Bei metacool bin ich über den Begriff Beausage gestolpert. Diego Rodriguez bezieht sich hier auf eine Worschöpfung von Grant Petersen, der damit die Ästhetik bezeichnet, die die Stufen eines Amphitheater durch die Abnutzung von tausenden von Füßen gewonnen haben, die die Motorhaube eines Ferrari 250 durch den Steinschlag gewinnt oder ein Fahrradsattel, der sich durch die Abnutzung an seinen Benutzer anpaßt. Anders als Patina oder Nostalgie, obwohl mit beiden sicher verwandt, geht Beausage ein Stück weiter und macht die Abnutzung zum integralen Bestandteil der Schönheit eines Objektes, es wird schöner durch die Benutzung. In William Gibsons großartig vielschichtigen Roman Pattern Recognition gibt es ein analoges Motiv in der reproduzierten Buzz Rickson MA1-Jacke der Coolhunterin Cayce Pollard (in der diese Beausage-Eigenschaften künstlich eingearbeitet sind, wie etwa die unsauberen Nähte). Das Buch war so erfolgreich, daß Rickson sogar eine spezielle Pattern-Recognition-Version in schwarz herausbrachte (Gibson schreibt im Buch, daß Pollards Jacke schwarz ist… es gab aber nie eine schwarze Version. Nach dem Buch war die Anfrage jedoch so groß, daß die Firma kurzerhand eine schwarze Version nachlieferte. Form follows Fiction.
Das Truetalk-Blog verknüft diesen Begriff mit dem japanischen Konzept von wasi-basi, einer Zen-Ästhetik-Vorstellung, die mit der Mangelhaftigkeit, der Inperfektion von Gegenständen zu tun hat. Die Bescheidenheit und Erdverbundenheit nicht-perfekter Gegenstände verleiht ihnen ihre Transzendenz. Wir alle kennen solche Gegenstände. Werkzeuge, die unsere Großeltern bereits benutzt haben. Der Unterschied zwischen einer sterilen fabrikneuen S-Klasse und einem liebevoll erhaltenen, aber eben doch unweigerlich benutzten 300b. Beausage hat etwas mit dem Wissen zu tun, daß solche Gegenstände nicht anonym gefertigt sind, nicht Teil eines gänzlich effizienten Produktionsprozesses, sondern Ergebnis einer liebevollen Planung und Durchführung. Beausage hat dabei auch etwas mit Materialien zu tun – Grant Petersen, der den Begriff prägte, hält fest, daß klassische, echte Materialen Beausage entwickeln, während modernes künstliches Material eher «Junk» wird (was schön zu Rem Koolhaas Analyse moderner kommerzieller Architektur als der Schaffung von Junk Space paßt), Leder altert, Polyester vermüllt. Beausage hat etwas mit dieser seltsamen Balance zwischen Benutzung und Pflege zu tun, letzten Endes mit dem Fetisch von Alltagsobjekten, mit Dingen, die uns am Herzen liegen. Nicht zuletzt auch mit einer Ehrlichkeit, die einigen Materialien einfach inhärent ist, anderen eben nicht. Ein Cellulose-Füller ist etwas anderes als ein Plastik-Füller. Genähte Ledersohlen unterscheiden sich von geklebtem Gummigemisch. Ein Backsteingebäude wird immer schöner altern als ein Betonbau.
Bei Jonathan Carroll sind es oft Uhren und Füller, die als solche Kulturfetische dienen, in Outside the Dog Museum sind es Türen und Leitern die zugleich als weitere Symbole dienen, aber auf einer Ebene als Symbol der handwerklichen Liebe dienen, die Morton Palm in diese Alltagsobjekten steckt). Bei mir ist’s mein altes Leder-Notizbuch, ein Hochzeits-Memorabilia. Nahezu jeder Mensch hat solche Herzens-Gegenstände. Und sie alle sind abgenutzt und haben Patina, haben Geschichte. Sind Fetisch-Objekte. Denen man die Liebe, die in ihrer Produktion und ihrer täglichen Benutzung steckt, ansieht.
Allein dies ist bereits fürs Produkt-Design entscheidend bei der Frage um die emotionale Aufladung von Gebrauchsgegenständen… aber Beausage geht noch einen Schritt weiter. Abnutzung erklärt schließlich auch Funktion. Der Trampelpfad im Feld zeigt den besten, sichersten Weg nach Hause. Der abgewetzte Siebdruck auf den Tasten eines Cassettenrecorders zeigt dir, weilche Tasten du drückst, um aufzunehmen oder abzuspielen. Hier bekommt Beausage eine funktionale Dimension. Die Dinge sehen nicht nur besser aus, je länger man sie benutzt, ihre Benutzung wird auch zur materielle emergierenden «Bedienungsanleitung».
Im digitalen Zeitalter, in der Patina immer öfter nur ein Fake ist (wie das Chromfinish an meinem Cooper gegenüber dem echten Chrom an meinem alten Amazon), wird Beausage zum Gegenpol einer durchindustrialisierten, oberflächlich gewordenen globalisierten Produktion, aus der die Controller Jahr um Jahr das Herzblut gepresst haben. Manufactum lebt gut von diesem Gegenpol, von der Vorstellung, daß es noch «gute Dinge» gibt, die ehrlich hergestellt sind und dementsprechend ehrlich altern werden, die Charakter entfalten können und allein durch ihre Materialität und die Liebe zum Detail unser Leben bereichern, meditative wasi-sabi-Objekte werden.
Hier sehe ich eine Überlebensnische für zumindest viele Luxusartikel. Porsche muß niemals wie Toyota agieren, weil die Autos mit Liebe gebaut werden. Die Verbreiterung der Produktpalette ist da fast eher ein langfristiges Problem. Ein SUV und ein Family-Van verwässern die Identität, die Magie, die Tradition des Produktes. Und das wird sich bitterst rächen. Denn diese ephemeren Qualitäten, die kaum ein Manager wirklich versteht, werden in einer Welt von mehr und mehr streamlined products immer wichtiger werden. Das Unangepasste, das Rauhe… das eben, was gut altert, schön verwittert. Ein echter Dodge Pickup sieht erst gut aus mit ein paar Beulen, beim X3 heult der Junior-Bankangestellte beim ersten Kratzer. DAS ist der Unterschied. Das Authentische, das sich eben nicht in einer Fabrik in Taiwan faken läßt. Das auf Benutzung ausgelegt ist. Das für Benutzung gebaut ist. In Zeiten, wo Produkte nach der Garantiefrist einfach auseinanderfallen und Ersatzteile fast so teuer sind wie ein Neugerät, klingt das wie ein Sakrileg. Oder wie eine Lösung.
Zugleich ist zu überlegen, wie sich Beausage in die Welt von Print und Screendesign einbringen läßt. Beim Buch gibt es Beausage natürlich, Bücher werden schöner, je abgelesener sie sind. Ich liebe mein Obey The Giant umso mehr, je öfter ich hineinkritzele und notiere. Das Buch ist ein Museum von Gedanken, die Poynor auf mehreren Flügen bei mir ausgelöst hat und wird insofern mit jedem Lesen schöner. Bei Imagebroschüren und Visitenkarten ist das sehr viel schwerer zu sagen… meist sind diese Sachen druckfrisch am schönsten. Man sollte überlegen, wie man den Alterungsprozeß, die Abnutzung aktiv in das Design einbinden kann, und sei es nur als kleines Experiment, indem etwa Schrift erst nach einiger Zeit sichtbar wird oder Man Seiten herausreißen muß, um bestimmte Inhalte lesen zu können..
Screen ist noch viel kritischer, schließlich können Websites kaum altern,w erden sie doch alle zwei bis fünf Jahre komplett überarbeitet. Hier finde ich aber die Idee, das die Benutzung aktiv die Site beeinflußt, interessant. Die Trampelpfad-Analogie. Bei der Rütgers Stiftung, (eine Site, die inzwischen nicht mehr lebt, sehr schade, eine völlig einzigartige FLash-Site ist zugunsten eines mageren Template-Designs aus der Kiste ersetzt worden. ) haben wir dies bereits ansatzweise umgesetzt… die Menüstruktur ergibt sich aus den zuletzt geklickten Items des Besuchers. Auch Farbe und Menüform sind modifizierbar und werden per Cookie gespeichert, die Site verformt sich also durch Gebrauch. Bei Kais Power Tools (Prä-Corel) gab es eine analoge Idee. Erst als fleißiger User kam man an bestimmte Programm-Features heran, quasi als Belohnung. Das Programm wurde also durch regelmäßige Nutzung tatsächlich besser.
Die Idee wäre weiterzuspinnen… wie wäre es mit einer Site, die komplett nicht durch einen Nutzer, sondern ganz «demokratisch» durch die Bewegungen und Vorlieben ALLER Besucher verändert wird? In der tatsächlich Trampelpfade entstehen? Stelle ich mir spannend vor. Beausage als Interface-Konzept; der Trampelpfad, das Abgewetzte als User-Metapher für ein materieloses Genre… das klingt zunächst einen Versuch wert.
Dieser Blog-Eintrag ist übrigens auch Beausage. Beim Eingeben habe ich einmal, heute morgen, das Fenster versehens geschlossen, ohne abzusenden. Vorhin ist mir der Artikel einmal abgestürzt. Jetzt ist er das dritte Mal aus dem Kopf geschrieben und dabei etwa viermal so lang geworden wie der Eintrag von heute früh. Schlecht für euch Armen, die ihr das hier eventuell tatsächlich lest, aber gut für meinen Kopf.