffe, irgendeiner schreibt was  – solche Experimente machen mich immer Bange.
(Und ja, Irrlicht geht auch bald weiter… :-D)

13:12 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 24 Antworten.

The Notwist: The Devil, You + Me

hd schellnack

Die Pause nach Neon Golden scheint ewig, und doch scheint keine Zeit vergangen zu sein. Die Indie-Titanen haben sich auf The Devil, You & Me weiterentwickelt, ohne sich verändert zu haben. Die Songs wirken weniger console-like, sind trotz Marzin Gretschmanns klarer Präsenz wieder akustischer, homogener, weniger zerfrickelt. Markus Achers Stimme trägt die Songs wie eh und je, mit jedem Album mehr von der «Stimme» zum Sänger wachsend. Die große Überraschung ist, dass The Notwist mehr als zuvor auf klassische Instrumente setzen, sogar auf Streicherkaskaden, die gegen Gretschmanns gewohnt wunderbar dekonstruierte elektronische Klangwelten ankämpfen und die Musik teilweise an die Grenze von Múm vs. Sigur Ros bringen, ohne jemals wirklich an eine dieser beiden Bands zu erinnern. Es mag daran liegen, dass Drummer Mecki Messerschidt die Band verlassen hat, aber die Songs wirken (noch) introvertierter, von jedem harten klar verortbaren Groove befreit, eine Mischung aus akustischen Gitarren, Glockenspielen, Streichern, Pianos, Trompeten und den unverwechselbaren Elektroklangwolken, eine Art sphärischer Neo-Folk. Jeder Song ist zugleich in seiner harmonischen Struktur von verblüffender, hypnotischer Einfachheit, in der Strukturierung, den Klangfragmenten, die die Musiker wie Pixel arrangieren, jedoch verblüffend.

Insgesamt wird deutlich, dass Notwist weg wollen von der digitalen Hyperperfektion des Vorgängers und bei allem dekonstruktivstischen Umgang mit Tonschnipseln im Hintergrund mehr von den Lagerfeuer-Folktönen eines José Gonzales oder von der Leichtigkeit vieler neuer FolkPop-Produktionen fasziniert scheinen, in denen eine Gitarre, etwas Rhythmus und Ambience und eine faszinierende Stimme einen ganzen Song tragen können. So entsteht eine seltsame Melange, eine Platte, die man über Boxen durchweg als softes Popalbum hören kann, die über Kopfhörer aber eine Welt hinter den einfachen Melodien eröffnet und mit großer Detailliebe verblüfft, die aber – anders als beim Vorgänger – niemals so weit nach vorne dringt, dass die Kompositon davon überwältigt werden könnte. So gesehen ist The Devil, You + Me eine aufwendigst unterproduzierte Platte, die alles tut um bloß nicht «designed» zu wirken, was – wie wir alle wissen – der schwerste aller Tricks ist. So perlt eine fröhliche Naivität aus den Boxen, ein fast improvisiert wirkendes Flair, das bei aller Melancholie der Songs durchkommt. Nach den zahlreichen Soloprojekten (Console, Ms John Soda usw. ) und einem nur inoffiziell veröffentlichtem Zwischenalbum 13 &  God kommen Notwist zum Kern der Sache zurück. Es fehlt das Flair eine Hits wie Chemicals oder Pilot, sicher, aber dafür ist die Platte vielseitiger, erwachsener und profitiert hörbar von den Erfahrungen, die die einzelnen drei Mitglieder in den vergangenen sechs Jahren gesammelt haben. Das Album dokumentiert die ruhige Unruhe, die das ganze Oevre der Band durchströmt, und könnte kaum besser ausgefallen sein. Kein Meisterwerk, aber eine ruhige, souveräne Evolution – man darf nur hoffen, dass die nächste Scheibe nicht wieder sechs Jahre auf sich warten lässt.

10:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Desperate Times…

hd schellnack
hd schellnack

Es scheint so,als sei die Windows-Welt derzeit etwas verzweifelt. Während Microsoft User in ein Wüsten-Workcamp einlädt, um Ihnen angeblich in der Mojave ihr nächstes Betriebssystem vorzustellen und Statements sammelt, es sich aber in Wirklichkeit – haha – um Windows Vista handelt, versucht Dell einen iMac-Killer an den Start zu kriegen. Vista wird nun aber leider auch im Blindtest und durch schlichte Nutzer-Irreführung nicht besser, ein bisschen rumspielen an etwas, was man für eine Beta halten darf, ist nicht zu vergleichen mit einem echten Test einer Software – und Vista ist und bleibt B-Ware. Dells Hybrid Studio mag den Vergleich mit dem (eventuell bald auslaufenden Mac Mini bestehen), aber als Set mit Monitor sieht es so aus, dass man schlechtere und weniger integrierte Hardware für mehr Geld kauft. Ein Dell Hybrid mit 24″ Monitor  und 4 GB RAM, an den 320 GB Harddisk und der unbefriedigenden OnBoard-Grafik kann man nichts ändern, schlägt mit 1914  zu, das schicke Bambus-Gehäuse kommt nochmals mit 130 Euro extra zu Buche. Ein 24″ iMac mit gleicher Festplatte, 4 GB, aber besserer Grafikkarte liegt bei 1759 €. Und ist generell das integriertere, bessere Gerät. Hat da jemand bei Dell nicht aufgepasst?

Microsoft muss schummeln, um sein OS besser dastehen zu lassen? Dell, der größte PC-Anbieter auf dem Markt, kriegt keinen ordentlichen Rechner hingestellt, der dem iMac den Garaus machen könnte? Es ist schon absurd, dass Marktführer es nicht hinkriegen, ein vergleichbares Produkt auf die Beine zu stellen, obwohl das doch eigentlich machbar sein sollte.

29. Juli 2008 16:52 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 7 Antworten.

Sigur Ros: Með suð í eyrum við spilum endalaust

hd schellnack

With a buzz in our ear we play endlessly, so lautet grob übersetzt der Titel des fünften Studioalbums von Sigur Rós, von U2/Depeche-Mode-Starproduzenten Flood auf die Wege gebracht und in vieler Hinsicht auch das kommerziellste, was man seit einiger Zeit von Jon Thor und seinen Mannen gehört hat. Vielleicht sinnvoll, hatten die Isländer ihren vertrauten Sound doch schon auf Takk in eine Form gebracht, die sich kaum weiter voran treiben ließe. Obwohl Tracks wie Festival sicherlich an den hymnischen Sound von Sigur anknüpfen, wirkt das Album insgesamt – immer im Kontcxt des Soundkosmos der Band – etwas kraftvoller, rockiger und zugleich frickeliger, weniger episch. Schon am Cover, das mit Ryan McGinleys Highway-Photo und einer hingerotzt wirkenden Handschrift weniger ätherisch, verspielter wirkt und sogar deutlich lesbar den Bandnamen preisgibt, statt sich in Pink-Floyd-Ästhetik zu hüllen, scheint eine Umorientierung ablesbar.

Ob diese Kurskorrektur nun gut oder schlecht ist, weg vom gravitätischen, hin zum fast humorvoll beschwingten, raus aus den Winterwäldern, rein in den Swimmingpool – wer weiß? Nach dem eher introvertierten Hvarf-Heim ist dieses Album jedenfalls beschwingter, kippt oft in stampfende Beats, die fast etwas polkahaftes haben, einen Hauch Dorffest, dieses emporziehende, mitreissende, euphorisierende Feeling von Volksmusik. Selbst Tracks we das entsetzlich U2-geschädigte Gódan daginn wirken in diesem Kontext nicht so deplaciert, wie sie auf wirklich jedem anderen Sigur-Album gewesen wären. Oft hat die Platte die Kraft des ersten Polyphonic-Spree-Albums, eine energetische Explosion aus Farben und Tönen, die man mehrfach hören muss, um sie überhaupt sortieren und verarbeiten zu können, eine Lautmalerei, dir nur oberflächlich kakophonisch anmutet. Obwohl schneller produziert als alle Sigur-Alben zuvor wirkt die Produktion zwar luftiger, aber keineswegs weniger tief als zuvor. Nur sind die Schattierungen heller, pastelliger, oft ekstatischer.

Und doch: Kein Track auf diesem Album bleibt kleben. Nun schreiben Sigur Rós keine glatten Mitsing-Hits, aber es gab auf jedem der bisherigen Alben Melodien und Songs, die so subkutan wirkten, dass sie unvergesslich sind – diese monomanische Emotionalität bringt hier kein einzelne Song, auch nicht bei mehrfachen Hören. Mit einem Bein verdächtig oft im seichten Wasser stehend, plätschern die Songs dahin, oft schrecklich nah an postmoderner Fahrstuhlmusik, am Esoterischen. Vielleicht ist mir das Album einfach zu fröhlich.

Alles in allem ist Með suð í eyrum við spilum endalaust der unbedingte Wunsch nach Wachstum, nach Evolution anzuhören. Andere Produktionsbedingungen, anderer Producer, anderes Land. Das hier ist eine Band, die mit allen Mitteln versucht, sich neu zu erfinden, ohne sich gänzlich untreu zu werden, die sich ins Fast-Nichts (Straumnes) ebenso vorwagt wie ins Fast-Zuviel (�?ra bátur) und sich neu konfiguriert, sich mutiger an den Mainstream-Appeal heranwagt, ohne dabei jemals aber eine Coldplay-hafte Kommerzialität zu entwickeln. Fast jeder Song hat – stets zusammengehalten durch eine endogene Melancholie – einen anderen Touch, untersucht andere Gefühle. Es wirkt als hätten Sigur sich auf dem Weg in die kreative Sackgasse gefühlt und einfach einmal mit Lust etwas komplett Neues machen wollen. Ob besser oder schlechter als andere Alben, dieser Impuls ist sicher der richtige und begrüßenswert. Und so ist das fünfte Album der Isländer Testament einer Band, die international angekommen, musikalisch an ihre Grenzen und darüber hinaus gegangen ist – ganz sicher die Sorte Platte, die man wieder und wieder hören und entdecken kann.

12:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 2 Antworten.

Elbagrillen

28. Juli 2008 13:00 Uhr. Kategorie Stuff. Eine Antwort.

Hautberatung

hd schellnack

Ein PS: Diese tote Fliege hing tatsächlich genau so im Schaufenster einer Apotheke. Titel des Posters: Jetzt: Gratis-Aktion: Hautberatung.

Scheint zu spät.

27. Juli 2008 19:52 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 2 Antworten.

Infadels: Universe In Reverse

hd schellnack

Das Londoner Quintett um Sänger Bnann legt das stets schwierige zweite Album vor – und scheitert am eigenen Erfolg. Wo die erste Platte einen schönen tanzbaren Mix aus Gitarre und Spätachtziger Rave-Sounds hatte, recht simples aber beherztes Songwriting mit einer guten Ladung Dreck aus den Boxen rotzte und live auch absolut überzeugte, wirkt die zweite Plate seltsam überproduziert und zugleich lahm. Die blubbernden Roland-Acid-Sounds sind mehr Klavier und bombastischer Produktion gewichen, die Songs wirken geradliniger, mehr Stadionrock als Dark Disco.

Es ist eine kritische Sache für eine Band, ihren Sound weiterzuentwickeln – zu wenig und die Fans werfen dir Stagnation vor, zu viel und du vergraulst sie direkt. Aber es gibt Entwicklingssprünge, die respektierst du als Zuhörer, weil die Band sich offenbar entfaltet und weiterentwickelt – sie fordern viel von dir und verschrecken vielleicht sogar, aber zugleich ist klar, dass hier eine Neudefinition, eine Spektrumserweiterung stattfindet und du mitgehen kannst. Universe in Reverse ist das genaue Gegenteil. Das erschreckende an diesem Album ist, dass es die typische zweite Produktion ist, auf der das Management und/oder die Band einfach einen Hit wollen. Das Ergebnis ist straighter Indierock ohne Ecken und Kanten, Mitsing-Refrains und Frankenstein-Melodien, die man irgendwie irgendwo alle schon mal gehört hat. Nicht selten erinnert diese Melange aus Rockpop und Bnanns ja durchaus markanter Stimme dann frappierend an einen härteren Robbie Williams – beileibe nicht die Sorte Assoziation, die man haben will, wenn man eine Indie-CD einlegt. Was vorher nach engen heißen Clubs klang, ist jetzt für die große Bühne, den großen Pathos umgestrickt – und dabei erreicht nicht ein einziger Song auch nur näherungsweise das Niveau des Debuts, wobei Code 1 noch am nähesten dran ist. Schon das Debut war kein großes Abum, aber immerhin die Sorte Platte, die du ganz durchhören kannst und die mit Love Like Semtex und Jagger67 zwei großartig tanzbare Songs vereint.

Während also der Erstling dem Britpop 3.0 ewas halbwegs neues mit auf den Weg gab, diese seltsame Mischung aus Elektro und Indiepop, ist Universe in Reverse die Sorte Platte, die beim ersten Hören ein Kopfschütteln kriegt und die man auch so bald wirklich nicht wieder herauskramen wird, weil sie unehrlich wirkt und mehr auf Kommerz, Open-Air- und Radiotauglichkeit ausgerichtet als auf die natürliche musikalische Weiterentwicklung einer Band. Das Ergebnis ist einfacher Haudrauf-Prolorock für Menschen, die auch Fury in The Slaughterhouse gut finden dürften. Schade drum.

10:56 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Thomas Mann: Der Zauberberg

hd schellnack

Thomas Manns Zauberberg gehört zu den wenigen Büchern, dass ich nie ganz gelesen habe, obwohl ich es wollte – Gödel Escher Bach von Douglas Hofstadter ist das andere, allerdings aus völlig anderen Gründen. Beim Zauberberg ist es so, dass die literarischen Andeutungen, die thematische Dichte, die sprachliche Gewalt und der schiere Umfang des dazu noch nicht ideal lesbar gedruckten Taschenbuchs mich irgendwann einfach ermüdet und man nach einer Pause mit einem anderen Buch kaum mehr in Manns Textfluss hineinfindet. Nach zwei Anläufen mit dem Buch und einem dritten in der Planung, habe ich mich zwischendurch spontan entschieden, dem Hörbuch eine Chance zu geben. Ich bin anscheinend nicht der einzige, der den Buchberg nicht überwunden hat und insofern beim Audiobook gelandet ist, wenn man den Amazon-Kommentaren glauben darf.

Nun ist es so, dass ich normale Hörbücher – also mit nur einem Sprecher, der das Buch einfach vorliest – eher wenig ansprechend finde. Zum einen, weil die Stimme nicht «meine» Stimme ist, und insofern alle Charaktere falsch klingen, zum anderen weil ich es medial langweilig finde,  einfach ein Buch vorzulesen, das ist keine echte Übersetzung in ein anderes Medium. Und aus dem Alter, meine Bücher vorgelesen bekommen zu müssen, bin ich irgendwie heraus. Mt Hörspielen verhält es sich anders. Die oft sehr experimentellen Hörspiele von WDR und BR beweisen, dass man in diesem Medium hochkreativ einen Stoff dramaturgisch bearbeiten und erweitern kann und eine wirklich neue Inszenierung leistbar ist.

Die von Valerie Stiegele und von Ulrich Lampen 2000 für den Bayrischen Rundfunk produzierte Fassung vom Zauberberg kommt auf beeindruckenden zehn CDs daher, mit einem üppigen Sprecherensemble, subtiler Musik- und Geräuschkulisse und ist absolut liebevoll produziert – der enorme Aufwand, die Logistik, die dieses Epos gefordert hat, wird der Arbeit Manns an dem  tausendseitigen Werk im Umfang sicher mehr als gerecht.

Unweigerlich, selbst bei diesem Umfang von fast zehn Stunden, muss das Buch beschnitten gestrafft, gekürzt sein – aber Stiegele gelingt das Kunststück, dem dichtgewobenen Werk Fleisch abzutrotzen, ohne wirklich an Substanz zu verlieren. Die philosophischen Betrachtungen von Settembrini und Naphta, die komplexe Darstellung der Vorkriegsgesellschaft, die fein ziselierten Dialoge bleiben erhalten und die Hörlandschaft, die sich hypnotisch ruhig entfaltet, getragen von Udo Samels schläfriger Erzählerstimme, zieht den Hörer ebenso in den Bann wie das Berghof-Sanatorim Hans Castorp für sieben Jahre verschlingt. Dabei ist der Zauberberg eigentlich ein undankbarer Hörspielstoff, da das Buch weniger auf eine lineare Handlung oder gar einen Spannungsbogen setzt, als vielmehr auf metatextuelle Andeutungen, Anspielungen, Exkursionen – eine wahre Symphonie literarischer Art. Das herauszunehmen verlangt Mut, ist aber zugleich nicht unmöglich. Stiegele gelingt liebevoll die Kunst, dem Buch eine Zugänglichkeit zu verleihen, ohne die Dichte herauszunehmen. Der Figurenkanon wird wunderbar übersetzt, die grundsätzliche gesellschaftliche Debatte gestrafft und entschlackt, aber in den Grundfesten bewahrt, bis die tatsächliche Handlung – und der Stillstand auf dem Zauberberg – wunderbar emergiert, ohne dass die Substanz des Buches leidet. Es ist eine wahrhaft gelungene Übersetzung in ein Hörmedium, die dem anderen, weniger versunkenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Ohres gerecht wird. Die Inszenierung verlangt in  ihrer Art ebenso eine Vertiefung wie das Buch selbst, läuft aber zugleich fluide und logisch voran, stets so strukturiert, dass man als Zuhörer gebannt und hungrig bleibt, gefangen von dem Netz der Geschichte und ihrer Hintergründe.

Langsam, gravitätisch entfaltet sich die Geschichte von Hans Castorp, der sieben Jahre lang in die Krankheit, aus dem Leben des Flachlandes flüchtet, in eine moribunde Welt, in der Krankheit und Tod Freiheit bedeuten, eine entrückte Verwöhngesellschaft der ständig Klagenden, der heutigen Zeit gar nicht so unähnlich. Die Liebesgeschichte zu der von Karina Krawczyk wunderbar katzenhaft-verschlafen gesprochenen Clawdia Chauchat (übrigens schon so ein Ding des Hörspiels, dass mich die Andeutungen und Namensspielereien Manns, die oft aus dem Text reißen – wieso wird bei dieser Figur so vehement auf die Katze verwiesen?, im gesprochenen Text weniger stören, natürlicher wirken), die andere Liebe «in der elften Stunde» zum charismatischen Mynheer Peeperkorn, das schließlich als Schwätzerei entlarvte, aber tödlich endende Duell zwischen Freimaurer Settimbrini (großartig: Felix von Manteuffel) und Kommunist Naphta, schließlich der Donnerschlag, der den Zauberberg-Siebenschläfer aufweckt und das blasse Bürgersöhnchen Castorp als Kanonenfutter an die Front zwingt  – all das gewinnt im Hörspiel neben der intellektuellen Dimension der durch den Raum fliegenden Allusionen und Doppelbödigkeiten die spannende Triebkraft eines Krimis  – und das ist ein Kunststück, wenn man bedenkt, dass es doch eigentlich darum geht, dass nichts passiert, dass Stillstand und Trägheit herrschen. Die Hörspielfassung nimmt dem Buch die manchmal selbstverliebte, mitunter geschätzige Ausschweifigkeit, ohne es jedoch zu verstümmeln, setzt indirekte Berichterstattung in direkten Dialog, fokussiert und bündelt die Geschichte, und das mit Erfolg – die zehn Stunden vergehen wie im Flug, fast zu schnell.

26. Juli 2008 15:13 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Akte X – Jenseits Der Wahrheit

hd schellnack

I want to believe ist der US-Originaltitel des zweiten X-Files-Films, abgeleitet von Fox Mulders legendärem UFO-Poster und sicherlich der Kernsatz der neunteiligen Mystery-Serie aus den Neunzigern, und glauben möchte man tatsächlich, dass es Frank Spottnitz und Serien-Erfinder Chris Carter, der hier für Regie und Co-Drehbuch verantwortlich zeichnete, gelingt, den Mythos der X-Files erneut zu entfachen. Nach den mehr als entäuschenden letzten beiden Staffeln, die aufgrund des ausscheidenden David Duchovny das Serienkonzept umstellen und verwässern mussten, und nach dem mehr als irritierenden Serienfinale, das mit Logik einfach nichts mehr zu tun haben wollte, wäre es eine schöne Coda einer ursprünglich einmal so wegweisenden TV-Serie, ohne deren Kreatitivät und Mut es sicherlich moderne Formate wie Lost oder Heroes nicht gäbe, gewesen, einen glaubhaften, gereift zum Kern der X-Files-Mythos zurückkehrenden Film zu produzieren.

So viel Konjunktiv weckt den Verdacht, dass der Film hätte, aber nicht hat – und tatsächlich gelingt es Carter nur punktuell, einen Film für X-Philes zu machen. Es gibt kleine Freuden: Mulders Bleistifte in der Decke, Sonnenblumenkerne, die immerhin beiläufige Erwähnung von William, Die Namen von Ex-X-Files-Produzenten John Shiban und Vince Gilligan auf Mulders Kurzwahlliste, Skinners Cameo im dritten Akt, Mulders Arbeitszimmer, sein Bart (auch wenn das per se ein Klichee ist,der bärtige Has-Been, der mit dem Akt des Rasierens wieder in den Sattel steigt.) Ansonsten aber strengt sich Chris Carter an, einen Film zu machen, der sich so wenig nach X-Files anfühlt, wie eben möglich. Bildsprache, Dynamik der beiden Hauptdarsteller, Plot, selbst die Musik ist anders. Das ist an sich lobenswert und ein guter Ansatz nach sechs Jahren Pause – einen neuen zeitgemäßen Einstieg finden, die gereiften Figuren anders präsentieren, als Handlung etwas anderes als die von der Serie vertraute Monster-of-the-Week oder Mythology-Schiene zu fahren. Es wäre ein lobenswerter Versuch, und am Anfang des Films schaut es danach aus, als würde es gelingen. Die erste Viertelstunde ist vielversprechend, verwirrend, vielschichtig, und durchaus mit Tempo inszeniert. Aber eine solide Viertelstunde macht keinen guten Film.

Die Geschichte, um die es eigentlich geht, ist im schlimmsten Sinne hanebüchener Unsinn, der auch niemals wirklich aufgelöst oder erklärt wird. Spottnitz und Carter schnitzen einen wackligen Thriller aus beliebigen Versatzstücken, aber die Geschichte wird niemals sinnvoll, die Handlung wird durch abstruse Zufälle und Sprünge überhaupt erst vorwärts getrieben, die Auflösung ist eher lachhaft albern. Wieso ein exilrussischer Schneepflugfahrer versucht, mit Hilfe russischer Ärzte, seinem homosexuellen Freund den Kopf auf einen neuen (Frauen-)Leib zu nähen, bleibt komplett nebelhaft und auch woher er die Mittel für die Operation hat, und welche Hintergründe das Ganze hat, wird nie erklärt. Dass es keinen Sinn macht, wenn hauptsächlich Frauen entführt werden, wo es doch eigentlich um die OP an einem Mann geht und der Täter als Homosexueller eigentlich wahrscheinlich auch einen Männerkörper bevorzugen dürfte – egal. Dass die Auflösung also den Aufbau des Falls negiert und die Fragmente nicht zusammenpassen – egal. Dass Father Joes hellseherische Begabung (das einig halbwegs X-Files-artige Element dieses ansonsten eher diffus an Se7en oder Schweigen der Lämmer erinnernden Plots) in keinerlei sinnvoller Beziehung zum Fall steht (abgesehen davon, dass der Mann mit dem abgetrennten Kopf von dem Priester dereinst als Messdiener misshandelt wurde) – egal.

Es ist vielleicht symbolisch zu verstehen, dass in diesem Film im Stile von Dr. Frankenstein Glieder aneinandergenäht werden, die nicht zusammenpassen wollen und ein abgehakter Arm hier und ein abgetrennter Kopf dort auftauchen – dies spiegelt tatsächlich das generelle Flair des Drehbuchs wider, das sich ähnlich nach Patchwork anfühlt. Der Fall an sich wirkt bereits wie aus drei Ideen und anderen Büchern zusammengeklaut, das gesamte Ambiente des Films ebenfalls (Wer muss bei den im Schnee herumstampfenden Agenten nicht an Fargo denken?), und eigentlich käme der Film bestens ohne Mulder und Scully aus und würde ebenso gut – oder besser ebenso schlecht – auch als normaler Thriller mit generischen Agenten funktionieren, vielleicht sogar besser.

Denn die Dynamik des X-Files-Duo im Film ist nicht logischer oder kohärenter als die mitunter langatmige Filmhandlung selbst. Anscheinend wohnen Mulder und Scully nach der Flucht vor dem FBI zu Ende der neunten Staffel gemeinsam, Scully arbeitet als Ärztin an einem katholischen Krankenhaus, Mulder hockt in seinem Arbeitszimmer und sammelt Zeitungsausschnitte. Sie hat sich von den X-Files verabschiedet und lebt ihr Leben weiter, er anscheinend nicht, wie ein Photo von Samantha an der Tür und das I WANT TO BELIEVE-Poster (wo kommt das eigentlich her – sollte es nicht noch im Keller des FBI hängen?) beweisen. Wieso Mulder nach wie vor vom Verschwinden und Tod seiner Schwester besessen ist, nachdem die Serie den Fall bereits völlig aufgeklärt hatte, SamanthasEntführung und ihr Tod geklärt und Mulder sogar zu unsagbar kitschigen Geigenklängen seinen Frieden mit dem Geist seiner Schwester machen durfte bleibt etwas rätselhaft. Hat Carter das schlichtweg vergessen oder – wahrscheinlicher – verdrängt?

Die beiden Figuren operieren – wie zu den schlimmsten Zeiten der Serie, als Termine und persönliche Antipathien die berühmten Folgen ergaben, an denen Fox und Dana mehr telephonierten als gemeinsam Fälle lösten – im Film weitgehend aneinander vorbei. Es gibt zwei komplett eigene Handlungsstränge: Während Mulder versucht, den Fall der verschwundenen FBI-Agentin zu lösen, sitzt Dana Scully am Fall eines kranken Jungen, den sie eventuell mit einer Stammzellentherapie heilen kann. Scully und Mulder verfolgen ihre jeweiligen Plot-Elemente völlig unabhängig voneinander und begegnen sich eigentlich nur, um sich zu streiten. Erst am Ende greift Scully aktiv in Mulders Fall ein.

Scullys Teil der Geschichte fühlt sich etwas an wie ein abgelehnter Plot für Emergency Room – und ist zudem von politischen Obertönen der in den USA nach wie vor grassierenden Debatte um de Stem Cell Therapy geprägt. Es passt zu Carters klarer positiver Haltung zur Gentherapie, die von denrechtskonservativen Politikern in den USA strikt auf religiöser Basis abgelehnt wird, wenn vor dem Portrait von George W. Bush in der FBI-Zentrale kurz und prägnant die X-Files-Pfeifmelodie ertönt, so als sei es die größte X-Akte aller Zeiten, dass dieser Mann Präsident der USA hätte werden können. An sich ein schöner Gag, aber zusammen mit der unglaublich platt aufgelösten Handlung rund um Scullys Patienten eher unnötig. Dass Scully sich mal eben via Google zur Gentherapeutin entwickelt, ist absurd – ebenso wie die Tatsache, dass sie dabei zufällig auf den entscheidenden Hinweis auf Mulders Fall stößt. Ein weiterer Deus Ex Machina in einem Film mit einem ganzen Pantheon dieser falschen Theatergötter.

Der Zwist zwischen Mulder und Scully erinnert unangenehm an ein altes Ehepaar, das routiniert einen längst vergessenen Streit durchspielt – und die Argumente nur noch müde vorträgt. Dass Scully die Nase voll hat von der «Dunkelheit» die Mulder in das gemeinsame Leben bringt, wirkt unglaubwürdig. Scully hat neun Jahre lang die absurdesten und lebensgefährlichsten Situationen mit Mulder durchstanden und ist im Laufe der Serie von der Zweiflerin zur treuen Mit-Kreuzzüglerin geworden. Bei diesem relativ harmlosen Fall nun einen solche Grundsatzdebatte zu führen, wirkt eher albern, ebenso wie die Tatsache, dass Mulder Scully in einer Szene ad hoc mitten im Schnee alleine stehen lässt, um seinen Täter zu jagen. Mulder ist hyperfokussiert, sicher, aber lange nicht so. Man nimmt den Figuren dieses Nebeneinander nicht ab. Ab dem Moment, an dem Mulder seinen Bart abnimmt, mutiert er zur Karikatur des getriebenen Kreuzzug-Mulders

Auch Scullys neuerlicher Zweifel an Gott ist eher langweilig, ein Thema, das Carter in der Serie mehrfach durchgekaut hat und das des Aufkochens nicht bedarf, nur weil ein pädophiler Priester und ein krankes Kind auftauchen. Die inneren Konflikte der Figuren wirken komplett unglaubwürdig und berühren insofern den Zuschauer nicht, ebenso wie der abrupte Tod von Amanda Peet kalt lässt -  einfach, weil diese Figur niemals wirklich dreidimensional eingeführt wurde.

Insgesamt also jagt Carter zwei kaum wiedererkennbare Figuren (und das liegt nicht nur an Mulders neuer Synchronstimme, ein echter Faux Pas des deutschen Verleihs) durch eine Geschichte, die weder richtig X-Files-Feeling aufkommen lässt, noch an sich lohnenswert ist. Das Label X-Files wird hier wahrhaft nur missbraucht, um eine Kreatur ins Kino zu hieven, deren Drehbuch anderenfalls nie ein Grünes Licht gesehen hätte.

Es wäre ein leichtes gewesen, einen guten Film daraus zu machen. Die gealterten aber vertrauten Figuren eignen sich per se für eine «Whatever happened to…»-Geschichte zu erzählen, eine gereiftere Version der Serie mit zynischeren, müderen Helden. Der bärtige Einsiedler-Mulder, die Augenringe der verhärmten Gillian Anderson – da steckt Potential drin. Anderson wirkt hier noch genervter als gegen Ende der Serie, zur Randfigur degradiert,  und in dieser Müdigkeit und der gleichzeitigen Unausweichlichkeit eines Lebens mit dem Übernatürlichen wären so viele schöne Momente zu fischen – fast widerwillige Helden, die nicht nur mit dem akuten Fall, sondern auch mit sich und den Behörden zu kämpfen haben.

Es wäre leicht gewesen, war es anscheinend aber nicht und so zeigen Spottnitz und Carter ein weiteres Mal, dass der Krug nicht nur so lange zum Brunnen geht, bis er bricht, sondern auch noch darüber hinaus versucht, zum Wasser zu humpeln. Bereits die Serie hätte mit der siebten Staffel enden sollen, und dieser zweite Film tut dem Mythos X-Files keinen Gefallen, ganz im Gegenteil. X-Files: I want to believe ist ein überflüssiger, langweiliger, überfrachteter Film, vor dessen Folie es umso beeindruckender wirkt, wie gelungen Carter und Co seinerzeit in nur 45 Minuten mit deutlich begrenzteren Mitteln und unter hohem Zeitdruck spannende, berührende und mutige Geschichten erzählen konnten und die Relation der beiden Hauptfiguren zugleich weiterentwickelt haben. Aus heutiger Sicht mögen viele Folgen der Akte X etwas angestaubt wirken – und der Film verleiht der Serienformell rein visuell tatsächlich einen zeitgenössischen Facelift – aber inhaltlich war die Serie vor zehn Jahren weiter als der Film 2008. In diesem Fall versetzt der Glaube eben leider keine Berge.

25. Juli 2008 14:13 Uhr. Kategorie Film. Tag , . 8 Antworten.

Beauty

… integrity and authenticity and quality and appropriateness… take a little more work than simple-minded beauty.

Katherine McCoy
quoted by Rick Poynor: The Beauty Part, in Looking Closer 5

24. Juli 2008 18:52 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Camille: Music Hole

hd schellnack

Camille Dalmais ist keine Frau für Stillstand. Schon der Übergang von dem eher gewöhnlichen Album Le sac des filles zum grandiosen Le fil at bewiesen, dass sie für überraschende Sprünge zu haben ist. Nach dem Live-au-Trianon-Album hat sie sich für ihr drittes Studioalbum entsprechend entschieden, hauptsächlich auf Englisch zu singen, einerseits auf dem leicht inzestösen französischen Pop-Markt eine Art Selbstmordversuch, andererseits natürlich die Chance, international eine größere Bühne zu betreten. Im Grunde bleibt Camille hier dem Rezept von Le fil treu – nahezu alle Geräusche des Albums sind à la Herbert Matthew selbstgemacht und modifiziert. Music Hole breitet dieses Ansatz aber aus, bringt mehr perkussive Töne ein und es dürfen auch echte Instrumente mitmischen. Ein wildes Patchwork von Piano, Beatbox, Körperpercussion, gutturalen Bassstimmen, und über all dem schwebt Camille Dalmais Stimme in immer neuen Iterationen und Facetten – was zuvor noch bescheiden produziert klang, wird hier mit viel Budget und Unterstützung in Cinemascope produziert. Eine eventuelle musikalische Stagnation, die man bei dem sehr engen konzeptionellen Korsett des Vorgängeralbums hätte befürchten dürfen, bleibt aber nicht nur durch das bloße «mehr» an Produktion ausgeschlossen, ebenso durch die Tatsache, dass Camille mit zwar ähnlichen Mitteln eine gänzlich andere Musik inszeniert. Sie streift weiter als zuvor durch musikalische Felder, Gospel, Jazz, Pop, Soul und macht sich die Harmonien und Riffs dieser Bereiche humorvoll zu eigen, ohne ihren eigenen Sound zu opfern. Music Hole ist nicht nur sprachlich ein Wechsel, sondern auch eine Abwendung vom Chanson-Stil, hin zu internationaleren Sounds, durch die Camille mit der großen Geste einer Operndiva lustwandelt. Manchmal kippt das Ganze etwas ins zu Witzige, wenn Camille knurrt und miaut oder mit Wasser allzu aufdringlich Percussion gemacht wird. Der Spaß, den die Beteiligten an der Produktion hatten, wird so sicher greifbar, lenkt aber manchmal von den eigentlich Songs ab.

Seltsamerweise bleibt Le fil trotz der aufwendigeren Zutaten bei Music Hole das gelungenere Album, einfach, weil es melodisch und von der Produktion her simpler, aber unvergleichbar magischer ist, die Songs an sich besser im Kopf bleiben, minimalistischer sind. An diese Avant-Pop-Magie reicht der Nachfolger nicht heran, vielleicht kriegt man so etwas auch nur ein einziges Mal hin und es wiederholen zu wollen wäre auch eher falsch. Dennoch und eben darum ist Music Hole die Sorte Album, die man sich von Musikern wünscht – es bleibt einer bestimmten Richtung, einem Sound treu, aber es dokumentiert glaubhaft eine Weiterentwicklung, eine Neugier, einen Spieltrieb, einen Sinn für Humor und Exotik. Ironisch, experimentell, verspielt, großartig produziert und trotzdem eingängig hörbar.

08:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Das dumme Herz

Wenn das Herz denken könnte, stünde es still…

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

20. Juli 2008 10:42 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

W.G. Sebald: Austerlitz

hd schellnack

Austerlitz, ohne jede Frage, ist ein Meisterwerk. Komplex verschachtelt wie die Sätze der vom Ich-Erzähler in einem fast emotionslos wirkenden Monolog wiedergegebenen Erzählungen des Jacques Austerlitz, der im Zentrum des Buches steht, ist auch die Geschichte der Hauptfigur, die über Umwege langsam zum Kern kommend ihre Vergangenheit aufrollt. Über minutiöse Architekturbeschreibungen, die mit fast Freudscher Deutungslust in die Architektur der Moderne eintauchen und das kollektive Unbewusste aus dem Stein gewordenen Gedächtnis der Bauwerke melken,  angefangen von Bahnhöfen und endend mit einem vernichtend grandiosen Crescendo in der Betrachtung der neuen französischen Nationalbibliothek entfaltet Sebald eine seltsam körperlos wirkende Melancholie, eine Grauheit, einen namenlosen Schmerz, der auf eine untergegangene Qualität zurückzuführen ist, eine verlorene Unschuld der Neuzeit. Austerlitz ist nicht zuletzt, obwohl so viel Raum im Zentrum der Betrachtung steht, ein Buch über die Zeit, die sich in den irrlicherternden Betrachtungen von Austerlitz, die immer wieder eingewickelt sind in die juxtaposierte Betrachtung der Gegenwart durch den Ich-Erzähler (wobei diese Gegenwart für den Erzähler auch bereits Vergangenheit ist), verliert, zumal Jacques Austerlitz selbst sprunghaft Orte und Zeiten abgrast. Zeit findet nicht statt, wird als Illusion entlarvt, das Nebeneinander der Momente, das permante Jetzt wird spürbar, Gedächtnis und Wahrnehmung flirren durcheinander. In dieser Tour-de-Force werden bis zu vier Zeit/Erzählebenen aufeinandergetürmt, was Sebald mitunter durch ein etwas holzhammeriges «sagte Austerlitz» deutlich macht. Dieser Austerlitz ist eine seltsam verloren wirkende Anti-Gestalt, der ein wenig traurig und sinnfrei durch sein Leben driftet und seine eigenen Ursprünge sucht, die sich später als in Prag liegend herausstellen, wo er Sohn einer Opernsängerin war, die nach Theresienstadt verschleppt wurde, wobei es seiner Mutter aber gelang, ihn Ende der dreißiger jahre mit einem Kindertransport nach Wales zu retten.

Das Buch springt bedachtvoll flirrend, sacht den an der Luft liegenden historischen Wurzeln der jüdischen Deportationsgeschichte folgend, von Ort zu Ort – Antwerpen, Paris, London, Prag, Terezin, Zeebrugge, schließlich sogar Deutschland – so rast- und ankerlos wie Austerlitz selbst, der Zustand der Heimatlosigkeit, des Entwurzeltsein ist unausgesprochene Basis der Erzählung, die  unchronologisch das Leben des eben nicht minder entwurzelten Austerlitz pflückt. Sebald gelingt das Kunststück, in seinen fast monoton anmutenden, langen mäandernden Satzkonstruktionen, die sich ohne Absätze und sichtbare Gliederung über ganze Seitenblöcke ziehen, zugleich atemlos poetisch und doch rational-sachlich zu schreiben, und so – als Beispiel – dem unfassbaren Gräuel von Theresienstadt, das in seiner absurden Monstrosität kaum zu fassen ist, ein ungemein wirksames Gift auszumelken, das in seinem eigentümlichen Mix aus individuellem Schicksal und fast statistischer Nüchternheit die ganze Absurdität der Sache erfasst. An der Vergiftung, der lebenslangen Lähmung des Jacques Austerlitz, der keine Freunde hat, keine Heimat, keinen Sinn, erleben wir die Vergiftung der Moderne, des 20. Jahrhunderts, deren Geist sich in der monumentalen Unmenschlichkeit des Holocaust ebenso widerspiegelt wie in Mitterands menschenfeindlicher Bibliotheksarchitektur, die Austerlitz als kafkaesk beklemmend, den Leser aussperrend empfindet. Sebald spielt ausgiebig mit literarischen Anspielungen, zitiert hier einen Stil und dort einen anderen – so ist die Prag-Sequenz ist in ihrem Kafka-Sound fast unverkennbar, ohne jemals nur Kopie zu sein. Es ist beeindruckend, wie Sebalds Prosa etwa genau so funktioniert wie die Bauwerke, die Austerlitz beschreibt: verschachtelte, komplexe, Netzwerke, wie die Dachkuppeln von Jahrhundertwendebahnhöfen, wie das postmoderne Labyrinth der Nationalbibliothek, wie all diese kristallinen Festungsbauten also letzten Endes, die Austerlitz zu Beginn des Buches beschreibt. Was mit der Vergangenheit abschließen soll, kommt nicht umhin, in Wirklichkeit auf sie zurückzugreifen. Wir bauen immer noch Festungen, und sei es nur für die Literatur. Sebalds Schreibstil selbst ist entsprechend eben auch als eine Festung angelegt, die einzunehmen ist, ein hyperdichtes Netzwerk, das zu durchdringen ist – und so fein gesponnen, so fraktal und fragil wie die vielen filigranen Baustrukturen, die auf den Photos im Buch dokumentiert sind.

Denn Sebalds fast unsichtbarer Ich-Erzähler, der zum reinen Transmissionsriemen von Austerlitz fein gefügtem Stream wird, fügt seinem Bericht immer wieder Photos bei, selbst gemachte aber auch solche von Jacques Austerlitz selbst, die dem Buch einen seltsam biographischen Beigeschmack geben. Neben den fast surreal detaillierten Beschreibungen – die in ihrer Summe ein seltsames Paralelluniversum ergeben, das unserem identisch ist, unter dessen Haut aber eine unfassbare Traurigkeit liegt -, die in einem dicht gewebten Teppich aus dem Buch sprudeln, so dass es fast unmöglich ist, es aus der Hand zu legen (und noch schwerer, nach einer Lesepause wieder in den Flow des Sebaldschen Stils zu kommen), entsteht vor allem durch die  Illustrationen und Photos die Simulation von Echtheit, die beeindruckend den Leser aus der Gemütlichkeit des Prosatextes herausstößt. Die Realität des Erzählten, der Story, ist stets etwas unsicher. Die Vorstellung von Wahrheit und Fiktion, Biographie und Roman, hebelt Sebald allein durch diesen kleinen Kunstgriff nahezu vollständig aus. Was hier dokumentarisch im Kontext einer fiktionalen Erzählung beigefügt ist, aber doch so greifbar real wirkt, ergibt in der Summe einen seltsam «quantelnden» Effekt, der – vielleicht unbeabsichtigt – zugleich typische Biographien, die ja auch immer mit Bildern ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern versuchen, aber eigentlich ebenso reine Fiktion, reine Nacherzählung sein müssen, wunderbarst in Frage stellt. Was bei Kempowski real ist, simuliert Sebald, aber so überzeugend, so im Mash-Up aus Realem und Fabulierten, dass man schließlich in der erfundenen Biographie des Jacques Austerlitz, in diesem pulsierenden, musikalischen Sprachklang von Sebald einfach eintaucht.Was so hypnotisch real klingt, bis ins letzte Fraktal und gerade in der Zerstückelung, dem fragmentarischen auch glaubhaft wirkt (weil unkonstruiert, zufällig, schleppend entstehend) ergibt ein seltsames Holograph eines Menschen, in dessen Antlitz sich zahllose Entwurzelte vereinen. Jede Scherbe von Sebalds Protagonisten Jacques Austerlitz spiegelt andere Schicksale en miniature wider – und so wird Austerlitz zu einer Architektur, zu einem Bauwerk, wie auch die im Buch immer wieder beschriebenen Orte und Plätze, in dem sich zeit speichert, ein Buch, das zum Gedächtnis wird, von etwas, das nie wirklich genau so passiert ist, aber eben fast (Sebald bedient sich ausgiebig in der Biographie von Susi Bechhöfer) – und eben an dieser Bruchstelle von Realität und Hyperrealität umso prägnanter wirkt. Im Irrealen blitzt das Reale durch und umgekehrt.

Austerlitz ist ein wuchtiges, sperriges und zugleich wahnwitzig fein gesponnenes Konstrukt, das beim Lesen die Sorte Kopfweh verursacht, die man kriegt, wenn man zu schnell zu viel Eis isst. Großer Gestus, kleinste Zwischennoten, ein ganzes Universum an Anspielungen und Andeutungen, die man vertiefen kann und soll, ist Austerlitz weniger Buch als vielmehr ein Monument, eine Schatzkiste, eine Reise, eine meisterhaft vertrackte Fuge, die so anstrengend wie befriedigend ist.

19. Juli 2008 09:01 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Eine Antwort.

Folkwang Diplome

hd schellnack

Nach Unkontrolliert und dem Rest-Schauraum der  FH Dortmund war ich heute noch bei den Diplomen der Folkwang-Designabteilung am Essener Kopstadtplatz, wo ich die meisten Arbeiten leider sehr brav, unambitioniert und auch handwerklich nicht immer überzeugend fand. Die Arbeiten im Designbereich wirken seltsam zweckorientiert und teilweise, in Ermangelung eines besseren Begriffes, designfrei. Man kann auch positiv sagen, die Arbeiten hängen nicht dem Zeitgeist hinterher, aber das versuchen einige durchaus, nur wenig überzeugend. Es gibt bei jeder Diplomzeigung eimnige gute, viele durchschnittliche und einige miese Arbeiten, aber im Grafik-Design war es hier wirklich nicht überzeugend in Essen, und das obwohl hier drei absolut namhafte Dozenten involviert sind mit de Jong, Wippermann und Rempen. Da verstehe ich nicht, woran es liegt, dass mich keine einige der gezeigten Arbeiten berührte und einige sogar wirklich C-Klasse waren, mehr nach Medienausbildung als nach DESIGN-Diplom aussahen. Von den drei Zeigungen gefiel mit Unkontrolliert von der Attitude her in den meisten Arbeiten am besten und das nicht nur, weil sie die erste war und ich weniger an den immer gleichen Designarbeiten sattgesehen war :-D. Unkontrolliert hatte ein eigenes Design, einen Flair, einen Hauch Rebellion und einige der dort gezeigten Arbeiten hatten Chuzpe, waren unverschämt. Was will man mehr.

Mehr Bilder…

(weiterlesen …)

17. Juli 2008 21:09 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Designerhumor, sorry

hd schellnack

10:18 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 5 Antworten.

Schauraum

hd schellnack
hd schellnack
hd schellnack

Die FH Dortmund zeigt auch dieses Jahr wieder – auch noch am Freitag und am Sonntag – ihre Designdiplome. Anstatt lange zu reden, kommen hier einfach Bilder. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles gesehen habe. Das Orientierungssystem hat mich zuverlässig bis zu dreimal an den gleichen Ort geführt und nach der gleichen Logik habe ich andere Sachen sicher verpasst. Als einzigen Kommentar zu den ansonsten oft sehenswerten Arbeiten vielleicht ganz neutral, dass die Location einfach nicht gut ist für die Diplome, die oft zu zweit in engen Räumen gezeigt werden und entsprechend unterinszeniert sind – die zehn Unkontrolliert-Diplomanden taten also vielleicht ganz gut daran, raus zu gehen und sich einen Ort mit mehr Charme zu suchen.

(weiterlesen …)

08:56 Uhr. Kategorie Design. Tag . 3 Antworten.

Pierre Cabanne: Dialogues with Marcel Duchamp

hd schellnack

Bemerkenswert an diesem schmalen Band, der ursprünglich Ende der sechziger Jahre kurz vor Duchamps Tod  erschien, sind vor allem die grandiosen Kapitelüberschriften  (A window onto something else, I like breathing better  than working, I live the life of a waiter, Eight years of swimming lessons), die an sich kleine surreale Meisterwerke sind. Das Gespräch mit Duchamp, der altersweise und unerwartet trocken-sachlich, mit grandiosem Gedächtnis für kleinste Details auf sein Leben und Werk zurückschaut, ist einerseits grandios, andererseits vermeidet Marcel Duchamp jede Verklärung, aber eben auch jede Erklärung. Wer tieferen Einblick in sein Denken und Schaffen sucht, ist hier vielleicht falsch. Duchamp gewährt nur sehr mittelbar einen Blick in die Karten, durch die Auseinandersetzung mit Zeitgenossen und durch biographische Anekdoten – und vielleicht durch den beiläufigen Umgang mit der eigenen Bedeutung. Bei seinen Arbeiten spricht er oft über Amusements, und eine fast kindliche Begeisterung für die Bastelarbeit, die Suche nach einer Lösung blitzt durch. Auch wird deutlich, wie sehr Duchamp instinktiv nach einer Kunst ohne Kunst, ohne Pinsel und Farbe, ohne das Auge sucht. Es blitzen immer wieder Überlegungen über die Kunst an sich auf, über seinen eigenen Status, über die Moderne, aber ein Großteil des Interviews plätschert leider auch etwas dahin. Der letzte Satz allerdings, wenn man bedenkt, wie kurz vor seinem Tod Duchamp hier im Alter von 79 Jahren stand, ist großartig – I am very happy.

Dialogues ist ein lesenswerter Einblick in die Gedanken eines großen Künstlers, der allerdings wie ein guter Pokerspieler seine Karten dicht bei sich hält, lieber über Kollegen, über New York und Paris, über den Surrealismus an sich, über Kunst berichtet als über sich selbst – obwohl bei aller Bescheidenheit die singuläre Suche nach «Significance» in seinem Tun, nach dem Neuen, immer wieder durchblitzt. Duchamps Arbeiten platzen vor Neugier und Experimentierfreude, auch in technischer Hinsicht, und diese Neugier prägt auch das Interview, in dem Duchamp mit seinen Gesprächspartner, den versierten Kunstjournalisten Pierre Cabanne, blitzlichtartig die Kunstszene des gesamten 20. Jahrhunderts durchstreift, um immer wieder Bewunderung oder Desinteresse zu bekunden, den Kunstmarkt als künstlich aber, für sein finanzielles Überleben wichtig, zu betrachten, und indirekt deutlich zu machen, wie wenig seine eigene Arbeit «Kunst» ist, wie sehr er eigentlich nur Neigungen, Interessen, Neugierden gefolgt ist, fast will es bei all dieser Bescheidenheit scheinen, als sei er zufällig einer der wichtigsten Konzenptkünstler der Moderne geworden. Die Radikalität seiner Arbeit sucht man in diesem Interview vergeblich – wenn auch immer wieder scharfe Kanten und provokante Statemens durchblitzen -, aber die ironische Leichtigkeit, die man in Duchamps Arbeiten immer ahnt (die manche Kritiker aber irgendwie zu ignorieren schaffen) ist eindeutig greifbar. Kunst oder vielmehr Nicht-Kunst von Duchamp ist Ausfluss eines in vollen Zügen gelebten Lebens, greifbares Artefakt einer eigenen lustvollen Suche nach dem Neuen, einer Lust am Wortspiel und am derben Humor. Duchamp ist der Samuel Beckett der Kunstszene gewesen – und Cabannes Text macht dies begreiflich, macht eine Legende menschlich. Das ist keine schmale Leistung, sondern ein Interview, dem es gelingt, den Menschen hinter der Fassade des Kunstmarktes zu greifen.

16. Juli 2008 10:40 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Vormerken: Kunstcluster am NRW Tag

hd schellnack

Ende August wird es in der riesigen ELBA-Halle in Wuppertal  ordentlich spannend. Gestern gab es das vorläufige Programm, zu dem sicher noch einige Überraschungen dazu kommen dürften. Wer als Künstler oder Designer mitmachen will in der Ausstellung, wer sich für den DesignMarkt interessiert und dort seine Arbeiten, Entwürfe, Mode usw anbieten will, meldet sich am besten direkt hier

12. Juli 2008 12:00 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Unkontrollierte Photos

hd schellnack

Bei der sehr schönen und liebevoll gemachten Diplomshow der FH-Dortmund-Abtrünnigen gab es  einige wirklich großartige Arbeiten zu sehen (noch bis Sonntag!!!). Ich habe etwas ungeplant mit der kleinen Leica etwas rumgespielt, mit der ich lange nicht mehr was gemacht habe und mehr machen müsste, auch wenn jedes dritte Bild verwackelt ist. Hier ein paar davon…

(weiterlesen …)

01:00 Uhr. Kategorie Design. Tag . 7 Antworten.

Creative Sweat

hd schellnack

Etwas weit entfernt, um vorbei zu fahren, und die auf der HP gezeigten Arbeiten sehen recht pragmatisch aus, vielleicht weil eine Berufsakademie eben auch joborientierter an Design herangeht als etwa eine FH, aber wegen der liebevollen Präsentation der Abschlussarbeiten online erwähnenswert: Creative Sweat zeigt am 12. 07.08 die Diplomarbeiten der Ravensburger Berufsakademie.

11. Juli 2008 19:23 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Unkontrolliert

hd schellnack

Im Dortmunder Künstlerhaus im Sunderweg 1 stellen zehn frische Talente ihre Diplomarbeiten aus. Heute abend um 20.00 wird eröffnet, Samstag und Sonntag gibts auch bis jeweils 22 Uhr etwas zu sehen. Danke an Seán für den Tipp.

18:31 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Jugend Ohne Jugend

hd schellnack

Als hätte David Lynch Die Entdeckung des Himmels meets Homo Faber nach einem Drehbuch von Grant Morrison verfilmt, so fühlt sich Francis Ford Coppolas erster Film nach über zahn Jahren an. Verwirrend, bilderreich, allegorisch, vielschichtig. Die Geschichte des siebzigjährigen Linguisten Dominic Matei, der am Ende eines vertanen Lebens vom Blitzschlag getroffen wird und durch wundersame Weise dadurch verjüngt – und tiefergehend verändert – ist eine mäandernde Reise durch die Zeit, durch verschiedenste Kulturen, durch Philosophie und Sprache und durch eine surreale Liebesbeziehung, die wie ein Wirbelsturm von Figuren, Orten und Handlungsfetzen vorbeipulsiert.

Das ist sicher vielleicht ein Schwachpunkt der Films – Charaktere und Narration bleiben oft skizzenhaft. Der von Bruno Ganz hervorragend rätselhaft inszenierte Professor Stanciulescu, der Mateis Heilung begleitet und ihm eine neue Identität verschafft, stirbt so offscreen undsein Potential scheint plötzlich brachzuliegen, sein Handlungsfaden ist einfach abgeschnitten. Anderen Figuren geht es kaum anders. Die Nazi-Agentin in Raum , der Orientologe Guiseppe Tucci und sein Assistent – all diese und viele andere Charaktere blitzen im atemlosen Rausch des Films vorbei und scheinen mehr zu versprechen als zu halten. Tatsächlich liegt in dieser quecksilbrigen Fluidität der Handlung, die man kaum je richtig zu greifen kriegt, die springt und bricht und jederzeit unvorhersehbar bleibt, eine großartige Stärke des Films. Als Zuschauer ist man sich der Handlung nie sicher, die Erzählung wird nie berechenbar, im Gegenteil. Als Dominic im zweiten Teil des Films seine verstorbene grße Liebe Laura wiedergeboren in Form von Veronica wiederfindet, würde man in jedem anderen Film laut aufstöhnen. Hier ist nicht nur diese Wiedervereinigung unerwartet und plötzlich, sondern auch der darauffolgende Bruch, der Veronika und Dominic nach Indien führt und schließlich nach Malta, wo sich Veronica immer weiter in metapsychologische Urversionen ihrer selbst verwandelt, in immer frühere Leben zurückkehrt, und dabei körperlich zusehends altert, während Dominics dunkle Seite sie mißbraucht, um sein gescheitertes Lebenswerk – die Suche nach dem Ursprung der Sprache – zu beenden.Diese, wie ungezählte weitere Wendungen des Films sind absolut unvorhersagbar.

Youth Without Youth fühlt sich mystisch an, surrealistisch, ein doppelbödiges Spiel, von den seltsam altmodischen, an die 50s und 60s erinnernden Opener des Films an. Coppola macht es seinen Zuschauern bis zum Filmende niemals einfach, verweigert jedes Happy End, jede einfache Deutungshilfe. Mutanten, Wiedergeburt, phantastische Geisteskräfte, Seelenwanderung, ein zynischer kryptofaschistoider Doppelgänger als Out-of-Body-Experience, Zeitschleifen, Traumsequenzen… so vieles an diesem Film erinnert an die psychotische Phantasie von Philip K. Dick. So viele Andeutungen, so viele visuelle und verbale Hinweise – man wird diesen Film mehrfach schauen müssen, um ihn zu deuten.

Rein bildsprachlich ist Youth ein Epos. Bereits zu Filmbeginn lässt Coppola Handlungselemente an unseren Augen vorbeiflirren, im weiteren Verlauf wird die Bildsprache oft drogenumnebelt, wie etwa die um 180° auf den Kopf gedrehten Aufnahmen, die wunderbar subtilen Spiegelsequenzen mit Dominics Doppelgängern, die Sexszene mit der Nazi-Agentin und ihrer Svastika-Reizwäsche. In traumhaften, kafkaesquen Bildern erzählt Coppola eine Geschichte, die sich jenseits aller Ratio entfaltet und mehr als neugierig auf Mircea Eliades Originaltext macht. Der Film ist ein wilder Fiebertraum, der in seiner Energie einerseits die Ästhetik von Musikvideos aufgreift, andererseits mit altersweiser Ruhe und Langsamkeit agieren kann, wenn es sein muss. Nahezu jede Einstellung ist eine meisterhafte Bildinszenierung, die sich zugleich zeitlos-altmodisch und doch hochmodern anfühlt – schließlich hat Kameramann Mihai Malaimare Jr. den Film digital aufgenommen und aus über 170 Stunden Originalmaterial zusammengeschnitten. Allein diese Kondensierung – und Coppalas permanentes Siel mit den digitalen Möglichkeiten, um die verschiedensten Filmflairs zu emulieren und nahtlos zwischen Trainspotting und Casablanca zu springen – macht den Film zu einem visuellen Trip, der die schamanistische Stimmung der Handlung perfekt untermalt.

Tim Roth und Alexandra Maria Lara brillieren in diesem Film, man kann es nicht anders sagen. Lara ist in der ersten Filmhälte etwas fablos, in der Rolle der Laura, um dann aber als Veronica von Coppola nahezu verliebt in Szene gesetzt zu werden. Die Rolle – und Lauras Seelentrips in de Zeit von Ägypten, Sumer und Babylon – bieten der Darstellerin die Möglichkeiten, alle Register zu ziehen, was sie dann auch absolut souverän tut. Lara gibt ihre Rolle niemals – trotz der oft überzeichneten Handlung – der Lächerlichkeit preis, ihre Veronika ist eine Figur, die uns fast mehr als der polymorphe Roth durch den letzten Akt des Filmes führt, ihn zusammenhält, ihm Seele gibt. Roth, auf der anderen Seite, zeigt sich fast manisch wandlungsfähig, körperlich ebenso wie als Darsteller, der mit Mimik und kleinsten Nuancen die inneren Verwandlungen seiner Figur widerspiegelt. Roth bei dieser Achterbahnfahrt zuzusehen, ist allein den Eintrittspreis wert.

Es ist unverständlich, warum dieser Film als Agentendrama mit Nazis promoted wird – dieser Handlungsstrang nimmt bestenfalls 30% des Filmes ein uns hat nichts mit Youth Withou Youth zu tun. Da ist die Marketingabteilung der Verleiher mehr als unglücklich vorgeprescht. Wer den Film erwartet, den die Pressearbeit verspricht, muß enttäuscht sein. Was vielleicht die ein oder andere miserable Kritik rechtfertigt – die anscheinend übersieht, wie mutig, wie Auteur dieser Film ist, alles andere als ein altersblinder Querschläger, sondern ein großartiges, mutiges Meisterwerk in einer Zeit, in der solche aus allen Genres herausragenden, erzählenden, großen Filme selten geworden sind. Youth Without Youth ist inspirierend, gewagt, provokativ, sexy, klug, selbstverliebt, verwirrend und eben deshalb interessant, im besten Sinne irritierend und seltsam. Ein Film wie kaum ein anderer.

14:12 Uhr. Kategorie Film. Tag . Eine Antwort.

Schauraum

hd schellnack

schauraum nennt der Fachbereich Design der FH Dortmund die Zeigung der aktuellen Abschlussarbeiten 2008. Foto, Design und Filme sind von Mittwoch den 16.7. ab 18.00 Uhr bis Freitag den 18.5. um 21 Uhr zu bestaunen. Genau der richtige Einstieg in die Loveparade, die am Samstag den 19. durch Dortmund brettern wird.

9. Juli 2008 18:38 Uhr. Kategorie Design. Tag . 2 Antworten.

Folkwang Werkschau am 12.7.

hd schellnack

A 12.7. zeigen die Studierenden des Folkwang-Design-Bereiches Ihre Diplome im Forum für Kunst und Architektur in der Essener Innenstadt. Das auf dem Plakat der Streckenstrich beim Datum nicht stimmt, Uhrzeiten, Daten und Telefonnummern etwas bedenklich gesetzt sind und die Wortabstände zu groß, vom Kerning der Versalien zu schweigen… all das sollte uns aber jetzt keine Sorgen machen, oder? :-D.
Ernsthaft, die Sache klingt sehenswert.

09:58 Uhr. Kategorie Design. Tag . 4 Antworten.

Album 92

hd schellnack

09:24 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

A Scanner Darkly im Eulenspiegel

hd schellnack

Am Donnnerstag läuft um 18:00 Uhr A Scanner Darkly, die im surrealen Zeichentrick/Realfilm-Stil gehaltene Adaption des großartigen Philip K. Dick Buches, im Eulenspiegel im Rahmen der Reihe ueber morgen.

08:58 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

Something to Look Forward To II

hd schellnack

7. Juli 2008 17:42 Uhr. Kategorie Design. Tag . 9 Antworten.

Beirut: The Flying Club Cup

hd schellnack

Das (relativ) neue Album von Folk-Alternative-Multiinstrumentalist Zach Condon macht da eiter, wo das alte aufhört. Jedes der Lieder soll eine andere Stadt, über die sozusagen fiktional der im Titel angedeutete Heißluftballon-Wettbewerb hinwegschwebt, thematisieren, und tatsächlich kann man in der überbordendenden Instrumentarisierung einen stärkeren Hang zu schunkelwalzernden 3/4-Takten heraushören, weniger aber, dass Conden sich vor der Aufnahme des Albums Brel und andere Chansongrößen angehört haben will. Denn alles in allem klingt The Flying Club Cup eben zuerst und vor allem nach Beirut. Nur… ausgebremster. Die wilde, unglaubliche Energie des ersten Albums ist weg, der Dreck ist rausgeschliffen. Was die neue Scheibe zugleich hörbarer und langweiliger werden lässt – was vielleicht auch nur daran liegt, dassman sich an den ungwohnten Soundmix von Beirut einfach auch gewöhnt hat und es inzwischen auch zahlreiche populär gewordene Vorbilder und Nachahmer gibt. Der Alternative-Balkansound von Beirut ist einfach im Mainstream angekommen.

Umso konsequenter von Zach Conden vielleicht, sich weiterzuentwickeln. Die Abkehr von der tambourinschwangeren Volksmusik Osteuropas und eine Hinwendung zu den filigraneren Strukturen von Westeuropa im 19. Jahrhundert ist dezent, aber sie ist da. Unter den Marschtrommeln, den Tambourines, dem Händeklatschen ist die Musik sparsamer, ruhiger geworden. Conden rührt einen melancholischen, bittersüßen Cocktail aus den verschiedensten ethischen und historischen Zitatquellen, und es ist nach wie vor surreal-lustig, dass diese Musik irgendwo in Albuquerqe entstanden ist.

Es mag daran liegen, dass ich gerade Austerlitz lese und Condens Musik ein nahezu perfekter Soundtrack zu diesem mäandernden Buch ist – aber The Flying Club Cup ist ein seltsam paneuropäisches Album, wie es vielleicht wirklich nur aus der Sicht eines amerikanischen Ausnahmemanikers auf Europas Vergangenheit entstehen kann, ein  folkloristischer Zitatenstadel, an den sich andere in dieser Naivität und mit solcher Verve nicht herantrauen würden. Auch wenn das neue Album brütender, dumpfer ist als der Vorgänger, ist es immer noch ein brodelnder musikalischer Hexenkessel, der beispielswese am Anfang von The Mausoleum schnell ein Jazz-Zitat einwirft, bevor Condens exotisch nöhlend-wunderbarer Gesang ihn wieder in den Kontext des Albums zieht. Der Schmelztiegel, das Crossover ist die Stärke von Beirut und man darf gespannt sein, ob Conden auf kommenden Alben mehr aus dem musikalischen Balkansound-Ghetto herauskommen wird und seine Flügel ausbreitet.

10:00 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

ALBUM 91

hd schellnack

6. Juli 2008 14:22 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

Beziehung

hd schellnack

10:36 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Album 90

hd schellnack

5. Juli 2008 19:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Tori Amos: American Doll Posse

hd schellnack

Es ist ein bisschen traurig, Tori Amos dabei zuzusehen, wie sie kleiner wird. Selbst die Idee des Covers zu American Doll Posse scheint von Strange Little Girls übernommen zu sein – und die wiederum von Cindy Sherman. Nach Scarletts Walk und The Beekeeper ist das neunte Studioalbum von Amos immerhin wieder etwas bemerkenswerter, aber keineswegs der Neubeginn, als den es Amos selbst ankündigt. Ganz im Gegenteil, die Platte klingt ungewöhnlich glatt und kommerziell, angenehm weghörbar, aber seltsam belanglos – das macht auch die nahezu unirdische Spieldauer von 80 Minuten nicht wett. Das hinter dem Album ein schwer Neil-Gaiman-schwangeres arg kopflastiges «Konzept» steckt, in dem Amos fünf verschiedene Frauencharaktere in Anlehnung an die griechische Mythologie verkörpert, ist aus dem Sound der Platte selbst nicht wirklich abzuleiten. Es gibt schon Tracks, die allein durch ihre Abwegigkeit Freude machen – wie etwa das skizzenhaft-hysterische Fat Slut oder die unfreiwillig komische Rocknummer Teenage Hustling – aber es ist leider eigentlich alles in allem nur zu einfach, mit jedem Song ein déja vu zu erleben. So seltsam es klingt, American Doll Posse wirkt wie eine retrospektive, wie ein Best of – allerdings mit neuen Songs, die sich fluide durch die Geschichte der Musikerin schlängeln.

Dessen ungeachtet zeigt sich Amos nach der Dürre der letzten beiden Alben wieder spielfreudig und experimenteller, springt zwischen den typisch kammermusikruhigen Klaviernummern und lustvoll durcharrangierten Bandnummern her, die geradezu nach einer Live-Umsetzung schreien und die oft eine seltsam bombastische Rock-Pose zelebrieren, die an Queen erinnert. Vielleicht will Tori hier zu viel, will ihre eigene Juke-Box sein, zeigt zu viele Facetten auf einmal. In der Flut von 23 Songs sind viele gute, aber wenig sehr gute Tracks dabei, und am Ende kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass Tori Amos nichts neues mehr zu sagen hat und – wie so viele viele Acts, die auf ähnlich lange Karrieren zurücklicken – in aller Entspannung zu «ihrem» Sound gefunden hat. Das kann man einer Künstlerin kaum vorwerfen – aber vielleicht ist die Zeit gekommen, wo man dann eben eigentlich auch keine neuen Alben von Tori mehr braucht, weil man ebenso gut wenn nicht sogar besser auf die alten Sachen zurückgreifen kann.

16:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Erinnerung

hd schellnack

15:04 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 8 Antworten.

Album 89

hd schellnack

4. Juli 2008 21:19 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Happy-Go-Lucky

hd schellnack

Wieder so ein Film, wo man vor dem Start förmlich betet: «Bitte sei besser als die Trailer, die gerade liefen!» Weil vorher wirklich nur unsagbar triefig-schlechte Kitschkomödien-Vorschauen im Cinemaxx gezeigt wurden. Die Art, wie hier Trailer zu Filmen  zugeordnet sind, ist echt unsagbar gruselig.

Und tatsächlich ist «Happy-go-lucky» sehr viel besser als die nächste Leander-Hausmann-Kost, und erreicht spielerisch das, wonach deutsche Komödien verzweifelt angeln: Coolness und Authentizität. Ich denke, die deutsche Übersetzung, die immer einen Tick zu klar und deutlich ist, deren Stimmen förmlich über dem Film schweben als in der Handlung zu sein, dämpfen diesen Effekt etwas, aber es ist greifbar, wie sehr Mike Leigh sich bemüht, eben nicht einen Amélie-Aufguß abzuliefern über das ach so ansteckend glückliche Mädchen, sondern vielmehr einen mit beiden Beinen fest in der Londoner Realität steckenden Film zu produzieren.  Die Filmqualität, die Referenzen zu Buchtiteln, Orten, Musik – wo Jeunet auf eine surreale Zauberwelt setzt, lässt Leigh seine «Poppy» zwar Hippie-Pippi-Langstrump-Manier sich ihre eigene Welt, wie sie ihr gefällt machen, bleibt aber glasklar erkennbar im Hier und Jetzt.

Ohne auf den ersten Blick erkennbare bedeutsame handlung zeigt der Film einen Ausschnitt aus dem Leben von Poppy (die in Wirklichkeit Pauline heißt), einer 30-jährigen Grundschullehrerin, die mit ihrer Freundin Zoe und ihrer Schwester Suzy durchs Leben zieht. Wie ein Katalysator begegnet Poppy im Laufe des Films verschiedenen anderen Figuren, einem Buchhändler, einem Kind, einem Penner, einem Sozialarbeiter, ihrer jüngeren Schwester, einer Mitarbeiterin, einer Flamencolehrerin und am prägnantesten vielleicht einem Fahrschullehrer – und wird zum Katalysator unserer Sicht auf diese Menschen. Mike Leigh schafft es in der Verkleidung einer Komödie – und der Film ist oft zum Schreien komisch – alles andere als leichte Kost zu servieren. Es gibt stille, sehr eindringliche Momente, es gibt wunderbar gezeichnete Charaktere und Poppy ist unsere Navigatorin auf dieser Odyssee – vor ihrer Folie wird die Biestigkeit des Lebens erst richtig deutlich und umgekehrt ihr grenzenloser Optimismus umso bewundernswerter. Sally Hawkins spielt Poppy als keineswegs naives Dummchen, sondern als Person, die mit Humor und Zuversicht den Weg zu ihrem eigenen Glück findet.

Mike Leigh inszeniert ruhig und beobachtend, verfällt nie in die Falle, selbst filmisch oder über seine Charaktere Urteile zu fällen. In den Szenen, die zugleich strukturiert und einstudiert und doch improvisiert wirken, entfalten sich authentisch wirkende Menschen, die wir im normalen Leben vielleicht nicht oder nur abfällig beachten würden, und die wir durch Poppy neu entdecken dürfen. Die Begegnung mit Stanley Townsend als Obdachloser gehört in dieser Hinsicht zu dem emotionalsten, besten, wunderbarsten Momenten des Films, Leigh melkt aus die Sprachlosigkeit beider Figuren, die kaum mehr als ein «you know» herauskriegen, einen ganzen Kosmos von Gefühlen. Selten ist im film mit so wenig so viel gesagt – und das zudem so witzig. Furios auch die Szene mit der neurotischen, wunderbar von karina Fernandez gegebenen, Flamenco-Lehrerin, die nahtlos vom Hausfrauen-Entfesseln in die Nervenkrise abgleitet. Schön auch der Gegensatz zwischen dem hier gespenstisch spießig wirkenden glattebn Lebenstraum von Paulines Schwester, deren Ehe, Schwangerschaft, Rentenvorsorge und Häuschen in den Suburbs tot und erdrückend wirken gegenüber Poppys scheinbar chaotischer Verweigerung vor dem «Erwachsenwerden».

Der semi-zentrale Plot um Poppy und ihren Fahrlehrer Scott (gespielt von Eddie Marsan) nimmt sich an diesen Randepisoden fast belanglos aus, aber zum einen ist die Spiegelung von Scotts offensichtlichen tiefen emotionalen Problemen und denen von Poppys Schüler interessant – Ursache und Ergebnis von Wut -, wenn auch etwas moralisch überbelastet, zum anderen ist Marsan einfach die Wucht in Tüten. Die Balance, die er zwischen cholerischen Misantrophen und verletztem Kind hält, zwischen Wut und Hoffnung, ist sehenswert – die Tatsache, dass man bei Scott irgendwann eine eigentümliche Miscung aus Angst, Abscheu und Mitleid empfindet, ist eine schauspielerische Leistung. Die man eigentümlicherweise vergisst, weil man Eddie Marsan nicht als Darsteller wahrnimmt, sondern als die Rolle selbst. Es ist der Verdienst von Mike Leigh und seinen Schauspielern, dass Happy-Go-Lucky so echt wirkt, dass man irgendwann vergisst, dass hier professionelle Akteure vor einer Kamera nach einem Drehbuch agieren, sondern einfach in der Handlung aufgeht – die Illusion eigentlich nur gebrochen, wie gesagt, von der seltsamkpnstlich wirkenden Synchronisation.

Hawkins treibt ihre Figur oft an den Rande des nervenden Optimismus, schafft es aber immer, kurz vorm Abgrund mit einem Blick, einer Geste die Tiefe dahinter durchscheinen zu lassen – und ebenso schafft es der gesamte Film, hinter der scheinbar (und auch tatsächlich) heiteren Kulisse eine tieferschürfende Erzählung über das moderne Großstadtleben, über Hoffnungen und Einsamkeit, Freundschaft und Liebe zu erzählen, die weit jenseits von den Plattitüden ist, die uns in den Cinemaxx-Trailern anderer Filme entgegenplärrt.

20:03 Uhr. Kategorie Film. Tag . Eine Antwort.

Wärme

hd schellnack

11:09 Uhr. Kategorie Photos. Tag . 7 Antworten.

Reproduzierbarkeit

hd schellnack

Ich weiß, erst meckere ich über Ffffound, dann produziere ich hier fast meinen eigenen Bilderstream. Muss auch mal sein. Jedenfalls ist das hier ein absolut grandioses Cover zu der englischen Penguin-Ausgabe von Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner mechanischen Reproduzierbarkeit, einem nach wie vor essentiell lesenswerten Buch.  Mit einem Cover, dass das Thema wunderbar selbstironisch aufnimmt – schließlich ist auch Benjamins Buch der mechanischen Reproduktion in ihrer klassischsten Form, dem Buchdruck, ausgesetzt. Denn der Bleisatz war ja nur die Vorform von Filesharing.

(via fwis)

Übrigens ist covers.fwis für mich die große Ausnahme der Bilderhäpchen-Design-Sites. Zum einen weil dort recht fundiert über das Artwork informiert und diskutiert wird, von Designern und Buchliebhabern, zum anderen aber vor allem, weil ich es mißbrauche, um zu sehen, was ich mir an guten neuen Büchern kaufen kann. Da Amazon nach wie vor keine solide Showcase-von-Neuveröffentlichungen-Lösung hat, ist das eine der Möglichkeiten, virtuell nach neuen Büchern zu stöbern. Und da ich viel nach Cover kaufe… ;-)

3. Juli 2008 11:26 Uhr. Kategorie Design. Tag . 4 Antworten.

Dark Knight Poster

hd schellnack

Es ist schön, wie David Finchers Seven die Ästhetik des Kinos verändert hat. Dieses Plakat ist für einen kommerziellen Blockbuster wie Batman: The Dark Knight vielleicht zu düster, aber ich denke, sicher besser als der gesamte Film :-D. Very McKeanesque. Interessant ist, dass Batman inzwischen anscheinend so ikonisch geworden ist, dass es keinen Namen auf dem Plakat braucht – die Fledermausohren an sich reichen, um die Marke zu kommunizieren.

(via Newsarama)

11:04 Uhr. Kategorie Film. Tag , . 6 Antworten.

Glamourpuss

hd schellnack

Dave Sim

10:45 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 2 Antworten.

Panther: 14 kt. Gold

hd schellnack

Unter dem Titel Panther präsentieren Joe Kelly, Ex-Drummer von 31 Knots,  und Multiinstrumentalist und Sänger Carlie Salas-Humara ein dicht verfrickeltes Album, das von tanzbare Grooves und seltsamen Worldmusic-Funk lebt. Die Songs haben eine drogenvernebelt wirkende Seventies-Atmosphäre, gemixt mit frühen Talking-Heads-Anflügen (Her Past are the Trees), die aber niemals altbacken wirkt, im Gegenteil, das Album wirkt perfekt für derzeitigen Balkan-/Afrobeat, obwohl die Musiker das sicher nicht im Sinne hatten. Jazzig, funkig, global und auch mal ganz schon nerdig kommen Panther ohne klassische Songstrukturen aus, die Songs scheinen einfach zu fließen, wirken fast an der Grenze zur Improvisation. Einiges erinnert hier im besten Sinne an ChkChkChk, nicht nur vom Coverartwork her, sondern auch von der überbordenden, überproduzierten Freude an Musik, die aus jedem Song quillt. Der gesang, diese seltsame Mixtur aus Lässigkeit, 70s-Falsett-Sexappeal und Hysterie, das David-Byrne-Nöhlen, die tighte Gang-of-Four-Funkyness und dazu eine deutliche klare Dancefloorausrichtung machen 14 Kt. Gold zu einer seltsamen die Genre und Jahrzehnte durcheinander wirbelnden, rundum sympathischen Platte,die mit ihren synkopischen Beats, multiethnischen Wurzeln und wirren Instrumentexerimenten im Hintergrund durchaus anspruchsvoll ist und zugleich aber absolut fürs Tanzen geeignet ist. Chaos, das von Kopfnicker-Grooves klar gebändigt bleibt, Musik für Headphones und Ghettoblaster gleichermaßen. Feine Sache also.

10:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Waage

hd schellnack

09:55 Uhr. Kategorie Photos. Tag . Keine Antwort.

Scoutscoutscout….

hd schellnack
hd schellnack
hd schellnack
hd schellnack
hd schellnack

2. Juli 2008 22:12 Uhr. Kategorie Leben. 8 Antworten.


Creative Commons Licence