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ZUHAUSE














18:24 Uhr. Kategorie Arbeit. 4 Antworten.

MICHAEL BIERUT ÜBER TYPOGRAPHIE

Pentagramm-Designer und Design-Observer-Autor Michael Bierut erzählt in einem Video-Interview mit The Atlantic etwas über Schrift, Entstehung, Typesetting und Design… und natürlich sein Buch 79 Short Essays on Design

14:21 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

SOLO!

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13:20 Uhr. Kategorie Photos. Eine Antwort.

PHONEHEADS: LIVE AT TONHALLE

Die Fusion von Klassik und elektronischer Musik ist ein Thema, das mich seit langem umtreibt. Es istja auch ein naheliegendes, zumal Komponisten wie Ligeti, Reich oder Stockhausen fleissig mit Elektronik experimentiert haben, als diese Sparte der Musik noch jung war und sich als Spielzeug für E-Musik anbot, bevor sie in den achtziger Jahren vom sphärisch-experimentellen Bereich in die Popmusik aufging. Es gibt heute eine kaum vorstellbare Bandbreite von Musik, die von elektronischer Klangerzeugung generiert wird, von wirklich «elektronischer» Musik auf der einen Seite – House, Techno, DnB, Electroclash -, bis natürlich hin zu Musik, die gar nicht digital klingt, aber längst auch mit den gleichen Tools generiert wird. Selbst schunkelige Heimatmusik ist längst mit Sequenzern, Midi und Sampling gemacht, meist sogar mehr als der normale Pop, der aber auch ohne Harddiscrecording, Synths usw nicht auskommt. Live gespielter klassischer Jazz und echte klassische Musik sind die letzten Refugien des zumindest einigermaßen analog gemachten Musikhandwerks.

Umso reizvoller also die Idee, diese Oasen mit digitalem Klangwerk zu fusionieren. Zumal ich glaube, das elektronische Musik und klassische Komposition viel miteinander gemein haben. Ich kann Wagners Rheingold kaum hören, ohne Pattern, Samples, Dubs und andere Proto-Elemente modernen digitalen Arrangements herauszuhören. Reichs 18 Musicians löst bei neuen Zuhörern immer Erstaunen aus, wenn sie erfahren, dass es leibhaftig eingespielte «echte» Musik ist, es klingt einfach zu sehr wie ein wildgewordener Sampler und ist sehr nahe an Klängen, die später die Neubauten oder Test Department in die Pop-Avantgarde einbrachten. Insofern liege ich seit ewig den Orchestern, für die ich so arbeite, in den Ohren, einmal an diese Baustelle zu gehen und zum Beispiel mit Mouse on Mars. Klassik ist oft zu eingeschränkt – diese potentiell so reiche musikalische Quelle wird oft wie ein Gral behütet, abgeriegelt von der Interaktion mit anderen Genres, es sei denn als Bombaststreicher für Metalbands. Dabei zeigen bereits Portishead, wie gut Livemusik einer Band und ein Symphonieorchester harmonieren, und es gibt zahlreiche andere solcher Zusammentreffen die zeigen, dass solche Grenzüberschreitungen im höchsten Maße Sinn machen. Jazz und HipHop überleben seit Jahren und Dekaden, obwohl längst «alte» Genre, weil sie immer offen für Impulse und Veränderungen und morphologisches Wachstum. Die Klassik lernt zu wenig aus diesem Bereich, und läuft damit Gefahr, unter einer edlen Käseglocke einen irgendwann einsamen Tod zu sterben, weil sie zum Museum geworden ist, für die Jetztzeit nicht mehr offen und relevant. So großartig klassische Musik in ihrer reinen Form ist, so wichtig ist eben auch das Experiment, das (Ver-)Suchen, Trial und Error. Nicht nur für die Suche nach neuen Zuhörern, sondern auch einfach in der Arbeit in Komposition und Arrangement, um frisch und akut zu bleiben, nicht zum besseren Hort der Romantik zu verkümmern. E-Musik sollte lebendig und frisch sein, kein Besuch im bürgerlichen Musikmuseum, sondern ein aktuelles Erlebnis.

Umso schöner, wenn es einmal funktioniert. Die Düsseldorfer Symphoniker, die sich unter dem amerikanischen GMD John Fiore ohnehin oft beeindruckend modern zeigen, haben sich mit den Phoneheads zusammengetan, einem Düsseldorfer Drum’n'Bass-Duo. Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter haben 2005 mit Buddy Language eine mehr als beachtliche dritte CD auf den Markt gebracht, die eigentlich weit über das DnB-Genre hinausreicht und Elemente von Soul und zahlreichen anderen Genre verarbeitet und mehr nach 4Hero klang als nach der reinen Lehre. Der genreübergreifende Ansatz der Phoneheads und das offene Denken der DüSys resultierte dann in einem begeistert gefeierten Konzert in der Tonhalle, bei dem neben vielen Tracks von Buddy Language auch Klassiker wie Syrinx reinterpretiert wurden. Live-Schlagzeug, der großarige Gesang von Cleveland Watkiss, elektronische Sounds, Turntables, Keyboard, Bass, Gitarre und eben ein ganzes Orchester ergeben einen druckvollen, und zugleich weichen Sound, den man im Studio so niemals hinkriegen würde. Klanglich sind solche Experimente immer ein Risiko – viele Live-Orchester-meets-a-Band-Sachen klingen zu soft und hallig -, aber hier gelingt die Fusion. Das hier als Dirigentin fungierende Multitalent Heike Beckmann verleiht den DüSys ein deutliches Craig-Armstrong-Flair, eine distinktive, aber druckvolle, epische Zurückhaltung, als würden Wil Malone oder Ennio Morricone den Ton angeben. Samtig und doch präsent, cinemascope aber doch eindeutig in Funktion der Soundscapes, die Maiburg und Scheibenreiter produzieren. Das Ergebnis erinnert nicht ohen Grund eben an 4Hero oder an die softeren Massive-Attack-Produktion, eine seltsam träumerisch-groovende Melange, die sich schon beim Opener Second Sight von caféhaus-chillender Grandezza zu epischen James-Bond-Theme-Klängen aufschwingt. Immer wieder schwingt sich das Orchester zur vollen Größe auf, wird nie zum Begleiteffekt, sondern kann – mal bekannte Versatzstücke zitierend als «echter» Sampler, mal als völlig freier Klangkörper – die Musik der Phoneheads oft dominieren, restrukturieren, neu erfinden, dem in der reinen Form auch oft etwas zu glatten Future-Jazz-Sound der Phoneheads eine neue Dimension geben. Das Ergebnis geht in den gelungenen Momenten schon ein gutes Stück über die üblichen Pop-meets-Classic-Mätzchen hinaus, ist weder das eine noch das andere, sondern ein oft wackeliger, fluider Marginalzustand, der nicht die gesamte Konzertlänge aufrechterhalten werden kann, aber in vielen Momenten aufblitzt (etwa in der Mitte von Syrinx oder bei Maracanenses)  und dann faszinierend und belebend wirkt. Das Experiment gelingt nicht durchgehend, aber der Sprung zwischen den beiden Genre erweist sich hier als spannend und aufregend eben weil es oft unsicher oszilliert und nicht einfach eine Rockhymne mit Streichern zugesuppt wird. Ausgehend von der Klangwelt der Phoneheads ist das Ergebnis immer noch sehr konsumabler, sehr gepflegter Wohnzimmer-Sound, den sich auch eine ältere Abo-Kundschaft gut anhören kann, der aber auch neue Zuhörer in die subventionierten Konzerthallen bringt. Man darf sicher fragen, ob die Starbucks-Latteschlürfer von heute nicht das Großbürgertum von morgen sind, eine Reinkarnation der angepassten, und ob der glatte Sound der Phoneheads nicht ebenso affirmativ und beschwichtigend, einlullend ist, wie Mozart oder Brahms – Musik als Barbiturat. Aber ganz so streng sollte man solche Experimente gar nicht betrachten wollen, vor allem, wenn auf der beiliegenden DVD doch allen Beteiligten der Spaß an der Sache klar anzusehen ist. Insofern ist Phoneheads live at Tonhalle ein Gewinn für alle: Die Phoneheads haben sich selbst ein grandioses Geburtstagsgeschenk zum 10. gemacht, die DüSys erobern neue Zielgruppen und zeigen sich als offenes, junges Orchester und wir alle haben eine großartige Platte im Schrank stehen. Am 19.2. gibt es eine Wiederholung des Konzerts in der Tonhalle, die ich nur empfehlen kann.

10:14 Uhr. Kategorie Musik. 3 Antworten.

ALBUM 83

09:18 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

SCHAUFENSTER

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30. Januar 2008 20:06 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

AMIINA: KURR

Das Amiina-Quartett (jetzt mit einem i mehr im Namen), das Sigur Rós in den vergangenen Jahren eine entscheidende Erweiterung der Klangpalette bescherte, präsentiert nun nach der AnimaminA-EP den ersten Longplayer, der das verspielte Klanguniversum von María Huld Markan, Edda Rún Ólafsdóttir, Ólöf Júlía Kjartansdóttir und Sólrún Sumarliðadóttir weiter ausbaut. Vertrackte Bastelarbeiten, die sofort an Múm (oder an Kim Hiorthoys Hey, nur deutlich langsamer und weniger elektronisch) erinnern und von den absonderlichsten Instrumenten produziert scheinen, durchsetzt mit – man kommt um das Klischeewort Elfen nicht ganz umher, bringen wir es also direkt vorneweg – Elfengesang und natürlich den wunderbaren Streicharrangements, die man ja eben schon von Sigur kennt. Amiina bewegen sich mit ihrer instrumentalen Handwerksarbeit zwischen seltsam introvertierten Folkpop und Klassischer Musik, in einem Niemandsland aus farbigen Tonakzenten, die oft fast asiatisch entspannt daherkommen, oft an der Grenze zur Beliebigkeit zu stehen scheinen, um dann doch die klare cinematographische Qualität dieser Musik zu haben, die man seit Björk Múm und Co irgendwie eben mit Island assoziiert. Makellos, verspielt, ein surrealer traumhafter Soundtrack, zeit- und raumlos, ist die Musik von Amiina zugleich seltsam authentisch und handgemacht, zum anderen ungreifbar, menschlicher Arbeit nicht zuzuordnen. Glockenspiele, Akkordeons, Gitarre (man ist fast überrascht, so ein normales Instrument zu hören), Gläser, Cembalo, Kindermusikinstrumente, singende Sägen und andere Obskuritäten schaffen einen Mikrokosmos, der in seiner zugleich verschachtelten und nahtlosen Konstruktion etwas zutiefst positives, opimistisches aufweist. Klein, bescheiden, klar und trotzdem obskur, ist die Musik von Amiina zugleich fremd und selbstverständlich. Ambience-Musik die seltsamerweise eher folkloristisch als elektrisch-minimal daherkommt, subtil emotional ohne gefühlig zu wirken, eine Mischung, die die Skandinavier offenbar weltweit einzigartig im Griff haben. Moderne Kammermusik vom Feinsten.

16:59 Uhr. Kategorie Musik. 2 Antworten.

MR JONES UHREN

Beim wunderbaren niederländischen Poaa-Shop gibt es die drei normalen Mr.Jones-Uhren von Crispin Jones The Decider, The Mantra und The Accurate. Jones, der vorher nur handgefertigte Einzelstücke für Museen und Galerien herstellte, hat seine Idee von «kommunizierenden» Kunst-Uhren jetzt auch auf normal erwerbliche Objekte erweitert. Obwohl die Uhren auf den ersten Blick nicht allzu großartig verarbeitet wirken und leider nur ein normales Quartz-Werk haben, als «echte» Uhren also eigentlich nichts taugen, , ist die grundlegende Idee, Uhren aus dem reinen Zeitanzeige-Nutzen herauszubringen, sehr witzig umgesetzt und für 99 Euro als Geschenk wirklich erschwinglich. Rein optisch ist The Decider in Action schon sehenswert und eine witzige Idee.

15:40 Uhr. Kategorie Design. 15 Antworten.

Get Well Soon: Rest Now, Weary Head, You’ll Get Well Soon!

Was will man zu diesem Album noch sagen? Es ist das meistgehypte deutsche Album des jungen 2008 und das zu Recht. Jeder betont, dass es ast unglaublich, dass solche Musik ausgerechnet aus Deutschland kommt – und das zu Recht. Jeder ist verblüfft, dass Konstantin Gropper quasi aus dem Nichts binnen vier Jahren ein atemberaubendes, vielschichtiges, sanftes, gefühliges, unverschämtes Meisterwerk produziert hat, das sich problemlos an Acts wie Radiohead, Broken Social Scene oder Beirut, IAMX, Calexico oder Nick Cave und Arcade Fire messen kann, ohne jemals nach Kopie zu klingen? Und dem ist wenig hinzuzufügen. Abgesehen von einem der übelsten unnötigen Polygonlasso-Freisteller, mit dem Gropper sich selbst in sein (eigenes!) Artwork hineingefrickelt hat, ist nichts an diesem Album schlecht. Nichts. Es ist geradezu eine Frechheit, wie absolut unglaublich dicht, atmosphärisch und opulent diese Platte ist, wie weltschmerzig, wie durchflutet von fast Morriseyschem Pathos Konstantin Gropper sein Debut produziert (ohne dabei allerdings auch nur näherungsweise wie Moz zu jaulen, auch wenn die ausufernden Songtitel schon in die Richtung weisen). Das Schreckliche an Get Well Soon ist: Jeder Millimeter des Hype, jeder Fetzen Propaganda ist absolut berechtigt. Jeder Song des Albums ist gut, wird bei wiederholtem Hören nur besser und auch wenn es zutiefst melancholische, melodramatische Musik ist, wird es niemals oberflächlich kitschig oder verlogen, egal wie sehr Gropper die Geigen und Chöre hervorholt. Schwermütig und leichtfüssig zugleich – und so klischeebesetzt das klingt, so schwer ist es wirklich, damit davonzukommen – überbordend, überladen, überfrachtet. So ein Album dürfte keine Sekunde funktionieren, dieser komische Südstaatentwang, der morbide Kitsch, der noch jenseits von Philip Boa dahergenuschelte Gesang (der übrigens von den Guestvocals hervorragend gekontert ist, unter anderem von der ja stets umwerfenden Maike Rosa Vogel («let go»), die hoffentlich bald mal ihr eigenes Album rausbringt, please). Und es klappt trotzdem. Nicht nur überzeugend, sondern überragend. Es gibt selbst international nur wenige Bands, die diesen Standard so elegant hinlegen. Das erschreckende ist tatsächlich die Erkenntnis, das so eine Platte, wie man sie aus den Vereinigten Staaten oder Großbritannien ja durchaus vergleichbar kennt, wirklich und wahrhaft in dieser Form nicht zuvor in Deutschland gedacht und gemacht wurde. Es ist der Soundtrack der Globalisierung, eine Musik die völlig unverortbar ist, keinen geographischen Standpunkt mehr hat außer dem, den der Musiker in sich trägt. In dieser Form musikalischen Mimikrys zumindest gleicht Get Well Soon Beirut erschreckend, beide Bands zitieren musikalische Chiffre, die andere Wurzeln als die eigenen nahelegen. Verdammt dumm, schon im Januar das Gefühl haben zu müssen, dass so eine Platte schwer zu toppen sein wird. Get well soon ist völlig eigen und eben daher vielleicht auch Konsensmusik und wird sich in atemberaubendem Tempo vom Breakthrough zum Bestseller entwickeln. Völlig verdient, denn jede Sekunde des Albums verströmt die Liebe und das Herzblut von Gropper, Get Well Soon verdienen jeden Erfolg, den sie nur bekommen können.

29. Januar 2008 17:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 3 Antworten.

HE’S DEAD JIM

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09:13 Uhr. Kategorie Photos. 3 Antworten.

TAX

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28. Januar 2008 08:21 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

ALBUM 82

27. Januar 2008 20:46 Uhr. Kategorie Stuff. Eine Antwort.

LEONIE SWANN: GLENNKILL

In Leonie Swanns Schafkrimi löst eine Schafsherde rund um das superschlaue Schaf Miss Maple den Mord des Schäfers der Herde auf. Klingt putzig, ist putzig – und Leonie Swann schafft es tatsächlich, dieses haarsträubende Konzept durchzuziehen. Dem schuldet sie zwar allerlei bizarre Handlungsentwicklungen – wenn die Schafe etwa auf Beerdigungen und in Kirchen auftauchen oder ganz eigenständig eine Art Theaterstück auf der örtlichen Kneipenbühne des Mad Boar vorführen, aber selbst diese Abstrusitäten entwickeln sich im Verlauf des Buches noch zu wichtigen Handlungselementen, wenn der Metzger Ham langsam aber sicher eine Art Schaf-Verfolgungswahn entwickelt. Obwohl Swann mit Glennkill offenbar nicht viel mehr will als charmant und leicht unterhalten, gelingen ihr in den Details schöne und ambitionierte Beschreibungen, vor allem rund um den rätselhaften Widder Melmoth, der die Herde verlassen hat und wiederkehrte (und dessen Name sich entsprechend auf Maturins Roman zurückbezieht – einer der vielen, mitunter leidigen Namensgags im Buch.). Das Buch schleppt sich zu Beginn etwas arg daher, weil nahezu jede Information nur indirekt vermittelt werden kann und man als Leser eine ganze Weile braucht, um in diesen Modus des Hörensagen hinein zu kommen und die Auflösung des «Falls» ist sicher enttäuschend für alle, die etwa einen echten Krimi erwartet haben – aber dennoch ist Glennkill ein solider Badewannen-Zeitvertreib. Die sehr lineare Handlung, die oft etwas aufdringliche Niedlichkeit der Protagonisten und die schablonenhaften irischen Dorfcharakter Charaktere legen eine Verfilmung des Erfolgsbuches irgendwie nahe, und genau wie die Sorte Film, die man bei dem Gedanken um eine mordfall-lösende Schafsherde vor Augen hat, handelt es sich eben auch bei dem Buch… Tiefgang sollte man bei beidem nicht wirklich erwarten. Wobei der Film gleich viel besser wäre, würde er von einem kleinen britischen Filmemacher gedreht oder doch von einem Norweger, aber bitte nicht von jemanden aus Deutschland. Das Buch kratzt manchmal an Grasgeflüster um dann doch wieder bei Ein Schweinchen namens Babe anzukommen, ist dabei aber so niedlich, dass man nie richtig wütend werden kann. Glennkill ist witzig dabei seltsamerweise eher langsam statt spritzig, manchmal etwas bemüht, kommt erst in der zweiten Hälfte langsam in Fahrt, macht dann aber durchaus auch Spaß und das Ende mit der fast vorprogrammierten Fortsetzung ist so happy, dass man nicht umhin kommt, sich von so viel guter Laune irgendwie dann doch mitreißen zu lassen. Und ganz nebenbei lernt man noch, wie Schafswolken an den Himmel kommen – das ist doch auch was wert.

20:33 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

SCHILD

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19:20 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

POST

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26. Januar 2008 15:29 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

THE OBLIGATORY IMAGE OF EM

24. Januar 2008 23:38 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.

AUF DEM BRETT

22:23 Uhr. Kategorie Arbeit. 8 Antworten.

FENSTER

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Gemütlichkeit.

09:06 Uhr. Kategorie Photos. 2 Antworten.

SUNKIST

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Die Strahlkraft von Kindheitsmarken

23. Januar 2008 12:57 Uhr. Kategorie Photos. Eine Antwort.

ÖTZ

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22. Januar 2008 09:19 Uhr. Kategorie Photos. Eine Antwort.

KATZENFRAU

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21. Januar 2008 22:46 Uhr. Kategorie Photos. 8 Antworten.

DER NEBEL

Der Nebel ist eine der älteren (und längeren) Kurzgeschichten von Stephen King, aus der Schaffensperiode, als King noch nicht «der» Horrorstar war. Eine nette kleine Story zwischen H.P. Lovecraft und John Carpenter, die King in ähnlicher Form durchaus öfter angeboten hat (z.B. in «Trucks», «The Stand»). Hier ist King noch nicht zum Mythologen erstarrt, der in jeder Geschichte die Arena des Kampes Good-versus-Evil betreten muss, und obwohl es viele King-spezifische Typologien gibt (Alltagsfiguren, Markennennung, Kind als Co-Protagonist), fühlt sich die Story eher nach einer sportiven kleinen apokalyptischen Fingerübung an und ist etwa «The Stand» (vor allem dem unerträglich christlichen zweiten Teil des Buches) in der lakonischen Art der Erzählung durchaus überlegen. Modern wirkte die Novella auch schon bei ihrem Erscheinen nicht, sie ist zu sehr eine Mixtur aus dem SF-Horror der späten Fünfziger Jahre («Them!» usw.) und eben Lovecrafts Gothic Horror – ähnlich wie bei Salem’s Lot besteht der Clou darin, diese Elemente klassischen und modernen Horrors erfolgreich zu fusionieren. Anfang der 80er mochte man damit noch jemanden schocken – als Horror noch deutlich naiver war – heute sicherlich nicht mehr.

Frank Darabonts ist der Go-to-Man, wenn es um King-Adaptionen geht und die Verfilmung tut tatsächlich ihr bestes, das Flair der Geschichte einzufangen. Vom Granulat des grobkörnigen Films über die sehr zeitlos gewählten Fahrzeuge und Kleidung tut The Mist alles, um zeitlich irgendwie unverortbar zu sein. Man erschrickt fast, als David Drayton in einer Szene sein Handy als Taschenlampe benutzt, weil es so ungewohnt modern wirkt. Ansonsten könnte der Film auch gut aus den 70ern oder 80ern sein. Und genau das ist eines der Probleme des Filmes – er wirkt optisch wie inhaltlich altbacken. Kings Story ist inzwischen längt durch einen neuen Härtegrad im Horrorgenre überschrieben und auch die Ästhetik des modernen Horrorfilms, die stark durch die Visuals von Werbung und Musikvideo geprägt ist, lässt The Mist eher grau und farblos wirken. Der Film setzt dabei aber leider zu wenig auf die psychologische Ebene der in einem Supermarkt durch einen unnatürlichen Nebel gefangenen Kleinstadtbürger, sondern geht sehr schnell an das klassische Horrorfilmmotiv der angreifenden Horrorwesen. Es ist fast überraschend, wie schnell der Film die doch eigentlich spannende Unsicherheit aufgibt und klar macht, das Drayton – der von Punisher-Darsteller Thomas Jane klar an den frühen Bruce Willis in Die Hard angelegt ist, Durchschnittsbürger, der in einer Ausnahmesituation über sich hinauswächst und zum All American Hero mutiert – im Recht ist und alle anderen eben nicht. Und wenn man auf die Cthullu-Mythos-inspirierten Monsterwesen setzt, sollten die eben auch wirklich gut sein. Sind sie aber leider nicht. CGI, es tut mir leid, macht einfach keine Angst. Einzig die Szene, in der aus einem Militärpolizisten Baby-Monsterinsekten schlüpfen, visuell ganz eindeutig an Phase IV angelehnt, ist unter dem Horroraspekt gelungen, der Rest ist einfach ödes 3D-Videospiel-Feeling. King lässt die meisten seiner Viecher einfach im Unklaren und die Andeutung ist schlimmer als das wirkliche Sehen – Darabont zeigt ein paar Spinnen, ein paar Insekten, ein paar Tentakel und ganz am Ende ein Monster, das spontan aus dem Jurassic Park marschiert zu sein scheint. Das macht nicht gerade Gänsehaut, zumal die Effekte echt auf einem Frühneunziger-Niveau daherkommen.

Der Plot der Kurzgeschichte wird glatt und gekonnt und einigermaßen an der Vorlage herabgespult und die schauspielerischen Leistungen sind so gut, wie man es bei der eben doch etwas platten Geschichten erwarten darf. King pinselt seine Figuren mit groben Borsten und so hat man halt einen dummen Redneck-Hinterwäldler dabei, die durchgeknallte religiöse Irre, den strahlenden Helden, das angsterfüllte Kind, die alte Lehrerin, die morgens Näel frühstückt, den Panikmann blablablabla… und so weiter. Es ist nicht gerade so, dass da große Überraschungen zu erwarten sind, die Figuren sind überraschungs- und bruchfrei berechenbar, und wenn der ohnehin nervende Macho-Dorftrottel ruckizucki zum überzeugtesten Bibelfreak mutiert, ist das schon fast beleidigend linear. Die Figuren sind dem Zuschauer niemals nah genug, um eine emotioanel Verbindung aufzubauen, ihre Handlungen und ihr Tod sind gänzlich egal. Vielleicht auch, weil sie immer wie ausgestanzt wirken, aus der Schreibfabrik stereotyper Charaktere.

Die einzige echte Überraschung liefert der Film am Ende, wo sich Darabont plötzlich von der Vorlage trennt. Im der Story überlebt unsere kleine Handvoll Helden, flüchtet durch den Nebel und hört plötzlich im Radio die Stimmen anderer Überlebender. Ende. Ein bittersüßes Hitchcock-HappyEnd, bei dem die an sich auswegslose Situation eigentlich fortbesteht und der weitere Fortgang ungewiss ist, das Publikum aber trotzdem ein gewisses Dénouement mitnimmt.

Aber Darabont schreibt das Ende komplett um, und kommt zu seinem eigenen bittersweet finale, aber eines, das den Film völlig entwertet. Ob man es mag oder nicht, The Mist ist der klassische Heroen-Film und Drayton ist von der ersten Sekunde an der glasklare Held des ganzen, der nicht untätig rumsitzt, nicht religiösem Wahn verfällt und trotz seiner eigenen Angst versucht, für sich und seinen Sohn das richtige zu tun. Er hat genau so viel Angst wie alle anderen, aber er gibt … nicht… auf.

Am Ende des Films aber, nachdem er etwas stupide mit seinem Jeep und fünf Überlebenden durch den Nebel düst (wohlgemerkt, ohne dabei jemals angegriffen zu werden, aber leider auch ohne auf die ja doch etwas naheliegende Idee zu kommen, sich mal irgendwo Benzin zu besorgen, was ja nun nicht unmöglich sein sollte), geht Drayton und seiner Crew der Sprit aus. Und so, mit dem Verlust von Rohöl, geht die Zivilisation unter. Drayton, der zuvor selbst im Angesicht der Monster nicht aufgab, bringt seine mit den verbliebenen vier Kugeln seiner Waffe seine Begleiter, einschließlich seines eigenen Sohns, um. Als er halb wahnsinnig aus dem Wagen steigt, um sich dem sicheren Tod durch die Monster zu stellen, stellt er dann nur leider fest, dass der Nebel sich genau jetzt verzieht (das ist Timing, eh?) und die Soldaten mit Feuerwerfern und Panzern die bösen Monster vertreiben.

Und sorry, so makaber so ein Ende ja ist, so dumm ist es auch. Wenn der Held seine eigene Gang umbringt und andererseits die religiösen Irren im Supermarkt wahrscheinlich überleben (plus minus ein oder zwei Blutopfer), wenn also Drayton von vornherein immer im Unrecht war… dann geht das einfach gegen die Regeln des Genres, in dem sich der Film aber bis auf die letzten 5 Minuten ermüdend bewegt. Der David Drayton , den wir 120 Minuten begleiten, würde nie – nie im Leben – seinen eigenen Sohn erschießen. Die vier Kugeln in der Waffe wären in irgendwelchen Monstern gelandet, nie woanders. Es gibt so viel Auswege aus dieser Situation, die Hinrichtung wäre einfach nie notwendig gewesen. Das ist einfach dumm. Und es passt nicht als Ende an den eigenen Film. Im Verlauf des Filmes bringen sich zwei Soldaten um und kommen als miese Feiglinge rüber – und am Ende ist das dann doch plötzlich der beste Ausweg? Das wäre doch auch in den ersten 30 Minuten schon gegangen, im Supermarkt war doch sicher genug Munition für alle.

Dazu kommt, dass ein Clou der Geschichte eben ist, und das betont King selbst, dass es eben keine Story ist, wo alles am Ende ein böser Traum war oder wo – ganz im Sinne der 50s-Horrorfilme das gute alte Militär für Ordnung sorgt. Nur im Film sorgt das Militär für Ordnung und am Ende war alles nur ein böser Traum. Und unser Held hat ganz ohne Grund vier Menschen umgebracht, darunter seinen eigenen Sohn. In einem an sich mutigeren Film wäre das Ende okay gewesen, eine schöne düstere EC-Comic-Moritat… aber in einem so kreuzbraven Heldenfilmchen? Geht nicht. Das eigentliche Ende der Story ist schon ein Kompromiss – das kleine Happy End im großen Desaster -, aber der Film dreht diese Logik um – kein Happy-End, aber auch kein Weltuntergang mehr. Und so haben Militär und religiöse Fundamentalisten eben RECHT. Sitz einfach still in der Ecke und warte auf Gott und Regierung and everything will be allright. Ja, wie schön. Her mit den Menschenopfern, bitte.

16:47 Uhr. Kategorie Film. 4 Antworten.

SCHAUSPIEL ESSEN: DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE

Vorweg: Das eigentliche Stück von Berthold Brecht ist wunderbar. Ein zeitloses Stück und deshalb ein Stück zur Zeit. Ein wutschnaubendes, unverbrämt ideologisches Stück Polemik, die Faust nicht in der Tasche, sondern fleißig im Gesicht des Gegners. Wie der Galilei, wie der Ui, ein Stück, das die historischen Anklänge an Jeanne D’Arc und das Setting an den Fleischmärkten in Chicago nur missbraucht, um Brechts stets gleiche, im Rahmen des Systems aber eben zutreffende Aussage zu kommunizieren. Ich habe das Stück so vor vier Jahren noch einmal gelesen und war verblüfft, wie bei so vielen Texten aus den zwanziger Jahren, wie ungemein es auf die heutige Lage zutrifft. Manager, die den Markt künstlich manipulieren, sich aus Gier verzocken, mal eben en passant ihre Menschlichkeit verlieren, pleite gehen und Arbeiter, die das alles ausbaden, die gegen die Ausbeutung rebellieren und am Ende dann doch froh sind, für noch weniger Geld doch noch einen Rest von Arbeit abzubekommen, eine moderne Art von Vieh, das ebenso ausgeblutet wird wie die Ochsen, immer gegeneinander ausspielbar bleiben; eine Religion, die sich andienert und ausverkauft, und mitten drin die eine unwahrscheinliche Idealistin, die sich im letzten Moment von der wohlmeinenden Pazifistin zur tragischen Befürworterin der Gewalt wandelt, zu spät zu spät, und deshalb und trotzdem untergeht, vereinnahmt wird, mundtot gemacht wird. Es ist glasklar ein frontales Klassenkampf-Stück, atmet durch die gebleckten Zähne den unhöflichen Geist der Weltwirtschaftskrise-Zeit, es lädt nicht zur eskapistischen Unterhaltung und zur fröhlichen Identifikation ein, sondern zur Erkenntnis, zur Wut, zum Aufstand. Brecht will aufklären, nicht narkotisieren. Wenn es gelingen kann, aus Marx’ Kapital ein Drama zu machen, ist Brecht hier nah dran, auch wenn die mitunter naiv-plakative Umsetzung wirtschaftlicher Prozesse nicht immer allzu packend gelingt. Die Mechanismen sind heute noch die gleichen – erschreckend präzise sogar – aber BWL und ein Theaterstück kommen nicht immer so glücklich zusammen, mitunter ist auch im Dramatext der gehobene Zeigefinger deshalb arg angestaubt. Dessen ungeachtet ist die Johanna ein brennendes, atemberaubendes Stück, ein mutiges, böses Drama, das so lange ins Fleisch prügelt, bis Blut spritzt. Nichts, aber gar nichts an diesem Stück sollte dazu einladen, eine harmlose Inszenierung daraus zu machen.

Leider ist genau das im Grillo passiert. Denn schon die erste Szene von Regisseur Jan Philip Gloger macht leider klar, wo es langgehen wird. Das Stück ist – vorhersehbar – in die Jetztzeit versetzt und wir kriegen minutenlang mit dem Vorschlaghammer gezeigt, wie Wirtschaft präsentiert. Zu maschinell stumpfer ASCII-Musik aus dem Midi-Alptraum-Repertoire werden Schweine gekauft, verarbeitet und dann als Büchsenfleisch teurer weiterverhökert. Ja, da lacht der BWL-Student. Der Mauler wird zum graumelierten Edel-Manager, die Johanna Dark zur etwas nervigen Ökobratze, die zur Akustikgitarre Besinnungslieder trällert. Und so wird aus dem Stück, das genug Zündstoff hatte, 1931 auf nahezu keiner deutschen Bühne gespielt zu werden, eine öde Boulevard-Fabel. Da gehen die Manager im Kreis nach links, und wenn die Meinung sich ändert, gehen sie nach rechts. Sie liegen tot am Boden, wenn sie pleite sind. Statt der im Boulevard-Theater klappernden Türen fahren halt die Rolltore des an sich gelungenen, aber nicht gut genutzten Bühnenbildes auf und zu, aber das Prinzip bleibt halt doch das gleiche, klappklapp. Jedes Stück, so scheint das neue urbane Theater zu glauben, kann man dahin biegen, auf Gedeih und Verderb lustig zu sein. Und so müssen sich halt Mauler und Slift vor Begeisterung über ihre eigene Gewitzheit mit fiktiven Pistolen in Cowboymanier beballern – hauptsache lustig. Ist ja prima, wenn das im Dorftheater oder bei Schulinszenierungen passiert, nicht so prima im professionellen Theater einer großen Stadt, das wohl nur ungern so provinziell und unbeleckt wirken will. Brechts Stück wird zu einer braven, possierlichen Kuschelnummer kastriert, die fast gelangweilt mit Versatzstücken von Theater hantiert – was sich er kleine Klaus halt so unter Theater vorstellt -  und mit fast müder Geste versucht, auf Teufel komm raus zu unterhalten. Die Arbeit mit Beamern ist beispielsweise nun nicht neu am Theater und sollte deshalb eben kein rein effekthaschender Selbstzweck sein wie eben hier – die Nutzung elektronischer Bilder sollte etwas sagen. Hier aber ist die multimediale Untermalung, ebenso wie der Wischwaschi-Soundtrack, nur eine abgegriffene, müde Kopie von anderem Theater, eine Selbstkopie, Mimikri. Es schaut aus und klingt wie modernes Theater – aber es ist natürlich weder modern noch wirklich Theater. Es sind nur Leute, die rastlos auf einer Bühne stehen und Text aufsagen. Nicht mehr als Choreographie also. Dieses Stück ist nur niedlich, will nur spielen. Es ist fast unglaublich, wie es hier gelingt, dem Stück derart die Zähne zu ziehen, vielleicht muss das auch sein heute, in den Schauspielhäusern mit ihren Cocktailbars, den Büchershops, den Sponsorenanzeigen, die längst keine Inseln mehr sind, sondern von den Regeln der Konsumgesellschaft längst eingeholt. Theater ist längst Teil des Systems geworden, das Brecht 1929/30 noch mit Gewalt weghaben will. Das ist vielleicht das Fazit dieser Inszenierung: Früher wurde Brecht einfach gar nicht gespielt, boykottiert, heute wird er viel smarter so weichgespült, so postmodern zum Streichelzoo degradiert, dass das graumelierte Publikum nicht wütend gegen den Kapitalismus auf die Barrikaden geht, sondern höflichen Schlussapplaus gibt und dann narkotisiert zurück nach Hause taumelt, um vielleicht noch etwas fernzusehen und dann ab ins Bett. Denn besser als TV ist dieses Theater so eben nicht mehr. Es gibt keinen Willen, keine Aussage, keine Wut, kein Blut und keine Tränen in dieser Inszenierung, die ich meinem schlimmsten Feind nicht gönnen würde. Ich habe schon schlimmere Inszenierungen gesehen, sicher – Arsen und Spitzenhäubchen in Bochum zum Beispiel, wobei das wenigstens per se eine Komödie sein sollte – , und es gibt Momente, die durchaus nicht völlig mißlungen sind … aber zu keiner Sekunde wird die Aufführung dem Stück, dem Autor und seiner Sicht auf Theater gerecht. Wenn du Brecht inszenierst, kannst du entweder nach seinen Regeln spielen, die sind so mies ja nie gewesen, oder du gehst mit Gewalt gegen die Idee des epischen Theaters an, aber einfach maues, mittelmäßiges, langweiliges Kleinbühnenschauspiel zu machen, das tut weh. Vor allem, wenn der Woyzeck  nur wenige Tage vorher zeigt, was im Grillo ansatzweise gehen kann, in Sachen Dramaturgie, Regie und Bühne (von Paradies ganz zu schweigen). Brechts Wut verdampft zu einem Puppentheater, das bar jeder Emotionalität einfach heruntergenudelt wirkt. Da ist kein Abgrund, keine Wut, da werden 50.000 Arbeiter unsichtbar, da wird Gloomb zum am Handy herumspielenden Fetzenjeans tragenden Hartz-IV-Klischee, Mauler zum fast liebenswerten Anchormann-Manager, Johanna, die am Ende des Stückes Inbegriff des Ausgemergelten sein sollte, wirkt wohlgenährt wie eine brave Mittelstands-Studentin, die mit ihrem grünen Vegetarier-Look eher nerviges Klischee als glaubhafte Figur ist und die ihre Texte so naiv rausperlt als wäre sie auf dem Grünen-Parteitag. Da ist alles nur Oberfläche, ohne jeden Widerhaken, ohne jeden doppelten Boden, ohne Spiegelkabinett, alles konsumierbar, aalglatt und ermüdend wie ein Stück im Ohnsorg-Theater. So wie die Fleischmanager hinterher Johanna zur Märtyrerin machen, um sie mundtot zu bekommen, so macht leider auch diese Inszenierung den Text zahnlos. Man würde sich fast wünschen, die Sparkasse hätte das Stück gesponsort – das wäre zumindest ein wunderbarer Brocken Realsatire. Aber es ist wohl einfach so, dass die Anpassung schon gar keinen Sponsor mehr braucht, sie ist einfach unfreiwillige Grundhaltung geworden, vorauseilender Gehorsam. Aber wenn man ein Stück entzahnen will, warum es dann überhaupt auf die Bühne schleifen?

Es ist einfach schade. Ich meine, es ist ja nicht so, dass Dramaturgie, Regie und Darsteller absichtlich so danebengreifen – und sicher stehe ich mit meiner Ansicht auch eher alleine dar. Aber bei allem immer gegebenen Respekt vor der Leistung der Macher…. die heilige Johanna der Schlachthöfe ist ein Lehrtheater-Stück, das in seiner mitunter eben auch bleiernen Besserwisserei und andererseits seinem unzeitgemäßen maschinenstürmenden Wutschaum vor dem Mund einem engagierten modernen experimentellen und mutigen Theater zig Angriffsflächen geboten hätte, das man auf unterschiedlicheste Weise zu einem schmerzhaften, spannenden, schockierenden, fesselnden Stück hätte machen können. Das man genauso dekonstruieren und zum Regietheater hätte wenden können, wie einen Schiller oder Shakespeare, wie der Text es eben verdient und auch hergibt. Die lauwarme Essener Sprechblasen-Inszenierung ist davon leider soweit entfernt, dass man es kaum fassen kann. Schade.

20. Januar 2008 19:14 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

Design Discussion – Mittelmäßigkeit



Von Nora Gummert-Hauser und Giuseppe Vitucci  kommen diese Bilder von der Design Discussion. Man sieht wunderbar, wie restkrank ich an dem Tag war. Und etwas unvorbereitet, da ich ja so gar nicht wusste, was mich erwartet – was natürlich Absicht war vom Gastgeber ;-D. Aber 90 Minuten mit Erik Schmid über Mittelmaß, Grau (sehr passend zu unseren Anzügen), Studenten, Beamte, Abenteuer, Kundenerfahrungen und eigentlich alles nur denkbare zu plaudern, war natürlich in Wirklichkeit viel mehr Spaß, als erlaubt sein dürfte. Nicht nur, weil Erik ein intelligenter, scharfzüngiger, schneller und unglaublich inspirierender Gesprächspartner war und ich auf dieser Grundlage stundenlang hätte plaudern und polemisieren können. Sondern vor allem auch, weil man hinterher sehr charmant mit einigen Menschen zusammensitzen konnte, die man leider viel zu selten sieht. Es war toll, das Thomas, die beiden Björns, Daniel, Fabian und natürlich auch Nora zu sehen. Sehr netter Abend und die FH Niederrhein und ihre StudentInnen können echt glücklich sein – ich kenne nicht alle eure Dozenten, aber die beiden, DIE ich kenne, sind richtig perfekt.

17:46 Uhr. Kategorie Leben. 14 Antworten.

SPLASH

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14:15 Uhr. Kategorie Photos. Eine Antwort.

JIM APARO

Während ich mich durch das rund 500 Seiten starke Volume 2 Showcase von Brave and The Bold - mit Team-Up Geschichten von Batman aus den Siebzigern, die fast ausschließlich von Bob Haney verfasst wurden – kämpfe, fällt mir auf, welchen massiven Unterschied in der Tonalität der Erzählungen das Artwork von Jim Aparo ausmacht. Aparo, 1932 geboren, hatte bereits in den sechziger Jahren als Comic-Zeichner bei Charlton Erfahrungen gesammelt, aber aus meiner Sicht hat er seine Hochzeit in den Siebzigern bei DC. Insgesamt gilt heute Neal Adams als derjenige, der einen realistischeren Stil, ein «street feeling» in den Batman der 70er eingebracht hat, aber wenn man mich fragt, hat Aparo einen zumindest ebenso großen Anteil am Aufkommen dieses Looks – und er hat zudem den deutlich höheren Output gehabt und wie ein Arbeitstier jahrzehntelang konsistent an Batman gearbeitet. Auch wenn sein Stil sich in den 80ern verändert hat, weniger detailliert wurde und er nicht mehr selbst als Inker sein eigenes Artwork den letzten Touch gab, ist es nahezu atemberaubend zu sehen, wie Aparos Stil sich von den eher kindlich-naiven Batman von Ross Andru, Bob Brown oder selbst dem talentierten Nick Cardy abhebt. Neben Neal Adams hat niemand auch nur näherungsweise einen so atemberaubenden Stil eingebracht, der Haneys oft seltsame Geschichten auf ein völlig neues Niveau wuchtete. Wenn ich an Superman denke, sehe ich Curt Swan, wenn ich an Batman denke, sehe ich unweigerlich Jim Aparo. Obwohl im Gegensatz zur Primadonna Adams eher ein Arbeitstier, das unermüdlich Seiten produzierte, hat Aparo gerade im Zeitraum 1973-1975 unglaublich Experimente auf die Seite gebracht, die den bisher bekannten US-Comicstil völlig transzendierten und denen man ansieht, das Aparo davor für die Werbeindustrie gearbeitet hat – was nicht zuletzt dazu führte, das Aparo auch noch sein eigener Letterer war und auch die Typographie seiner Comics selbst lieferte, womit er den gesamten Look seiner Seiten voll bestimmen konnte und den doch oft eher albernen «Camp»-Stories aus jener Zeit, die oft immer noch das Feeling der grellbunten Batman-TV-Sendung in den Knochen haben, eine ganz andere Richtung geben konnte und den deutlich erwachseneren und dunkleren Batman von heute vorwegnimmt (wobei Batman heute sicher zu düster geworden ist). Die Grittyness, die Dynamik, die Experimente mit Panels und Schattierungen, das souveräne Gefühl für dramatische Körpersprache und seine atemberaubend detaillierten Alltagspersonen (man beachte einfach mal, welche Pattern Aparo beispielsweise auf Kravatten zaubert) springen förmlich von den Seiten, wo das Artwork von anderen Künstlern eher dazu einlädt, zu überblättern. Seine Professionalität, aber ebenso seine Liebe, seine Leidenschaft für das, was er tut, ist auf jeder Seite zu spüren. Aparo hat weit über 100 Hefte von Brave and the Bold produziert, dazu – neben Aquaman, Phantom Stranger und The Spectre - weitere anderen Batman-Geschichten in Detective Stories und Batman and the Outsiders… und gehört zu den wenigen Künstlern, die in einem Pulp-Medium wie Comics, ohne High-Art zu sein, sondern in den tiefsten dunkelsten Tiefen des Genres arbeitend, eine Energie und ein Können entfalten, dass jede Liebe zu dieser an sich so trashigen Literatur rechtfertigt. Jedes Panel von Aparo bebt vor Energie. Im Gegensatz zu anderen Künstlern ist er nie wirklich ein Star geworden, nie wirklich berühmt. Er teilt dieses Schicksal mit John Romita Junior, einem anderen verlässlichen Arbeitstier (bei Marvel), das ebenfalls sehr fest mit einem Charakter identifiziert wird (Spider-Man) und der zwar bekannt und beliebt ist, aber eben nie ein Superstar wurde. Aber gemeinsam mit Bob Haneys oft seltsam politischen, den Geist der Siebziger und des Rassen- und Generationenkonflikts perfekt aufgreifenden Stories, hat Aparo, der 2005 verstorben ist, einen Stil, einen Look, einen «Klang» für Batman eigenhändig erfunden, der bis heute, über 30 Jahre später, modern und frisch und kraftvoll wirkt und der besser und ehrlicher ist als vieles, was heute produziert wird.

13:35 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

STICKER

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19. Januar 2008 10:06 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

SCHILD

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18. Januar 2008 21:11 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

CHIP KIDD VIDEOINTERVIEW

Ein Blick in den Kopf, das Arbeitszimmer und die Geschichte von Chip Kidd, dem wohl profiliertesten Buchcoverdesigner der letzten Dekade.

via Newsarama

17. Januar 2008 01:12 Uhr. Kategorie Design. 4 Antworten.

HUND

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16. Januar 2008 15:56 Uhr. Kategorie Photos. 3 Antworten.

CONTROL

In einen Film von Anton Corbijn gehst du mt einer sehr hohen Erwartungshaltung. Corbijn ist die Sorte Photograph, nach der man im Alltag einen ganzen Look bezeichnet – wenn mir jemand sagt, «die Photos sollten so in Richtung Corbijn gehen» habe ich eine recht klare Vorstellung, wie sie aussehen sollen (was Anton Corbijn gegenüber freilich etwas unfair ist, der Mann hat sehr viel mehr drauf als einen einzigen Stil) -, seine Art mit Schwarzweiß oder Sepia und mit grobem Korn, Polaroid Abzügen und vor allgemeiner schlichtweg epischen Art, alltäglichen Glamour einzufangen, ist wegweisend für zahlreiche Epigonen und lange Zeit völlig einzigartig gewesen. Corbijn hat im hohen musikalisches Maße ein Flair der 80er und 90er mitgeprägt, immer experimentell, mit groben Schwarzweiß und mit schwülen Crossentwicklungen, und darf völlig mit Recht als einer der Superstars der Portraitphotographie und der Megastar der Musikphotographie gelten. Das Corbijn außerdem auch in bewegten BIldern einen eigenen Stil entwickelt hat, zeigen seine Videoarbeiten ab 1983, für Depeche Mode, Nirvana, U2, Grönemeyer, Johnny Cash und zahllose andere Bands.

Es ist fast unmöglich, dieses Image von Corbijn abzuschütteln, wenn man den Kinosaal betritt – und hat es dann nach fünf Minuten im Film komplett vergessen. Die große Leistung von Control ist, dass der Film sich ästhetisch durchaus nach Anton Corbijn anfühlt, diese künstlerische Handschrift aber so nahtlos in den Dienst der Geschichte gestellt ist, dass man sie nie als störend wahrnimmt. Jede Einstellung des Films zeigt das Auge eines Photographen, die Verteilung der Protagonisten im Raum, die Nutzung von Proportionen, die Dramatik von Nahaufnahmen und Totalen – der gesamte Film ist cinematographisch ein Meisterwerk, eine Bilderorgie. Aber dennoch wirkt die Bildsprache nie aufdringlich, sondern erzeugt ganz im Gegenteil ein sehr glaubhaftes Portrait von Manchester in den Siebzigern, gerade zu Anfang des Films wird die enge Welt, aus der Ian Curtis ausbrechen will, besonders sparsam und deshalb umso effektiver herbeizitiert.

Diese Illusion des Authentischen ist gefährlich, nicht nur weil der Film auf dem Buch Touching from a Distance, der Co-Produzentin und Ex-Frau von Ian Curtis, Deborah basiert und insofern Gefahr laufen könnte, die Geschichte sehr einseitig zu erzählen, zum anderen weil natürlich alle Situationen und Dialoge nacherfunden sind. Als weitere Co-Poduzent fungierte der inzwischen verstorbene Joy-Division-Entdecker und Factory-Labelchef Tony Wilson, der im Film eine ziemlich durchwachsene Figur abgibt. Annik Honoré, die «andere» Frau in Curtis Leben, hat dem Filmemacher die Briefe des rätselhaften Frontmanns von Joy Division zukommen lassen, um zu verhindern, dass der Film nur aus Debbie Curtis‘ Perspektive erzählt. Corbijn gelingt es, den Film mit ausreichend Kühle zu erzählen, mit einer gewissen Neutralität, die den Betrachter viel Spielraum für eigene Entscheidungen lässt. Corbijn entschlüsselt nichts, lässt Leerraum für Brüche im Leben und Mythos des Sängers.

Die Illusion ist dennoch meisterhaft inszeniert – Plattenspieler, Fahrzeuge, Bandplakate, Vinylschallplatten, Lampen… alles wirkt erschreckend echt in diesem Film. Der gesamte Film ist ein einziges Namedropping der Spätsiebziger-Proto-NewWave-Szene, die permanent im Background erscheint, ob als Element des Soundtracks oder nur als kurzer Name auf einem Plakat, wie etwa Cabaret Voltaire. Insofern wird der Film zum Monument einer bestimmten Lebensphase und man spürt, wie wichtig und prägend diese Zeit und ihr Stil vielleicht für Corbijn gewesen sein könnte, der ja selbst Bowie, Ferry und andere Curtis-Vorbilder photographierte und natürlich den zigaretterauchenden Joy-Division-Kopf Ende der Siebziger für den NME auch selbst portraitierte – das Bild taucht in einem schönen Selbstzitat im Film auf. Dass Sam Riley einen erschreckend glaubhaften Curtis abgibt, vom jungenhaften Möchtegern-Bohemian bis zum ausgebrannten kranken Zauberlehrling, rundet dieses Feeling von «Verité» des Filmes ab. Corbijn und Riley machen aus klassischen Photoposen von Curtis, die man von zahllosen Livebildern und Pressematerial kennt, bewegte Bilder, Corbijn kehrt sozusagen seinen eigenen Beruf um und «entfriert» die Photographie zurück ins Leben. Der Effekt ist mitunter beängstigend und Riley wirkt im Laufe des Filmes in seiner James-Dean-Pose oft echter als der wahre Ian Curtis. Es ist die Magie dieses Filmes, dass er die echten Bilder überschreibt. So mutiert die atemberaubende und sonst ja eher Jodie-Foster-schlanke Samantha Morton für Control zu einer etwas speckigen mausgrauen Deborah Curtis, wird Alexandra Maria Lara das wahre Gesicht von Annik Honoré fast überschreiben. Auch die Band selbst ist so glaubhaft besetzt, dass man fast grinsen muss, wenn man Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris das erste mal sieht. Vor allem Sumner ist in seiner komischen jungenhaften Art perfekt getroffen, wenn er sich abstrampelt, um im Interview mit Honoré als sexbesessener cooler Typ zu wirken oder wenn er in kindlicher Naivität bei einem Gig an Rudolf Hess erinnert – der Flirt von Joy Division und New Order mit dem Faschismus wird so zumindest gestreift.

Als Nicht-Manchester-Insider ist es schwer, zu beurteilen, wie authentisch Control die Zeit und das Feeling der Stadt trifft, glaubhaft wirkt es allemal. Es könnte die Geschichte nahezu jeder Band sein, die aus armen Verhältnissen nach oben steigen will, die Streits, Curtis Entscheidungszwang zwischen solidem Job beim Arbeitsamt oder eben selbst arbeitslos werden, der Auftrittsstress, die ersten Aufnahmen, die allgemeine Pseudocoolness, das Sticheln gegen andere Bands. Wie Curtis sich als Angestellter des Arbeitsamtes mit den Freaks und Außenseitern identifiziert. Wie er sich auf der Bühne verliert. Das alles trifft den richtigen Ton und dieser Ton verleiht dem Film die Tragkraft für die seltsame Liebesgeschichte, die Corbijn entfaltet. Curtis wirkt glaubhaft zerrissen zwischen Debbie auf der einen Seite, die sein altes Leben verkörpert, sein normales, bodenständiges Leben. Die er mit 19 geheiratet hat, mit der er ein Kind hat, die aber so gar nichts mit seinem Musikerleben zu tun hat und die ihm irgendwie offenbar zu bürgerlich, zu uncool ist für diese Szene. Auf der anderen Seite Annik, mit ihrem exotischen Akzent, die nur den Musiker kennt und bewundert und groupiehaft Teil dieses Lebens wird, im Studio, backstage, im Hotel – und die sich irgendwann beschwert, Ian Curtis eigentlich gar nicht zu kennen. Die Liebesgeschichte wird so eher zur Metapher für Ians Scheitern am eigenen Ruhm, für die Unmöglichkeit, das alte Leben weiterzuführen, das kleine enge Manchester-Leben, das er sich wünscht und dem er zugleich immer entfliehen wollte und für den Widerwillen, den Indiestar für die Massen zu geben, «groß» zu werden. Dieser Riss im Leben bringt Curtis am Ende um, nicht ohne Grund taucht die Epilepsie im Film von Corbijn sehr klar als Stress-Symptom auf, als erstes Anzeichen eines zunehmend steigenden Drucks in Ian Curtis’ Seele. Control nimmt so das Scheitern von Curtis auch als beispiel dafür wie schreckliches ist, genau das zu bekommen, was man sich wünscht. Der introvertierte 19jährige Curtis, der sich wünscht, David Bowie oder Iggy Pop oder Biran Ferry zu sein, der dem spießigen Ambiente seiner Familie und Stadt lieber heute als morgen entfliehen möchte und sich mit Gedichten und Stories seine Fluchtwege baut – genau dieser Ian Curtis verzweifelt nur vier Jahre später, als er dabei ist, der nächste David Bowie zu werden und erkennt, dass er für diesen Job irgendwie einfach nicht geschaffen ist, dass es einen Unterschied gibt zwischen cooler Pose und wirklicher innerer Freiheit. Es ist die quintessentielle Story des sensiblen, altruistischen, im Kern soften Mannes, der genau wegen seiner Verletzlichkeit die wichtigen und richtigen Texte zur Gemütslage seiner Generation schreibt, der aber eben auch genau wegen seiner Verletzlichkeit den erreichten Ruhm nie bewältigen kann. Control ist insofern irgendwie immer auch ein Kurt-Cobain-Film, immer auch eine Ikarus-Parabel über den Wunsch nach dem Fliegen und die sengende Sonne.

Gefangen zwischen zwei Frauen, die ihn lieben und die er – wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise – auch liebt, konfrontiert mit Fans, die ihn feiern, aber niemals verstehen, mit einem Manager, der den Frontmann beim ersten Anzeichen von Schwäche unter Druck setzt und einen Ersatzmann auf die Bühne schickt, verliert Curtis die Orientierung. Seine Ehe zerbricht, und kurz vor der ersten Amerika-Tour der Band, die ihn noch weiter von seinen Wurzeln entfernen und de facto die Ehe mit Deborah völlig zerstören würde, zieht er einen Schlussstrich und bringt sich in seiner Küche um, wo Debbie ihn am nächsten Morgen findet. Corbijn zeigt den Suizid als solchen nicht, und beweist hier erneut die Distanz, die Kühle seiner Arbeit.

Und so gerät Control keine Sekunde zu einem dieser durchschnittlichen Künstler-Biographie-Filme, die wir in letzter Zeit so massig hatten. Du hast hier kein Walk the Line, keinen Ray. Musik ist hier kein Werkzeug zur Entfaltung, zur Befreiung. Es gibt keine US-typische Geschichte von der Überwindung einer Krise – Drogensucht, Größenwahn – durch Religion, Musik, wahre Liebe oder sonst etwas. Es gibt nur die kalte, schwarzweiße Wirklichkeit eines sensiblen Mannes, der zwischen zwei gleichstarken Kräften aufgerieben wird und am Leben zugrundegeht, dessen Träume und Illusionen wahr werden und sich als Alpträume entpuppen. Control ist insofern nur oberflächlich ein Film über Joy Division oder über Ian Curtis. Denn Anton Corbijn gelingt das Meisterstück, anhand der Biographie über die eigentliche Story hinauszuweisen und eine universelle Wahrheit, der Popbranche ebenso wie des Lebens an sich, zu einer beeindruckenden düsteren Tragödie zu verdichten, die keine Schwächen, keine Durchhänger, keine vergebene Sekunde hat und in der jede Einstellung, jeder Dialog, jeder Fetzen Musik, jedes Detail mit absoluter Präzision die eigentliche Geschichte vorantreibt. Obwohl ein Biopic also unweigerlich lügen muss – nichts an diesem Film ist falsch, alles ist richtig.

14. Januar 2008 11:01 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.

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09:20 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

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13. Januar 2008 15:30 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

SCHAUSPIEL ESSEN: WOYZECK

Woyzeck ist für mich ein schwieriges Stück als Zuschauer, einfach, weil ich es zu gut kenne, es war mein Abiturstoff (Hallo Helga Tranelis ;-)) und, wenn ich mich nicht ganz irre, musste/durfte ich in der Schule in einer Aufführung entweder Woyzeck selbst oder den Arzt geben, ich weiß ich es nicht mehr. Entsprechend habe ich ein sehr klares eigenes Bild des Stückes und die Inszenierung in meinem Kopf ist eine sehr karge, leere, klare, weiße und minimalistische. David Böschs Version im Essener Grillo könnte also gar nicht weiter von dem Stück, wie es in meinem Kopf existiert, verortet sein. Böschs Stück ist grell und laut, er versetzt Büchners Textfragment in eine schrille Welt die direkt aus Clockwork-Orange, Rocky Horror Picture Show und Dawn of the Dead geschält zu sein scheint. Sein Franz Woyzeck ist ein Verwundeter in einer verwundeten Welt, die postapokalyptisch wirkt, in der die Experimente seines Arztes, mit denen Woyzeck sich den Unterhalt für Marie und sein uneheliches Kind verdient, larger than life wirken, Woyzeck als eine elektrogeschockte Puppenmarionette auftritt. Der Hauptmann, den Woyzeck hier nicht rasiert, sondern dessen Urineimer er wechselt, ist ein Krüppel, der seinen Untergebenen immer noch sadistisch verhöhnt. Der Tambourmajor und seine Militärkapelle mutieren zu Skinheads, die lauten Punk herunterzimmern, während der Major Woyzeck verprügelt. Es mag einigen Leuten leicht fallen, diese Eingriffe von Regie und Dramaturgie als typisches modernistisches Regietheater abzutun und die üblichen Verdächtigen haben so auch das Stück an den entsprechenden Schock-Stellen verlassen. Aber Bösch und Dramaturg Olaf Kröck bleiben der Stimmung – oder vielmehr einer möglichen Stimmung – des Textes treu. Das dreckige, rotzige, für die damalige Zeit schockierende des Stückes, wird erweitert und ausgedehnt auf Bühnenbild und Kostüme von Patrick Bannwart. Bannwart zaubert in den kargen, kammerspielartigen Grillo-Saal eine grobe Konstruktion, die zunächst simpel und brualistisch wirkt, im Laufe des Stückes aber immer lebendiger und überraschender wird, die in wunderbaren Lichtstimmungen ihren Charakter ändert, mit kirmeshafter Birnenbeleuchtung, mit Schnee, mit Sternenhimmel für großartiges Effekttheater sorgt.

Bei aller grotesken Überzeichnung, bei allem Hang zum Effekt, bleibt Bösch stets eng an der Vorlage. Er füllt Lücken im Text mit wortloser Zusatzhandlung, er nimmt manche Abkürzungen und erstellt so eine Art Extended Club Dance Remix des Woyzecks, aber die Eingriffe wirken gekonnt und werden dem Geist des Werkes, der Derbheit von Büchners Sprache, der heruntergerotzten Geschichte, dem Schockmoment, den das stük seinerzeit gehabt haben muss, absolut gerecht. Selbst das Mädchen Käthe, im Fragment eher eine schematische Figur, gewinnt hier an Größe und wird zum lyrisch delirierenden Freak, die nahtlos der Phantasie von Sam Raimi entsprungen sein könnte. Bösch verleiht dem Stück die wütende Energie des jungen Autors, entstaubt es kräftig und tritt dem allzu vertrauten Text in den Hintern. Bei soviel Chuzpe gibt es auch mal Fehlgriffe. Ich bin mir nicht sicher, ob es glücklich ist, die Umgebung des Franz Woyzeck so in ein stereotypes Freakabinett zu verwandeln. Der Tambourmajor ist als arme Wurst gegeben, mit Machoallüren, Erektionsstörungen und verfrühter Ejakulation. Er kann gut prügeln, aber er wirkt feige und klein, ist insofern als Fascho etwas zum Klischee angelegt. Da fragt man sich unwillkürlich, was Marie an dem findet, wieso der Typ als Konkurrent zum Woyzeck dienen kann. Die Entscheidung, aus dem Major einen Hanswurst zu machen, aus dem Doktor einen Frankenstein, aus dem Hauptmann einen nörgelnden Kriegsveteranen, ist sicher nachvollziehbar (und sagt vielleicht etwas über die heute gewandelte Sicht auf Wissenschaft und Militär aus), nimmt aber etwas von der permanenten Demütigung Woyzecks. Er ist nur ein weiterer Freak unter seinesgleichen, der Mord als revolutionärer Ausbruch aus der Unterdrückung funktioniert weniger gut, wenn seine Umgebung genauso beschädigte Ware ist wie er selbst. Das nimmt dem Stück etwas Dimension, reduziert es eher auf Eifersucht und schlichten Irrsinn. Der Woyzeck ist, wie in der Szene mit dem Arzt symbolisiert, eine Puppe an den Fäden unsichtbarer Kräfte, die nicht ohne Grund später wie Dämonen über ihn sitzen und anleiten. Die soziale Indikation verwischt in Böschs Zombiewelt – für mich persönlich zumindest -, wird als etwas belanglos heruntergespielt. Büchners Determismus, auf Textebene noch klar greifbar, verwäscht sich in der Inszenierung zugunsten emotionaler Bilder, die nahtlos aus der Medienwelt entlehnt sind. Da bleibt wenig Raum für Mitleid mit der Kreatur Woyzeck. Auf der anderen Seite gelingt Bösch ein sauberes Stück Popkultur, Georg Büchner remixed by Stephen King, eine seltsam neonhelle und doch rabenschwarze Moralgeschichte, die in ihrer SuperRTL-Bildsprache und mit lauter Popmusik (Wicked Game) auch jede Abiturklasse begeistern dürfte, und das ist immer an sich auch schon etwas wert. Karsten Riedels Musikcollage zwischen Pop, Punk und osteuropäischer Melancholie tut das ihre dazu, die Musik wird wie das Bühnenbild und die Darsteller zu einem lebendigen Teil der Aufführung, nicht wegzudenken.

Böschs Woyzeck ist ein mutiges Experiment, das zwar nicht in jeder Absicht gelingt, aber doch immer wieder magische Momente erzeugt und selbst den Randfiguren Größe einhaucht. Es ist – unerwartet bei diesem Stück – eine Inszenierung, in der nicht der Starcharakter im Mittelpunkt leuchtet, sondern eher die Nebenrollen, eher die Ensembleleistung überzeugt. Sierk Radzei gibt einen überzeugenden Post-Kinski-Woyzeck, aber mehr als eine klassisch auf die Bühne gestemmte, aber eben sehr vertraute Wut- und Wahn-Nummer zwischen geschlagener Kreatur und stimmenhörenden Killer liefert auch er nicht ab, er hat keinen Gegenentwurf zu der Art, wie die Rolle meist interpretiert wird. Nein, in Böschs Hartz-IV-Schattenwelt spielt der einzelne keine Rolle, kann also auch der Star nicht allein das Stück tragen, Franz Woyzeck geht nahtlos in den beachtlichen Leistungen der Nebenrollen auf, ist nur einer der vielen Insassen in Böschs Freakshow. Der Grillo-Woyzeck ist insofern eine burleske Trash-Oper, wunderbar grell und brutal und zugleich doch oft überraschend fragil und fast, fast poetisch, eine wunderbare Auseinandersetzung und Modernisierung des Stoffes, beileibe nicht die einzig denkbare Interpretation des Stoffes, beileibe nicht «meine» Interpretation, aber eine, die Herz und Wut hat, und die man alleine für ihre Energie und für ihren Mut zu Trash und Dunkelheit lieben darf.

02:11 Uhr. Kategorie Live. 2 Antworten.

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12. Januar 2008 21:32 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

DARJEELING LIMITED

The Darjeeling Limited ist ein wunderbarer, nahezu makelloser Film, der es tatsächlich schafft, mit Andersons brillanten Royal Tennenbaums gleichzuziehen oder diesen sogar zu überholen. In großartig absurden Bildern, in wunderbaren Bollywood-Farben, mit makellos unterspieltem Humor kommt hier ein Film daher, der so bizarr wie liebenswert ist, so selbstironisch wie klug, so lässig wie surreal. Wieder taucht Anderson eine familiäre Einheit – diesmal die drei entfremdeten Brüder Francis, Peter und Jack Whitmore – in eine unwirklich anmutende Parallelwelt, diesmal den Overboard-Farbenkosmos Indiens, den Anderson perfekt durchdesigned durchs Bild gleiten lässt. Die drei Brüder, die nach dem Tod ihres Vaters wieder zusammenfinden und ihren seelischen Ballast abwerfen müssen, unternehmen eine skurrile Odyssee durch Indien, die trotz perfekter Planung natürlich in jeder Hinsicht aus den Fugen gerät und eben deshalb zum Erfolg führt.  Wenn die drei am Ende nach reichlich Abenteuern ihrem Zug hinterherrennen und diesen nur erreichen, indem sie die Koffer ihres Vaters – atemberaubend schöne Vitton-Persiflage, mit Initialen des Vaters und durchnummeriert – wegwerfen, ist das der einzige Moment im Film, in dem die Symbolik etwas arg deutlich wird, aber das ist verdient, nachdem sich Anderson im wunderbaren Vorfilm Hotel Chevalier und im gesamten Darjeeling-Film bewundernswert bedeckt hält.

Das Ergebnis ist ein Film, der fast magisch die Balance zwischen Tragödie und Komödie hält, der wie ein Buster-Keaton-Film brüllkomisch ist, weil es nie wirklich etwas zu Lachen gibt. Pokergesichtig spielt Anderson nie auf den offensichtlichen Gag, sondern lässt den Humor aus der Ruhe kommen, aus Kleidung und Frisuren und Accessoires (wie etwa dem Jarvic-Cocker-Look von Peter [Adrien Brody], aus einer hochgezogenen Augenbraue, aus Zeitlupen, aus den Dialogen der drei ungleichen Brüder. Die Detailliebe des Films ist atemberaubend. Bei Anderson möchte man jeden Film dreimal sehen, mit Pausentaste bitte, um einzelne Einstellungen zu genießen, das Setting einer Szene, eine bestimmte Art von Kamerafahrt, Kleidung, selbst die Typographie (lots of Futura, of course) – alles an seinen Filmen wirkt gestaltet, bewußt gesetzt, minutiös inszeniert. Dass ein Film, der so souverän über Sucht, die Unfähigkeit zur Kommunikation, Sex und Liebe, Vaterkomplexe, Pseudo-Selbstfindungstrips, Tourismus, dysfunktionale Familien und die westliche Unfähigkeit, mit dem Tod umzugehen, berichtet, dabei zugleich so märchenhaft-schwerelos und leicht und nicht eine Sekunde bevormundend daherkommt, ist ein kleines Wunder. Darjeeling ist eine Fabel, ein traumgleicher Film, dessen obskure, aber perfekt durchdachte Charaktere und Szenerien wie magisch davon ablenken, wie wuchtig die behandelten Themen eigentlich sind. Robert Yeoman taucht den Film in wunderbar gerade altmodische Einstellungen und zeitlos anmutende Kamerafahrten, die zusammen mit dem abgestandenstaubiggelben Farbton und dem Lo-Budget-Abspann unweigerlich ein Seventies-Feeling aufkommen lassen, ohne das der Film an sich – wie Tarantinos Death Proof - nach bewusstem Pastiche riechen würde. Es ist mehr eine unterschwellige Ästhetik, die den Film durchdringt, die aber nie von dem Kern ablenkt, der sich auf das atemberaubende Spiel der drei Hauptdarsteller konzentriert. Die in all ihren kleinen Macken, Nickeligkeiten, Schwächen und dem trotzdem spürbaren Zusammenhalt hinreissend sind. Wieviel stärker die gebrochenen Figuren wirken gegenüber den gelackten Versionen in der Rückblende kurz nach dem Tod des Vaters in der westlichen Welt – besonders herausragend hier Barbet Schroeders Gastauftritt als narbengesichtiger Automonteur von Luftwaffe Automotive – und wie subtil die Läuterung dieses Tryptichons stattfindet, ist ein Kunststück an Unaufdringlichkeit. Das der Erfolg der Reise in ihrem Scheitern liegt, dass Francis Forderungen vom Anfang der Reise eben durch ihre Mißachtung realisiert werden, kommunziert Anderson niemals aufdringlich, so wie auch die Neurosen seiner Charaktere fast beiläufig ins Bild kommen. Die drei Brüder wirken exotischer als der Schauplatz um sie herum, durchgeknallt und nahezu den ganzen Film lang auf seltsamen Drogen trippend – und sind uns doch vor diesem Hintergrund nahegebracht, wirken trotz ihrer skurrilen Überzeichnung unglaublich real und authentisch, selbst Francis hypersymbolischer und zugleich hochkomischer Kopfverband wirkt einfach irgendwann normal – und ist zugleich so ein netter Kontrast zu den echten Turbanen. Anderson jagt das Trio von einem bizarren und wunderbaren Moment zum nächsten, durch das sie oft wie stoned hindurchtaumeln, idiots savants in der fremden Welt, seltsame Stummfilmkomiker – und so werden selbst Momente, die andere Regisseure überzeichnet hätten (wie etwa der Moment, als Francis seinen Verband abnimmt und seinen Brüdern den Blick auf seine Wunden freigibt) wunderbar entspannt gehandhabt, können wirken. Anderson bietet viel an, lässt dem Zuschauer aber die Entscheidung, was wie zu deuten ist. Die Situation zwischen Natalie Portman und Jason Portmann ergibt sich aus dem Zusammenspiel zwischen dem Vorfilm und fast minimalistischen Andeutungen in Darjeeling selbst. Schmallippiger und zugleich schmerzhafter kann man eine Liebestragödie kaum inszenieren. Selbst die Nutzung des Soundtracks ist smart und subtil und atemberaubend clever.

Anderson dreht keine Filme, er gestaltet Gesamtkunstwerke. Jedes Detail seiner Filme fühlt sich durchdacht, geplant, meisterhaft inszeniert an. Ob die Dekoration eines Zuges, ein Spiel, kleine Gottheiten auf einem Schrank, die Typographie einer Hustensaftflasche, alles und alles und alles wirkt von makelloser Präzision und Schönheit, alles wirkt abgehoben von der Wirklichkeit, ein makelloser, liebevoll entwickelter Teil einer anderen Welt, Planet Anderson, die unserer ähnlich ist aber eben völlig anders aussieht. Es gibt kaum einen anderen Regisseur, der mit so traumwandlerischer Sicherheit gleichzeitig nahezu alle Register des Films nutzt, um komplett jenseits von Klischees oder ausgefahrenen Pfaden eigene, neue, mutige Geschichten zu erzählen. The Darjeeling Limited ist ohne Zweifel ein kleines Meisterwerk.

11. Januar 2008 18:45 Uhr. Kategorie Film. 5 Antworten.

SPIEGEL

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07:58 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

Design Discussion 13

Mittelmäßigkeit
Ein Diskussionsabend über Grau, den Durchschnitt
und die Mitte als das Gute.

Prof. Dr. Erik Schmid vom Fachbereich Design
der Hochschule Niederrhein, diskutiert mit
HD Schellnack

Donnerstag, 17.01.08, 20 Uhr
Krefeld, Fabrik Heeder
Virchowstraße 130 (Eingang C)
STUDIO BÜHNE II
Eintritt frei

… was ganz seltsam werden dürfte, weil ich dem Lob des Mittelmaßes und dem Guten des Mainstreams wirklich nur völlig theoretisch und abstrakt etwas abgewinnen mag, ansonsten glaube ich eher, dass es vielleicht eher dort spannend wird, wo etwas besonders häßlich/irritierend/provokant ist oder wo etwas wirklich schön, gelungen, perfekt ist. Der kommerzielle Erfolg liegt natürlich für bestimmte Produkte und Dienstleister genau in diesem Segment des Mainstreams, aber generell gilt nach wie vor, dass in der Mitte der Straße doch die meisten Tiere überfahren werden. Ich würde meinen Klienten zumindest nur ungern Mittelmaß verkaufen wollen und ich denke, wer mit uns arbeitet, ist selten mittelmäßig. Ich mag Grau als Farbe, da bin ich sicher Otl-Aicher-geschädigt, aber dem reinen Durchschnitt kann ich wenig abgewinnen, worauf sich viele Menschen einigen können, das ist mir mitunter suspekt. Auch in der Arbeit versuchen wir immer, Kunden dadurch von ihrer Konkurrenz abzuheben, dass wir sie besonders machen, ermutigen, gegen den Strom zu schwimmen – macht man das strategisch richtig, kann man in kurzer Zeit enorme Austiegsgeschichten entwickeln. Profilierung kann nicht durch Mittelmäßigkeit stattfinden. Die größte kreative Angst ist doch, genau in diesem Mittelfeld zu landen – insofern werde ich da in Krefeld wohl nicht als Advokat des Mainstreams auftreten. Wird entsprechend trotz nur zwei Leuten auf der Bühne mit verdächtig ähnlicher Frisur hoffentlich ein spannender Abend…

10. Januar 2008 10:49 Uhr. Kategorie Leben. 16 Antworten.

ORANGE

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9. Januar 2008 21:14 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

Alex Garland: The Beach

Reading the old stuff – ich habe mir fest vorgenommen, mehr von meinen fast 40 Büchern, die neben dem Bett verstauben zu lesen, bevor ich wieder neue kaufe. Werde ich mich ohnehin nicht dran halten (habe gerade den neuen Palahniuk bestellt), aber ein guter Vorsatz soll ja was wert sein.

Bei The Beach fällt jedem natürlich sofort der Film mit Leonardo Di Caprio ein, der – unter der Regie von Trainspotting-Macher Danny Boyle – durchaus okay war und vor allem mit dem Bonusmaterial auf DVD zeigt, was hätte sein können. Die Buchvorlage des Briten Alex Garland wirkt aber dennoch präziser, ruhiger, eben weniger Hollywood als die Verfilmung. Garland beschreibt die Reise des Rucksacktouristen Richard, der gemeinsam mit zwei Franzosen – Etienne und seiner Freundin Francoise, in die Richard dich nach und nach verliebt – eine verborgene Insel findet, die verspricht, was andere Orte in Thailand nicht halten: ein vom Tourismus unbeflecktes Paradies. Vor der Abreise gibt Richard die Karte abgezeichnet an zwei US-Touristen weiter. Die Wegbeschreibung dorthin wurde ihm selbst von einem Mann namens Daffy Duck zugespielt, der kurz darauf Selbstmord begeht und dessen «Geist» Richard im weiteren Verlauf des Buches immer wieder erscheint. Die Insel ist allerdings kein ungetrübtes Paradies, nicht nur weil die eine Hälfte von thailändischen Drogendealern zum Anbau von Marihuana genutzt wird, sondern auch, weil die Kommune am Strand zunehmend aus den Fugen gerät. Und nicht nur die Kommune, sondern auch Richard selbst. Mr. Duck erscheint ihm immer häufiger und Richard rutscht zunehmend in ein paranoides, größenwahnsinniges Verhalten ab, mutiert innerhalb des Camps zu einer Art Ein-Mann-Gestapo, die die meisten anderen Mitglieder fürchten, und steigert sich nach außen in eine Art Vietnam-Krieg-Wahn hinein, eine Art Pseudo-Apocalypse-Now-Feeling.

Garland schreibt The Beach aus der Ich-Perspektive von Richard und es ist ein kleines Meisterwerk, wie er den Protagonisten langsam aber sicher in den Wahn gleiten lässt, so dass wir es als Leser allmählich spitzkriegen, Richard selbst sich aber immer noch als Held seiner eigenen Geschichte fühlen kann, zugleich aber niemals platter «Maniac» wird, sondern immer menschlich, immer Opfer bleibt – und final den eigenen Abrutscher in den Wahnsinn sogar ironisch kommentieren kann. Garland arbeitet mit sehr kurzen Kapiteln, deren wunderbare Überschriften an sich schon einen Teil der Story tragen, und bringt so in kurzen harten Dosen immer deutlicher zum Tragen, dass Richard – der sich zunehmend als Reinkarnation von Daffy versteht – das Böse ins Paradies bringt. Es ist fast paradox, wie gerade die paradiesische Ruhe des Strandes die dunkle Seite von Richard, den Neid, die Gier, die Egomanie, endgültig zum Ausbruch bringt, während analog auch die pseudoprimitive Kommune von Sal und Bugs (den beiden anderen Gründern der Strandkommune) zusammenbricht. Mit dem Verfall von Richards Innenwelt zerfällt so auch die Außenwelt der Strandkommune, die mit Krankheit und Tod konfrontiert, zusammenbricht. Alex Garland, der selbst bereits als Teenager in Asien unterwegs war, beschreibt nicht nur die Wirkung des Krebsfaktors Tourismus auf die Region treffend und düster und vermag es, Thailand als rätselhafte, irgendwie latent bedrohliche und zugleich doch magisch anziehende Parallelwelt zu beschreiben, er seziert zugleich den Hippie-Traum vom unschuldigen Leben und zeigt auf, dass der Mensch nach wie vor des Menschen Wolf bleibt.

Dabei verfällt The Beach niemals in platte Thriller-Manier (im Gegensatz, seufz, zum Film, der die Handlung leider deutlich aufbauscht, mit mehr sex and violence). Das Buch ist zügig und spannend geschrieben, arbeitet die Climax aber nicht ohne Grund fast hastig ab – Garland scheint mehr an dem sehr langsam und präzise beschriebenen Verfall des Paradieses interessiert zu sein als an der Auflösung der Story. Die Abstumpfung von Richard und Sal, der Umgang dieser primitiven Gesellschaft mit Krankheit und Tod und Bedrohung – diese soziopsychologischen Aspekte behandelt Garland präzise und anschaulich in seinem Mikrokosmos, und ist insofern überraschend nahe dran an John Wyndhams The Day of The Triffids, so unterschiedlich beide Bücher sein mögen. Garland legt Gesellschaft und Individuum unter das Mikroskop – der isolierte Strand ist dabei ebenso sehr eine Ausrede, eine narrative Konstruktion wie Wyndhams Weltuntergangsszenario- und betrachtet, wie sich diese Miniatur entwickelt. Und sie entwickelt sich nicht gut. Insofern erinnert The Beach auch erschreckend an Bücher von JG Ballard – High Rise insbesondere -, nur das Garland den Wegfall von Zivilisation, den Rückwurf auf den Menschen und sein Umfeld in reinster Form durch Reisen, nicht durch Technologie und ihr Versagen heraufbeschwört. The Beach ist eine Moralfabel von Korruption, Wahnsinn und Verfall, von der Unmöglichkeit eines Utopia – und das in einer kristallklaren, reichen Sprache, die mit Popzitaten und Kulturanspielungen nie spart, sondern die Medienkultur – Fernsehserien, Vietnamfilme, Musik, Telespiele… – clever als erzählerisches Stilmittel nutzt, und das mit einiger Wucht. Es ist eine deutliche Kritik an der Drogen- und Rucksacktouristen-Kultur, die bedröhnt, blind und taub auf der Suche nach dem nächsten Kick durch die Fremde geistert, und nur ihre eigenen schwächen importiert, der Krebs, von dem Mr. Duck spricht, das sind wir. So gut der Film bereits ist, das Buch ist deutlich smarter und einer der wunderbaren Fälle, wo Literatur klug und zugleich hochspannend sein kann.

8. Januar 2008 11:58 Uhr. Kategorie Buch. 3 Antworten.

GELB

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09:58 Uhr. Kategorie Photos. 4 Antworten.

MOONBUZZ

7. Januar 2008 23:01 Uhr. Kategorie Stuff. 11 Antworten.

VOLKER STRÜBING: DAS PARADIES AM RANDE DER STADT

Das Volker Strübing ein perfekter Vorleser ist, smart und unterhaltsam, schnell wie ein Pistolero und ebenso treffsicher. Seine Lesung bei EinsLiveKlubbing aus Ein Ziegelstein für Dörte lässt da keinen Zweifel offen – aber schon hier wird klar, dass Strübing seine Texte für die Bühne schreibt, nicht so sehr fürs Selbstlesen. Sein erster großer Roman Das Paradies am Rande der Stadt leidet wahrscheinlich unter dem gleichen Problem. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Buch, würde Strübing live daraus lesen, absolut witzig fände. Auch gelesen gibt es Sequenzen in dem Buch, die schnell runtergerotzt daherkommen und einfach Spaß machen. Aber…

Vielleicht liegt es daran, daß ich zuviel englischsprachige Sachen lese. Da ist man den deutschen Tonfall einfach nicht mehr so ganz gewohnt. Der ja schwerer zu treffen ist als im Angelsächsischen. Andererseits lese ich gerade den Schäfchenroman Glenkill und danach Sebalds großartige Austerlitz und bei beiden habe ich das Problem nicht, mich sprachlich unwohl zu fühlen. Bei Strübings Debutroman schon. Was mich selbst wundert – ich fand etwa bei Irvine Welshs Trainspotting nichts dabei, Umgangssprache in Schriftform umzusetzen, im Gegenteil. Welsh hat die Sprache in fast Burgess-artiger Manier durch den Fleischwolf gedreht und Gott, war es ein Spaß, ihm dabei über die Schulter zu blicken. Aber bei Paradies finde ich die Sprache der meisten Charaktere gekünstelt lässig und irgendwie leider eher pseudo-cool. Das Strübing hier versucht, verschiedene Figuren sprachlich zu charakterisieren – etwa den kiffenden Opa oder Theos neuköllnmischmaschdialektnuschelnde Schwester ist absolut gut gemeint, geht aber nach einer Weile beim Lesen vehement auf den Geist. Andere Kunstgriffe, wie etwa die Fußnoten, die Fake-Anleitungen für Kyronauten oder die Anzeigen die auch oft Gefahr laufen, nervig zu werden, bleiben dagegen meist im Grünen Bereich und funktionieren überwiegend. Den Running gag mit den Marilpen fand ich sogar prima.

Mehr Probleme allerdings macht mir die Handlung des Buches – hauptsächlich, weil ich sie schon kenne, nur unter dem Namen «The Matrix». Wer sich im Klappentext und sogar im Buch selbst auf Stanislav Lems Ijon Tichy-Texte als Vorbild beruft, der sollte mir mehr zu verkaufen haben als die Geschichte eines bösen Supercomputers, der Menschen mit einer Art Plug im Nacken in eine paradiesische Illusionswelt taucht, und gegen den eine Bande von Rebellen und Hackern ankämpft.  Das ist – auch bevor Matrix dieses Erzählmuster verwendete – einfach zu wenig, zu wenig originell vor allem, nach der Matrix-Trilogie aber in jedem sogenannten SF-Buch, auch einem deutschen, doch bitte einfach Tabu, oder? Das außerdem ein bisschen Gentechnik, Cloning, böse Nazis, gierige Kleriker, ein Revoluzzer mit dem Namen Dante, der gegen das simulierte Eden rebelliert und eine Menge Konsumkritik vorkommen, macht die Sache nicht frischer oder innovativer, egal wie flott Strübing die Sache zu Papier bringt. Der Plot liest sich wie ein schlechtes Telespiel und der große Twist am Ende des Buches ist etwa nach Hälfte des Buches die offensichtlich einzige Auflösung. Auch dem Thema Virtuelle Realität wird nichts abgewonnen, was sich nicht erschreckend vertraut anhört. Durchgeknallte Maschinen gibt es seit Fritz Lang, seit Isaac Asimov und Co, also seit etwa dem zweiten Weltkrieg, daran ist wenig neues. Und wenn man bedenkt, wie frisch gemesen an Paradies eben Neuromancer, der Granddaddy aller Cyberpunk-Bücher, nach wie vor wirkt – ist das für ein 22 Jahre nach Gibsons Klassiker geschriebenes Buch eben keine Idealleistung. Wer heute SF schreiben will, sollte bitte mehr zu sagen haben als bereits längst besser gesagt wurde.

Der Nachgeschmack des Buches ist also kein wirklich Guter: Es fühlt sich so kopiert an wie die offensichtlich von John Buscema «inspirierte» Illustration auf dem Cover (wo ist eigenmtlich das zweite Bein der Frau), die so gar nichts mit dem Buch an sich zu tun hat. Es gibt wunderbare Sequenzen – etwa als sich Strübing selbst ins Buch einbaut und sich eine lange alzheimerische Nörglersequenz verpasst, die näher an seinen eigentlichen Texten ist -, aber im großen und ganzen kommt das Buch nicht zusammen, weil es nichts zu erzählen hat, wiel die Handlung einfach nur eine Kopie der Kopie der Kopie ist – immerhin ist Matrix selbst ja kaum mehr als ein Zitatenstadl. Das Ganze bleibt, leider, auf dem Niveau des Drehbuchs einer schlechten TV-Episode, die Charaktere gewinnen niemals echte Tiefe oder Emotionalität, kein Satz berührt dich als Leser wirklich, und die Handlung ist erschreckend been there, done that, bought the t-shirt.

Die Kritik fällt mir nicht ganz leicht, zum einen weil Volker Strübing wirklich in Ein Ziegelstein für Dörte zeigt, dass er absolut was kann, wenn es um Momentaufnahmen geht und weil der Mann mir so völlig und absolut grundsympathisch ist dass ich ihn gar nicht verreißen will. Ich meine, jemanden, der Paradies anpreist und dann aber zu bedenken gibt, dass ja jede Mutter denkt, ihr Kind «fetzt Wurst», den muss man einfach liebhaben dürfen. Und einen deutschen Autoren, der sich am Hyperaußenseitergenre SF versucht, obendrein. Es wäre nur schön gewesen, wenn die Handlung von Paradies mehr gewesen wäre als halbverdaute lange Abende vorm TV und der Spielekonsole. Paradies ist durchaus lesenswert und zeigt, was Strübing kann, aber als Buch hat es mich leider nicht wirklich überzeugt.

20:05 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

SOS

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10:06 Uhr. Kategorie Photos. 15 Antworten.

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6. Januar 2008 12:32 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

PAUL ARDEN: WHATEVER YOU THINK, THINK THE OPPOSITE

Paul Arden, Ex-Kreativdirektor von Saatch&Saatchi, weiß wie man verkauft – auch wenn es um die eigenen Bücher geht. Nach It’s not how Good you are, it’s how Good you want to be ist hier wieder ein Buch mit einem Morrissey-langem Titel, den man schön schmalfett auf ein Buchcover setzen kann und mit dem man wieder einen visual pun machen kann – Werbung also in ihrer besten, essentiellsten Form. Und auch hier hat Arden eigentlich nichts neues zu erzählen, tut dies aber so britisch-charmant und so auf der Messerspitze zwischem durchaus ernstgemeintem Ratgeber-Buch und zeitgleicher Persiflage eben solcher Ratgeber-Bücher, dass man ihm das dankbar verzeiht. Wo andere Self-Improvement-Bücher, die ja stets einen Falle in sich darstellen (wer solche Bücher braucht, braucht solche Bücher), dröge und bleiernst daherkommen, grinst Arden fröhlich vor sich hin und verbreitet Nonsense zwischen den Pythons und Marshall McLuhan, an dessen The Medium is the Massage das Buch wahrscheinlich nicht ganz grundlos massiv erinnert. Clever, forsch und unterhaltsam breitet er die These aus, dass es sich stets lohnt, gegen den Mainstream zu schwimmen und unterschlägt dabei, dass auf jeden Außenseiter-Erfolg unweigerlich auch Tausende Fehlschläge kommen müssen. Seine «Be different»-Logik ist in sich aber natürlich bündig und so charmant verkauft, dass man die Banalität des Gesagten einfach besser komplett wegignoriert. Arden hat nicht mehr Tiefgang als beispielsweise Dale Carnegie, aber im Gegensatz zu Letzterem ist er wenigstens ein funny guy. Es gibt durchaus bessere Bücher zum gleichen Thema, aber im Grunde verfolgen alle Bücher zu diesem Thema – auch z.B. Did You Spot the Gorilla - die gleiche Strategie: These aufstellen und mit zig mehr oder minder plausiblen Argumenten und mehr oder minder frei erfundenen Beispielen untermauern. Das ganze Genre der Improvement-Bücher ist natürlich eine Pest und wirklich helfen tun sie natürlich nie, sollen sie ja auch nicht. Im Gegenteil, die meisten Leser fühlen sich hinterher schlechter, weil sie die selbstgesteckten, durch Selbsthilfe-Bücher in greifbare Nähe suggerierten Ziele natürlich nie erreichen. Das wäre auch ein bisserl einfach, hm? Insofern ist ein Buch, das dieses ganze Genre und damit sich selbst charmant auf den Arm nimmt, einfach liebenswert. Und ich glaube, allzu ernst darf man ein Buch, dessen Autor sich schon auf dem Cover als Autor des meistverkauften Buches der Welt anpreist, eh nicht nehmen. Wie alle Bücher von Arden is auch Think The Opposite ein kurzer, aber kurzweiliger Snack,völlig frei von Ballaststoffen, kurzfristig inspirierend und schön und ganz nebenbei immer ein prima Geschenk, weil einfach liebevoll gemacht.Besonder gut haben mir diesmal die wunderbar miserablen Photos und Freisteller gefallen, die einfach Freude aufkommen lassen. Alles an diesem Buch wirkt ein wenig tacky, ein wenig grell und geschmacklos, und das beste ist: Beim Lesen hat man irgendwie immer die Stimme von John Cleese im Ohr.

5. Januar 2008 20:05 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

STOP AND SMILE AT A STRANGER

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Das ist tatsächlich ein Photo, und zwar von Handlungsanweisung 37 von Louise Bourgeois in der Wiener U-Bahn an der Kunsthalle. Großartige Idee.

14:26 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

TÖDLICHE VERSPRECHEN

Es sieht so aus, als sei David Cronenberg bereit für sein Alterswerk und späten, aber verdienten Ruhm. Eastern Promises ist – wie History of Violence - weit entfernt von den psychedelischen SF-/Horrorgenre-Filmen wie Scanners, The Brood, Videodrome oder selbst ExistenZ, aber auch ganz anders als seine «normaleren» Filme wie Crash oder Dead Ringers. Die Skurrilitäten, die Faszination mit Krankheit und Mutation, die Cronenberg früher in genrespezifische Schablonen presste – und dabei jedes von ihm gewählte Genre prompt sprengte – scheinen seit Spider aus seinen Filmen wie verschwunden. Aber das täuscht natürlich. Es scheint, als habe sich David Cronenberg lediglich von der seelischen und körperlichen Pathologie in den gesellschaftlichen Bereich verlegt. Er betrachtet die russische Mafia in Eastern Promises nicht weniger kühl, analytisch und zugleich abstoßend wie zuvor die deformierten Kinder in The Brood. Mit der gewohnt klinischen Präzision und zumindest scheinbar hochüberzeugender Authentizität schneidet Cronenberg unter das Fleisch der Hipsterstadt London und zeigt unter der multikulturellen Glitz-Oberfläche, hinter den Fassaden von Restaurants und Herrensaunen, eine Gegenwelt von zweifelhafter Ehre, dreckigen Geschäften und blutiger Härte. Cronenberg erzählt eine melancholische Moralgeschichte, die nicht ganz ohne Grund direkt zu Beginn zeigt, dass sowohl das Ende als auch der Anfang eines Lebens blutgetränkt beginnen können. Vor dem Hintergrund von Verschleppung, Kinderprostitution, Vergewaltigung, Drogenhandel spinnt er aus der relativ durchschnittlichen Handlung um die Hebamme Anna, die nach dem Tod der 14jährigen drogensüchtigen Mutter eines Babies auf der Suche nach dessen Familie immer tiefer in den Bannkreis des russischen Mobs gerät, eine symbolträchtige Metahandlung, die sich nur wenig um den eigentlichen Plot schert. Während die eigentliche Handlung doch ziemlich berechenbar im Fahrwasser des Godfather-Genre bleibt (und ich persönlich die Enthüllung, das Nikolai ein FSB-Undercoveragent ist eher unnötig und für den Film insgesamt schädlich fand), steckt für mich die wahre Geschichte in den Zwischenhandlungen, in den menschlichen Beziehungen, die Cronenberg mit sachten Streiflichtern ausleuchtet. Die tragische leise Liebesgeschichte zwischen dem Chauffeur Nikolai und Anna ist noch die offensichtlichste dieser Beziehung – so offensichtlich, dass sie mir als Motivation für Nikolais Verhalten eben gereicht hätte -, aber auch die wunderbar angedeutete homoerotische Beziehung zwischen Nikolai und Kirill, die komplexen Beziehungen zwischen Kirill, Nikolai, Anna im Spinnennetz von Kirills Vater und Mafiagrande Semyon, nicht zuletzt auch die Beziehung der dysfunktionalen Kleinstfamilie von Anna, ihrer Mutter und ihrem russischen Onkel Stepan sind mehr als endeckens- und sehenswert. Nicht eine Rolle, nicht eine einzige Rolle im gesamten Film ist schwach besetzt oder schlecht gespielt – absurderweise ist Viggo Mortensen als stoischer wortkarger Nikolai noch am irritierendsten. Nikolai ist einfach zu cool, zu inszeniert, zu sehr Pose. Das dies Teil der Selbstinszenierung der Figur im Film ist und eben nicht ein schwächelnder Darsteller, ist dabei jederzeit greifbar, aber manchmal nerven die coolen Gesten eben doch, die Sonnenbrille, die Körpersprache, die ganze Hyperlässigkeit. DieFulminanz von Cronenberg – und Mortensen – erweist sich dann in der Saunaszene, die sicher bald als eine der legendärsten Kampfszenen in der Filmgeschichte gelten wird, in der der nackte und wehrlose Nikolai sich gegen zwei mit Linolschnittmessern bewaffnete Killer zu Wehr setzt: Hier ist Schluss mit Pose und Inszenierung, hier reduziert sich Nikolai auf die reine Kreatur, die ums Überleben kämpft.

Ich mag es mir einbilden, aber ich entdecke hier eine Verbeugung vor Hitchcocks Torn Curtain, an den langsamen Tod des Stasi-Agenten Gromek. Die Farben in Eastern Promises, der Grace-Kelly-Look von Naomi Watts, die hier großartig down to earth spielt und die ganz klassisch die Hitchcock-Figur des Alltagsmenschen, der in einem unverständlichen Netz aus Intrigen landet darstellt, der komplex verwobene Handlungsfaden, selbst die Figur des Scotland-Yard-Agenten – vieles fühlt sich hier nach Alfred Hitchcock an. Wobei der Film alles andere als eine Kopie, eine Hommage darstellt, sondern nahtlos in Cronenbergs Oevre aufgeht. Eastern Promises ist ein Film, der modern und zeitlos zu gleich wirkt, durchgestylt ohne dabei auch nur eine Sekunde lang aufgesetzt oder gewollt zu wirken. Fast beiläufig, selbstverständlich, entfaltet sich die Geschichte, die bei aller Tiefe immer nachvollziehbar bleibt, weil Cronenberg sich zurücknimmt, auf alle surrealen Mätzchen verzichtet und ganz auf die erzählerische Kraft der Bilder setzt, in denen ein Augenblick, eine Sekunde zuviel mehr sagt als alle cinematographischen Tricks. Mehr und mehr entpuppt sich Cronenberg als ein Meister darin, seinen aus allen Ländern der Welt kommenden Darstellern ihren Freiraum zu geben und die einzelnen Leistungen punktgenau zu bündeln, bis subtil, fast unmerklich die Komfortzone des Alltags verlassen hat und in eine andere Welt abgerutscht ist, in der unsere Regeln nichts gelten und deren Regeln uns fremd und primitiv erscheinen. Wie Armin Müller-Stahl mit seiner Balance von väterlicher Freundlichkeit und eiskalter Härte souverän den Film ausfüllt, bruchlos zwischen satanischer Bosheit und netter Onkelhaftigkeit, wie selbst kleine Nebenrolle Tiefe und Authentizität erhalten, das ist beeindruckend. Am bestechendsten sind die Bilder der Feiern in Semyons Lokal, wenn die Kamera ruhig, genießerisch an den Gesichtern der singenden und feiernden Exilrussen vorbeigleitet – das suggeriert mit minimalsten Mitteln eine Befremdlichkeit, die nur einen Hauch neben unserer Welt liegt, in die wir voyeuristisch eintauchen dürfen. Das Cronenberg, Mortensen und Co dabei stillschweigend auf Details wie die Authentizität von Nikolais Tattoos oder die Betperlen, die Mortensen angeblich von echten russischen Häftlingen für den Film geliehen bekam, achten, verleiht der Story eine Textur, eine Dimensionalität, die dazu verlockt, weiter in die komplexe Welt des Filmes eintauchen zu wollen. Man braucht kein Vorwissen, um den Film zu verstehen, aber die Details machen neugierig auf mehr, verleihen dem Ganzen einen echten Klang. Die Abwesenheit jeglicher simpler Message, die schlichte Amoralität aller Charaktere – selbst Anna agiert bis zu einem gewissen Grade egoistisch, will nur ihre eigene Fehlgeburt aufarbeiten – und die Sehnsucht nach Liebe, die Sentimentalität, die selbst in den bösesten Figuren doch noch zu finden ist, macht den Film doppelbödig, unsicher, keiner der Charaktere ist im geringsten vorhersehbar oder berechenbar. Hinter der leider etwas zu geradlinigen Crime-Story hebt Cronenberg seltsame leuchtende Fische aus dem Wasser, die wir nie zuvor gesehen haben, die in ewiger Dunkelheit in den Tiefen des Meeres hausen. Und er tut es mit einer Sorgfalt, einer Zurückhaltung, die bewundernswert ist. Eastern Promises ist ein wunderbarer, klassischer Film Noir, der alle Regeln dieses Genres beachtet und zugleich bricht und der eine fast verloren gegangene filmische Erzählkultur frei von Klischees und Sentimentalitäten in die Jetztzeit rettet.

4. Januar 2008 17:24 Uhr. Kategorie Film. 3 Antworten.

JUIST










































14:25 Uhr. Kategorie Photos. 7 Antworten.

LICHT

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11:08 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.

ADOLF LOOS: WARUM EIN MANN GUT ANGEZOGEN SEIN SOLLTE

Adolf  Loos, der mit seinem Ornament und Verbrechen ja einen der legendären Design/Architektur-Texte verfasste, schreibt in Warum ein Mann gut angezogen sein sollte herrlich gutgelaunt seine Schlechte Laune aus dem Pelz. Die meisten in diesem Buch gesammelten kurzen Texte rund um die Mode sind Artikel um 1898 aus der Neuen Freien Presse, in denen Loos in Sachen Grummeligkeit auch gegenüber Leserbriefen einem Harry Rowohlt in Nichts nachsteht. Er bleibt der in Ornament und Verbrechen erläuterten Haltung wider das Ornamentale, wider den Jugendstil, wider das Schmückend-Sinnlose treu und pöbelt wunderbar polemisch gegen die Modeverirrungen seiner Zeit, auch wenn diese aus heutiger Sicht oft nur schwer nachvollziehbar scheinen, gegen Gigerl (Lackaffen), gegen Wiener Inzucht, zugunsten eines internationalen – namentlich englischen und amerikanischen – Stils. Loos entpuppt sich als spitzzüngig und ironisch, zugleich begeistert von der neuen Zeit und ihren Möglichkeiten. Obgleich die Texte in ihren Details nicht gut gealtert sind – die Zeitbezüge, die Loos einflechtet, sind verloren – ist die grundsätzliche Aussage zu Simplizität, wahrem Luxus, Internationalität, Materialität und so weiter, nach wie vor treffend. Loos, obwohl dem Bauhaus selbst abgeneigt, ist zumindest gedanklich Wegbereiter einer technoid-funktionalen Denke, die die Vorstellung von «edel» (und nicht zuletzt auch von Sparsamkeit) neu definiert. Und funktionalität hat hier nichts mit lähmender Kälte oder puristischer Sachlichkeit zu tun, ganz im Gegenteil, sondern mit einer intensiven Auseinandersetzung des Architekten und Menschen Loos mit eben der Funktion dessen, was er zu gestalten hatte. Loos entpuppt sich als Mensch au der Suche nach der Freude am puren Stoff an sich, an der möglichst unverzierten, unverbrämten, ungetarnten Ehrlichkeit und ist insofern ein Vorläufer der Thesen eines Otl Aichers, der kaum weniger wortgewandt gegen die Camouflage anging. Loos schreibt gegen den Exzess an, gegen die Eitelkeit, gegen das Spießige. Dass er dabei mitunter selbst etwas spießig klingt, selbst etwas übereifrig, dass seine eigene Sprache so ganz und gar nicht frei vom Ornament ist -  das sollte nicht davon allzusehr ablenken davon, dass Loos hier ein Plädoyer führt, dass nach wie vor im Ansatz auch in unsere Zeit des Hypergrellen und der Überproduktion passt, in der die Moden Amok laufen und das Ornament wichtiger geworden ist als das Material. Loos glühende Rede für de Bewahrung eines Originalcharakters und wider das billige Imitat- konkret bei ihm das «Holzfladern», bei dem billiges Holz wie Mahagoni lackiert wurde oder nur auf Decken aufgemalte Pseudo-Intarsien- sollte sich jeder moderne Architekt an den Spiegel klemmen. Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit sind Themen, die nicht nur um die letzte Jahrhundertwende relevant waren – sondern es ist vielmehr erschreckend, wie viel bei aller oberflächlichen Veränderung an Loos Texten doch noch akut ist und wie weit wir eben doch noch von einer echten «Moderne», der Loos hier das Wort führt, entfernt sind. Warum ein Mann gut angezogen sein sollte ist insofern sicher etwas angestaubt – aber wie andere Texte aus dieser Zeit eben doch verblüffend nah an dem Pulsschlag unserer Zeit, und oft wirken die Probleme von heute eben einfach etwas klarer, wenn man sie im Rückspiegel der Vergangenheit betrachtet.

3. Januar 2008 16:59 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.


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