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1937 – PERFEKTION UND ZERSTÖRUNG

1937 ist das Jahr der Bombardierung Guernicas im April, das ein Europa, eine ganze Welt im Umbruch zeigt. Faschismus und Sozialismus bauen in Europa und der Sowjetunion ihre Macht aus, Trotzki ist auf der Flucht, Speer beginnt seinen architektonischen Größenwahn, in Deutschland beginnt die massive Hetzjagd gegen Künstler und Intellektuelle, die Emigrationswelle läuft, die Pariser Weltausstellung steht im Zeichen des erdrückenden Pathos spanischer, deutscher und italienischer Allmachtsphantasien. Und zugleich ist die Mitte der dreißiger noch geprägt von der Moderne, von Bauhaus und abstrakter Kunst, die in der Emigration erst recht gegen die Regimes und ihre erstickende Denkart angehen. Musik, Kunst, Photographie stehen plötzlich entweder als Werkzeuge auf Seiten der Diktatoren und werden instrumentalisiert – oder funktionieren als subversiver oder offensiver Protest. Picassos Guernica, das noch im gleichen Jahr in Paris im spanischen Pavillon gezeigt wird, ist nur ein Beispiel für die brennende Lebendigkeit, die Kunst in diesem Klima von Angst und Unterdrückung gewinnt, als Widerstand gegen das Konzept der – in München als Ausstellung gezeigten – «entarteteten Kunst» und fast aberwitzig vielseitig und leidenschaftlich, wie eine Art letztes Aufbäumen auf der Schwelle zum 2. Weltkrieg.

Die Kunsthalle Bielefeld zeigt in einer atemberaubend dichten, mit einem einzelnen Besuch fast nicht zu ergreifenden Ausstellung, eine Momentaufnahme der Kunst jenes Jahres. Die Bandbreite, die hier von Thomas Kellein mit zusammengetragen wurde, rund 400 stolze Leihgaben, die eine ganze Bandbreite von Werken – Zeichnungen, Photo, Skulptur, Malerei – abdecken, ein breites Spektrum von zeitgenössischen Ansätzen präsentieren und vor allem mit Namen aufwarten, die in dieser Häufung als umwerfender Erfolg für Bielefeld gesehen werden dürfen – Picasso, Rothko, Magritte, Miro, Tanguy, Riefenstahl, Breker, Rodchenko, Ernst, Arp, Dali… die Liste der Namen liest sich wie ein Who’s Who der wichtigsten Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Und da es eben moderne Kunst ist – zudem so oder so, affirmativ gegenüber den totalitären Ideologien oder diese ablehnend -, im höchsten Maße erzählerisch und politisch aufgeladen, geradezu nach Exegese schreiend, so dass jedes Werk nicht einfach wegkonsumierbar ist, sondern jeweils Zeit und Reflektion einfordert. Die künstlerische, historische Dichte und Reichhaltigkeit der Kunstwerke – ihre «Kalorien» sozusagen – sind der historischen Relevanz der Epoche angemessen, die Werke sind in der Gesamtschau ein bedrückendes und zugleich beflügelndes Diorama, das die Rebellion des Künstlergeistes in Zeiten der Unterdrückung zeigt, genau in jener rasiermesserklingendünnen Sekunde, in der in der kollektiven Empörung gegen das Regime, in der Wut der zivilisierten Welt, noch so etwas wie vorsichtige Hoffnung auf einen Wechsel greifbar ist, und dennoch stets die Angst in den Arbeiten durchschimmert. Diese Mischung aus Wut, Furcht, Resignation, Hoffnung, Rebellion und Trauer verleiht den Arbeiten eine immense emotionale Wucht, neben der vieles der Kunst von heute blutleer, brav und kopflastig anmutet. Die Ausstellung, der man die Liebe zum Detail und die wahrscheinlich kaum vorstellbare logistische Mühe hinter der Organisation der Leihgaben, wirklich im besten Sinne anmerkt, läuft noch bis zum 13. Januar 2008 und man sollte sie unbedingt zumindest einmal gesehen haben. 1937 beweist, wie relevant, wie akut, wie brennend Kunst sein kann. Nicht als abstrakte verkopfte Masturbation, sondern als relevanter Ausdruck der Hoffnungen und Ängste ganzer Nationen, als brennendes Symbol.  Es ist wohl immer so, dass in schlechten Zeiten die besten Werke entstehen.

Am Montag gab es im Rahmen der Ausstellung zudem ein Philharmoniker-Solistisch-Konzert der Bielefelder Philharmoniker, die hier wieder einmal beweisen, wie nahtlos sie in das Kulturleben der Stadt gehören. Der große Museumssaal war so derart ausverkauft, das zusätzliche Stühle bereit gestellt werden mussten und sogar die Treppe voll besetzt war. Charmant und informativ von Helene Sommer begleitet, führt das – von den Musikern selbst zusammengestellte – Programm wie eine wildgewordene Sinuskurve durch die Bandbreite der Musik von 1937. Von naiven Kindermelodien aus der inneren Emigration bis hin zu Eislers frühen revolutionären Zwölftonwerken, von minimalistischen Violine/Violoncello-Mosaiken bis hin zum wuchtigen Bläserquintett von Hartmann. Die Auswahl passt perfekt zur Ausstellung- entartete Musik zu entarteter Kunst -. und die begeisterte Reaktion des Publikums zeigt, dass die Zuhörer anstregende, kluge, spannende Klassik wollen. Das auch die E-Musik eben ernst sein kann und darf und soll. Und nicht zum akustischen Kuschelbad verkommen darf. Es ist – mit Blick auf die Ausstellung, aber auch auf das Konzert – nahezu erschreckend, wie viel reicher, avantgardistischer, engagierter und mutiger die Kultur ausgerechnet in diesen repressiven Jahren auftrat. Der Unterschied zu heute ist so frappierend, dass man sich fragt, ob in unserer Verwöhngesellschaft noch Kunst in dieser brennenden, intensiven Form denkbar ist, brutal nach vorne gehend, engagiert und voller Risiko. Nicht umsonst hat die Kunsthalle Bielefeld sich Magrittes Entdeckung des Feuers als Key Visual ausgesucht – hier zeigt sich Kunst in ihrer brennendsten, schmerzhesten und doch berührendsten Form. Unbedingt hingehen, solange es noch geht.

2. Dezember 2007 14:31 Uhr. Kategorie Live. 2 Antworten.

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