
«Gehst du mit mir spazieren?» Mit dieser unschuldigen, leicht quengelnden Bitte eines kleinen Kindes beginnt der Film Little Children von Todd Field. Und wie Kinder- impulsgetrieben, ohne Kontrolle, aber zugleich auch unschuldig – begegnen uns die erwachsenen Protagonisten des Films, als Opfer ihrer eigenen Leidenschaften und ihres eigenen Hungers. Da ist – am offensichtlichsten – der Exhibitionist und Pädophile Ronald James McGorvey, aber auch Sarah Pierce und Brad Adamson folgen mit kindlicher Naivität ihrem ungezügelten Es. Field inszeniert eine klischeehaft anmutende vermeintliche Kleinstadtidylle in die gleich auf zweierlei Art Unheil hereinbricht, zum einen in Form des nach einem Gefängnisaufenthalt zu seiner Mutter zurückkehrenden McGorvey, zum anderen in Form von Brad, der in in Sarahs leere Existenz als Mutter hereinbricht und ihre Spielplatzroutine durcheinanderbringt. Der wie mit der Traummann-Keksstanzform gebackene Baywatch-Schönling (der so aussieht, wie er heißt, ein echter «Brad» eben, All-American Sweetheart) knallt mit Sarah so zusammen wie die Züge, die er – symbolisch, symbolisch – kurz zuvor mit seinem Sohn Aaron kollidieren lässt. Und warum auch nicht? Seine Frau Kathy hat die Hosen an, verdient das Geld und entmannt ihn nach allen Regeln der Kunst – und damit wir das auch sicher verstehen, zeigt Todd Field, wie Kathy ihm das Abo seiner Sportzeitschriften storniert. Brad, der anstatt für sein Anwaltsdiplom zu büffeln, lieber träumend den Kids beim Skateboarden zuschaut, sieht in der von Kate Winslett schläfrig gespielten Sarah einen Ausbruch, eine Flucht von der zu schönen und zu perfekten Ehefrau, eine Rückkehr in die Jugend, als er noch Quarterback war und so etwas wie Sex hatte. Nicht ohne Grund darf/muss der Beau denn auch fast simultan mit dem Anfang der Affaire mit Sarah auch wieder Football spielen. Was Sarah angeht, so erwischt sie ihren Mann beim Onanieren vorm heimischen PC (auch Richard folgt nur – das wird sogar explizit von einer Sprecherstimme erklärt – unschuldig seinen Gelüsten) und riecht angeekelt an seinen zugewichsten Kosmetiktüchern, was ihr anscheinend ausreichend Anlass ist, fremdzugehen. Das Richard ohnehin – mehr noch als Kathy – als Randfigur erscheint, als Cypher des faden, latent unsympathischen Karrierebürohengstes, ist einer der großen Gähner dieses Films, ein schwaches, vielleicht unnögies Alibi, zu offensichtlich, zu klischeebesetzt. Welche Frau würde, wenn sie Mr. Baywatch Brad und Mr. Nasses-Handtuch Richard nebeneinander sieht, nicht eher mit Brad ins Bett springen wollen?
Field spinnt aus dieser Konstellation eine griechisch anmutende Tragödie, in der am Ende Brad und Sarah lernen, das sie ihrem unschuldigen Hunger nicht folgen können, beide kehren zu ihrem alten Partner zurück. Das von Field mit verfasste Drehbuch erzählt diese ohnehin nicht sonderlich neue Geschichte auf eine so berechenbare und so plump symbolüberfrachtete Art und Weise, das man sich fragt, für wen der Film eigentlich gemacht ist. Aber irgendwer liest ja auch Rosamunde Pilcher. Das dabei vor lauter Symbolik auch gern die Logik auf der Strecke bleibt, wenn Brad seiner Frau etwa einen Abschiedsbrief schreibt, sich dieser aber hinterher in seiner Jackentasche wiederfindet, oder wenn Brad zu Sarah rennt, um mit ihr durchzubrennen, plötzlich aber meint, erst einmal eine Runde Skateboard fahren und sich fast das Genick brechen zu müssen, dann tut das schon etwas weh. Das Skateboardfahren, Metapher für Brads Drang nach Freiheit, führt zum Absturz («Du hättest es fast geschafft, Mann!») und danach – als hätte er den Subtext des Drehbuchs erst jetzt verstanden – kehrt Brad der Freiheit den Rücken und zu seiner Frau zurück. Ebenso Sarah, die – nach einer Konfrontation mit dem «Kinderschänder» – Angst um ihre Tochter hat und plötzlich einsieht, dass sie ihrem Kinde zuliebe in einer unglücklichen Ehe bleiben muss… ganz abgesehen davon, dass Brad sie scheinbar versetzt hat.
Kaum orgineller als der Hauptstrang der Erzählung ist die Nebengeschichte um den Ex-Cop Larry Hedges und den Pädophilen Ronald, dessen Mutter Larry unbeabsichtigt mit seinen hysterischen Versuchen, Ronald aus dem Viertel zu vertreiben, in den Tod treibt und der sich am Ende – um ein braver Junge zu sein – selbst kastriert. An dieser Kastration erweist sich der Film vielleicht am deutlichsten als im Kern prüde. Am Anfang des Films – als Sarah sich noch als kühle «Anthropologin» im Sumpf des Spießertums sieht – sprechen drei wie Macbethsche Hexen auf dem Spielplatz Gericht haltende Mütter davon, dass man Ronald kastrieren müsse, und am Ende gibt der Film dieser verqueren Logik recht, am Ende muß die Lust beschnitten, beseitigt, getilgt sein. Auch Sarah und Brad beugen sich am Ende dem Über-Ich dieser All-American Sauberkeit und kehren zurück zu Ehe und Apfelkuchen – und das freiwillig. Wäre Field wenigstens eine Geschichte gelungen, in der das impulsive Liebespaar von der Spießerumwelt eingedampft wird… aber nein, beide kommen einfach so «zur Vernunft». Es steckt ein tiefer Mief von Spießigkeit in diesem Film, der angeblich von Freiheit erzählen will. Sarahs Entsetzen über den cyberonanierenden Ehemann wirkt so unzeitgemäß wie eine Doris-Day-Frisur und passt so gar nicht zu ihren eigenen sexuellen Gelüsten und dem Fremdgehen, ihrem angeblichen «Ausbruch». Fast vorhersehbar auch, dass der mit Jackie Earle Haley ohnehin recht offensichtlich gecastete Kinderschänder-in-spe mit dem Rattengesicht und der unreinen Haut sich tatsächlich als sexuell gestört erweist und ein Muttersöhnchen ist. Wohltuend – und zugleich doch auch enttäuschend – ist einzig, dass McGorvey sich am Ende nicht an Sarahs Tochter Lucy vergreift… obwohl sich gerade das so anfühlt, als habe der Autor vor dieser letzten Konseuqenz der griechischen Tragödienstruktur zurückgeschreckt. Denn es wirkt seltsam, dass Brad zwar im Krankenhaus landet, Sarah aber weitestgehend mit wenig mehr als einem Schreckmoment aus der Affaire kommt. Wie so oft fühlt sich der Film an dieser Stelle seltsam brav an, weichgespült, viktorianisch. Wenn Brad und Sarah wieder getrennte Wege gehen, so fühlt sich das sinnlos an, weil beide weder erkennbar durch die Ereignisse einen neuen Sinn in ihrer alten engen Existenz entdecken noch von außen getrennt werden – beide geben einfach, weitestgehend grundlos, auf, beide erkennen sie Unsinnigkeit des Wunsches einer Flucht aus der Öde des Alltags einfach kampflos an. Träum’ nicht, sagt dieser Film.
Unter anderem Umständen kann so ein Film über das Aufbegehren aus dem Mief der Vorstädte aufregend und fesselnd sein – aber hier bannt Regisseur und Autor Field eine Plattitüde nach der anderen aufs Celluloid, das einem schwindelig wird. Der Sex im Waschkeller, neben dem ratternden Wäschetrockner, scheint eher aus einem Dear-Penthouse-Brief frustrierter Hausfrauen zu stammen, und dieses magere Seifenoper-Niveau legt der Film nie ab. Bei allen wuchtigen Allegorien, bei aller pompös-unsubtilen Symbolik, es mangelt einfach strukturell an Tiefgang, es mangelt an Geschichte, es mangelt an einem guten Drehbuch. Man hat bisweilen Mitleid mit den Darstellern, die sich durch diesen flachen Plot arbeiten müssen. Allen vorweg Haley, den die Regie durch eine der peinlichsten Wahn/Trauer/Wut-Sequenzen in der Filmgeschichte scheucht. Man ahnt, dass der Pädophilen-Darsteller hier viel mehr geben könnte, einfach, weil er in anderen Szenen mit einem einzigen Blick mehr Trauer und Frustration kommunizieren kann als in dieser Sequenz mit allem nervösen Herumgehen, Wüten, Händen-an-den-Schädel-hämmern. Der Darsteller hätte diese Szene deutlich subtiler spielen können, aber er sollte wohl Peter Lorre in «M» nachahmen. Als Haley inmitten der Hummelfiguren und Uhren seiner Mutter steht, weiß man intuitiv, dass er diese (bleischweren) Symbole der Naivität seiner «Mami» im nächsten Moment zerschlagen wird, weil das Drehbuch ja bisher auch keine Chance ausgelassen hat, jedes plumpe Klischee mitzunehmen. Wie Sarah und Brad ist eben auch Ronald James McGorvey im Grunde selbst ein Kind geblieben, das erst am Ende des Films versucht, erwachsen zu werden. Am Ende sind sie alle «gute Jungen» (und Mädels), kastrieren sich. Das Field es nötig findet, die innere Kastration des Liebespaar aufdringlich in Form des sich selbst den Penis abtrennenden Kinderschänders zu spiegeln… «grobschlächtig» wäre hier noch höfliche Umschreibung. Jedes einzelne Symbol in diesem Film ist so oberflächlich, so offensichtlich, dass man verzweifeln möchte, wenn etwa Kate Winslett im ausgerechnet roten Badeanzug im Schwimmbad erscheint, das Geräusch der Spielplatzschaukel im Finale fast zum Horrorfilm-Zitat mutiert, oder wenn drohendes Unheil durch aufkommenden Sturm reflektiert wird. In amerikanischer Grellheit versucht sich Field hier an europäischem Autorenkino, dabei aber so grobmotorisch, so klobig, so unbeholfen, dass man sich wahrscheinlich bei einem Sommer-Blockbuster besser unterhalten gefühlt hätte, weil Anspruch und Können bei Blockbustern eben dichter beieinander sind, die wollen ja von vorneherein nichts.
Bemerkenswert ist einzig und allein die absolut grandiose Kameraarbeit in Little Children. Antonio Calvache fängt die öde Geschichte in Bildern ein, die alles andere als langweilig sind. Mit der Ruhe einer Eidechse in der Mittagssonne streicht seine Kamera über Gesichter und Häuserfronten, Spielplätze, Schwimmbäder und Einrichtungsmief. Braune, entsättigte Farben, langsame Schnitte und ruhige Subtilität in den eher unnötigen Sex-Szenen des Films verleihen Little Children eine ästhetische Oberfläche, die über die Plumpheit der Geschichte hinwegtäuschen kann. Es gibt immer wieder wunderbare Cinematographie in diesem Film – wenn auch das Footballfinale fast ironisierend pathetisch geraten ist -, wie etwa der Moment, in dem Sarah aus der Umkleide erstmals in das Sonnenlicht des Schwimmbades kommt und alles grell, überbelichtet wirkt. Auch Calvache muss mit der grobschlächtigen Sybolik des Filmes kämpfen, aber immer wieder gelingen ihm kleine Momente, die fast photographische Klarheit haben, die man so einfrieren und länger studieren möchte, um die Details aufzusaugen. Die Kameraarbeit verleiht dem Film – wie das Filmplakat es ja auch tut – eine magnetische Eleganz, eine schwüle Behäbigkeit, die absolut bemerkenswert ist. Aber Antonio Calvache schreibt hier alles in allem eben Schecks, die Todd Field keine Sekunde einlösen kann. Der Film mag gut aussehen, bleibt aber im Kern oberflächlich und enttäuschend.
28. Mai 2007 12:56 Uhr. Kategorie Film. 3 Antworten.

Die Zeit hat wieder ein Supplement. Aus dem Leben-Magazin, in schlechteren Zeiten zum reinen Innenteil degradiert, ist wieder ein 64-seitiges Magazin geworden. Als die ersten Ankündigungen kamen, befürchtete ich, «Leben» würde komplett als eigenständiges Blatt ausgekoppelt – immerhin macht der Zeitverlag mit allerlei Magazinen Experimente in Sachen Markenverlängerung – aber es ist (bisher) wirklich beim Beilagenkonzept geblieben. Was, kein Zweifel, eine tolle Sache ist. Aaaaaber…
25. Mai 2007 18:38 Uhr. Kategorie Design. 4 Antworten.

Dieses Bild – geschossen von Gerhard Kassner – kam heute von Jürgen Siebert mit dem Kommentar: «Oh, ja du warst auf der Typo.» Denn irgendwie hatte er da anscheinend Zweifel dran, weil ich wohl da war, aber nicht wirklich da war. Noch einmal ‘tschuldigung an alle lieben Leute, an denen ich verpeilt und seltsam vorbeigelatscht bin, ohne Hallo zu sagen oder etwas zu quasseln. Meine Mutter meint, ich würde in die Wechseljahre kommen, aber wahrscheinlich war ich nur ausgepowert, übermüdet und unsozial – und ich glaube, Nick und Indra können bestätigen, dass Gespräche mit mir eher irritierend waren… ;-). Mea culpa.
24. Mai 2007 21:05 Uhr. Kategorie Leben. 10 Antworten.

Wenn wir über Design reden, geht es oft so abgehoben um den Entwurf und die Idee und eine der vielleicht wichtigsten Phasen einer Produktion gerät dabei völlig außer Sicht: Die Korrekturen. Abgesehen davon, dass man vor den ersten Korrekturen immer am meisten Angst hat – was gefällt dem Kunden, was darf bleiben, was wird abgelehnt… ist dieser Abschnitt derjenige, in dem aus einer Idee eine konkrete Sache wird, in dem Ecken und Kanten abgeschliffen, Fehler gesucht und beseitigt wird. Es macht meist Spass, dabei zu sein, wenn nach und nach in einem Filterprozess die großen und kleinen Patzer von beiden Seiten gefunden und behoben werden. Auch wenn es konkret hochanstrengend ist, dem fertigen Produkt kann man eine gute Korrekturphase anmerken und deshalb mögen wir Korrekturen, bei denen blöde Fehler gefunden werden, bevor sie im Druck verewigt werden und man sich hinterher totärgert.
Wie komme ich drauf? Steffi sitzt seit zwei Tagen über einem wahren Berg an Zetteln an den Korrekturen zum Saisonheft 07/08 der Philharmoniker und leistet dabei eine Löwenarbeit, die – wie auch bei Kaupp, wo sie und Diana Lamprecht stunden- und tagelang am Telefon gemeinsam bei der Sache sind – viel zu oft unbesungen bleibt. Nicht nur hier, im Büro, sondern auch auf der anderen Seite: Die Leute, die mit uns Korrekturen fahren, bei den diversen Aufträgen, sind Gold wert und man kann sich nicht oft genug für die Geduld und de Nerven aller Beteiligten bedanken, denn Korrekturen sind meist die Phase, in der der Spaßfaktor dem Ernst des Lebens weicht und da braucht man Nerven. Und ich denke, in anderen Büros ist es genauso – die Korrektur ist unersetzlich wichtig und der Job, obwohl nicht glamourös, an Wichtigkeit nicht hoch genug anzusetzen. Detail is everything – und ohne gute Korrekturen gäbe es also kein (halbwegs) gutes Design.
20:52 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

An Special Topics in Calamity Physics bin ich mit gemischten Gefühlen gegangen. Erste Besprechungen haben das Buch entweder hochgelobt (und komplett fälschlicherweise mit Donna Tarts Secret History verglichen) oder völlig verissen. Und kann eine so junge, so marketinggerecht photogene Autorin auch noch wirklich so übertalentiert sein, wie viele schäumende Reviews nahelegen?
Aber Hallo.
Pessls Debüt ist eine im besten Sinne des Wortes überquellende, überbordende Erzählung, aufgeteilt in 36 Kapitel die als fiktive Leseliste, als Kanon, als Vorlesung mit abschließendem Test, verfasst sind. Überhaupt schwimmt das Buch förmlich – nicht einmal mehr im Subtext, sondern ganz offensichtlich – in Zitaten, Quellverweisen, Anspielungen auf Bücher, Filme, auf Weltliteratur und Popkultur. Handlungen, Charaktere, Situationen werden auf subtil witzige Art mit literarischen Vorlagen illustriert und kommentiert, dazu zitiert Protagonistin und Ich-Erzählerin Blue van Meer nahezu pausenlos aus ihrem scheinbar bodenlosen literarischen Aphorismenkästchen, das Roger Wilhelmsen blass vor Neid würde. Eine Zeit lang hat man beim Lesen Ansgt, dass dieser sich schnell abnutzende Kunstgriff der permanenten Referenz nervig wird, aber schnell wird klar, dass es kein reiner stilistischer Parforceritt der Autorin ist, sondern ein Zugang zu Blue selbst, eine Meta-Charakterisierung. Nicht umsonst ist die erste Frage des «Final Exam» am Ende des Buches: «Blue van Meer has read too many books. T/F?» Das van Meer ein hyperintelligenter (IQ 175), im Buchwissen ertrinkender und nach Lebensdramatik dürstender Teenager ist, macht das Buch nicht nur lesenswert, sondern ist auch ein Schlüssel zur Doppeldeutigkeit der Narration. Denn am Ende des Buches bleibt unklar, ob das, was man soeben gelesen hat, Realität ist oder nur der fieberhaften Phantasie von Blue entspringt, die – ganz Buchmensch – nach Plots, nach Denoument, nach Logik sucht und vielleicht nur Zusammenhänge schafft, wo ihre Phantasie danach verlangt. Ob Hannah Schneider also wirklich das Opfer einer internationalen Verschwörung ist oder doch nur eine einsame Lehrerin, die sich im Wald erhängt hat… wer weiß. Kritiken, die das etwas seltsam konstruiert wirkende Ende des Buches bemängeln, in dem Blue rasant ein Puzzle aus Indizien zusammentheoretisiert… haben eine entscheidende Ebene des Buches leider verpasst, glaube ich, obwohl Pessl am Ende, im Fragebogen, sehr ausdrücklich darauf hinweist. Special Topics ist nicht ohne Grund in der ersten Person singular geschrieben :-).
Denn der Plot, um eine Gruppe von Teenagern und die charismatische Lehrerin Hannah Schneider, die im Wald bei einem gemeinsamen Campingtrip der Gruppe erhängt an einem Baum von Blue aufgefunden wird, um Blues Vater Gareth van Meer, um einen Haushälter und einen Harvardprofessor und um eine geheimnisvolle politische Bewegung, die es vielleicht gibt oder nicht gibt… erscheint nur solange logisch, solange man in der ICH-Perspektive von Blue bleibt. Die nach einem fast endlos langen Aufbau – der mehr als die erste Hälfte des Buches verschlingt – fast hyperrasante Lösung des Puzzles, für die Blue nicht umsonst bewusst in die Rolle berühmter detektivischer Vorbilder schlüpft, mag so stimmen… oder eben nicht. Es ist eine grandiose Leistung, einem an sich so schlüssigen, leicht surreal werdenden Plot am Ende den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Und vielleicht, nur vielleicht in Wirklichkeit die Geschichte einer hochintelligenten, aber traumatisierten Studentin geschaffen zu haben. Wie man bei American Psycho nur erahnen kann, dass Bateman seine Verbrechen wahrscheinlich nie wirklich begeht, einfach in eine Traumwelt flüchtet, so wird auch bei Special Topics nie ganz klar, ob man den hypnotischen Fieberträumen von Blue erlegen ist oder nicht.
Diese wunderbar doppelbödige Geschichte wird ergänzt durch schillernde exzentrische Charaktere und eine Protagonistin, deren Smartness, deren wirbelnder bissiger Ironie, deren Hunger man schnell wehrlos ausgeliefert ist. Pessl schafft für Blue van Meer eine Stimme, die liebenswert und lebendig ist, humorvoll und warm und zugleich von fast kristallscharfer Intelligenz und Beobachtungsgabe. Das Buch platzt fast aus den Nähten vor Metaphern und Similies, die ungewohnt und neu sind und man erwischt sich oft dabei, dass man einen Satz ein zweitesmal liest, um den Geschmack davon noch einmal bewusster auf der Zunge zu haben. Fast verschwenderisch, fast angeberisch wirft Pessl mit Bildern und Vergleichen um sich, die ein Luxus, sind, eine fast ertänkende Flut, zu viel Schokolade. Manchmal betäubt diese überschwengliche Pracht, das literarische Name-Dropping, fast die Geschmacksnerven, ebenso wie man an den Dialogen, an Pessls Fähigkeit, ihren Figuren distinktive klare eigene Stimmen zu geben, allen vorweg dem wunderbar zynischen It-Girl Jade, fast ertrinkt. Das sie am Ende die Fäden ihrer Story dann nahtlos zusammenknüpft, überraschend und befriedigend und logisch und erst ganz am Ende den Boden unter all dem wegzieht… meisterhaft.
Special Topics in Calamity Physics ist auf so vielen Ebenen wunderbar, so voller Allusionen, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten, Referenzen, Verneigungen (schon die reine Tochter/Vater-Beziehung ist eine bereinigte Anspielung auf Nabukovs Lolita), dass man kaum mehr in der Lage ist zu unterscheiden, welche Quellen real und welche von Pessl frei erfunden sind. Selbst relativ belesen, fängt man wahrscheinlich nur die Hälfte der Bälle, die die Autorin übers Netz spielt… und bereits diese 50% machen Special Topics eben auch zu einem wunderbaren literarischen Puzzle. Es macht teuflisch Spaß, zu überlegen, wo die Verbindungen zwischen den Büchern der Kapiteltitel (Deliverance, Justine, The Big Sleep, Moby Dick) und dem tatsächlichen Inhalt angelegt sind, es macht Spaß, zitierte Bücher und Filme zu googlen, um nach weiteren Bedeutungsebenen zu suchen. Und so weiter. Ganz en passant wird das Buch so zum Kreuzworträtsel und zur Inspirationsquelle. Ohne dabei eine Sekunde langweilig, trocken oder dröge zu wirken, ganz im Gegenteil. Pessl beweist, wie hyperkinetisch-lebendig und hip der Kanon von Weltliteratur und Filmkunst sein kann. Und zugleich beweist Pessl, dass sie absolut auch selbst schreiben kann. Nimmt man Blue van Meers Zitatenstadl beiseite, bleiben nach wie vor wunderbare Sätze mit einer großartigen Finesse und Schlagkraft, die klug und umweglos Emotionen transportieren, druckvoll und echt. Krispe Dialoge, ein fast völliges Ausbleiben von peinlichen oder falschen «Momenten» und eine kluge, bodenlose Geschichte, bei der sich befriedigenderweise Anfang und Ende die Hand schütteln, so dass man Special Topics gleich noch einmal lesen möchte, um all die versteckten Details im zweiten Durchgang noch besser genießen und entdecken zu können. Pessl ist sicherlich nicht ein ganz so loderndes Feuerwerk gelungen wie Jonathan Safran Foer mit Everything Is Illuminated, aber dennoch ein hypnotisches, hinreißendes Buch.
Ganz kurz die bei mir ja übliche Sache mit der Übersetzung. Ich befürchte, der Übersetzer wird mit dem Buch zu kämpfen gehabt haben. Der Stil und der Reichtum des Buches ist eine harte Nuss sein, und eigentlich müsste man – bewaffnet mit einem Arsenal an Büchern und einem übermenschlichen Wissen über die Buchkultur des 19. und 20. Jahrhunderts – alle Zitate, Andeutungen und Anspielungen nach verfolgen und aus der Quelle wieder korrekt einfügen, anstatt einfach platt den Original-text NEU zu übersetzen. Schwer, nicht unmöglich… aber bereits die Übersetzung des deutschen Titels gibt Anlass zu Sorge. Aus Special Topics in Calamity Science wurde Die alltägliche Physik der Unglücks. Was nicht nur deutlich weniger exzentrisch klingt, eher nach Frauenroman-Einerlei, was nicht nur die wunderbare Doppeldeutigkeit von Calamity etwas unterschlägt (Unglück klingt im Deutschen eben mehr nach Nicht-Glücklichsein als nach Unfall, Calamity ist schwebender), sondern vor allem aus SPECIAL TOPICS (also aus etwas besonderem) das ALLTÄGLICHE. Bei soviel geballter Inkompetenz in EINEM SATZ… mag ich nicht über das Buch als Ganzes nachdenken müssen.
14:36 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.
Schöne Arbeit, der zwei Faves von mir zusammenbringt. Bei einem so umfassenden Thema kann man natürlich nicht wirklich in diesem Umfang alle Beispiele nennen und die grandiosen Arbeiten aus den 30er bis 60er Jahren zeigen, aber dem Grundfazit, das sich auch im Detail der Schriftwahl in der Zukunft von Science Fiction immer nur die gegenwart (und somit die Vergangenheit) spiegeln kann, kann man natürlich nur zustimmen…
23. Mai 2007 14:55 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

Deutsche Filme machen mir meist Angst, wenn ich hineingehe. Egal, wie gelobt – deutsche Produktionen stecken oft in einem Dickicht aus Hype-Netzwerken, die man als Außenstehender kaum durchschaut, nicht jeder hochgelobte Film wird gelobt, weil er wirklich GUT ist -, manche Filme sind so schlecht, dass einem der Atem stockt.
Insofern hält man bei Shoppen den Atem an, wenn es dunkel im Eulenspiegel wird. Waren die Trailer mal wieder das Beste am Abend?
Tatsächlich aber startet Ralf Westhoff seinen Ensemblefilm sanft ironisch mit vor dem Spiegel geübten Anmachsprüchen, mit dem Macho, der sich fürs Selbst-Verkaufen fit macht. Wie bei einem guten Katastophenfilm – und nichts anderes ist Shoppen – stellt der Autor und Regisseur sein insgesamt 19-köpfiges Kernensemble (18 Singles plus Wilm Roil als den Stoppuhr-Mann) peu à peu vor, bevor er sie ins Inferno jagt. Und das Inferno ist in diesem Fall ein Speed-Dating-Event, bei dem sich die einzelnen Personen kennen lernen, im Fünf-Minuten-Takt der Stoppuhr. Die hier zusammenkommende Runde ist weniger «authentisch» als vielmehr ein bunter Mix von Single-Typen – Die Nymphomane, Der Schüchterne, der Planer, die Verpeilte, die Quasselstrippe, die Hysterische, der Dummficktgut, der Frauenflüsterer und und und -, aber was schnell hätte peinlich und platt werden können, gelingt hier, weil die Darsteller-Crew all diesen Stereotypen entgegenspielt und ihren Figuren in aller Regel eine Dimension gibt, die das Klischee treffsicher kontert oder doch zumindest ins Wanken bringt.
Zudem ist Shoppen – trotz des ungewohnten Doku-Formats, das recht trocken die Speed-Dating-Situation beleuchtet – eine Komödie und da gehört eine Prise Klischee dazu. Und die Konfrontation der verschiedenen Mann/Frau-Typen in schneller Abfolge, das oft fast explosive, rapide Aufeinandertreffen eben dieser Stereotypen – die es ja im Alltag tatsächlich so gibt – schafft eine Menge urkomischer Situationen, die recht kurzweilig zwischen neurotische-loriotesquem Humor und etwas platterer SitCom schwanken und so für jeden Geschmack etwas liefern. Die Dialoge kommen oft so ungeschliffen und direkt, dass es spannend wäre, zu sehen, wie diese Idee komplett als Dokumentationsfilm funktioniert hätte – anstatt mit Darstellern. Aber die Darsteller, größtenteils junge Bühnentalente, schaffen es meist, ihre Figuren ohne Overacting zum leben zu erwecken. Es gibt die ein oder anderen zu gewollten, zu «geschauspielerten» Momente, aber alles in allem meistert das Ensemble die Sache wunderbar, wenn man bedenkt, wie unglaublich dünn das Eis in diesem Film ist und wie schnell Shoppen jeweils in Richtung Albernheit oder Zeigefinger hätte ausrutschen können, fast müssen.
Umso bewundernswerter, dass bei aller Spritzigkeit der Dialoge, die schon hier und da das Brigitte-Lebensgefühl aufgreifen und mitunter dicht an der Grenze zur etwas platten Botschaft entlangschliddern, die verschiedenen Figuren dafür sorgen, dass eine eventuelle Botschaft nie zu platt wird. Das der Film (leider) fast so etwas wie ein unnötiges Happy End bietet, im Großen oder Ganzen aber seine Protagonisten nach der Dating-Katastrophe eben doch wieder in die Gefühlsverwirrung entlässt, rettet Shoppen vor dem Kitsch. Die schnellen Schnitte, das solide Tempo, die sorgfältige Kameraarbeit und die oft großartigen Einzelleistungen der Darsteller garantieren einen ebenso unterhaltsamen wie eben auch nicht doofen Abend vor der Leinwand. Denn allein der Titel – Shoppen – spielt ja auf die Darwinisierung der Romantik an, die im Film öfter auch mehr oder minder deutlich angerissen und gespiegelt, kommentiert und diskutiert wird. Wenn der pseudohipnasengepiercte Anmacher Patrick mit dem offenen pinkfarbenen Hemd ausgerechnet derjenige ist, der die Gesellschaftskritik absondert (Liebe wird mehr und mehr als Konsumprozess betrachtet), dann ist das ein cleveres kleines Ironie-Schattenboxen, das Westhoff hier präsentiert, und solche feinen Shifts zwischen den Rollen, solche kleinen Brüche, machen die Figuren (und damit den Film) liebenswert. Vielleicht hätte etwas weniger erklären-wollen, etwas weniger Psychologie-Potpurri den Film stärker gemacht, mehr Dreck eben, weniger Absicht… aber wenn ich nach dem Film gefragt werden, warum er denn nun Shoppen heißt… vielleicht auch eben nicht. Das Westhoff etwas Tiefgang und «Message» reinbringen will kann man ihm nicht verübeln und der Film ist ja trotzdem insgesamt schnell, überraschend und vor allem immer wieder brüllkomisch. Ein bisschen Pop-Psychologie und Händeübermkopfzusammenschlagen-über-die-Probleme-modernen-Balzens kannst du da also irgendwie schon als Zuschauer auch gut verpacken.
Das Shoppen sich zudem ganz unhip als Münchener Film durch und durch zu erkennen gibt und mit breitem Akzent daherkommt, macht die Sache grundsympathisch und betont das authentische Flair des Ganzen. Ob als Pärchen oder Single – Shoppen ist ein flockiger, unterhaltsamer Film, der vielleicht ein bisschen zum Diskutieren über die Liebe einlädt, aber nicht gleich den bretterdicken Diskurswalzer tanzt. Eher so wie die andere wunderbare deutsche Produktion Full Metal Village ein zuckerwatterleichter Film mit einem – allerdings nicht ganz so bitteren – Cyanidkern. Wenn das so weitergeht, kann ich bald ohne angstschweißpatschnasse Hände ins Kino, wenn ein Film made in germany läuft…
21. Mai 2007 19:31 Uhr. Kategorie Film. 5 Antworten.

So müde, dass ich draussen in der Sonne einschlafe und eigentlich allen Gesprächen ausweiche, weil ich ohnehin kaum kohärent denken kann. Trotzdem waren Mario Lombardo und Kim Hiorthoy sehenswert.
Bilder vom Tag…
19. Mai 2007 02:15 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

Da ich letztes Jahr die Typo schon von Innen geblogt habe und Wiederholungen langweilig sind (und ich diesmal nicht so viel zu berichten hätte, weil ich die meisten Referenten nicht wirklich kenne und auch nicht Backstagezugang hatte), gibt es von der Musik-Typo keine Innenbilder, sondern ganz LoFi mit der Leica Bilder vom Drumherum. Passt auch viel besser zu meinem extrem übermüdeten verpeilten Zustand. Wie die Typo selbst ist, könnt ihr auch viel besser live im Fontblog und bei Nick und Slanted verfolgen.
Ab gehts…
18. Mai 2007 01:23 Uhr. Kategorie Leben. 9 Antworten.

Unglaublich aber wahr. Wir haben termingerecht den ersten Entwurf des Saisonheftes der Bielefelder Philharmoniker gegen alle Tücken der Technik geschafft. Fünf Nachtschichten und der geniale Einsatz von Steffi, Raffael und Marian, nicht zuletzt das Verständnis anderer Kunden und meiner Studenten, die alle warten mussten, bis dieses Stück Weg geschafft war, haben sich also hoffentlich gelohnt… und gleich doppelt. Denn wir sind nicht nur in time fertig, sondern ich kann auch müde aber happy zur Typo, morgen früh geht’s mit Marian, Sean, Chris und Steffi los, richtig dekadenter Roadmovie mit Chris’ 5er BMW. In Berlin selbst muss ich mich noch um Details und das Covermotiv kümmern, aber das schaffe ich schon. Es ist witzig, wie sich dieses Heft quasi selbst bestimmt hat und viele unserer ursprünglich geplanten Ideen einfach nicht mit den Planetenbildern harmonieren wollten, deren eigenwilliger Look einfach nach eher schlichter Typographie verlangte. Und so kommt die fast HD-typische rotschwarze Typographie wieder zum Vorschein, etwas widerwillig vielleicht, aber es war die richtige Lösung, alles andere sah «unecht» aus. Die ersten Versionen waren dann noch zu streng und somit langweilig, aber ich finde, jetzt haben wir gegen Ende einige lustige Dinge drin. Ach, das Heft müsste 280 statt 112 Seiten haben, wir hatten noch so viele Ideen dafür. Ich hoffe, in den Korrekturen bleibt es möglichst unverändert – die Philharmoniker sind in der Hinsicht seit jeher eigentlich traumhafte Partner-, denn die Sache ist eigentlich recht … äh… rund :-D. Es ist hier und da etwas eng geworden, weil 112 Seiten natürlich sehr wenig sind. Die Hälfte der Arbeit war, das auf diese Seitenzahl zu begrenzen.
Großartig war die Synergie im Büro bei diesem Job, der wirklich alle technischen Grenzen gesprengt hat. Die fertigen Planeten sind – schon als Kompromiss heruntergerechnet – bei 350 dpi 2,25m² groß. Irgendwann kann ich da noch mal Faktenhuberei machen, wenn man wieder durchblickt, welche Files wo auf welchen Rechnern sind. Auf jeden Fall hat es hier ordentlich trotz mehrerer Terabyte Speicher wirklich fast alle Festplatten gesprengt und mein Rechner war der einzige, der die Bilder überhaupt noch durch ein zwei Filter jagen konnte, und selbst das hat Stunden gedauert. Und so saßen wir hier zwischenzeitlich mit sieben Rechnern, um wie Irre Panoramas und Planeten zu rendern, Marian kam zwischenzeitlich mit seinem eigenen PC ins Studio, überall waren Laptops vernetzt, überall wurde retuschiert (aus jedem Bild muss ja z.B. der Tripodschatten entfernt werden) oder an Bildern gewerkelt und Raffael, Steffi und ich haben im Layout recht nahtlos zusammengearbeitet, während Marian mir heute mit der Übernahme eines Fototermins den Rücken phantastisch freigehalten hat. Es war eine irrsinnig anstrengende Woche, hat mir aber trotzdem viel Spaß gemacht. Solche Jobs mit etwas mehr Zeit und Budget und ich wäre ein Happy Cowboy. Ob das Heft wirklich ausgewogen und gut geworden ist.. keine Ahnung, sowas weiß ich immer erst mit Abstand. Es ist jedenfalls komplett anders als im Vorjahr, opulent statt streng, Barockserifen statt DIN. Und ich denke, die Bielefelder selbst haben ihre Stadt so noch niemals gesehen, was sicher an sich schon eine feine Sache ist. Ich hatte große Angst, dass die Stereoskopie ein leerer Digital-Gag bleibt, aber die großartigen Photos von Raf und Marian, die auch an sich – als normale Panoramas – sehr schön sind, machen die Sache zu mehr als einen reinen Visual Pun. Wirklich grandios sind die Bilder aber eigentlich erst in Originalgröße, weil sie einfach so detailreich sind. Ich bin sicher, man könnte sie problemlos bis 5 Meter ausgeben. Ich hab selten so Lust auf ein größeres Format gehabt – A3+ – wie bei diesem Heft.
Ein paar hastig-schlechte Shots vom Bildschirm als Festhalten dieses Arbeitsstandes und als Vorgeschmack… jetzt noch fix 30GB für die Nachtschichten in Berlin aufs Laptop schaufeln und ich bin in jeder Hinsicht fertig :-D….
(weiterlesen…)
16. Mai 2007 22:02 Uhr. Kategorie Arbeit. 32 Antworten.

Ach,die wunderbare Welt der Nachtschichten. Um mich beim Warten auf die Bildbearbeitung, die 1,50 x 1,50 m großen Bildern mal eben etwas dauern kann, wachzuhalten, habe ich mein Trinity (HTC 3600) kernsaniert. Bin ich vorher nie zu gekommen, jetzt steht er so, wie er soll. Weil hier ja doch ein paar Trinity-User vorbeischauen… let’s share.
Zum einen habe ich das aktuelle deutsche ROM draufgespielt – und siehe da, das Trinity hat GPS und kein allzu schlechtes. Es ist zwar noch WM5, aber das ist mir eigentlich auch völlig egal, Hauptsache ist, das GPS funktioniert. Obwohl kein SIRF III-Chip reicht es völlig aus, um mit TOMTOM6 navigieren zu können. Vorteil für mich ist, das ich auf dem Gerät UMTS-Flatrate habe und so aktuelle Staudaten in die Routenplanung einfliessen lassen kan, bisher immer ein Nachteil. Entsprechend habe ich bei TomTom ein Radarfallen/Stauwarnungs-Abo gemacht, ich denke, die 45 Euro im Jahr rechnen sich schnell, wenn die Stauwarnung wirklich gut ist. Das Tool QGPS bringt übrigens beim Cold Fix keinen Vorteil beim Trinity, sehr schade. Der Fix dauert etwa 5 Minuten bei Kaltstart. Das GPS Modul behält etwa 4 Stunden sein Gedächtnis für einen Hot Fix… und schaltet sich stromsparenderweise ab, sobald es nicht gebraucht wird (also wird mit TomTom gestartet und beendet. Sehr gute Lösung.
Ein weiterer Bonus des Upgrades ist -neben deutlich schnellerem Boot bei Softreset – die superleichte Verbindung via USB/BLuetooth und UMTS ins Internet. Das Trinity lässt sich jetzt mit einem Klick als «Modem» für Laptop und Internetzugang nutzen. Was früher eine Treiberorgie war ist jetzt kinderleicht und läuft großartig. Echte Verbesserung, an sich bereits alleine das Upgrade wert.
Da nach einem ROM-Upgrade sowieso im Grunde das Gerät neu einzurichten ist,habe ich gleich einige Änderungen vorgenommen. Neben der installation des Black Trinity Skins habe ich meine Oberfläche mit dem Tool rltoday getuned, das ich – basierend auf NateDefault - selbst mit HIlfe von zwei anderen Skins und den GlassIcons schon ziemlich für meine Bedürfnisse modifiziert habe. Wenn jemand RL benutzt und das Skin haben will, eMailt mich. Es ist noch nicht ganz perfekt, Voicemail will einfach nicht aus der Registry gelesen werden, aber okay… kommt Zeit kommt Rat. Aber so bin ich erst einmal komplett weg vom Windows-Look und habe eine ganz eigene, funktionale und vor allem schwarze Lösung :-D
SPBPocketPlus bleibt mein Taskmanager, auch wenn es inzwischen gar nicht mehr sichtbar ist und etwas einfacheres auch okay wäre. Music Player bleibt das PocketMusic-Bundle…
Eine weitere Verbessung ist der Umstieg auf AgileMessenger. Obwohl mit 50 Euro für PPC-Software ziemlich teuer (zumal dere Messenger vorher Freeware war), ist er eine deutliche Verbesserung gegenüber der miesen ICQ-Beta und dem Windows-Eigenen MSN, zumal Agile Multi-Messenger-tauglich ist. Gute Sache.
Insofern gibt es eigentlich kaum noch etwas, was das Trinity nicht kann, selbst das Eten X800 klingt nicht nach Quantensprung und das iPhone zwar optisch schöner, aber rein technisch ein Alptraum, eben eher ein Handy als ein Computer, was ja an sich völlig okay ist, exzellentes Gerät… aber mir nicht wirklich hilft. So, wie der Trinity jetzt ist, bleiben nur noch Wünsche wie schnelleres Internet und der übliche Dreiklang aus Kleiner, Leichter, längere Laufzeit. Aber wer will das nicht?
20:44 Uhr. Kategorie Technik. 2 Antworten.

Eine der großen Freuden an diesem Job – die irgendwie too much work for never enough cash aufwiegt – ist, dass ich in dem kleinen Büro hier immer wieder Leute sitzen habe,die ich herausragend finde. Einer davon ist Raffael Stueken, der nach seinem Diplom bei mir ein kurzes sechsmonatiges Praktikum hier macht. Der hat letztens eine Arbeit, die er für Kurt Schrages Photo-Brut-Mannschaft produziert hat, mitgebracht, die ich unbedingt zeigen wollte. Das Heft gibt es nur zweimal, es ist digitalgedruckt und handgenäht – es stellt die photographischen Arbeiten vor, gekoppelt mit internationalen Kochrezeoten, einer dekonstruierten Kamera und einer völlig grandiosen Abwesenheit von Informationen. Die Sache ist ein wunderbarer, assoziativer Bilderstrom, zeigt enormes Talent und macht absoluten Spaß beim Lesen. Schade, dass man es nicht kaufen kann…
14. Mai 2007 16:33 Uhr. Kategorie Design. 10 Antworten.

Clownfisch ist eigentlich kein studentisches Magazin, wird aber von Studenten der Ruhrakademie gemacht. Von Christian Hampe und Beate Blaschczok über ein Jahr lang aus der Taufe gehoben, erscheint heute abend die Nullnummer auf der Releaseparty im Wuppertaler LCB. Das erste Heft hat «America» zum Thema und wartet mit einer bunten Sammlung von Photos, Illustrationen und Texten auf, die – wie immer bei solchen anthologisch strukturierten Magazinen – mal mitreissen, mal nicht so. Es gibt großzügige Illu- und Photostrecken, die ehrlich und trashy daherkommen und Spaß machen, aber den Textseiten fehlt es gestalterisch dann irgendwo an Richtung. Will man etwas kritisieren, so zum einen die typographischen Patzer, sowohl im Layoutraster als auch und besonders nervig die Mikrotypographie, die permanent dissonant falsch ist. Man kann kein Designmagazin machen, wenn Basics wie der Gedankenstrich nicht sitzen, das Mal-zeichen permanent falsch ist, von Durchschuß und Zwischenschlag, fehlenden Kapitälchen, mauen Headline-Fonts und vielen anderen gestalterischen Fragen ganz zu schweigen. Insofern ist die erste Ausgabe vielleicht eher etwas zum Gucken, weniger etwas für Freunde guter Typographie. Das Cover zeigt bereits, wie schnell eine schlecht gewählte Typo ein ansonsten wunderbares Motiv zerschießen kann.
Zweiter denkbarer Kritikpunkt ist die Ähnlichkeit zu Dummy, ebenfalls ein themenzentriertes Design-Magazin. Spätestens ab der nächsten Ausgabe – Zerstörung – sollte Clownfisch die Frage beantworten, inwiefern es sich deutlich für den Leser von dem etablierten Blatt unterscheidet und somit eine Theodizee der eigenen Existenz nachliefern. Die Dummy ist ziemlich gut gemacht, insofern wird der Versuch, sich von ihr abzuheben, unweigerlich zu spannenden Prozessen führen.
Denn das Potential von Clownfisch ist – bei aller Detailkritik – absolut spürbar. Bereits die Nullnummer, immer die schwerste aller denkbaren Geburten, strotzt von guten Arbeiten und führt wie eine Miniatur-Ausstellung durch verschiedene Perspektiven zum gewählten Thema, mal assoziativ mal mit Wut. Obwohl noch zum großen Teil mit Ruhrakademie-Bordmitteln gemacht (Bach, Störr, Lietmann sind Dozenten der Akademie), lässt sich erkennen, wie gut das Heft werden kann, wenn die Basis der Beiträge breiter wird und das Clownfisch-Team, mit dem hoffentlich eintretenden künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolg mehr Kontakte, mehr Auswahl, ergo auch mehr Wucht für die kuratorische Arbeit einer Mag-Redaktion haben werden.
Wenn man weiß, wie klein das Team hinter Clownfisch ist und wie persönlich die Vision, wie intensiv die Arbeit dahinter, kann man nicht anders, als das Ergebnis mögen und hoffen, dass Christian, Beate und ihr Team noch einiges mehr an Output produzieren werden, ich freu mich drauf…
12. Mai 2007 15:15 Uhr. Kategorie Design. 2 Antworten.

Ich habe letztens ein Radiointerview zum Thema Arbeitsgesellschaft gehört, in dem der Gast erklärte, es sei schon seltsam – in den Siebzigern hätte man eine Million Arbeitslose gehabt und diese Zahl wäre damals ein Skandal gewesen, wie soll man als Gesellschaft mit einer solchen Menge Erwerbsloser nur leben, es müsse etwas getan werden. Und dann wurden es – trotz aller politischer Maßnahmen – schnell zwei, drei, vier und jetzt um die fünf Millionen Menschen ohne Arbeit (rein statistisch, die Dunkelziffer wird größer sein). Und niemand würde mehr denken, die Welt gehe davon unter, es habe ein schleichender schulterzuckender Anpassungsprozess stattgefunde, die Aufregung, die Panik sei einer Art machtloser Apathie gewichen. Die Politiker beschwören, dass sie Arbeitsplätze schaffen würden, aber wir wissen es längst besser. Ob Auf- oder Abschwung… wir gehen auf sechs, sieben, acht Millionen zu. (Der Gast meinte dies nicht negativ… Seine These, dass es vielleicht der SINN des Kapitalismus sei, Arbeitsplätze und eben Arbeit zu vernichten, ergo paradiesische Zustände in einer Welt ohne körperliche Arbeit zu schaffen, zumal noch nie eine Gesellschaft so einen hohen Produktionsoutput bei so wenig arbeitenden Menschen hatte… ist spannend, aber darum geht es gerade nicht… :-D)
Einen ähnlichen Spannungsverlust, ein Ermüden von Aufmerksamkeit und Protestpotential, erleben wir natürlich auch in anderen Bereichen. Aber ich muss zugeben, was derzeit rund um den G8-Gipfel in Rostock passiert, wirkt wie aus einem schlechten Film über ein totalitäres Regime. Die Errichtung eines 13 Kilometer langen Grenzzauns, der die politische Entscheidungselite von der ungewaschenen Masse abgrenzt, ist ein so druckvolles Symbol, eine so deutliche visuelle Metapher der Entkoppelung von Politik und Realität, dass es sich ein Autor eines dystopischen Endzeit-Romans nicht treffender (und platter) hätte ausdenken können. Die Totalabsperrung einer ganzen Stadt, massive Einschränkungen für die dort lebenden der Bürger, nehmen wir als nahezu normal und gegeben hin… tritt man aber einen Schritt zurück, wirkt es doch eigentlich bizarr und absurd. Ebenso die Großrazzien gegen mögliche «Globalisierungsgegner» mit über 1000 Polizisten im Einsatz, Telefonabhörmaßnahmen, sowie die Idee einer präventiven Festnahme von möglichen Gewaltdemonstranten (wer immer entscheidet, was «gewaltbereit» bedeutet und was auch immer das konkret bedeuten mag). Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern stellt bereits Massenunterkünfte für die Festgenommenen zur Verfügung. Ein Gulag für Leute, die nicht mit der herrschenden Meinung einer Meinung sind.. woher kennt man das nur?
Abgesehen davon, dass solche Demonstrationen von Staatsgewalt nun sicher wenig deeskalierend wirken – es hier also wahrscheinlich weniger um eine echte funktionale Beruhigung einer möglichen Konfliktsituation geht, als vielmehr um eine reine Zurschaustellung innenpolitischer Sicherheitsmittel in Zeiten des Terrorismus… bin ich wirklich der einzige, der das Gefühl hat, in einem schlechten B-Movie aus den Sechzigern gelandet zu sein? Politik sollte Dialog und Offenheit sein, aber die Hinterzimmer-Mentalität, die Illuminati-Mentalität der aktuellen Weltpolitik wird hier fast symbolisch absurd auf die Spitze getrieben. Mehr Elfenbeinturm (wobei wir statt Elfenbein lieber Panzerglas und Stacheldraht bevorzugen) geht kaum. Eine politische Herrschaftskaste, die sich derart vor ihren Subjekten schützen muss, sollte kurz innehalten und sich fragen, woher der Unmut eigentlich kommt und ob man nicht tatsächlich ein System in Frage stellen kann, dass sich offenbar so aufwendig vor systemimmanenter Kritik schützen muss.
Auch wenn die Regierung dabei immer wieder betont, friedliche Proteste seien uneingeschränkt möglich (wobei sich die Frage stellt… wer entscheidet eigentlich, wo die Demarkation zwischen friedlich und gewaltbereit verläuft) – ein friedlicher Protest ist manchmal einfach gar kein Protest. Leute, die mit Pappschildern am Straßenrand stehen und Lieder singen, bewegen, das zeigt die Geschichte, nicht immer wirklich etwas. Wenn man friedlichen Diskurs von Staatsseite mit extremen Aufwand erzwingen muss… dann ist es eben kein friedlicher Diskurs mehr, sondern eine mundtot gemachte Bevölkerung. Wenn Leute mit abweichender Meinung präventiv festgenommen werden, erinnert das Ganze also eher an den Umgang mit Opposition im Dritten Reich. Die verschwand schließlich auch sang- und klanglos – und siehe da, plötzlich waren alle mit der Politik einverstanden. Wir haben uns schleichend an Maßnahmen gewohnt, die vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären und einen unfassbaren Sturm der Entrüstung entfacht hätten. Wer kann also sagen, ob wir in weiteren zehn Jahren nicht schäfchenbrav auch DNA-Datenbanken oder subkutane RFID-Implantation akzeptiert haben, ohne Protest, der damit ja auch automatisch zunehmend erschwert wird. Es ist ein Teufelskreis der Entpolitisierung und der Entmachtung der Bürger und eine Verschiebung von Kontrolle – eigentlich sollten die Bürger ihre gewählten Vertreter kontrollieren können, nicht umgekehrt, oder? – die schon im demokratischem Kontext besorgniserregend ist (und diesen per se auch aushebelt) – man wagt kaum zu fragen, was solche Mittel, einmal implementiert, in den falschen Händen für eine Wirkung entfalten könnten. Und so stabil sind Demokratien nicht, die Bevölkerung neigt zu starken Männern, wie man gerade wieder in Frankreich gesehen hat.
Nicht zuletzt frage ich mich, wie man sich in Heiligendamm fühlt, wenn 17 Jahre nach der Wiedervereinigung eine neue Mauer gebaut wird. Ich frage mich, ob demnächst Bürgerinitiativen versuchen, einen G8-Gipfel in ihrer Stadt zu unterbinden, um sich die Repressalien, den Stress und die Kosten zu unterbinden. Und warum sich die G8-Führer nicht gleich in einem unterirdischen Bunker verschanzen, wenn sie solche Angst haben. Und last not least: Wenn man glaubt, etwas richtiges zu tun, reinen Gewissens auf der Seiten des Guten und Gerechten zu stehen… hat man dann eigentlich eine derartige Angst?
11:52 Uhr. Kategorie Stuff. 20 Antworten.
My feeling is that the twentieth-century fin de siècle started in the early 1970s as a reaction to contemporary culture having finally run out of steam – the 1960s being to my mind the last bright burst of modern spirit.
Peter Saville
(Rick Poynor: Design without Boundaries)
10:23 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

When you watch a writer on a movie programme tearing up page after page, you think he’s in utter despair. And, in many ways, that’s what it’s like for us, but you learn much more in fact from an experiment which didn’t work out how you intended, but instead sheds some light on possibly another way of doing something. It can get very depressing but then suddenly, one day you make a break through, and that’s very exciting…
You can’t go out and do market research to try to solve these problems about what to do next because usually, or very often, you’re doing the opposite of what market research would tell you. You can’t base a new project two years ahead on current market trends and what users are thinking at the moment. That sounds very arrogant. But it isn’t arrogance. You can’t go and ask your customers to be your inventors. That’s your job…
via SignalvsNoise
11. Mai 2007 13:36 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

… die Typo im Saisonheft steht – zumindest bisher – fest. Es wird die wunderbare Interpretation der Baskerville Original von Storm Type Foundry. Ich wollte eigentlich etwas kühles und elegantes, aber die Sache mußte anders aussehen als im Vorjahr. Zur kühlen DIN aus 2006 braucht 2007 ein Gegengewicht, eine voluminöse, warme Schrift, gut lesbar und retro und obwohl jeder sie kennt, irgendwie doch nicht abgegriffen (im Gegensatz zu Mrs Eaves, zum Beispiel.). Fast schon die Eleganz einer Bodoni im Blut, aber dennoch pragmatischer, alltäglicher. Frantisek Storm hat seine Baskerville nach alten Originalvorlagen aus dem Nationalmuseum rekonstruiert und zu einer hochbeeindruckenden umfassenden OpenType-Familie ausgebaut, mit OSFs, Caps, einer wunderbaren Auswahl an Extraligaturen, die für den Zweck, ein typographisches Gegengewicht zum Digitaleffekt der Stereographischen Planeten zu liefern, wie geschaffen ist – zumal in der klassischen Musik eben auch oft Central-European-Glyphen zum Einsatz kommen müssen und die Baskerville von STF damit natürlich dienen kann. Das Heft wird also zumindest etwas klassischer beginnen als im letzten Jahr, und wir hoffen, dass wir diesen Look im Laufe des Heftes, gerade wenn die Planeten vielleicht anfangen für den Betrachter langweilig zu werden, aufbrechen können, wenn die Zeit reicht. Wer übrigens klug einkauft, bekommt bei STF die Jannon und die Walbaum zum fast gleichen Preis als OpenType in einer Package.
00:41 Uhr. Kategorie Arbeit. Eine Antwort.

No Blogging today… und keine Freizeit diese und nächste Woche, da wir endlich nach ziemlichem Technik-Terror die Planeten für die Philharmoniker und «grenzenlos» bauen müssen, damit ich das Heft layouten kann, dass um den 23. in der Druckerei sein sollte. Die Planeten rendern hier auf inzwischen sechs Rechnern und es dauert trotzdem eine Ewigkeit, aufgrund der massiven Datenmengen. Ich denke mal, die Typo kann ich mir abschminken :-(.
…
00:21 Uhr. Kategorie Leben. 11 Antworten.
Der US-Comedian und Autor Patton Oswald auf die Frage, wie man eigentlich ein Komiker wird… passt auch ausgezeichnet auf alle möglichen anderen Felder, auch auf Design:
How do I become a comedian?�?The answer is very simple. It’s so simple, that no one can ever accept that it’s the ONLY WAY. But rest assured, the lucky few who understand how simple it is, and go and do this simple thing, ALWAYS succeed:
Go onstage a lot. Go onstage as much as you can.
Don’t read books on comedy. Don’t take comedy classes. Don’t ask anyone how you should write material, or what they think of your material. Develop on your own.
Go onstage. A lot. Every night. If there isn’t an open mike in your town, start one.
And then go onstage. A lot.
That’s it.
via Warren Ellis
9. Mai 2007 18:40 Uhr. Kategorie Design. 10 Antworten.

Gestern hatte ich mir ja noch ein verschwitztes, volles, heißes Konzert gewünscht… man soll sich eben manchmal vor seinen Wünschen hüten. Bei Bloc Party im ziemlich ausverkauften Palladium in Köln habe ich es erstmals bei einem Konzert geschafft, nicht nur mein Shirt durchzuschwitzen, sondern auch ein komplettes Sacko klitschnass zu kriegen… und meine Stiefel. Das ist ziemlich einmaliger Rekord und sagt eiiges über die Zustände in der Moshpit vor der Bühne aus. Es gab einen Moment während des Konzerts, wo mein Schnürsenkel aufging, was etwas blöde sein kann, wenn man bis zu sechs Meter herumgeschubst wird und plötzlich jemand auf deinem Schnürsenkel steht. Aber an zuknoten war auch absolut nicht zu denken… sich zu bücken wäre selbstmörderisch gewesen, weil gleich hunderte von Menschen über dir wie eine Woge zusammengekommen wären, um die vermeintliche Lücke zu schließen. Bei Like Eating Glass und Helicopter hatte ich echten Sauerstoffmangel. Sehr nett also, insgesamt. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich am Montag gut sechs Stunden auf der Autobahn war, und am Dienstag direkt vorher von 9 bis 17 Uhr an der Akademie Unterricht gegeben hatte und dabei locker 4 Stunden durchgeredet habe. Da muss ein Konzert schon etwas Spassfaktor auffahren, um einen nochmal hochzuputschen. War hier aber wirklich kein Problem.
Die Band selbst präsentierte sich in einem schön reduzierten Bühnenbild, weißer Background, viel LED-Licht, einfache Truss-Türme mit Lichtinstallationen und sehr gutes, lebendiges Licht. Sparsam, cool, aber trotzdem effektiv. Ganz nouveau britpop balancierten Herr Obereke und seine Leute zwischen britischer Coolness und Showmanship. Während Russell Lissack und Gordon Moakes fast etwas gelangweilt und routiniert ihren Job erledigt haben, und Matt Tong wie immer mit unglaublicher Energie und Konzentration an den Drums werkelte, wirkte der sonst angeblich so scheue Kele von der Masse an Leuten – immerhin Bloc Partys größter Gig in Deutschland – aufgekratzt und hatte spürbar Spaß, ein bisschen in Sachen klassische Singer-Audience-Interaktion zu machen und die Masse zum Jubeln zu bringen. Die Setlist umfasste ein Best-of der beiden Alben, von A Weekend in the City eben leider auch ein zwei Durchhänger wie I Still Remember oder Sunday, eher brave Tracks, die live einfach nicht so nach vorne gehen wie etwa Hunting for Witches. Bloc spielen die Songs relativ nahe an den Albumversionen, live mit etwas mehr Druck, aber ohne große Improvisation oder Freiraum für die einzelnen Musiker, obwohl ich mir vielleicht gerade bei Russell mehr Gitarrenfreiraum gewünscht hätte, der schüchterne Gitarrist – mit einem Radiohead-Tribute-Shirt auf der Bühne – spielt für seine 25 Jahre mit einer beeindruckenden Sound-Bandbreite zwischen kristallklar klirrenden, fast an Rage against the Machine erinnernden Soli und Radioheadesquen Ambient-Echo-Sounds, so dass einfach enorm schade ist, wenn Soli vorbei sind, bevor sie richtig beginnen. Da wäre mehr einfach mehr gewesen. Aber das ist schon Detailkrittelei an einem ansonsten wasserdichten Konzert. Bloc Party haben in kürzester Zeit einen enormen Erfolg hingelegt und sind an der Kreuzung zwischen Indie und Mainstream und beweisen hier, vor einem recht gemischten Publikum aus Britpoppern und EinsLive-Audience, dass sie beide Fanbases gut im Griff haben und mit etwas Glück nicht so verwässern werden wie etwa Coldplay. Spannend wäre eigentlich, wenn Bloc Party sich eher wie Radiohead von der Indie- zur Artrock-Band weiterentwickeln würde und einen ganz eigenen Sound finden würden, der so wegweisend ist wie der des ersten Albums vor zwei Jahren war.
Sehr grandioses Konzert, sehr gutes Publikum, sehr gute Party… idealer Ausklang eines insgesamt etwas heftigen, aber abwechslungsreichen und guten Konzert-Dreisprungs.
Our most beloved Concert photographer Stefanie (immer noch vergrippt, schickt ihr Gute-Besserungs-Wünsche!!!… hat wieder eine echte Flut von Bildern gemacht. Leider war es heute etwas zu voll, als das sie hätte viel herumspazieren können für verschiedene Einstellungen ;-), mehr nach dem Break…
18:16 Uhr. Kategorie Live. 10 Antworten.

Eigentlich durfte man mit einem schlechten Konzert rechnen, schließlich verbreitet das Album von Erlend Øye und Co ja doch eher Proberaum-Atmosphäre und lässt – so absolut großartig es auch ist – nicht unbedingt auf eine mitreißende Live-Performance hoffen. Und irgendwie wird diese Befürchtung auch bewahrheitet: Erlend, der großartig groovende Marcin Oz am Bass, Sebastian Maschat, der sein Schlagzeug fast streichelnd sanft und leise bedient, und der phantastische Daniel Nentwig an Rhodes und Analogsynth, wirken tatsächlich so wie im Proberaum. Da wird gelacht, über ein mißlungenes Songende gefochten, Maschat baut in aller Seelenruhe kleinere oder größere Hihats an sein Sonor-Kit, ohne Hast werden Gitarren und Bässe gestimmt oder über den nächsten Song diskutiert. Zwischendurch leistet sich Erlend ironische Tanzeinlagen oder läßt das Publikum singen, wirkt dabei aber nie wie ein Rampensau-Performer, sondern immer entrückt, als sei ihm kaum bewusst, das außer der Band noch jemand im Saal ist. Die Musik ist nahezu atemberaubend dicht am Feeling und Sound des Dreams-Album, schwerelos leichter und völlig zeitloser Pop, handgemacht und tanzbar. Live wird das ganze enorm durch die durchgehende Präsenz von Daniel Nentwig aufgewertet, der die Songs mit seinen weichen, funky Rhodes-Sounds und großartigen Analog-Grooves und -Soli einfach sehr viel dichter, groovender, pulsierender macht. Die Songs des Albums gehen nahtlos ineinanderüber, durchtränkt und vermengt mit Improvisationen und Fragmenten, so daß ein großer Teil des Abends weniger ein Abarbeiten von Liedermaterial ist, sondern einen Performance-Charakter besitzt, der intim und experimentell und dicht ist. Mehr noch als auf Platte verweben Whites Boy live einen Sound, der einen seltsamen Bogen vom Minimalismus des frühen Cure-on-Three-Imaginery-Boys-Sound über Barbarism Begins at Home von den Smiths bis hin zu George Benson, 1979er Disco Funk, modernem Trance, Jazz und anderen Elementen schlägt, und das alles aus einem Guss, Marcin Oz hält die Sache gnadenlos zusammen, mit wunderbar singenden Bassgrooves, mit denen er das Publikum nach wenigen Minuten am Tanzen hat. Der Sound der Band lebt von Erlends filigranen funky Gitarrensoli, ab und zu sparsam von Gesang durchsetzt, aber jeder der Musiker steht im Rampenlicht und sorgt dafür, daß auch mit recht minimaler Besetzung und sparsamen Arrangements der Gesamtsound bei aller Relaxtheit teilweise wirklich nahezu überwältigend genial nach vorne geht. Die Vier haben Spaß am Zusammen-Spielen und das merkt man jeder Note an. Der Nerdfunk von Whitest Boy ist nur leider im Zakk deplaciert, zu groß und ehrlicherweise zu leer ist die Halle, ich hätte einiges drum gegeben, die Band in kleinerer Location, völlig rappelvoll, heiß und schwitzend und tanzend erleben zu können, statt so viel Platz um mich zu haben und so stressfrei in der ersten Reihe zu landen. Nach dem Mosh-o-Rama von Gestern und nach einer Autobahnfahrt von vier Stunden und vor dem Bloc-Party-Gig heute abend, der wahrscheinlich voll bis an die Kante sein dürfte (mit kreischenden Fans, ich ahne schlimmes)… war das so für mich müden Menschen genau so vielleicht eigentlich aber eben auch sehr angenehm. Aber ich glaube schon, in einer ausverkauften, kochenden Klisch-Location rockt das Quartett derart das Haus, ohne dabei jemals die eigene Bill-Gates-on-Acid-Coolness zu verlieren, das dürfte sehenswert sein. Aber auch in Düsseldorf sind die Anwesenden Leute trotz des eher wenig zündenden DJ-Sets von Kommode als «Vorband», trotz eines arg kurzen Sets von etwa 70 Minuten mit nur einer Zugabe und trotz der zu leeren, zu halligen, zu kalten Halle absolut dabei und feiern Erlend und seine Crew absolut verdient durch den gesamten Abend.
Steffi hat im Grippe-die-keine-Grippe-ist-Wahn mal eben lockere 350 Photos gemacht… aber hier nur die kleine Auswahl von etwa 60 Bilder. Zugegeben, so richtig abwechslungsreich ist die Bühnenshow nicht ;-D. Trotzdem eine der absolut sehenswertesten Combos, sehr angenehmes, sehr sympathisch-entspanntes, sehr gekonntes und sehr sehr liebevolles Konzert.
8. Mai 2007 08:00 Uhr. Kategorie Live. 7 Antworten.

Es ist schon so – unwillkürlich vergleicht man jedes Konzert mit dem unmittelbar davor. Und keine Frage, die Rakes stinken gegen ChkChkChk einfach ab. Sowohl handwerklich, als auch was die Songs angeht und vor allem im Hinblick auf die Bühnenpräsenz. Aber an die Show von Nic&Co heranzukommen, ist zugegeben auch schwer, vor allem, wenn man eher cooler Brite ist.
Nach den Bishops, die als Vorband gute 45 Minuten spielen, kommen um 22:00 die Londoner Hipster auf die Bühne, feuern erst ein mal ein paar Tracks ihres aktuellen Albums in die Menge, die vom ersten Beat an mosht und arbeiten sich durch knapp 60 Minuten Programm mit Zugabe. Alan Donohoe schiwtzt, tanzt ein bisschen ungelenk und wirkt wie ein junger Ian Curtis minus Schwermut. Die Band schafft es, zugleich die typische biritische Coolness auszustrahlen (Bassmann Jamie verzieht die Miene während des gesamten Gigs nicht einmal), und zugleich trotzdem eindeutig ordentlich Spaß an der Sache rüberzubringen. Und das ist ihnen gelungen — im total überfüllten, kochendheißen PrimaClub hab ich es in den ersten reihen jedenfalls nur bis zu den Zugaben ausgehalten, danach hatte ich vom Rumschubsen verschwitzer Männerrücken irgendwie genug. Was leider ein Fehler war, weil die Combo natürlich The world was a mess but his hair was perfect... als Finale gab und es natürlich absolut kein Halten mehr gab. Für eine britische nouvelle cool Band haben die Rakes absolut Party aufgebracht und mit ihrem schnellen trockenen harten Sound zwischen Joy Division und Strokes sind die JUngs auch absolut tanzbar. Etwas seltsam war, dass die Audience eher nur rumgehopst ist als richtig zu tanzen und mehr am Mosh interessiert war… vielleicht einen Tick schade, so punky ist die Musik von den Rakes nicht und es gab Momente, wo das Rumspringen eher irgendwie deplaciert wirkte. Mit 45+15 Minuten war der Gig recht kurz (okay, die Tickets waren ja auch preiswert), aber das Publikum war nach der Stunde auch so ausgepowert, dass alle zufrieden und müde nach draußen konnten. Very nice show.
Steffi hat trotz ihrer massiven Erkältung und schwindsüchtiger Kamera-Batterie todesmutig vom Rand ein paar Schnappschüsse gemacht, als Wiedergutmachung aber eine Rose von Gitarrist Matthew Swinnerton gefangen ;-D. Bilder nach dem Break…
7. Mai 2007 10:37 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

Nein, die Rede ist nicht von Patrick Bateman, sondern von Jack Bauer. Obwohl ich kein TV mehr habe, gibt es einige «Altlasten» wie Alias, Lost oder eben 24, die ich per DVD oder – im Falle von Lost direkt – im Original online weitersehe.
Im Falle von 24 sind Staffeln 4, 5 und 6 absolute Enttäuschungen. Was sich in der vierten Staffel bereits abzeichnete wird zunehmend offenbar: Den Machern fällt einfach nichts mehr ein. Bereits die Tag 4 war ja eine wenig begeisternde Mixtur aus unmotivierter Handlung und exzessivem Sicherheitsstaatsgebahren. Das zwei der Autoren im DVD-Kommentar eine spezifische Folge von Staffel 4 als «Ach hey, das ist ja die Folge OHNE Folter» identifizierten, spricht Bände. Unglaubwürdig war bei Tag Vier auch, dass die Terroristen, kaum ist einer ihrer Weltuntergangspläne vereitelt, nahtlos zur nächsten Stufe übergehen, so als hätten sie à priori nie wirklich selbst mit einem Erfolg gerechnet. Unnötige Kitschmomente (Jack/Audrey), der nahezu fahrlässige Umgang mit Nebenfiguren und ein weitgehend lieblos vor sich hinagierender Kiefer Sutherland taten ein übriges, um bereits die vierte Staffel relativ ungenießbar zu machen.
Tag Fünf verzichtet – wohl als Reaktion auf die Kritik an der exzessiven Folter in der vorangegangenen Staffel und nach Abu Ghuraib auch wohl aus Gründen der Political Correctness – auf allzu deutliche Folterszenen und -methoden. Zwar wird immer noch an der Schmerzgrenze verhört, aber nur noch, indem ominöse Flüssigkeiten injiziert werden. Ähnlich zurückgefahren wirkt die Handlung. Nach Atombombenexplosionen und Seuchen in LA wirkt Nervengas ein bisschen dejà vu, ebenso wie die endlosen Verschwörungen im Weißen Haus oder das Mobbing in der fiktiven Anti-Terror-Einheit CTU, die permanente Rotation von Vorgesetzten. Das Mitarbeiter hier sterben, passiert fast beiläufig. Ein wenig wirkt das Ganze, als sei 24 nach massiven Einsparmaßnahmen bei FOX entstanden. Eine handvoll Darsteller, zwei feste Drehorte (CTU und LA-Residenz des Präsidenten), dazu ein paar Außensets… die Serie wirkt kaum noch aufwendiger als eine Sitcom. Nicht ohne Grund besteht die Show zu 70% aus Leuten, die im stets gleichen blauen Licht der CTU verschwörerisch in der Ecke stehen und tuscheln. Das kostet wahrscheinlich am wenigsten.
Und tatsächlich fühlt sich Tag Fünf vielleicht deshalb an wie eine Büro-Soap. Da wird gemobbt und getuschelt, da werden die Chefs ausgetauscht und Leute gefeuert. Die Mortalitätsrate bei der CTU ist sicherlich etwas höher als bei einer Versicherung… aber davon abgesehen ist 24 offenbar ist die Serie für den Angestellten, der hier in Cinemascope-Breitwandformat seinen Alltagsprobleme neu begegnen darf. Das die Serie dabei völlig ironiefrei und humorlos bleibt, macht den Erfolg umso verwunderlicher. Bierernst lebt 24 inzwischen zu einem überragenden Teil inzwischen von Spannungsmomenten, die ganz nüchtern betrachtet doch eher an die Siemens-Betriebskantine als an eine Anti-Terror-Einheit erinnern.
Auch die High-Tech-Versessenheit der Serie ermüdet auf Dauer, wenn sie zum Klischee mutiert. Denn im Grunde kann man ein Trinkspiel aus 24 machen. Jedesmal, wenn die Worte Server, PDA, Satellit oder ähnliches High-Tech-Cyphern fallen, sollte man ein gutes Glas GinTonic trinken. Ehrenwort: Man ist nach 20 Minuten komatös. Das zudem auf Handy-Displays notorisch Fox-News geschaut wird, läuft ebenso sicher unter Product Placement wie die von Ford und Toyota gesponserten Autos oder die Computer von Dell und HP (und an Tag 6 wieder verstärkt Apple). Das die Technik den Wünschen der Drehbuchautoren gehorcht und nur dann High-End ist, wenn es dem Plot dient und seltsamerweise schrecklich versagt, wenn es ansonsten sinvoll wäre, das ist in Serien und Filmen einerseits normal (wie oft hatten die X-Files-Agenten eigentlich plötzlich keinen handy-Empfang?), andererseits aber gerade hier in dieser deutlichen Diskrepanz auffallend unglaubwürdig und insofern ärgerlich.
Es ist sicher schwierig, eine Serie, die im Grunde wie ein durchgehender Film funktioniert, so zu schreiben, dass sie pro Folge spannend bleibt, aber auch in toto noch einen halbwegs Wasser haltenden Handlungsfaden ergibt. Da muss man sicher Zugeständnisse einräumen. Aber dass Bauer direkt in der ersten Folge der fünften Staffel einen für ihn wichtigen Entlastungszeugen grundlos erschießt und ergo zum Hauptverdächtigen des Mordes an David Palmer wird, ist einfach in jeder Hinsicht unlogisch. Auch dass eine digitale Tonband-Aufnahme, der Bauer im letzten Drittel hinterherjagt – typischer McGuffin- , zu keinem Zeitpunkt dupliziert oder jemandem via Handy vorgespielt oder sonst digital übertragen wird, um eine Sicherheitskopie zu haben, wirkt auffallend idiotisch – um so prägnanter in einer Serie, in der permanent Daten (Buspläne, Satellitenbilder, Photos usw.) zwischen Bauers sprichwörtlichem Trinkspiel-PDA und der CTU übertragen werden. Aber eine Audioaufzeichnung, das geht nicht? Man hätte zur Not einfach das Diktiergerät ganz altmodisch an den Hörer halten können. Es ist narrativer Unsinn, den der Zuschauer hier ertragen muss, damit die Handlung entsprechend Drehbuch fortschreiten und das Band naaaaatürlich gelöscht und so jeder Beweis vernichtet werden kann – weil eben offenbar jeder Superagent in der CTU schlicht zu blöde war, ein einfaches Backup zu machen. Das ist in einer Serie, die so todernst daherkommt, einfach nicht machbar. Serien mit mehr Selbstironie – wie etwa das ja als Mix aus Over-the-top-Adventure und Agenten-Persiflage funktionierende Alias - können sich solche Logical Gaps schon eher leisten, aber nicht 24 als Show, die sich ohne jedes Augenzwinkern und völlig humorresistent, ultrapolitisch und «real» präsentiert. Da irritiert es gravierend, wenn die Charaktere urplötzlich einen anscheinend massiven IQ-Verlust haben, nur, damit die Geschichte unbeirrt weiterlaufen kann. Die suspension of disbelief wird so abrupt ausgehebelt.
Dazu kommt der Stillstand der Figur des Jack Bauer. Als härtere, realere Version von James Bond, gibt Sutherland nicht der britischen Gentleman-Agenten, sondern einen verhärmten, entseelten Soldaten, der stets nur die Wahl zwischen mehreren Übeln hat, nie eine Ideallösung, nie Licht am Ende des Tunnels. Einen Mann, der für den Dienst an seinem Land Freund wie Feind über die Klinge springen lässt, der kein Privatleben, keine eigene Existenz kennt, der wie ein Junkie an dem Adrenalinkick der Ausnahmesituation klebt. Der Jack Bauer, der in der 3. Staffel ein Junkie und längst zum kaltblütigen Killer avanciert ist, also auf dem Weg zum Abgrund, ist in Tag 4 bis 6 allerdings fast verschwunden. Bei Tag 5 und 6 ist Jack reiner Funktionsträger der Handlung, nahezu schmerzfreier Besserwisser mit der Lizenz zum Töten. Und was machst du auch als Drehbuchautor mit einer Märtyrer-Figur, der du alles nur Erdenkliche angetan hast, außer ihr den Gnadentod zu gönnen, den Bauer in der sechsten Staffel ja nahezu erbittet («Es wäre eine Erlösung».) Der aktuelle Status sechsten US-Staffel ist, dass Bauer 18 Monate angeblich tot war und in einem anderen Leben untergetaucht, dann einen Tag im Einsatz, und dann zwei Jahre in chinesischer Foltergefangenschaft. Und ohne nur einen Herzschlag Ruhe zu brauchen, ist er aber innerhab der ersten Folge von Tag 6 wieder ganz der alte Jack SuperBauer, der nur zu gern sein Leben für das Vaterland opfert, das ihn anscheinend 24 Monate in einem Folterknast darben ließ, bis man entschied, ihn auszutauschen … und zwar nicht, um Jack zu befreien, sondern um ihn gegen etwas Information an einen Terroristen auszuliefern, ergo über die KLinge springen zu lassen. Und dennoch stellt Bauer keine Fragen, sondern hastet alsbald wieder für die United States durch die Straße, immer sein Handy am Ohr, immer besser informiert als alle andere. Tag 6 präsentiert Bauer als Actionhelden ohne Tiefgang in einer Handlung, die von jeder Realität längst Abschied genommen hat. Detailfragen – warum hat eine Suizidbombe eine Zeitverzögerung, wie sieht man eine Explosion in der U-Bahn als Rauchwolke an der Skyline von LA, wieso kann man einen Mann durch die Sicheritstüren einer U-Bahn treten -, sollte man schon am Anfang der Serie nicht mehr stellen. 24 ist ein Comic geworden und Jack Bauer ist Batman.
Die Bauer-Figur als gebrochene, reale Figur ist gescheitert, verkümmert zum Holzsoldat eines Ego-Shooter-Prinzips. Egal, was die Autoren sich einfallen lassen, ob sie seine neue Flamme Audrey foltern oder gar töten oder Jack nach Timbuktu verschleppen, wir wissen: In der nächsten Staffel wird er ruckzuck wieder am Start sein, um wiedee einmal Amerika zu retten. Ändern werden sich nur noch Details, die Gesichter in der CTU, der Name des Präsidenten, die immer gleichen amorphen Schurkengesichter, die Jack aus dem Weg räumen muss.
Das traurige daran ist, dass das High-Noon-Realtime-Format der Serie viel mehr kreatives Potential hätte. Ich finde nach wie vor, Tag 2 hätte sich schon gar nicht mehr um Bauer und die CTU drehen dürfen, sondern um eine komplett neue Figur in einer neuen Situation. Als einzige Klammer hätte man das ästhetische und narrative Gerüst – Echtzeit, Ausnahmesituation, simultane multivalente Handlungsstränge – beibehalten sollen. Ein Soldat, ein Feuerwehrmann, ein Notarzt, ein Kosmonaut, ein ganz normaler Bürger… allesamt in den 24 extremen Stunden ihres Lebens festgehalten. Komplett losgelöst von dem Korsett des Terrorthemas, komplett unabhängig von von Stars und Gagen, eine absolut neue abgeschlossene (oder eben offene) Geschichte in jeder Staffel. Nicht auszudenken, wie spannend das hätte sein können, welche Geschichten hier denkbar wären. Nach einer Weile hätte man vielleicht auf die ein oder andere Figur zurückkommen können oder sie in die Handlung einer neuen Figur kurz als Cameo einbauen können… Aber dazu fehlte anscheinend der Mut, weil ein solches Konzept natürlich schlecht in Sachen Franchise und Sicherheit abschneidet.
Aber selbst mit der Zentralfigur Bauer wären fesselndere Stories denkbar als die immer und immer und immer gleiche Nameless-Evil-vs-the-United-States-Situation. Jack allein in einer Krisensituation weniger apokalyptischen Ausmaßes (ich meine, wir hatten Seuche, Nervengas, Atombombe, Nuklearreaktoren… was soll noch kommen? Jack-versus-Satan?) wäre eine schöne Sache – kleiner, authentischer, vor allem auch wieder nachvollziehbarer, auf ein menschliches Maß heruntergebracht. Das Ende der fünften Staffel macht kurz Hoffnung, das wir nun Jack allein in China erleben würden, aber nein: Tag 6, die ich schon gesehen habe, zeigen Bauer wieder im Einsatz der CTU, ganz nach Schema F. Schade drum. Inzwischen sind die Momente zwischen den Staffeln potentiell spannender geworden als die Serie selbst. Wie Jacks alternatives Leben als Toter aussah oder was ihm in China wiederfuhr, wird von Fox nur in kurzen Teasern angerissen, aber selbst diese zehn Minuten wirken spannender als die gesamte eigentliche Staffel. Spannend ist so im Grunde nur noch die PAUSE zwischen zwei Tagen. Die Frage, was Bauer zwischen den apokalyptischen Tagen macht, ist längst fesselnder geworden als die Serie selbst. Spannend sind ergo nur noch die jeweils letzten und ersten Minuten jeder Staffel. Fesselnd ist der Offday-Jack, der Trauernde, der Junkie, der Beamte, der Tote, der Verschleppte… all diese Versionen von Jack Bauer (flexibel wie eine Barbie-Puppe) scheinen interessanter als der zynische und nur noch nervös herumschreiende Stressmensch Jack Bauer, den wir Staffel um Staffel erleben. Der On-Duty-Bauer, der ein Workaholic ist und zugleich ein Burnout-Opfer. So wie die CTU die ultimative Büro-Serie ist, entpuppt sich Bauer als der ultimative Mann aus dem mittleren Management. Die finale Erkenntnis beim Betrachten von 24 ist, dass es dem Superagenten auch nicht besser geht als dem Versicherungsangestellten.
Schade um ein schönes Erzählformat, das von den Machern komplett vor die Wand gesetzt wurde…
So wie sie ist, passt die Serie allzu entsetzlich in das Bush-freundliche politische Format des Senders Fox und ist ein Testament der aufgeheizten Stimmung der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren. Angesichts der deutlich nachlassenden Begeisterung für den Krieg im Nahen Osten und der Desillusionierung vieler Amerikaner, daß man Demokratie mit Gewalt verordnen kann, wirkt eine Serie, deren Kernaussage ist, dass man gewalttäige Terroristen nur durch terrorähnliche Foltermaßnahmen «brechen» kann, dass Nachsicht, Deeskalation und Verhandlung ausnahmslos suizidal falsch sind und dass am Ende nur der Härteste, Stärkste (eben Jack Bauer) durchkommt, irgendwie altbacken und deplaciert… wie eine Flaschenpost aus Otto Schilys Alpträumen. 24 ist zum paranoiden Propagandastreifen geworden einer permanenten Us-vs-Them-Situation, die nur eine Nietzschesquer Übermensch bewältigen kann, ein Amerikanischer Psychopath, ein Kreuzzügler, ein Adrenalinjunkie, ein Überzeugungstäter… der – wie alle Supermänner – eben irgendwann schrecklich langweilt.
6. Mai 2007 19:13 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.
He was wearing a t-shirt that said in thick black letters SECOND PLACE IS THE FIRST LOSER. His face was not your friend. It said without his mouth opening you will never be my friend. When he made eye contact it was aggressive, challenging. Who do you think *you’re* looking at? DeNiro in TAXI DRIVER: “You lookin’ at *me*?” Mr. T-shirt was just sizing you up, that’s all you were good for in the few seconds you crossed his vision. He was getting your number, he was getting the world’s number. If push ever came to shove between the two of you, he wanted to see right away if he could take you. But if you were smart, you’d never let it get that far. You’d back off or better, turn around and walk fast the other way. His girlfriend was all streaked hair, big sunglasses, sprayed on jeans, and a sliver of silver cellphone pressed to her ear. Passing them, I wondered what they talked about in the middle of the night when they weren’t doing the obvious, there was no one around to challenge, and all cellphones were asleep.
5. Mai 2007 10:10 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.
Do you remember the last time you entered a building that was clad in mirror? The Building itself is never present; it is only remembered because of the material used to cover it.
…
A mirror building wants you to live somewhere else.
Andreas Angelidakis, Emigre 57.
00:18 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

Ich predige ja seit langem, das Webnavigation mehr sein sollte als horizontale und vertikale Bars. Hier ist ein Beispiel für eine etwas anstrengende, aber innovative explorative Interfacelösung von Jonathan Harris…
via Warren Ellis
4. Mai 2007 19:03 Uhr. Kategorie Online. Keine Antwort.

Und noch ein Magazin, das seit einiger Zeit hier herumliegt und aufs Bloggen wartet und jetzt passt es gerade so schön als Pendant zur Botenstoff…. Die aktuelle, vierte Ausgabe von Slanted widmet sich dem Thema Grid. Mit deutlichem Schwerpunkt auf Schriftgestaltung werden Raster/Pixel- und andere geometrisch konstruierte Schriften vorgestellt, sowie mögliche Anwendungen. Ganz witzig fand ich die ASCII-Bilder, weil wir letztens für einen dann doch unrealisierten Job für die Shakespeare-Gesellschaft mit einigen sehr nettem ASCII-Generatoren herumgespielt haben und ich diese Ästhetik zeitlos nett finde, so oberflächlich und simpel und altbacken sie auch sein mag. Ansonsten bietet die vierte Slanted viel trendiges, eben, weil nu-tech-Design derzeit (neben dem Widerpol Retro) eben trendy ist. Neben den Artikeln, Interviews, Foundry-Vorstellungen undthemenrelevanten Auszügen aus dem Slanted-Blog liefert das Mag wie immer eine Menge Augenfutter, das – wie immer – mal top und mal flop ist, und vor allem zeigt, das es leider recht vereinheitlichende Trends im Design gibt… und immer wieder Leute, die auf Trends pfeifen und jenseits von Gut und böse ihre eigene Sache vorantreiben. Trotz einiger Macken, an denen ich nicht rumnöhlen will, weil ich sonst gezwungen werde, es erst mal besser zu machen, ist die Slanted die BrandEins unter den deutschen Design-Publikationen. Pro Ausgabe themenorientiert, dabei angenehm Lo-Fi, angenehm ehrlich, irgendwie wohlig warm inzestös und selbstgeneriert, informativ und eben doch kurzweilig. Nicht alles, was in der Slanted passiert, zündet (in welchem Mag ist das auch schon so?), aber auf ihre mitunter dröge Art ist sie derzeit unersetzbar und völlig zu Recht preisgekrönt. Also holt euch das Ding auf euer Regal, wenn es dort nicht schon ohnehin steht.
Ein paar Anmacher-Bilder (Detailphotos, natürlich ;-))… nach dem Break.
17:57 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

Schon vor einer ganzen Weile hat mir Nora Gummert-Hauser die erste Ausgabe des von ihr betreuten Magazins Botenstoff mit einem sehr netten Brief (merci!) zukommen lassen, aber ich bin nicht dazu gekommen, es zu bloggen…

Die Botenstoff ist ein studentisches Magazin der Krefelder Hochschule Niederrhein und sieht absolut ganz und gar nicht studentisch aus. Schön ausgewähltes Papier und eine kernsolide FF QuadraatSans als Brotschrift verleihen dem Magazin vom Fleck weg einen soliden Eindruck, den das relativ ruhige Design und die hochwertige Produktion auf den zweiten Blick verstärken.

Die Botenstoff, wie so viele Studenten-Magazine à la Roger oder Zwiebelfisch, will vor allem zweierlei: Nach außen die Arbeiten der Studenten vorstellen, nach innen wie eine Art Schülerzeitung mit Artikeln und Informationen wirken. Beides gelingt souverän, auch wenn die Portfolio-Seiten für mich als Außenstehenden vielleicht etwas zu kurz kommen und etwas zu unerklärt bleiben. Ansonsten liefert Botenstoff ein lesenswertes Potpourri, das angesichts der recht kleinen Projektgruppe und der kurzen Produktionszeit beachtlich ist. Ich bin immer wieder verblüfft, was Studenten – richtig motiviert – auf die Beine kriegen und Nora HAT anscheinend richtig motiviert. Ganz abgesehen davon bin ich etwas mehr als ein kleines bisschen neidisch auf dieses Projekt. Die Botenstoff ist rundherum professionell geworden, mit Liebe produziert und legt hoffentlich redaktionell den Grundstein für weitere Ausgaben. Ist auf jeden Fall Anlass, stolz zu sein.

Ganz ohne etwas Kritik geht hier aber natürlich gar nichts. Die Kritik ist aber – ganz wichtig – eher allgemein, hat eigentlich absolut nichts mit der Botenstoff an sich zu tun, sondern mehr mit Studenten-Mags und Design-Magazinen an sich und der Tatsache, dass ich mit diesem Thema gerade beschäftigt bin. Es gibt in letzter Zeit eine wahre Flut an Magazinen und sie alle sind solide gestaltet. Gerade studentische und Designer-Mags hängen derzeit an einem seltsamen schwerelosen Punkt. Sie sind nahezu ausnahmlos «designed», sprich Typo, Papier, Raster, das ist alles sehr amtlich, sehr smooth, sehr glatt. Und um etwas Dreck reinzubringen haben die Magazine nahezu alle irgendwelche funky-postmodernen Elemente aufgenommen, die – nimmt man die Mags alle einmal gemeinsam unter die Lupe – durchaus auch etwas austauschbar sind und eher ornamentalen Charakter haben. Bei der Botenstoff, aber auch bei anderen Magazinen sind das etwas ungewöhnlich umgebrochene Headlines, eine technoide Displayschrift, Schrägstriche und und und. Und obwohl mich das im Einzelfall nie stört (der Stil einer Ära ergibt sich aus Kopie und Weiterentwicklung) … in der Summe, der Querschau hat es etwas Beängstigendes. Graphik Design, so scheint mir derzeit, ist wieder da, wo wir 1970 waren. Handwerklich geschliffen, ohne große typographische Fehler, sogar oft mit schönen Details, visuell hier und da zu einer Art modernisierter Ornamentsprache neigend, mal mit dem retrospektiven Rückgriff auf romantisch verspielte florale Elemente, mal in einer Art stilistischer Rest-Bodensatz von Carson/Brody et al, ohne deren Bedeutung, Ansätze oder Inhalte zu bedenken. Da wird einfach die Form übernommen, das Gimmick, der Look. Das ist ja auch oft nett anzuschauen, aber mein innerer Adolf Loos zuckt dabei eben auch immer zusammen: Was soll das? Zum einen frage ich mich schon, inwieweit diese Überflutung mit Magazinen unweigerlich zu Inhaltsleere führen muss. Nur was knapp ist, ist konzentriert, unverwässert. Wenn jeder ein Mag macht, was sind Magazine dann jeweils noch wert, wie hoch ihre Qualität? Da entstehen insuläre Lösungen, die online längst viel ehrlicher funktionieren würden. Die RA hat letztens laut überlegt, ein Magazin zu machen und ich hab nur den Kopf geschüttelt. Brauchen wir das? Vielleicht ermüdet mich nur der Overkill, aber meine These, dass wir auf eine Design-Überproduktionsgesellschaft zulaufen, wird in Form all dieser Designer-Mags so erschreckend real greifbar. Das ist einfach zuviel an Slick, Neat, Shiny, Awesome.

Zum anderen wollen die meisten Magazine ja nur spielen. Die beißen eben nicht. Die Ray Gun war eben nicht nur visuelle Spielwiese für Carson, diese ganzen Typo-Experimente, an denen sich alle -inzwischen auch Carson selbst – klammern, waren doch nur Eye Candy. Das wirklich Befreiende und Aufregende an der Ray Gun war, dass sie die Logik eines bewegten Mediums – MTV – auf Papier brachte und damit die künstlerische, wütende Energie der Musik kommunizierte. Und Carson hatte einfach eine ganze Menge ungewöhnlicher, damals neuer und bahnbrechender Ideen, die weniger mit Optik und mehr mit einem komplett ent-regelten Denken über Magazin-Design zu tun hatten. Die wunderbar anders an die Idee von «Lesen» herangingen. Ray Gun war ein Mag, das Gewohnheiten komplett und mit furioser Wut und Schönheit in Frage stellte. Und zeitgleich hatte die post-strukturalistische Denke – zum Beispiel der Cranbrook Academy of Art – eben nichts mit reinen oberflächlichen Visuals und Stilästhetiken zu tun, sondern kam aus einer intensiven Auseinandersetzung mit Architektur, Literatur und Kultur und aus der Übertragung kulturästhetischer Rezeptionsmethoden auf das Graphik Design. Fragmentierung, Layering, Destruktualisierung, Dekonstruktion… es ging nicht (nur) um die Oberfläche, sondern eben um das, was darunter lag. Die Cranbrook-Pionieere wie Keedy oder Fella waren die ersten Siedler in einem unberührten Land, dem Grenzland zwischen Werbegrafik und Kunst.

Um ehrlich zu sein… dieser Spirit, dieser Pioniergeist fehlt mir bei studentischen Arbeiten aber auch bei Arbeiten junger Designer am Markt derzeit oft irgendwie. Durchgehend. Die Sachen sind rein visuell splashy und nett, aber sie TUN MIR NICHT WEH. Sie berühren mich nicht, sie überschreiten keine Grenze, sie sind so funktional und sympathisch, dass man auch eine Broschüre für ein mittelständisches Unternehmen in der Hand haben könnte. Ich verstehe teilweise nicht, warum Studenten- oder die freien Design-Magazine eigentlich so unglaublich normal sein wollen. Warum sie nicht experimenteller, anarchiger, klüger, punkiger, post-irgendwasiger sein wollen. Ein bisschen oberflächliche Smartness hier und da ist ja schön, aber wo ist der Drang, der NÄCHSTE Carson zu sein? (Ohne dabei konkret stilistisch Carson zu meinen, es geht um die Denke, nicht die Optik…)

Vielleicht drückt sich hier eine Sättigung aus. Die Konkurrenz am Markt erzeugt Anpassungsdruck und die Gesellschaft, in der wir leben, erzeugt ein Völlegefühl, eine Unbeweglichkeit, eine Art von Behaglichkeit, die jede Rebellion und Wut abstumpft. Vielleicht haben die Designer auch das Gefühl, das alles wichtige schon gesagt ist. Vielleicht erzeugen die sehr geschliffenen digitalen Mitteln – Fonts, Layoutsoftware, Photographie, Illustrator – auch eine Endzeit-Stimmung, so, als könne nichts mehr kommen, jetzt wo Ligaturen automatisch generiert werden.

Dabei ist es natürlich umgekehrt: Nachdem die 80er und 90er die digitale Revolution waren und Arbeiten von Leuten wie Greiman oder Hard Werken diesen Stil dokumentieren, gilt es jetzt, zu überlegen, was danach kommen kann… und brave Raster mit etwas zeitgeistigen Layout-Tricks sind wahrscheinlich nicht die Antwort.

Es ist die Aufgabe der Universitäten, mehr noch als die Vermittlung von austauschbaren Handwerk, das heute doch in einem oder zwei Semester abgehandelt sein sollte, die Studenten zu dieser Rebellion zu zwingen. Nur Studenten und kleine Independent-Magazine können doch schließlich – frei von Budget- und Zeitzwang – Design produzieren, dass nicht funktional ist, nicht ästhetisch, nicht brauchbar… sondern einfach eine Exploration der eigenen Möglichkeiten. Es kann doch nicht sein, dass die Magazine vor zwanzig Jahren spannender aussahen, vor allem aber in toto spannender WAREN als das, was mir heute als Design-Mags auf den Schreibtisch kommt.

Der Studentensprecher der Ruhrakademie hat mir einmal vorgeschlagen, man müsse ab dem ersten Semester eine Art Kulturkurs haben, in dem nur gelesen wird, Filme gesehen, Musik gehört, Theater besucht. Und das alles so hart wie möglich. Nur Sachen am Rande, experimentell, verwirrend, verstörend. Die Cutting Edge von den Sechzigern bis Heute. Und das so schnell, so hart, so massiv, dass die Studenten es kaum verarbeiten können, sondern einen Einruck kriegen von dem Wirbel, von der Energie ungebundenen kreativen Schaffens, von dem Feuer in all diesen Arbeiten. Und er hat natürlich recht. Ein Film wie Crash sagt mehr über Design als zehn Lehrbücher. Ali vs. Foreman in Zaire, Traneing In, Endspiel und und und… eine schier endlose Liste.

Vielleicht sind wir an den Punkt, wo es weniger um die Beherrschung der Werkzeuge geht, als vielmehr um die Frage, was man damit machen kann. So wie das Theater und der Film nach einer Phase der Perfektion der Mittel und Ausdrucksformen an den Moment kamen, wo man eben diese Mittel wieder in Frage stellen, neu erfinden, gegen sich wenden musste, um nicht zu sterben. Der Sinn eines Designmagazins kann nicht sein, etwas nach Design auszusehen und Designer zu interviewen oder schicke Bilder zu zeigen. Been there, done that. Sondern der Sinn eines freien Magazins muss unwillkürlich sein, auf das nächste Level zu wollen. Und vor allem: Auch mal dabei scheitern zu können. Die Emigre hatte immer den Mut, auch mal shitty auszusehen. Aus heutiger Sicht gibt es da einiges an fragwürdigem Design. Aber den Mut von vanderLans und Licko konnte man nie in Frage stellen. Ohne diese Fallhöhe, ohne die Chance des Scheiterns… ist kein Erfolg denkbar. Sicherheit ist das Gegenteil von Kunst.

So, runter von der Kanzel und zurück zur Botenstoff…. das Mag ist völlig solide gestaltet, ich kenne kommerzielle Arbeiten, die weit unprofessioneller und ideenloser sind. Das Layout bietet sich als Spielwiese verschiedener stilistischer Ideen an und ist so kurzweilig, vielleicht einen Hauch zu verspielt. Die Interviews, vor allem das mit Erik Schmid, sind hochlesenswert, die Rezensionen und die vorgestellten Arbeiten auf jeden Fall sehenswert. Nora und ihrem Team ist eine wunderbare Plattform für die Anliegen der Hochschule gelungen und ich hoffe, dass es weitere Ausgaben geben wird, die das Niveau halten und ausbauen. Als studentisches Projekt ist die Botenstoff eine bewundernswerte und wunderbar reife Leistung, ohne allzu spürbare Durchhänger und Mängel, die die prekäre Balance zwischen Innen- und Außenkommunikation mit glücklichem Händchen meistert. Ich hoffe, alle Beteiligten haben sich bei der Release Party ordentlich betrunken und gefeiert, es wäre mehr als absolut verdient :-D.

Zu bestellen gibt es das Magazin unter www.botenstoff-magazin.de
13:02 Uhr. Kategorie Design. 34 Antworten.

Der aktuelle New Yorker, nicht zuletzt dank Chris Ware immer für seine ausgezeichneten Comic-Artworks auf dem Cover bekannt, hat aktuell ein Cover des Designers und Cartoonisten Ivan Brunetti. Wieso macht eigentlich kein deutsches Magazin so offensiv mit Illustrationen auf? Der New Yorker zeigt immer und immer wieder, wie wunderbar man damit inhaltlich arbeiten kann und wie sehr solche Cover aus dem Wust photographischen Materials herausragen. Und teurer ist es allemal nicht. Schade eigentlich…
3. Mai 2007 23:47 Uhr. Kategorie Design. 5 Antworten.

Comicverfilmungen, zumal von «Superhelden»-Comics, sind stets schwierig. Was zweidimensional in einem Medium, das von Pausen lebt, bestens funktioniert, scheitert an der Übersetzung in reale fließende Bilder. Die CGI-Technologie hat dem Genre einen Höhenflug beschert, weil jedes nur denkbare Bild heute im Film realisierbar geworden ist. Die Handschrift von Zeichern und Inkern, die Dynamik von Seitenlayout und Panels, die gesamte Syntax des Mediums, fehlt dem Film aber. Und… mal ehrlich: Ein Kostüm, das gezeichnet völlig akzeptabel ist, wirkt im «echten» Leben einfach albern.
Das allein kann aber nicht begründen, warum Spider-Man 3 ein solch gigantischer Flop ist. Sam Raimis Finale seiner Spider-Trilogie fällt selbst hinter die beiden ersten Teile zurück. War Teil II – wie so oft bei Trilogien – der erwachsenste, komplexeste und überzeugendeste Teil, so ist das Finale, wie eben auch bei Star Wars, erschreckend schwach. Dabei hält sich Raimi an die aus Scream 3 bekannten Regeln eines Trilogiefinales – mehr Budget, mehr Effekte, mehr Gegner, mehr Blut und nichts ist so wie es scheint. Spider-Man 3 gilt mit atemberaubenden 250 Millionen Dollar als eine der bisher teuersten Filmproduktionen. Und man fragt sich schon, wo das Geld geblieben ist. Denn außer der aber durchaus schon aus anderen Produktionen bekannten Computerperfektion bietet der Film wenig Neues. War das Drehbuch von Teil II immerhin partiell von Michael Chabon mit verfasst und hatte somit einen Anflug von Tiefgang, präsentiert der dritte Teil ein Sammelsurium abgegriffener Motiven aus Raimis eigener Spider-Man-Serie und anderen Genrefilmen.
Denn das Spider-Man gegen sein eigenes «inneres» sublimiertes Böses antritt, das durch einen außerirdischen Symbioten, der zu Peter Parkers neuem schwarzen Outfit mutiert und Peters egoistische und eitle Seite zum Vorschein bringt, das kennt man schon aus Superman 3 und auch aus der Serie Smallville. Harry Osborn als Goblin hebt sich kaum nennenswert von seinem Vater in Teil I ab. Und die Neuankömmlinge Sandman und Venom (der im Film nie so genannt wird) bleiben unscharfe Figuren ohne jede Tiefe, deren Background bestenfalls klischeehaft abgerissen wird.
Tatsächlich erweckt der Film durchgehend den Eindruck, zugleich langweilig und gehetzt zu sein. Die Wandlung von Harry Osborn vom Bösewicht zum Freund (Gedächtnisverlust durch Kopfstoß, wie originell), wieder zum Bösewicht, der schließlich als echter Freund an Peers Seite kämpft… so etwas würde im Rahmen einer Serienstaffel, mit entsprechender Zeit, möglicherweise einen brauchbaren Soap-Opera-Subplot abgeben, aber in den etwas mehr als zwei Stunden des Films wirkt es einfach albern, wenn Osborn völlig unmotiviert durch immer neue Metamorphosen jagt und jede Entwicklung (wie etwa sein Anbändeln mit MJ) durch aberwitzige neue Ereignisse völlig irrelevant wird.
Auch für das Alien-Kostüm ist anscheinend keine echte Zeit. Die schwarze Masse wird nur en passant kurz erklärt, die Schwäche des Symbiots gegenüber Lärm geht fast unter, sämtliche Hintergründe (WO kommt das schwarze Alienwesen eigentlich her? Was will es auf der Erde? Warum verwandelt es sich in ein Gummikostüm, anstatt direkt mit Peter zu fusionieren wie später mit Brock? Mimikry? Warum sieht es auch bei Brock später immer noch nach Spider-Man aus und und und…) bleiben offen. Was in den Comic über Jahre langsam etabliert wurde, wird hier hopplahopp über die Leinwand geschossen, keine Zeit, keine Zeit (© C. Deckert).
Die Handlung, die Raimi in einen Film komprimiert, würde langsamer und im Rahmen einer TV-Serie sicher besser wirken, zumal sie so oberflächlich bleibt, dass es für einen echten Film einfach an Tiefgang mangelt. Bei einer TV-Serie hängt der Anspruch ja eben doch etwas tiefer. Auch die Trickeffekte sind keineswegs so spektakulär, dass man deswegen allein ins Kino müsste, sie bewegen sich im Rahmen dessen, was heute Standard geworden ist. Und zugleich fehlt ihnen eben deshalb an Magie. Was zu Zeiten von Matrix I noch atemberaubend war – ein Helikopter rammt ein Hochhaus – wirkt heute abgenudelt, zu oft gesehen. CGI macht alles möglich, aber zugleich gewöhnen wir uns an diese Technologie und beginnen, von ihr gelangweilt zu sein, weil sie allein nicht mehr als Argument für einen Film ausreicht. Sie bleibt steril, kalt, anti-emotional. Je mehr Filme auf Computerbilderwelten setzen, je mehr sie die Ästhetik eines Videospiels annehmen, umso weniger identifizieren wir uns mit den Themen dieser Filme.
Und auch narrativ enttäuscht Spider-Man 3, zumal er einen wichtigen Kern des Mythos ad absurdum führt. Peter Parker, im Comic wie im ersten Teil der Filmserie, lässt aus Eigennutz einen Räuber entkommen, der später seinen Onkel Ben umbringt, wodurch Peter lernt, dass mit großer Macht große Verantwortung einhergehen muss. Simple moralische Botschaft, aber einer der absoluten Essentials des Spider-Man-Universums. Hätte er den kleinen Dieb aufgehalten, würde sein Onkel noch leben. Im dritten Teil weicht Raimi ohne dramaturgische Not von diesem Kernmythos der Figur ab, um den Sandman zum wahren Mörder von Ben Parker zu machen. Und entkernt so die moralische Konstruktion seines Helden. Denn egal, ob Spider-Man den Dieb nun aufgehalten hätte oder nicht… Ben wäre so oder so ermordet worden. Raimi exkulpiert Peter Parker hier, indem er die kausale Kette trennt. Spidey ist im dritten Teil NICHT mehr (mit)schuldig an Bens Tod. Was etwa so ist, als würden im nächsten Batman-Film Bruce Waynes Eltern wieder auferstehen.
Wäre dieser seltsame und störende Eingriff in die Origin von Spider-Man wenigstens nötig, man könnte es verzeihen… aber für den weiteren Film hat die ganze Sache eigentlich keinerlei Bedeutung. Raimi geht es augenscheinlich nur darum, Peter gänzlich unschuldig und rein zu haben. Was aber eigentlich gegen die inhärente Struktur aller Marvel-Helden geht, die immer Everyday People sind, immer menschliche Makel haben. Raimis Spider-Man ist insofern, im Kern, Superman. In Teil III ist Spider-Man dementsprechend ein von der ganzen Stadt gefeierter Held, in den Comics aber seit jeher eine zwielichtige, von der Polizei nicht selten gejagte, von der Öffentlichkeit eher mit Misstrauen beobachtete Figur. Spinnen sind halt ekelig. Es gibt für den «echten» Spider-Man keine Ticker-Tape-Parade in den Straßen von NYC. Und der «echte» Spider-Man würde auch nicht in eine der dümmsten Szenen des Films (und das heißt bei diesem Film schon einiges) vor einer US-Flagge posieren. Ein All-American-Hero ist Peter Parker aber eben eigentlich nicht. Die Spinne ist kein strahlender Held. und verträgt solchen Kitsch, anders als Superman, eben absolut nicht. Raimi, kurzum, hat seinen Protagonisten offenbar nicht verstanden und fröhnt auch in Teil III – wie schon im Vorgänger – dem Wunsch, endlich mal einen Superman-Film drehen zu dürfen.
Umso absurder inszeniert Raimi die «dunkle» Seite von Parker. Die nur möglich, nur nötig wird, weil Raimi selbst zuvor Spider-Man so nahtlos glatt auf Hochglanz poliert hat, dass er plötzlich eine «dunkle Seite» braucht. Raimi entfernt zunächst die gebrochene, reale, alltägliche Struktur des Comic-Book-Helden zugunsten einer zu strahlenden Version, um diese dann wieder zu negieren. Was für Superman aber durchaus funktioniert – diese hassliebende Urangst, die der Rest der Welt vor den USA hat: Was passiert eigentlich, wenn ein übermächtiges Wesen plötzlich böse wird? -, ist für Spider-Man komplett falsch. Spider-Man IST das Ventil des ohne Maske stets verpeilten und lieben irgendwie weichen aber liebenswerten Losers Peter Parker, Spider-Man ist das «Es» für Parkers «Über-Ich». Bei Superman ist es umgekehrt: Clark ist die Maske, die dem gottähnlichen Überwesen Superman die Chance gibt, unerkannt unter Sterblichen zu leben. Clark ist nur deshalb so ein Weichei, weil Superman nicht erkannt werden will. Bei Parker ist dies völlig überflüssig, weil Spider-Man eine Maske trägt und seine Geheimidentität dadurch nicht schützen muss. Spider-Man IST die Maske, bei Superman ist Kent die Maske. Die Struktur des Protagonisten ist also derart anders als die von Superman, dass Raimi seinen Helden völlig sinnlos und aufwendig verbiegen muss, um einen Superman-Plot in diesen Film zu drücken. Und so wirkt es eben abstrus, wenn Peter Parker über Nacht «cool» wird. Weil Parker nie cool war, nie cool sein wollte. Spider-Man ist cool (und muß es nicht sein). Peter ist nicht cool und auch ganz zufrieden damit. Aus dem Nichts tauchen hier aber nun plötzlich maskaraverschmierte Augen und dunkel gefärbte Haare auf (damit auch der Allerletzte noch versteht, dass unser Peter jetzt plötzlich böse ist….) und Parker hat auf einmal einen Emo-Haarschnitt und einen teuren Anzug (wovon hat der notorisch klamme Peter, der nicht mal die Miete zusammenkriegt, den eigentlich bezahlt?). Das ganze ist so platt, so offensichtlich, so albern… es knirscht im Gebälk des Filmes. Das Parker auch in dieser bösen Version immer noch ein Nerd ist, der affektiert-albern stolziert, der Frauen dämlich anflirtet und dabei nur seltsame Blicke erntet, der eben immer noch kein «Jock» ist… das ist von Maguire sicherlich richtig angelegt, untergräbt aber unpassenderweise den Versuch, Parker cooler wirken zu lassen. Der Nerd Clark Kent mutiert ungebrochen zum harten Typen, wenn er seine Moral abstreift, weil wir alle wissen, dass Kent nur die Maske des Übermenschen ist, Parker aber wird nur zum aufgeblasenen Möchtegern, der sich selbst nicht entkommen kann. Raimi kann sich hier zudem nicht entscheiden, in manchen Sequenzen kommt Parker wirklich lässig rüber, in anderen wirkt er wie eine Witzfigur. Diese Ambivalenz verrät, wie unsicher Raimi anscheinend mit der eigenen Idee war, wie unpassend sie in diesen Film wirkt – und eben auch wieder zu schnell, zu hastig. In einer Serie, über mehrere Folgen gezogen, wäre eine langsame Wandlung des Milchbubis Parker zu einer erst cooleren und dann unangenehm großkotzigen Variante sicherlich spannend gewesen… aber hier fühlt man sich, als würde man den Plot im Fast Forward durchhecheln müssen.
Auch die Wandlung vom Übernerd Parker zum Möchtegern-Fiesling ist übrigens, wie nahezu jedes einzelne Element des Films, auf das Ganze betrachtet völlig konsequenzenlos. Im Kontext des gesamten Films kann man dieses Morphing vom Guten Peter zum Bösen Peter und zurück einfach überspringen. Die einzelnen Plot-Elemente kommen nie wirklich zusammen, bleiben überflüssig. Im grunde hätte auch gleich Brock den Symbioten finden können und man hätte sich 30 Minuten unnötigen Ballast gespart. Hochgerechnet kann man den Film so allerdings auf 15 Minuten verkürzen, da ausnahmslos alle Elemente der Handlung einfach vorbeistreifen, ohne Spuren zu hinterlassen. Auch der Konflikt zwischen MJ und Peter ist völlig überflüssig und endet zyklisch am Ausgangspunkt. Während laut E.A. Poe die Essenz einer guten Short Story ist, das nichts überflüssig ist, alles zur ganzen Erzählung beiträgt, besteht Spider-Man 3 nur aus nichts führt zu nichts.
Angesichts der völligen Überflüssigkeit von ganzen Handlungssträngen wirken andere ärgerliche Momente fast nur noch wie Details am Rande. Mein einziges Highlight bleibt der Sandman, der eine – wenn auch schwache – Motivation hat, der zwar übertrieben agiert, aber immerhin überhaupt ewas Tiefe bekommt und rein optisch einfach solide umgesetzt ist, ausgezeichnet nahe am Comic und trotzdem visuell anfangs mitreissend. Das – ganz Hollywood eben – am Ende ein haushohes Sandmonster nötig ist, langweilt allerdings eher. Solche CGI-Monster hat man seit Man in Black jetzt ungezählte Male gesehen, es nervt. Nicht alles, was machbar ist, muss auch gemacht werden. Die extreme Zerstörungswut des Riesen-Sandmännchens geht auch von der erzählerischen Logik her gegen das Ende des Films. Ein gigantischer Nervmoment ist Aunt May. Die jedesmal- wie es Zufall und Drehbuch wohl so wollen – genau das sagt, was uns der Autor über den «tieferen» Konflikt von Peter Parker sagen will. Diese ständige Rolle als Jiminy Grille ist entsetzlich. May kann nerven oder eine wichtige Supporting-Cast-Figur sein. Die Film-May gehört erschossen, so überflüssig und anstrengend ist sie. Apropos anstrengend: Das Peter und auch jeder der maskierten Schurken nahezu pausenlos die Maske vom Gesicht nimmt oder – wie Parker ja in allen drei Teilen – die Maske zerfetzt wird (sinnvolle Maske, die nach etwas Action nur noch aus drei Stück Gummi besteht)… das strengt auf Dauer einfach enorm an. Natürlich ist es für einen FIlm schwer, Emotion zu vermitteln, wenn man das Gesicht des Darstellers nicht sehen kann. Film ist da visueller als Comic. Aber genau das ist ja die Kunst. Es erscheint surreal, wenn die Protagonisten zunächst das Bedürfnis zu haben sich zu maskieren (wie es in Comics nun mal traditionell ist), sich dann aber in allen Dialogmomenten immer und immer wieder demaskieren. Dann doch gleich ganz weg mit den Masken, oder? Diesen Spagat, den Raimi schon im ersten Film entnervend darbot, kann man sich einfach nicht einen ganzen Film lang ansehen. Auch das Raimi eine an sich blonde Darstellerin zur an sich rothaarigen MJ macht und eine rothaarige zur blonden Gwen Stacy… überflüssig. Schön ist, dass Gwen fast John-Romita-artige Augenbrauen und den klasischen Haarreif hat, auch wenn dieser Look heute etwas altbacken wirkt. Bryce Dallas Howard macht einen soliden Job als Gwen, auch wenn sie etwas naiv und oberflächlich wirkt und somit meilenweit vorbei an der Charakterisierung der warmherzigen und smarten Comic-Gwen vorbeischießt. Aber gut, Kirsten Dunst MJ ist ja auch denkbar weit weg von der «echten» smart-and-sassy-MJ. Dunsts MJ ist eine selbstmitleidige weinerliche und durch und durch egoistische Person, eine völlig andere Figur als die Comic-MJ. Aber das macht ja Sinn, wenn auch Maguires Peter Parker nicht auch nur näherungsweise mit der von Stan Lee etablierten Comicbook-Figur kongruent ist.
Solche Divergenzen zwischen Vorlage und Hollywood-Interpretation ist man ja gewohnt und sie sind und bleiben so überflüssig wie ärgerlich… immerhin hat Raimi Spider-Man noch kein Kind angedreht wie Bryan Singer Superman. Aber leider ist Spider-Man 3 auch rein als Film genommen, wenn man alle vergleiche mit der Vorlage weglässt, ein leichtgewichtiger, extrem dümmlicher Film, der sich bestenfalls für Zwölfjährige eignet, weil Narration und visuelle Umsetzung für einen Erwachsenen oft eher unfreiwillig komisch wirken. Wer Spider-Man kennt, wird in diesem Film ziemlich leiden, wer unbedarft an den Stoff herumgeht, wird sich bestenfalls langweilen. Spider-Man 3 ist ein Film, der nichts Neues zu sagen hat und dies auch noch kläglich und ohne echten Respekt vor dem Ursprungsmaterial tut.
Also einfach lieber einen Abend grillen gehen bei dem guten Wetter ;-).
2. Mai 2007 18:22 Uhr. Kategorie Film, Stuff. 29 Antworten.

Die Spare Lamp besteht aus 26 25-Watt-Glühbirnen. Nur eine wird in die Fassung geschraubt und dient als Lichtquelle, die anderen Birnen sind Diffusoren. Brennt eine durch, wird einfach die nächste Birne in die Fassung geschraubt, die durchschnittliche Lebensdauer der Lampe beträgt rund 26 Jahre, sofern sie nicht herunterfällt. Kann an der Decke befestigt werden, aber auch als Leuchtobjekt dienen. Das Licht ist einen Tick zu kühl, könnte schmusiger sein bei der geringen Leuchtkraft… aber ansonsten ist Spare eine simple, aber schöne Idee.
Hier…
1. Mai 2007 11:04 Uhr. Kategorie Stuff. 5 Antworten.