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VERBOTEN

Um mal kurz politisch zu werden. Ich weiß, ich weiß. Es tut mir leid. Aber allmählich strengt es mich etwas an und ich kann ja nicht nur immer Steffi und Katrin damit nerven. Die derzeitige Regierung wird zwar von einer Frau geführt, aber muss man sich bald wirklich so fühlen wie bei einer strengen Mutter zuhause? Rauchen verboten? Schnell Auto fahren verboten? Blutige Videospiele verboten? Flatrate-Alkohol verboten? Das ist die böse Seite des Wohlfahrtsstaates, in dem wir leben. Ein Staat, der meint, alle versorgen, alle bemuttern, alle beschützen zu müssen. Und dafür natürlich auch alle kontrollieren, verwalten, überprüfen muss. Es ist die absurd-deutsche Vorstellung, dass man alles regeln, alles kategorisieren, alles endlösen kann, die hier zuschlägt, die deutsche Beamtenseele, die längst vom Weberschen Effizient-Tool zum Moloch gewandelt ist, die seit jeher nicht mit Improvisation und Passungenauigkeiten hinkommt, die nur Marschmusik kennt und keinen Swing. All work, no fun.

Ich bin Nichtraucher, aber ich möchte vom Staat nicht vor Rauchern geschützt werden. Ich bin absolut gegen 16-jährige Komasäufer, aber ich glaube, die Erziehung muss Aufgabe der Eltern sein. Ich bin absolut für einen geringeren Co²-Ausstoß, aber die Lösung ist nicht wirklich ein Tempolimit. Die Abwanderung in den Verbots-Staat ist die Folge von reiner Symbolpolitik, die feststellt, dass strukturelle Reformen in einer Konsensgesellschaft zunehmend schwierig werden, man aber auf dem Rücken der öffentlichen Empörung brillant dem Ruf nach der strengen Hand der Justiz folgen kann, um in den Umfragen zu glänzen. Das wir dabei schon im Ansatz Stück für Stück demokratische Freiheiten, Liberalität und eist erkämpfte systemische Offenheit aufgeben, scheint niemand zu bemerken.

Zumal es so ist, dass auch die besten Absichten, einmal zum verallgemeinerten und nachkontrollierbaren Gesetz mutiert, im Einzelfall völlig kafkaeske Formen annehmen. Starenkästen, die nachts um Vier immer noch auf leeren Autobahnen ein Tempolimit von 80 kontrollieren, wirken ebenso absurd wie die Vorstellung, dass eine Kassenfrau beim Mediamarkt demnächst eventuell mit bis zu 50.000 Euro Bußgeld belegt werden soll, wenn sie in der Alltagshektik einen 16-jährigen mit Resident Evil von dannen ziehen lässt. Die ins rigide Exoskellet der Bürokratie gepresste Form von Gesetzen wird – ausnahmslos – erdrückend. Wer nach Bielefeld kommt, von Dortmund aus, wird von gleich acht Starenkästen begrüßt. So sollte sich keine Stadt ihren Besuchern präsentieren wollen. Es ist so: Verbote wollen kontrolliert werden und somit sind wir nur noch einen Schritt weg von britischen Verhältnissen, von CCTV-Überwachungskameras, von der Erzwingung legislativ abstrakter Verhaltensideen im Alltag qua elektronischem Totalitarismus. Noch ein paar Jahre und wir führen wieder Blockwarte ein. Es ist der Muff der Spießergesellschaft, der hier wieder zurückkehrt. Die von Helmut Kohl angedrohte geistig-moralische Wende ist irgendwie anscheinend dann mit Verspätung – und ironischerweise von der Linken bejubelt – doch gelungen, wenn sich wirklich niemand mehr aufregt, dass der Staat in einer Prohibition Light den Leuten das Rauchen verbietet. Das wäre in den Achtzigern noch undenkbar gewesen.

Sorry, aber ein demokratischer Staat muss ein permissiver, ein weicher, ein iterierender und sich wandelnder sein. Demokratie ist nicht nur das allgemeine Wahlrecht zwischen zunehmend substituierbaren (weil marketinggesteuerten) Parteien alle paar Jahre, sondern ein Versprechen. Es gibt eine liberale, eine sogar libertinäre Grundverpflichtung, und zu der gehört es nicht, Verbote zu erlassen, die den Einzelnen zunehmend gängeln. Zumal man viel effektiver das Rauchen an der Produktionsseite bekämpfen könne. Wahrscheinlich so effektiv, dass man sich wahrscheinlich nicht herantraut. Nur mit klaren gesetzlichen und positiven Vorgaben auf der Produktionsseite löst man das Problem, ebenso beim Schadstoffausstoß.

So aber beginnt ein seltsamer Zweikampf zwischen Staat und Bürger. Der Staat erlässt Verbote, die Bürger umgehen sie. Wie eben einst in der DDR finden wir auch im paternalistischen (oder sollte man ihn «maternalistisch» nennen?), nur anscheinend benevolenten All-Inclusive-Staat Möglichkeiten, die Verbote zu umgehen. Die Kids ziehen sich ihre Spiele aus dem Internet oder tauschen sie auf dem Schulhof, das Raubkopieverbot wird umgangen, Radarfallenwarner in Navigationssystem ermöglichen schnelleres Fahren, ich bin sicher, Kneieninhabern wird etwas einfallen, wie sie ihre Gäste rauchen lassen können, wenn sie nur wollen. Und zugleich überlegt der Staat, wie er die entstandenen Maulwurfhügel wieder flachschlagen kann. Dieser seltsame Tanz kostet beiden Seiten Kraft und lenkt vom Entscheidenden ab.

Anstatt auf die Information und Mündigkeit der Bürger zu setzen, auf die Schwarmintelligenz, die in toto eben meist doch die richtigen Entscheidungen trifft, anstatt auch einfach einmal die Größe zu haben, mit vielleicht «falschen» Entscheidungen der Bürgerschaft zu leben, will der Staat uns zunehmend formen, gängeln, bevormunden. «We know what’s good for you.» Die Idee ist etwas absurd, wenn man sich die  Qualifikation unserer politischen Größen betrachtet. Ich meine, der nächste potentielle Kanzlerkandidat der SPD ist gelernter Elektomechaniker. Die Befähigung der meisten Politiker ist das machtstrategische Spiel in der eigenen Partei, in den Medien, in der Öffentlichkeit, das Überleben im Haifischtank. Aber doch nicht die Entwicklung gesellschaftlicher Visionen, die sie berechtigen würde, en detail Entscheidungen über unser Leben zu fällen und Lebensqualitäten einzuschränken. Es ist ein faschistoider Grundgedanke, der da in Samt und Seide eingekleidet in unser Leben zurückgekehrt ist: Die Idee, dass die Bürger als Masse dumm sind und einen Hirten brauchen, der ihnen den Weg zeigt und auch einmal streng mit dem Stab nach ihnen schlägt, wenn sie nicht spuren. Die Idee, dass die Politiker die Bürger führen anstatt umgekehrt. Es ist ein elitärer, falscher, völlig fehlgeleiteter Ansatz, der zumal Ressorucen verbraucht, die anderenorts, bei ausstehenden Reformen, bei der kulturellen Integration von Migranten, in der Bildung, besser allokiert wären. Aber so kehrt auf Katzenpfoten der Gehorsamstaat, der Verzichtsstaat zurück. Das achselzuckende Hinnehmen von Fehlentscheidungen und Dummheit an der Spitze – wie wir es auch aus dem Verhältnis von Arbeitern/Angestellten und Manegement kennen, vor allem aber aus der zeit des Feudalismus -  ist nicht meine Vorstellung eines aktiven, eines dynamischen, eines beflügelten und somit überlebensfähigen Demokratie-Diskurses. Entwickelt sich die Demokratie in die Richtung eines weichgespülten Royalismus, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Bürger keinen inneren Bezug mehr zu ihrem Staat haben.

Staat sollte Rahmenbedingungen schaffen, den Diskurs der Öffentlichkeit anregen und begleiten, Ideen für die Zukunft entwickeln und fordern, nicht den Status Quo durch sinnfreie Verbote und deren Mikromanagement zu betonieren versuchen. Die Regierung sollte Testpilot der Zukunft sein. Die sanfte, wohlmeinende Diktatur, die hier emergiert, ist ein statisches System, geschlossen für Veränderungen, Wachstum, taub für die Zukunft. Was wir brauchen, sind weniger, nicht mehr Gebote. Was wir brauchen sind Laufschuhe, nicht Fußfesseln.

Weniger die strenge Mutti, mehr die sexy Freundin…

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GELD…




Installation von Markus Sixay am Essener Kopstadtplatz im Raum des Kunstvereins Ruhrgebiet. Viel lustiger als der kopflastige Text dazu vermuten ließe…

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We weren’t told what to do…

In 1990 I was invited to conduct a weeklong workshop at the architecture school at the Technical University of Nova Scotia.  … After meeting our respective groups, Gordon, Sanford and I each confessed that we were dismayed at the apparent lack of enthusiasm, awareness, energy and exubarence in the students that we were faced with.

That evening we changed the plan completely. We would … simply produce a «blast» of culture.  We realized that the most important thing we could do was simply to expose them to what we thought culture was in the outside world. Rather than telling the students, we would show them, and give them what we could. Every day we produced performances, audio works, projects and lectures. We showed videos, films, art works, typography, design and history. … Some of the students loved it. Many hated it. … They walked out on David Cronenbergs early films. They ignored audio works by Alvin Lucier. By midweek the students’ enthusiasm and anger were palpable.

We met on Saturday morning as a group to discuss the week’s events. The students formed a circle around him [the dean of the University, Essy Baniassad]. He asked what happened. They were timid at first. One or two claimed the workshop was «interesting».
One complained, «I didn’t like it». Then the floodgates opened.
«We weren’t told what to do or how to respond.»
«We didn’t know what was going to happen.»
«Every day was different.»
Essy sat and listened, calmly, turning in his chair to address each complaint directly. When the students had finished, he said, «It seems that we have finally been able to deliver one week of education. It’s unfortunate we can’t do this all year long.»

Bruce Mau, Life Style.

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HAUSCHKA: ROOM TO EXPAND

Und noch eine Piano-Platte, allerdings ganz anderer Natur. Hauschka, das ist der in Düsseldorf lebende Pianist/Komponist Volker Bertelmann, und sein drittes Album Room to Expand ist bei FatCat Records erschienen, die unter anderem auch Múm herausbringen und Sigur Ros entdeckten. Entsprechend nordisch karg und spröde klingt das Album, das nichts von der Leichtigkeit des Gonzales-Albums aufweist. Bertelmann arbeitet mit einem präparierten Flügel, in den er mit Alufolie, Kronkorken, zwischen die Saiten geklemmten Objekten, Gummi, Gaffatape und so weiter den Klang des Instrumentes verändert, begrenzt und dadurch erweitert, perkussive Töne erzeugt, stumpfere Klänge erreicht und sich so in der Tradition zahlreicher experimenteller Musiker bewegt, die sich mit dem «vorinstallierten» Klang des Flügels oder Klaviers nicht zufrieden geben wollten.

Bei Hauschka klingt das alles aber im Endergebnis weit weniger verkopft, als dieser Ansatz befürchten lässt. Im Gegenteil… die Musik ist klar, eingängig, in ihrer Schönheit sofort erfassbar. Die Frage nach Genre stellt sich nie, so souverän überschreitet Bertelmann die Grenzen zwischen Jazz, Klassik und Pop. Room to Expand ist ein Musterstück an Ruhe, Langsamkeit, Introspektion, geprägt von sich in Zeitlupe entfaltenden sanften Melodien, die fast jenseits der Wahrnehmungsgrenze funktionieren. Und unendlicher Zartheit und Ruhe produziert Bertelmann so filigrane Skulpturen, die wie Eiskristall vertraut und doch bizarr, fremd wirken. Mit absolut minimaler Begleitung durch Streicher und Bläser erzeugt Hauschka einen Klavierkosmos, der sich deutlich von der Tiersenschen Süßlichkeit abhebt, ohne dabei aber an Eindringlichkeit und Melancholie zu verlieren. Das Album ist ungeheuer intensiv, persönlich, intim und einfach rundherum perfekt, makellos, wunderschön. Musik dieser Art wird schnell belanglos, Background, und das vielleicht bemerkenswerteste an Room to Expand ist, dass Hauschka nie in diese Falle tappt. Die präzisen kleinen Miniaturen laden immer wieder zum präzisen Hinhören ein, mit ihren kleinen Entwicklungen, Reisen, den ungewohnten Klangdetails. Viele Stücke haben ein poppiges, fast an The Notwist erinnerndes Flair, manche wie kleine dinge sind Zeitlupenstudien, die eher in Richtung Klassik reisen. Tracks wie zahnluecke erinnern deutlich an Gonzales, andere wie la dilletante sind mit rhythmischen Elementen und Stakkato-Streichern eher fast Steve Reich oder John Cage beschwörende Phasenstudien. Es gibt viel zu entdecken bei Hauschka, soviel ist klar, und selbst bei mehrmaligen Hören wird die Platte nie langweilig.

Selbst das Artwork der Platte ist so liebevoll, so typisch FatCat-grandios, das sich der Kauf des Albums einzig und allein für den grandiosen gefundenen Brief lohnt, den Bertelmann im Booklet abdruckt. Dieser erzählt eine wunderbar surreale, bizarr poetische Liebes-Botschaft, die atemberaubend zum magischen, schwerelosen Flair des Albums passt und so derart nach einer Kurzgeschichte klingt, dass man fast befürchten muss, der Brief sei frei erfunden. Aber kein Wunder, dass das Design stimmig ist: Bertelmann ist ein alter Kumpel von Fons Hickmann :-D. Nichts, absolut nichts an dieser Platte ist verkehrt, aber alles ist richtig. Gar nicht lange fackeln, einfach sofort kaufen.

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OSCAR :-D

Geschenk von Didi als Erinnerung an Oskar. Soooo klasse.

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Gonzales: Solo Piano

Diese 2004 in Paris von dem Exil-Kanadier Jason Beck alias Gonzales nach seinem Umzug von Berlin nach Paris (und von Kitty Yo zu Universal) aufgenommene Platte ist ein seltsames Stück. Nicht nur weit weg von dem gewohnten Sound von «Chilly Gonzales». Nachdem er mit seltsamen Hiphop-Crossover, Remixes, Produzent und als Multiinstrumentalist bei verschiedenen Projekten mitwirkte, ist Solo Piano eine Studie in Sachen Minimalismus. Aus einem normalen Klavier eingespielt, nicht Flügel, mit einer eher bescheidenen analogen Aufnahmequalität, wirkt das Album wie eine bewusste Kehrtwende weg vom elektronischen Sound. Mit dieser Mischung ist er nicht ohne Grund in diesem Jahr sowohl solo als auch mit Freund Mocky einer der vielen mehr als hörenswerten Gäste beim Donaufestival.

Solo Piano dürfte die Geister scheiden. Nicht nur wegen des mulligen, sehr warmen Klangs, dem es an Obertönen und Klarheit fehlt – auch weil die Musik ebenso warm und einlullend ist. Gonzales hat wenig Scheu, auf diesem Album oberflächlich etwas süßlich-belanglos zwischen Satie, Keith Jarret, Yanni Tiersen und vielleicht auch noch Richard Claydermann zu irrlichtern. Die Kompositionen sind niemals wirklich bissig, immer eher naiv, und das Tastenspiel hat eine langsame, suchende Qualität, die Lichtjahre hinter der Virtuosität anderer Pianisten zurückliegt. Auf der anderen Seite haben die Stücke eine beiläufige Ruhe, eine Introvertiertheit, einen naiven Charme, der glaubhaft ist. Wie bei Piano-CDs so oft und so oft unvermeidlich, ist die Platte etwas an der Grenze zur Entspannungsmusik, Rotweinsound, dieses traurigschöne melancholische Ding, das so schnell ins süßliche kippen kann. Aber die lo-fi-Aufnahme und die offenbare Suche nach Klängen, die Gonzales betreibt, machen die Sache glaubhaft, ebenso die augenzwinkernden Titel, deren leiser, urbaner Humor sich in die Songs schummelt. Es ist Gonzales gelungen, tatsächlich eine Platte zu machen, die Heimweh und zugleich einen Hauch Pariser Nachtflair einfängt, einen Soundtrack ohne Film zu machen.

Die Stücke klingen zackig durchgeplant, kleine Miniaturen, Stilleben. Grenzwandelnd zwischen jazzigen und klassischen Anschlägen, oft mit fast kleinkindartigen Melodiebögen, oft nur noch einen Hauch vom Kitsch, vom Allzuharmlosen entfernt. Die Kompositionen sind so irreführend leicht und eingängig, dass man sie allzuschnell unterschätzen kann, allzu schnell in den Amélie-Topf werfen würde. Dabei ist es nur eine neue Form der Bescheidenheit, die hier Regiment führt. Von «Gonzales über alles», wie Chilly sein Debut nannte, ist hier nicht mehr viel zu spüren. Solo Piano folgt stockenden Akkorden und perlenden Melodien, durch ein Flair von Herbstwind und Stummfilm-Grauschleier, durch Rotwein in der Nacht und Kaffee und Toast zum Frühstück. Die Sorte Musik, die dich dazu bringt, über die wichtigen Dinge reden zu wollen oder einfach zu schweigen und zuzuhören.  Es ist eine unerhört intime Platte, deren Bittersweetness man sich nach einigem Hören einfach ergeben muss, die wenig von Jarrets intellektueller Schärfe aufweist, sondern eher wie persönlich für dich kurz eingespielt klingt, die eine unerhörte Ehrlichkeit hat, wie ein Liebesbrief von Jason Beck an dich.  Jedes Stück ist ein, wie das Inlay-Poster nahelegt, kleiner Schattenriss eines größeren Songs, eine minimale Skizze, ein Blueprint, in dem alles wichtige gesagt und angelegt ist. Solo Piano ist eine bescheidene, Genregrenzen überschreitende Aufnahme, die man unbedingt haben sollte.

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ALBUM 072

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JONATHAN GRAY





In letzter Zeit sehe ich immer häufiger Buchcover, die mir gefallen, so wie jetzt gerade frisch auf dem heute hier gelandeten Special Topics in Calamity Science von Marisha Pessl, bei Everything is Illuminated, bei A Short History of Tractors in Ukrainian und so weiter… lauter Bücher, die hier derzeit herumliegen und die alle von dem gleichen etwas anonym klingen Gray318 gestaltet sind. Dahinter steckt Jonathan Gray, der aus London heraus mit wunderbaren typographischen Kompositionen makellos schöne Umschläge zaubert. Wenn derzeit jemand Chip das Wasser reicht, dann sicher Jon. Schlicht, verspielt und immer mit einer schier atemberaubenden Treffsicherheit, ohne Durchhänger. Atemberaubend.

Hier ist seine Site… enjoy.

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JUST IMAGINE 02…

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FAMILY

People talk about he happy quiet that can exist between two lovers, but this two was great; sitting between his sister and his brother, saying nothing, eating. Before the world existed, before it was populated, and before there were wars and jobs and colleges and movies and clothes and opinions and foreign travel – before all of these things there had been only one person; Zora, and only one place: a tentin the living room made from chairs and bed-sheets. After a few years, Levi arrived; space was made for him; it was as if he had always been. Looking at them both now, Jerome found himself in their finger joints and neat conch ears, in their long legs and wild curls. He heard himself in their partial lisps caused by puffy tongues vibrating against slightly noticeable buckteeth. He did not consider if or how or why he loved them. They were just love: they were the first evidence he ever had of love, and they would be the last confimation of love when everything else fell away.

Zadie Smith, On Beauty

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DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND

The Last King of Scotland beginnt symbolisch mit einem Sprung ins kalte Wasser. Der frisch gebackene Arzt Nicholas Garrigan springt 1971 mit seinen Kommilitonen in einen schottischen See, und ebenso impulsiv entscheidet er, dem engen Elternhaus und der verplanten Zukunft zu entkommen und nach Uganda zu flüchten. Wo er – mit dem Ende des Obute-Regimes und dem Beginn der Díktatur von Idi Amin – schnell mehr Abenteuer erlebt, als ihm lieb sein kann.

Es wirkt etwas seltsam, dass ein Film über ein zutiefst «schwarzes» Thema im Populärkino immer noch eine weiße Identifikationsfigur für uns Zuschauer braucht, um Erfolg zu haben. So war es bei Der Ewige Gärtner, bei Blood Diamonds und so auch hier… wir sehen die afrikanische Kultur durch die Augen die Augen des jungen Arztes als fremd, exotisch, erotisch, aufregend. The Last King zitiert hier leider etwas weitreichend die bekannten Klischees. Tanzende Frauen, nackte Brüste, hilflose Kinderaugen. Eine der Stärken von James McAvoys etwas Hugh-Grantelnder Darstellung von Garrigan ist aber, dass die Figur nicht durchweg positiv ist. Garrigan ist kein selbstloser Samariter, er ist nach Uganda gekommen, um Spaß zu haben, ein bißchen Gutmensch zu spielen, ein paar schwarze Frauen zu vögeln. Und als würden all seine Träume in Erfüllung gehen, wird er durch einen Zufall Leibarzt von des frisch selbsternannten Präsidenten Idi Amin. Ab hier heißt es zunächst: Schnelle Autos, Macht, Gogo-Girls.

Wie Nicholas in der Rolle des frei erfundenen Leibarztes (obwohl Amin angeblich tatsächlich einen schottischen Arzt gehabt haben soll), kriegt man als Zuschauer von der Gewalt des Amin-Regimes kaum etwas mit. Die Säuberungsaktionen, denen hunderttausende von Menschen zum Opfer fielen werden nur am Ende mit einer Zeile erwähnt. Amins Antisemitismus und seine Begeisterug für den Faschismus und Islamismus werden nur minimal angerissen, als es um die Entebbe-Entführung der Air-France-Machine durch Palästinenser geht. Der politische Idi Amin steht – bis auf den Abspann – weit im Hintergrund. Kevin Macdonald, der das Buch von Giles Foden als Grundlage seines Films nahm, geht es eher um die Person Amin.

Superstar Forest Whitaker, der für die Rolle einen Oscar erhielt, gibt den Diktator in der vertrauten hoch körperlichen Art, die Whitaker zu eigen ist. Sein Amin gestikuliert, schwitzt, scheint im Laufe der kurzen Zeit des Films vom charismatischen sportiven Fußball- und Boxfan zum fettleibigen, öligen Monster zu mutieren, dessen Uniformknöpfe fast wegzuplatzen drohen. Whitaker kehrt das Innere ungeniert nach außen. Man merkt, wie er sich methodisch auf diese Rolle vorbereitet hat, selbst in Uganda war, Suaheli gelernt, enge Vertraute von Amin interviewt hat, um völlig in dessen Haut zu schlüpfen. Und so wie er in Ghost Dog zum schweigenden urbanen Samurai wurde, mutiert Whitaker hier mit minimalen Mitteln nicht nur zu «His Excellency President for Life Field Marshal Al Hadji Dr. Idi Amin, VC, DSO, MC, King of Scotland, Lord of All the Beasts of the Earth and Fishes of the Sea and Conqueror of the British Empire in Africa in General and Uganda in Particular», sondern wächst über die tatsächliche Figur hinaus, wird zum Urbild der seltsam lachhaften, infantilen afikanischen Diktatoren, mit ihren französischen und englischen Hintermännern, mit ihren korrupten Beamten. Ob Amin, Mugabe oder Obiang, ob Uniform oder Anzug – Whitaker gelingt eine fast mystische Chiffre-Figur, der er Komplexe, Sehnsüchte, Charme und Wut verleiht, die universalen Charakter besitzen. Sein Amin ist ein großzügiger, einnehmender Charismatiker, der wortwörtlich von einem Moment zum nächsten vom humorvollen Bonmot zur manisch-paranoiden Hassorgie kippt. Auch den Zuschauer lullt Whitaker zunächst mit Humor und Wärme ein… und umso schockierender ist, wenn die Maske bröckelt. «Er war schon immer so, er hat sich nur jetzt entschieden, es dir zu zeigen.» Garrigan erkennt in Amin in einer der Schlüsselszenen des Films ein «Kind» und so legt Whitaker die Rolle an. Ein Kind, das so verführerisch lieb wie mörderisch wütend sein kann, das eigentlich Opfer der eigenen Gefühlswelt ist, selbst nie weiß, ob es dich im nächsten Moment umarmen oder erschießen lassen will. Auch wenn in Garrigans Statement wieder eine ethnozetrische Arroganz steckt, wichtiger in dieser Szene ist, was ihm Amin als Antowrt an den Kopf wirft. Whitakers finale Worte an Garrison sind eine Abrechnung mit der Einmischung der Weißen in Afrikas Angelegenheiten: «You came to Africa to play the white man. But we aren’t a game. We’re real. This room is real. And when you die, it will be the first real thing you have done.»

Denn anders als die meisten Opfer von Amin ist Garrigan selbst schuld an seiner Tragödie. Anders als die von Gillian Anderson gespielte ausgebrannte britische Arztfrau Sarah Merrit, hat er keine Ahnung von Politik, keinen Funken Realitätssinn, keine Professionalität… Er beginnt eine absehbare Affaire mit einer der Ehefrauen von Amin und macht eigentlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Mit Nicholas Garrigan lernen wir, dass Afrika kein Ort für Fun & Games ist, keine sympathische Touristen-All-Inclusive-Oase, sondern eine harte, gefährliche Region, bei der man froh sein kann, wenn man lebend davonkommt. Ungeachtet der spannenden, aber für diese Art Film vielleicht etwas irritierend Hollywood-artig inszenierten letzten dreißig Minuten des Films ist das die Lektion des Films: Die Weißen sind trotz vielleicht guter Absichten (mit) schuld an der Misere von Afrika und somit mittelfristig auch an den sie selbst betreffenden Folgen der Gewalt. Garrigan zahlt im Finale des Films für seine Naivität einen hohen Preis, aber schlimmer noch ist, dass durch seine Naivität und Dummheit zwei der positivsten Figuren des Films leiden – sein Kollegen, der Arzt Thomas Junju, und Amins Ehefrau Kay. In dem Moment, wo Nicholas mit einem betrunkenen «Ah, was soll’s?» mit Kay Amin schläft, besiegelt er ihr Schicksal. Einer der faszinierenden Aspekte von Last King ist, dass unser Held im Grunde keiner ist, sondern ein naiver hormongesteuerter Tölpel, der erst Amins Charme verfällt und in blindem Enthusiasmus an dessen Revolution glaubt und dann nur mit Glück, ohne eigenes Dazutun, wieder aus diesem Abenteuer herauskommt. Der in Amin einen Ersatz-Vater gefunden zu haben glaubte und wie ein geprügelter Hund flüchten muss. Den man also nicht sonderlich mögen muss.

McAvoy und Whitaker, aber auch die zahlreichen großartig gespielten Nebenrollen, machen diesen Film bei aller Oberflächlichkeit und allen historischen Freiheiten zu einem tighten kleinen Thriller, unter dessen grobkörniger Oberfläche ein subtil vielschichtiger psychosozialer Subtext steht, der dem Film einen langen Nachhall verleiht. Inhaltlich und in Sachen Komplexität ist Der Ewige Gärtner der dichtere, glaubhaftere, anregendere Film… aber der intime gegenseitige Verführungs-Tanz von McAvoy und Whitaker macht den Film mehr als sehenswert.

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KLAXONS PRIME CLUB KÖLN

Eins ist mal klar: Diesen Gig werden die Klaxons so schnell nicht vergessen. Im ziemlich vollgestopften Kölner Prime Club haben die New Raver aus London ihre Tour beendet und schienen selbst von den «fucking psychos» im Publikum überrascht zu sein – ebenso wie die Security, die von der Moshcrowd komplett überfordert war. Leuchtstäbe, Pogo und ich glaube, wir waren so drei viermal mit ein paar zig Leuten auf der Bühne, bis die Band teilweise nicht mehr spielen konnte. Ich hab selten ein Konzert erlebt, wo das Publikum SO derbe abgeht, selbst bei Deichkind war es dagegen fast noch normal. Reynolds und Co. beginnen den Gig mit einer seltsamen Punk-Nummer, die mal so gar nicht nach den Klax klingt und steigen dann aber sofort mit Atlantis to Interzone absolut voll ein und ab dem Song steht keiner mehr im Publikum ruhig. Nach dem ruhigeren Air-Konzert hab ich mich hier mitten ins Publikum geworfen und damn, ich war froh, am Ende noch meine Jacke am Leib und alle Knochen beieinander zu haben, das war hoher Seegang und mehr Spaß, als man für 18 Euro eigentlich haben dürfte. Die Band bringt die Songs des gesamten Album, überraschend gut (vor allem wenn man bedenkt, dass sie sich bei einigen Tracks vor lauter Publikum auf der Bühne kaum noch bewegen können und Reighton und Reynolds unter dem Druck der Masse gemeinsam gebeugt vor dem Mikrophon der Keyboards stehen… ), aber deutlich härter, mit einer soliden Prise Punk-Flair, die dem eher poppig produzierten Album mitunter fehlt. Live fällt auf, das nahezu jeder Track des Albums ein Hit ist, und die völlig verschwitzt auf der Bühne ackernden Klaxons das Publikum in immer wildere Tanzorgien stürzen. Es ist ein enger, heißer, frenetischer Gig und das Publikum vielleicht ein bisschen geiler, ein bisschen mehr Rave als die Band eigentlich selbst, der eigentliche Kick ist, in dieser wogenden, schwitzenden Masse zu stehen, Leute über Kopf zu tragen und einfach breit grinsend gemeinsam zu feiern. Was unter normalen Bedingungen rein musikalisch ein B-Gig wäre, schwingt sich so zu einem der besten persönlichen Konzerterlebnisse 2007 soweit auf, einfach vom reinen Party-Mach-Level her. Perfektes Tourende für die Band, würde ich mal schätzen :-D.

Nach dem Break ein paar Photos, die Steffi aus sicherer Distanz von der Seite geschossen hat. Ich hätte diesmal die Kam echt dabeihaben müssen, aber ich bin andererseits nicht sicher, dass die Leica das überlebt hätte…

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JUST IMAGINE…

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SINFEST




Läuft seit gut sieben Jahren und ist immer noch absolut grandios: Sinfest von Tatsuya Ishida.

Hier.

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