LITTLE CHILDREN

«Gehst du mit mir spazieren?» Mit dieser unschuldigen, leicht quengelnden Bitte eines kleinen Kindes beginnt der Film Little Children von Todd Field. Und wie Kinder- impulsgetrieben, ohne Kontrolle, aber zugleich auch unschuldig – begegnen uns die erwachsenen Protagonisten des Films, als Opfer ihrer eigenen Leidenschaften und ihres eigenen Hungers. Da ist – am offensichtlichsten – der Exhibitionist und Pädophile Ronald James McGorvey, aber auch Sarah Pierce und Brad Adamson folgen mit kindlicher Naivität ihrem ungezügelten Es. Field inszeniert eine klischeehaft anmutende vermeintliche Kleinstadtidylle in die gleich auf zweierlei Art Unheil hereinbricht, zum einen in Form des nach einem Gefängnisaufenthalt zu seiner Mutter zurückkehrenden McGorvey, zum anderen in Form von Brad, der in in Sarahs leere Existenz als Mutter hereinbricht und ihre Spielplatzroutine durcheinanderbringt. Der wie mit der Traummann-Keksstanzform gebackene Baywatch-Schönling (der so aussieht, wie er heißt, ein echter «Brad» eben, All-American Sweetheart) knallt mit Sarah so zusammen wie die Züge, die er – symbolisch, symbolisch – kurz zuvor mit seinem Sohn Aaron kollidieren lässt. Und warum auch nicht? Seine Frau Kathy hat die Hosen an, verdient das Geld und entmannt ihn nach allen Regeln der Kunst – und damit wir das auch sicher verstehen, zeigt Todd Field, wie Kathy ihm das Abo seiner Sportzeitschriften storniert. Brad, der anstatt für sein Anwaltsdiplom zu büffeln, lieber träumend den Kids beim Skateboarden zuschaut, sieht in der von Kate Winslett schläfrig gespielten Sarah einen Ausbruch, eine Flucht von der zu schönen und zu perfekten Ehefrau, eine Rückkehr in die Jugend, als er noch Quarterback war und so etwas wie Sex hatte. Nicht ohne Grund darf/muss der Beau denn auch fast simultan mit dem Anfang der Affaire mit Sarah auch wieder Football spielen. Was Sarah angeht, so erwischt sie ihren Mann beim Onanieren vorm heimischen PC (auch Richard folgt nur – das wird sogar explizit von einer Sprecherstimme erklärt – unschuldig seinen Gelüsten) und riecht angeekelt an seinen zugewichsten Kosmetiktüchern, was ihr anscheinend ausreichend Anlass ist, fremdzugehen. Das Richard ohnehin – mehr noch als Kathy – als Randfigur erscheint, als Cypher des faden, latent unsympathischen Karrierebürohengstes, ist einer der großen Gähner dieses Films, ein schwaches, vielleicht unnögies Alibi, zu offensichtlich, zu klischeebesetzt. Welche Frau würde, wenn sie Mr. Baywatch Brad und Mr. Nasses-Handtuch Richard nebeneinander sieht, nicht eher mit Brad ins Bett springen wollen?
Field spinnt aus dieser Konstellation eine griechisch anmutende Tragödie, in der am Ende Brad und Sarah lernen, das sie ihrem unschuldigen Hunger nicht folgen können, beide kehren zu ihrem alten Partner zurück. Das von Field mit verfasste Drehbuch erzählt diese ohnehin nicht sonderlich neue Geschichte auf eine so berechenbare und so plump symbolüberfrachtete Art und Weise, das man sich fragt, für wen der Film eigentlich gemacht ist. Aber irgendwer liest ja auch Rosamunde Pilcher. Das dabei vor lauter Symbolik auch gern die Logik auf der Strecke bleibt, wenn Brad seiner Frau etwa einen Abschiedsbrief schreibt, sich dieser aber hinterher in seiner Jackentasche wiederfindet, oder wenn Brad zu Sarah rennt, um mit ihr durchzubrennen, plötzlich aber meint, erst einmal eine Runde Skateboard fahren und sich fast das Genick brechen zu müssen, dann tut das schon etwas weh. Das Skateboardfahren, Metapher für Brads Drang nach Freiheit, führt zum Absturz («Du hättest es fast geschafft, Mann!») und danach – als hätte er den Subtext des Drehbuchs erst jetzt verstanden – kehrt Brad der Freiheit den Rücken und zu seiner Frau zurück. Ebenso Sarah, die – nach einer Konfrontation mit dem «Kinderschänder» – Angst um ihre Tochter hat und plötzlich einsieht, dass sie ihrem Kinde zuliebe in einer unglücklichen Ehe bleiben muss… ganz abgesehen davon, dass Brad sie scheinbar versetzt hat.
Kaum orgineller als der Hauptstrang der Erzählung ist die Nebengeschichte um den Ex-Cop Larry Hedges und den Pädophilen Ronald, dessen Mutter Larry unbeabsichtigt mit seinen hysterischen Versuchen, Ronald aus dem Viertel zu vertreiben, in den Tod treibt und der sich am Ende – um ein braver Junge zu sein – selbst kastriert. An dieser Kastration erweist sich der Film vielleicht am deutlichsten als im Kern prüde. Am Anfang des Films – als Sarah sich noch als kühle «Anthropologin» im Sumpf des Spießertums sieht – sprechen drei wie Macbethsche Hexen auf dem Spielplatz Gericht haltende Mütter davon, dass man Ronald kastrieren müsse, und am Ende gibt der Film dieser verqueren Logik recht, am Ende muß die Lust beschnitten, beseitigt, getilgt sein. Auch Sarah und Brad beugen sich am Ende dem Über-Ich dieser All-American Sauberkeit und kehren zurück zu Ehe und Apfelkuchen – und das freiwillig. Wäre Field wenigstens eine Geschichte gelungen, in der das impulsive Liebespaar von der Spießerumwelt eingedampft wird… aber nein, beide kommen einfach so «zur Vernunft». Es steckt ein tiefer Mief von Spießigkeit in diesem Film, der angeblich von Freiheit erzählen will. Sarahs Entsetzen über den cyberonanierenden Ehemann wirkt so unzeitgemäß wie eine Doris-Day-Frisur und passt so gar nicht zu ihren eigenen sexuellen Gelüsten und dem Fremdgehen, ihrem angeblichen «Ausbruch». Fast vorhersehbar auch, dass der mit Jackie Earle Haley ohnehin recht offensichtlich gecastete Kinderschänder-in-spe mit dem Rattengesicht und der unreinen Haut sich tatsächlich als sexuell gestört erweist und ein Muttersöhnchen ist. Wohltuend – und zugleich doch auch enttäuschend – ist einzig, dass McGorvey sich am Ende nicht an Sarahs Tochter Lucy vergreift… obwohl sich gerade das so anfühlt, als habe der Autor vor dieser letzten Konseuqenz der griechischen Tragödienstruktur zurückgeschreckt. Denn es wirkt seltsam, dass Brad zwar im Krankenhaus landet, Sarah aber weitestgehend mit wenig mehr als einem Schreckmoment aus der Affaire kommt. Wie so oft fühlt sich der Film an dieser Stelle seltsam brav an, weichgespült, viktorianisch. Wenn Brad und Sarah wieder getrennte Wege gehen, so fühlt sich das sinnlos an, weil beide weder erkennbar durch die Ereignisse einen neuen Sinn in ihrer alten engen Existenz entdecken noch von außen getrennt werden – beide geben einfach, weitestgehend grundlos, auf, beide erkennen sie Unsinnigkeit des Wunsches einer Flucht aus der Öde des Alltags einfach kampflos an. Träum’ nicht, sagt dieser Film.
Unter anderem Umständen kann so ein Film über das Aufbegehren aus dem Mief der Vorstädte aufregend und fesselnd sein – aber hier bannt Regisseur und Autor Field eine Plattitüde nach der anderen aufs Celluloid, das einem schwindelig wird. Der Sex im Waschkeller, neben dem ratternden Wäschetrockner, scheint eher aus einem Dear-Penthouse-Brief frustrierter Hausfrauen zu stammen, und dieses magere Seifenoper-Niveau legt der Film nie ab. Bei allen wuchtigen Allegorien, bei aller pompös-unsubtilen Symbolik, es mangelt einfach strukturell an Tiefgang, es mangelt an Geschichte, es mangelt an einem guten Drehbuch. Man hat bisweilen Mitleid mit den Darstellern, die sich durch diesen flachen Plot arbeiten müssen. Allen vorweg Haley, den die Regie durch eine der peinlichsten Wahn/Trauer/Wut-Sequenzen in der Filmgeschichte scheucht. Man ahnt, dass der Pädophilen-Darsteller hier viel mehr geben könnte, einfach, weil er in anderen Szenen mit einem einzigen Blick mehr Trauer und Frustration kommunizieren kann als in dieser Sequenz mit allem nervösen Herumgehen, Wüten, Händen-an-den-Schädel-hämmern. Der Darsteller hätte diese Szene deutlich subtiler spielen können, aber er sollte wohl Peter Lorre in «M» nachahmen. Als Haley inmitten der Hummelfiguren und Uhren seiner Mutter steht, weiß man intuitiv, dass er diese (bleischweren) Symbole der Naivität seiner «Mami» im nächsten Moment zerschlagen wird, weil das Drehbuch ja bisher auch keine Chance ausgelassen hat, jedes plumpe Klischee mitzunehmen. Wie Sarah und Brad ist eben auch Ronald James McGorvey im Grunde selbst ein Kind geblieben, das erst am Ende des Films versucht, erwachsen zu werden. Am Ende sind sie alle «gute Jungen» (und Mädels), kastrieren sich. Das Field es nötig findet, die innere Kastration des Liebespaar aufdringlich in Form des sich selbst den Penis abtrennenden Kinderschänders zu spiegeln… «grobschlächtig» wäre hier noch höfliche Umschreibung. Jedes einzelne Symbol in diesem Film ist so oberflächlich, so offensichtlich, dass man verzweifeln möchte, wenn etwa Kate Winslett im ausgerechnet roten Badeanzug im Schwimmbad erscheint, das Geräusch der Spielplatzschaukel im Finale fast zum Horrorfilm-Zitat mutiert, oder wenn drohendes Unheil durch aufkommenden Sturm reflektiert wird. In amerikanischer Grellheit versucht sich Field hier an europäischem Autorenkino, dabei aber so grobmotorisch, so klobig, so unbeholfen, dass man sich wahrscheinlich bei einem Sommer-Blockbuster besser unterhalten gefühlt hätte, weil Anspruch und Können bei Blockbustern eben dichter beieinander sind, die wollen ja von vorneherein nichts.
Bemerkenswert ist einzig und allein die absolut grandiose Kameraarbeit in Little Children. Antonio Calvache fängt die öde Geschichte in Bildern ein, die alles andere als langweilig sind. Mit der Ruhe einer Eidechse in der Mittagssonne streicht seine Kamera über Gesichter und Häuserfronten, Spielplätze, Schwimmbäder und Einrichtungsmief. Braune, entsättigte Farben, langsame Schnitte und ruhige Subtilität in den eher unnötigen Sex-Szenen des Films verleihen Little Children eine ästhetische Oberfläche, die über die Plumpheit der Geschichte hinwegtäuschen kann. Es gibt immer wieder wunderbare Cinematographie in diesem Film – wenn auch das Footballfinale fast ironisierend pathetisch geraten ist -, wie etwa der Moment, in dem Sarah aus der Umkleide erstmals in das Sonnenlicht des Schwimmbades kommt und alles grell, überbelichtet wirkt. Auch Calvache muss mit der grobschlächtigen Sybolik des Filmes kämpfen, aber immer wieder gelingen ihm kleine Momente, die fast photographische Klarheit haben, die man so einfrieren und länger studieren möchte, um die Details aufzusaugen. Die Kameraarbeit verleiht dem Film – wie das Filmplakat es ja auch tut – eine magnetische Eleganz, eine schwüle Behäbigkeit, die absolut bemerkenswert ist. Aber Antonio Calvache schreibt hier alles in allem eben Schecks, die Todd Field keine Sekunde einlösen kann. Der Film mag gut aussehen, bleibt aber im Kern oberflächlich und enttäuschend.












