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Polarkreis 18 Konzerthaus Dortmund

Benedikt Stampas Konzept, die heiligen Hallen eines klassischen Konzertsaals auch für (Unplugged-)Popkonzerte zu öffnen und interessante deutsche Acts nach Dortmund zu holen, ist oft durchwachsen, im Idealfall aber hochspannend. Bei einer Band wie den Dresdener Indie-Quintett Polarkreis 18, deren Sound generell nicht ganz so weit weg ist von Sigur Ros oder Radiohead, wenn auch lange nicht so vertrackt/verkopft, funktioniert es bestens. Die Combo um Felix Räuber tritt mit obskuren Instrumenten bewaffnet – darunter eine batteriebetriebene E-Gitarre, eine Bohrmaschine, Xylophone, Kinderpiano, aber auch Flügel, Ziehharmonika und ein grandioses Ludwig Silver Sparkle Drumkit – in den gigantischen Hallraum des großen Saales und macht sich die hallige Akustik zu eigen. Wo andere Bands in der Weite des allzu ruhigen, allzu hohen Raums scheitern, kommt die helle Kopfstimme des Sängers erst richtig zur Geltung. Präzise und mit Spielfreude haut die Band ihre sphärischen Songs in reduzierterer Version in den Saal, und Christian Grochaus dynamisches, feinfühliges und bei aller Ruhe stets großartig, mal leicht jazzig angehauchtes, mal wuchtigrockiges Schlagzeugspiel sorgt tatsächlich dafür, dass die Sache nicht vor die Wand fährt. Das Kit klingt schon von der Bühne perfekt, mit einer wunderbar kickenden Bassdrum, kristallklaren Becken und einer wunderbar schleppenden Snare – very oldschool. Räuber beginnt das Konzert bereits fast mit einem Höhepunkt, allein am Klavier, und ab diesen Moment gibt es keinen einzigen Durchhänger, bis zum Ende der zwei Zugaben und (zu kurzen) 90 Minuten Konzert. Mit viel Spaß, brillianten Einlagen, smarten Ansagen und einer bescheidenen, aber smarten Lichtkonzeption fightet sich Polarkreis durch den Raum, der – ehrlich gesagt – einfach keine Partystimmung aufkommen lassen will, egal wie sehr die Band auf der Bühne tanzt. Trotzdem ist der Applaus begeistert, Standing Ovations, und mehr als verdient.

30. März 2008 19:24 Uhr. Kategorie Live. Tag . 7 Antworten.

Cheat Lie Evade

The totalitarian society envisioned by George Orwell in 1984 should have arrived by now. The electronic gagdgets are here. The government ist here, ready to do what Orwell anticipated. So the power exists, the motive, and the electronic hardware. But these mean nothing, because… no one is listening. The new youth that I see is too stupid to read, too restless and bored to watch, to preoccupied to remember. The collective voice of the authorities is wasted on him, he rebels. But rebels not out of theoretical, ideological considerations, but only out of what might be called pre selfishness. Plus a careless lack of regard for the dread consequences that the authorities promise him if he fails to obey. … When the locked police van comes to carry him off to the concentration camp, the guards will discover that while loading the van they have failed to note that another equally hopeless juvenile has sleashed the tires. And while the tires are being replaced, some other youth siphons out all the gas from the gas tank for his souped-up Chevrolet and has sped off long ago. …

If, as it seems, we are in the process of becoming a totalitarian society, in which the state apparatus is all-powerful, the ethics most important for the survival of the true, human individual would be: Cheat, lie, evade, fake it, be elsewhere, forge documents, build improved electronic gagdets in your garage…

Philip K. Dick, The android and the human, 1972

29. März 2008 10:56 Uhr. Kategorie Buch. Tag . 2 Antworten.

HD rennt

Da hat Marian mich ja schön erwischt… :-D


Ich ihn aber auch:

28. März 2008 19:47 Uhr. Kategorie Leben. Tag . 7 Antworten.

For Sale: No(te)Book

Ich bin seit Jahren auf der Suche nach dem perfekten Notebook. Bei Kundenterminen trage ich egentlich immer mein in den Staaten gekauftes Lederbuch mit mir, das aber zunehmend zu schade für solche Meetings wird – und auch etwas unhandlich ist, auch wenn ich völlig an dem Buch hänge. Nach langem Suchen habe ich endlich etwas gefunden, was wir für nodesign produziert haben. Es ist ein Brunnen Kompagnon – ein ziemlicher Moleskine-Klon, absolut vergleichbar in der Qualität… allerdings mit einigen Vorteilen.

- Bescheidener. Brunnen macht einfach nicht so einen Hype um den (Fake-)Retrokult, sondern ist ehrlicher.
- Kleiner. Das Buch ist handlicher (es ist etwas kürzer als das kleine Moleskine und passt so endlich perfekt in die Sakko-Innentasche.
- Besser. Es hat zusätzlich zu Gummizug, Leseband und Froschtasche auch einen STIFTHALTER. Amen.

Die Hefte sind als mobile Notizbücher und Schreibtischnotizbuch so perfekt, wie ich es mir nur denken kann. Handlich, haptisch wunderschön und mit einem Innenpapier, das cremig und volumig ist. Just beautiful.

Wir haben die Bücher mit dem brennenden nodesign-Stuhl in einem intensiven Rot kontaktprägen lassen.  Ansonsten ist das «nobook» in keiner Art und Weise gebrandet.  Ganz dezent, das Wort «nodesign» taucht nirgends auf.

Und damit haben wir neben den internen Notizblöcken, die auch langsam zur Neige gehen, endlich auch die perfekten Notizbücher.

Da wir von dem Buch eine recht hohe Auflage produziert haben, mehr als wir für den Eigenbedarf und Giveaways brauchen, kann ich das Buch zum Selbstkostenpreis anbieten.
Das heißt, ihr könnt euer eigenes Notizbuch zum reinen Selbstkostenpreis kaufen.

Wer will, kann also einfach per eMail (schellnack@nodesign.com) ein nobook für 6 Euro (plus Versand) bestellen. Zum Vergleich: Bei Manufaktum kostet exakt das gleiche Buch 8,90 Euro. Und das den sexy Chair ;-D. Einfach eMail, dann schicken wir euch eins zu. Das Buch gibt es wahlweise liniert und unliniert (blanko).  Das Buch hat 192 Seiten (96 Blatt), eine Froschtasche am hinteren Ende, einen Gummizug zum verschließen des Buches, ein schwarzes Lesebändchen, einen Gummihalter für Stift und die rote Prägung.

Wer will, kann für einen Euro mehr den passenden Stift dazu bekommen: Den Papermate Flair (bzw Nylon, wie er heute heißt). Der Flair ist einer der ersten berühmten Filzschreiber, erstmals 1966 von Parker vorgestellt und seitdem im groben und ganzen unverändert (gottseidank) – also ein echtes Stück Space Age.

Mit der berühmten Papermate-Technik, die durch die beiden Herzen auf dem Metallclip symbolisiert werden, kann der Flair/Nylon in jeder Situation, auch überkopf schreiben. Die Tinte ist nicht durchschlagend, was ich bei Filzern wirklich wichtig finde – der Filzer schlägt auf dem saugenden Volumenpapier nicht auf die Rückseite durch.  Das Schriftbild des schwarzen Tintenschreibers ist ein dicker, saftiger Strich, der an einen großen Füller erinnert – wenn man ohne Füller schreiben will, ist der Flair das nächstbeste.

Der schwarze, zeitlos schlichte Flair mit der erstickungssicheren Kappe mit dem weißen X ist übrigens der Stift, mit dem Quentin Tarantino seine Drehbücher schreibt und den er  in Kill Bill verewigt hat (Uma Thurman schreibt damit ihre Racheliste).

Also: 6 Euro für das Buch an sich. 7 Euro mit Stift. Ich bin gespannt, wer sich meldet :-D.

26. März 2008 13:53 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 18 Antworten.

Philip K Dick: Lies Inc.

Lies Inc. ist ein seltsames Buch, eine Art Mash-Up in Buchform. Ursprünglich 1964 als Kurznovelle The Unteleported Man gemeinsam mit einem anderen SF-Buch als Double Feature veröffentlicht, wurde Dick ein Jahr später gebeten, 1965, es zu erweitern für eine vollwertige Publikation. Der Verlag lehnte das neue Material jedoch ab und erst heute – nachdem einiges verloren gegangen ist, wieder umgeschrieben wurde, neu zusammengesetzt, Seiten wiedergefunden und rekonstruiert – ist das Buch in seiner von Dick geplanten Form erschienen. Dick selbst hat den erweiterten Teil etwa ins letzte Drittes des Buches geklemmt, in Kapitel 8 bis 15 – und so entsteht ein seltsam surreales Bucherlebnis. Den in dem nur einem Jahr zwischen 1964 und 65 hat sich anscheinend Dicks Schreibstil entscheidend gewandelt. Während sich das Originalmaterial eher wie ein typischer Dick-SF-Stoff anfühlt, ist der nachträglich eingeschobene Block eher ein völlig unwirklicher LSD-Trip. Der ursprüngliche Plot behandelt eine überbevölkerte Erde, deren Bewohner mit Hilfe einer Einweg-Teleportationstechnik zu einem entfernten Planeten «Whale’s Mouth» flüchten. Von diesem Planeten gibt es keine Rückkehr, nur überfröhliche Videobotschaften werden gesendet – und als die sich als Fälschung herausstellen entscheidet sich Rachmael ben Applebaum, mit dem letzten Raumschiff seiner ruinierten Firma, den 18-jährigen Flug zu diesem Planeten zu unternehmen, um selbst leibhaftig zu überprüfen, wie es auf Whale’s Mouth aussieht. Diesen Plot verziert Dick mit den üblichen Elementen – einer fast allmächtigen deutschen Firma THL, die die Teleportation monopolistisch verwaltet, einer zweilichtigen UN, die vielleicht Gegenspieler, vielleicht Partner von THL ist. Dicks essentielle Frage nach der «Realität» steht im Mittelpunkt,m aber ansonsten ist es eine relativ straightforward geschriebene Sf-Adventure-Geschichte, eher mit dem Flair einer Kurzgeschichte als eines komplexen Buches. Auch die tatsächliche Auflösung ist eher so-so. Der eingeschobene nachträglich geschrieben Block hingegen fühlt sich an wie ein Fiebertraum, vor allem im Kontext des restlichen Buches. Charaktere werden wild ausgetauscht, sterben (um dann, in der Rückkehr zum ersten Teil seltsamerweise wieder lebendig zu sein), absurde Parawelten erscheinen, die gesamte eigentliche Handlung wird zu einem LSD-Trip de luxe, Dick hebelt einfach seinen eigenen Plot aus und führt Elemente ein, die im späteren Verlauf nicht wieder aufgegriffen werden. Dieser Bruch in der Narration ist an Unwirklichkeit nicht zu beschreiben. Die UFO-Entführungsszene aus «Das Leben des Brian» ist noch am ehesten ein Vergleich – wenn man sie das erste Mal sieht. Der nachträgliche Stoff ist ein permanentes What-the-Fuck-Gefühl. Es ist großartig, diese mitten in einem Kapitel stattfindende Juxtaposition von zwei völlig verschiedenen Gesichtern desselben Autoren zu erleben – und seltsamerweise macht gerade diese Inkongruenz, diese Beule in der Erzählung, das Buch hochinteressant. Mit einem Mal ist der Boden in der Fiktion weggerissen und als Leser bist du aus der Story hinausgeworfen, aus dem allzu wohligen Erzählmodus, in einem Zustand, der wie Kafka auf harten Drogen, wie Samuel Beckett, wirkt, wo es nicht mehr um Inhalte geht, sondern um Emotionen, um Angst, um Wahn, um die Wirkung von Worten an sich. Mit einem Mal ist man in einer Art Mischung aus Psychotherapie/Brainwash-Gruppe und KZ gelandet, in dem jegliche Realität, jegliche Wirklichkeit permanent hinterfragt werden muss, in dem ein massives Gefühl von Mißtrauen und Paranoia herrscht – um dann zurückzukehren zur normalen SF-Novelette. Das ist ein literarisch wunderbarer Mindfuck, ein seltsames Kunststück, Surrealismus als SF zu verkaufen.

Lies Inc. ist nicht mal annähernd ein Meisterwerk von Dick wie Scanner, Valis, Androids oder High Tower - wobei Dick selbst ja abstruserweise auch The Zap Gun zu seinen besten Büchern zählte ;-). Es ist eines dieser zusammengeschusterter post-mortem publizierten Dinger, mit denen man echt vorsichtig umgehen muss, es hat so einen Hauch von Archivplünderung. Aber für den Hardcore-PKD-Fan ist es ein Juwel, weil es eine Bruchstelle im Oevre des Autoren nicht nur markiert, sondern in einem einzigen Buch dokumentiert. Was man ansonsten immer nur vage im Gesamtwerk von Dick spürt – die Wellen, die Übergänge, die Brüche in seinem Leben und Werk – ist hier exemplifiziert. Und das macht Lies Inc. zu einer Entdeckung.

10:43 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

8 Blickwinkel

Vantage Point – im Deutschen etwas verwirrend mit 8 Blickwinkel übersetzt, die im Film gar nicht so richtig durchkommen wollen – beginnt mit einem furiosen Start und einem interessanten Konzept: Eine einzelne Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und jeweils weitergeführt. Diese Rashomon-Technik, ja auch schon aus Die üblichen Verdächtigen und anderen Filmen vertraut, führt aber für das erste Viertel des Films tatsächlich eine spannende Erzählnuance in den ansonsten etwas arg vertraut wirkenden Plot. Der Präsident der USA soll bei einer Anti-Terrorismus-Tagung in Spanien auftreten, ein Anschlag wird mit hoher Sicherheit befürchtet, ein hyperparanoider Bodyguard, der für den Präsidenten ganz à la Clint Eastwood schon in eine Kugel hineingesprungen ist ist wieder im Einsatz,  die Presse und ahnunglose Touristen sind vor Ort. Die Sache beginnt vielversprechend mit einer gestressten Sigourney Weaver als TV-Produzentin und einem Big Bang direkt zu Auftakt des Films. In der Mitte  verlässt Regisseur Pete Travis allerdings seltsamerweise sein eigenes Konzept und beginnt, die Handlung linear weiterzuerzählen, ohne Blickwinkelsprünge und ohne Rückspulen. Was den ohnehin mauen Plot nun wirklich nicht besser macht. Der Film, der schon zu Anfang an einen 24-Aufguss erinnert und einfach nichts eigenes zu sagen hat, mutiert zu einer verkorksten Platitüdenorgie mit Terroristen,  deren Motivation völlig im Dunklen bleibt, die aber mit ihrem Sony-Handy Ventilatoren und andere Geräte fernsteuern können (hat da einer etwa Die Hard III gesehen) und die zwar gnadenlos ihre Partner abmurksen, aber dann doch soft werden, wenn ihnen ein Kind vors Auto rennt. Dazu ein Held, auf den niemand hört, der aber irgendwie eben doch immer recht hat (hust, Die Hard, hust), ein Partner, der seinen Kollegen verrät, ein Präsident, der im Grunde ein dufter Typ ist und seinen Entführern in bester Cowboy-Manier auch mal eins über den Kopf haut. Anders gesagt: Ist der ursprüngliche Gag erst einmal verflogen (und selbst der Wiederholungs-Effekt wirkt nach dem zweiten dritten Mal eher anstrengend als packend), bleibt nichts übrig, was man nicht in anderen Filmen bereits zigmal gesehen hat und was längst zum tumben Klischee mutiert ist. Und keines dieser Stereotype wird gebrochen, oder auch nur erweitert. selbst für einen Actionfilm ist 8 Blickwinkel einfach enttäuschend platt. Und neben der vor allem am Ende einfach konfusen und irgendwie auch  im Nichts verlaufenden Handlung ärgert vor allem die permanente Präsenz von Sony-Produkten, die den Film zum reinen Productplacement degradieren. Was ja immer mehr der Fall ist und zunehmend zum Störfaktor mutiert. Es nervt einfach, wenn man zunehmend das Gefühl haben muss, ganze Elemente der Handlung existieren nur, damit man bestimmte Produkte präsentieren kann. Forest Whitaker als Homo Faber mit permanenter Videokamera vorm Auge macht wirklich vor allem im Verlauf des Films nur noch Sinn, wenn man den offensichtlichen Sponsoren Sony bedenkt. Ebenso die an Spannung kaum zu unterbietende Bluetooth-Handy-Fernsteuerungs-Allgegenwart. Ein Film, der sich anfühlt wie die VIP-Lounge an einem Airport – ständig fummelt jemand an seinem Handy herum oder redet aufgeregt in sein Headset – ist einfach langweilig.

Das Entsetzliche an 8 Blickwinkel ist tatsächlich, dass der Film für einen Moment durchscheinen lässt, wie gut er eigentlich sein könnte, um dann nach einem soliden Start zusehend und schließlich vollends in die Z-Liga abzurutschen. Plattitüden, verlorene Handlungsfäden, die vor allem am Ende in ihrer Kombination nicht stimmig zusammenführen, teilweise heruntergeluschte Darstellerleistungen und einfach das Gefühl,d ass dieser Film am Ende mit der heißen Nadel lieblos fertig gezimmert wurde, machen 8 Blickwinkel zu einem enttäuschenden Machwerk, das von politischer Scharfzüngigkeit am Beginn mehr und mehr zu  mit dumpfen Hurra-Patriotismus degeneriert. Die eine Wahrheit, die das schön an Otto Premingers Anatomie eines Mordes  angelehnte Filmplakat verspricht, ist schlicht und ergreifend, dass man sich diesen Film trotz einiger guter Ansätze leider sparen kann.

25. März 2008 20:50 Uhr. Kategorie Film. Tag . 3 Antworten.

Juno

Es ist ja inzwischen so, dass in Kinos zielgruppenaffine Trailer gezeigt werden. Schaut man einen Horrorfilm, laufen Trailer für anderen Horror/Thriller/SF-Filme, schaut man eher Arthausiges, wird auch eher auf anspruchsvollere Kost hingewiesen, schaut man einen Krimi.. you get the idea. (Was etwas schade ist, weil so die Zielgruppen nur noch in ihren Metiers bleiben, es gibt keine frischen Impulse – es wäre doch viel spannender, die Horrortrashfreaks zum Liebesfilm rüberzuziehen ;-D)…

Entsprechend nervös wird man, wenn vor einem Film, von dem man nicht viel weiß, aber einiges gutes gelesen hat, ein Trailer für Sex and The City – The Movie (oh—mein—-Gott) läuft und zahllose andere Schmonzetten-Trailer für Filme, bei denen der Trailer an sich schon reicht, um den Plot komplett verstanden zu haben, den gesamten Film inklusive aller Handlungswendungen vor sich zu sehen – und dabei fast einzuschlafen. Eben diese Sorte romantischer Komödie, die von irgendeiner Software tief in den Bergen von LA geschrieben wird und die kein Mensch jemals in die Hände kriegt, in der nur die Namen und die Orte ausgetauscht werden – und die jeweils angesagten Darsteller eingeschoben werden. Von der Sorte liefen vor Juno gleich einige. Einer sogar zweimal – ein Film, der sich anfühlte, als hätte man den ohnehin schon unsagbaren About A Boy noch einmal verfilmt, und dabei nur den Jungen durch ein Mädchen ersetzt. Genial. Und mit jedem Trailer sinkt man tiefer in den Sessel und denkt: Au Weia, hoffentlich ist der Film nicht auch so. Noch bevor Juno  überhaupt losgeht, ist man also mit einem unsagbaren Gefühl bösester Vorahnung erfüllt.

Und tatsächlich hat Juno einen Plot, der – höflich gesagt – durchgenudelt ist. Minderjähriges aber frühreifes Mädchen wird ungewollt schwanger, will das Kind zur Adoption an ein verkorkstes Yuppie-Paar abgeben, hat Gefühlschaos mit dem Erzeuger des Kindes, Gefühlschaos mit dem Adoptionsvater (der hat wiederum Gefühlschaos mit seiner Frau), Gefühlschaos mit ihren Eltern und dem kommenden Kind an sich, absehbare Krisen passieren, bevor wir sanft ins Orbit eines Happy End gleiten. Been there, done that. Juno hat nicht viel Neues zu erzählen.

Aber… wie Jason Reitman (tatsächlich der Sohn von Comedy-Ikone Ivan Reitman) diesen Plot von Newcomerin Brook Busey-Hunt umsetzt, ist einfach sehenswert. Der Film ist frisch und witzig, die Dialoge knochentrocken und modern, und auch wenn man permanent spürt, dass dies eine Art Romantic Comedy for the MySpace Generation ist, und das auch recht aufdringlich (schon der NewFolkBelle-and-Sebastian-Soundtrack lässt da keinen Zweifel dran), macht der Film alles in allem einfach Spaß. Reitman weiß, dass der Plot seine etwas klischeebehafteten Momente hat und tut einiges, um dagegen anzuspielen. Natürlich ist Juno die übliche tomboy-artige Aussenseiterin mit den Ringelstrümpfen und dem Grunge-Outfit und der Vorliebe für Punk und Bassgitarre, eine Art postmoderne Pippi Langstrumpf. Natürlich ist Paulie Bleeker der quintessentielle kindgebliebene Nerd (inklusive Rennauto-Bett, gelben 80s-Schweißband und deutlich zu schlabberiger Satinsporthose), natürlich sind die Yuppies irgendwie hohl und natürlich wird alles gut. Aber all das ist so schnell, so leichtfüßig und so durch und durch fröhlich rausgehauen, dass man trotzdem einen Heidenspaß hat. Unmöglicherweise ist dieser Film die eine Teeniekomödienromanzendramaschmonzette, die tatsächlich GUT ist.

Und das nicht zuletzt, weil Ellen Page mit ihren 21 Jahren den 16-jährigen Teenager so glaubhaft verkauft, dass man ab der ersten Sekunde absolut bei ihr ist. Der Film eröffnet damit, dass Ellen sich 2,8 Liter Orangensaft einflösst und dabei im Flashback über Sex plaudert, bevor sie im Drugstore verschwindet, um nach einem scharfzüngigen Wortgefecht mit dem Shopbetreiber zum dritten Mal auf einen Schwangerschaftstest zu pinkeln. Um wieder ein Plus-Zeichen zu sehen. Ab dem Moment ist sie der ultimative Außenseiter – Minderjährig und Schwanger. Insofern ist Juno eine Studie, wie so viele Teeniefilme, über Anpassungsdruck, Selbstverwirklichung, eigenen Willen, den individuellen Traum vom großen Glück und seiner relativen Unmöglichkeit. Und obwohl Juno ein wenig zu smart-assed ist, ein wenig zu sehr das harte Küken gibt (und wir natürlich alle auf den Moment warten, wo die harte Schale platzt und wir den weichen Kern weinen sehen dürfen), haut Page die Rolle mit einem Tempo und einem Witz heraus, der absolut sehenswert ist. Sie speednuschelt sich durch die hippen Dialoge und mutiert schnell zu einem der liebenswertesten Charakter, die man seit einiger Zeit auf der Leinwand gesehen hat. Nach den ersten fünf Minuten hat Page dich an der Leine und führt dich am Nasenring durch diesen Film. Der dabei nicht nur erwartbare Wendungen liefert, sondern eben auch mal hier und da sanft gegen die Genreregeln geht. So ist Jennifer Garner sicher zu Beginn des Films die hyperperfekte, Disney-stereotype vom Babywahn zerfressene Karrierefrau, die einfach nur nervt, während ihr Mann sympathischer wirkt, laid back, Ex-Musiker, der so wirkt, als habe er seine Träume zugunsten seiner Ehe und einer Karriere als Werbekomponist verkauft. Und der mit dem Neopunk Juno eine seltsame Freundschaft beginnt und zu sich zurückfindet. Nur, als es dann zwischen Vanessa und Mark Loring zum Bruch kommt, dreht Busey-Hunts Drehbuch das alles grandios auf den Kopf. Auf einmal ist Mark ein seltsam Midlife-Crisis geplagter Vollpfosten und Vanessa das Opfer. Allein schon dieser kleine Twist – aber nicht nur er – heben diesen Film auf ein anderes Niveau, unter dem Lack der Teeniecomedy schimmert ein Feeling von suburbaner Verzweiflung, von Raymond Carver, durch.Natürlich sind die emotional  «armen» Reichen eine alte Formel, die schon Kracauer zu Recht kritisierte – ein Stereotyp, das dem Publikum vorgaukeln soll, es sei doch gar nicht so toll und erstrebenswert, reich zu sein, dass quasi Mitleid mit dem eigentlichen Klassenfeind erzeugt und am Ende ein Gefüh von «lieber arm und glücklich als reich und neurotisch» ergibt. Die White-Trash-Göre «Junebug» Ellen Page versus die magersüchtige «Wallpaper»-Konsumisting Jennifer Garner, die stundenlang über nahezu identische Farben fürs Kinderzimmer philosophiert und sich ihr Glück über eine Kindesadoption «einkaufen» will (nebenbei eine erschreckend platte Darstellung der Motive für eine Adoption), endet dann auch – fast so folksy wie der Soundtrack – mit June und Bleek, die Akustikgitarrespielend auf der Veranda sitzen. Glückliche Tage im Suburbia-Ghetto. Es ist ein seltsamer Klassengegensatz, der – ganz disneyesk – hier aufgezogen wird, die zerüttete Familie von June, die aber liebenswert und echt ist, versus die Pappmaché-Welt der Reichen. Und dieser Klassengegensatz kommt nicht so affirmativ daher, wie in den «kleinen Ladenmädchen» von Siegfried Kracauer angedeutet… denn seitdem ist viel Zeit vergangen und der Grunge-Lifestyle von June fühlt sich authentisch besser an als die nervöse Consumerism-Zuckungen der Neureichen. Unter diesem Aspekt ist Juno für Mark Loring eben auch ein Rettungsring, ein Ausstieg aus einem Lifestyle, der künstlich, tacky ist. Das er nebenbei versucht, sich an eine 16-jährige heranzumachen, macht die Sache allerdings nicht besser – wobei Jason Bateman (welcher Schauspieler benennt sich eigentlich ernsthaft nach zwei Serienkillern?) der Rolle eine komische Tragik gibt, eine Art American Beauty im Blitzverfahren… zumal Juno sich ja wahrscheinlich nicht ohen Grund Lippenstift aufträgt, wenn sie ihn besuchen fährt.

Das Ende des Films, bringt ein plattes, aber nicht GANZ plattes Happy End, das  seltsam schwebend bleibt. Garner scheint in dem Kind mehr zu finden als nur ein Konsumprodukt, Juno und Bleek finden einander. Wobei das denkbare wirklich platte Happy End (Juno und Bleek behalten ihr Kind) vielleicht sogar skandalöser gewesen wäre – eher unwahrscheinlich, dass das amerikanische Publikum eine 16jährige unverheiratete Mommy wirklich als Happy End begriffen hätte, insofern führt der Film vielleicht auch zu einem vielleicht etwas antiseptischen «nothing really happened»-Ende, der die Schwangerschaft von Juno vage zum MacGuffin degradiert. Am Ende ist alles irgendwie überraschend konsequenzenfrei geblieben, sogar eher zum Guten gewendet. Hier bleibt der Film dann doch seiner Funktion als Happy-go-lucky-Teenagebop-Komödie treu, die nur oberflächlich auf sarkastisch poliert wurde, um der härteren Gangart einer neuen Generation von Teenagern entgegenzukommen. Wo Reitmans Erstling Thank You for Smoking tatsächlich ein bitterböser Film war, wirkt Juno deutlich glattgebügelter und mainstream-kompatibler. The feel good movie of the year.

Aber das schon auch im positiven Sinne. Der Film ist happy, aber dabei eben nicht wirklich dumm. Juno ist ein Feel-Good-Film, aber einer, der nicht behäbig oder klobig oder allzu berechenbar daherkommt. Nicht so surreal und sportiv wie Something About Mary, sicher, aber trotzdem mit einer Note von Alternative, von Dreistheit, von etwas mehr Authentizität, von kleinem Budget. Ein seltsamer, schon liebenswerter Bastard aus Hollywood-Romanze und europäischem Kino. Und als solcher absolut sehenswert, in jeder Rolle perfekt besetzt, mit einem Set-Styling, das in seiner quirligen Liebenswertheit fast (aber nur fast) an einen Wes Anderson heranreicht (ohne dabei je so parareal zu werden), mit Räumen, die voller wunderbarer Artworks und Plakate sind, die ganze Bände über die Charaktere verraten. Jedes Detail stimmt und das macht den Film – obwohl eindeutig, wie etwa auch Little Miss Sunshine,  ein «cute movie» – so sehenswert. Über die Tatsache, warum so ein smarter Keks wie Juno überhaupt ungeschützten Sex hat, darf man allerdings am besten gar nicht erst nachdenken :-D.

24. März 2008 13:52 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

Chip Kidd: The Learners




The Learners
schließt unmittelbar an Kidds Debut The Cheese Monkeys an, mit dem frisch gebackenen Grafik Designer Happy, der nach New Haven reist, um in der Werbeagentur, in der sein früherer Lehrer Winter Sorbeck  seine Karriere begann, in dessen Fußstapfen zu treten. Dabei stellt sich Spear, Rakoff & Ware allerdings als ziemliche Klitsche heraus, in der einige arg gebrochene Figuren ihre Tage verbringen. Wie der Zufall es so will wird auch Himilsy Dodd, Happys hyperkreative, wunderbar durchgeknallte Studienkollegin, auch wieder in sein Leben gespült, nur um kurz darauf allerdings recht endgültig zu verschwinden. Happy nimmt an einem Pitch und an einem Experiment teil und ist am Ende des Buches nicht mehr der gleiche wie zu Beginn…

Bereits The Cheese Monkeys lies wenig Zweifel daran, dass Chip Kidd nicht nur ein wegweisender Designer ist, sondern unverschämter- und naheliegenderweiser auch noch ein grandioser Autor. The Learners unterstreicht diesen Anspruch. Das Buch kombiniert einen fast vergessenen Screwball-Humor mit Elementen, die an Fitzgerald erinnern, und durchtränkt das ganze mit einer modernen Verspieltheit, die gerade bei einer Handlung, die in den Sechzigern spielt, wunderbar metatextuell funktioniert. Wenn Kidd etwa den «Content» in seinen verschiedensten Formen – Ironie, Metapher, Witz, Ehrlichkeit – zu Wort kommen lässt und so den eigenen Text kommentiert, wenn am Ende des Buches der mit Schlaftabletten vollgepumpte Happy nicht mehr in der Lage ist, normale Worte zu formulieren und der Text orthographisch zusammenbricht, wenn Kidd den Spears-Angestellten Tip geradezu bahnbrechend die Zukunft des Marketing erahnen lässt – Psychologie, Markt-Befragung – und das ganze immer wieder in die Hose geht, dann gelingt der Mix aus moderner Sensibilität des Autors und der historischen Naivität des Settings nahezu perfekt. Learners ist ein hochintensives, sehr ernsthaftes Buch, das trotzdem vor Humor trieft, mal leise, mal derbster Natur. Dass Kidd selbst Designer ist, merkt man nur der präzisen Konstruktion des Buches an, und der Tatsache, daß er Typographie – Happys Steckenpferd und zufällig auch das des Autors – gezielt als als Erzählmittel einsetzt, wenn etwa Text einer Achtelseite-Anzeige, die Happy für Stanley Milgram entwickelt hat, in den Fluß der Geschichte platzt, oder wenn Happy beim Anblick der auf ein Shirt genähten Inititalen einer Pserson sofort überlegt, ob das nun wohl 36 oder 40 Punkt Schriftgröße seien.

Das Kidd Milgrams legendäres Elektroschock-Experiment von 1961 zentral in die Handlung des Buches einflechtet, ist faszinierend – einer der besten Aspekte des PSychologie-Studiums waren immer Experimente wie diese, oder auch die von Zimbardo oder Skinner (wer solche Experimente mag, ein wunderbares Buch darüber ist Lauren Slaters Openening Skinners Box…). Kidd zeigt sehr unmittelbar, welche Auswirkungen die Teilnahme an dem Experiment auf den Protagonisten hat, wie sehr die Erkenntnis, dass man selbst im Dritten Reich zu denen gehört hätte, die brav Befehle befolgt haben, die Selbstwahrnehmung unterminiert. Das düstere und zugleich absurd komische Ende des Buches lässt hoffen, dass Happy den zweiten Band überlebt und wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen – es wäre schon spannend zu sehen, welche abstrusen Abenteuer Happy in der amerikanischen Flowerpowerzeit und vor dem Bakcground des Vietnamkrieges erlebt…

The Learners ist ein schnelles, witziges, charmantes, im besten Sinne unterhaltsames Buch, das dabei keine Sekunde zu einfach oder zu dumm ist, sondern hier und da fast zu clever sein will. Ob es wirklich den Content-as…-Wink mit dem Zaunpfahl gebraucht hätte, sei dahingestellt, aber selbst diese Passagen lesen sich flott und amüsant weg und wirken nicht allzu smart-assed. Die Charaktere, die oft prototypisch an echte Figuren angelehnt zu sein scheinen und zugleich aus alten 60s-Filmen entlehnt wirken, sind wunderbar und liebenswert in ihrer Kaputtheit, und Kidd erweist sich insgesamt als Autor von einem Kaliber, dass man sich nur wünschen kann, dass er in Zukunft mehr schreibt – auch wenn das bedeutet, dass wir eventuell weniger Coverartwork von ihm sehen würden.

10. März 2008 11:03 Uhr. Kategorie Buch. Tag . 6 Antworten.

Mars Volta: Palladium Köln

Angenommen, T-Rex hätten sich irgendwo in Mexico verirrt und im Mescalin-Rausch entschieden, ihre Musik auf Salsa umzustricken und außerdem Tomas Haake als Drummer zu engagieren und ausschließlich in Fusion-Jazz-Takten zu spielen. So ungefähr darf man sich The Mars Volta vorstellen. Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez haben die Band nach der Trennung von At The Drive-In zu einem schillernden, gefährlichen Kunstwerk gebaut, das kaum ausufernder und extremer denkbar wäre. Die Einflüsse sind so vielseitig und so nahtlos zu einer Art perfektem Fusion-Rock verdrillt, dass man live fast nur noch die Wahl hat, sich auf einzelne Instrumente und Segmente zu konzentrieren, weil die volle Wucht der musikalischen Dichte kaum begreifbar ist.

Ähnlich ausufernd wie die Musik an sich sind Mars Volta live auf der Bühne. Die Band spielt siebenachtköpfig ein Set von gut zweieinhalb Stunden herunter, ein ausschweifender atemberaubender Jam, in dem die Stücke der vier Alben nahtlos ineinanderschwappen, in der lange, psychedelisch ruhige Phasen mit schleifenden Sampleloops und Omars atemberaubender, meditativer Gitarrenarbeit brachial abgelöst wird durch Schlagzeug-Gitarre-Orgien jenseits der Hörgrenze, sprunghaft-atemlose Takte, bretternde Bassdrum, überlagert von Bixler-Zavalas Falsetto. Cedric inszeniert sich als Wiederauferstehung von Marc Bolan und Robert Plant, rotiert sein dazuperfekt passendes Old-School-Microphon am Kabel wie einst Roger Daltrey bei The Who. Diese Show, über den brettharten, schnellen, hyperkinetischen Riffs der Musik, macht eindeutig klar, das sonst niemand so absolut Anspruch auf den Erbthron des Psychedelic Rock haben wie derzeit Mars Volta. Anstrengend, brachial, zartfühlig, vielschichtig, klug – ein Zitatenschatz, der niemals bloß kupfert, sondern einfach bis an die nächste logische Grenze – und sei es auch die Schmerzgrenze – vordringt. Man hat manchmal das Gefühl, es ist zu viel des Guten, das die reine Performance – insbesondere des Drummers und wer hätte gesagt, dass ich sowas mal schreibe – die Musik verdrängt. Das permanent wuselnde, ultraschnelle, ultrahart Spiel von dem jungen Ausnahmetalent Thomas Pridgen, der wie ein schwarzer Gott hinter seinen Acrylkit thront und die Fusion von Jazz und Hyperrock absolut perfekt bringt, sich scheinbar mühelos durch härteste Drumsoli und komplexeste Taktstrukturen rudert. Streckenweise mutiert das Konzert so etwas zu einem Drumworkshop- oder, mit Rodriguez-Lopez wunderbaren Solieinlagen zu einem Gitarrenworkshop. Hektisch, mitunter chaotisch arbeitet sich das Septett durch endlose, mit Improvisationen angereicherte Strukturvariationen und erreicht so im Verlauf des Konzertes einen Zustand, den man sonst eher bei frickeligen FreeJazz-Konzerten erwartet – eine frei flottierende, interaktive Kommunikation zwischen den Musikern. Was im gediegeneren Jazz schon anstrengend und atonal für den Zuhörer sein kann, wird hier ums Hundertfache multipliziert, mit weiteren Zutaten angereichert und laut, laut, laut gespielt. Gegen Ende des Gigs hat die Band die obere Leistungsgrenze ihrer eigenen PA überschritten und der Sound matscht leider etwas, was der Musik nicht gut tut, dem Spaß am Sound aber wenig nimmt.

Es ist fast überrraschend, das eine Band dieser Ausnahmequalität und -extremität so ein großes Publikum erreicht. Für die Live-Station gebucht, wurde das Konzert in das Palladium verlegt, das fast aus den Nähten platzte. Etwas überraschend war, wie ruhig es eigentlich in der MoshPit abging, vielleicht, weil die Musik von Mars Volta so schnell ist, dass man irgendwann nur noch dazu zucken kann, aber nicht mehr pogen, oder weil  man irgendwann die Augen zumacht und einfach versucht, den ultradichten Soundbrei zu durchdringen und zu hören. Selbst in der dritten Reihe in der Mitte war es eigentlich noch sehr human auszuhalten, und das, obwohl es wirklich packenvoll war. Und anders als bei den meisten ProgRock-Combos war hier eben nicht nur ein überwiegend aus Musikern bestehendes Publikum vor Ort, sondern ein komplett wilder Haufen, der jeglicher Genre-Einordnung widerspricht. Schlußendlich nur passend, lässt sich ja auch die Band selbst nicht verorten – The Mars Volta ist ein irgendwie selbstverliebter, ausufernder, hyperkomplexer und wunderbar irrer Haufen von Musik, die man wahrscheinlich nur lieben oder hassen kann, und die vor allem eins nicht ist: Mittelmaß.

9. März 2008 14:18 Uhr. Kategorie Live. Tag . 11 Antworten.

Clownfisch 02: Zerstörung

Die zweite Ausgabe von Clownfisch ist da…

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8. März 2008 14:09 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 5 Antworten.

The Beauty Of LDEF

Der nonist hat wunderbare Photos der Long Exposure Duration Facility (LDEF), einem experimentellen Satelliten, der 1984 für über fünf Jahre ins Weltall geschossen wurde. Die an der Außenhaut angebrachten experimentellen Panels sind kleine Kunstwerke für sich…

Oh, und hier erklärt er die geheime Historie der Drehtür

11:23 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

No Country For Old Men

Vietnamveteran Llewelyn Moss glaubt, den Fund seines Lebens gemacht zu haben – inmitten der Leichen eines schiefgelaufenen Drogengeschäftes findet er einen Koffer mit zwei Millionen Dollar. Dumm nur, dass Moss eben kein echter Bösewicht ist, sondern nur ein armer Loser mit dem Herz am halbwegs rechten Fleck. Als er in der nächsten Nacht in die Wüste zurückkehrt, um einem der Überlebenden Wasser zu bringen, wird er entdeckt. Und gejagt. Dumm auch, dass im Geldkoffer ein Peilsender ist, mit dem der Auftragskiller Anton Chigurh Llwewlyn verfolgen kann. Und so beginnt eine blutige Hetzjagd durch zwei Staaten, bei der schnell klar wird, dass es kein Happy End geben wird.

Der vierfach oscarprämierte Film der Coen-Brüder ist nach eher abschweifenden Filmen wie Oh Brother where art thou, The Man who wasn’t there und dem wirklich extrem miserablen Ladykillers eine gereifte Rückkehr zur alten Erzählform, wie man sie aus Arizona Junior, Big Lebowski und vor allem aus Fargo kennt. Mit seinen endlosen texanischen Wüstenlandschaften und dem wettergegerbten Sherrif Thomas Bell ist No Country vielleicht sogar eine Art Contrapunkt zu Fargo, der von einer jungen schwangeren Polizistin Marge Gunderson  und Schneewüste geprägt war.  Die Coens – sonst gewohnt, ihre eigenen Stoffe zu schreiben – melken Cormac McCarthys Vorlage zu einem wunderbar meditativen Film, der den Filmtitel tatsächlich zum Schlüssel des Films erhebt – das Grenzgebiet zwischen Texas und Mexico, geprägt von Drogendeals, Gier und Mord, ist kein Ort für alte Männer – und schon gar kein Ort, wo man alt wird.  Mit surrealer Leichtigkeit verbindet der Film eine tiefe melancholische Grundnote, die vor allem Tommy Lee Jones als berufsmüder Sherrif von der ersten Sekunde bis zum Schluss wunderbar in den Film einbringt, mit einer Menge hyperrealistischer Gewalt, großartigen unerwarteten Schockmomenten und einer mehr als soliden Prise von Humor, der so schwarz ist wie Kaffee, der drei Wochen lang auf der Heizung stand. Es ist beeindruckend, wie nahtlos die Coens europäisches Erzählkino und amerikanische Action fusionieren. Und am Ende einen Film haben, der – ähnlich wie Departed - eine schwarze Messe amerikanischer Ur-Riten feiert, eine fast lyrische Auseinandersetzung mit dem Land, den Menschen und einer bestimmten Periode in den USA. Vieles in diesem Film hat die ultrarealistische Poesie eines Elmore Leonard, die Sparsamkeit, die Gründlichkeit, die erzählerische Präzision. Und zugleich fühlt sich vieles traumhaft, unwirklich, surreal an. Zunehmend lösen sich narrative Schwarzweiß-Schemata auf, oder werden gezielt enttäuscht. Nahezu alle Helden- oder Erlösungsfiguren scheitern, der Sheriff ist desillusionierter Pensionär, Llewelyn Moss  – bislang der eigentliche Held der Erzählung –   wird nahezu nebenbei, de facto offscreen,  in seinem Hotel von den Meikanern, denen er das Drogengeld gestohlen hat, erschossen. Selbst der von Woody Harrelson gespielte arrogante Auftragsmörder Carson Wells, der wie in einer griechischen Tragödie für einen Moment lang noch die Hoffnung einer Wende zum Guten verkörpert, ist schnell abserviert. Moss Freundin… bei ihr bleibt fast offen, wie sie endet, auch wenn die Tatsache, dass der hyperreinliche Auftragskiller Chigurh sich beim Verlassen ihres Hauses die Schuhe reinigt, Bände spricht. Übrig bleibt am Ende eben nur Anton Chigurh, der wie eine Naturgewalt, wie ein Comic-Schurke operiert, mit einer obskuren Druckluftwaffe, mit einer albernen Frisur, mit seltsamen Ticks, ein wunderbarer, eben filmreifer Irrer. Nicht einmal der letzte kathartische Moment, als Anton völlig überraschend von einem anderen Fahrzeug in einem Unfall gerammt wird, bringt diese Maschine aus der Bahn. Mit gebrochenem Arm entkommt Anton am Ende ins Off, der Schurke bleibt der einzige Überlebende, der wirkliche Held des Filmes, the last man standing.  Hiernach folgt nur noch eine seltsame, surreale Coda des philosophierenden Sherrif Bell, dessen Traumerzählung dem Film eine verwirrend unwirkliche Stimmung verleiht und ein abruptes, wunderbar unerwartetes Ende, das diesen langsamen, wunderbar komponierten Film in Richtung Meisterwerk hievt.

No Country for old men ist ein brutaler Film über ein brutales Land, in dem immer noch das Gesetz des wilden Westens regiert, es ist eine moderne CrimeNoir-Geschichte, die im gleißenden Sonnenlicht fast ohne Schatten erzählt wird, die furios und zugleich zeitlupenartig langsam ist. Die Story lebt von ihrem zeitlose, makellos inszenierten End-80s-Flair, von den dicken Autos, von dem Staub, von den Highways – und von den Darstellern, die meisterhaft desillusioniert durch den Film gehen. Josh Brolin ist exzellent, die kleine Nummer mit dem großen Traum, der Loser, der sich überschätzt und den man trotzdem mag – und umso überraschender, wenn die Coens fast beiläufig die Hollywood-Regeln auf den Kopf stellen und den liebenswerten Loser eben, well… verlieren lassen. Tommy Lee Jones ist einer der größten Darsteller seiner Generation, und dies ist einer der Filme, die er nicht quasi im Halbschlaf abserviert. Allein die Falten um seine Augen haben mehr Poesie und Talent als zehn andere Schauspieler zusammengenommen. Die Coens haben den Film angereichert mit Nebenfiguren, Nebenschauplätzen, die nach und nach wichtiger scheinen als der eigentliche Plot – Figuren und Szenen, die so reich sind, dass man sie immer und immer wieder sehen möchte. Nahezu jede Location, jeder Raum, jedes Hotel ist so liebevoll ausgestattet, so auf den Punkt designed, das man atemlos durch das Bild geht und bewundert mit den Augen alles abtastet und fast vergisst, den Film als solches wahrzunehmen. Die Detailliebe, die Textur, des Films, ist makellos. Die Coens verwandeln einen B-Movie-Plot in einen Film, den man immer und immer wieder wird sehen können, reich, detailvernarrt, surreal, widersprüchlich, rätselhaft. Spurenelemente von Lynch, von Tarantino, von Wim Wenders blitzen durch, Anspielungen auf das eigene Werk der Coens. Javier Bardem macht aus dem pulp-artigen Superschurken Chigurh eine unwirkliche Figur, die facettiert und unglaublich bedrohlich ist, deren glitzernde Augen aber auch hypotisch sind – der charismatischste und seltsamste Filmschurke seit Hannibal Lector.

Der Film ist so karg und hart und leer wie die texanische Wüste – und genau so schnell gefährlich, bedrohlich, tödlich und blutig.  Keiner der Darsteller taugt zum Helden, keiner ist «the good guy», egal wie sehr wir Zuschauer uns das herbeisehnen. Es gibt keine ordnende Kraft, und ihre letzte Instanz – Sheriff Bell – hat längst aufgegeben, etwas bewegen zu wollen. No Country ist ein Bollwerk wider die Zivilisation, eine Tragödie, in der sich die Menschen als zu weich entpuppen. Nur Bardems Figur ist hart genug, entmenschlicht genug, überlebt auch die schlimmsten Verletzungen, schleppt sich weiter, wie ein Teil der unmenschlichen Landschaft, a force of nature, die das unausweichliche nur zu Ende bringt und dabei, zynisch amüsiert und kalt bleibt. Chigurh ist ein Wolf, eine Schlange, ein Krebs – eins dieser Wüstentiere, ein Teil der texanischen Landschaft, nicht Teil der menschlichen Zivilisation, er ist nicht einmal ein Soziopath, der steht völlig außerhalb der Gesellschaft. Er ist die fleischgewordene Gnadenlosigkeit der Natur. «Sie müssen das nicht tun», kriegt er immer wieder im Verlauf des Films zu hören, bis es ihn selbst amüsiert – aber der Clou ist: Anton kann gar nicht anders, er muß es sehr wohl tun. It’s in his nature. Anton ist nichts weniger als der Tod auf Erden, manifestiert als Killer. Er tötet Menschen mit den selben Werkzeugen, mit der selben Gedankenlosigkeit, mit der wir Rinder töten – mit einem Bolzenschussgerät. Es ist nur konsequent, dass Anton am Ende des Films als einziger überlebt… wie sehr wir uns auch anstrengen, der Tod wird immer Teil unseres Lebens sein.

Es wird viele Leute geben, die den Film nicht verstehen, das Ende, das fast beiläufige Wegwerfen von Llewelyn Moss. Die Tatsache, dass die Coens streckenweise so tun, als handele es sich um eine Krimi, um einen Actionfilm, nur um dann die Genreregeln der typischen 80er-Jahre-Underdog-Films völlig auszuhebeln, darf nie darüber hinwegtäuschen, dass No Country ein meditativer Film, der in den Details über die Menschheit, über die Natur, über das Schicksal und dessen Unausweichlichkeit nachdenkt. Ein seltsamer Hauch von Satre und Camus – gefiltert durch die US-Cinema-Augen der Coens – weht durch diesen Film, ein staubiger Existentialismus, der No Country im Endeffekt zu einer Studie über den Sinn von Leben und Tod macht… nicht ohne Grund weigert sich Moss’ Frau Carla Jean am Ende, ihr Leben oder ihren Tod vom Wurf einer Münze, vom Zufall, abhängig zu machen und verweigert sich der Willkür der Sterblichkeit.

7. März 2008 14:12 Uhr. Kategorie Film. Tag , . 2 Antworten.

Bye Bye Robert


Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr sehr lange suchen kann, bis ich etwas finde, das mir wirklich gefällt. Umso härter trifft mich dann, wenn die guten Dinge verschwinden. Seit über zehn Jahren benutzen wir bei nodesign Thomas Albrechts Stuhl Robert Office, der zuletzt von Nils Holger Moormann hergestellt wurde. Als jetzt einer der fünf Stühle entzwei brach, hatte Harald Bühler von NHM eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Gute: Es gibt einen Ersatzknopf, den sie mir in drei Wochen zuschicken, die schlechte: Der Stuhl wird nicht mehr hergestellt. Ich werde ihn vermissen…

5. März 2008 13:02 Uhr. Kategorie Leben. 13 Antworten.

Ronnia

Ich bin ja immer noch auf der Suche nach dem perfekten DIN-Ersatz. Die FFDIN ist eigentlich die perfekte Nicht-Schrift für nodesign aber alle Jubeljahre suche ich etwas, was genau so kalt und klar ist, aber irgendwie.. irgendwie eben NICHT die DIN. I mean – everybody uses it… Ich finde nur nie etwas. Eine trotzdem sehr sehr schöne SansSerif ist die Ronnia von typetogether. Irsinnig ausgebaut als OTFPro, und auch relativ fair bepreist, wenn auch – in der vollen Ausbaustufe mit Condensedschnitten – leider nicht ganz preiswert. Dank an FontshopUS für den Tipp. Nebenbei: Wieso ist eigentlich die Fontshop-Site in den USA so viel besser gemacht als die in Deutschland? Ich weiß, es sind getrennte Unternehmen, aber obwohl beide Sites irgendwie ohnehin auf ein seltsames Hybrid-Nebeneinander von HTML und Flash setzen, wirkt die US-Site wenigstens etwas ansprechender. Eigentlich schade, dass unser aller Lieblingsschriftvertreiber da nicht schicker auftritt, oder?

11:01 Uhr. Kategorie Design. Tag . 3 Antworten.

James Webb Young: A Technique for Producing Ideas

Glaubt man seinem Lebenslauf, ist James Webb Young ist ein Verkäufer durch und durch – und sein nur 48 Seiten umfassendes kleines Büchlein A Technique for Producing Ideas wirkt auch so, als würde Young, der einst Bibeln von Tür zu Tür verkaufte, sich als moderner Schlangenelixier-Salesman verdingen. Eine Technik, mit der man verlässliche Kreativität erzeugen kann – dieses Versprechen ist zu schön um wahr zu sein. Und Young ist natürlich nicht der letzte, der solche Versprechen verkauft, ein moderner Vertreter ist Mario Pricken. Was in Youngs Buch dann tatsächlich steht – und unglaublicherweise geht mehr als 2/3 auch noch für Vorworte und etwas oberflächliches Vorgeplänkel des Autors über Pareto drauf – ist im Grunde heute bekannt und vertraut und in zig anderen Büchern zum Thema aufgearbeitet.

Young stellt fest, das Ideen meist die neue Rekombination alter Elemente sind. Wichtig hierfür ist ein Denken, dass vor allem die Beziehungen zwischen den verschiedensten Dingen herstellen kann, das nahtlos zwischen den Feldern hüpft und Fäden zwischen Elementen sieht, die anscheinend auf den ersten Blick verborgen sind. Diese Art, relationship between facts zu sehen, kann trainiert und kultiviert werden.
Youngs Technik:

1. Sammeln von Rohmaterial. Damit meint er sowohl spezifisches als auch generelles Wissen aufzusaugen. Spezifisch bezogen auf den Beruf, auf ein bestimmtes Projekt – und allgemein bezogen auf Wissen und Fakten, eintauchen in die KUltur und das Leben. Neugierig sein. Interessiert sein an den unterschiedlichsten Themen. Hypertextualisierung vorwegnehmend, empfiehlt Young hier das anlegen von Zettelkästen für spezifisches und von Notizbüchern für generelles Wissen.

2. Der Mentale Verdauungsprozess. Hier werden die Fakten für ein Projekt «durchgekaut», vor dem geistigen Auge hierhin und dorthin gedreht, die Puzzlestücke in schlaflosen Nächten ansatzweise zusammengesetzt, bis man verzweifelt aufgeben möchte. Young legt Wert darauf, dass man bis zu diesem Erschöpfungspunkt gehen sollte, bis man hoffnungslos vor dem Scherbenhaufen einzelner Elemente sitzt, die nicht zusammenkommen wollen. An diesem Punkt sollte man das Problem völlig loslassen, Musik hören, schlafen, entspannen, spazieren gehen, kochen… abschalten

3. Der unterbewußte Prozess. Wie ein guter Detektiv in einem Krimi urplötzlich eine Eingabe (Epiphany) hat, so erscheint auch die Lösung für unser Problem scheinbar aus dem Nichts. Unter der Dusche, beim Frühstück, beim Rasieren, nach dem Aufstehen, mitten in der Nacht. Scheinbar urplötzlich ist die logische, folgerichtige Idee da, ready to be used. In der Ruhephase nach der Suche scheint das Unterbewusstsein quasi von selbst weiter nachzudenken und dabei oft die richtige Lösung zu produzieren.

4. Polieren. Danach kommt die Phase, in der die Idee mit anderen geteilt, verbessert, aufgearbeitet wird. Ist die Idee gut, wird sie überzeugen, anstecken und sich replizieren und neue Möglichkeiten innerhalb der einen Idee selbst werden offenbar.

5. Ausformung. Die Produktion. Der «handwerkliche» Prozess, der die abstrakte Idee in die Wirklichkeit holt.

Das mag einem heute aus anderen Publikationen vertraut vorkommen, Young aber war mehr oder minder der erste – das Buch erschien in den vierziger Jahren – der diese Technik formulierte. Ob sie universal so stimmt, oder ob Young das Pferd von hinten aufzäumt und diese Technik nicht kreativ macht, also für Jedermann anwendbar ist, sondern nur funktioniert, wenn man ohnehin kreativ ist, Young also nur einen Prozess abbildet… sei dahingestellt. Aber ich selbst kann bestätigen, dass es oft genau so läuft. Wichtigster Bestandteil der kreativen Arbeit ist Neugier, ein Art Schwamm-Existenz, ein Aufsaugen von allem und jeden. Das Unterbewusstsein wird so zu einer Art staubigen Lager, in der die verschiedensten Elemente herumlungern und nur darauf warten, dass man von einem Begriff zum nächsten hüpft und sich Referenzen und Ideen wie Moleküle miteinander verketten. Ich habe es selbst mehr als oft gehabt, dass ich wirklich nach langer verzweifelter Suche nach einer Lösung erst nach einer kurzen Atempause plötzlich wie von Geisterhand die rettende Idee hatte – am auffälligsten wirklich beim Konzerthaus Dortmund, wo mir partout nichts funktionables einfallen wollte, bis eines morgens die Idee mit dem Abrisskalender da war und ich Steffi als sie wach wurde, überenthusiastisch damit vollplapperte, um dann binnen von drei Tagen den gesamten Pitch zu stemmen. Solche Eingebungen gibt es öfter – der andere auslösende Faktor, finde ich, ist massive Überarbeitung. Wenn man zwölf spannende Jobs gleichzeitig jongliert, purzeln Ideen nur so aus einem hinaus und je kreativer man arbeitet, desto kreativer wird man auch. Ein weiterer wichtiger Faktor, den Young anreisst aber nicht ganz entfaltet, ist Kommunikation, Austausch. Je kreativer die Leute sind, mit denen du zu tun hast, umso angespornter bist du auch selbst. Ich merke immer, wie ich nach Gesprächen mit Leuten, die Designer sind, um in erster Linie ihr Geld zu verdienen, lustlos meinen Job mache, und wie anders es mir geht, wenn ich mehr Kontat zu Menschen habe, die das, was sie tun, mit echter Leidenschaft erfüllen. Das betrifft nicht nur Freunde und Kollegen, sondern auch Kunden. Architekten, die für das, was sie tun, brennen, Dramaturgen mit Leidenschaft, Geschäftsleute, die mehr wollen als nur den Absatz verbessern – beflügeln unweigerlich auch mich. Für solche Kunden gute Arbeit zu machen ist die leichteste Übung der Welt.

Ich glaube, Kreativität hat viele Wurzeln und als Dozent interessiert mich inzwischen viel mehr die Frage, wie man die kreativen Studenten an die Quellen führt. Ich glaube, viele Wege führen dahin. Harte Arbeit, Training. Mut, Grenzen zu überschreiten und sich selbst zu verlassen. Neugier und Spielfreude. Angstlosigkeit. Das schaffen nicht viele – und anders als Beuys bin ich der Überzeugung, dass vielleicht nicht jeder Mensch zum Künstler geboren ist -, aber es ist überraschend, wie Leute sich entfalten und entwickeln, wenn sie sich drauf einlassen und ihre innere Kreativität entdecken wollen.  Youngs Buch mag alt und auch etwas altbacken wirken, aber die Frage, woher eigentlich die Ideen kommen – ist heute so aktuell wie in den vierziger Jahren.

10:34 Uhr. Kategorie Buch. Tag . 2 Antworten.

For In That Sleep, What Dreams May Come

Sleep deprivation may sometimes be intentionally induced for various reasons. For example, it may be induced as a form of recreation, entertainment or to provide a legal «high» without using drugs.Vivid hallucinations, heightened senses and a feeling of incredible creativity (common effects of illicit drugs) may occur after 48 hours (or less) of being in a state of sleeplessness. There is even a history of sleep deprivation being used by different schools of religious mystics as a form of asceticism or to heighten spiritual awareness. In particular, the early desert monks of the Christian Church during the fourth and fifth centuries were known to deny themselves sleep. Coffee owes much of its spread in popularity through use by Muslim mystics in all-night devotions. … Finally, if one were to attempt to stay up past 48 hours, to achieve audio (visual occurs after 72 hours, generally) hallucinations, a good nights rest is required before hand as to restore the glycogen stores in the liver to its maximum potential, and caffeine cannot be a common habit, as the effects will not be as powerful when ingested to stay awake. Methamphetamines/amphetamines or other illegal stimulants make staying awake very easy during the nights that seem to get longer and longer, but in the long run can lead to delusional paranoia at the 72 hour or visual hallucination mark. This may lead one to become a danger to him/herself. Basically, after twenty-four hours, don’t sit still, don’t turn out the lights and don’t watch TV for too long. You will certainly fail to meet your mark

from Wikipedia

3. März 2008 07:18 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.

Shellac: Excellent Italian Greyhound



Eine Band mit dem Namen «Shellac» muss ich natürlich mögen. Excellent Italian Greyhound, das vierte Album (nach sieben jahren Pause zwischen 2000 und 2007) der US-Band um Steve Albini, ist so verstörend und bezaubernd, wie der Titel vermuten lässt. Unter dem Artwork, das neben den most fabulous gezeichneten Greyhounds auch mit einem Hund mitten in einem Obstarrangement aufwarten kann, verbirgt sich eine minimalistische Noisegitarrenmusik, die von einem fast Solo-artig gespielten Schlagzeug (Ex-Big Black-Drummer Todd Tainer), treibenden Bässen und einer fast unbeschreiblich obskuren Gitarre getragen wird – und auf diesem schmalen Skelettgerüst wirbeln die in bester The-Fall-Manier genuschelten und gar nicht so Mark-E-Smith-kompatibel gebrüllten Texte von Albini. Das Gesamtergebnis ist weit entfernt von allem, was man an Rock oder Indie kennt, eine sparsame, boshafte Musik, die man dann goutiert, wenn man anfängt, sich mit den Strokes zu langweilen. Shellac ist nicht eingängig, obwohl etwa der Groove von Steady as She Goes durchaus an die Tanzbarkeit ganz früher Joy Division erinnert. Der Sound klingt wie frisch aus dem Proberaum, under-produced und fast nackt, sehr direkt und ungeschliffen. Shellac machen die Sorte Musik, die irgendwie immer deplaciert wirkt, zu uneingängig für Pop, zu soft für Metal, zu strange für Alternative und insgesamt komplett radiountauglich. Sperrig, unbequem, passiv-aggressiv und frontal passen Shellac aber sicher in jedes Plattenregal, in denen etwa die Pixies oder Sonic Youth schon versammelt sind. Excellent Italian Greyhound ist weder schnell noch grau, aber durchaus exzellent, wenn auch keine Platte die man in jeder Stimmung hören kann, da sie ein hohes Maß an Beschäftigung voraussetzt. Zum Nebenbeihören ist dieser wilde Postgrunge-Crossover aus dem kreativen Kopf von Produzent Albini nun wirklich nicht.

1. März 2008 20:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 5 Antworten.


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