NATIONAL

Eigentlich ist es frustrierend, das eine Schrift, die Inbegriff des analogen Design-Zeitalters ist – die Helvetica – so anscheinend unverrückbar wieder im Mittelpunkt steht und von zig Designern als Nonplusultra angesehen wird, wenn es um cleane, sachliche – und insofern derzeit bis zum Abwinken angesagte -, letztendlich vielleicht aber auch austauschbare, nicht Stellung beziehende Gestaltung geht. Ich mag die Helvetica eigentlich auch, man macht immer so schön wenig falsch damit… aber irgendwie sollte es eine Schrift geben, die das digitale Gestaltungszeitalter in der jetzigen Form widerspiegelt, die polymorphe Reichhaltigkeit, nicht nur technologisch, auch ästhetisch. Da ist ein Vakuum. So wie die Helvetica, neben der AG und der Univers, sicherlich die Schrift für die Neo-Swiss-Sechziger war (und irgendwie teilweise ja auch nur den bürgerlichen Wunsch nach Strenge und Kontrolle widerspiegelt), so wie die Meta die Schrift zur Frisur in den 80s war. Mag sein, dass ich es zu dicht vor der Nase habe, aber wo ist die neue Schrift (nicht irgendein Revival), die etwas über unsere Zeit sagt? Die wie Matrix und Meta die Technologie, aber auch die Gebrauchsästhetik der Zeit einfängt? Vielleicht ist das auch das Statement, dass es einfach keine Schrift mehr gibt für die Jetztzeit – vielleicht brauchts das nicht mehr, in der Flut von Angeboten, im Abschied vom Papier, im Abschied von der Schrift an sich.
Trotzdem ist die von Kris Sowersbys neuseeländischen KLIM-Studio (von denen auch die absolut grandiose, leider nicht käufliche Victoria Sans/Serif-Kombination stammt) entwickelte National, die es frisch bei Village gibt, einer der gelungeneren Remixes der Idee hinter der Idee von Helvetica, AG, Univers, Bau, GalaxiePolaris et al. Eine charmante kursive, mit leichten AmericanGothic-Einflüssen und seltsamen Eigenarten, wie etwa ein etwas unpassendes Minuskel-g, und schon vom Namen her eine gewisse postmoderne Respektlosigkeit, sowie ebenfalls vielleicht dem Namen mit begründende umfassende Internationalität zeichnen die Schrift aus, die mit 250 Euro für eine schon recht umfassend ausgebaute Open-Type-Familie auch sehr fair bepreist ist (zumal beim aktuellen Wechselkurs). Village wird mehr und mehr zu einem Anbieter, den man sehr sehr ernst nehmen darf in seiner aus den verschiedenen Studios kommenden Mischung aus zeitgemäßer und zeitloser Typographie. Hier entsteht zwar keine völlig neue Typographie, wie sie uns FSI und Emigre in den 80ern und 90ern beschert haben – und Gott, fehlen uns Newcomer von diesem Kaliber -, aber sehr sensible Textschriften, die bestehenden Ideen teilweise in großartige Mash-Ups verwandeln, die hoch praxistauglich sind. Wir arbeiten gerade bei einem Projekt mit der ApexNew, die sich großartig verarbeiten ließ und perfekt zu diesem Kunden aus dem Architekturbereich passte – dezent, ruhig, pragmatisch und doch mit Soul. Die National ist nicht die Schrift zur Zeit, aber vielleicht eine Alternative zur maßlos ausgereizten Helvetica.













