Archiv

LITTLE CHILDREN

«Gehst du mit mir spazieren?» Mit dieser unschuldigen, leicht quengelnden Bitte eines kleinen Kindes beginnt der Film Little Children von Todd Field. Und wie Kinder- impulsgetrieben, ohne Kontrolle, aber zugleich auch unschuldig – begegnen uns die erwachsenen Protagonisten des Films, als Opfer ihrer eigenen Leidenschaften und ihres eigenen Hungers. Da ist – am offensichtlichsten – der Exhibitionist und Pädophile Ronald James McGorvey, aber auch Sarah Pierce und Brad Adamson folgen mit kindlicher Naivität ihrem ungezügelten Es. Field inszeniert eine klischeehaft anmutende vermeintliche Kleinstadtidylle in die gleich auf zweierlei Art Unheil hereinbricht, zum einen in Form des nach einem Gefängnisaufenthalt zu seiner Mutter zurückkehrenden McGorvey, zum anderen in Form von Brad, der in in Sarahs leere Existenz als Mutter hereinbricht und ihre Spielplatzroutine durcheinanderbringt. Der wie mit der Traummann-Keksstanzform gebackene Baywatch-Schönling (der so aussieht, wie er heißt, ein echter «Brad» eben, All-American Sweetheart) knallt mit Sarah so zusammen wie die Züge, die er – symbolisch, symbolisch – kurz zuvor mit seinem Sohn Aaron kollidieren lässt. Und warum auch nicht? Seine Frau Kathy hat die Hosen an, verdient das Geld und entmannt ihn nach allen Regeln der Kunst – und damit wir das auch sicher verstehen, zeigt Todd Field, wie Kathy ihm das Abo seiner Sportzeitschriften storniert. Brad, der anstatt für sein Anwaltsdiplom zu büffeln, lieber träumend den Kids beim Skateboarden zuschaut, sieht in der von Kate Winslett schläfrig gespielten Sarah einen Ausbruch, eine Flucht von der zu schönen und zu perfekten Ehefrau, eine Rückkehr in die Jugend, als er noch Quarterback war und so etwas wie Sex hatte. Nicht ohne Grund darf/muss der Beau denn auch fast simultan mit dem Anfang der Affaire mit Sarah auch wieder Football spielen. Was Sarah angeht, so erwischt sie ihren Mann beim Onanieren vorm heimischen PC (auch Richard folgt nur – das wird sogar explizit von einer Sprecherstimme erklärt – unschuldig seinen Gelüsten) und riecht angeekelt an seinen zugewichsten Kosmetiktüchern, was ihr anscheinend ausreichend Anlass ist, fremdzugehen. Das Richard ohnehin – mehr noch als Kathy – als Randfigur erscheint, als Cypher des faden, latent unsympathischen Karrierebürohengstes, ist einer der großen Gähner dieses Films, ein schwaches, vielleicht unnögies Alibi, zu offensichtlich, zu klischeebesetzt. Welche Frau würde, wenn sie Mr. Baywatch Brad und Mr. Nasses-Handtuch Richard nebeneinander sieht, nicht eher mit Brad ins Bett springen wollen?
Field spinnt aus dieser Konstellation eine griechisch anmutende Tragödie, in der am Ende Brad und Sarah lernen, das sie ihrem unschuldigen Hunger nicht folgen können, beide kehren zu ihrem alten Partner zurück. Das von Field mit verfasste Drehbuch erzählt diese ohnehin nicht sonderlich neue Geschichte auf eine so berechenbare und so plump symbolüberfrachtete Art und Weise, das man sich fragt, für wen der Film eigentlich gemacht ist. Aber irgendwer liest ja auch Rosamunde Pilcher. Das dabei vor lauter Symbolik auch gern die Logik auf der Strecke bleibt, wenn Brad seiner Frau etwa einen Abschiedsbrief schreibt, sich dieser aber hinterher in seiner Jackentasche wiederfindet, oder wenn Brad zu Sarah rennt, um mit ihr durchzubrennen, plötzlich aber meint, erst einmal eine Runde Skateboard fahren und sich fast das Genick brechen zu müssen, dann tut das schon etwas weh. Das Skateboardfahren, Metapher für Brads Drang nach Freiheit, führt zum Absturz («Du hättest es fast geschafft, Mann!») und danach – als hätte er den Subtext des Drehbuchs erst jetzt verstanden – kehrt Brad der Freiheit den Rücken und zu seiner Frau zurück. Ebenso Sarah, die – nach einer Konfrontation mit dem «Kinderschänder» – Angst um ihre Tochter hat und plötzlich einsieht, dass sie ihrem Kinde zuliebe in einer unglücklichen Ehe bleiben muss… ganz abgesehen davon, dass Brad sie scheinbar versetzt hat.

Kaum orgineller als der Hauptstrang der Erzählung ist die Nebengeschichte um den Ex-Cop Larry Hedges und den Pädophilen Ronald, dessen Mutter Larry unbeabsichtigt mit seinen hysterischen Versuchen, Ronald aus dem Viertel zu vertreiben, in den Tod treibt und der sich am Ende – um ein braver Junge zu sein – selbst kastriert. An dieser Kastration erweist sich der Film vielleicht am deutlichsten als im Kern prüde. Am Anfang des Films – als Sarah sich noch als kühle «Anthropologin» im Sumpf des Spießertums sieht – sprechen drei wie Macbethsche Hexen auf dem Spielplatz Gericht haltende Mütter davon, dass man Ronald kastrieren müsse, und am Ende gibt der Film dieser verqueren Logik recht, am Ende muß die Lust beschnitten, beseitigt, getilgt sein. Auch Sarah und Brad beugen sich am Ende dem Über-Ich dieser All-American Sauberkeit und kehren zurück zu Ehe und Apfelkuchen – und das freiwillig. Wäre Field wenigstens eine Geschichte gelungen, in der das impulsive Liebespaar von der Spießerumwelt eingedampft wird… aber nein, beide kommen einfach so «zur Vernunft». Es steckt ein tiefer Mief von Spießigkeit in diesem Film, der angeblich von Freiheit erzählen will. Sarahs Entsetzen über den cyberonanierenden Ehemann wirkt so unzeitgemäß wie eine Doris-Day-Frisur und passt so gar nicht zu ihren eigenen sexuellen Gelüsten und dem Fremdgehen, ihrem angeblichen «Ausbruch». Fast vorhersehbar auch, dass der mit Jackie Earle Haley ohnehin recht offensichtlich gecastete Kinderschänder-in-spe mit dem Rattengesicht und der unreinen Haut sich tatsächlich als sexuell gestört erweist und ein Muttersöhnchen ist. Wohltuend – und zugleich doch auch enttäuschend – ist einzig, dass McGorvey sich am Ende nicht an Sarahs Tochter Lucy vergreift… obwohl sich gerade das so anfühlt, als habe der Autor vor dieser letzten Konseuqenz der griechischen Tragödienstruktur zurückgeschreckt. Denn es wirkt seltsam, dass Brad zwar im Krankenhaus landet, Sarah aber weitestgehend mit wenig mehr als einem Schreckmoment aus der Affaire kommt. Wie so oft fühlt sich der Film an dieser Stelle seltsam brav an, weichgespült, viktorianisch. Wenn Brad und Sarah wieder getrennte Wege gehen, so fühlt sich das sinnlos an, weil beide weder erkennbar durch die Ereignisse einen neuen Sinn in ihrer alten engen Existenz entdecken noch von außen getrennt werden – beide geben einfach, weitestgehend grundlos, auf, beide erkennen sie Unsinnigkeit des Wunsches einer Flucht aus der Öde des Alltags einfach kampflos an. Träum’ nicht, sagt dieser Film.

Unter anderem Umständen kann so ein Film über das Aufbegehren aus dem Mief der Vorstädte aufregend und fesselnd sein – aber hier bannt Regisseur und Autor Field eine Plattitüde nach der anderen aufs Celluloid, das einem schwindelig wird. Der Sex im Waschkeller, neben dem ratternden Wäschetrockner, scheint eher aus einem Dear-Penthouse-Brief frustrierter Hausfrauen zu stammen, und dieses magere Seifenoper-Niveau legt der Film nie ab. Bei allen wuchtigen Allegorien, bei aller pompös-unsubtilen Symbolik, es mangelt einfach strukturell an Tiefgang, es mangelt an Geschichte, es mangelt an einem guten Drehbuch. Man hat bisweilen Mitleid mit den Darstellern, die sich durch diesen flachen Plot arbeiten müssen. Allen vorweg Haley, den die Regie durch eine der peinlichsten Wahn/Trauer/Wut-Sequenzen in der Filmgeschichte scheucht. Man ahnt, dass der Pädophilen-Darsteller hier viel mehr geben könnte, einfach, weil er in anderen Szenen mit einem einzigen Blick mehr Trauer und Frustration kommunizieren kann als in dieser Sequenz mit allem nervösen Herumgehen, Wüten, Händen-an-den-Schädel-hämmern. Der Darsteller hätte diese Szene deutlich subtiler spielen können, aber er sollte wohl Peter Lorre in «M» nachahmen. Als Haley inmitten der Hummelfiguren und Uhren seiner Mutter steht, weiß man intuitiv, dass er diese (bleischweren) Symbole der Naivität seiner «Mami» im nächsten Moment zerschlagen wird, weil das Drehbuch ja bisher auch keine Chance ausgelassen hat, jedes plumpe Klischee mitzunehmen. Wie Sarah und Brad ist eben auch Ronald James McGorvey im Grunde selbst ein Kind geblieben, das erst am Ende des Films versucht, erwachsen zu werden. Am Ende sind sie alle «gute Jungen» (und Mädels), kastrieren sich. Das Field es nötig findet, die innere Kastration des Liebespaar aufdringlich in Form des sich selbst den Penis abtrennenden Kinderschänders zu spiegeln… «grobschlächtig» wäre hier noch höfliche Umschreibung. Jedes einzelne Symbol in diesem Film ist so oberflächlich, so offensichtlich, dass man verzweifeln möchte, wenn etwa Kate Winslett im ausgerechnet roten Badeanzug im Schwimmbad erscheint, das Geräusch der Spielplatzschaukel im Finale fast zum Horrorfilm-Zitat mutiert, oder wenn drohendes Unheil durch aufkommenden Sturm reflektiert wird. In amerikanischer Grellheit versucht sich Field hier an europäischem Autorenkino, dabei aber so grobmotorisch, so klobig, so unbeholfen, dass man sich wahrscheinlich bei einem Sommer-Blockbuster besser unterhalten gefühlt hätte, weil Anspruch und Können bei Blockbustern eben dichter beieinander sind, die wollen ja von vorneherein nichts.

Bemerkenswert ist einzig und allein die absolut grandiose Kameraarbeit in Little Children. Antonio Calvache fängt die öde Geschichte in Bildern ein, die alles andere als langweilig sind. Mit der Ruhe einer Eidechse in der Mittagssonne streicht seine Kamera über Gesichter und Häuserfronten, Spielplätze, Schwimmbäder und Einrichtungsmief. Braune, entsättigte Farben, langsame Schnitte und ruhige Subtilität in den eher unnötigen Sex-Szenen des Films verleihen Little Children eine ästhetische Oberfläche, die über die Plumpheit der Geschichte hinwegtäuschen kann. Es gibt immer wieder wunderbare Cinematographie in diesem Film – wenn auch das Footballfinale fast ironisierend pathetisch geraten ist -, wie etwa der Moment, in dem Sarah aus der Umkleide erstmals in das Sonnenlicht des Schwimmbades kommt und alles grell, überbelichtet wirkt. Auch Calvache muss mit der grobschlächtigen Sybolik des Filmes kämpfen, aber immer wieder gelingen ihm kleine Momente, die fast photographische Klarheit haben, die man so einfrieren und länger studieren möchte, um die Details aufzusaugen. Die Kameraarbeit verleiht dem Film – wie das Filmplakat es ja auch tut – eine magnetische Eleganz, eine schwüle Behäbigkeit, die absolut bemerkenswert ist. Aber Antonio Calvache schreibt hier alles in allem eben Schecks, die Todd Field keine Sekunde einlösen kann. Der Film mag gut aussehen, bleibt aber im Kern oberflächlich und enttäuschend.

3 Kommentare

LEBEN …UND LEBEN LASSEN

Die Zeit hat wieder ein Supplement. Aus dem Leben-Magazin, in schlechteren Zeiten zum reinen Innenteil degradiert, ist wieder ein 64-seitiges Magazin geworden. Als die ersten Ankündigungen kamen, befürchtete ich, «Leben» würde komplett als eigenständiges Blatt ausgekoppelt – immerhin macht der Zeitverlag mit allerlei Magazinen Experimente in Sachen Markenverlängerung – aber es ist (bisher) wirklich beim Beilagenkonzept geblieben. Was, kein Zweifel, eine tolle Sache ist. Aaaaaber…

Weiterlesen…

4 Kommentare

BODENHOCKER

Dieses Bild – geschossen von Gerhard Kassner – kam heute von Jürgen Siebert mit dem Kommentar: «Oh, ja du warst auf der Typo.» Denn irgendwie hatte er da anscheinend Zweifel dran, weil ich wohl da war, aber nicht wirklich da war. Noch einmal ‘tschuldigung an alle lieben Leute, an denen ich verpeilt und seltsam vorbeigelatscht bin, ohne Hallo zu sagen oder etwas zu quasseln. Meine Mutter meint, ich würde in die Wechseljahre kommen, aber wahrscheinlich war ich nur ausgepowert, übermüdet und unsozial – und ich glaube, Nick und Indra können bestätigen, dass Gespräche mit mir eher irritierend waren… ;-). Mea culpa.

10 Kommentare

LOB DER KORREKTUR

Wenn wir über Design reden, geht es oft so abgehoben um den Entwurf und die Idee und eine der vielleicht wichtigsten Phasen einer Produktion gerät dabei völlig außer Sicht: Die Korrekturen. Abgesehen davon, dass man vor den ersten Korrekturen immer am meisten Angst hat – was gefällt dem Kunden, was darf bleiben, was wird abgelehnt… ist dieser Abschnitt derjenige, in dem aus einer Idee eine konkrete Sache wird, in dem Ecken und Kanten abgeschliffen, Fehler gesucht und beseitigt wird. Es macht meist Spass, dabei zu sein, wenn nach und nach in einem Filterprozess die großen und kleinen Patzer von beiden Seiten gefunden und behoben werden. Auch wenn es konkret hochanstrengend ist, dem fertigen Produkt kann man eine gute Korrekturphase anmerken und deshalb mögen wir Korrekturen, bei denen blöde Fehler gefunden werden, bevor sie im Druck verewigt werden und man sich hinterher totärgert.

Wie komme ich drauf? Steffi sitzt seit zwei Tagen über einem wahren Berg an Zetteln an den Korrekturen zum Saisonheft 07/08 der Philharmoniker und leistet dabei eine Löwenarbeit, die – wie auch bei Kaupp, wo sie und Diana Lamprecht stunden- und tagelang am Telefon gemeinsam bei der Sache sind – viel zu oft unbesungen bleibt. Nicht nur hier, im Büro, sondern auch auf der anderen Seite: Die Leute, die mit uns Korrekturen fahren, bei den diversen Aufträgen, sind Gold wert und man kann sich nicht oft genug für die Geduld und de Nerven aller Beteiligten bedanken, denn Korrekturen sind meist die Phase, in der der Spaßfaktor dem Ernst des Lebens weicht und da braucht man Nerven. Und ich denke, in anderen Büros ist es genauso – die Korrektur ist unersetzlich wichtig und der Job, obwohl nicht glamourös, an Wichtigkeit nicht hoch genug anzusetzen. Detail is everything – und ohne gute Korrekturen gäbe es also kein (halbwegs) gutes Design.

Keine Kommentare

MARISHA PESSL: SPECIAL TOPICS IN CALAMITY PHYSICS

An Special Topics in Calamity Physics bin ich mit gemischten Gefühlen gegangen. Erste Besprechungen haben das Buch entweder hochgelobt (und komplett fälschlicherweise mit Donna Tarts Secret History verglichen) oder völlig verissen. Und kann eine so junge, so marketinggerecht photogene Autorin auch noch wirklich so übertalentiert sein, wie viele schäumende Reviews nahelegen?

Aber Hallo.

Pessls Debüt ist eine im besten Sinne des Wortes überquellende, überbordende Erzählung, aufgeteilt in 36 Kapitel die als fiktive Leseliste, als Kanon, als Vorlesung mit abschließendem Test, verfasst sind. Überhaupt schwimmt das Buch förmlich – nicht einmal mehr im Subtext, sondern ganz offensichtlich – in Zitaten, Quellverweisen, Anspielungen auf Bücher, Filme, auf Weltliteratur und Popkultur. Handlungen, Charaktere, Situationen werden auf subtil witzige Art mit literarischen Vorlagen illustriert und kommentiert, dazu zitiert Protagonistin und Ich-Erzählerin Blue van Meer nahezu pausenlos aus ihrem scheinbar bodenlosen literarischen Aphorismenkästchen, das Roger Wilhelmsen blass vor Neid würde. Eine Zeit lang hat man beim Lesen Ansgt, dass dieser sich schnell abnutzende Kunstgriff der permanenten Referenz nervig wird, aber schnell wird klar, dass es kein reiner stilistischer Parforceritt der Autorin ist, sondern ein Zugang zu Blue selbst, eine Meta-Charakterisierung. Nicht umsonst ist die erste Frage des «Final Exam» am Ende des Buches: «Blue van Meer has read too many books. T/F?» Das van Meer ein hyperintelligenter (IQ 175), im Buchwissen ertrinkender und nach Lebensdramatik dürstender Teenager ist, macht das Buch nicht nur lesenswert, sondern ist auch ein Schlüssel zur Doppeldeutigkeit der Narration. Denn am Ende des Buches bleibt unklar, ob das, was man soeben gelesen hat, Realität ist oder nur der fieberhaften Phantasie von Blue entspringt, die – ganz Buchmensch – nach Plots, nach Denoument, nach Logik sucht und vielleicht nur Zusammenhänge schafft, wo ihre Phantasie danach verlangt. Ob Hannah Schneider also wirklich das Opfer einer internationalen Verschwörung ist oder doch nur eine einsame Lehrerin, die sich im Wald erhängt hat… wer weiß. Kritiken, die das etwas seltsam konstruiert wirkende Ende des Buches bemängeln, in dem Blue rasant ein Puzzle aus Indizien zusammentheoretisiert… haben eine entscheidende Ebene des Buches leider verpasst, glaube ich, obwohl Pessl am Ende, im Fragebogen, sehr ausdrücklich darauf hinweist. Special Topics ist nicht ohne Grund in der ersten Person singular geschrieben :-).

Denn der Plot, um eine Gruppe von Teenagern und die charismatische Lehrerin Hannah Schneider, die im Wald bei einem gemeinsamen Campingtrip der Gruppe erhängt an einem Baum von Blue aufgefunden wird, um Blues Vater Gareth van Meer, um einen Haushälter und einen Harvardprofessor und um eine geheimnisvolle politische Bewegung, die es vielleicht gibt oder nicht gibt… erscheint nur solange logisch, solange man in der ICH-Perspektive von Blue bleibt. Die nach einem fast endlos langen Aufbau – der mehr als die erste Hälfte des Buches verschlingt – fast hyperrasante Lösung des Puzzles, für die Blue nicht umsonst bewusst in die Rolle berühmter detektivischer Vorbilder schlüpft, mag so stimmen… oder eben nicht. Es ist eine grandiose Leistung, einem an sich so schlüssigen, leicht surreal werdenden Plot am Ende den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Und vielleicht, nur vielleicht in Wirklichkeit die Geschichte einer hochintelligenten, aber traumatisierten Studentin geschaffen zu haben. Wie man bei American Psycho nur erahnen kann, dass Bateman seine Verbrechen wahrscheinlich nie wirklich begeht, einfach in eine Traumwelt flüchtet, so wird auch bei Special Topics nie ganz klar, ob man den hypnotischen Fieberträumen von Blue erlegen ist oder nicht.

Diese wunderbar doppelbödige Geschichte wird ergänzt durch schillernde exzentrische Charaktere und eine Protagonistin, deren Smartness, deren wirbelnder bissiger Ironie, deren Hunger man schnell wehrlos ausgeliefert ist. Pessl schafft für Blue van Meer eine Stimme, die liebenswert und lebendig ist, humorvoll und warm und zugleich von fast kristallscharfer Intelligenz und Beobachtungsgabe. Das Buch platzt fast aus den Nähten vor Metaphern und Similies, die ungewohnt und neu sind und man erwischt sich oft dabei, dass man einen Satz ein zweitesmal liest, um den Geschmack davon noch einmal bewusster auf der Zunge zu haben. Fast verschwenderisch, fast angeberisch wirft Pessl mit Bildern und Vergleichen um sich, die ein Luxus, sind, eine fast ertänkende Flut, zu viel Schokolade. Manchmal betäubt diese überschwengliche Pracht, das literarische Name-Dropping, fast die Geschmacksnerven, ebenso wie man an den Dialogen, an Pessls Fähigkeit, ihren Figuren distinktive klare eigene Stimmen zu geben, allen vorweg dem wunderbar zynischen It-Girl Jade, fast ertrinkt. Das sie am Ende die Fäden ihrer Story dann nahtlos zusammenknüpft, überraschend und befriedigend und logisch und erst ganz am Ende den Boden unter all dem wegzieht… meisterhaft.

Special Topics in Calamity Physics ist auf so vielen Ebenen wunderbar, so voller Allusionen, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten, Referenzen, Verneigungen (schon die reine Tochter/Vater-Beziehung ist eine bereinigte Anspielung auf Nabukovs Lolita), dass man kaum mehr in der Lage ist zu unterscheiden, welche Quellen real und welche von Pessl frei erfunden sind. Selbst relativ belesen, fängt man wahrscheinlich nur die Hälfte der Bälle, die die Autorin übers Netz spielt… und bereits diese 50% machen Special Topics eben auch zu einem wunderbaren literarischen Puzzle. Es macht teuflisch Spaß, zu überlegen, wo die Verbindungen zwischen den Büchern der Kapiteltitel (Deliverance, Justine, The Big Sleep, Moby Dick) und dem tatsächlichen Inhalt angelegt sind, es macht Spaß, zitierte Bücher und Filme zu googlen, um nach weiteren Bedeutungsebenen zu suchen. Und so weiter. Ganz en passant wird das Buch so zum Kreuzworträtsel und zur Inspirationsquelle. Ohne dabei eine Sekunde langweilig, trocken oder dröge zu wirken, ganz im Gegenteil. Pessl beweist, wie hyperkinetisch-lebendig und hip der Kanon von Weltliteratur und Filmkunst sein kann. Und zugleich beweist Pessl, dass sie absolut auch selbst schreiben kann. Nimmt man Blue van Meers Zitatenstadl beiseite, bleiben nach wie vor wunderbare Sätze mit einer großartigen Finesse und Schlagkraft, die klug und umweglos Emotionen transportieren, druckvoll und echt. Krispe Dialoge, ein fast völliges Ausbleiben von peinlichen oder falschen «Momenten» und eine kluge, bodenlose Geschichte, bei der sich befriedigenderweise Anfang und Ende die Hand schütteln, so dass man Special Topics gleich noch einmal lesen möchte, um all die versteckten Details im zweiten Durchgang noch besser genießen und entdecken zu können. Pessl ist sicherlich nicht ein ganz so loderndes Feuerwerk gelungen wie Jonathan Safran Foer mit Everything Is Illuminated, aber dennoch ein hypnotisches, hinreißendes Buch.

Ganz kurz die bei mir ja übliche Sache mit der Übersetzung. Ich befürchte, der Übersetzer wird mit dem Buch zu kämpfen gehabt haben. Der Stil und der Reichtum des Buches ist eine harte Nuss sein, und eigentlich müsste man – bewaffnet mit einem Arsenal an Büchern und einem übermenschlichen Wissen über die Buchkultur des 19. und 20. Jahrhunderts – alle Zitate, Andeutungen und Anspielungen nach verfolgen und aus der Quelle wieder korrekt einfügen, anstatt einfach platt den Original-text NEU zu übersetzen. Schwer, nicht unmöglich… aber bereits die Übersetzung des deutschen Titels gibt Anlass zu Sorge. Aus Special Topics in Calamity Science wurde Die alltägliche Physik der Unglücks. Was nicht nur deutlich weniger exzentrisch klingt, eher nach Frauenroman-Einerlei, was nicht nur die wunderbare Doppeldeutigkeit von Calamity etwas unterschlägt (Unglück klingt im Deutschen eben mehr nach Nicht-Glücklichsein als nach Unfall, Calamity ist schwebender), sondern vor allem aus SPECIAL TOPICS (also aus etwas besonderem) das ALLTÄGLICHE. Bei soviel geballter Inkompetenz in EINEM SATZ… mag ich nicht über das Buch als Ganzes nachdenken müssen.

2 Kommentare

Typographie im SF-Film.

Schöne Arbeit, der zwei Faves von mir zusammenbringt. Bei einem so umfassenden Thema kann man natürlich nicht wirklich in diesem Umfang alle Beispiele nennen und die grandiosen Arbeiten aus den 30er bis 60er Jahren zeigen, aber dem Grundfazit, das sich auch im Detail der Schriftwahl in der Zukunft von Science Fiction immer nur die gegenwart (und somit die Vergangenheit) spiegeln kann, kann man natürlich nur zustimmen…

Keine Kommentare

SHOPPEN

Deutsche Filme machen mir meist Angst, wenn ich hineingehe. Egal, wie gelobt – deutsche Produktionen stecken oft in einem Dickicht aus Hype-Netzwerken, die man als Außenstehender kaum durchschaut, nicht jeder hochgelobte Film wird gelobt, weil er wirklich GUT ist -, manche Filme sind so schlecht, dass einem der Atem stockt.

Insofern hält man bei Shoppen den Atem an, wenn es dunkel im Eulenspiegel wird. Waren die Trailer mal wieder das Beste am Abend?

Tatsächlich aber startet Ralf Westhoff seinen Ensemblefilm sanft ironisch mit vor dem Spiegel geübten Anmachsprüchen, mit dem Macho, der sich fürs Selbst-Verkaufen fit macht. Wie bei einem guten Katastophenfilm – und nichts anderes ist Shoppen – stellt der Autor und Regisseur sein insgesamt 19-köpfiges Kernensemble (18 Singles plus Wilm Roil als den Stoppuhr-Mann) peu à peu vor, bevor er sie ins Inferno jagt. Und das Inferno ist in diesem Fall ein Speed-Dating-Event, bei dem sich die einzelnen Personen kennen lernen, im Fünf-Minuten-Takt der Stoppuhr. Die hier zusammenkommende Runde ist weniger «authentisch» als vielmehr ein bunter Mix von Single-Typen – Die Nymphomane, Der Schüchterne, der Planer, die Verpeilte, die Quasselstrippe, die Hysterische, der Dummficktgut, der Frauenflüsterer und und und -, aber was schnell hätte peinlich und platt werden können, gelingt hier, weil die Darsteller-Crew all diesen Stereotypen entgegenspielt und ihren Figuren in aller Regel eine Dimension gibt, die das Klischee treffsicher kontert oder doch zumindest ins Wanken bringt.

Zudem ist Shoppen – trotz des ungewohnten Doku-Formats, das recht trocken die Speed-Dating-Situation beleuchtet – eine Komödie und da gehört eine Prise Klischee dazu. Und die Konfrontation der verschiedenen Mann/Frau-Typen in schneller Abfolge, das oft fast explosive, rapide Aufeinandertreffen eben dieser Stereotypen – die es ja im Alltag tatsächlich so gibt – schafft eine Menge urkomischer Situationen, die recht kurzweilig zwischen neurotische-loriotesquem Humor und etwas platterer SitCom schwanken und so für jeden Geschmack etwas liefern. Die Dialoge kommen oft so ungeschliffen und direkt, dass es spannend wäre, zu sehen, wie diese Idee komplett als Dokumentationsfilm funktioniert hätte – anstatt mit Darstellern. Aber die Darsteller, größtenteils junge Bühnentalente, schaffen es meist, ihre Figuren ohne Overacting zum leben zu erwecken. Es gibt die ein oder anderen zu gewollten, zu «geschauspielerten» Momente, aber alles in allem meistert das Ensemble die Sache wunderbar, wenn man bedenkt, wie unglaublich dünn das Eis in diesem Film ist und wie schnell Shoppen jeweils in Richtung Albernheit oder Zeigefinger hätte ausrutschen können, fast müssen.

Umso bewundernswerter, dass bei aller Spritzigkeit der Dialoge, die schon hier und da das Brigitte-Lebensgefühl aufgreifen und mitunter dicht an der Grenze zur etwas platten Botschaft entlangschliddern, die verschiedenen Figuren dafür sorgen, dass eine eventuelle Botschaft nie zu platt wird. Das der Film (leider) fast so etwas wie ein unnötiges Happy End bietet, im Großen oder Ganzen aber seine Protagonisten nach der Dating-Katastrophe eben doch wieder in die Gefühlsverwirrung entlässt, rettet Shoppen vor dem Kitsch. Die schnellen Schnitte, das solide Tempo, die sorgfältige Kameraarbeit und die oft großartigen Einzelleistungen der Darsteller garantieren einen ebenso unterhaltsamen wie eben auch nicht doofen Abend vor der Leinwand. Denn allein der Titel – Shoppen – spielt ja auf die Darwinisierung der Romantik an, die im Film öfter auch mehr oder minder deutlich angerissen und gespiegelt, kommentiert und diskutiert wird. Wenn der pseudohipnasengepiercte Anmacher Patrick mit dem offenen pinkfarbenen Hemd ausgerechnet derjenige ist, der die Gesellschaftskritik absondert (Liebe wird mehr und mehr als Konsumprozess betrachtet), dann ist das ein cleveres kleines Ironie-Schattenboxen, das Westhoff hier präsentiert, und solche feinen Shifts zwischen den Rollen, solche kleinen Brüche, machen die Figuren (und damit den Film) liebenswert. Vielleicht hätte etwas weniger erklären-wollen, etwas weniger Psychologie-Potpurri den Film stärker gemacht, mehr Dreck eben, weniger Absicht… aber wenn ich nach dem Film gefragt werden, warum er denn nun Shoppen heißt… vielleicht auch eben nicht. Das Westhoff etwas Tiefgang und «Message» reinbringen will kann man ihm nicht verübeln und der Film ist ja trotzdem insgesamt schnell, überraschend und vor allem immer wieder brüllkomisch. Ein bisschen Pop-Psychologie und Händeübermkopfzusammenschlagen-über-die-Probleme-modernen-Balzens kannst du da also irgendwie schon als Zuschauer auch gut verpacken.
Das Shoppen sich zudem ganz unhip als Münchener Film durch und durch zu erkennen gibt und mit breitem Akzent daherkommt, macht die Sache grundsympathisch und betont das authentische Flair des Ganzen. Ob als Pärchen oder Single – Shoppen ist ein flockiger, unterhaltsamer Film, der vielleicht ein bisschen zum Diskutieren über die Liebe einlädt, aber nicht gleich den bretterdicken Diskurswalzer tanzt. Eher so wie die andere wunderbare deutsche Produktion Full Metal Village ein zuckerwatterleichter Film mit einem – allerdings nicht ganz so bitteren – Cyanidkern. Wenn das so weitergeht, kann ich bald ohne angstschweißpatschnasse Hände ins Kino, wenn ein Film made in germany läuft…

4 Kommentare

TYPO 2007 TAG ZWEI

So müde, dass ich draussen in der Sonne einschlafe und eigentlich allen Gesprächen ausweiche, weil ich ohnehin kaum kohärent denken kann. Trotzdem waren Mario Lombardo und Kim Hiorthoy sehenswert.

Bilder vom Tag…

Weiterlesen…

Keine Kommentare

TYPO 2007 TAG EINS

Da ich letztes Jahr die Typo schon von Innen geblogt habe und Wiederholungen langweilig sind (und ich diesmal nicht so viel zu berichten hätte, weil ich die meisten Referenten nicht wirklich kenne und auch nicht Backstagezugang hatte), gibt es von der Musik-Typo keine Innenbilder, sondern ganz LoFi mit der Leica Bilder vom Drumherum. Passt auch viel besser zu meinem extrem übermüdeten verpeilten Zustand. Wie die Typo selbst ist, könnt ihr auch viel besser live im Fontblog und bei Nick und Slanted verfolgen.

Ab gehts…

Weiterlesen…

9 Kommentare

HAPPINESS IS A WARM GUN

Unglaublich aber wahr. Wir haben termingerecht den ersten Entwurf des Saisonheftes der Bielefelder Philharmoniker gegen alle Tücken der Technik geschafft. Fünf Nachtschichten und der geniale Einsatz von Steffi, Raffael und Marian, nicht zuletzt das Verständnis anderer Kunden und meiner Studenten, die alle warten mussten, bis dieses Stück Weg geschafft war, haben sich also hoffentlich gelohnt… und gleich doppelt. Denn wir sind nicht nur in time fertig, sondern ich kann auch müde aber happy zur Typo, morgen früh geht’s mit Marian, Sean, Chris und Steffi los, richtig dekadenter Roadmovie mit Chris’ 5er BMW. In Berlin selbst muss ich mich noch um Details und das Covermotiv kümmern, aber das schaffe ich schon. Es ist witzig, wie sich dieses Heft quasi selbst bestimmt hat und viele unserer ursprünglich geplanten Ideen einfach nicht mit den Planetenbildern harmonieren wollten, deren eigenwilliger Look einfach nach eher schlichter Typographie verlangte. Und so kommt die fast HD-typische rotschwarze Typographie wieder zum Vorschein, etwas widerwillig vielleicht, aber es war die richtige Lösung, alles andere sah «unecht» aus. Die ersten Versionen waren dann noch zu streng und somit langweilig, aber ich finde, jetzt haben wir gegen Ende einige lustige Dinge drin. Ach, das Heft müsste 280 statt 112 Seiten haben, wir hatten noch so viele Ideen dafür. Ich hoffe, in den Korrekturen bleibt es möglichst unverändert – die Philharmoniker sind in der Hinsicht seit jeher eigentlich traumhafte Partner-, denn die Sache ist eigentlich recht … äh… rund :-D. Es ist hier und da etwas eng geworden, weil 112 Seiten natürlich sehr wenig sind. Die Hälfte der Arbeit war, das auf diese Seitenzahl zu begrenzen.

Großartig war die Synergie im Büro bei diesem Job, der wirklich alle technischen Grenzen gesprengt hat. Die fertigen Planeten sind – schon als Kompromiss heruntergerechnet – bei 350 dpi 2,25m² groß. Irgendwann kann ich da noch mal Faktenhuberei machen, wenn man wieder durchblickt, welche Files wo auf welchen Rechnern sind. Auf jeden Fall hat es hier ordentlich trotz mehrerer Terabyte Speicher wirklich fast alle Festplatten gesprengt und mein Rechner war der einzige, der die Bilder überhaupt noch durch ein zwei Filter jagen konnte, und selbst das hat Stunden gedauert. Und so saßen wir hier zwischenzeitlich mit sieben Rechnern, um wie Irre Panoramas und Planeten zu rendern, Marian kam zwischenzeitlich mit seinem eigenen PC ins Studio, überall waren Laptops vernetzt, überall wurde retuschiert (aus jedem Bild muss ja z.B. der Tripodschatten entfernt werden) oder an Bildern gewerkelt und Raffael, Steffi und ich haben im Layout recht nahtlos zusammengearbeitet, während Marian mir heute mit der Übernahme eines Fototermins den Rücken phantastisch freigehalten hat. Es war eine irrsinnig anstrengende Woche, hat mir aber trotzdem viel Spaß gemacht. Solche Jobs mit etwas mehr Zeit und Budget und ich wäre ein Happy Cowboy. Ob das Heft wirklich ausgewogen und gut geworden ist.. keine Ahnung, sowas weiß ich immer erst mit Abstand. Es ist jedenfalls komplett anders als im Vorjahr, opulent statt streng, Barockserifen statt DIN. Und ich denke, die Bielefelder selbst haben ihre Stadt so noch niemals gesehen, was sicher an sich schon eine feine Sache ist. Ich hatte große Angst, dass die Stereoskopie ein leerer Digital-Gag bleibt, aber die großartigen Photos von Raf und Marian, die auch an sich – als normale Panoramas – sehr schön sind, machen die Sache zu mehr als einen reinen Visual Pun. Wirklich grandios sind die Bilder aber eigentlich erst in Originalgröße, weil sie einfach so detailreich sind. Ich bin sicher, man könnte sie problemlos bis 5 Meter ausgeben. Ich hab selten so Lust auf ein größeres Format gehabt – A3+ – wie bei diesem Heft.

Ein paar hastig-schlechte Shots vom Bildschirm als Festhalten dieses Arbeitsstandes und als Vorgeschmack… jetzt noch fix 30GB für die Nachtschichten in Berlin aufs Laptop schaufeln und ich bin in jeder Hinsicht fertig :-D….
Weiterlesen…

32 Kommentare

ABER… MACHT ER AUCH MILCHKAFFEE?

Ach,die wunderbare Welt der Nachtschichten. Um mich beim Warten auf die Bildbearbeitung, die 1,50 x 1,50 m großen Bildern mal eben etwas dauern kann, wachzuhalten, habe ich mein Trinity (HTC 3600) kernsaniert. Bin ich vorher nie zu gekommen, jetzt steht er so, wie er soll. Weil hier ja doch ein paar Trinity-User vorbeischauen… let’s share.

Zum einen habe ich das aktuelle deutsche ROM draufgespielt – und siehe da, das Trinity hat GPS und kein allzu schlechtes. Es ist zwar noch WM5, aber das ist mir eigentlich auch völlig egal, Hauptsache ist, das GPS funktioniert. Obwohl kein SIRF III-Chip reicht es völlig aus, um mit TOMTOM6 navigieren zu können. Vorteil für mich ist, das ich auf dem Gerät UMTS-Flatrate habe und so aktuelle Staudaten in die Routenplanung einfliessen lassen kan, bisher immer ein Nachteil. Entsprechend habe ich bei TomTom ein Radarfallen/Stauwarnungs-Abo gemacht, ich denke, die 45 Euro im Jahr rechnen sich schnell, wenn die Stauwarnung wirklich gut ist. Das Tool QGPS bringt übrigens beim Cold Fix keinen Vorteil beim Trinity, sehr schade. Der Fix dauert etwa 5 Minuten bei Kaltstart. Das GPS Modul behält etwa 4 Stunden sein Gedächtnis für einen Hot Fix… und schaltet sich stromsparenderweise ab, sobald es nicht gebraucht wird (also wird mit TomTom gestartet und beendet. Sehr gute Lösung.

Ein weiterer Bonus des Upgrades ist -neben deutlich schnellerem Boot bei Softreset – die superleichte Verbindung via USB/BLuetooth und UMTS ins Internet. Das Trinity lässt sich jetzt mit einem Klick als «Modem» für Laptop und Internetzugang nutzen. Was früher eine Treiberorgie war ist jetzt kinderleicht und läuft großartig. Echte Verbesserung, an sich bereits alleine das Upgrade wert.

Da nach einem ROM-Upgrade sowieso im Grunde das Gerät neu einzurichten ist,habe ich gleich einige Änderungen vorgenommen. Neben der installation des Black Trinity Skins habe ich meine Oberfläche mit dem Tool rltoday getuned, das ich – basierend auf NateDefault - selbst mit HIlfe von zwei anderen Skins und den GlassIcons schon ziemlich für meine Bedürfnisse modifiziert habe. Wenn jemand RL benutzt und das Skin haben will, eMailt mich. Es ist noch nicht ganz perfekt, Voicemail will einfach nicht aus der Registry gelesen werden, aber okay… kommt Zeit kommt Rat. Aber so bin ich erst einmal komplett weg vom Windows-Look und habe eine ganz eigene, funktionale und vor allem schwarze Lösung :-D

SPBPocketPlus bleibt mein Taskmanager, auch wenn es inzwischen gar nicht mehr sichtbar ist und etwas einfacheres auch okay wäre. Music Player bleibt das PocketMusic-Bundle
Eine weitere Verbessung ist der Umstieg auf AgileMessenger. Obwohl mit 50 Euro für PPC-Software ziemlich teuer (zumal dere Messenger vorher Freeware war), ist er eine deutliche Verbesserung gegenüber der miesen ICQ-Beta und dem Windows-Eigenen MSN, zumal Agile Multi-Messenger-tauglich ist. Gute Sache.

Insofern gibt es eigentlich kaum noch etwas, was das Trinity nicht kann, selbst das Eten X800 klingt nicht nach Quantensprung und das iPhone zwar optisch schöner, aber rein technisch ein Alptraum, eben eher ein Handy als ein Computer, was ja  an sich völlig okay ist, exzellentes Gerät… aber mir nicht wirklich hilft. So, wie der Trinity jetzt ist, bleiben nur noch Wünsche wie schnelleres Internet und der übliche Dreiklang aus Kleiner, Leichter, längere Laufzeit. Aber wer will das nicht?

2 Kommentare

PHOTO BRUT

Eine der großen Freuden an diesem Job – die irgendwie too much work for never enough cash aufwiegt – ist, dass ich in dem kleinen Büro hier immer wieder Leute sitzen habe,die ich herausragend finde. Einer davon ist Raffael Stueken, der nach seinem Diplom bei mir ein kurzes sechsmonatiges Praktikum hier macht. Der hat letztens eine Arbeit, die er für Kurt Schrages Photo-Brut-Mannschaft produziert hat, mitgebracht, die ich unbedingt zeigen wollte. Das Heft gibt es nur zweimal, es ist digitalgedruckt und handgenäht – es stellt die photographischen Arbeiten vor, gekoppelt mit internationalen Kochrezeoten, einer dekonstruierten Kamera und einer völlig grandiosen Abwesenheit von Informationen. Die Sache ist ein wunderbarer, assoziativer Bilderstrom, zeigt enormes Talent und macht absoluten Spaß beim Lesen. Schade, dass man es nicht kaufen kann…

Weiterlesen…

10 Kommentare

CLOWNFISCH

Clownfisch ist eigentlich kein studentisches Magazin, wird aber von Studenten der Ruhrakademie gemacht. Von Christian Hampe und Beate Blaschczok über ein Jahr lang aus der Taufe gehoben, erscheint heute abend die Nullnummer auf der Releaseparty im Wuppertaler LCB. Das erste Heft hat «America» zum Thema und wartet mit einer bunten Sammlung von Photos, Illustrationen und Texten auf, die – wie immer bei solchen anthologisch strukturierten Magazinen – mal mitreissen, mal nicht so. Es gibt großzügige Illu- und Photostrecken, die ehrlich und trashy daherkommen und Spaß machen, aber den Textseiten fehlt es gestalterisch dann irgendwo an Richtung. Will man etwas kritisieren, so zum einen die typographischen Patzer, sowohl im Layoutraster als auch und besonders nervig die Mikrotypographie, die permanent dissonant falsch ist. Man kann kein Designmagazin machen, wenn Basics wie der Gedankenstrich nicht sitzen, das Mal-zeichen permanent falsch ist, von Durchschuß und Zwischenschlag, fehlenden Kapitälchen, mauen Headline-Fonts und vielen anderen gestalterischen Fragen ganz zu schweigen. Insofern ist die erste Ausgabe vielleicht eher etwas zum Gucken, weniger etwas für Freunde guter Typographie. Das Cover zeigt bereits, wie schnell eine schlecht gewählte Typo ein ansonsten wunderbares Motiv zerschießen kann.

Zweiter denkbarer Kritikpunkt ist die Ähnlichkeit zu Dummy, ebenfalls ein themenzentriertes Design-Magazin. Spätestens ab der nächsten Ausgabe – Zerstörung – sollte Clownfisch die Frage beantworten, inwiefern es sich deutlich für den Leser von dem etablierten Blatt unterscheidet und somit eine Theodizee der eigenen Existenz nachliefern. Die Dummy ist ziemlich gut gemacht, insofern wird der Versuch, sich von ihr abzuheben, unweigerlich zu spannenden Prozessen führen.

Denn das Potential von Clownfisch ist – bei aller Detailkritik – absolut spürbar. Bereits die Nullnummer, immer die schwerste aller denkbaren Geburten, strotzt von guten Arbeiten und führt wie eine Miniatur-Ausstellung durch verschiedene Perspektiven zum gewählten Thema, mal assoziativ mal mit Wut. Obwohl noch zum großen Teil mit Ruhrakademie-Bordmitteln gemacht (Bach, Störr, Lietmann sind Dozenten der Akademie), lässt sich erkennen, wie gut das Heft werden kann, wenn die Basis der Beiträge breiter wird und das Clownfisch-Team, mit dem hoffentlich eintretenden künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolg mehr Kontakte, mehr Auswahl, ergo auch mehr Wucht für die kuratorische Arbeit einer Mag-Redaktion haben werden.

Wenn man weiß, wie klein das Team hinter Clownfisch ist und wie persönlich die Vision, wie intensiv die Arbeit dahinter, kann man nicht anders, als das Ergebnis mögen und hoffen, dass Christian, Beate und ihr Team noch einiges mehr an Output produzieren werden, ich freu mich drauf…

Weiterlesen…

2 Kommentare

G8

Ich habe letztens ein Radiointerview zum Thema Arbeitsgesellschaft gehört, in dem der Gast erklärte, es sei schon seltsam – in den Siebzigern hätte man eine Million Arbeitslose gehabt und diese Zahl wäre damals ein Skandal gewesen, wie soll man als Gesellschaft mit einer solchen Menge Erwerbsloser nur leben, es müsse etwas getan werden. Und dann wurden es – trotz aller politischer Maßnahmen – schnell zwei, drei, vier und jetzt um die fünf Millionen Menschen ohne Arbeit (rein statistisch, die Dunkelziffer wird größer sein). Und niemand würde mehr denken, die Welt gehe davon unter, es habe ein schleichender schulterzuckender Anpassungsprozess stattgefunde, die Aufregung, die Panik sei einer Art machtloser Apathie gewichen. Die Politiker beschwören, dass sie Arbeitsplätze schaffen würden, aber wir wissen es längst besser. Ob Auf- oder Abschwung… wir gehen auf sechs, sieben, acht Millionen zu. (Der Gast meinte dies nicht negativ… Seine These, dass es vielleicht der SINN des Kapitalismus sei, Arbeitsplätze und eben Arbeit zu vernichten, ergo paradiesische Zustände in einer Welt ohne körperliche Arbeit zu schaffen, zumal noch nie eine Gesellschaft so einen hohen Produktionsoutput bei so wenig arbeitenden Menschen hatte… ist spannend, aber darum geht es gerade nicht… :-D)

Einen ähnlichen Spannungsverlust, ein Ermüden von Aufmerksamkeit und Protestpotential, erleben wir natürlich auch in anderen Bereichen. Aber ich muss zugeben, was derzeit rund um den G8-Gipfel in Rostock passiert, wirkt wie aus einem schlechten Film über ein totalitäres Regime. Die Errichtung eines 13 Kilometer langen Grenzzauns, der die politische Entscheidungselite von der ungewaschenen Masse abgrenzt, ist ein so druckvolles Symbol, eine so deutliche visuelle Metapher der Entkoppelung von Politik und Realität, dass es sich ein Autor eines dystopischen Endzeit-Romans nicht treffender (und platter) hätte ausdenken können. Die Totalabsperrung einer ganzen Stadt, massive Einschränkungen für die dort lebenden der Bürger, nehmen wir als nahezu normal und gegeben hin… tritt man aber einen Schritt zurück, wirkt es doch eigentlich bizarr und absurd. Ebenso die Großrazzien gegen mögliche «Globalisierungsgegner» mit über 1000 Polizisten im Einsatz, Telefonabhörmaßnahmen, sowie die Idee einer präventiven Festnahme von möglichen Gewaltdemonstranten (wer immer entscheidet, was «gewaltbereit» bedeutet und was auch immer das konkret bedeuten mag). Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern stellt bereits Massenunterkünfte für die Festgenommenen zur Verfügung. Ein Gulag für Leute, die nicht mit der herrschenden Meinung einer Meinung sind.. woher kennt man das nur?
Abgesehen davon, dass solche Demonstrationen von Staatsgewalt nun sicher wenig deeskalierend wirken – es hier also wahrscheinlich weniger um eine echte funktionale Beruhigung einer möglichen Konfliktsituation geht, als vielmehr um eine reine Zurschaustellung innenpolitischer Sicherheitsmittel in Zeiten des Terrorismus… bin ich wirklich der einzige, der das Gefühl hat, in einem schlechten B-Movie aus den Sechzigern gelandet zu sein? Politik sollte Dialog und Offenheit sein, aber die Hinterzimmer-Mentalität, die Illuminati-Mentalität der aktuellen Weltpolitik wird hier fast symbolisch absurd auf die Spitze getrieben. Mehr Elfenbeinturm (wobei wir statt Elfenbein lieber Panzerglas und Stacheldraht bevorzugen) geht kaum. Eine politische Herrschaftskaste, die sich derart vor ihren Subjekten schützen muss, sollte kurz innehalten und sich fragen, woher der Unmut eigentlich kommt und ob man nicht tatsächlich ein System in Frage stellen kann, dass sich offenbar so aufwendig vor systemimmanenter Kritik schützen muss.

Auch wenn die Regierung dabei immer wieder betont, friedliche Proteste seien uneingeschränkt möglich (wobei sich die Frage stellt… wer entscheidet eigentlich, wo die Demarkation zwischen friedlich und gewaltbereit verläuft) – ein friedlicher Protest ist manchmal einfach gar kein Protest. Leute, die mit Pappschildern am Straßenrand stehen und Lieder singen, bewegen, das zeigt die Geschichte, nicht immer wirklich etwas. Wenn man friedlichen Diskurs von Staatsseite mit extremen Aufwand erzwingen muss… dann ist es eben kein friedlicher Diskurs mehr, sondern eine mundtot gemachte Bevölkerung. Wenn Leute mit abweichender Meinung präventiv festgenommen werden, erinnert das Ganze also eher an den Umgang mit Opposition im Dritten Reich. Die verschwand schließlich auch sang- und klanglos – und siehe da, plötzlich waren alle mit der Politik einverstanden. Wir haben uns schleichend an Maßnahmen gewohnt, die vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären und einen unfassbaren Sturm der Entrüstung entfacht hätten. Wer kann also sagen, ob wir in weiteren zehn Jahren nicht schäfchenbrav auch DNA-Datenbanken oder subkutane RFID-Implantation akzeptiert haben, ohne Protest, der damit ja auch automatisch zunehmend erschwert wird. Es ist ein Teufelskreis der Entpolitisierung und der Entmachtung der Bürger und eine Verschiebung von Kontrolle – eigentlich sollten die Bürger ihre gewählten Vertreter kontrollieren können, nicht umgekehrt, oder? – die schon im demokratischem Kontext besorgniserregend ist (und diesen per se auch aushebelt) – man wagt kaum zu fragen, was solche Mittel, einmal implementiert, in den falschen Händen für eine Wirkung entfalten könnten. Und so stabil sind Demokratien nicht, die Bevölkerung neigt zu starken Männern, wie man gerade wieder in Frankreich gesehen hat.
Nicht zuletzt frage ich mich, wie man sich in Heiligendamm fühlt, wenn 17 Jahre nach der Wiedervereinigung eine neue Mauer gebaut wird. Ich frage mich, ob demnächst Bürgerinitiativen versuchen, einen G8-Gipfel in ihrer Stadt zu unterbinden, um sich die Repressalien, den Stress und die Kosten zu unterbinden. Und warum sich die G8-Führer nicht gleich in einem unterirdischen Bunker verschanzen, wenn sie solche Angst haben. Und last not least: Wenn man glaubt, etwas richtiges zu tun, reinen Gewissens auf der Seiten des Guten und Gerechten zu stehen… hat man dann eigentlich eine derartige Angst?

20 Kommentare

FIN DE SIECLE

My feeling is that the twentieth-century fin de siècle started in the early 1970s as a reaction to contemporary culture having finally run out of steam – the 1960s being to my mind the last bright burst of modern spirit.

Peter Saville

(Rick Poynor: Design without Boundaries)

Keine Kommentare



RSS Feed.| Dieses Theme ist ein Mod von Modern Clix.