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HOW OLD

«How old were you when I died?» I hold my breath.
«Five.» Jesus, I can’t deal with this.

Audrey Niffenegger
, The Time Travellers Wife

29. Juni 2007 16:23 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.

SUPERCALI

27. Juni 2007 20:43 Uhr. Kategorie Stuff. 12 Antworten.

SEADRAGON & PHOTOSYNTH

Eigentlich witzig, dass die gleiche Firma, die mit Vista das meistverkaufte Betriebssystem der Welt so surreal verbockt hat, andererseits auch für derart aufregende und coole Ideen stehen kann:Die Technologie von Seadragon könnte die Art, wie wir Bilder managen völlig revolutionieren und Photosynth als praktische Anwendung wird Flickr und user-generated Content auf ein ganz neues Niveau heben… Dank Seadragon – einer Technologie zum management großer Bildmengen bei gleichzeitig extrem detaillierter on-the-fly-generierter Auflösung – jedenfalls werden wir Designer über die Skalierbarkeit von Bildmaterial neu nachdenken müssen. Interessantes Buzz-Word in dem Beitrag von Seadragon-Chef Blaise Aguera y Arcas auf der TED ist Gigapixel. Zusammen mit Surface ist Microsoft derzeit irgendwie gar nicht so un-innovativ, wie man meinen möchte. Es kommt nur bisher zu wenig beim User an ;-) Ganz klar ist hier aber der Trend weg vom Computer, wie man ihn bisher kennt, hin zu Geräten ohne Tastaturen oder Maus, die intuitiv mit dreidimensionalen Pixelströmen arbeiten können. Das Büro der Zukunft, wie man es in Steven Spielbergs Minority Report noch als Science Fiction gesehen hat, ist deutlich absehbar.

25. Juni 2007 20:08 Uhr. Kategorie Technik. 2 Antworten.

HOT FUZZ

Die Idee ist so einfach wie brilliant: Hot Fuzz versetzt die Machart normaler Actionfilme in die britische Dorftristesse. Supercop Nicholas Angel wird wegen zu viel Erfolg von London nach Sandford versetzt, wo er alsbald – begleitet von seinem Sidekick Danny Butterman – mit rätselhaften Unfällen konfrontiert ist. Und überhaupt ist in diesem «Dorf des Jahres» nicht alles so idyllisch wie es scheint.

Abgesehen vom surrealen Schauplatz behalten Edgar Wright und Simon Pegg alle Charakteristika des üblichen Action-Filmes à la Die Hard oder Bad Boys bei. Wie schon bei Shaun of the Dead ist die Pokermiene, mit der das Duo Fikmklischees auf surrealistisch anmutenden Alltag prallen lässt, der eigentliche Spass. Wo andere Parodie-Filme meist auf Übertreibung setzen, spielt Hot Fuzz einzig und allein mit der Juxtaposition von Machogenre und Landeiern. Es ist verblüffend, wie präzise und mit wieviel Spass Wright und Pegg die visuelle Sprache des Actionfilm-Genres im Grunde völlig ironiefrei ausleben… und sie zugleich einfach qua Kontext wieder völlig ins Lächerliche ziehen. Das dabei Butterman im Film selbst ein Testosteron-Film-Fan ist und permanent auf Streifen wie Gefährliche Brandung oder Bad Boys II verweist, die dann en detail in Hot Fuzz wieder aufgegriffen werden… das ist an Selbstreferentialität kaum zu überbieten. Anstatt die Schwächen und Klischees des Genres ins Lächerliche zu ziehen, wird Hot Fuzz so zu einer sympathischen Fanboy-Liebeserklärung. Das dabei oft auch cinematographisch großartige Arbeit geleistet wird, und der Film keineswegs so lieblos durchgezogen ist wie etwa Scary Movie… das spricht dafür, dass Wright nicht herablassend aus einem Genre Kapital schlagen will, sondern seinen eigenen, wenn auch ironischen Tribut zollen will. Und so finden sich weniger direkte Film-Veräppelungen hier, als vielmehr Anspielungen, Andeutungen, die völlig straight produziert sind… aber eben im Supermarkt eines winzigen Dorfes statt in LA stattfinden.

Hinter den oft auch etwas derberen Gags des Films schwebt so ein natürlich an die Monty Pythons erinnernder Meta-Humor, ähnlich wie in Scream, der permanent charmant augenzwinkernd mit den Genre-Kennern flirtet. Hot Fuzz schreckt nicht einmal davor zurück, Shaun of the Dead mehrfach direkt zu zitieren… und auch Plakat und Logo sind im Stil der großen Blockbuster gemacht, ganz deutliche Hommage an Bad Boys. Dieser Ansatz ist nur eben schlecht für alle, die Filme wie Léon, Bad Boys, oder Reservoir Dogs nie gesehen haben – den die Story für sich genommen ist natürlich, ahem, extrem hohl. Und die Gags sind auch nicht immer wirklich subtil oder zündend. Was auch Filme wie Kill Bill oder Matrix II und III auszeichnet – die Piraterie an anderen Filmen und Quellen – wird in Hot Fuzz auf die Spitze getrieben, ohne dass die Sache dabei so generisch bleibt wie bei Die Nackte Kanone oder anderen Zucker-Produktionen. Der Unterschied zu anderen Medienparodien ist, dass – wie bei Shaun - Pegg und Wright ihren Charakteren mit Respekt gegenübertreten und sie wirklich als Protagonisten entwickeln, dreidimensionaler werden lassen als ansonsten Figuren in Gag-Movies dieser Art sind. Tatsächlich sind die Figuren in Hot Fuzz sogar oft realer als in den tatsächlichen Action Movies. Was die Absurdität der Handlung nur noch surrealer und großartiger macht.

Hot Fuzz
ist sicher kein umwerfender oder gar kluger Film – obwohl die Meta-Parodie auf Actionfilme und deren Parodien an sich ja beileibe kein dummer Ansatz ist -, aber manchmal ist es schöner, in einen dummen Guilty-Pleasure-Film zu gehen, der sich als ausgesprochen clevere postmoderne Medien-Selbstbespiegelung erweist, als in einen von den Kritikern hochgelobten Streifen, der sich als langweilig und oberflächlich herausstellt. Hot Fuzz ist so gaga wie der (britische) Titel vermuten lässt. Bring the noise!

16:35 Uhr. Kategorie Film. 3 Antworten.

REPERTOIRE

It’s not my ability to do things, but my desire to figure out how to do them that I sell… therefore I have an unlimited repertoire

Richard Saul Wurman (Design without Boundaries, Rick Poynor)

04:20 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

IRINA PALM

Das verblüffende an Irina Palm ist, wie brav dieser Film ist. Für einen Streifen über eine Frau, die in einer Sexbar in Soho Männer befriedigt, um Geld für die Operation ihres todkranken Enkels zusammenzukriegen, wirkt Irina Palm ungemein wenig anstössig, wenig rotzig. In der Rolle der Maggie schlurft sich hier ausgerechnet die frühere britische Skandalikone Marianne Faithfull durch eine stille Tragikkomödie, deren Trailer vielleicht vermuten lässt, es handele sich um eine dieser spritzigen britischen Underdog-Movies, die in Wirklichkeit aber eher bedacht und leise bleibt. Maggie, die also das Schicksal ihres Enkels, aber auch das ihres Sohnes und seiner Frau in die Hand nimmt, wird von Faithfull als abgestumpft-bescheidene, fast naiv liebenswerte Hausfrau gebracht, deren Vorstellungen vom Leben ähnlich verstaubt wirken wie ihre Blümchentapete, die aber ohne Zweifel das Herz am rechten Fleck hat. Maggie, die nach dem Tod hres Mannes alleine in einer kleinen Wohnung lebt und von ihren pointiert unangenehmen Freundinnen umgeben ist, entdeckt in der Rolle der Masturbatorin Irina scheinbar erstmals etwas, worauf sie selbst stolz sein kann – die weichste Hand in ganz Soho zu sein. Die Wandlung, – unterstützt von einer langsamen fast unwahrnehmbaren Romanze mit Clubbesitzer Miki – fährt aber jäh vor die Wand, als ihr Sohn wissen wil, woher seine Mutter das Geldhat und ihr nachspioniert…

Um die Wahrheit zu sagen, der Film ist nicht wirklich komisch, der Trailer vergibt bereits alle wirklichen Gags. Ganz im Gegenteil ist Irina Palm eher von stillen Passagen geprägt, von kurzen Sequenzen, die ins Schwarze abblenden. Die Musik, oft kaum vorhanden, begnügt sich mit monoton-traurigen Gitarrenakkorden. Die tristen Bilder, die die Vorstadthölle des proletarischen Londons ebenso einfangen wie das Schmuddelige von Soho, inszenieren Irina Palm als einen eher tragischen als komischen Film. Wenn Maggie fast wortlos bei ihrer Vorgängerin Luisa vor der Tür steht, die Irina erst eingearbeitet hat und dann wegen ihr den Job verlor, dann wächst der Film zu wahrer Größe auf, weil sich zwei Frauen gegenüber stehen, die auf ganz unterschiedliche Art sprachlos sind und deren gerade erst begonnene Freundschaft fast grundlos verkümmert. Hier, nicht zuletzt dank Dorka Gryllus als Luisa, wächst der Film zu wahrer Größe und Tiefe. Aber selbst die komischen Momente sind nie auf dem Schenkelklopferniveau von Filmen wie The Full Monty, der Umgang mit dem pornographischen Moment von Irinas Manufaktur bleibt beinahe spießig. Das verklemmte Kichern der Freundinnen von Maggie, als sie ihnen von ihrem Job berichtet, durchzieht den ganzen Film. Manche der Gags sind einfach nur witzig, wenn man sehr wohlbehütet aufgewachsen ist. Auch die Reaktion von Maggies Sohn Tom, der schockiert die Mutter verstösst und völlig überzogen zum Wüterich wird, ist nur aus einer solchen biederen Weltsicht verständlich… ansonsten wirkt diese gesamte Handlungsentwicklung eher aufgesetzt. Tom als halbwegs erwachsener Großstädter sollte schon verstehen, warum seine Mutter keine andere Chance hatte, an schnelle so 6000 Pfund zu kommen und dass nicht zur «Hure» geworden ist, sondern sich für ihn an die Arbeit gemacht hat. getan hat. Ebenso vorhersehbar ist dann, dass ausgerechnet Toms Frau Sarah, zuvor stets zickig gegenüber Maggie, sich plötzlich als verständnisvoll erweist, bevor es dann in Richtung eines vorsichtigen, monochromen Happy Ends geht.

Das Problem des Films ist die Story, die zu keinem Moment unvorhersehbar, originell oder überraschend ist. Die spießige Reaktion von Maggies Umwelt, ihr Aufstieg zu «Ruhm», die an zig französische 70er-Jahre-Filme gemahnende Beziehung zwischen ihr und Miki… been there, done that, bought the T-Shirt. Was etwas schade ist, denn die Regie ist einfühlsam, die Besetzung mit Ausnahmen gut, die Stimmung von Musik und Kameraarbeit wunderbar zurückhaltend und die Leistung von Marianne Faithfull als verschlissen-knautschiges Hausmütterchen, das sich mit Tupperdose und Blümchenkittel an die neue Arbeitsstelle begibt, ist großartig. Faithfull leistet eine wunderbare Balance zwischen Müdigkeit und Resignation, innerer Lebensfreude und Schönheit der vom Leben gebeutelten Maggie. Faithfull wirkt über weite Strecken einfach authentisch und rettet so den an sich weitgehend etwas erschlafften Film. Irina Palm steht und fällt mit der liebenswerten Naivität dieser altgewordenen Anti-Amélie, mit der Stoik von Maggie, an der der Dreck von Soho scheinbar abperlt, der sich so tief in das Yves-Montand-Gesicht von Miki Manojlovic eingegraben hat. Faithful, Manojlovic und Gryllus machen den Film sehenswert, sofern man mit den beiden voller Sympathie fest zugedrückten Augen, die man für die Handlung einfach braucht, überhaupt etwas erkennen kann… ;-)

24. Juni 2007 13:50 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.

JOHN BRUNNER: THE JAGGED ORBIT

Neben The Sheep Look Up, Stand on Zanzibar und Shockwave Rider ist The Jagged Orbit einer der vier «großen» Klassiker von John Brunner. Wie in jedem dieser Bücher nimmt er sich eines gesellschaftlichen Grundthemas an und extrapoliert die Gegenwart der Sechziger Jahre in die Zukunft. In «The jagged Orbit» sind diese Themen Rassismus, Computerabhängigkeit, Medien und Rüstungswettlauf. Brunner geht sogar soweit, in den hundert teilweise nur wenige Zeilen kurzen Kapiteln des Buches originale Zeitungsartikel zu zitieren und seine dem Buch zugrundeliegenden Annahmen dazu festzuhalten. In einer komplexen, massiv an Phillip K. Dick erinnernden Erzählung, wirft John Brunner den Leser so in eine Realität, die unsere Wirklichkeit so zuspitzt, dass die entstehende Welt nahezu unkenntlich wird. Die Vereinigten Staaten frisch nach der Ermordung von Martin Luther King mutieren so zu einer fast postapokalyptisch anmutenden neuen Realität. Wie Dick treibt auch Brunner sein «Was-wäre-wenn…»-Spiel sehr subtil, indem er einfach nur bestehende Trends bis zur Karikatur ausdehnt.

Brunner wirft uns in situ in eine Welt von Rassensegregation, in der Schwarze und Weiße in einer Art kalten Bürgerkrieg verstrickt sind, in der paranoide weiße Großstädter ihre Waffen von den Gottschalks kaufen, einer mafiaähnlichen Rüstungsindustriefamilie, die den Konflikt bewusst nutzt, um Umsatz zu machen; in der mitten in New York eine unterirdische gefängnisähnliche Psychatrieanstalt steht, deren Scharlatan von einem Leiter das Ziel hat, nach und nach jeden Bürger der Stadt zum Insassen zu machen und zu «heilen». In der Matthew Flamen, einer der letzten Skandalreporter, vor der Story seines Lebens steht. In der drogenabhängige Orakel und zeitreisende Computer existieren und die ales in allem wirkt, als habe Brunner massiv Drogen konsumiert. Während die anderen drei Bücher allesamt auch literarische Schwergewichte sind, schwer konsumierbar, hochexperimentell und anstregend, wirkt Orbit ungemein verwirrend und desorientierend, vor allem zu Beginn, wenn Brunner mit Begriffen hantiert, die dem Leser einfach nicht geläufig sind und sich erst in der weiteren Lektüre halbwegs erklären. Einige der Tatsachen des Buches werden nie wirklich erklärt oder vertieft, sondern einfach axiomatisch vorausgesetzt. Einige der psychischen Phänomene – die «Pythoness» etwa oder Flamens Frau, deren Hirntätigkeit unbewusst seine TV-Sendung stört – bleiben offene Fragen, eskalieren den ohnehin recht freiflottierenden Plot zunehmend, bis das Buch selbst hier und da aus dem Orbit zu schießen droht.

Tatsächlich gibt es kaum eine wirklich tighte Handlung hier… obwohl durchaus eine Story da ist, sogar auf mehreren Ebenen gleichzeitig, fraktal, holographisch. Orbit ist ein verwirrendes, aber zugleich hypnotisches Buch, und auch hier gelingt es Brunner, einen völlig eigenen Stil zu entwickeln, dessen Außergewöhnlichkeit zugleich typisch Brunner ist und eben doch ganz anders wirkt als in Stand on Zanzibar oder in dem deutlich nüchteren Sheep. Wer unter SF Sternenritter und Laserschwerter versteht, wird hier – wie immer bei Brunner – eines anderen belehrt: Science Fiction ist hier die komplexe Rückspiegelung von Gegenwart via Zukunft. Die inden vielen Handlungssträngen ebenfalls erscheinende Figur des Exilgelehrten Xavier Conroy – die man in Sheep und Zanzibar in anderen Protagonisten ähnlich wiederfindet – ist dabei die kalt wütende Stimme der Vernunft, vielleicht des Autors selbst, der einsame Rufer in der Wüste. Keine Frage, Brunners Bücher haben eine «Message», und sind dabei nicht zimperlich. Das dabei Orbit eins der wenigen Brunner-Bücher ist, das sich am Ende einen fast unverwässerten Optimismus, eine Art Happy End gönnt, verwundert dabei fast angesichts des sarkastischen Schreibstils, der Orbit durchgehend prägt.

Es ist seltsam dass John Brunners Buchquartett heute weitgehend unbekannt ist, obwohl alle vier zu den Meisterwerken dystopischer Literatur gehören und 1984 oder Brave New World nicht nur gleichstehen, sondern diese an Zynismus, Komplexität und literarisch-handwerklichem Können spürbar übertreffen. Vielleicht liegt es daran, daß Brunner nonlinear erzählt, in komplexen mentalen Sprüngen und sehr viel auf Leserseite voraussetzt, während Orwell und Huxlex doch in eher vertrauten erzählerischen Strukturen segeln (zumal ihre Werke rund 20-30 Jahre älter sind). Wie kein zweiter verbindet Brunner den psychedelischen LSD-Generation-Schreibstil von Dick, Ellison oder Zelasny mit einer klaren sozialen Komponente, die auch Jahrzehnte später noch akut und treffend (und zum Teil bestätigt) wirkt. The Sheep Look Up wirkt angesichts eines wachsenden Unwohlseins mit der selbstverursachten Klimakatastophe zeitgemäss wie nie zuvor, aber auch The Jagged Orbit liefert einen luciden Blick auf eine paranoide, über-psychologisierte Angstgesellschaft, die sich in Esoterik und Trash-Entertainment verliert, die ihre Entscheidungen von Computern treffen lässt, die mit gefälschten Bildern belogen wird, in der eine übermächtige Waffenlobby zwei Seiten gegeneinander ausspielt, in der ein schwacher Präsident regiert – Prexy, der auch in Sheep auch auftaucht und angeblich auf dem damals noch als Gouvernor agierenden Ronald Reagan inspiriert. In der Welt nach 9/11 wirkt The Jagged Orbit nach wie vor erschreckend akut.

14. Juni 2007 14:57 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

PROFESSIONAL PRIDE…

The problem with our modern world is no one takes pride in profesionalism anymore…

Used to be a job well done was its own reward. But nowadays everything is speeded up, electronic, overnighted, downloaded, DSL-jacked-in and digitally remastered. And we’ve lost an important part of life in this acceleration to nowhere. The handcrafted feel of the world gone by … where buildings, books and even somthing as simple as a sandwich board sign on a busy sidewalk held a sense of individuality… of pride.

And what we’ve replaced this craftsmanship and individuality with is a hunger for more, quicker, and a laziness that seeps into every aspect of society…

Ed Brubaker, Catwoman: Wild Ride

13. Juni 2007 16:58 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

CAN I BORROW YOUR SHIRT

Ralf Herrmanns Typo-Shirt-Wettbewerb ist jetzt im Encore-Mag publiziert und der Sieger offiziell bekannt. Nicht ganz mein eigener Favorit, der da gewonnen hat (es war das etzwas dratischere Hurenkind-Shirt ;-), aber sicher eine gute Siegernummer angesichts der Auswahl. Außerdem gibt’s in der Encore auch ein paar Seiten zur Typo 2007…

via Fontblog

11. Juni 2007 13:00 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

DIE ZEIT UND DAS ZIMMER SCHAUSPIELHAUS BOCHUM

Es ist in etwas seltsames Gefühl, sich ein Stück nicht als Premiere, sondern als Finale anzusehen. Aber was für ein Glück, spontan die letzte Chance ergriffen zu haben. Es wird schwer, an Elmar Goerdens Haus noch Karten für manche Stücke zu ergattern. Nachdem ich bereits letzten Samstag keine Chance mehr hatte, in Der Gott des Gemetzels zu kommen, war auch die letzte Vorführung dieses Klassikers nahezu ausverkauft, an er Abendkasse versuchten die Leute, noch zusammenhängende Sitzplätze zu bekommen. Es sieht so aus, als würde Goerden Matthias Hartmanns großen kommerziellen Erfolg in Bochum fortführen. Die Zeit und das Zimmer, immerhin fast 20 Jahre alt, wirkt zeitlos, immer noch akut. Die fragmentarische Natur des Stückes, die schemenhaften Quantenrealitäten lassen es weniger verortbar wirken als jüngere Werke von Strauß, die stets zumindest teilweise aus der aktuellen Gemengelage unterfüttert wirken. Hier hingegen wirkt alles herrlich schnell ausgekotzt und doch geschliffen, die Miniaturen verlangen volle Konzentration vom Zuschauer, schon Julius’ Einstiegsmonolog ist sperrig und wunderbar. Strauß schleppt aus dem Bergwerk der Sprache seltsame Fundstücke, die im Bühnenlicht seltsam zu Staub zerfallen und in Zeitlupe zusammenbrechen. Immer wieder beklagen Strauß Figuren die eigene Mutlosigkeit, den mangelnden Antrieb, die Frustration des Stillstands. Unsichere, schemenhafte Figuren, die hektisch vorbeiflackern und nie ganz greifbar sind, ihr Verhalten widersprüchlich, surreal, bizarr. Blitzschnell der Wechsel zwischen tiefgründigem Dialog und Platitüde, zwischen stummen Stillstand und körperlichem Slapstick.

Das Stück ist furios besetzt. Ernst Stötzner zählt in seiner schnoddrigen Art zu meinen absoluten Bühnenfavoriten, Felix Vörtler ist in Bochum seit jeher ein Darsteller, der mir in jedem Stückausgezeichnet gefällt, Catrin Striebeck (die mir in Sylvia nicht so gut gefiel) füllt ihre rastlose Hauptrolle der sich stets anpassenden Frau, die wie Schrödingers Katze jeden Was-wäre-wenn-Zustand gerecht wird, mit rastlosem Sexappeal und trotziger Kraft aus, und Agnes Rieger macht in ihrer kleinen Rolle ebenfalls eine großartige Figur. Burghart Klaußner, selbst längst auch als Regisseur erfolgreich, hat die undankbare Rolle des spießigen Schwulen, Olaf, die er zunächst stoisch, dann mit atemberaubender Surrealität zum Leben bringt. Klaußner, Stötzner und Striebeck kriegen nicht umsonst den Großteil des begeisterten Applauses. Andere Darsteller, wie etwa der stets sehenswerte Martin Rentzsch oder auch Marc Oliver Schulze, haben in diesem Stück wenig Chance zu glänzen, arbeiten aber im Ensemblebergwerk souverän ihren Part ab.

Dieter Giesings Inszenierung beginnt karg und sparsam und wird gegen Ende seltsam absurd-komisch, surreal. Ob die Darsteller das Stück anlässlich der letzten Vorführung aus den Fugen haben geraten lassen – das Stötzner an einer Stelle Klaußner eine Banane in die Hand drückt kann doch nicht ernsthaft Teil des Ganzen sein, oder? – oder ob es wirklich so angelegt ist… egal. Die Sache macht eigentümlich Sinn, die zunehmende, an die Monty Pythons erinnernde Schwerelosigkeit der Handlung, bei der Worte und Körpersprache mehr und mehr und wunderbar auseinanderperlen, passt kommentierend ideal zu dem Stück, verleiht den bleiernen Texten eine neue, seltsame Konnoation, die in ihrer Unwirklichkeit kongenial ist. Und zugleich, absurderweise, für Lacher sorgt. Allein nonverbal verwandelt sich das Stück gegen Ende mehr und mehr von Drama zur Farce, ohne aber das tragische Element zu verlieren. Federleicht wirken die schwergewichtigen, oft schnell verkopft aufführbaren Texte von Strauß in diesem Kontext, und doch läßt sich hinter der dadaistischen Komödie, den lachhaft verhinderten Momenten von Liebe und Nähe, jederzeit die Leere des Alltags spüren, das gräßliche Grau. Es ist ein Stück der Ansätze, der Fehlgeburten, der Fehlzündungen, des What-If… und endet so passend fast mitten im Satz in abrupter Dunkelheit. Es hätte zu jedem beliebigen Zeitpunkt enden können oder endlos weiter, in diesem Fluss szenischer Austauschbarkeit ist jeder Endpunkt arbiträr gesetzt. Und genau deshalb todrichtig.

Giesings Umsetzung hat die gleiche seltsame Mischung aus Minimalismus und ironischer Opulenz, mit der auch Karl Ernst Hermanns Bühnenbild begeistert. Das Stück setzt zugleich auf die einfachsten Mitteln des Theaters – und ist nicht selten an der Persiflage des Boulevardtheaters, so oft werden hier Türen auf und zu geknallt, so oft und beliebig wird rechts und links die Bühne betreten und verlassen – und ist doch dramaturgisch wie technisch auf der Höhe der Zeit. Multimediale Einspielungen, großartige Lichteffekte unstreichen audiovisuell wie modern und akut Giesing Strauß re-interpretiert. Hermanns steril weiße Junggesellenwohnung mit dem schicken Parkett gibt einen modern-mondänen Background ab für eine ebenso schnittig-cleane Interpretation von Strauß seltsam verwehten Episoden des Möglichen. Und bei all dem liefert Giesing kein Kompromisstheater mit Effekten und Lachnummern, sondern eine ernsthafte, smarte Umsetzung eines Klassikers, die sich klar von anderen Ausdeutungen des schmalen Textes (wie etwa durch Luc Bondy) absetzt.

10. Juni 2007 00:58 Uhr. Kategorie Live. Eine Antwort.

OCEANS 13

Steven Soderberghs Oceans-Serie ist längst keine Film-Trilogie mehr, sondern eine Art Boygroup-Klassenfahrt. Einmal im Jahr trifft sich eine Art modernes Ratpack, angeführt von den Frauenschwarm-Superstars Clooney und Pitt und hat gemeinsam – ganz wie eine Art Kegelclub – einfach Spaß, während zufällig eine Kamera dabei ist. Dass man sich dabei noch die Mühe macht, so etwas wie eine beiläufige Handlung zu erfinden, ist dabei dankenswert, aber kaum wirklich wichtig. Schon im zweiten Teil war der Plot eher hanebüchen und hat sich selbst auf wunderbare Art und Weise gegen Ende völlig ad absurdum geführt, es ging vielmehr um ein geschicktes Doppelspiel mit der Tatsache, dass hier Hollywoods dickste Brocken gemeinsam vor der Kamera spielen, Oceans 12 war sehr nahe dran an Soderberghs Full Frontal. War Oceans 11 noch ein echter Film, Soderberghs Hommage an die Rat-Pack-Movies und Rififi, so geht es in 12 sicherlich mehr um Hollywood-Klatsch. Und auch wenn am Ende von 13 Clooney/Danny zu Pitt/Rusty sagt, er solle sich doch mal ein paar Kinder anschaffen, so ist der eigentliche Gag natürlich, dass Pitt zur Zeit des Drehs sich mit Angelina Jolie ja tatsächlich Kinder «angeschafft» hat. Selbst die Abwesenheit von Julia Roberts wird noch als Gag verbraten – «nicht ihre Baustelle». Und auch Oprah Winfrey kriegt ihr Fett weg.

13 ist deutlich linearer als 12, vielleicht weil 12 zu komplex für das US-Publikum war und schlecht ankam. Im Grunde wird in 13 nur ein Plan entwickelt und der wird dann auch – mit wirklich minimalen Problemen – einfach durchgezogen. Der Spaß dabei ist, dass die 13 im Grunde nicht als Gentleman-Gangster, sondern als Good Guys gegen den unausstehlichen Casino-/Hotelbesitzer Willie Bank (von Al Pacino grandios im Halbschlaf als Selbstparodie gespielt) antreten, der ihren Partner Reuben (as usual großartig: Elliot Gould) abgezockt hat. Danny und Rusty entwickeln einen absurd komplizierten Plan, der vor allem beweist, dass alles geht, wenn man nur mit genügend Geld um sich wirft. Was vielleicht auch ein Metakommentar auf das Filmemachen an sich ist, wo alles geht, wenn man nur genügend Budget verprasst.

In jedem Rififi-Movie geht es eigentlich nur um die Frage, ob ein Plan funktioniert oder eben nicht. Bei Oceans 13 stellt sich die Frage kaum, Hindernisse werden cool und nonchalant umgangen und Komplikationen scheinen nicht wirklich zu existieren. Mit fast gelangweiltem Selbstvertrauen loungen Pitt, Clooney und die anderen Boygroup-Jungs an Pools, in Suites, in Hotels und an anderen lässigen Locations und der gesamte Film fühlt sich an wie ein DuranDuran-Video, das zufällig in Las Vegas spielt. Soderberghs Verbeugung vor Sinatra und Co, vor Filmen wie Casino, vor der Legende der Wüstenstadt ist in jeder Einstellung spürbar, Oceans 13 ist Glitterama pur, eine Orgie aus Licht und Show, die nicht ganz zufällig mit einem Höhenfeuerwerk endet, das sich in den Gesichtern der Superstars spiegelt, an deren Gesichtern die Kamera ehrfürchtig, ein wenig wehmütig fast, vorbeistreicht, in einer Szene, die fast 1:1 dem ersten Teil entlehnt ist.

Die Handlung selbst, von Koppelman und Levien verfasst, wirkt seltsam steif. Es gibt eine fast langatmige Expositionsphase, in der viel geredet und erklärt wird. Die Gang wird dann – seltsam undramatisch – zusammengetrommelt und trennt sich auch ebenso schnell wieder, fast gelangweilt voneinander. Der Überfall basiert auf so vielen Elementen und so viel Unwahrscheinlichkeiten, dass man schnell gewillt ist, sich – wie bei einem Disney-Film – komplett aus der Handlung auszukoppeln und sich den schönen Bildern zu ergeben. Im Grunde, trotz der überkomplizierten Handlung, ist Oceans 13 ein seltsam naiver Film, ein Kinderfilm. Jeder von Willie Banks’ angestellten ist bestech- oder verführbar, die absurdesten Winkelzüge fruchten reibungslos… die ganze Sache flutscht einfach zu gut, um jemals wirklich spannend zu werden. Nahezu höhepunktlos arbeitet sich Oceans 13 durch eine Handlung, der es an echter Motivation und an einem überzeugenden McGuffin fehlt. Im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen erlaubt sich 13 zudem den Luxus, in fast slapstickartige Momente abzurutschen. Der Humor wird mitunter spürbar heavy-handed und erinnert eher an Louis de Funès als an die ironisch-elegante Leichtigkeit von Oceans 11. Für Soderbergh, der sonst eher anspruchsvolle Stoffe anpackt, ist das Ganze vielleicht auch ein Ventil, ein Gegengewicht. Ein Film, den man wie eine lässige und elegante Party durchziehen kann.

Zu dem Kegelclub-Humor passt, dass nahezu keine Frauen in diesem Film stattfinden. Einzig Ellen Barkin hat als Abigail Sponder eine Semi-Hauptrolle, die aber bei weitem nicht an die Bedeutung von Roberts oder auch nur Zeta-Jones in Oceans 12 heranreicht. Barkin, deren Silikonbrüste- und lippen sie nun nicht unbedingt femininer machen und die insgesamt eher als Lachnummer durch den Film trippelt, obwohl sie ihre Karriere vor ewigen Zeiten einmal als «starke», fast maskuline Frau begonnen hat, wird hier zum Running Gag der Boygroup-Posse degradiert – vor allem gegen Ende, als sie Matt Damon verfällt. Die Rolle der tölpelhaften notgeilen Alten mit Falten und zu engem Kostüm könnte nicht misogyner angelegt sein.

Und dennoch ist Oceans 13 beileibe kein schlechter Film. Pitt und Clooney hangeln sich augenzwinkernd und charmant durch die nicht vorhandene Handlung, und tragen den Film mit ihrer Coolness und Ironie. Selbstgewiss und easy tanzen die beiden einen furiosen paso doble, der alles andere unwichtig werden lässt. Überhaupt ist die ganze Oceans-Posse gut aufgelegt, jagt einen witzigen Oneliner nach dem nächsten vom Stapel – selten war Klassenfahrt so witzig. Wenn der Humor auch manchmal zu oberflächlich wird, lebt der Film von dem schieren schadenfreudigen Spaß den die Oceans-Gang verbreitet. Die smarten Dialoge, die unbedingte Lässigkeit, das ganze unbeschwerte Flair, der ganze Look, der jederzeit eine Armani-Anzeige hergäbe, die Sonnenbrillen, die Hemden, the everything. Es macht definitiv Spaß, das Gehirn abzuschalten und coolen Jungs dabei zuzusehen, wie sie grinsend ihr Ding durchziehen und dann in die Sonne reiten. Oceans 13 ist ein manchmal skurriller, immer ultraglossy produzierter Abgesang auf die Männerfreundschaft. Nur, dass dieser Kegelverein eben wirklich eine hochphotogene Figur dabei macht. Wenn die All-Star-Boygroup also in Oceans 14 nur noch an der Bar sitzt, Whiskey nippt und plaudert, würde ich es mir immer noch mit Freuden ansehen.

7. Juni 2007 16:45 Uhr. Kategorie Leben. 6 Antworten.

ZODIAC

Das großartige an Zodiac ist, dass er genau die richtigen Leute enttäuschen wird. Wer einen David-Fincher-Thriller à la Se7en, Panic Room oder Fight Club erwartet, wird das Kino sicherlich bitter enttäuscht verlassen. So großartig diese Filme sind, so konsequent hat es Fincher vermieden, zur Selbstkopie zu werden. Die einzige integere Chance, nach Se7en einen zweiten Serial-Killer-Film zu machen, ist vielleicht auch tatsächlich, möglichst gegen die Publikums-Erwartungen zu spielen. Und so ist Zodiac kein Thriller, kein düsterer NeoCrime Noir und schon gar kein Splatter – obwohl auch all diese Attribute bei Se7en nur rein oberflächlich griffen und bereits hier bei Finchers erst zweitem Film eine klare psycholgische Fragestellung zugrunde lag, bei der es um die Wirkung des Falls auf die Polizisten Somerset und Mills ging. Aber Se7en war relativ laut und plakativ in dieser Hinsicht… und Zodiac ist deutlich subtiler, organischer geraten.
Zodiac schließt an die Idee von Se7en an – er folgt den psychosozialen Wellen, die eine gesellschaftliche Störung, wie sie in Form eines Serienmörders vorliegt, auslösen kann. Nicht nur in den Leben der Polizisten David Toschi und William Armstrong, nicht nur im Leben von Reportern wie Paul Avery, nicht nur im Leben von Chronicle-Karikaturist Robert Graysmith, auf dessen Buch der Film basiert, sondern auch in der Medien-Gesellschaft als solche. Fincher inszeniert einen ironischen Tanz zwischen Zeitung, TV und Killer, eine nahtlose parasitäre Symbiose. Wenn die Polizisten des Zodiac-Falls gemeinsam in den ersten Dirty Harry Film gehen, der auf dem damals akuten Fall basierte und fiktional von Eastwood auf der Leinwand gelöst wurde, ist man als Zuschauer endgültig im Spiegelkabinett… man schaut einen fiktionalen Film über einen realen Fall, in denen die fiktionalen, real basierten Protagonisten einen weiteren fiktionalen (aber realen) Film sehen, der auf ihrer eigenen fiktional-realen Geschichte basiert. Metareflektiver als dieser fast Escheresque Twist geht es kaum. Und tatsächlich entpuppt sich das Serial-Killer-Phänomen als eines der Massenmedien. Wie die ersten massenmedialen Terroranschläge etwas später, 1972, so braucht auch der Zodiac-Killer die Aufmerksamkeit, die ihm die Presse gewährleistet, er hungert förmlich nach den Schlagzeilen, wendet sich aktiv an die Reporter, und brüstet sich dafür sogar mit Morden, die er gar nicht begangen hat… und die Presse ihrerseits braucht den Killer, weil er Auflage macht. Insofern geht es hier weniger um die Aufklärung des Falls, weniger um den Thrill und die Polizeiarbeit, als vielmehr um die Unmöglichkeit von Aufklärung in diesem Netzwerk, die Unwahrscheinlichkeit einer sauberen Lösung. Wo Graysmith in seinem Buch eher einen klaren Fall konstruiert und Arthur Leigh Allen als Täter präsentiert, zeigt Fincher ein Chaos von Indizien und Widersprüchen, in denen sich der Zuschauer ebenso verheddert wie Graysmith und die Polizei, bis man am Ende im Indizienkarussel fast die Übersicht verliert.

Wie nie zuvor erweist sich Fincher dabei als «Director», also als jemand, der Schauspieler führt. Gylenhaals minimalistisch gespielte Obsession von Robert Graysmith, dieses jungenhaft blanke Gesicht, das verbirgt, wie Graysmith nach und nach süchtig wird, zum Antihelden mutiert, wie ein Junkie dem Killer hinterher ist, Familie und Beruf aufgibt wie ein Alkoholiker… Robert Downey Jr.s großartige, an Al-Pacino-Overacting heranreichende Interpretation des klassischen desillusionierten, zynischen, Junkie-Journalisten… Mark Ruffalo als dröge-genervter Polizist irgendwo zwischen Columbo und Derrick, Bürokrat wider Willen. Jeder Darsteller erhält die Chance, vor der präzisen Folie des Films, seine Rolle in aller Ruhe zu entfalten und auf den Punkt zu bringen. Jede Figur hier, und sei sie noch so klein, atmet.

Was vielleicht daran liegt, dass Fincher hier erstmals auffällig auf nahezu alle seine sonstigen Markenzeichen verzichtet. Nur zwei- oder dreimal blitzt der der Effekttechniker durch. Wie schon in Panic Room einer der dezentesten Effekte – die Fahrt durch den Kaffeemaschinenhenkel – zu den wirkungsvollsten gehörte, so neigt auch hier die ästhetische Perfektion von Fincher eher dazu, fast unsichtbar im Hintergrund zu dienen. Es gibt eine Szene, die herausbricht, in der Gylenhaal durch digital einmontierte dreidimensionale Schrift à la Fight Club geht, aber aber ansonsten fehlt Zodiac nahezu alles, was den Fincher-Stil ausmacht. Oder besser gesagt: es ist viel smarter versteckt. Der Film nutzt die Möglichkeiten der Traumfabrik Hollywood subtiler, um die Ästhetik der Siebziger perfekt einzufangen, Uhren, Autos, Setbau, Plakate – alles dezent und ruhig im Hintergrund die Illusion eines in genau dieser Zeit gedrehten Films erzeugend. Fincher gönnt sich den Kunstgriff, eine durch und durch künstliche Zeitrafferaufnahme eines Periode-Gebäudes glaubhaft zu simulieren, und nur ein oder zweimal übertreibt er etwas und zerreißt so die Illusion des Filmes zugunsten von etwas cineastischer Effekthascherei. Aber ansonsten bleibt der Film – verblüffend bei einem Regisseur, der sich bisher eher als visueller Innovator einen Ruf gemacht hat und dessen Handschrift nach jedem Film zahllose Kopisten auf den Plan rief – unglaublich straightforward, authentisch in seiner Periode, stilistisch, technisch (obwohl komplett digital gedreht), ästhetisch ruhig und ohne großes visuelles Eye-Candy. Mit vergilbten ausgebluteten Farben, sachlichen Kameraeinstellungen, viel mehr Dialog als in heutigen Filmen üblich, erweckt Fincher so den Sozialkrimi der Siebziger zu neuem Leben, erinnert nicht umsonst stark an All the Presidents Men mit Redford und Hofmann von 1976. Oder – aktueller – an die Ruhe von Robert deNiros The Good Shepherd.

Erzählkino ersten Ranges also, aber es geht Fincher nicht darum, einen Krimi zu erzählen, sondern um die Verwicklung von Serientäter und Öffentlichkeit, um ein Netzwerk von Menschen, die ein eher unfreiwilliges Cluster um diese Morde bilden. Wenn am Ende des Films nach fast zwanzig Jahren das erste Opfer wieder erscheint, wird – allein durch Styling und Darsteller – spürbar, wie tief die seelischen Narben reichen, die ein solcher Einbruch von Gewalt in den Alltag hat, wie unvergesslich diese Dissonanz bleibt und wie sie ein Leben deformieren kann. Fincher geht bei all seinen Figuren still suchend eben dieser Deformation nach, er folgt eben nicht der Frage ob Arthur Leigh Allen der Täter war, es geht nicht um eine Lösung, sondern im Gegenteil um den schwebenden Zustand des Ungelösten. Nicht umsonst dreht sich vieles in diesem Film (wie in nahezu allen Filmen von David Fincher) um Codes, Chiffres, Zahlen, Rätsel, Doppeldeutigkeiten. Ruhig wie nie angelt Fincher hier in der chaotisch trüben Ursuppe von Unsicherheiten und Fragen. Wo Fight Club die Frage nach dem Sinn von Existenz neongrell in den Raum stellt, wird sie bei Zodiac eher flüsternd-unsicher vorgetragen. Wo in Se7en die Probleme dieser Welt noch mit einem Gang in die Bibliothek lösbar sind – Zodiac greift genau dieses Motiv von Se7en im Dialog zwischen Graysmith und Avery sogar explizit auf -, bringen die Bücher in Zodiac eben keine wirklichen Antworten mehr. Die finale Auflösung, und selbst diese stellt der Film massiv in Frage, kommt durch einen dummen Zufall, nachdem sich die Logik und die Indizien in immer neuen Sackgassen verlaufen haben … und selbst diese fragwürdige Lösung bleibt frustrierend, Fincher endet mit der Lösung von Graysmiths Zodiac-Buch, aber er misstraut ihr spürbar. In der Welt von Zodiac gibt es dementsprechend keine Klarheit, keine sicheren Antworten mehr, alles ist ambivalent, unsicher, trügerisch, Treibsand. Alles ist Konstruktion, Fiktion, die Realität wird als weiche Masse entlarvt, die anhand von Indizien jederzeit völlig frei umformbar wird, Täterschaft wird zur Interpretationsfrage, zur Autorenschaft an der Realität. Der zähe Fortschritt der Ermittlungen, die atemberaubenden Phasen von Stillstand, die Frustration, wenn man fast glaubt, jetzt haben sie ihn und die Indizien reichen trotzdem wieder nicht. Es geht nie um die Lösung, nie um die Morde – die Fincher atemlos schnell und für heutige Verhältnisse erstaunlich unvoyeuristisch präsentiert (und insofern vielleicht umso realistischer ) – sondern um das Rätselhafte an sich. Das Rätsel ist dabei nie so sehr der Zodiac-Killer per se als vielmehr das Verhalten aller Menschen um ihn herum, der «Ripple»-Effekt, den die Taten auslösen. Und zugleich lässt Fincher nie einen Zweifel daran, wie unwichtig – im Gesamtkontext – solche Serienmorde eben doch sind, wie mikroskopisch ergo sein eigener Film ist. Zodiac wird nicht müde zu betonen, dass der Täter vor dem Hintergrund von Verkehrstoten oder anderen Morden nahezu insignifikant ist, weswegen die obsessive Recherche am Schluss eben dem Möchtegern-Detektiven Graysmith zukommt, der wie ein Nerd, wie ein abgestoßen-faszinierter Groupie dem Serienkiller hinterherläuft. Der Serienkiller wird zum düsteres Spiegelkabinett der Faszination unserer Gesellschaft mit Stars und Berühmtheit.

Metatextuell erlaubt sich Fincher ein abstraktes Spiel mit Technologie, das sich – als immerwährender Backgroundnoise – durch die Ästhetik des Films zieht. Nicht nur, dass der Fall in dieser Form nur möglich ist vor der Folie der veralteten Technologie der Sechziger/Siebziger Jahre (heute würde eine DNA-Analyse die damals genutzte graphologische Analyse ersetzen), Fincher schwelgt auch in der grobkltzigen Prach von «Old Tech». Neben einer grandiosen Zurschaustellung alter Automobile und Uhren kommen immer wieder klobige Telefone und Schreibmaschinen ins Bild, die wunderbaren analogen Wählgeräusche, die Typographie von durch Farbbänder auf Papier gepressten Metall-Lettern. Liebevoll filmt Fincher eine alte Repro-Kamera, die wiederum die Zodiac-Briefe auf Film bannt. Unentwegt klingeln in der Redaktion des Chronicle wie auch bei der Polizei die analogen Telefone im Hintergrund, ein stets strömender kakophonischer Fluss von heute vergessenen Geräuschen. Fast wie einen Fetisch präsentiert Fincher diese vergangene, primitivere, wärmere Technologie, deren Langsamkeit, deren mangelnde inhärente Chance auf Geschwindigkeit (aus heutiger Sicht) den gesamten fast 160 Minuten langen und ruhig geschnittenen Film permeiert. Es ist eine Hommage an die Un-Hektik, die Fincher, Mitte 40, aus seiner Kindheit noch kennen dürfte, eine prädigital-naive Frühtechnologie, die gegenüber der zur Echtzeit-Gesellschaft mutierenden Welt von heute bei aller Dauerklingelei der Telefone überraschend freundlich wirkt. Es ist eine stilistische Verneigung – nur zu passend bei einem auf volldigitalen HD-Kameras und Festplatten gedrehten Film – vor sterbender Technik, die es in den Siebzigern zum letzten Mal so gab, vor der Ölkrise, vor dem PC-Zeitalter. Mechanische Uhrwerke, benzinfressende Autos, analoge Schreibmaschinen, Reprographie-Kameras… in Zodiac ist der größte Serienkiller die Zeit, die nie stillstehend all diese Technologien hat aussterben lassen wie Dinosaurier. Unterschwellig ist der Film ein Museum einer entschleunigten, gründlicheren Welt, die aus heutiger Perspektive fast fremdartig und verstörend wirkt, deren unruhige Langsamkeit nervös macht.

Zodiac ist ein unglaublicher Sprung für David Fincher, eine Metamorphose. Hatte man mit Panic Room nach dem grandiosen Fight Club (eine der besten Vorlagenverfilmungen schlechthin), nach der langen Pause und nach dem Herumdümpeln mit Werbefilmen etwas Angst, Fincher sei die Energie ausgegangen und er würde als Selbstkopie enden… beweist Zodiac, dass er sich doch neu erfinden kann. Es wäre so einfach und so fatal gewesen, für diesen Film – wie es Studio und Publikum vielleicht erwartet haben – zum Stil von Se7en zurückzukehren. Aber stattdessen zeigt sich Fincher als gereifter, ruhiger Erzähler, der sein faszinierendes stilistisches Repertoire fast unsichtbar in den Dienst einer vielschichtigen, ambivalenten, vorantastenden Geschichte stellen kann. Zodiac ist ein von herausragenden Einzelarbeiten, sorgfältiger Kameraarbeit und einem vielschichtigen Drehbuch getragener Ensemblefilm, der mehr als jeder Fincher-Film zuvor eben nicht oberflächlich beeindrucken oder fesseln will, sondern unter die Haut geht.

3. Juni 2007 15:47 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.


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