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FLIP CLOCK

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30. April 2007 10:46 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.

NODAL POINT STATIV SELFMADE




Da die Panorama-Stativköpfe von Manfrotto, die die Kamera am im Objektivinneren liegenden Nodal Point drehen und so parallaxenfreie 360°-Aufnahmen ermöglichen, etwas hochpreisig sind, hat Marian kurzerhand selbst eins gebaut. Sieht krude aus, funktionierte aber bei den Aufnahmen in Bielefeld, die Marian und Raffael Dienstag und Mittwoch bis zur Erschöpfung von Sonnenaufgang bis in die Nacht gemacht haben, offensichtlich einwandfrei, die Aufnahmen sind prima geworden. Die kleine Gradscheibe ermöglicht es, recht präzise in drei Reihen (Himmel, Bildmitte, Boden) zu arbeiten und die Kamera, die mit der Schraube an der aus dem Stativ sitzenden Konstruktion befestigt ist, wird so gedreht, dass der Mittelpunkt der Drehung exakt im Nodal Point liegt, also im wirklichen Rotationspunkt des Bildes. Ich find absolut gut, wie Lo-Fi die Konstruktion ist – das ist so großartig backstage. Es gibt anscheinend echt nichts, was Marian nicht kann… grandioses Detail ist übrigens, dass die Winkelscheibe in der FF DIN und mit Minuskelziffern gesetzt ist :-D.

27. April 2007 14:46 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

ATOMA NOTIZBUCH

Auf der Suche nach einer Alternative zu Moleskine bin auch auf die Atoma Notizbücher bei Manufactum gestoßen. Bei den Moleskine hat mich gestört, dass man wiederkehrende Elemente immer wieder selbst von Hand eintragen musste und ich suchte nach etwas, das ich selbst vordrucken und dennoch als einigermaßen schickes Notizbuch nutzen konnte.


Die Bücher des belgischen Herstellers Atoma arbeiten mit einem Ringbuchprinzip, bei dem die Ringe allerdings nicht wie sonst geöffnet werden und gelochtes Papier entnommen wird. Die Ringe sind solide Scheiben, in die das Papier einfach eingehängt ist. Die Blätter sind einfach nach oben zu entnehmen, aber beim Blättern halten sie bisher erstaunlich gut. Insofern kann man sehr einfach neu sortieren, zusätzliche Blätter einfügen, Blätter bedrucken und wieder einhängen, auch kleinere Notizen einhängen und so weiter.


Die Atoma-Version von Manufactum ist insofern bemerkenswert als dass Manufactum anstelle der sonst verwendeten Plastikringe auf mattierte schwere Aluminium-Ringe setzt und das Cover aus Texon ist, einem Lederersatzmaterial, das wasserabweisender und widerstandsfähiger sein soll als normaler Karton. Manufactum bietet die Notizbücher un verschiedenen Formaten von A7 bis A4 an. Durch die schweren Aluringe lässt sich das Notizbuch auch perfekt als Notiz- oder Skizzenblock benutzen, wenn man es anders herum hält. Ob Buch oder Block – das liegt hier einfach an den Wünschen des Benutzers, beides geht. Das Papier gibt es liniert, kariert und auch blanco. Die Bücher sind relativ preiswert und die Nachfüllpacks wirklich – gerade für Manufactum-Verhältnisse – absolut fair.

Kleine Kritikpunkte an dem ansonsten überzeugenden Notizbuch: Ich finde, das 90g-Papier ist trotz etwas Volumen zu dünn, 135 g wären einfach netter gewesen. Auch die Coverdeckel hätten mehr Dicke vertragen, das Heft wirkt mir insgesamt zu flexibel und weich, vor allem im Vergleich zu den ja sehr massiven Moleskine-A5-Büchern. Ein großes Manko ist darüber hinaus, dass die Blätter sich nicht in Reihe bedrucken lassen. Die Ösen, mit denen die Blätter eingehängt sind, verhaken sich ineinander, so dass im Papiereinzug des Druckers sofort Papierstau entsteht, wenn man mehr als ein einzelnes Blatt einlegt. Etwas schade, aber immer noch schneller als von Hand schreiben zu müssen.


Ich selbst nutze die Atomas als Dozenten-Kursbuch an der RA und konnte mir Studentenprofile für die Punktevergabe und Anwesenheitslisten und ein generelles Protokoll so schnell und effizient vordrucken und für jedes Semester dann schnell neu aktualisieren. Ich bin gespannt, ob das Buch in der praxis beim Hin- und Herblättern hält oder ob es nicht doch auseinander fällt. Zudem benutzen wir die Atomas jetzt auch im Büro als normale Notizblöcke, weil man zugleich ein Buch hat, in dem alles merkenswerte bleiben kann, aber zugleich auch einen schnellen Abreißblock – ideale Kombination also. Und sie sehen auf dem Schreibtisch gut aus :-D.

13:04 Uhr. Kategorie Stuff. 12 Antworten.

ChkChkChk live Köln

Die Intro hat im Gebäude 9 drei Bands versammelt, die verschiedener kaum sein könnten. Khaela Maricich von The Blow lieferte ihre knapp 45 Minuten Gig solo, ohne Partnerin Jona Bechthold, erzählte kleine Stories zu den Songs, wippelte in Socken über die Bühne und sang zum Playback, was trotz der guten Songs natürlich wenig mitreißt. Die Tracks weichen keinen Millimeter von der Albumversion ab und bei allem Respekt davor, sich einfach so vor ein Publikum zu stellen und allein auf einer großen Bühne loszuperformen…«live» stell ich mir eben mit etwas mehr Leben vor.

Kissogramm, die mit If I had known this before ja keine Unbekannten mehr sind, und deren Debut Meisterfinger Gonzales produziert hat, legen live einen seltsam enttäuschenden Gig hin. Irgendwie sehr deutsch, sehr steif, sehr gewollt. Die beiden Jungs – Jonas Poppe und Sebastian Dassé – machen halt so charmanten Homerecording-Pop, der irgendwie nicht laptoptronica genug ist, nicht unperfekt genug, nicht perfekt genug, irgendwo zu sehr in der Mitte. Jeder musikalische Stil wird mal angerissen, Shuffle, Walzer, 80s-Wave, Pop… und in dieser Melange bleibt leider alles eigenständige und einzigartige irgendwie verschwunden, trotz teilweise wunderbarer kleiner Synth-Soli. «Geht mal aus euch raus» ruft jemand aus dem Publikum und so völlig verkehrt ist der Tipp nicht. Mehr Dreck, mehr live, mehr Energie und das ganze würde 300% mehr Spaß gemacht haben.

Den Unterschied zwischen deutscher Steifheit und Stageparty machen dann !!! deutlich. Während bei den beiden ersten Bands das Gebäude 9 nur zu etwa 40% gefüllt war, ist die Halle schlagartig berstend voll, und während The Blow und Kissogramm auf Elektronik setzen, kommt bei !!! erst einmal Drummer Jerry auf die Bühne und fängt an einen stumpfen, treibenden Beat in sein Drumkit zu prügeln, bei dem die gesamte Halle anfängt den Hintern zu bewegen. Und damit haben wir die nächsten rund 90 Minuten ganz gut zusammengefasst. Es gibt keine ruhige Nummer, keine Pause, keinen Stillstand bei !!!, die Band rockt durch alle Stilarten zwischen Indie, 70sDisco, Dub, Acid, Funk und Frontmann Nic geht bis an die Grenzen des körperlich machbaren, um die Menge anzuheizen. Der Mann ist permanent in Bewegung, ultimative Rampensau, glorreiches Partyanimal und ich habe selten ein gräßlicheres Bühnenoutfit gesehen als seinen Camping-Macker-Look aus Muscleshirt und Satin-Boxershorts. Respekt.
Die Tracks des aktuellen Albums Myth Takes, schon auf CD absolut großartig, werden hier bis an die Grenze ausgelotet, lauter, härter, schneller, psychedelischer. Die Platte wirkt danach verhältnismäßig brav. Live bauen !!! einen derart babylonischen Tower of Power, getrieben von Drums und Percussion, Justins treibenden Funkbasslines, und umringt von Bläsersätzen, TB303-Sounds, und zwei so nahtlos ineinandergreifenden Gitarren, das es in toto schlichtweg atemberaubend ist. Die Songs gehen derart ekstatisch in die Höhe, dass man irgendwann einfach Schreien muss, um den inneren Druck loszuwerden. Gitarrist Tyler verbingt den halben Gig am Boden vor seiner Effektgerät-Sammlung und sorgt für umwerfend psychedelische Echo-Sounds und Delaywände. Das Publikum geht nicht ganz so ab wie bei den Klaxons (und damn, habe ich mir gewünscht, das wir die Bühne stürmen würden, das wäre das perfekte Ende gewesen), aber die Party ist trotzdem im Saal, es wird geschrien, geklatscht, gesungen, getanzt, gesprungen und gemosht, was das Zeug hält. Das Klischee von «Der Saal kocht» trifft es echt echt noch am besten. Die Audience ist völlig frenetisch und die Band so gegen halb eins auch völlig am Ende. Das letzte Lied wird gegen den Protest des Drummers gespielt, der sichtlich völlig ausgelaugt ist. Nic zieht gegen Ende sein Shirt aus und wringt es über sich aus, und das Teil ist so durchnässt, dass er im eigenen Schweiß duscht. Frenetisch wird das Level des machbaren mit jedem Track nach oben gepusht, Gorman und Allan wechseln rasend zwischen Percussion und Bläsersätzen oder ackern gemeinsam am Keyboard. Ich habe selten eine Band so hart, so intensiv arbeiten gesehen, so voll am Limit. Oben auf der Bühne stehen am Ende acht völlig ausgepowerte Männer und eine Frau, unten ein Publikum, das kaum weniger fertig ist.

Definitiv bisher das beste Konzert des Jahres.

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26. April 2007 22:31 Uhr. Kategorie Live. 5 Antworten.

EXTRALIFE

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via Scans Daily

25. April 2007 10:50 Uhr. Kategorie Online. Keine Antwort.

IDENTITÄT

Eines der Grenzen-Ausstellungs-Projekte war Gregor Eisenmanns Identität-Buch. Neben einigen anderen wirklich sehenswerten Ergebnissen, die ich aber nicht hier habe, ist dieses Buch eine hoch individuelle Auseinandersetzung mit dem Thema «Wer bin ich?» und dem mit der Semesteraufgabe verbundenen Trip nach Berlin. Photographie, Illustration, Photoshop, Handschrift vermischen sich hier zu einem vielschichten Etwas, das etwas jenseits von normalem «Design» funktioniert, ein seltsam anarchisches, persönliches Statement, dem man ansieht, wieviel Arbeit und Liebe Greg hineingesteckt hat.

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23. April 2007 16:44 Uhr. Kategorie Design. 17 Antworten.

FULL METAL VILLAGE

Einen «Heimatfilm» nennt die gebürtige Koreanerin Sung-Hyung Cho ihre Dokumentation über das nördlich von Hamburg gelegene 2000-Seelen-Dorf Wacken, das für Metalfans weltweit zum Inbegriff eines der größten Festivals der Szene geworden ist, das jährlich gut 60.000 Besucher anlockt. In Wirklichkeit, das legt das Szenario nahe, ist es natürlich ein Katastrophenfilm, und wie jeder guter Film dieses Genres folgt die Regisseurin einer handvoll von Protagonisten durch den Sturm. Das Festival selbst nimmt dabei im Film einen vergleichsweise geringen Raum ein, die Ruhe vor dem Sturm scheint es Cho deutlich mehr angetan zu haben und – tatsächlich, den Gegensatz zwischen Metalheads und Bauern braucht es eigentlich gar nicht. Die Wackener öffnen sich der seit knapp zwei Dekaden in Deutschland lebenden Südkoreanerin mit einer an Naivität grenzenden Offenheit und entblößen sich als verschrobene, schreckliche, bemitleidenswerte, liebenswerte Menschen.

Da ist der Multibauer Uwe Trede, meisterhafter Kettenraucher und Dorf-Dagobert, der sich in seiner Eigen-Inszenierung als jovialer Geldsack mit losem Mundwerk verheddert und fast nahtlos zur Witzfigur mutiert. Da ist seine Frau, der die Kamera subtil entlockt, wie gefangen und einsam sie in ihrer Ehe ist. Da ist der Milchbauer Plähn, stoisch-ruhiges Oldschool-Bauer-Gegenmodell zu Trebe, mit seiner kranken Frau, die wir kurz vorm Abspann großartigerweise noch sehen, der bescheiden, fast naiv und doch leicht hinterfotzig auftritt, und dem Cho – man glaubt kaum, was man da sieht – mit der Frage, was für ihn Liebe bedeutet, fast Tränen entlockt. Man merkt schnell, wie dünn die bürgerliche Schicht ist und welche Abgründe dahinter warten, besser als es jedes Theater, jeder inszenierte Film könnte. Wenn Kathrin Schaack, die wir anfangs beim Möchtegern-Model-Training mit ihrer Paris-Hilton-Klon-Freundin erleben, als Vorbereitung auf die Bewerbung bei einer kaum seriös wirkenden Agentur, vor laufender Kamera gesteht, ihr größter Wunsch sei es, im Zweiten Weltkrieg gelebt zu haben, weil sie so vom Dritten Reich und dem Führer begeistert ist, wenn ihre Großmutter Irma von der Vertreibung aus Ostpreußen berichtet oder sich beim Gebet am Bett filmen lässt… mit fast beiläufiger Ruhe entlarven sich die Wackener hier vor Cho selbst, als sei die Kamera ein Beichtstuhl, als würden sie von der Kamera Absolution erbitten. Nicht umsonst beendet Trede jeden zweiten mit «Ne?». Auch Norbert Trenohr, einer der Miterfinder des Festivals, der aber wegen Frau und Kindern und Finanzgründen dereinst ausgestiegen ist und heute arbeitslos, während seine Ex-Kumpel das große Geld machen, gibt einen fast voyeuristischen Blick auf Schmerz und Neid frei und lässt vor der Kamera Ausfälle gegen polnische und russische Gastarbeiter ab, die den deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen. Es scheint, als enthemme das Objektiv, als würde die Dokumentarfilmcrew die Bürger animieren, sich selbst zu inszenieren, sich selbst in Stories zu casten, die einer RTL-II-Reality-Soap entsprungen sein könnten.

Das Full Metal Village aber eben nicht bei einem Trash-Sender im Vormittagsprogramm nudelt, sondern auf Arte und im Kino, liegt daran, dass die Inszenierung stets behutsam und leise ist, ein Auge und ein Ohr für Zwischentöne hat, und bei allem grellen Humor, der immer zu fast hysterischem Lachen zwingt, zur Rührung fähig ist. Village ist ein brüllkomischer Film, und schafft es zugleich, sich niemals über die Subjekte des Films wirklich lustig zu machen. Wenn der örtliche Priester zunächst voller Toleranz und Nächstenliebe den Black Methal… äh Metal-Fans bescheinigt, dass sie gar nicht so schlimm seien wie ihr Ruf, um wenig später im Film seine Familie ins Auto zu setzen und die Flucht zu ergreifen, dann ist das komisch, ehrlich und entblößend zugleich. Und die Abgründe, die man hier sieht, daran kann kein Zweifel sein, würden sich in jedem Dorf in Westfalen, Baden-Würtemberg, Bayern wiederfinden… und einen ähnlichen Film könnte man sicher auch über urbane Stadtteile drehen. Die ländliche Idylle erweist sich – ebenso wie die urbane Hipness – als dünnes Makeup, unter dem jederzeit die Narben, die Akne und der dünne Schweißfilm des stinkenden Lebens erahnbar bleibt. Frustrierte Hoffnungen, gescheiterte Träume und die Erkenntnis, das es keinen Weg zurück gibt, um sich noch einmal anders zu entscheiden. Was bleibt, universell, ist Seufzen. Um so grandioser, dass Cho es schafft, uns an der Dorfjugend vorzuführen, wie sinnlos und absurd diese Träume heute geworden sind. Wenn Kathrin und ihre Freundin sich zwischen Heu und Dreck Schminktipps an die Wand heften und auf einem Bauchtrainer à la Ottoversand an der Modelfigur arbeiten, dann wird die ganze Tragik dieser Generation und ihrer Luftblasen deutlich, und auch, wie unwahrscheinlich sich die Welt geändert hat zwischen dem, was Kathrin will und dem, was ihre Großmutter erlebt hat.

Die Invasion der Metalheads – mit allerlei Zeichen und Omen inszeniert, eben ganz im Stil des Katastrophenfilms – ist dann an sich natürlich ebenfalls ein Clash of the Cultures, der komisches Potential birgt. Die Zeltinseln, der exzessive Alkoholeinkauf, der Look und die permanenten «WACKEN»-Shoutouts. Aber auch hier zeigt sich wieder die Reaktion des Dorfes als das spannendere Moment. Ein altes Paar, das stocksteif neben einem Verkaufsstand sitzt. Uwe Trebe, der zum Bonanza-Chaf mutiert und mit Bierstand und Trecker-Quadbike die Organisation der Freiwilligen übernimmt. Mit einer soliden Mischung aus Gier und Verwirrung setzt sich Wacken mit dem Einfall der «Teufelsanbeter» auseinander, versucht zu überleben und dabei möglichst viel Geld verdient zu haben. Das ganz normale Leben also.

Village schafft alles, was sich andere Filme nur vornehmen. Lustiger als alles an deutschem Comedy-Output zusammengenommen und zugleich mit mehr Tiefgang als jeder beliebige deutsche Problemfilm, hat Cho ganz im Stile eines Michael Moore gearbeitet und ihre Dokumentation zu einem keineswegs trockenen, sondern hochunterhaltsamen, nach allen Regeln der Dramaturgie geschnittenen Pop-Event gemacht, das zunächst wie Zuckerwatte schmeckt und dann einen vergifteten Kern enthüllt, bei dem man sich ständig fragt, ob den Leuten vor der Kamera eigentlich bewusst war, was sie da so sagen. Die verblüffende Leistung von Full Metal Village dabei aber ist nicht nur der richtige Mix aus dadaistischer Komik und tragischer Ehrlichkeit, sondern vielmehr, dass der Film niemals auf Trash-Doku-Soap-Format abrutscht, sondern immer auf eine stille Art liebevoll, ruhig und sanft mit den Menschen vor der Kamera umgeht. Als wäre Cho bewußt, daß gerade, die, die sich hier der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben, eine tiefere, wahrere innere Größe aufweisen.

10:07 Uhr. Kategorie Film. 9 Antworten.

Noch ein Planet

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22. April 2007 19:28 Uhr. Kategorie Arbeit. 7 Antworten.

KÖRPERKRIEGE

Der Traum von Schönheit durchzieht Gregor Webers Tanzperformance Körperkriege, eine episodenhafte, unstete Auseinandersetzung mit Körperkult, Unsicherheit, Schmerz, Häßlichkeit und eben… Schönheit. 17 Tänzer/innen und Schauspieler und zwei grandiose Live-Musiker, Mundharmonika-Magier Eric Zeiler und Michael Braun am akustisch-elektrischen Drumkit, schaffen im Kölner Arkadas-Theater eine bewundernswerte Gratwanderungzwischen absurder Komik und tatsächlich anrührenden Momenten.

Dabei ist Tanztheater stets ein Pokerspiel. Ein bißchen zu viel und es wird platt und aufdringlich, ein bisschen zu wenig und es bleibt inkommunikabel, verwabert. Und sicher gibt es auch in Körperwelten, gerade weil es fast wütend zwischen Tanz und Performance, Comedy und Aktionskunst oszilliert, auch den einen oder anderen Durchhänger. Die furiose Showeinlage mit dem ominös bayrisch-wienerischen Akzent der Schauspieler Isabell Brenner und Robert Christott wirkt seltsam albern und comedygeschädigt, während ihr Dialog über Bodymorphing und Schönheitswahn – «Ich bin für alles offen» – die richtige Balance zwischen funny und bitter trifft. Aber alles in allem gelingt dem Butoh-Tänzer, Choerographen und Regisseur Weber hier eine überzeugende, nie langweilige Mischung aus Improvisation und Inszenierung, an der vor allem der Mut zur Grenzüberschreitung beindruckt. Performancetanz ist mehr und mehr ein Abtasten des Möglichen geworden und so darf natürlich auch hier eine Interkation mit dem Publikum nicht fehlen – die aber so furios abgeht, das man einfach Spaß dran haben muss. Kaum aus dem Ei geschlüpft und nach den ersten unsicheren Schritten über die Bühne finden sich Paare anhand ihres ähnlichen Looks zusammen und werfen sich – was sonst – direkt in die erste Gameshow des Lebens, in die Peer-Pressure, ins Bodystyling, in die Liebe (oder doch zumindest den Sex). In einem wilden Mix aus klassischem Tanz, Performance, Showeinlagen arbeitet sich Webers Truppe zu einem bizarren Finale empor, das wie ein Wunschkind von David Lynch und Michael Ninn wirkt. Eine der Darstellerinnen wird nackt, mit verhülltem Kopf, in einen Holzrahmen gefesselt und mit Wäscheklammern malträtiert. Nichts, was man nicht von einem gemütlichen BDSM-Nachmittag kennen würde, aber die Transformation von pornographischen Körperfetisch zu Tanzkunst funktioniert durch die großartige Musik und die Surrealität des Bühnenbildes. Als Schockmoment wirkt das Ganze gemessen an realen Bondage- und SM-Inszenierungen fast etwas schwach, zu wenig ritualisiert, brav… im Kontext eines Tanzstückes, das sich mit Körperkult, mit der gesellschaftlichen Vorstellung von «Schön» und «Abstoßend» befasst, macht die Einlage durchaus Sinn. Und wenn es den ein oder anderen braven Kulturkonsumenten doch schockt, umso besser.

Überhaupt beweist Webers Konzept Willen zum Abseitigen. Nicht nur, weil mit Leslie Mader und Andrea Eberl zwei blinde Schauspielerinnen/Musikerinnen auf der Bühne mitmachen und perfekt in die Inszenierung eingebunden sind, sondern auch, weil seine Performer keine perfekten Körper haben. Wenn sich die bodyincrises-Mannschaft im Finale entblättert und wie in Zeitlupe langsam nackt mit dem Rücken zum Publikum an die Wand des Theaters positioniert – unfreiwillig an die Kommune 1 erinnernd -, wird tröstlich klar, dass auch die Körper von Schauspielern und Tänzern nicht makellos und und unverwundbar sind, die Performer, die durch alle Altersgrenzen gehen, zeigen – aus der Mitte von groß nach klein gestaffelt – eine seltsame Landkarte menschlicher Körper, eine Zeittafel von Verfall und Verwundbarkeit. Und aus dieser Nacktheit gelingt es ihnen, mit etwas Licht, mit angespannten Muskeln und rein durch die Inszenierung der Masse von Körpern – ein letztes Schaubild, ein Monument aus Körpern zu errichten im ultravioletten Licht gebadet, eine Impromptu-Skulptur aus Fleisch, in der der einzelne mit seinen individuellen Makeln untergeht, Teil einer Welle wird. Das dieses letzte Bild zugleich eine Videoclip-Ästhetik bedient, das etwas berechenbar imposante Bild einer verzweifelten Woge aus Menschen, die sich gegen eine undurchdringliche Wand auftürmen, sei’s drum. Tanztheater Post-Bausch lebt nun einmal von Inszenierungseffekten dieser Art und bedient sich unweigerlich aus dem Pool von Bildern und Ideen, die in anderen Medien präsent sind.

So bietet Körperkriege nichts wirklich neues oder ungesehenes, aber in dieser Kombination einen überraschend schnellen, nie kopflastigen, immer überzeugenden Ensemble-Auftritt, den man sich am 22.04. wirklich noch einmal im Arkadas-Theater anschauen sollte.

12:05 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

KNOW

We insist that students be absolutely motivated and dedicated to their work, with a lot of initiative. The most important thing is not to know, but to know how to know.

Katherine McCoy

(Rick Poynor: Design without Boundaries)

21. April 2007 11:37 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

DRIFT

The Thing that I think is most interesting about technology is not having a result in mind, to suspend making judgements about things, to use it as a watery, intuitive, playful form of primary consciousness… to drift and float…
April Greiman

(Rick Poynor: Design without Boundaries)

11:32 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

BE SILLY

If people never did silly things nothing intelligent would ever get done.
Ludwig Wittgenstein

11:29 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

FAST FRIDAY











20. April 2007 19:27 Uhr. Kategorie Arbeit. 6 Antworten.

Sarah Kuttner ist meine kleine Schwester

Jedenfalls klingt sie in der letzten April-Neon so…

«Aber mir wird ja auch viel schneller langweilig als allen anderen Menschen.»
«Ich würde jederzeit vier Stunden Umleitung in Kauf nehmen, um eine Stunde im Stau zu vermeiden.»
«Ich habe generell ein Problem mit Langsamkeit. Und ich bin impulsiv.»
«Ich hab mir oft vorgenommen, langsamer zu reden, aber… der Sprachtrainer meinte, bei mir sei nichts zu machen.»
«Ich tippe nur mit zwei Fingern und ständig daneben. Aber das verdammt schnell.»
«ich denke beim Reden nach.»
«Ich benutze nur mehr Worte als andere, um dasselbe zu sagen. Das nervt vielleicht, aber es kann auch unterhaltsam sein.»
«Ich verfüge über körpereigene Drogen.»
«Ich kann mich wahrscheinlich darauf verlassen, dass auch künftig in meinem Leben nicht alles glatt und sauber und vernünftig laufen wird. Weil ich so schnell bin, dass ich mir früher oder später immer selbst im Weg stehe. Aber genau dann wird’s auch oft lustig.»

Das ganze Interview in der Neon, der Brand Eins für alle Lesefaulen.

11:42 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

SO MAYBE DESIGN IS NOT JUST COMMUNICATION

Often when designers and theorists speak of communication, what they refer to is a mechanistic transmission model of communication and attendant concerns about audience that are based on a long line of mass media audience research. My concern is that a reductionist model will unquestioningly be reproduced when communication is defined solely in terms of imparting, sending, transmitting, or giving information to others; perhaps more problematic is the fact that central to the mission of transmitting messages is the purpose of control.

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08:17 Uhr. Kategorie Design. 5 Antworten.

SUNSHINE

Rund 60 Jahre in der Zukunft ist die Erde ein Frostplanet, weil die Sonne erlischt. Nachdem die Mission des Raumschiffes Ikarus I, die Sonne durch eine gezielte Nuklearsprengladung wieder zu entfachen, anscheinend gescheitert ist, macht sich eine zweite Crew mit dem gleichen Ziel auf den Weg. Aus diesem denkbar einfachen Plot, der in den Händen eines anderen Regisseurs wahrscheinlich zu einem drittklassigen Weltuntergangsfilm verkommen wäre, zaubert Trainspotting-Regisseur Danny Boyle einen opulenten Pop-Zitatenschatz des SF-Kinos der letzten drei Dekaden.

Bemerkenswert daran ist, dass der Film nicht auf der Erde beginnt und sich sämtliche Katastrophenszenarien spart. Wir beginnen den Film mit den beiden heimlichen Protagonisten des Films, dem mechanischen, goldglänzenden Facetten-Schutzschirm der Ikarus und der Sonne, die sich darin spiegelt. Noch bevor wir die internationale Crew kennenlernen, inszeniert Boyle einen prägenden Moment des Films, wenn die Kamera schwerelos an dem gigantischen Sonnenschirm vorbeigleitet in die Schattenzone dahinter, in die kalte schwarze Stille des Weltalls und der Raumstation, die nur der fragile Schutzschild vor der unmenschlichen Hitze der Sonne bewahrt. Boyle gibt sich alle Mühe, die Urgewalt, der die Menschen hier ausgesetzt sind, zu verdeutlichen. Bordpsychologe Searle (was sich wahrscheinlich nicht ganz zufällig fast wie «Sol» ausspricht), fasziniert vom Anblick der Sonne, erfährt vom Bordcomputer, dass er das ungefilterte Sonnenlicht im Observatoriumsraum nicht überleben würde wohl aber eine auf 3,1% herabgefilterte Dosis für knapp 30 Sekunden. Und das, obwohl die Ikarus II noch Millionen Kilometer entfernt von dem sterbenden Stern ist. Gegenüber dieser Urgewalt verblasst die Crew etwas, die Boyle als den inzwischen fast üblichen ethnischen Mix präsentiert – eine Crew von Wissenschaftlern, die auf einer Selbstmordmission sind, um die Erde zu retten und langsam Bordkoller bekommen.

Alex Garland (The Beach) hat hier ein Drehbuch erarbeitet, dass nicht allzu originell daherkommt und mitunter sogar schwach ist und auch weit entfernt von aller physikalischer Logik operiert. Es ist ein routiniert wirkender SF-Plot, der zahlreiche vertraute Versatzstücke rearrangiert und auch in den Figuren nichts wirklich neues präsentiert. Die wahre Stärke des Films ist, was Danny Boyle aus dieser Vorlage macht. Ebenso sphärisch und stimmungsvoll, retro und zugleich futuristisch wie die Musik von Underworld und John Murphy, gelingt Boyle über weite strecken ein eleganter, wagneresker Film. Er zitiert ungeniert zahlreiche Vorlagen – 2001, Event Horizon, Silent Running, Alien, Pitch Black sind nur einige wenige Beispiele -, schafft es aber, wie ein guter DJ, aus diesen Samples etwas recht eigenständiges zu zaubern. Der erste Teil des Films ist sicherlich der stärkere – Boyle schafft hier eine einfachen Ausgangsituation zwischen Mensch und Weltall, die für enorme Spannung einfach ausreicht. Nachdem das Schiff etwas eher als erwartet den Funkkontakt zur Erde verliert, entdecken die Astronauten, dass die Ikarus I noch existiert und in einem Orbit um die Sonne kreist, das etwas neben der Stelle liegt, an der die Ikarus II ihre stellares Nuklearstreichholz abliefern soll. Die Crew entscheidet nach einigem Hin und Her, die an Bord der Ikarus befindliche zweite Bombe abzukoppeln, so dass man ZWEI letzte Chancen hätte, die Sonne neu zu entfachen. Two last chances are better than one. Nur leider vergisst der von Bernard Wong intensivst gegebenen Navigator Trey beim Kurswechsel, den überlebenswichtigen Sonnenschirm neu auszurichten. Kleine Ursache – große Wirkung. Das Schiff nimmt beträchtlichen Schaden davon, der Schirm muss repariert werden und die Sauerstoff erzeugende Biosphäre im Schiff selbst verbrennt total, so dass der Crew nicht einmal mehr genügend Sauerstoff bleibt, um die Bombe am richtigen Ort abzusetzen. Es sei denn, sie erreichen die Ikarus I. Ganz wie bei Rotkäppchen beginnt also die Tragödie der Ikarus II damit, dass die Mannschaft vom Weg abkommt. Bordphysiker Cava will die doppelte Sicherheit, will es – ganz Ingenieur – perfekt machen und setzt dafür alles auf Spiel. Am Ende wird also der scheinbare Sturkopf Mace recht behalten. Der Plot des Films begingt sich also selbst: Hätte die Crew einfach ihre Mission wie geplant durchgezogen, wäre alles gut ausgegangen.
Die Szenen auf dem Sonnenschirm sind großartig gelungen, deutlich an 2001 orientiert, in den klobigen entmenschlichenden Raumanzügen, aber gänzlich von einer eigenen, goldenen Ästhetik durchpulst, die gesamte Sequenz hat eine Größe, ein Gespür für Timing und eine sich entsetzlich langsam entfaltende Spannung, die mehr als gelungen ist. Obwohl das Opfer des Capitains Kaneda vorhersehbar ist, ist die Umsetzung eine virtuose Bilderorigie. Boyle produziert in diesem ersten Teil großes Kino, das die narrative Ruhe und die Charaktermomente eines Stanley Kubrick in die Blockbuster-Neuzeit rettet. Es gelingt Boyle, die beeindruckende Leere des Weltalls und der Technik, der die Crew ausgesetzt ist, exzellent zu vermitteln. Der extreme Gegensatz von Sonnenhitze, die einen ungeschützten Menschen sofort pulverisiert einerseits, und der bei minus 300 Grad liegenden Kälte des Weltalls, die ihre Opfer wie Glas zerspringen lässt, andererseits, und die Menschen die dieser Umgebung ausgesetzt sind, das würde eigentlich für einen hochexplosiven Thriller gereicht haben.

Leider sind Garland und Boyle damit im zweiten Teil des Films wohl nicht mehr zufrieden. Ob als Zugeständnis an Hollywood und heutige Sehgewohnheiten, ob man einfach nur das Filmbudget von 30 Millioen Euro wieder sicher einspielen wollte, oder ob Boyle wirklich einfach Lust hatte, in seine 2001-Hommage auch noch mehr als deutlich Ridley Scotts Alien einzubauen… wer weiß. Aber nachdem die Ikarus II Crew an Bord der Ikarus I ist und das Raumschiff völlig intakt, die Crew aber zu Asche verbrannt vorfindet, schleicht sich der ehemalige Captain der Ikarus I, Pinbacker, inzwischen zu einem Monster aus versengtem Fleisch gweworden und in sieben Jahren Einsamkeit endgültig verrückt, an Bord der Ikarus II, das die drei Astronauten nur noch unter großen Opfern erreichen. Pinbacker, scheinbar nahezu unverwundbar geworden, hält sich für einen Abgesandten Gottes und versucht, die ohnehin nur noch wenigen Überlebenden der Ikarus II ganz im Stil des Alien-Monsters einen nach dem anderen umzubringen. Die wunderbare Rose Byrne als Cassie gibt hier eine kaum zu übersehende Sigourney-Weaver-Kopie, auch optisch fast identisch. Und mit einem Mal verlässt Boyle durchaus elegant die sphärische Sauberheit des ersten Teils und springt in die dreckige, schummrige Weltall-Trucker-Atmosphäre von Scotts Alien-Meisterwerk. Dunkle Tunnel, flackernde Lichter, Blut… die ganze Bandbreite des klassischen Horrorfilms bricht in die antiseptische Perfektion von Kubricks 2001. Der Gegner ist hier nicht ein Computer oder ein Alien, sondern der Mensch selbst. Um die Wahrheit zu sagen, so sehr ich die Alien-Zitate mag (wie etwa die an die Geburtsszene des Alienwesens erinnernde Bauchverletzung von Corazon), so sehr hätte ich auch auf dieses Monster verzichten können. Denn ab hier wandelt sich der Film vom Autorenkino mehr und mehr zum relativ berechenbaren Blockbuster, auch auf Kosten aller narrativen Logik, während der Physiker Capa (Cillian Murphy) versucht, die Bombe doch noch ins Herz der Sonne zu bringen und der optisch etwas zu sehr an Freddie Krueger erinnernde Pinbacker versucht, ihn aufzuhalten. Der zweite Teil baut eine enorme Spannung auf und man leidet eindeutig mit der Crew mit, die nach und nach geopfert wird (oder sich, wie der von Chris Evans gegebene Unsympath Mace, der sich hoch glaubhaft für Capa und die Mission im Kältebad des Bordcomputers, selbst opfert… einer der vielen Fälle, wo ein Crewmitglied an Kälte oder Hitze stirbt). Aber es fühlt sich deutlich mehr nach normaler Hollywood-Kost an als der erste Teil, auch wenn Boyle ganz am Ede sehr innovativ mit der Idee spielt, dass Zeit und Raum durch die enorme Anziehungskraft der Sonne «verbogen» werden, so daß die Handlung immer wieder einfriert oder springt.

Die letzten Momente zwischen Capa und der Sonne erinnern wieder deutlich an die psychedelischen Endsequenzen von Kubricks Space Oddity. Ich persönlich wäre sehr sehr viel zufriedener aus diesem Film gegangen, wenn wir mit diesen Momenten, mit einem leztzten Fade-to-White geendet hätten. Statt dessen liefert Boyle ein Postskriptum, von dem ich nur hoffen kann, dass es ihm vom Studium aufgezwungen wurde. Denn mehr Roland Emmerich geht kaum. Nach Capas Suizidmission finden wir uns auf der schneebedeckten Erde wieder – obwohl der Film bisher tunlichst und zu Recht auf genau diesen Schauplatz verzichtet hat – wo ausgerechnet Capas Schwester seine letzte Videobotschaft, zu Beginn des Films aufgezeichnet, abspielt. Das ist zu passend, zu flach. Und fast unerträglich ist es, wie dann über der Erde die Sonne aufgeht und wir wissen, dass die Mission ein Erfolg war. Diese Sorte Happy End, wiewohl von Boyle immer noch dezent und elegant präsentiert, ist einfach too much. Es entwürdigt die Eleganz und Smartness, die der Film am Anfang ausstrahlt und die selbst das Slasher-im-Weltall-Finale nicht ganz ruiniert. Aber ein kitschiges Happy End? Please…!!!

Insofern ist Sunshine durchwachsen. Einerseits der beste, eleganteste Science Fiction Film seit… seit ewig. Und ich meine, richtig SF. Nicht Space-Opera à la Star Wars, nicht Franchise-Vehikel wie Star Trek und nicht Neo-Cyberpunk wie Matrix, sondern richtig klassische Science Fiction, die fast nahtlos an die Tradition der späten 70er Jahre anknüpft, als die Zukunft noch denkbar erschien. Darüber hinaus verleiht Boyle seiner Crew, obwohl sie vom Drehbuh her etwas 08/15 wirkt, durch die feinen Nuancen der Darsteller, eine Tiefe und Glaubhaftigkeit, die einen schnell dazu bringt, Empathie mit den Mitgliedern zu entwickeln… und nicht nur mit den ein zwei klassischen Helden, sondern auch mit den Nebenrollen. Wenn die Crew über den Tod eines Mitgliedes abstimmen muss, damit der Sauerstoff für die Mission reicht – solche Momente leben von den Darstellern und die entfalten ihre Rollen hier exzellent. Das macht das typische Zehn-kleine-Negerlein-Wegsterben der Crew im weiteren Verlauf so packend… hier sterben Leute, von denen man eigentlich möchte, dass sie durchkommen, weil man sie mag. Die Protagonisten sind alles andere als eindimensional, sondern kriegen im Rahmen des in der kurzen Zeit Möglichen eine Multivalenz und eine Motivationstiefe, die beeindruckt für einen Film dieser Sorte. Auch Boyles Sinn für Pop-Ästhetik, für starke Bilder, den er in Trainspotting, 28 Days Later und sogar in A Life Less Ordinary bewiesen hat, überträgt sich in dieses wieder neue Genreexperiment des ruhelosen Regisseurs. Es gab selten seit 2001: Odyssee im Weltraum einen eleganteren SF-Film, der die schiere Unvorstellbarkeit, die Über-Menschlichkeit des Weltalls besser, schöner, atemberaubender kommunizierte. Die Art wie Staub schwerelos aus einer Luke dringt, die surrealen Dimensionen zwischen Mensch und Maschinen, die Weite, die Sonne als permanente Präsenz, magisch, lebensbringend, tödlich, metaphorisch… das ist definitiv makellos gemacht.

Auf der anderen Seite kippt der Film irgendwann gnadenlos in die Erzählstrukturen eines relativ normalen Hollywoodthrillers. Was durchaus spannend ist und als Zuschauer fiebert man ja durchaus auch gerne mit, wenn Boyles Kamera in immer hektischeren Bildern den Kampf zwischen Capa und Pinbacker erzählt… aber ein wenig enttäuschend ist diese aus zig Alien-Filmen allzu vertraute Konstellation dann doch. Die ohnehin nie zu stringente Logik verlässt den Film am Ende vollends, ebenso wie der Mut, einen «kleinen» Film zu machen. Einen klassischen SF-Film zu produzieren, ist ein enormes Risiko, wahrscheinlich wollte Boyle sich da nach dem eher gefloppten Kinderfilm Millions keinen Patzer erlauben. Aber selbst mit diesem Einknicken am Ende, selbst als allzu offensichtlicher Zitate-Film ohne wirklich große eigene Leistung und selbst mit dem aufgepappten Happy End ist Sunshine bereits jetzt ein moderner SF-Klassiker, der die Eleganz und Elegie alter 70er-SF mit dem Grim’n'Gritty der 80er und der digitalen Leistungsshow von heute zu einem überraschend homogenen Gesamtwerk kombiniert, das bei aller klassischen Spannungserzeugung durchaus auch Tiefgang unterbringt. Mehr Mut zur eigenen Aussage, mehr Mut zum Autorenfilm und ergo eben ein besseres Drehbuch hätten aus Sunshine einen wirklich wichtigen Meilenstein gemacht und Boyle einen Schritt näher an den Thron des wie er Genregrenzen sprengenden Vorbildes Kubrick gebracht… so ist es eben einfach nur ein sehr guter moderner Film geworden ;-D.

19. April 2007 10:21 Uhr. Kategorie Film. 2 Antworten.

PLANETBUILDING

Nachdem wir im Fontblog ja die Planeten von Gadl entdeckt hatte, als wir gerade nach einer Idee für das Grenzenlos-Heft der Bielefelder Philharmoniker fahndeten, wußten wir direkt: Das ist es. Ästhetik perfekt, wenn wir das auch eventuell noch mit Vektorartwork koppeln wollen, nur statt Paris natürlich Bielfeld – die Stadt, die es nicht gibt, wird so zum eigenen Planeten machen. An der Planet-Bielefeld-Idee bastelnd, haben Raffael und Marian ein paar Testphotos hier in Werden gemacht, um zu sehen, ob man das sauber hinbekommt. Ganz perfekt ist das noch nicht, Raffael will noch einiges beim tatsächlichen Shooting ändern, um die Composings besser hinzubekommen, aber schon ganz spannend. Bleibt abzuwarten, ob die Intendanz uns die Zeitplanung für die insgesamt wahrscheinlich 40 Motive à 50 Einzelbilder freigibt.

Hier ein paar noch völlig unbearbeitete Bilder, so wie sie aus der Software kommen:

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Und die Original-Testbilder als normale Panoramas:

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18. April 2007 16:17 Uhr. Kategorie Arbeit. 15 Antworten.

DA LACHT DER (EX-)KANZLER

16. April 2007 14:02 Uhr. Kategorie Stuff. 4 Antworten.

TYPEWRITER MUSEUM



Hier.

Interessant ist, dass die frühen Typewriter eine oft runde Tastatur hatten, die fast ergonomischer wirkt als spätere Erfindungen. Die QWERTY-Tastatur wurde ja, der Legende nach, nur erfunden, um das Schreiben de facto zu verlangsamen und so das Problem des Verhakens der noch primitiven Mechanik durch zu schnelles Schreiben zu verhindern. So wurde ein unlösbares mechanisches Problem durch einen Kunstgriff gelöst, der bis heute – längst losgelöst von langsamen Hebeln und Rädchen – unsere Schreibgewohnheiten prägt. Die ersten Modelle sehen oft wegweisender aus, auf eine steampunkige Art und Weise deutlich futuristischer und wegweisender als die Form, die sich hinterher durchgesetzt hat. Interessant, dass viele der ersten UMTS-Handys zu kreisrunden Eingabefeldern zurückkehrten, aber sich ebenfalls nicht durchsetzen konnte. Gewohnheiten, mögen sich auch noch so schwachsinnig sein, sind anscheinend schwer aufzulösen.

via Future Feeder

15. April 2007 09:21 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

SLOWING DOWN THE IMAGE FLOW

I used to think that more people making images would necessarily lead to more conscious image reception, but I’m less sure of that now. It seems that it’s possible to make images as unconsciously as one consumes them, bypassing the critical sense entirely.

Photographic images used to be about the trace. Digital images are about the flow.

So the two processes – private image-making and public image reception – have become fused.

the desire for public, democratic participation has been displaced onto consumer goods and services and dispersed into isolated individual speech.

It has led to more docile citizens, who spend more of their time in the collection and sorting of images and information … and less time on analysis, critical thinking, or real «socialising».

David Levi Strauss > Hier.

14. April 2007 19:09 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

DON’T BE AN ARCHITECT

unless you are really committed to being an architect
in the true sense of the word,
its a terrible business and I wouldn’t recommend it for anybody,
unless you need to do it for some personal reason,
I would say go into business, go into law, medicine, but don’t be an architect.

Peter Eisenmann > hier.

Deckt sich erschreckend mit dem, was ich den meisten meiner Studenten über Design sage. Nur, daß es bei mir nicht Jurist oder Arzt ist, sondern Landschaftsgärtner.

18:50 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

300

Seltsamerweise ist 300 der einzige Comic von Frank Miller, den ich nicht gelesen habe. Und obwohl ich insofern etwas weniger vorbelastet in Zach Snyder’s Verfilmung von Millers Spartakianer-Epos gegangen bin, ist überraschend, wie eindeutig der Film Millers Handschrift trägt. Look und Outfit der Figuren und ganze Szenen wirken, wenn auch weniger stilisiert als bei Miller, wie direkt aus seinem Kopf entsprungen. Snyder hat sich mit seinem deftigen Remake von Dawn of the Dead für das blutige Flair von 300 bestens empfohlen und so ist es sicherlich auch kein Film für schwache Gemüter, auch wenn die Gewalt hier so hyperstilisiert ist, so hyperkinetisch, dass es eher an Ballett erinnert als an Splatter.

Die enorm digital nachbearbeitete Optik schuldet MTV-Videoclips und Videogames mehr als einem normalen Sandalenfilm. 300 ist eine Oper, so etwas wie kleine Gesten oder Understatement wäre hier nicht zu finden. Jedes Wort, jede Bewegung… alles ist larger than life, alles ist so schwarzweiß wie die Comics von Miller. Und entsprechend gibt es auch moralisch keine Grauzone, keine Kompromisse. George Bush könnte sich mit der plump-faschistoiden Propaganda von 300 sicher anfreunden. Hier die Helden der westlichen Zivilisation, dort die tyrannischen, unfairen und dekadenten Perser. Wer will kann hier sicher Parallelen zum Irakkrieg ziehen und in 300 einen propagandistischen Durchhaltefilm erkennen – aber das Comic stammt tatsächlich von Ende der 90er Jahre, insofern ist dieser Vergleich etwas zu einfach.

Es ist vielmehr so, dass Miller in 300, wie auch in seinen anderen Comics, egal ob Sin City, Martha Washington oder Batman, den Vigilanten als Helden feiert, der einem inneren Recht, das über dem weichen und korrupten Gesetz steht, folgt und bereit ist, für diese Überzeugungen zu sterben. So wie Batman am Ende von The Dark Knight Returns, sammelt auch König Leonidas eine Schar Getreuer um sich, mit der er in den Krieg zieht. Miller, übrigens tatsächlich bekennender Verfechter einer strammen Anti-Terror-Politik, folgt hier seinem Glauben an eine benevolente Diktatur, einen Faschismus der Wohlmeinenden, einer Art überlebensgroßem Ayn-Rand-Remix.

Zach Snyder macht aus Millers Wagneresken Tönen ein Pop-Opus, das für die breite Masse funktioniert. Die Story ist simpel, die Fronten sind klar, der Plot ist nicht schwieriger zu verstehen als ein Heavy-Metal-Video. Der visuelle Zuckerguss des Films – seit Matrix hat kein Actionfilm mehr so unverhohlen auf Style over Content gesetzt – versöhnt mit dem kargen Inhalt. Nahezu jede Einstellung ist inszeniert, nachbearbeitet, veredelt, bis sie zu einer Art Gemälde gefriert. Snyder setzt auf Decompression, gefrorene Posen, auf Bullet Time, und bringt so den Film zurück zum Comic, scheint fast zu vergessen, daß ein Film von Bewegung lebt, so wie ein Comic von der Nicht-Bewegung… Snyder scheint oft zufrieden, die Comic-Motive einfach in den dreidimensionalen Raum zu hieven, zum stilstehenden Bild, zum künstlerischen Einzelmoment zu gehen. Die Darsteller werden so zum reinen Schaltmoment in einem komplexen digitalen Composing, zu Körpern. Jede individuelle Aura, jede persönliche Ausstrahlung geht verloren in der Wucht der elektrischen Bilderorgie. Was bleibt sind perfekte, gestählte Körper, öl- und schweißglänzende Kampfmaschinen hier (Gerard Butler und Co) und makellose Frauen dort (Lena Headey und Kelly Craig in einer wunderbaren Szene als Orakel). In Snyder’s Film haben Darsteller, ebenso wie eine Story, keinen Platz. Worum es geht ist die kaltglänzende technische Perfektion, auch wenn der Film sie sepiafarben tarnt. Es ist die Schwerelosigkeit der Kamera, die sich nicht nur scheinbar völlig entgrenzt durch den Raum bewegen kann, sondern die vor allem auch eine stilistisch einmalige Kontrolle der Zeit erlaubt, die Snyder in den Vordergrund spielt. In ästhetisch makellosen Kampf-Sequenzen folgt die Kamera ohne Schnitt den Spartiakianern über das Kampffeld, friert Posen ein, zoomt durch die Zeit vorwärts, zischt über das Schlachtfeld. Die Montage löst Zeit und Raum auf, die narrative Ästhetik des Bildes ersetzt die eigentliche Narration. Es gibt nichts zu erzählen, aber es schaut gut aus dabei.

Gerade die verlockende Bildwelt aber macht den Inhalt kritisch. Das Persergott Xerxes als schwuler Sarottimohr auftritt und die persischen Soldaten als feige, gesichtslose Masse hingemetzelt werden wie Zombies bei einem Ego-Shooter-Game, dass der Verräter Ephialtes schon rein äußerlich ein Unreiner ist, nicht fähig, aufrecht zu gehen und für Sparta zu kämpfen… diese ohne jedwede ironische Brechnung präsentierten Klischees machen den Film unter seinem Zuckerguss zu einer bitteren Pille. Ich glaube nicht wirklich, dass Parallelen zum akuten Clash of the Cultures in Snyders Sinne waren oder wären, und im Rahmen von Millers eindimensional ultrabrutaler Geschichte ist es für den Regisseur auch undenkbar, Distanz oder kritische Brechung in den Film einzuflechten. Miller ist nun einmal Kicksplode, eindimensional und wuchtig, da filigran arbeiten zu wollen, würde dem Urmaterial nicht gerecht. Politicial Correctness in ein blutiges Soldaten-Epos über eine elitäre eugenische protofaschistoide sozialdarwinistische Krieger-Gesellschaft einzubringen… undenkbar.

Insofern verlegt sich Snyder vielleicht zurecht auf die beeindruckende visuelle Realisierung, auf auf die reine Oper, auf ein Nerd-Fest. Pathetisches Cinemascope-Kino, perfekte (Computer-)Choreographie, ein kunstvoller, exzessiver Film, ein Riefenstahl-esques pompös-pseudomythische Heldenepos ohne Reue – 300 ist die Sorte Pop-Film, bei der man wirklich besser den Kopf abschaltet, wenn man sich nicht ärgern will. Und entsprechend lässt der Film schlussendlich denn auch kalt. Man geht beeindruckt von den Technobildern hinaus, aber man hat nichts mitgenommen, man hat gesehen, aber nicht gefühlt, man ist visuell, aber nicht emotional überwältigt. 300 ist eine Leistungsshow synthetischer Effekte, in der authentische Gefühle keine Chance haben. 300 ist ein Retortenfilm, wie schon Sky Captain davor, der Crossover von Videogame-Ästhetik und Cinema, bei dem die Grenzen des visuell Machbaren erneut und erfolgreich verschoben werden und die längst an der Simulation des Unmöglichen abgestumpfte Zuschauer mit noch extremeren Visuals aufgerüttelt werden. Es ist, im besten und schlechtesten Sinne, eine Operette, ein Zirkus. Ein Spektakel.

Ein Comic, eben. Was sonst?

13. April 2007 23:21 Uhr. Kategorie Film. 8 Antworten.

GOOD VIBRATIONS

Kam gerade von Seán in die eMailbox… ein Beispiel für grandiosen Kontext bei der Plazierung von Online-Ads bei Spiegel-Online… :-D

12. April 2007 17:07 Uhr. Kategorie Stuff. 2 Antworten.

JUST IMAGINE 03…

11. April 2007 20:34 Uhr. Kategorie Stuff. 4 Antworten.

RICHARD PRINCE


Hier und hier und hier und hier. Die eigene Site liegt leider derzeit brach.

12:06 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

IKONOKLAST

Der von Michael Bierut anhand der 70er-Jahre-Designs weiterentwickelte neue Saks-Auftritt von Pentagram ist ein nicht ohne Grund gefeierter großer Wurf. Es ist ein Post-Design-Ansatz, der nicht mehr versucht, ein Logo zu schaffen, also ikonisch denkt, sondern dem es gelingt, ein vertrautes Bild zu dekonstruieren und genau dadurch wieder neu und frisch zu machen – ergo ikonoklastisch. Ich glaube, dieser Ansatz ist einer der wenigen Designansätze, die unserer aktuellen Zeit entsprechen. Wir leben inzwischen in einer überdesignten – oder besser über-stylten, denn zwischen Styling und Design ist ein himmelweiter Unterschied – Welt, in der jede Steh-Pizzeria ein Corporate Design zu brauchen meint und man schicke Vektorlogos von der Stange für ein paar Euro online kaufen kann (die leider auch noch genau so aussehen wie die Logos vieler Studenten, weil die es nicht besser gelernt haben). In dieser von Werbung und Styling penetrierten Konsumwelt macht es mehr als Sinn – schon seit einigen Jahren – über die Identität von Unternehmen nicht mehr in Form statischer Logogramme nachzudenken, sondern fluide, dynamische Identitäten zu erzeugen, die schnell, quecksilbrig und modular sind. Wer uns kennt, weiß, dass wir solche «lebendigen» Identitäten meist bevorzugen, wenn die Kunden uns mit diesem Ansatz durchkommen lassen, weil aus unserer Sicht beim Erscheinungsbild einer Firma das Logo die tatsächlich unwichtigste Komponente ist, nur Laien denken, dass Logo = Corporate Design ist.

Bierut aber geht einen Schritt weiter und erzeugt sein Anti-Logo-Modular-Design aus der Schumperterschen Vernichtung des ursprünglichen Logos von Saks. Und hier liegt das wahre Genie. Er erzeugt eine neue, abstrakte, moderne Schönheit aus dem Remix, aus dem Digitalisieren eines 70er-Jahre-Klassikers. Mehr an der modernen Hiphop-Musik orientiert kann man kaum sein. Bierut samplet, zerlegt und arrangiert neu, erzeugt aus den in 64 bits zerlegten analogen Klassiker eine neue Version, die in unendliche Variationen iterierbar wird. Ein statischer, unveränderbares Original wird so zum fraktalen, lebendigen Organismus. Besser kann man das moderne New York, besser kann man aber auch modernes Design kaum fassen. Dahinter steckt durchaus das Zugeständnis, dass man hier nichts neues schafft, sondern nur die Arbeit eines Vorgängers «behandelt», aber genau das zeichnet ja die kreative Arbeit in kulturellen Bereichen wie Architektur, Literatur, Musik und Film und eben auch Design seit zwei Dekaden fast nahtlos aus. Aber selten ist es so beschwingt, so ehrlich und im Ergebnis so mindfucking wunderbar wie hier.

10. April 2007 09:01 Uhr. Kategorie Design. 9 Antworten.

BEST HOMEPAGE … EVER

Wunderbare Site der aus Los Angeles stammenden Performancekünstlerin, Filmemacherin und Autorin Miranda July für ihr Buch No one belongs here more than you. Less is More. Lovelovelove. Uuuund das Buch hat eine Empfehlung von Amy Hempel. Was will man mehr?

via 37signals

08:26 Uhr. Kategorie Design. 5 Antworten.

ZADIE SMITH: ON BEAUTY

Während ich The Autograph Man von Zadie Smith für ein smartes, schnelles, modernes und zugleich zeitloses Buch halte, hat mich On Beauty eher enttäuscht. Die Geschichte der verstrittenen Akademiker Monty Kipps und Howard Belsey und ihrer Familien entfaltet sich als weitgehend berechenbarer Campusroman (On Beauty wird gern als Update von E.M. Forsters Howards End gewürdigt), mit ironischen Betrachtungen universitärer Verschwörungen, mit vorhersehbaren Student-Professor-Liaisons und mit dem tragischkomischen Niedergang von Howard Belsey, britischer liberaler Rembrandt-Experte an einer amerikanischen Universität, der weniger an seinem populistischen rechtslastigen Widersacher scheitert als mehr an sich selbst. Vor allem aber dreht sich das Buch um Howards Frau, Kiki und seine Kinder, die über-engagierte Zora, Jerome (der zum Entsetzen seiner Eltern zum Chistentum gefunden hat) und der Möchtegern-Hiphop-Gangsta Levi, die als Schwarze in einem weißen Mittelschicht-Stadtteil aufgewachsen sind. Levi entdeckt im Verlauf des Buches das Elend der Haitianer für sich, Zora stellt fest, dass sie sich nur aus Liebe für die Gleichberechtigung der Schwarzen einsetzt und Jerome muss lernen, dass seine große Liebe, Victoria Kipps (die Tochter von Monty) es nicht nur mit dem schwarzen Rapper Carl treibt (in den nun zufällig wieder Zora verliebt ist), sondern auch noch mit seinem Dad im Bett war.

Unter dieser burlesken Oberfläche und den vielen Subthemen des Romans treibt Smith ihr liebevolles Spiel mit Stilmitteln, mit leisem Humor, mit experimentellen Metaphern und hat damit im Einzelfall auch Erfolg. Der Beginn des Romans in Form von Jeromes eMails an seinen Vater, einzelne Passagen und das gesamte Ende, das auch als Kurzgeschichte allein absolut überzeugen würde, zeigen das enorme Talent von Zadie Smith. Nur leider hat mich das Buch als Ganzes nicht überzeugt. Vielleicht weil der Plot so zwischen Irving und Lodge irrlichtert, so vorhersehbare Bahnen abschreitet, hat mich On Beauty zu keiner Sekunde wirklich fesseln können. Smith belohnt ihre Leser immer wieder mit lässig hingeworfenen Passagen, die hinreißend sind, aber sie hat keine Geschichte zu erzählen, die diesem gekonnten Umgang mit literarischen Stilmitteln würdig wäre. Es passiert im Grunde immer etwas, but nothing happens. Das Buch plätschert ein wenig ziellos vor sich hin, verliert angesichts der Flut von Themen und Strängen immer mal wieder die narrative Stringenz und ist so bemüht, die Tradition der academic novel mit modernen Topics  zu koppeln, dass man diese Bemühung als Leser eben einfach auch spürt. Immer wieder merkt man, wie die Autorin sich anstrengen muss… und das schadet dem Roman. Der Diskussion um die Gleichberechtigung der Schwarzen zwischen Kiki und Monty, ebenso wie der an sich launige Clash of the Cultures rund um Hiphop als Sprachrohr der Unterschicht einerseits und als Spoken-Word-Poesie aus Sicht des akademischen Elfenbeinturms, sind solche Beispiele – Punkte, an denen Smith ihre Lässigkeit verliert, sich spürbar abrackert. Vielleicht sind die verschiedenen Charaktere, die Smith aus dem Ärmel schüttelt, mit ihren sozialen Backgrounds und Problemen, ein zu unübersichtliches Tableau für die Autorin. Man wird das Gefühl nicht los, das anhand jeder Person ein tieferes Problemthema abgearbeitet wird. Schwarze Mittelschichtkids treffen auf Ghettobewohner, Immigranten, snobistische Professoren, pseudo-sozialistische Professoren und und und. Dieses Füllhorn der Figuren wirkt nicht selten etwas bemüht.
On Beauty ist ein wunderbar geschriebenes Buch, das aber insgesamt eher langweilt, weil man ähnlichen Stoff zu oft gelesen und gesehen hat und Smith nicht den Mut hat, entschieden über ihre Vorbilder hinauszugehen. Und das streckenweise einfach zu laut ist, zu viel vorhat und die Story dabei aus den Augen verliert. Smith will hier unbedingt den großen Wurf hinlegen und wirft genau deshalb zu kurz.

Das letzte Kapitel des Romans, nach der Trennung von Kiki und der Beurlaubung von Wellington, ist hingegen wirklich großartig und zeigt einen gewandelten Howard, der ganz zur tragikomischen Figur mutiert ist, schwitzend und schlecht angezogen doch noch endlich zu seinem großen Vortrag kommt und dann auch noch seine Unterlagen vergessen hat und sich wortlos durch seine Powerpoint-Bilder klickt. Und der gerade darin eine innere, stumme Größe findet. Das Ende – kleiner, bescheidener, skizzenhafter als der Roman als Ganzes – gelingt wunderbar. Es will weniger und schafft deshalb mehr. Der letzte Satz versöhnt aufs Wunderbarste mit der Autorin … und die Tatsache, dass ich mich durch On Beauty streckenweise wirklich hindurchkämpfen musste, verfliegt schlagartig.

9. April 2007 18:51 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

FROHE OSTER

Voll auf den Hasen gekommen: Bully erzählt die Ostergeschichte anhand von Comiccovern

8. April 2007 13:07 Uhr. Kategorie Online. Keine Antwort.

PIXELATOR

Wunderbare Guerilla-Idee. Ein einfacher selbstgebauter Diffusor von Jason Eppink, der Pixelator, macht aus New Yorker LCD-Werbevideodisplays absolute Kickass-Kunst. Zum Nachbauen und Selber-Stadtverschönern.

Via Fresh Creation

6. April 2007 21:56 Uhr. Kategorie Design. 2 Antworten.

MAXIMO PARK: OUR EARTHLY PLEASURES

Die britischen Indierocker um Paul Smith bleiben ihrem Sound auf dem zweiten Album nahtlos treu. Das Erfolgsrezept von A Certain Trigger wird auf Our Earthly Pleasures fortgesetzt, verliert vielleicht ein bisschen an Schärfe und Druck, zugunsten komplexerer Songstrukturen. Das Quintett produziert mit Our Velocity einen fast berechenbaren Hit, mit einem wunderbar billigem New-Wave-Keyboard, einem schön gemachten Break zum Refrain und genügend Speed, um bei Konzerten für viel Spaß in den ersten Reihen zu sorgen. Wie so viele Bands tendieren auch Maximo Park bei ihrem zweiten Album etwas mehr Richtung Midtempo, weniger Wut, mehr Feeling, weniger Rock, mehr Indie. Books from Boxes und Sandblasted and Set Free sind solche ruhigeren Nummern, Your Urge ist teilweise sogar nervig flach, die mehr zum Kopfwippen als zum Moshen einladen. Die Produktion verleiht den Songs eine an die Strokes erinnernde Nüchternheit, obwohl manchen Songs etwas weniger staubtrockene Sounds vielleicht gar nicht geschadet hätten, denn wenn man schon Richtung Pop segelt, dann sollte man es auch ernsthaft tun. So wie es ist, entfalten die Nummern eine schöne direkte Live-Atmosphäre, einen dichten Klangteppich, gegen den Smith mit seinem intensiven Tremolo anarbeitet, seine kleinen Notizen aus dem Alltag croont und bellt.

Maximo bewegen sich Richtung Mainstream, keine Frage… wenn sie dort nicht schon immer waren. Die Heavy Rotation bei Sendern wie 1Live zeigt, dass diese Strategie aufgeht und die Musik, die bei dieser Reise vom Londoner Underground auf die großen internationalen Bühnen entsteht, ist ehrlich, oft berührend geblieben und hat wenig von der ursprünglichen Intensität verloren. Unter der Flut der in den letzten Jahren aus UK und den US kommenden Neo-Brit-Poppern ist Maximo Park nicht mein Favorit, aber Our Eartly Pleasures zeigt sehr solide Songwriting-Qualitäten. Mir fehlt vielleicht etwas der Mut, der Drang, etwas wirklich neues zu liefern. Ich befürchte, dass das Quintett – wie etwa Placebo – vielleicht einfach nicht genug Bandbreite hat, um über die Jahre spannend zu bleiben, sich im Kreis drehen wird, immer und immer wieder die gleichen drei vier Songs produziert, mit kleinen Iterationen. Sich nicht weiterzuentwickeln, den Stil zu polieren und perfektionieren, macht sicherlich für den zweiten Longplayer Sinn, bei der dritten Platte sollte aber eine Suche nach mehr drin sein…

5. April 2007 08:26 Uhr. Kategorie Musik. 6 Antworten.

ALBUM 073

4. April 2007 20:29 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

THE SHINS LIVE MUSIC HALL KÖLN

Stefanie hat schon recht, ich bin einfach etwas verwöhnt. Gerade nach dem eher orgiastischen Klaxons-Gig wirkt eine Band wie The Shins fast unweigerlich zu ruhig und bedächtig. Aber obwohl ich das aktuelle Album der Shins wirklich großartig finde, war das Konzert insgesamt eher eine Enttäuschung. In der gut gefüllten Live Music Hall – so voll, dass man wirklich nicht nach vorne durchkam und in der zwölften Reihe dicht gepackt stand, so dicht, dass man die Arme kaum zum Klatschen hochbekam, ohne dem Nebenmann dabei zu belästigen – treten die Shins auf einer denkbar unspektakulären Bühne auf. Keine Varilights, kein Bühnenaufbau, einfach nur die Instrumente und ein paar normale Farbige Spots. Da ich weiß, dass in der Live Music Hall deutlich mehr geht – wie man etwa bei Porcupine Tree in der gleichen Location sehen konnte – vermute ich hier Absicht oder falsche Sparsamkeit hinter. Licht und Bühnenbild könnten undramatischer, reduzierter nur noch sein, wenn das Saallicht an wäre. Das gesamte visuelle Flair des Gigs bewegt sich so von der ersten Sekunden auf Jugendzentrum-Niveau. Dazu trägt auch bei, dass die Band zum startenden Sequencing von Sleeping Lessons auf die Bühne kommt und erst einmal ein bisschen an den Gitarren herumstimmt, bevor es losgeht. Das permanente Tuning zwischen den Stücken zieht sich durch das gesamte Konzert, zwischen Songs sind immer wieder fast amateurhafte Pausen, in denen die Gitarren gestimmt oder Effektgeräte umgeschaltet werden. Das sollte bei einer Profiband nicht sein müssen und nein, es ist auch nicht sympathisch, es erzeugt einfach nur – bei einem ohnehin nicht mitreissenden Konzert – unnötige Pausen, in denen der Spannungsbogen eines Auftritts verpufft. Die Band startet mit Tracks von Whincing the Night Away, die souverän, etwas härter als auf dem Album, aber im Grunde unverändert präsentiert werden. Im Verlauf des Konzertes arbeiten sich die Shins in ihre Vergangenheit und das Konzert mutiert etwas. Der Grassroots-Rock-Mix der Shins erinnert teilweise an die Byrds oder die Eagles, an 50s-Rock’n'Roll, bei einer ruhigen Nummer wird man das Gefühl nicht los, beim evangelischen Jugengottesdienst zu stehen und bei vielen Tracks beschleicht mich die Paranoia, das genau die gleiche Musik in Texas auch gut vor einem Publikum um die 50 bis 60 präsentiert werden könnte… grundsolider US-Retrorock mit einer Prise Country. Das Publikum nimmt es dankbar, aber wenig begeistert, wenig frenetisch auf – die Musik lädt sicher auch nicht unbedingt zum Mosh ein. Und die Band animiert auch nicht gerade zur Party, die Musiker machen ruhig und konzentriert ihren Job, ohne großes Feuer im Hintern. Es ist ein ruhiges Konzert, mit einer nur so herumstehenden, am Ende eines Songs höflich klatschenden Audience, erst beim schön frühpunkigen Modern Lovers Coversong Someone I care about und beim finalen Zugabe-Finish So Says I kommt etwas Leben in die Bude. Alles in allem kein wirklich schlechtes Konzert, aber eins, dass mich weitgehend kalt lässt und das routiniert runtergespielt wirkt, ohne wirkliche Leidenschaft, ohne Liebe.

Nach dem Break noch ein paar Photos…

(weiterlesen …)

09:05 Uhr. Kategorie Live. Eine Antwort.

MODEST MOUSE: WE WERE DEAD BEFORE THE SHIP EVEN SANK

Die ersten Takte des Albums machen schnell klar, dass Modest Mouse sich hier ordentlich vom Vorgängeralbum, dem grandios betitelten Good News for People Who Like Bad News verabschieden. Die Ziehharmonika am Anfang von March Into Sea und die brutale Shanty-Rhythmik machen klar, dass der Titel des Albums und die Retro-Gestaltung des Covers kein Zufall sind. We Were Dead Before The Ship Even Sank ist ein nautisches Folk-Abenteuer erster Güte, ein halluzinogener Trip in Geister- und Piratengeschichten, eine wütende, zärtliche Platte von wunderbar epischer Wucht. Noch am wenigsten in dieses Konzept passt Dashboard, die grandiose Gute-Laune-Single des Albums, die mit ihren tanzwütigen Beat und wuchtigen Bläsersätzen überhaupt nicht mehr «modest» klingt, sondern der Band zu Recht die vordersten Chartsplätze in den USA sicherte. Und selbst dieser perfekte Popsong ist im Detail ein seltsames Stück Musik, komplex und kompliziert, phantastisch inszeniert. Es ist irgendwie ganz klar der kalkulierte Hit auf dem Album, der «Wir sind jetzt bei einem Major-Label»-Song schlechthin, aber damn, die Nummer ist eben trotzdem genial und wird auch nach dem x-ten Hören nicht schlechter, im Gegenteil. Die meisten anderen Songs auf We Were Dead… sind allerdings tiefgängiger als der ad-hoc-Ohrwurm Dashboard. Obwohl Florida sicher gleichwertig in Sachen perfekter Indiepop ist. Hier treffen sich REM und die Pixies und tanzen ums Lagerfeuer, bis die Nummer sich schließlich kurz in eine Orgie verwandelt, um auf der letzten Sekunde wieder zuckersüß zu enden. Genius.

Modest-Mouse-Chef Isaac Brock gelingt hier ein Konzeptalbum ohne Konzept, eine überdrehte Musical-Orgie, in der man seltsam verrückte Seemänner im Chor singen hört und in der verschrobene alte Männer ihre Geschichten erzählen. Das wunderbare Dashboard-Video bringt dieses Flair des gesamten Albums gut auf den Punkt. Und Brock, mit seiner sich überschlagenden, lauten, rohen, dann wieder sanften und verführerischen Stimme, ist der perfekte Kapitän für diese seltsame Reise auf dem Modest-Mouse-Frachter. Verblüffend ist, dass die Reise abwechslungsreich ist, aber nie durchhängt. Brock gelingt es sogar innerhalb seiner Songs, komplett unterschiedliche Elemente erfolgreich zu fusionieren, die Seemann-Choräle, harter Indierock, Pop wechseln sich ab, aber die Songs wirken immer homogen, nie notdürftig zusammengekleistert, immer designed.

We Were Dead Before The Ship Even Sank ist Ausnahmemusik. Die 14 Tracks des Albums sind spürbar durch einen roten Faden verbunden, aus einem Guß, und die Folkethnopopindierock-Melange, die Brock und Konsorten liefern, ist ein exotisches Gebräu, das man nicht jeden Tag geliefert bekommt. Fest im US-Indie verankert und trotzdem auf der Reise in ganz neue Gefilde, ruhen sich Modest Mouse auf ihrem sechsten Album keine Sekunde auf dem erarbeiteten Ruhm aus, sondern segeln munter auf neue Ufer zu und man hört in jedem Song, wie die Band die Muskeln spielen lässt. Yankee-Doodle-Streicher, Bläsersätzer, Percussion sorgen für nahezu ekstatische Dichte in den Songs, etwa wenn es bei Parting of the Sensory plötzlich irisch zugeht und man fragt sich, wie Modest diesen Druck überhaupt noch glaubhaft auf die Bühne retten will. Die Songs stecken so voller Bonbons, das man beim Zuhören zunimmt. Auch, dass nach dem wuchtigen Parting der zuckerwatteleichter Auftakt von Missed The Boat kommt, macht das wunderbare Wechselbad des Albums aus. So räubert Little Motel zunächst munter die Strophenmelodien, um sich schließlich zu einem episch-schiefen Solo hochzuarbeiten, und dann am Ende ganz klein und still zu werden. Songs enden nie dort, wo sie aufhören, wandeln sich mutieren, sind kleine Reisen an sich. Die Souveränität der Kompositionen, das Spiel mit den verschiedenen musikalischen Bausteinen ist fast schmerzhaft, wenn man danach eine «normale» Band hört, die sich durch Strophen und Refrains zwingt. Dabei wirkt die Architektur von Liedern und Album nie erzwungen oder kopflastig, nciht einmal, wenn es wie bei Steam Enginus etwas arg wird, sondern selbstverständlich und leicht. Du hinterfragst nie, was Brock und Co hier veranstalten, es ist so, wie es ist, nämlich richtig.

Laut Booklet und zahlreichen Interviews ist Johnny Marr, Ex-Gitarrist der legendären The Smiths und kurzfristig auch bei TheThe, jetzt festes Mitglied von Modest Mouse und wird die Band auch live begleiten. Um die Wahrheit zu sagen – so sehr ich die Smiths liebe – well, I can hardly contain my indifference. Von den Marr-typischen Stakkato-Riffs und seiner wunderbaren komplexen Gitarrenarbeit ist hier kaum etwas zu hören, vielleicht ein bisschen bei We’ve Got Everything. Wenn man es nicht wüsste, würde man es nicht hören. Was durchaus ein Kompliment an Marr ist, der sich hier uneitel und perfekt auf seinen Partner Brock einstellt und mit hörbarer Freude neue Wege geht. Vielleicht ist Marr die treibende Kraft hinter den klareren Hooklines, den stärkeren Refrains, den treibenderen Beats… aber am Steuer des Modest-Mouse-Tankers bleibt klar Issac Brock, der manisch seine Wut und Kreativität in die Songs schaufelt, der in immer wechselnden Rollen und Timbres seine Lyrics herausbellt und selbst den slicksten radiotauglichsten Songs noch eine innere Härte verleiht, die völlig gegen den Mainstream geht. Es ist diese subversive Energie – das eine von Sony gekaufte Major-Band sich erfolgreich auf ein großes Publikum zubewegt und sich zugleich komplett treu bleibt – die We Were Dead… auszeichnet. Auf dieser Platte fehlt die gehisste Piratenflagge, denn Modest Mouse shanghaien hier die Charts für ihre eigenen Zwecke, sie werden brandschatzen und vergewaltigen und wir werden euch alle über die Planke schicken, wenn ihr das Album nicht kauft.

Die Herren Brock und Marr werden übrigens am 11.6. in Köln in der Live Music Hall aufspielen.

3. April 2007 08:48 Uhr. Kategorie Musik. 3 Antworten.

AIR: POCKET SYMPHONY

Passend zum Konzert gibt es natürlich auch noch ein neues Air-Album, das – zählt man die zahlreichen Nebenprojekte nicht mit – «nur» der vierte Longplayer von Godin und Dunckel ist. Produziert wurde das Album von Radiohead-Patriarch Nigel Goodrich, aber im Grunde hat sich am klassischen elegischen und eleganten Sound des Duos wenig geändert. Gereift und gerundet, aber doch unverändert geprägt vom SF-Softcore-Sound der Siebziger ist auch Pocket Symphony eine Reise in die Welt flokati-weicher Klangwolken. Der Instrumental-Opener Space Maker zeigt mit stakkatioartiger Gitarre und flächigen Sweep-Sounds an, wohin die Reise geht, sofort gefolgt vom mit besten Track des Albums, Once Upon a Time, bei dem die Klaviersequenz und Harmonie für einen Moment wirklich an Thom Yorkes Eraser erinnert. In rosa Schwaden zieht die Nummer wie an dir vorbei. Jarvis Cocker singt sich schlaftrunken durch One Hell of a Party, einem angenehm relaxten, fast am Nullpol balancierenden Song, in dem die in vielen Interviews so betonten fernöstlichen Einflüsse noch am ehesten greifbar sind. Tracks wie Napalm Love oder Mer du Japon sind typische Air-Songs, immer an der Grenze zur Fahrstuhlmusik, immer aber zugleich die laszive ironische leichte Eleganz einer Vogue-Photostrecke einfangend, immer zeitlos und cutting edge zugleich. Lost Message und Night Sight machen den Versuch, tatsächliche Westentaschensymphonien zu erzeugen, minimale Skizzen größerer Musik, greifbar. Es ist Musik, zu der man nachts im Morgengrauen heimfährt, auf leeren Autobahnen, wenn deine Freundin neben dir schläft und alles ruhig und unwirklich und phantastisch ist. Pocket Symphony ist eine solche Reise in eine Twilight Zone – ein zeitloses Limbo mit seltsamen gefilterten Licht und einer unwirklichen Weichheit, abstrus wie ein LSD-Traum, gefilmt im Weichzeichner-Stil von David Hamilton.

Pocket Symphony ist, wie stets bei Air, ein Musterexemplar zurückhaltender smarter Musik, mit perfekt gestärktem Hemd und makellosem Haar. Die Musik mag bei Gelegenheit beliebig oder langweilig wirken, flauschige Background-Muzak, aber in Wirklichkeit schaffen Jean Benoit Dunckel und Nikolas Godin hier Klangspektren in der Tradition eines Jean-Michel Jarre, aber ruhiger, akustischer. Die Platte konzentriert sich oft auf Akustikgitarre oder Piano, die Kompositionen schließen oft harmonisch an die 5.55-Songs für Charlotte Gainsbourg an, verstecken sich oft weniger hinter Synth-Bombast wie noch bei Talkie Walkie oder hinter Hipness wie Moon Safari. Air wirken hier purer, konzentrierter, als zuvor, reduzierter. Es ist wieder mehr Soundtrack, weniger klassische Songstrukturen, mehr ein Driften im Äther, mehr Reise, weniger Ziel. Air-Platten sind immer Zen, aber diese hier ist in ihrer Abkehr von klassischen Popsong-Strukturen sicher am eindeutigsten. Godin und Dunckel suchen hier eine reine Eleganz, eine Nicht-Form, eine Abwesenheit von Musik, einen Zustand in Klang anstelle eines Liedes, eine Komposition anstelle eines Songs… und sind damit strukturell näher an Jazz- oder E-Musik, ohne tatsächlich danach auch nur ansatzweise zu klingen. Um diesen konzeptionellen Scheck einzulösen, muss die Komplexität der Kompositionen aber noch deutlich an Tiefe und Dimension gewinnen, an Polyrythmie und Vertracktheit, an Nouvelle Vague. Aber das kann ja durchaus noch kommen. Aber auch so ist Pocket Symphony schon ein mutiges Album von zwei Superstars, die sich eigentlich nichts mehr zu beweisen haben und so ganz entspannt auf der Suche nach ihrem inneren Klangkosmos gehen können.

1. April 2007 23:20 Uhr. Kategorie Musik. 7 Antworten.

KÖPFE

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09:02 Uhr. Kategorie Photos. Keine Antwort.


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