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UNSEEN. UNFORGOTTEN.

Hier gibt es bisher unveröffentlichte Bilder aus der Zeit des Civil Right Movements im amerikanischen Alabama zu sehen, das als Südstaatenland eine rigorose apartheidsähnliche Trennung von Weißen und Schwarzen in den 60er Jahren praktizierte, die erst in den Sechzigern durch Martin Luther King, Kennedy und andere Bürgerrechtler angeprangert wurde. Das amerikanische Birmingham wurde 1963 zu einem der zentralen Brennpunkte der Rassenunruhen.

via Cynical C

28. Februar 2006 10:16 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

Poor Doggy





27. Februar 2006 12:56 Uhr. Kategorie Arbeit. 3 Antworten.

SYRIANA

Everything is connected – alles ist miteinander verbunden. Für Regisseur und Drehbuchautor Stephen Gaghan, der schon bei Traffic seine Gabe bewies, komplexe soziale Zusammenhänge aufs menschliche Maß herunterzubrechen, beginnt mit dieser Erkenntnis eine tour de force durch die Verwicklungen des amerikanischen Ölgeschäfts mit dem Mittleren Osten. Syriana verwebt die Schicksale des abgehalfterten, von George Clooney weit jenseits der sonstigen Smartassness gegebenen, CIA-Agent Bob Barnes, des für die Kanzlei Sloan Whiting arbeitenden schwarzen Anwalts Bennet Holiday, des Finanzberater Bryan Woodman, des Prinzen Nasir und seiner Familie sowie von zwei jungen pakistanischen Koranschülern und zahllosen Nebenfiguren zu einem grandiosen Erzählung rund um die Geschäfte einer Ölfirma, einer Anwaltskanzlei und einem Ölstaat im Nahen Osten. Bis in die kleinsten Nebenfiguren – Bobs Sohn, sein Ex-CIA-Freund (William Hurt) oder Bryans Frau (Amanda Peet) – exzellent besetzt und realistisch aufgezogen, überzeugt Gaghans Regieerstling mit einer fast überwältigen Dichte, in die einzusteigen sich absolut lohnt. Die Verwebung von Kasachstan, Europa, dem Nahen/Mittleren Osten, China und Washington wird perfekt aufgelöst – und ohne dabei übermäßig moralinsauer zu wirken, läßt Syriana keinen Zweifel daran, daß die (hier amerikanischen) Ölgeschäfte korrupt und dreckig sind und hinter der sozialen und wirtschaftlichen Misere im Nahen Osten stecken, daß folglich der daraus resultierende Terror Wirkung und nicht Ursache ist. Der Kapitalismus frißt seine Kinder.

Im Film wirken dabei ein oder zwei Figuren vielleicht etwas grobgeschnitzt – wie etwa der leicht eindimensionale Reformer Nasir, gespielt von Alexander Siddig – aber solche Klischees sind fast als Leuchttürme nötig, um die mitunter verwirrende, oft nur durch Andeutungen getragene Handlung des Films voranzutreiben. Die von Bennet durchleuchtete Connex-Killian-Fusion, der Zusammenhang zwischen deren Öldeal in Kasachstan und dem anderen Ölgeschäft in Iran, zwischen Bobs Auftrag, Nasir auszuschalten und eben diesem Öl-Deal, bei dem sich der Nachfolger dem Emirs, Nasirs Vater, zwischen China und den USA zu entscheiden hat, laufen präzise wie ein Uhrwerk parallel zu einer furchtbaren Climax, die fast tragisches Format hat.

An die Erzählstrukturen amerikanischen Kinos gewohnt, rechnet man fest damit, daß Bob – ganz Held wider Willen bei seinem traditionellen letzten Auftrag – den Mord an Nasir wird verhindern können, aber Gaghan präsentiert uns statt dessen eine Wendung, in der beide denkbar zynisch und anonym von Anzugträgern eine halbe Welt entfernt via Joystick eliminiert werden, die eine ganze Familie auslöschen und sich danach fröhlich dazu gratulieren – gruseliger geht es kaum. Kein Zufall, daß die beiden Selbstmordterroristen am Ende des Films dagegen nahezu mutig wirken, da ihre Tat intimer ist, das höhere Opfer fordert. Wie kleine Fische einen Wal, so attackieren die beiden Pakistani am Ende die Tanks der großen Ölkonzerne, eine Tat die so verzweifelt wie aussichtslos erscheint.

Das am Ende eines so bösen Films eine Rückkehr zur Normalität aufgezeigt wird – Woodman, vom Ehrgeizling zum Idealisten gewandelt, kehrt zu seiner Frau und dem verbliebenen Kind zurück, Bennet kümmert sich um seinen alkoholkranken Vater – hat mich zuerst irritiert, aber tatsächlich zeigt der Film hier doch nur das globale Schulterzucken, die Alltäglichkeit des Kriegs um Öl und Macht im Mittleren Osten, den Rückzug ins Private innerhalb einer korrupten und beschmutzenden Welt, mit der die Protagonisten möglichst nichts mehr zu tun haben wollen. Situation normal – all fucked up.

26. Februar 2006 12:16 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

AMY HEMPEL: TUMBLE HOME

Stell dir vor, jemand gibt dir ein winziges Stück Schokolade. Du nimmst es in den Mund und es schmeckt nicht nur nach der besten Vollmilchschokolade, sondern auch nach Bitter, Nuß, Nougat, Joghurt, Milch, nach Zimt und Weihnachten und Gewürzen, nach Schokoladenkuchen und vage nach dem Geruch der Wiese, auf der die Kuh stand, von der die Milch dieses einen kleinen Stücks Schoko stammt.

Amy Hempel zu lesen ist nicht annähernd mit dieser Erfahrung zu vergleichen.

Hempel liefert in Tumble Home sieben Kurzgeschichten – teilweise nur wenige Zeilen lang – und die dem Buch den Namen gebende Erzählung, die etwa 80 Seiten umfasst. Anknüpfend an den sparsamen Stil von Raymond Carver, poliert Hempel ihre Miniaturen so lange, bis jedes Wort, jeder Satz, eine Bedeutung gewinnt, eine symbolische Tangente ergibt. Tumble Home, die Erzählung einer Frau, die aus einer Anstalt heraus einem Künstler schreibt, wird so zu einem Sammelsurium von Fragmenten, Eindrücken und mataphorischen Sprüngen, die einen Reichtum an Deutungstiefe ergeben, den man beim normalen Lesen fast nicht ausschöpfen kann. Das ist die Sorte Zeug, in die man sich im Rahmen eines Proseminars Anglistik vertiefen kann, um den Witz, die Emotionalität, die mühelose Kraft dieser kurzen Geschichten zu ergründen. Hempels Geschichten sind wie superdichte weiße Zwergsterne. Ein ganz einfaches Beispiel:

One day I asked the gardener what had gone wrong with my tulips. The last time I planted tulips (I am going back several years here), they had bloomed right out of the ground – they had bloomed without stems, and had looked like ground cover. The gardener said the problem was low self-esteem. Then he laughed at my expression and said the bulbs had been confused, they must not have been plated deep enough and so had gotten warm, then cold, then warm again, until finally, confused, they had given up and bloomed.
I didn’t tell the gardener that I had planted them half as deep as recommended to save them the work of pushing up through all that dirt. I seems that there is a lesson here, staring me in the face. I told you about the tulips to tell you something ordinary. The way, watching a movie, you find you wantto scream: «Doesn’t anyone eat or sleep in this film?»

Selbst dieses ja fast aufdringlich klare Beispiel besitzt schon Untiefen, die Wortwiederholungen, die Kadenzen, die Wahl von Tulpen, der Sprung von Blumen zu Film. Tumble Home ist eine Perlenkette solcher metaphorischer Versatzstücke, die die tatsächliche Geschichte wie ein surreales Puzzle im Kopf des Lesers zusammenfügen, langsam und vieldeutig, ohne je langweilig zu sein.

Das einzig Schlimme an Hempel ist, das nach der Lektüre ihrer schmalen Büchlein jedes normale Buch wie literarisches Fast Food wirkt. So viele Worte, so wenig Inhalt. Es braucht eine Weile, bis man aus der extremen Druckkammer des Hempelschen Schreibstils herauskommt…

25. Februar 2006 14:59 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.

GODOT ACTION COMICS

Beckett für Anfänger:

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10:27 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.

Fire


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24. Februar 2006 21:52 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.

Consumerism begins at home

Die Zeitschrift der Deutschen Post namens Mein Glückstag weiß, welche fünf Dinge uns glücklich machen:

18:13 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

Wie im Himmel

Der Film des schwedischen Filmemachers Kay Pollak führt seinen Protagonisten – den Stardirigenten Daniel Daréus – nach einem Herzinfarkt in sein verschlafenes Kindheitsdorf und (somit zurück zu einigen Traumata), wo Daniel gemeinsam mit einer Laienchorgruppe arbeitet, einige Seelenprobleme heilt, den örtlichen Pfarrer in den Wahn treibt, sich verliebt und am Ende in Österreich stirbt.

Filme dieser Art nenne ich gern «Club der toten Dichter»-Filme, da ihr Aufbau nahezu ein eigenes Genre darstellt, eine Art post-Freudianischen Western für eine meist weibliche Zuschauerschaft. Ein gebrochener, aber meist hochbegabter Mensch kommt in eine Institution/einen Ort, mischt dort die bestehenden – freilich immer erstickenden und absurd reaktionären – Regeln auf, befreit und erfüllt einige Menschen (und finde zumeist auch seine eigene Balance wieder), gerät dabei unweigerlich in Konflikt mit den Vertretern der piefigen bestehenden Moral, seine Jünger setzen sich für ihn ein, am Ende passiert meist etwas Tragisches, aber Erhebendes. Katharsis, Abspann, Geigen. Gefüllt wird dieses Genre von epischen Bildern, textlicher Poesie light, einer meist simpel gestrickten (und insofern massentauglichen) Philosophiesuppe, hochemotionaler Musik und somit reichlich Druck auf die Tränendrüse. Ob Die Kinder des Monsieur Mathieu, Mona Lisas Lächeln oder Chocolate, das Muster ist immer mehr oder minder das gleiche, mal mehr mal weniger auffällig gemacht.

Wie im Himmel könnte einer der besseren Vertreter dieses Genre sein, würde Pollak nicht immer wieder zu übertrieben, zu unsensibel zur Metaphorik-Keule greifen. In seinen besten Momenten vertraut der Regisseur in bester skandinavischer Tradition auf seine Bilder, auf die Symbolik der Landschaft, auf die Kargheit des Dorfes. Die ersten Sequenzen von Daniels Ankunft in der Volkschule und der Fahrradkauf bei Arne vereinen eine wunderbare leichte Surrealität, die einen ganzen Film entspannt getragen hätte. Aber leider baut das Drehbuch Daniel zu einer Art Jesus-Figur auf, Schwedens Dorfkultur zu einem Gegenentwurf zum Glitz des globalen Urbanismus, und wartet mit einer flachen Piep-piep-piep-Gott-hat-dich-lieb-Parabel auf, die wadentief durch einen Sumpf von inhaltlichen und visuellen Klischees watet.

Schon der Anfang des Films, der zwischen einer Kindheitsszene, in der Daniel verprügelt wird und dem akuten Herzinfarkt während eines Konzerts in Milan gegenschneidet, macht klar, daß Pollak für sensibles Finbgerspitzengefühl nicht zu haben ist – was er sagen will, sagt er deutlich, überdeutlich. So badet Daniel in einer Szene im Wasser und wird dabei von seiner Kindheitsnemesis, der natürlich auch als Erwachsener ein Frauenprügler ist, «getauft», so gibt es eine Abendmahlszene, gibt es eine Leichentuch-und-drei-trauernde-Frauen-Metapher und und und. Antipod dieser Befreierfigur ist ausgerechnet der Dorffarrer Stig, zwar wunderbar von Niklas Falk gespielt, aber als Figur schablonenhafter kaum denkbar – ein von vorneweg böse blickender Pfaffe, der Pornohefte versteckt, und nach dem Verlust seiner Frau im Eselsgalopp zum ungepflegten rauchenden Alkoholiker wird, come on… das ist ebenso albern wie der böse Bürgermeister in Chocolate. Daniels Suche nach dem reinen göttlichen Ton (ein altes Thema der Musikgeschichte) erfüllt sich am Ende, in seinem Tod, auf eine Art, die nicht nur unverhohlenen an den Club der toten Dichter anschließt, sondern reichlich unfreiwillige Komik hat. Auch die permanente Engelssymbolik rund um Lena als Heilige/Hure-Doppelfigur (die wirklich in nahezu jeder Szene entweder Flügel/Heiligenschein trägt oder ihre Brüste in die Kamera hält), nervt. Das Daniel schließlich im säkularen Liebesakt keine Befreiung findet, sondern im Gegenteil, genau in diesem Moment seine Krankheit deutlich wieder erscheint, wen überrascht das da noch? Oh… und Fahrradfahren als Symbol für die Wiedererlangung innerer Balance und Natürlichkeit. Wer traut sich heute noch an solche Platitüden?

Ganz mißlungen ist der Film freilich nicht, und welcher Film ist das schon, denn trotz des nahezu erstickend dick aufgetragenen Melodramas, der daumendicken Kitsches, der klischeefreudigen Schablonenhaftigkeit von Plot und Figuren, gelingen dem Film immer wieder kleine, überzeugende Momente, die ohne Worte und ohne triefige Symbolik auskommen, in denen die Darsteller den Raum haben, ihre Geschichte nur mit einem Augenblick oder einer Geste zu erzählen. Hätte Pollak seinen Darstellern und der Kraft einfacher, ehrlicher Bilder vertraut, den Plot dramaturgisch gründlichst entrümpelt und auf den Boden der Realität gestellt, wäre es ihm vielleicht gelungen, eine bekannte Geschichte in neue Form zu bringen und seine Metaebene diffuser, angedeuteter, authentischer zu kommunizieren – es wäre ein besserer Film gewesen. So bleibt es bei einer pelzigen Weiterschreibung einer vertrauten und schon besser präsentierten Parabel. Den inneren Ton, den Daniel Daréus sucht, hat Kay Pollak für sich jedenfalls nicht gefunden.

22. Februar 2006 10:25 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.

The Editors live

Aus den UK kommen derzeit einfach mehr gute 80er-Gitarrenpop-Comcos, als man weghören kann. Die britischen Editors etwa amalgieren Stilelemente der (unvermeidlichen) Coldplay, von U2, Killing Joke und Joy Division/Interpol mit einem ganz eigenen Gitarrensound, der von klaren Bassstrukturen, kalt in den Höhen klirrenden Gitarrenhooklines und der an Brian Molko gemahnenden Stimme von Tom Smith lebt. Die Editors sind dank der Hitsingle «Munich» derzeit ziemlich angesagt und so ist es fast überraschend, sie in Langendreer zu hören, ausnahmsweise mal also vor der Tür und nicht irgendwo in Köln – und das als einzigen Gig in Deutschland. Ich hätte gern mehr solcher Up-and-Comers hier im Ruhrgebiet, bei aller Liebe zu Köln.

Vorband in der ziemlich vollen Bahnhofshalle sind The Brakes, die nicht nur zu spät kommen, sondern mit viel Witz und den kürzesten Songs der Welt 40 Minuten Punk machen, bevor Smith und Co ziemlich präzise und ziemlich kurze 60 Minuten lang über die Bühne donnern. Und genau so muß Livemusik sein. In der dritten Reihe stehen, Krach in den Ohren, Lichtgewitter und Musik, die bei allen Zitaten eben auch schamlos emotional daherkommt, kraftvoll, bissig, aggressiv und orgiastisch. Die an sich guten Studiofassungen kommen nicht annähernd an das Livefeeling heran. Nahezu fehlerlos, mit einer Wucht und einem Können weit jenseits der bekannteren Coldplay-Vorbilder, bringen die Editors auch die tanzmuffeligen Deutschen zum Feiern und es ist viel zu schnell vorbei. Defintiv ein Highlight-Konzert ohne jeden Makel.
Ein paar Livepics hier.
Photo: Editors live in Copenhagen, René Hyldig

21. Februar 2006 07:06 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

MEXICO


Bilder, die aussehen, wie gerendert, so absurd surreal wirken sie – aber es sind echte Luftaufnahmen von Mexico City, einer Stadt, die teilweise aussieht als habe sich Tim Burton hier als Städteplaner verdingt. Suburbia als Alptraum.

via Bldblog

18. Februar 2006 10:30 Uhr. Kategorie Design. 4 Antworten.

Predicting the future

Imagine this is the year 1920 and somehow you’re able to predict the future. Chance has it you’re visiting the mayor of Rotterdam and while staying there you’re vividly describing changes that will occur in his city during the next 25 years. And then, in an otherwise ordinary day, he will hear about the dawn of the Weiner Republic, hyperinflation, the crash of Wall Street in 1929 and the great depression following it. He will hear about Nazi Germany with its self-governing economy devastating to Rotterdam, the breakout of WW2 and the massive bombing of his city, and finally the complete destruction of the city harbour in the dreadful winter of 1945. The mayor remains calm. He absorbs the information and seems to find your predictions credible. And then he asks: If you were in my place hearing all this, and hearing all the other opinions and facts I receive every day, how would you expect me to use this information?

Aries de Geus told this story about the mayor and finally addressed the question to the audience at the conference «In the Long Run» in Berlin (it’s also available in his appraised book The Living Company). A hush fell on the room. And the apparent conclusion was the same as Aries de Geus always reaches when he poses the question for a group: We can’t expect the mayor to do anything with the information. The future can’t be predicted. Even though the information about the future was much more credible than usual, the mayor would neither have the courage nor the power to persuade others about the prediction of Rotterdam’s future and thus act upon it.

via Bruce Sterling

09:51 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

Bonebomb

16. Februar 2006 15:50 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.

Licht und Schatten

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14. Februar 2006 11:18 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Eine Antwort.

Caché



Michael Haneke
, der schon für den ästhetisch und inhaltlich wegweisenden und ungewöhnlichen Funny Games verantwortlich zeichnete, macht direkt zu Beginn seines Films klar, daß Caché ein Film der Ruhestörung ist. Ein fast stillstehendes Bild eines Pariser Reihenhauses, nur überlegt von den Startcredits, minutenlang, ab und zu ein Passant. Erst als die Cue-Streifen eines Videorekorders sichtbar werden, versteht man, daß es sich um den Inhalt einer Videocassette handelt, die dem Ehepaar Georges und Anne Laurent eingewickelt in einer Zeichnung von einem blut spuckenden Jungen zugespielt wird. Und nicht umsonst heißt der Film Caché, Versteckt, denn durch das zunächst harmloswirkende, eher voyeuristische Eindringen einer unscheinbaren Störung des Alltags brechen verdrängte Kindheitserinnerungen hervor, verschwommene Schuldgefühle, die Vertrauen und Ehe des von Juliette Binoche und Daniel Auteuil mit aller Ruhe gegebenen Paares erschreckend schnell erodieren. Die Angst vor Stalking und die Suche nach einem möglichen Motiv führen den TV-Buchkritiker Georges zu einem Unrecht, daß er als Kind dem algerischen Jungen Majid auf dem Hof seiner Eltern antat. Als noch der Sohn der beiden, Pierrot, verschwindet, eskaliert die Situation.

Der Österreicher Haneke erzählt seine Gesichte in fast zeitlupenhaften Bildern, bei denen man nie sicher ist, ob man den Film sieht oder schon wieder eine Videoaufnahme, bei der man als Zuschauer den Bildern bald nicht mehr trauen kann und mag, bei dem Film sich selbst ad absurdum führt. Kammerspielartig und dramaturgisch konsequent dekonstruiert er die zivilisierte Mittelschicht-Harmonie, das augenscheinliche Designerglück der Laurents in ihrer schicken Wohnung und dem 7er BMW, den erfolgreichen Jobs und dem sportiven Teenager auseinander. Vertrauensdefizite, Erziehungsprobleme, Ehebruch, werden in gefroren kalten hypnotisch inszenierten graublauen Bildern fast bewegungslos entblättert, in denen das Blau einer Jeans fast die intensivste Farbnuance ist. Die Welt von Georges und Anne ist kalt, silbergrau, metallisch, oft halbdunkel. Fernsehbilder und selbst die Naturfarben vor dem Haus und auf dem Hof von Georges Mutter wirken da fast zu grell, fast störend. Die Videokassetten, die latente Verfolgung, die blutig-krakeligen Kinderzeichnungen, zerreißen dieses gekaufte Glück so schnell, als habe er nie Stabilität gehabt, zunehmend dringt Georges verdrängte Kindheit in seinen Alltag, so wie der Fernseher in den gigantischen Bühnenbild von Georges Büchersammlung wie ein störender Fremdkörper wirkt.

Es gelingt Caché zudem, von dem persönlichen Zerfall, dem Wiederaufbrechen verdrängter Amoralität in die scheinbare neubürgerliche Spießer-Idylle, dezent auf eine größere gesellschaftliche Ebene zu lenken, die Brücke zu schlagen zum Algerien-Massaker in den Sechzigern in Frankreich (vor dessen Hintergrund sich die Geschichte von Majid und Georges auf dem elterlichen Hof abspielt) und von dort zum aktuellen Irak-Konflikt. Die Geschichte zwischen dem französischen und dem algerischen Kind wird so zur Miniatur eines größeren Unrechts und die Tatsache, daß die Kinder beider in diesen nie abgeschlossenen Konflikt erneut durchleiden vielleicht zur Metapher für den neuen Konflikt zwischen dem kühlen Kristallpalast der westlichen Welt und der Welt des Islams. Ist das so… interpretiert man es nur hinein? Der Film läßt es offen. Beiläufig inszeniert Haneke eine hermeneutische Schnitzeljagd aus Lügen und Andeutungen, in der das Ungesagte bald wichtiger ist als die Erklärungen. Die extreme Ruhe von Caché hebt die einige brutale Stelle des Fims auf ein Schock-Niveau, das Gewalt in modernen Filmen fast verloren hat. Eingelullt in den sanften grauen Takt des Filmes, die Kammerspiel-Ästhetik, kommt der Selbstmord von Majid plötzlich, unerwartet, grausam und real wie selten ein Kino-Moment. Ich habe lange nicht mehr jemanden im Kino wirklich vor Schreck Luft schnappen gehört. Selbst in seiner Reflektion des europäischen und globalen Integrationsproblems bleibt Michael Haneke mehrdeutig, interpretationsoffen. Das es eine Meta-Thematik gibt, daran aber läßt die Ästhetik des Films keinen Zweifel, wenn ein Newssender als dritte Figur im Dialog von Auteuil und Binoche simultan in der Zentralachse des Bildes die Nachrichten zum Irakkrieg verbreitet. Überhaupt ist beeindruckend, wie vielschichtig Haneke das Thema Wahrheit und Fake, Schuld und Verdrängung auf vielen Erzählungsebenen immer wieder aufgreift, sei es in Tischgesprächen, sei es in TV-Montagen, sei es in fast hingeworfenen Hinweisen wie dem Schwimmleherer-Kommando an den Sohn, nach dem Wenden unterwasser zu bleiben und nicht für Luft nach oben zu kommen, sei es die Tatsache, daß der Sohn Pierrot seiner Mutter eine Affaire mit ihrem Arbeitgeber und bestem Freund unterstellt… der passenderweise Pierre heißt. Die Mutter streitet den Vorwurf entsetzt ab… und der Betrachter bleibt allein mit der Frage, wieviel dran sein mag an Pierrots Vorwurf, wo die Demarkationslinie zwischen Teenager-Paranoia und Lebenslüge der Erwachsenen verläuft.
In einer solchen Flut von Interpretationsangeboten bleibt auch das Ende des Films mehrdeutig. Die Antwort, daß die nächste Generation – aus welchen Gründen auch immer – möglicherweise mit den Videobändern gemeinsam den Konflikt der Eltern erneut ans Tageslicht bringt, scheint mir da fast zu einfach. Ebenso gut hätte Georges sich selbst die Bändern schicken können, ebene so gut können die Aufnahmen – deren Kameramann Georges nie beim Filmen sieht – von einer höheren Gewalt kommen können, einen Deus Ex Machina, der sich schicksalsgleich ins die falsche Idylle von Georges und Anna einmischt. Hanekes Film ist so oder so eine Parabel, da macht es vielleicht Sinn, sich der Aufgabe eines Films, Antworten und Auflösungen zu liefern, zu entziehen. Die liefert das echte Leben ja schließlich auch nicht.

Im Essener Astra-Kino rutscht der Film an einer Stelle aus dem Projektor und der Film endet so für einen Moment abrupt mit der Starteinstellung des Hauses des Paares. Ein letzter Ton, und die Leinwand wird schwarz, das Saallicht geht simultan an. Die Unsicherheit im Publikum, ob der Film an dieser Stelle vielleicht einfach endet, abrupt, mitten in der Handlung, das nervöse Lachen – all das macht klar… niemand hier ist wirklich sicher, ob Haneke den Film nicht vielleicht doch so enden lassen würde.

Ein größeres Kompliment scheint kaum denkbar, hebt Haneke in Sachen Irritation für einen Moment auf Lynch-Niveau… und das echte Ende von Caché ist tatsächlich kaum weniger verstörend.

13. Februar 2006 14:50 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

Design Anarchy

Bei den Adbusters gibt es das Buch/Manifest Design Anarchy des Mitbegründers Kalle Lasn zu erstehen. Gestaltet im liebevollen, manchmal vielleicht etwas zu trashigen Adbusters-Look, faßt es die Philosophie und auch einige Aktionen der vielleicht signifikantesten Bewegungen gegen die Durchkommerzialisierung öffentlicher Kommunikation zusammen. Wer Tibor Kalmans First Things First Manifest mochte oder die Bücher von Rick Poynor, wird dieses Buch auch lieben, denke ich. Wenn nur das Shipping nicht an sich halb so teuer wäre wie das Buch selbst…

11. Februar 2006 10:43 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

J.G. BALLARD SUPER-CANNES


J.G. Ballard ist so ein Autor, den ich lange Zeit aus den Augen verloren habe. Concrete Island, Crash und High-Rise waren so drei Bücher von ihm, die ich als Youngster gelesen und geliebt habe. Amoralisch, surrealistisch und wie Kafkaeske Miniaturen kombinieren sie personal perversion und die Abstrusität technologischen Fortschritts, weit ihrer Zeit voraus, stilbildend, klaustrophobisch. Das auf die Fusion von Sexualität und Mobilität, Prothese und Körperextension abzielende Crash war – anders als der Film – so verstörend, daß ich lange keinen Ballard mehr angefaßt habe. Zu Unrecht.

Super-Cannes, 2000 veröffentlicht, hat nicht nur ein phänomenal schönes Cover und überzeugt mit schönem ruhigen Satz, es ist auch ein Ausnahmebuch. Rein oberflächlich gelingt es Ballard hier, Raymond Chandler neu zu kanalisieren und in Form des verletzten britischen Piloten Paul Sinclair, der gemeinsam mit seiner Frau Jane in den Elite-Industriepark Eden-Olympia einzieht, einen seltsam Marlowe-Wiedergänger zu erfinden. Kein verknautschter Detektiv, keine platte Kopie, aber so ab Mitte des Buches wird klar, daß Ballard sich strukturell greifbar auf die Gumshoe-Romane von Chandler und Hammett bezieht. Die Femme Fatales, das Vorwärtstreiben des Plots, die Tatsache, daß unser Held von allen Beteiligten der einzig Naive, der einzig Ahnungslose, wenn auch nicht Unschuldige, bleibt, die Art und Weise, wie immer wieder ein weiterer Hint die Handlung nach vorne pulsiert… das ist schon greifbar von Chandler und Co inspiriert, aber so raffiniert, so dezent, daß man es nur als Subtext wahrnimmt. Als Motiv, so wie die auf den verschiedensten Ebenen immer wieder aufgegriffenen Alice-hinter-den-Spiegeln-Thema.

Der Plot des Ehemannes, der hinter der sauberen Fassade der Gated Community gigantischer Weltkonzerne eine grausame psychopathische Entdeckung macht, ist eigentlich vorhersehbar und in fast Ira-Levin-Manier durchschaubar, tatsächlich sogar so sehr, daß man dem Protagonisten oft verzweifelt bei seiner Naivität zuschaut. Und tatsächlich geht es weniger um den «Thriller»-Plot, obwohl dieser spannend genug ist, das Buch allein deswegen zu lesen. Worum es geht, sind die Details. Keine Seite, die nicht von wunderbaren Vergleichen, Beschreibungen, Charakterisierungen, lebt, von fast ornamentaler Metaphorik, von doppeldeutiger, präziser Wortwahl. Fast keine Seite, die nicht mindestens einen Satz hat, den man wie ein teures Stück Schokolade ganz langsam und ganz bewußt im Mund zergehen lassen möchte. Dazu ist das ganze gespickt mit mal mehr mal weniger tiefen Einsichten in das Corporate Thinking, in die Zukunft des Kapitalismus, in die seelische Vereinsamung einer Leistungsträger-Gesellschaft. Es ist schwer, zu beschreiben, wie feingesponnen Ballards Wortwahl und Satzkonstruktion ist, was für ein rauschhafter Genuß sein überbordender, hart an die Persiflage von Beschreibungstechniken à la Chandler grenzender, Stil hier darstellt. Was wunderbar durchscheint ist das Bild einer Leistungsgesellschaft, in der die Arbeit für die Leistungsträger – die wenigen, die noch Arbeit haben – so erfüllend geworden ist, daß ihre Seelen und ihre Moral verümmern. Bereits ganz zu Anfang des Buches macht Ballard diese Logik der Businessparks als effiziente Melkmaschine menschlicher Arbeitskraft präsent, wenn er Wilder Penrose, den Psychiater des gigantischen Firmenareals zu Paul und Jane sagen läßt:

«On the whole, people are happy and content.»
«And you regret that?»
«Never. I’m here to help them fulfil themselves.» Penrose winked into Janes’s rear-view Mirror. «You’d be surprised by how easy that is. First, make the office feel like a home – if anything, the real home.»
«And their flats andhouses?² Jane pointed to a cluster of executive villas in the pueblo style. «What does that make them?»
«Service stations, where people sleep and ablute. The human body as an obedient coolie, to be fed and hosed down, and given just enough sexual freedom to sedate itself. We’ve concentrated on the office as the key psychological zone. Middle managers have their own bathrooms. Even secretaries have a sofa in a private alcove, where they can lie back and dream about the lovers they’ll never have the energy to meet.»

Die Story selbst bietet den Ballard-üblichen Blick auf eine postmoralische Gesellschaft, in der Kinderpornographie, Gewalt, Untreue, Prostitution akzeptabler Alltag, Kavaliersdelikte sind, in der der jegliche ethische Gewohnheiten relativiert, abgescheuert, obsolet wirken, ironisiert wie in Trance erlebt werden – was den surrealen Aspekt seiner Bücher ausmacht. Das sich der Plot dennoch – vor allem im Finale – geradezu patent als Stoff für einen Blockbuster anbietet, man sieht förmlich schon die ausgewaschenen kalten Glasstahlfarben des Businessparks und die lebendige crossentwickelte Grellheit von Cannes selbst, gelingt aufgrund der treibenden Pageturner-Rhythmik, die Ballard dem Stoff verleiht, wobei er so früh auf allen Textebenen Vorandeutungen säht, daß sich im weiteren Verlauf des Buches immer wieder wunderbare kleine hermeneutische Pay-Offs ergeben. Es macht einfach Spaß, diese einzigartige Konstruktion des Buches – also im Grunde das Simulacrum eines Thrillers als belletristischer Form – zu entdecken, freizulegen und im Sonnenlicht Ballards Handwerkskunst zu bewundern. Egal, ob als High-Tech-Thriller mit mahnend sozialem Unterton oder als schriftstellerisches Juwel oder als schrill überbelichtete Momentaufnahme einer hyperkapitalistischen Gesellschaft, der der moralische Kern abhanden gekommen ist – Super-Cannes ist ein ebenso spannendes wie berührendes, befriedigendes wie poliertes und bedeutendes Buch.

9. Februar 2006 04:01 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

KURT MASUR IN ESSEN

Die Frage, die man sich angesichts der drei Konzerte von Kurt Masur und dem London Philharmonic Orchestra stellen muß, ist, ob klassische Musik nur noch als Event Erfolg haben kann. Die Preisstruktur der drei ausverkauften Konzerte liegt im Rang zwischen 95 und 130 Euro pro Sitzplatz, was die vergleichsweise günstigen 10 Euro für reine Hörplätze nicht ganz ausgleichen. Natürlich bieten Masur und die von ihm geleiteten jungen gutaussehenden Musiker glasklare Klassik der Oberliga, so makellos, daß man bei geschlossenen Augen vor allem bei Tschaikowskis verspielt gegebener vierter Symphonie das Gefühl nicht abschütteln kann, man höre eine CD. Die Akustik der Essener Philharmonie ist mir dabei, wie bei allen modernen Bauten dieser Art, zu clean, zu offensichtlich mit dem Computer auf idealen Klang berechnet. Mir fehlt die Wucht, dieses körperlich-barocke Gefühl eines Livekonzertes. Schon im 1. Rang fehlt der Musik das für meine Begriffe Fundament und Wucht zugunsten von Transparenz und Klarheit. Was sicher audiophiler ist, aber die Musik einfach entkörperlicht. Die Wahl der Stücke ist zu zwei Dritten gefällig – Tschaikowski und Richard Strauss Eulenspiegel –, nur, in der beliebten Sandwichtechnik vieler klassischer Konzerte, in der Mitte wird etwas geliefert, was etwas gegen den Mainstream harmloser Klänge und spielerischer Mätzchen anstachelt, nämlich Sergej Prokofjew 2. Konzert für Klavier und Orchester, das die russische Grande Dame Elisabeth Leonskaja ganz und gar zu ihrem Stück macht. Das eigentliche Highlight des Abends ist die unscheinbar mit Rock und Pulli gekleidete, brav und ruhig wirkende Künstlerin, die am Klavier zum Orkan wird, wütend und atonal durch die brachiale Düsternis von Prokofjews Mix zwischen harmonischem Wagemut und Dissonanz irrlichternder Komposition. Ihre wüst explodierende Klavierkaskaden, von Masur klugerweise nur minimalst begleitet, sind spürbar eine Herausforderung für ein Publikum, das hier offenbar eher die leichte Klassik für teures Geld sucht, und entsprechend fällt der Applaus an dieser Stelle vielleicht auch einen Hauch karger aus als bei den beiden anderen, lieblicheren Stücken. Dabei ist dieses Stück Fleisch zwischen den beiden Weißbrotscheiben die eigentliche Leistung des Abends, der eigentliche Event eben nicht der Gewandhauskapellmeister Masur, der souverän und dabei stets amiabel den Abend leitet, sondern Leonskaja und ihr Mut, für einen kleinen Moment der Upper Crust des Ruhrgebietes Schwerverdauliches zu bieten.

Entschlossen, ein so teures Event auch zu genießen,läßt sich diese davon nicht die Stimmung verderben und entblößt in Pause und nach Konzertschluß, daß es hier wohl für viele eher um Sehen-und-Gesehen-werden geht als um klassische Musik. Die, das muß man einfach so sehen, kann man in gleicher Qualität auch jenseits solcher Events zu einem Bruchteil des Eintrittspreises eigentlich jederzeit auch anderenorts im Ruhrgebiet hören, die spielerischen Nuancen zwischen einem A-Orchester wie den London Philharmonics und lokalen Symphonikern und Philharmonikern dürften sich nur wirklichen Kennern erschließen, während die lokalen Klangkörper (und nicht zuletzt auch die Studenten, wie etwa die Abschlußkonzerte der Folkwangschule immer wieder belegen) einfach mutiger und meist auch sympathischer zu Werke gehen in Sachen Stückauswahl, Arrangement und Spielfreude – und die nicht zuletzt entscheidender sind für die lokale Kulturszene, für die Bildung und die eine langfristigere, meist engagiertere Auseinandersetzung mit der Klassik bieten, die über ein einzelnes Highlight-Konzert hinausreicht.

So ist es eben vielleicht etwas schade, daß ein enagierter und kluger Intendant wie Michael Kaufmann sein Marketing-Budget doch auch eher in die Events steckt, die ohnehin quasi automatisch ausverkauft sind. Dahinter steckt die alte Marketing-Logik, à priori sein Geld auf das Siegerpferd zu setzen. Der (ohnehin eintretende) Erfolg bestätigt dann meist die Marketingabteilung, während es natürlich sehr viel mehr Risiko bedeuten würde, unbekannte(re) Künstler oder eine kleine aber feine Konzert-Reihe mit vergleichbarem Aufwand zu pushen – schließlich ist hier die ausverkaufte Halle eher unwahrscheinlich. Was schade ist, denn so etabliert sich mehr und mehr, daß Klassik punktuell eben als reines High-Society-Event hochstilisierbar funktioniert, nicht aber als lebende, pulsierende, relevante Kulturform wie etwa das Theater. Natürlich sind Masur, Maazel, Netrebko & Co meist auch zu Recht ausverkaufte Events, vergleichbar mit Großkonzerten wie U2 oder REM, ohne die die Konzerthäuser ganz einfach nicht finanziell überleben könnten. Aber, wie im Rock’n'Roll und im Jazz eben auch, kann eine Musikform nur durch die kleinen, innovativen Impulse überleben. Insofern tut es Not, jenseits der in der Mischkalkulation unverzichtbaren Konzerte für Damen im Pelzmäntelchen Formen von klassischer Musik zu (er)finden und zu etablieren, die ein Publikum zwischen 25 und 45 mittelfristig mobilisieren können und einen Bezug zur lokalen Szene haben oder kleine, feine Importe sind – und diese auch kraftvoll nach außen zu kommunizieren. Anderenfalls verfehlen die Konzerhäuser nicht nur ihre Funktion als kulturelle Einrichtungen, sondern verspielen auch ihre eigene Zukunft. Kaufmann beweist mit seinen Reihen und zahlreichen gut zusammengestellten Konzerten jenseits des Mainstreams unter harten Bedingungen ein enormes Talent als Konzerthausleiter – es ist nur etwas schade, daß diese neben den Eventkonzerten ein Schattendasein fristen, oder?

Photo: Sasha Gusov

5. Februar 2006 17:58 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

München

Ich gehe stets etwas ängstlich in einen Spielberg-Film. Zum einen, weil ich der festen Überzeugung bin, daß Spielberg mit Duel direkt als Erstling seinen besten Film abgeliefert hat, zum anderen weil man bei ihm nie weiß, ob der Film, in den man sich da hineinbegibt, wirklich taugt. Steven Spielberg ist einerseits der Regisseur seiner Generation und einer der besten Handwerker, die man sich denken kann, andererseits hat er einen unglaublichen Hang zu Schmonzette und Kitsch, zu Happy End und Hurra-Patriotismus-Attitüde. Und, schlimmer noch, er haut nicht ungern mit groben Metzgerhänden in die Gefühlstastatur und macht so selbst in einem Film wie Schindlers Liste den Fehler, auf Subtilität zugunsten von holzhammerartiger Musik/Bild-Komposition zu verzichten.

Diese Tendenz will nun so gar nicht zu dem 1972er Attentat von München passen und erst recht nicht zu dem diffizilen Thema wie ein Staat auf Terror reagieren soll, ob «Auge um Auge» die adäquate Reaktion demokratischer Staaten auf eine exogene Bedrohung sein darf. Läßt man sich auf Spielbergs historisch umstrittenen Ansatz ein, überzeugt der Film aber trotz oder vielleicht auch gerade wegen der recht kurzen Produktionszeit über weite Strecken. Eric Bana zeigt hier nach dem entsetzlichen Hulk endlich, was in ihm steckt (und in Chopper ja auch schon offensichtlich war), nämlich ein wandlungsfähiger Darsteller, der die Transformation des Mossad-Agenten Avner vom karrierehungrigen Staatsdiener zum paranoiden, von Zweifeln zerfressenen Outsider glaubhaft tragen kann. Dank Bana und der exzellente Darstellercrew, die bis in die Nebenrollen absolut hochkarätig besetzt ist, gelingt Spielberg mit seinem Drehbuchteam Tony Kushner und Eric Roth ein Film, der nicht nur ein «based on facts» Thriller ist, sondern vor allem eine vielseitige Charakterstudie, in der nahezu jede Figur dreidimensionale Tiefe besitzt, Motivation, Träume, Glauben, Ideale. Die Grenze zwischen Terrorist und Soldat, zwischen Tätern und Opfern, verwischt hier spürbar in einem endlosen Kreislauf, dessen Anfänge aus der Gegenwart längst nicht mehr zu ergründen sind. Mit Avner erkennen wir, daß Gewalt nur Gegengewalt erzeugt, daß auf jeden ermordeten Terroristen nur sechs neue folgen, daß die andere Seite ebenso spirituell motiviert ist, wie Avner selbst. Die subtile Verwandlung von Avner und seiner Crew, die zuerst vor ihrem ersten Mord zurückschrecken und nervös sind (und ihre Bombenfernsteuerung noch mit Tesafilm sichern) zu eher kaltblütigen Söldnern, die mehr und mehr auch Kollateralopfer in Kauf nehmen und denen es weniger um die Moral und mehr und mehr um den Kill-Thrill geht (klasse verkörpert von Daniel Craig, dem nächsten Bond-Darsteller), ist eines der Highlights der Filme.

Natürlich bleibt Spielberg eben Spielberg – und wie in allen seinen Filmen geht es zentral um die Bedeutung der Familie. Avner gelingt mehr schlecht als recht ein Ausstieg aus seinem Job, auch wenn er einen hohen Preis dafür zahlt, in die Arme von Frau und Kind, im Exil in Brooklyn. Das selbst sein ehemaliger Vorgesetzter, derjenige also, der ihn überhaupt erst korrumpiert hat, nicht mehr bereit ist, das Brot mit ihm zu brechen, ist die finstere Ironie des Films. Es wäre vielleicht nicht mehr nötig gewesen, als letzte Einstellung auf die Twin Tower des WTC zu schwenken, den Terror der Zukunft zu antizipieren, das Nicht-Enden-Wollen des Konfliktes, den Spielberg uns in seiner 70er-Jahre-Variante gezeigt hat. Dieses Ende, das die aufgezeigte Sinnlosigkeit des PLO/Israel-Konfliktes der 70er zum Kommentar auf die heutige Zeit adeln soll, wäre vielleicht sogar klasse, wenn die Kamera nur kurz die Tower streifen würde. Aber so bleiben sie zu lange im Bild und es setzt schwer emotionale Trauermusik ein… das ist einfach zu dicke, sorry. Dabei ist die Erkenntnis, daß wir heute eine globale Neuauflage der lokalen Terror-Konflikte erleben und dabei die gleichen Fehler in größerem Maßstab wiederholt werden, als habe man nichts dazugelernt, ja durchaus richtig.

Solche Aussetzer hat Spielberg hier und da eben. Wenn sich Israelis und Palästinenser nicht auf eine Musik einigen können und am Ende US-Soul den Konsens schafft. Wenn die Münchener Geißeln auf dem Flughafen in der Rückblende abgemetzelt werden, während Avner mit seiner Frau schläft, ohne seine inneren Dämonen abschütteln zu können. Thanatos und Eros, schon klar – ein Motiv das abgeschwächt auch früher schon auftaucht, wenn ein PLO-Chef in einer Lache von Blut und Milch stirbt. Die Tatsache, daß der Film in sonnigen ausgebleichten Retro-Farben anfängt, um gegen Ende so blaustichig und düster zu werden wie ein Matrix-Film… und so dauerverregnet wie Take-That-Videoclip. Als Symbol für die Verdüsterung von Avners Welt, in der er vom Soldaten zum Auftragskiller, schließlich zum Gejagten wird, sicher nicht schlecht, aber auch offensichtlich. Und so weiter. Dramaturgische Kunstgriffe die gut sind, aber eben vielleicht oft auch etwas zu heavy handed wirken.

Die Ästhetik des Films ist umwerfend. Bauten, Kameraeinstellungen, Licht, Sets, Kostüme sind grandios. Bewußt oder unbewußt zitiert Spielberg Filme der 60er und 70er, Magazinposen, Farben ausgebluteter Familienphotos, Moden, München ist eine Tour de Force durch Agentenfilme von Doris Day bis zu Hitchcocks Torn Curtain. Wie schon in Schindler, Private Ryan und Catch me if you can zeigt sich Spielberg als stilsicher, wenn es darum geht, eine Epoche glaubhaft wieder auferstehen zu lassen. Hier tut er es ambitionierter, tiefer, komplexer als jemals zuvor. München wirkt vielschichtiger, diffiziler, subtiler als Schindler, vielleicht weil auch die Moral von der Geschichte eben nicht ganz so simple schwarzweiß ist, sein kann. Spielberg ist für diesen Film von jüdischer Seite heftig attackiert worden, was mich wundert, weil die israelische Seite verhältnismäßig gut wegkommt. Als platter Proagandafilm aber taugt München gar nicht, dafür wird zu greifbar, daß die Palästinenser auch nur Menschen sind, die Israelis sich von rächenden Helden zu kaltblütigen Terroristen wandeln und eigentlich alle miteinander in einer großen grauen Arena kämpfen, in der es Gut und Böse nicht einmal annähernd gibt. Noch am moralischsten in seiner ganzen Amoral kommt die von Michael Lonsdale gespielte Figur des französischen «Papa» vor, der die ganze Sache eher im Kontext von Geschäft und Familie sie, nicht von Staaten und Politik. Ihm geht es um Ehre, Familie, Freundschaft… und ums Geld. Gemessen an den Sprüchen der israelischen Generäle wirkt er damit als zwielichtige Figur, die parasitär auf beiden Seiten des Konfliktes Informationen verkauft, absurd aufrichtig und anständig.

Alles in allem gelingt Spielberg hier vielleicht der Film seiner Karriere, ein oft rohes, modernes, unausgewogenes, unvorsichtiges Stück Kino mit mehr Mut als Verstand, das sich anfühlt, als wäre es im Rennen, ohne Zurückzublicken entstanden. Der Film wirkt – im Gegensatz zu anderen Filmen von Spielberg – so frei von Marketingbedenken, von Testvorführungen und Sponsoring, daß er allein schon deshalb eine Wohltat ist. Klar weiß man, daß es Steven hier auch um den Oscar geht… aber trotzdem fragt man sich unwillkürlich, warum ein Mann, für den Geld keine Rolle mehr spielen kann und der einen Film wie München in nur sechs Monaten aus dem Ärmel schütteln kann, überhaupt noch einen schrecklichen Kommerzschwulst wie Krieg der Welten oder Terminal produziert. Unterm Strich, sieht man von den vertanen Chancen der Subtilität hier und da ab, ist München ein großartiger, spannender, emotionaler Film, mit grandiosen Darstellern, liebevollen Sets, der in wunderbaren Bildern aus einem diffusen paranoiden selbstfütternden Konflikt ohne jede Moral eine Art Moralgeschichte zaubert.

3. Februar 2006 14:49 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.


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