«martha. martha, wir müssen reden.»
martha zupft abwesend an einer laufmasche ihrer nylons. ihre hände sind grobschlächtig. rot, rissig – die hände einer wäschersfrau. mit kurzen pragmatischen fingernägeln, spröde, unlackiert, hässlich. sie zupft an dem riss und macht ihn damit etwas größer. sie blickt josef nicht an.
«martha? martha, bist du da?»
martha seufzt unter ihrem atem und blickt in josefs gesicht. nach einer weile dreht sie sich eine zigarette. atmet den kalten rauch ein. spielt mit dem glutpunkt im halbdunkeln des spätnachmittags. brennt ein neues loch in ihre nylons.
«martha… bitte, sag doch was.»
«reden. reden. das ist alles, was du willst. reden.»
«das ist alles, was mir noch bleibt, oder?»
martha sieht zu, wie die asche ihrer zigarette länger wird. es ist zwecklos. nichts hat sich geändert. wenn wer nur lang genug quengelt, wird sie schwach. und redet mit ihm.
nichts hat sich geändert.
«martha, weißt du noch, wie wir uns vor 25 jahren kennengelernt haben? als wir… »
«jos…»
«martha, ich liebe dich doch immer noch.»
«josef, hör auf.»
«warum ist alles so falsch gelaufen?»
«25 jahre sind eine lange zeit. vielleicht zu lange für uns. vielleicht habe ich gelernt, das was ich einmal an dir liebte, nicht mehr zu sehen. vielleicht habe ich nur noch gesehen, was mich stört. mir wehtut. mich langweilt. 25 jahre sind eine lange zeit. vielleicht ist es die vorstellung, deinen atem noch 30 jahre hören zu müssen. deinen runzeligen mund zu küssen. vielleicht hasse ich die idee von alltag. die gewohnheiten. die routine. die rituale. die abstumpfung. ist das liebe? wer will das alles? josef, wer erträgt das? ist das liebe? 25 jahre sind eine lange zeit.»
«nicht lang genug für mich.»
«du bist wie ein hund, josef. treu, anhänglich. ergeben. domestiziert. brav. du bist mit so wenig glücklich. mit einer hand in deinem haar. aber ich? reicht mir das? bin ich ein hund?»
«ich habe es immer geliebt, deine hand in meinem gesicht zu spüren. jeden einzelnen tag.»
sie zupft an dem loch, macht es etwas größer. die zigarette ist aus. sie will rauchen, aber hat keine lust, sich eine neue zu drehen. sie misstraut ihren händen.
«du bist so bescheiden. eine kleine geste. und du denkst es ist liebe. ihr männer. wo ist euer hunger? eure leidenschaft? ist sie im krieg erloschen? meine hand auf deinen poren… ist das liebe? ist das leidenschaft?»
«es ist zärtlichkeit. martha. das ist mehr als ein mann wie ich erwarten darf.»
«ach josef, wo ist dein hunger geblieben?»
sie ist fast bereit, zu gehen. aber kann sie so gehen? mit löchern in den strümpfen?
«martha, das glück ist in den kleinen dingen.»
«ja? wer sagt das? hast du jemals darüber nachgedacht, dass das für mich nicht wahr ist? dass ich von großen dingen träume?»
«ja. oft.»
«josef, du hast keine ahnung wie einsam und armselig deine liebe ist. ein leben als hund ist kein leben. gott, lieber keine liebe als diese.»
«martha, jesus…»
sie rollt die nylons herab. zieht erst den einen, dann den anderen von den füssen. die kühle luft in zimmer 317 fühlt sich gut und frisch an. sie streicht mit ihren rauhen händen über die nackte haut, die voller vorfreude scheint.
aus dem schlafzimmer holt sie ihre tasche. mit den notwendigsten sachen. josefs körper liegt noch auf dem bett. stumme silhouette im halbdunkeln. das werkzeug lässt sie zurück.
im wohnzimmer, an der tür, hält sie inne. sie berührt josefs gesicht, das sie sauber mit einem skalpell abgetrennt und mit 15 nägeln an die wand des hotelraums gehämmert hat. eine traurige, seltsam junge fratze. augenlos. das blut sickert an der wand zu boden, die zunge ein obszöner fleischlappen, notdürftig von zwei nägeln gehalten. sie berührt seine wange. zärtlich. die haut gestrafft wie leder, plötzlich wieder jugendlich.
«ach josef…»
«martha? du bist da. bleib bei mir. martha. ich liebe dich doch. lass uns reden.»
sie küsst ihren ehemann ein letztes mal auf den schlaffen alten mund. nimmt ihre sachen. zieht die tür von raum 317 hinter sich zu.
«martha. martha, wir müssen reden.»
martha zupft abwesend an einer laufmasche ihrer nylons. ihre hände sind grobschlächtig. rot, rissig – die hände einer wäschersfrau. mit kurzen pragmatischen fingernägeln, spröde, unlackiert, hässlich. sie zupft an dem riss und macht ihn damit etwas größer. sie blickt josef nicht an.
«martha? martha, bist du da?»
martha seufzt unter ihrem atem und blickt in josefs gesicht. nach einer weile dreht sie sich eine zigarette. atmet den kalten rauch ein. spielt mit dem glutpunkt im halbdunkeln des spätnachmittags. brennt ein neues loch in ihre nylons.
«martha... bitte, sag doch was.»
«reden. reden. das ist alles, was du willst. reden.»
«das ist alles, was mir noch bleibt, oder?»
martha sieht zu, wie die asche ihrer zigarette länger wird. es ist zwecklos. nichts hat sich geändert. wenn wer nur lang genug quengelt, wird sie schwach. und redet mit ihm.
nichts hat sich geändert.
«martha, weißt du noch, wie wir uns vor 25 jahren kennengelernt haben?