WAM-Diplome
Ich muß zugeben, zu den Diplomen der WAM zu gehen, war nicht ganz so einfach für mich. Nicht nur, weil ich nach meiner Kündigung dort einiges an Unfreundlichkeiten gesagt habe (und völlig zurecht und immer nur in Bezug auf eine Person), zum anderen, weil ich im Rahmen des vorherigen Konfliktes mit dieser Person einer meiner Klassen ob nun zu Recht oder Unrecht (wahrscheinlich eher letzteres) in diesen Konflikt mit reingezogen habe und den Unterricht so gestaltete, wie mein Vorgesetzter sich das wohl wünschte: Overheadfolien, aus dem Buch vorlesen, langweilige Themen, die die Studies leider seinerzeit nicht als dreiste Persiflage auf die 08/15-WAM-Standardthemen (Starbuckartige Coffee Shops usw) enttarnten, egal, wie dreist ich vorging. Anstatt wenigstens 1a Unterricht zu machen und dann hinzuschmeißen, Insofern hätte es ja gut sein können, daß mich entweder Inéz rauswirft oder die Studenten sich zusammenrobben und blutige Rache nehmen. Steffi und ein last-minute-ICQ von Maori haben mich dann doch aus der Angststarre gelöst und ich war da.
Und nett war’s. Obwohl ich an der Ruhrakademie unter’m Strich sehr viel zufriedener bin, gehört die Art des Diploms, zumindest in der reinen Inszenierung, die sich ja deutlich von der normalen FH-Zeigung abhebt, zu den Sachen, die ich immer mochte. Die Tatsache, daß die Studenten vor zig Leuten stehen, schwitzen und sich zwanzig Minuten verkaufen müssen, mag ich einfach. Gerade bei der Ausrichtung der WAM, die ja eher stark verschult Art Directors für Werbeagenturen heranzieht (während die RA eher einem universitären, freieren, künstlerischen Ansatz folgt), und die mit diesem Ansatz auch erfolgreich quasi als Ausbildung Leute in Praktika und Junior-AD-Jobs bei Midrange, aber auch großen Agenturen bringt, ist die Fähigkeit, hochnervös einen Pitch machen zu können, einfach essentiell. Dieses Adrenalin ist einer der Aspekte, die ich bei den Diplomen an der RA, die deutlich entspannter sind, etwas vermissen werde. Es macht Spaß, im Publikum zu sitzen und mit zu feiern, wenn etwas gut ist, oder mit zu leiden, wenn jemand auf der Bühne Mist präsentiert. Die Show war dieses Jahr technisch (dank Nico und Sascha) sehr viel besser, nur der Übergang von Powerpoint (ugh) zu DVD könnte vielleicht noch etwas smoother sein.
Nun ist dieser Kurs, wie der davor, für mich ein special case. Der erste Kurs an einer neuen Schule, da geht man meist so in der Mitte hinein, hat die Leute zu kurz, muß sich erst selbst orientieren, macht Fehler, weiß noch nicht, was man wirklich will. Ehrlich gesagt, den allerersten Kurs verbrennt man etwas. Und der letzte Kurs an der WAM, den hatte ich nur drei vier Termine, zu kurz, um mir (mit ein paar Ausnahmen) schon wirklich ans Herz zu wachsen. Die beiden dazwischen sind aber – auf recht unterschiedliche Arten – Kurse, die mir richtig wichtig waren. Beide haben die seltsamen Ideen von mir aufgenommen und sind damit losgegangen wie Krieger. Allein nur dieser eine Kurs hat Guerillakriege geführt, tote Kaninchen als Katzen verkleidet, Kuhaugen geworfen, Videos gedreht, Pornohefte gestaltet, und auf etwa 500 Seiten Projekt die Dortmunder Nordstadt durchdrungen. (Und wahrscheinlich vergesse ich noch die ein oder andere Sache, sorry). Das nimmst du mit als Dozent. Und ich glaube, mein Ruf als kompletter Psychopath war damit bei Akademie-Leitung wie bei allen folgenden Kursen irgendwie auch zementiert :-D. For better or worse. Solche Ideen funktionieren nur, wenn dein Kurs mit einsteigt, dich versteht, die Rolle des Dozenten als agent provocateur akzeptiert und nicht mit dem Trichter Weisheiten von der Tafel eingefüllt kriegen will, sondern versteht, daß – wie bei Karate Kid – der Sinn ist, aus den absurden Aufgaben eine eigene Idee, eine kreative Leistung erwachsen zu lassen, die mehr ist als eben nur eines der sonst üblichen Plakate, Briefpapiere oder CD-Cover. Insofern habe ich das Typographie-Fach eindeutig mißbraucht, um herumzuphilosophieren, herumzuspinnen, permanent zu überfordern und vielleicht nebenbei ein paar Sachen loszurütteln. Ob das an einer Schule, die im Schnitt zu oft nur brave Middle-of-the-road-Werbung einfordert, eine sinnvolle Strategie war, sei mal dahingestellt. Inéz hatte mich genau dafür eingestellt, Daniel Poznanski genau dafür herausgemobbt. Ich finds bis heute den richtigen Weg, bei allen Fehlern, die man auf einer solchen Route unweigerlich auch mal macht… und mit denen ich hoffentlich immer ehrlich umgegangen bin.
Meine Traumschule hängt irgendwo zwischen WAM – an der ich den schulischen Aspekt mag, die Gruppenbildung, die Intensität, die Tatsache, daß auch die eher schwachen Studenten brauchbar für die Werbung «ausgebildet» werden, die leicht professionellere Eigenwerbung , vielleicht auch die Tatsache, daß ich die Schüler vier Semester lang begleiten konnte – und der RA, an der ich die weniger marketinglastige Ausrichtung mag, den Enthusiasmus der Dozenten, den grandiosen Campus, die offeneren und liberaleren Strukturen, die ein Mehr an Kreativität bringen, das Universitäre. Während 90% dessen, was ich an der WAM machte direkte Reaktion auf die engen eingrenzenden Regeln der Schule waren, gibt es an der RA nahezu keine Korsett-Organisation, vielleicht sogar etwas zu wenig Order, so daß ein leises Laissez-Faire durchweht. Was die Studenten vielleicht weich und wehleidig macht und so die Ergebnisse der Arbeit auf eine andere Art zu wenig Biß haben… nicht weil die Schule einengt, sondern weil sie nicht genug antreibt. Keine Ahnung. Die Mitte ist ideal, oder ein best-of-both.-worlds und beide Systeme bieten verschiedenen Schülern sicher klare Alternativen. Wer eher Design-Künstler sein will, sich selbst finden, kreativ arbeiten, wer Artwork für Bands machen will und sich eher mit Sagmeister denn mit Springer&Jacoby identifiziert, der ist an der RA sicher besser aufgehoben. Wer bei Ogilvy, Grey et al einen Beruf haben will, ist zunächst an der WAM besser dabei.
Und so war das Diplom – von dem ich nur einen von drei Tagen gesehen habe, man hat ja auch so etwas wie einen Dayjob – oft vielleicht etwas langweilig, deja vu, nur Kampagnen für dieses oder jedes, oft auch eher zu kurz und naheliegend gedacht (sorry Jan… Radspuren und ein Ritzel für eine High-End-Fahrradmarke? Mann, da kommt jeder Fahrradladen an der Ecke drauf. :-D) Der einzige, der wirklich konsequent gegen den Strom des sich Anbietenden und Naheliegenden gedacht hat, war Maori. Vielleicht sogar noch zu augenzwinkernd nett dabei, aber sicher funktional. Werbung für Blumen mit Mord und Todschlag in Verbindung zu bringen, ist eine Idealleistung. Würde ein echter Kunde im Pitch vielleicht nicht kaufen –obwohl, wer weiß, wer weiß…? –, aber es würde real wahrscheinlich funktionieren, weil es die Weichzeichner-Klischees auflöst und so sicher via Humorattacke neue Akzeptanz schafft, Blumenschenken weniger abgeschmackt macht. Das Logo war trotzdem Schrott, Meister, sorry. Und… schön war, daß es bei den Arbeit keinen wirklichen Durchhänger gab. Selbst Leute, bei denen man sich à priori vielleicht Sorgen machen könnte, zeigten Arbeiten, die nie wirklich peinlich wurden (keine Selbstverständlichkeit inj vergangenen Jahren) und mit etwas Feinschliff sogar wirklich gut gewesen wären, wie etwa Heidis Weinlounge, die zwar etwas auf Freixenet aufsetzte, aber trotzdem ein paar schöne Ideen brachte. Bei Meike, absurderweise, habe ich am meisten gelitten. Ich liebe Meike als analytisches Meisterhirn, die eine wahnsinnig gute Designer ist, wenn sie nur mal aufhört, sich selbst permanent zu hinterfragen. Und was macht sie? Stundenlange Marketing-Vorträge und Detailansagen, anstatt auf ihre Power zu vertrauen und den Kopf mal abzuschalten. Es ist immer etwas blöde, jemanden zu sehen, von dem du definitiv WEISST, daß er richtig amtlich gut ist, und der sich einfach via Hyperperfektionismus und Selbstzweifel vielleicht um verdienten Ruhm und Ehre bringt.
Insgesamt fällt auf, daß die Studenten die Logik der Präsentation vor der WAM-Jury Jahr um Jahr mehr durchschauen und damit die Präsentationen auch immer besser, wenn auch gleicher werden. Der Ansatz mu irgendwie humorig sein, die Marketing-Konzeption sollte knackig sein, die Idee nicht ZU anspruchsvoll, die Umsetzung nicht ZU abgedreht, alles Middle of the Road, es muß etwas für Messebau dabei sein, es sollte am Ende ein möglichst professioneller Kinospot dabei sein, der noch mal eine Marke am Ende setzt und Durchhänger am Start kaschiert. Je mehr Lacher, desto Note. Deutschlands Werbung ist da leider inzwischen zu oft auf genau diesem Niveau, dem von von Pro-Sieben-Comedyshows, und so sieht eben selbst die Katzenstreu-Werbung im echten Leben inzwischen eben auch lustig aus. Etwas schade, daß hier wie am Fließband recht gleichförmige Produkte geschaffen werden, weil ich glaube, daß die deutsche Werbung eben nicht lustige Staatsbespaßer braucht, sondern die Sorte kreative Querdenker und Zaungucker, die in den 60ern die großen Mythen schufen. Die sich für Kunst und Kultur, Psychologoei und Philosphie interessieren, nicht für Werbung und Soaps. Die Frank Sinatra sind und nicht Udo Jürgens. Aber naja.
Die nächsten Diplome schaue ich nicht mehr wegen einem ganzen Kurs, sondern nur noch wegen einer einzelnen Person an. Insofern ist dies so eine Art Abschied für mich gewesen von einem Projekt, das mit genau diesem Kurs auch – wenn auch nur für ein Semester und wenn auch gegen bürokratischen Widerstand, der mich letztlich den Job kostete – vielleicht seinen Zenith erreicht hat (obwohl Marians Kurs auch seeehr vielversprechend anfing :-D). Mit diesem Kurs habe ich ein oder zwei Semester lang genau den Unterricht gemacht, den ich machen wollte und für mich machen mußte und dabei (meist) jeden Freitag genossen. Wenn ich ehrlich bin, ist der Weggang von der WAM nie schmerzhaft wegen der Schule an sich gewesen, sondern wegen Leuten wie sie in diesem Kurs waren… und genau solche Studenten waren ja in allen Kursen vertreten, so ist’s nicht. Und werden mit der Zeit auch an der RA kommen, auch wenn ich da nur so derart kurz (ein zwei Semester und dabei weniger Stunden) mit Studenten zu tun habe, daß die Bindung einfach nicht ganz die gleiche ist, leider. Und die RA so entspannt ist, daß ich da nicht als Gegenmodell auflaufen kann, sondern einen anderen Ansatz finden muß.
Aber die grundsätzliche Idee von Unterricht, die ich habe, hat für einen Lichtmoment an der WAM funktioniert (und sei es nur zum Teil). Das Ergebnis ist dann vielleicht ein Semester, daß freier und rebellischer, querdenkerischer und offener war (und natürlich immer schon war, auch bevor die mich jemals in Typo hatten, klar, ich habe nur von der ohnehin vorhandenen Revoluzzer-Denke profitieren dürfen). Und deshalb am Ende in der echten Welt ordentlich Erfolg haben und über Zäune springen wird.
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