
Unter dem denkbar dümmsten Titel 1 Mord für 2 (Lies: Eins Mord für Zwei) läuft Sleuth, der neue Film von Starschauspieler und -regisseur Kenneth Branagh in Deutschland an. Wie man von einem im Hinblick auf den Film schon relativ smarten Titel wie Sleuth (Detektiv) zu etwas kommt, was nach Agatha Christie on Bad Acid klingt, ist mir ein Rätsel. Sleuth jedenfalls ist prominent besetzt, in jeder Hinsicht Banagh hat als Drehbuchautor den Nobelpreisträger Harold Pinter gewinnen können, Michael Caine spielt den Thrillerautoren Andrew Wyke (den in der Orignalverfilmung des Theaterstückes 1972 ursprünglich Laurence Olivier spielte) und Jude Law übernahm Caines frühere Rolle des Milo Tindle – übrigens das zweite Mal, das Law in Caines Fußstapfen tritt, in dem partiell wunderbaren Remake von Alfie spielte er bereits die im Original von Caine gegebene Titelrolle. Pinters Drehbuchfassung weicht entscheidend von demOriginal, das in Deutschland als Kleine Morde unter Freunden lief, ab, so dass man kaum noch von einem Remake sprechen kann, eher von einem Remix. Hochkarätig besetzt, mit zwei absoluten Kult-Darstellern, und von einem für Theateradaptionen und dichte atmosphärische Filme berühmt gewordenen Regisseur, getextet von dem Dramatiker für sozialabsurdes Theater – was kann da noch schief gehen?
Anscheinend jede Menge. Es mag an der Eindeutschung liegen, aber das scharfzüngige Katz- und Mausspiel des egozentrischen Erfolgsschriftstellers und des im Laufe des Films zunehmend geistesgestört wirkenden Teilzeitfriseurs wirkt oft steif, hölzern. Die Dialoge wirken eben wie geschrieben, weit entfernt von Sätzen, wie sie echte Menschen sagen würden. Der Text wirkt gläsern und hohl wie die nahezu menschenfeindlich kalte Innenarchitektur von Wyke’s Haus, die einzige Spur der Frau, die zwischen den beiden Männern steht, aber niemals selbst sichtbar wird. Das Haus selbst wird so zum dritten Darsteller, zur metaphorisch-visuellen Klammer des Films. Als lebendiges Bühnenbild des Kammerspiels dienend, schaffen die Security Cameras die einzige Verbindung zur Außenwelt (leider im Film nicht ganz konsent, irritierenderweise gibt es auch normale Außenaufnahmen), das hypermodern volldigitalisiert in kalten blau und kochenden Rottönen flirrt, je nachdem, was die emotionale Ebene der Geschichte verlangt. Tatsächlich ist dieses Motiv ein wenig zu aufdringlich inszeniert, die permanenten Touren durch das Haus wirken angestrengt, das Symbol, dass der jeweils dominante Charakter die Apple-Fernbedienung für das Haus hält, ist vielleicht etwas offensichtlich. Der Stahl-Beton-Look des Hauses, der eher die Anmutung eines High-Tech-Gefängnisses hat und in denen Wyke – Architektur gewordene Hybris – eine Art Mausoleum seiner eigenen Bücher hat, ist an sich vielleicht auch eben ein zu grobmotorischer Hinweis auf die Kälte und Hyperkommerzialität in Wykes Leben. Aber das Branagh nicht mit feinen Werkzeugen arbeitet, wird direkt zu Beginn des Filmes klargestellt, als sich neben Wykes edlen Daimler der Kleinwagen von Tindle gesellt, die beiden Auto Front an Front, das kommende Duell der ungleichen Gegner vorwegnehmend.
Caine und vor allem Law gewinnen dieser Auseinandersetzung, bei der es schon bald so gar nicht mehr um die Frau, die Scheidung und das Geld geht, sondern um den Balztanz zweier verschiedener Männer, schöne Seiten ab. Caines als eitler Fatzke gegebener Bestsellerautor entpuppt sich in den Zwischentönen, in kleinen dezenten Momenten, die Caine fast am Textgerüst von Pinter vorbei präsentiert, mit Blicken, mit kleinen Gesten, mit müden Gesichtsmuskeln, als einsamer alter Mann, dessen Leben in all dem Reichtum den Thrill, den Sinn verloren hat. Es geht nicht um die Frau, es geht um das Spiel, die Rache, die seinem leeren Edeldasein kurz einen Sinn gibt. Es geht darum, Milo Tingle gegenüber seine Potenz zu beweisen. Law, auf der anderen Seite, zeigt in düsterer Komik eine sehenswerte Wandlung vom eher schlecht gespielten Angsthasen über die albern-erschreckende Verwandlung zu Inspektor Doppler (oh, das Wortspiel, das Wortspiel) bis hin zum Psychopathen, der unter der Fassade lauert. Laws Tingle ist irgendwie schmierig, verrockt, das virile Gegenmodell zum erstarrten Cäsaren Wyke. In einzelnen Sequenzen spielen die beiden sich zu furiosen Höhen auf, und Law brilliert im Zweideutigen und Schlüpfrigen am Ende, in Pinters komplett neuen und hochgradig bizarren Finale des Films, das total vom Original abweicht.
Streckenweise gelingt die Dekonstruktion einer an sich eher leichen Komödie, deren dunkle Untertöne hier kreischend an die Oberfläche gezerrt werden, zu einem abstrus überzeichneten Generationen-Machozweikampf, das in einer grell überzeichneten (und etwas aufgepappt wirkenden) homosexuellen Wendung ohne Happy End endet. Pinter skizziert den Endkampf des alten Löwen gegen den jungen Herausforderer, Weisheit vs. Potenz, an dessen Ende der Cäsar siegreich, aber doch als Verlierer auf dem Schlachtfeld zurückbleibt, ein seltsam neongreller Abgesang auf den Chauvinismus.
Branagh bemüht sich um einen fast science-fiction-artig steriles Ambiente, dessen Varilights nicht ohne Grund an eine Theaterbühne erinnern. Das Haus wird zum klaustrophobischen Theaterkasten, und wie modernes Regietheater dekonstruiert der Regisseur den klassischen Stoff eben, teilweise gelungen, überwiegend aber schwerfällig und angestrengt. Herausragende, wunderbar windschiefe Kameraarbeit, ein stimmungsvoller Soundtrack machen das extrem textlastige Stück trotzdem zu einem cinematograhischen Erlebnis. Was ein dröges Schachspiel sein könnte, eine Dialogorgie, wird bilderverliebt animiert. Es ist ein seltsamer Remix, eine gewagte Adaption, und allein dieser Mut ist zu bewundern. Leider gelingt dem Film nicht, eine durchgehende Spannung und Stimmung aufzuhalten, und die Handlung segelt oft am Rande des unfreiwillig Komischen entlang, das Denouement bleibt unbefriedigend. Sleuth ist nicht Komödie, nicht Tragödie und obwohl alle Zutaten – großartige Textdialoge, herausragende Darsteller, Starregie – stimmen, ist das fertige Gericht leider nicht ganz überzeugend.
Unter dem denkbar dümmsten Titel 1 Mord für 2 (Lies: Eins Mord für Zwei) läuft Sleuth, der neue Film von Starschauspieler und -regisseur Kenneth Branagh in Deutschland an. Wie man von einem im Hinblick auf den Film schon relativ smarten Titel wie Sleuth (Detektiv) zu etwas kommt, was nach Agatha Christie on Bad Acid klingt, ist mir ein Rätsel. Sleuth jedenfalls ist prominent besetzt, in jeder Hinsicht Banagh hat als Drehbuchautor den Nobelpreisträger Harold Pinter gewinnen können, Michael Caine spielt den Thrillerautoren Andrew Wyke (den in der Orignalverfilmung des Theaterstückes 1972 ursprünglich Laurence Olivier spielte) und Jude Law übernahm Caines frühere Rolle des Milo Tindle - übrigens das zweite Mal, das Law in Caines Fußstapfen tritt, in dem partiell wunderbaren Remake von Alfie spielte er bereits die im Original von Caine gegebene Titelrolle. Pinters Drehbuchfassung weicht entscheidend von demOriginal, das in Deutschland als Kleine Morde unter Freunden lief, ab, so dass man kaum noc